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Schisma

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Schisma

Kapitel 21: Schisma

Ich gab mir nicht einmal die Mühe ahnungslos dreinzusehen, als Tony den Kopf in mein Zimmer schob und mich unentschlossen auf der Stelle tretend vor meinem Koffer antraf.

„Du bist wach, prima“, befand er, ohne mein frühes Aufstehen oder meine teilnahmslos blanke Miene im Mindesten zu adressieren. „Steig aus dem Pyjama. Wir gehen frühstücken.“

Verwirrt ließ ich das soeben erwogene T-Shirt los. „Wir gehen aus?“

„Es gibt eine Brasserie im Haus. Berlin besteht nicht nur aus diesem Apartment. Wir schauen vorbei und lassen es uns gut gehen, wenigstens für eine Stunde.“

Mir war nicht nach Café oder Öffentlichkeit oder --- Menschen, die ihrem normalen Leben nachgingen und zugleich das meine beäugten, als sei ich der einzige glückliche Idiot auf Erden, der immer noch nicht begriff, wie gut es das Universum in seinem unseligen Schicksalsschlag doch eigentlich mit mir gemeint hatte.

Trotzdem nickte ich.

Tony schenkte mir ein knappes Lächeln und war wieder aus der Tür.

Seitdem ich ihn und Nat vor dem Morgengrauen belauscht und die beunruhigenden Entwicklungen im Hauptquartier rund um Clint und Wanda aufgeschnappt hatte, hatte ich nicht mehr wirklich geschlafen. Es war weniger als drei Stunden her, deshalb vermutete ich, dass auch Tony nicht mehr zu seinem erhofften Nickerchen gekommen war.

Doch weder hatte er überrascht geschienen, mich bereits so früh auf den Beinen angetroffen zu haben, noch sonderlich besorgt, dass man uns aufgrund unserer beider ausgelaugt wirkender Erscheinungen einer Infektionsschutzrichtlinie zuliebe noch an der Tür besagter Brasserie abweisen mochte.

Also stieg ich in ein frisches Outfit aus Leggins und Sweater und dann auch in meine Sneakers, fuhr mit einem Kamm ein paar wenige behelfsmäßige Male durch meine chaotisch unfrisierten Haare, ehe ich ihn frustriert ins Waschbecken pfefferte, mir ein letztes Mal ein paar Tropfen kaltes Wasser ins Gesicht spritzte und aus meinem Zimmer hinausschlurfte.

Nebenan lief das Wasser. Nat war anscheinend unter der Dusche.

Tony setzte gerade eine graugetönte Designer-Sonnenbrille auf, als ich zu ihm in den Wohnbereich trat. Umgehend wies er mich mit einem entspannten Nicken in Richtung Tür.

Da sich das Wetter über Berlin erneut bleich und farblos gestaltete, vermutete ich stark, dass er die Brille vor allem trug, um kein größeres Aufsehen mit seinem Veilchen zu erregen, das er Barnes zu verdanken hatte. Tatsächlich jedoch ließ ihn der allseits beliebte Verschleierungsversuch nur noch deutlicher wie einen leidig wachen Rockstar nach einer durchzechten Nacht aussehen, der sich mehr schlecht als recht aus einer eskalierenden Kneipenschlägerei gerettet hatte. Weder das faltenlose Sakko, noch die sichtlich frische wie einwandfreie Rasur seines Kinnbarts täuschten über seinen eindeutig geräderten Bewusstseinszustand hinweg.

Dass Tony überhaupt noch die Kraft besaß, eine Show unbewegten Gleichmuts vor mir und einer ganzen Brasserie aufzuführen, erschien mir ein Wunder oder aber das Ergebnis fragwürdiger Aufputschmittel, die nichts mehr mit einer starken Tasse Koffeingetränk zu tun hatten.

Das Tablettenröhrchen kam mir wieder in den Sinn, das zuvor bloß ein Blister gewesen war und das er in den vergangenen Tagen so auffällig beiläufig vor mir verschwinden lassen hatte, dass es mich inzwischen ein wenig daran zweifeln ließ, dass es sich bloß um ein Herzmedikament handelte.

Vermutlich waren es Schmerzmittel, stärker als mein übliches Ibuprofen, auf die ich nicht aus Versehen zurückgreifen sollte.

Sicher war ich mir allerdings nicht.

Wir verließen das Apartment zu zweit.

Tony behauptete zwar, dass Nat unsere Abwesenheit nutzen wolle, um ausstehende Angelegenheiten zu klären, aber ein dumpfes Gefühl in meiner Bauchgegend murmelte längst wieder, dass er mich einmal mehr mit gehaltslosen Phrasen abspeiste.

Obwohl ich im Aufzug hinab in die Lobby absichtlich schwieg, um ihm die Gelegenheit zu bieten, etwas von sich heraus loszuwerden, verlor er kein einziges Wort über den Brand im Hauptquartier, Clints und Wandas Verschwinden oder seiner eigenen dringenden Unternehmungen in New York, die ihn allesamt wach und beschäftigt gehalten hatten.

Auch über die ausstehenden Pläne für den heutigen Tag, der laufenden Fahndung oder Ross‘ sich bedrohlich dem Ende neigenden Ultimatum schwieg er sich aus.

Ich wusste nicht weshalb, aber plötzlich frustrierte mich einfach alles daran.

Vielleicht schwieg ich deshalb unverändert fort, als wir die Brasserie betraten und Tony der erst gefrierenden und dann auch schon breit lächelnden Empfangsdame entgegentrat, die uns am Eingang begrüßte und aus deren Rücken trotz aller Frühe bereits das lebendige Klimpern von Geschirr und Besteck eines gut besuchten Cafés schallte.

„Hi.“ Tonys Charme blieb unverwechselbar, wie auch der kurze Augenblick, in dem er bloß sein kamerafertiges Schmunzeln für sich sprechen ließ, ehe er schon wesentlich geschäftiger ansetzte: „Einen Tisch für zwei, bitte. Für eine Reservierung blieb keine Zeit. Das ist kein Problem, hoffe ich?“

„Sicherlich nicht. Wir finden etwas.“

„Wunderbar. Etwas abseits, wenn möglich?“

Die Dame nickte bereits, entschuldigte sich kurz und entschwand. Als sie zurückkehrte, führte sie uns einmal quer durch das Französisch anmutende Bistro voller holzvertäfelter Wände, hoher Decken, Wandspiegel, Sitzbänke aus roten Leder- und Samtpolstern, geflochtenen Körben und Regalen voller Weinflaschen, bis wir schlussendlich eine Sitzecke erreichten, die nur von einem einzigen Nachbartisch einzusehen war, an dem eine Frau mit zwei Teenager-Töchtern saß, die beide schwiegen und mehr lustlos auf ihren Smartphones scrollten.

„Es nehmen heute viele Hotelgäste am Frühstück teil …“, begann die Empfangsdame, wie um Entschuldigung für ihr sichtlich florierendes Gewerbe bemüht.

Tony nickte. „Das passt so, danke.“

Umgehend strahlte sie wieder auf, wünschte uns ein angenehmes Frühstück und überließ uns ihrer bereits aufmerksam herantretenden Kollegin von der Bedienung.

Während ich noch widerstrebend Platz nahm, beobachtete ich die Mädchen am Nachbartisch, die soeben schwer sprachlos ihre Smartphones sinken ließen und Tony anstarrten, als habe er sich geradewegs vor ihnen aus der Luft materialisiert. Er sah kurz zu ihnen herüber, ein halbes selbstzufriedenes Schmunzeln auf den Lippen, dann ließ er sich mir gegenüber auf der Sitzbank nieder, zog sein StarkPhone hervor und sah beiläufig wieder zu unserer Bedienung auf.

„Wissen Sie bereits, was Sie bestellen wollen, oder möchten Sie zunächst unsere Speisekarte zurate ziehen?“, erkundigte sich diese. Ihr Englisch war sicher und ohne Fehler.

Tony sah zu mir. Sein Blick nahm mich auf, meine längst auffällige Stille, wie mein Unwille, ehe er schon begann: „Wir nehmen das amerikanische Frühstück und eine französische Platte, bitte. Bieten Sie auch die südfranzösische Variante an?“

„Sie steht nicht auf unserer Karte, aber ich kann mich gerne in der Küche für Sie erkundigen.“

„Falls nicht möglich, ganz klassisch.“

„Gerne. Rührei oder Spiegelei für das amerikanische Frühstück?“

„Spiegelei. Einmal kurz gewendet.“

„Und zu den Pancakes: Ahornsirup, Blaubeersirup, Schokosauce, weiß oder dunkel, Erdbeersauce, Waldhonig oder Konfitüre?“

Tony blinzelte. „Keine Erdnussbutter“, erbot er. Dann sah er schon zu mir wie in Erwartung einer etwas zielführenderen Ergänzung oder zumindest eines überrascht bestätigenden Lächelns.

Die Bedienung schenkte es ihm. „Okay, ich bringe eine Auswahl.“

„Kommen Sie aus den Staaten?“, erkundigte sich Tony völlig übergangslos.

Ihr Lächeln weitete sich. „Ich selbst nicht, aber mein Dad ist aus Frisco.“

Sichtlich zufrieden, als habe er ein verwegenes Kunststück vollbracht, bedachte er sie mit einem schmal triumphierenden Grinsen.

„Darf es noch etwas sein? Getränke, vielleicht?“

„Richtig ...“ Seine Miene ließ die kurzweilige Charme-Offensive wieder fallen. „Einen doppelten Espresso, einen New York Chai mit etwas Milch und eine Kanne Orangensaft, bitte …“ Wieder sah er zu mir, hob eine still anfragende Braue. „Dazu eine Auswahl Früchte“, fuhr er unvermittelt fort, als ich nichts einwandte. „Vorgeschnitten.“ Ich zwang mich, angesichts des unausgesprochenen Seitenhiebs in Richtung meiner meist mehr ungesunden Frühstücksrituale, nicht gen Decke zu sehen. „Und dann noch eine kleine Auswahl ihrer Tartelettes, wenn es nicht zu viele Umstände bereitet.“

„Ganz und gar nicht. Wir bieten eine Etagere mit verschiedenen Variationen aus der hauseigenen Konditorei zum High Tea an. Etwas in der Art?“

„Klingt perfekt.“

Sie verabschiedete sich mit einem heiteren Lächeln und entschwand in Richtung Küche. Ich konnte mir förmlich vorstellen, wie sie dort unvermittelt in leises Juchzen und schwer gesenktes Getuschel vor ihren Kollegen ausbrach. Niemandem in der Stadt war vermutlich nach der gestrigen Nachrichtenflut unsere Anwesenheit entgangen, doch dass wir hier einfach zum Morgenbrunch aufkreuzten, als befänden sich die Avengers nicht soeben in der vielleicht schwersten internationalen Krise seit ihrer Gründung, verblüffte sicherlich nicht nur mich.

Kaum, dass Tony mich mit unbewegt selbstzufriedener Miene ansah, hob ich beide Brauen.

Anscheinend hatte er den Verstand verloren.

„Wer soll das alles essen?“, fragte ich still.

„Das wird kein Problem“, versicherte er.

„Du frühstückst nicht.“

„Behauptet wer?“

Ich starrte ihn an.

„Ich habe seit fünfzehn Stunden nichts anderes zu mir genommen als einen Bissen halb passablen Walnuss-Dattelbrots“, befand er schließlich auf meinen völlig unbeirrten Blick hin. „Ich würde das Büfett leerfegen, wenn der Weg dorthin nicht mit drei Dutzend Selfies gepflastert wäre.“

„Du hast die Spiegeleier kurz gewendet bestellt“, entzauberte ich.

Es war meine Art sie zu essen. Auf seinen Kommentar zur Erdnussbutter, dem Chai Latte und dem vorgeschnittenen Obst brauchte ich erst gar nicht zu sprechen kommen.

„Und du hast gar nicht bestellt“, konterte er trocken. „Aber weißt du was? Ich lasse dich trotzdem probieren.“

Obwohl sich Anspannung wie Frust noch immer harsch um meine Rippen gewunden hielten, entwich mir ein widerwilliges Schmunzeln.

Die beiden Mädchen vom Nachbartisch stierten noch immer zu uns herüber, nur schien neuerdings ich das Objekt ihrer geballten Aufmerksamkeit.

Anscheinend war Tonys Hinterkopf nicht ganz so unterhaltsam wie meine Miene.

Ich fragte mich, ob sie verstehen konnten, worüber wir sprachen, oder ob der Schall aufgrund des Klirrens und Klapperns der anderen Bistrogäste und der sacht untermalenden Musik gar nicht erst bis zu ihnen hinüber reichte.

Es ließ mich wieder in brütende Stille versinken, bis die Getränke serviert wurden. Als unsere Bedienung erneut davonschritt und Tony sich etwas entspannter in die Bank zurücksacken ließ, zog ich meinen frisch aufgebrühten New York Chai näher an mich heran und musterte ihn aus dem Augenwinkel.

„Wie geht es deinem Arm?“, erkundigte ich mich verhalten.

Er schniefte matt. „Halb so schlimm.“

Nachdenklich nippte ich an dem Tee, verbrannte mir fast die Zunge und ließ die Tasse unzufrieden wieder sinken.

Ich wollte es nicht, aber ich konnte nicht anders.

„Ist der Brand gelöscht?“, fragte ich. „Steht das Hauptquartier noch?“

Tony nahm die Sonnenbrille ab. „Woher weißt du davon?“

Sofort spürte ich alles in mir wieder hart und schwer werden. Der Bluterguss, der sich über seine rechte Schläfe bis unter sein Auge zog, hatte eine unselig violette Farbe angenommen, auch wenn der Bereich, anders als gestern, weitestgehend abgeschwollen schien.

Ich sah wieder auf meinen Tee herab. „Nat hat es erwähnt“, log ich.

Tony musterte mich.

Ich wusste nicht, was mich ritt, denn eine noch etwas ärgere Woge Trotz erhob sich ganz unvermittelt in mir und entschied, dass es mir eigentlich ziemlich schnuppe war, ob er erfuhr, dass ich sie beide belauscht hatte. Ich begegnete seinem ernst erwägenden Blick, der immer noch nervöse Schmetterlinge in meinem Magen aufsteigen ließ, wann immer er mich derart wortlos mit ihm bedachte, und atmete ein.

Ich hatte nichts verbrochen, raunte es in mir. Sie waren es, die sich prügelten und hintergingen und verrieten.

„Al so ?“, betonte ich.

Ich schnalzte nicht , auch wenn ich das Wort etwas dehnte, aber etwas in seiner Miene sagte mir, dass er spürte, wie nah dran ich gewesen war, denn seine Mimik wechselte umgehend aus einer wachsamen Ruhe hinüber in eine heuchlerische Heiterkeit, die seine Pupillen nur noch freudloser schimmern ließ.

„Die Schadensbeurteilung ist durch, Vision hat alles unter Kontrolle“, sagte er. „Das Gebäude steht noch. Es wird jedenfalls in nächster Zeit nicht in sich zusammenfallen. Ein riesiges Loch klafft jetzt zwar auf mehreren Stockwerken im Boden, aber das lässt sich flicken. Und das Feuer wurde gelöscht. Es kam an keine der Lagerhallen oder Waldbestände heran. Unser Pyromane beherrscht sein Handwerk.“

Keiner blinzelte.

Er sprach es nicht aus, realisierte ich.

Dass es Clint gewesen war.

Und deshalb beantwortete es auch keine meiner Fragen. Wieso Clint es zum Beispiel überhaupt für nötig erachtet hatte, irgendetwas in Brand zu setzen, wo er doch freien Zutritt aufs Gelände besaß? Oder weshalb er und Wanda das Gebäude derart beschädigt hatten, ehe sie gemeinsam verschwunden waren, wenn sie doch einfach zur Tür hinaus spazieren hätten können?

Ich verstand nichts an all dem.

Absolut nichts.

Genauso wie tags zuvor, als bereits Steve und Sam entschieden hatten, sich auf die Seite eines Massenmörders zu schlagen. Der Gedanke daran allein pochte unter meinem Zwerchfell wie eine bittere Entzündung, die sich mit jeder vorbeikriechenden Stunde auszuweiten begann.

Es tat bloß derartig weh, begriff ich, weil ich ihnen vertraut hatte – jedem von ihnen. Und nun taten sie das Unmögliche .

Sie ---- ruinierten meine Welt. Schon wieder .

Alles zerfiel. Erst verließ uns Pepper, jetzt das Team … Ich spürte es um mich herum geschehen wie Sand, der von der sich zurückziehenden Woge gnadenlos unter meinen Zehen fortgetragen wurde, während ich noch mit dem Surfboard unterm Arm meinen halbwegs sicheren Stand auf dem Festland wiederzugewinnen versuchte.

Und Tony ---

Es machte mich plötzlich so wütend, dass ich drei lange Sekunden mit angehaltenem Atem zum Nachbartisch stierte, um mich wieder zu fassen.

Die Mädchen tuschelten.

Ich fuhr mit der Zungenspitze über meine Zähne. „Wo ist Happy?“, erkundigte ich mich knapp.

Dass er mir heute Morgen noch nicht begegnet war, ließ den jähen Verdacht in mir aufkeimen, dass er gar nicht erst mit Tony nach Berlin zurückgekehrt war.

„Er erledigt noch etwas für mich. Aber er sollte jeden Moment wieder hier sein.“

Ein unverbindliches Lächeln wanderte über seine Züge und erst als er wieder empor sah, verstand ich, dass es gar nicht mir galt. Unsere blonde Bedienung war mit einem riesigen Tablett voller angerichteter Platten zurückgekehrt, die sie fachgerecht vor uns auf dem Tisch auszubreiten begann.

Trotzdem fing ich den verborgenen Wink in Tonys Reaktion auf; die stille Einladung, diese aufkeimende Gereiztheit zwischen uns zu begraben, ehe sie sich auf beiden Seiten in die Sorte Frust und Ärger ausweitete, die am Ende vor allem auf meinem Tageskonto zubuche schlagen würde.

Er hatte mich nicht hergebracht, um sich in fruchtlosen Diskussionen mit mir zu verlieren, geschweige denn, in einen verbalen Schlagabtausch zu treten, das wusste ich. Mehr noch, ich ahnte, dass dieses gemeinsame Frühstück eine direkte Reaktion auf Nats nächtliche Worte war; ihrem sachten Hinweis, dass ich unter der gegenwärtigen Lage sehr viel deutlicher litt, als ich irgendwem preisgab.

Dass ich bloß nach Hause wollte.

Aber auch das rieb etwas in mir auf, denn ich hatte seine Antwort darauf vernommen. Ich hatte das leise Schnauben registriert, den trockenen Beiklang, als er betont hatte, sich keinerlei Illusionen darüber zu machen, dass ich erneut auf ein drittklassiges Amateur-Double hereinfallen könnte, wie auch den schieren verbalen Beweis, der eben darin gelegen hatte und unterstrich, welche Schwierigkeiten ich für ihn von Grund auf bedeutete, wie impulsiv, leicht zu beeinflussen und dumm ich mich verhielt; dumm genug , um den gleichen Fehler nochmal zu begehen, ohne dass es ihn überhaupt noch groß staunen ließe.

Unser Tisch war inzwischen bis an den Rand gedeckt, aber ich fixierte immer noch seine seicht abgenutzte Kante. Obwohl der Duft von gebratenem Bacon, gebuttertem Toast, süßen Pancakes, karamellisierten Melonen und angeröstetem Spiegelei vor mir emporstieg wie eine Verheißung, sah ich kaum hin.

Als unsere Bedienung schlussendlich die Kanne hob, mir ein Glas Orangensaft eingoss und sie wieder vor uns abstellte, stieg ich widerstrebend aus meinen Gedanken zurück ins Hier und Jetzt.

Die kleinen Küchlein auf der Etagere sahen aus wie winzige Kunstwerke und wieder brauchte ich sie gar nicht erst zu probieren, um bereits zu wissen, dass all ihre raffinierten Bestandteile auf der Zunge zergehen und alles an ihnen schier himmlisch schmecken würde.

Mein Magen regte sich.

Tony griff sich eine Serviette. „Bedien’ dich, Pokerface.“

Ich beehrte seinen foppenden Kommentar mit keiner Erwiderung, schließlich war es seine gesetzlich auferlegte Pflicht, mich zu ernähren, aber ich begann tatsächlich meinen Teller zu beladen und mich Stück für Stück durch das dargebotene Mahl zu arbeiten. Wie zu erwarten gewesen, begnügte sich Tony mit Ei, Avocado, Lachs und Weichkäse von der südfranzösischen Platte, die die Küche nun doch eigens für ihn zusammengestellt zu haben schien, ehe er bloß nur noch Beeren hamsterte und Kaffee trank und mir beim Kauen und Schlucken zusah, als sei er nicht derjenige, der nachts um halb drei auf die Suche nach einem Lieferdienst für Cheeseburger und Hackfleischbällchen ging.

Schon bald ähnelte mein Teller einem Schlachtfeld, trotzdem schob ich noch ein wenig klassische, gesüßte Cornflakes hinterher, vielleicht auch nur um mir selbst etwas zu beweisen, ungeachtet seines müden Blicks, der nun zwischen stiller Unterhaltung und elterlicher Resignation feststeckte und mich kurzweilig fast vergessen ließ, dass er mich ganz bewusst über sämtliche gegenwärtige Geschehnisse im Dunklen hielt.

Auch um dieses angemessen missbilligende Gefühl ihm gegenüber nicht wieder entwischen zu lassen, das angesichts seines wohlwollend warmem Schweigens so konsequent auszudörren drohte wie ein schwitziges T-Shirt unter der kalifornischen Sonne, schluckte ich meinen letzten Bissen Bacon herab und fing seinen Blick wieder ein.

„Okay“, seufzte er letztlich, stellte seine leere Tasse ab und unterdrückte sichtlich ein frustriertes Augenrollen. „Sprich.“ Er lockerte die Schultern und ließ den Kopf zurücksinken. „Was ist in den vergangenen zwölf Stunden geschehen, dass ich diese preisverdächtig lange Schweigeminute statt des ungekürzten Vlog-Skripts über deinen gestrigen Tag in Berlin serviert bekomme?“

„Du meinst, bevor du gegen den Winter Soldier gekämpft hast?“, antwortete ich.

Er hob die Brauen und kniff sacht geködert die Augen zusammen. „Du hast nicht auch das Lager gewechselt, hast du?“

Ich ließ meinen Löffel zurück in die Schüssel fallen. „Kannst du aufhören?“

„Hängt davon ab“, beschied er mir. „Womit?“

„Das alles lächerlich zu machen“, presste ich heraus. Ich funkelte ihn an. „Ich bin nicht --- bescheuert , okay?“

Seine betont unbeeindruckte Miene festigte sich, ehe er schon auffordernd nickte, ohne mich aus seinem taxierenden Blick zu entlassen. „Wenn dir gerade danach ist, ein wenig Frust abzuladen, Sola, passt das für mich. Damit komme ich klar.“

Mein Atem staute sich in meiner Kehle, vollkommen unfähig meine sich nur noch herber erhebende Frustration in weitere Worte zu fassen.

„Wir haben beide wenig geschlafen, unsere Nerven liegen blank, meine --- tun es auf jeden Fall …“ Er entließ die Luft, sah beiseite und wieder zu mir. Etwas an der beherrschten Art, wie seine Mundwinkel ganz kurz herabzogen, zeugte von vergrabener Ungeduld, vielleicht sogar fehlender Energie, jedem gelungenen Schauspiel zum Trotz. „Und ja“, gestand er mir trocken zu, „ich habe keine Antworten parat, die du hören willst. Diese antipatriotische Seifenoper schaut sich niemand von uns gerne an. D’accord . Aber wenn es hier um etwas anderes als Steve oder ein paar unruhige Tage geht, lass uns nicht darum herumeiern, einverstanden? Du brauchst eine Reaktion von mir, um irgendetwas erträglicher zu gestalten, sag mir welche, denn ich versichere dir, es kann nur enttäuschend ausgehen, wenn du mich blindlings Haken in jede sich bietende Richtung schlagen lässt.“

Der Ärger in meinem Magen schwoll trotz seines unverändert lustlosen Tonfalls an. Ich biss mir in die Wange und schluckte jedes undankbare Wort herab, das mir durch den Kopf schoss, wohlwissend, dass ich es schon in den darauffolgenden Sekunden zurücknehmen wollen würde.

Die senkrechte Falte zwischen seinen Brauen vertiefte sich etwas, als Tony mich weiter musterte, als versuche er in meine ureigene Gedankenwelt vorzudringen.

„Soll ich das Caretaker Protokoll wieder aktivieren?“, fragte er.

„W as ?“ Brüskiert zerfurchte meine Stirn. „Nein.“

„Ich habe es ausgesetzt, weil ich dachte, es gestaltet unseren Aufenthalt hier für uns beide entspannter“, erklärte er sich, „aber wenn es auf dich den Eindruck macht, als habe ich keine Lust mehr am Ball zu bleiben oder versuche mir die Sache leicht zu machen, weil es mir gerade nicht in den Kram passt, Vater zu sein oder zu meinem Wort zu stehen-“

Ich schüttelte den Kopf.

Tony hob die Brauen. „Ist mein Ernst.“

„Ja“, antwortete ich so bitter höflich es mir gelang. „Meiner auch. Danke.“

Sein schmales Lächeln kehrte zurück und weitete sich amüsiert aus. Vielleicht, weil ich nun dreinsah wie ein stinkwütendes und doch harmloses Kaninchen.

Eben just trat unsere blonde Bedienung wieder an unseren Tisch, trug die leeren Platten und Teller ab und erkundigte sich, ob alles zu unserer Zufriedenheit war.

Nein. Stillschweigend blitzte ich sie an, doch sie schien es gar nicht zu bemerken, denn ihr Blick blieb ganz und gar auf Tony geheftet, der sanft bestätigte und noch einen Kaffee bestellte. Wieder entschwand sie mit aufgeweckt zufriedener Fersendrehung und einem so beiläufigen Lächeln in seine Richtung, dass es nun wirklich unmissverständlich wurde, dass sie sich in einem nonverbalen Flirt befanden.

Ich hoffte, dass sie es bloß auf ein üppiges Trinkgeld abgesehen hatte, denn mir gefiel wirklich überhaupt nicht, wie deutlich es Tony unterhielt, als er seine Aufmerksamkeit wieder von ihr löste und zu mir zurücksah.

„Sagst du mir wenigstens, was du in New York gemacht hast?“, fragte ich.

Seine Miene ernüchterte wieder, aber ein vages Schmunzeln verblieb um seine Mundwinkel, als er knapp nickte. „Sicher.“

Ich merkte auf. „Ja?“

„Ich habe dein Empfehlungsschreiben beantwortet.“

Verwirrt schob ich die Brauen zusammen.

„Spider-Man.“ Als sei es vollkommen einleuchtend, weitete er unterstreichend die Augen. „Was soll ich sagen, das Jobinterview verlief gut. Keine Vorstrafen, überzeugende Agenda – passende Notbesetzung. Er ist unser Mann. Er ist angeheuert.“

Nicht sicher, ob er mich soeben veräppelte, blinzelte ich, atmete noch etwas verwirrter aus und holte zweimal Luft. „Du --- du hast Spider-Man angeworben? Für die Avengers?“

„Jupp.“ Zufrieden hielt er meinen Blick. Er wies auf mich. „Das war die Idee, nicht? Du hast ihn neulich in den Ring geworfen; mich gefragt, ob wir auf Talentsuche sind. Tja, so wie die Dinge aktuell stehen, brauchen wir temporäre Verstärkung. Er war der erste Name, der mir einfiel. Du warst überzeugt. Sagtest, die Kids lieben ihn. Wer den Sola-Stark-Vibe-Check besteht, ist definitiv eine Erwägung wert.“

Den Mund seicht sprachlos geöffnet, hielt ich seinen Blick.

Ich wusste nicht, ob mich sein raffiniertes Kompliment entwaffnete, die Überraschung, dass Tony Stark sich in Avengers-Fragen tatsächlich auf mein Wort berief, oder die schiere Tatsache, dass er mich trotz allem damaligen Spotts doch ernst genommen hatte, aber schlagartig verflüchtigte sich der gesamte ungerichtete Ärger aus meinem Blutkreislauf.

Die Bedienung brachte seinen Kaffee.

Ein kleines Blaubeerbiskuit und eine eingerollte Nachricht lagen auf der von mir abgewandten Seite bei.

Tony dankte, wechselte wiederholt ein spielerisch verstohlenes Lächeln und sah beiläufig auf sein StarkPhone. Eine Nachricht schien eingegangen, denn er tippte eine schnelle Antwort. Die Finger seiner linken Hand spielten nachdenklich mit den chromfarbenen Bügeln seiner abgelegten Sonnenbrille, bis seine Miene leidvoll kurz ihre stillschweigende Zufriedenheit verlor und er die Bügel mit stillem Seufzen wieder losließ.

Unser Nachbartisch erhielt unterdessen zwei Cappuccino und das gänzlich ohne kunstvoll gerolltem Glückskeksspruch oder einer personifizierten Gebäckbeilage, wie mir keineswegs entging.

Inzwischen war ich mir sicher, dass die Mädchen und ihre Mum dieses Bistro erst nach uns verlassen würden.

„Dein Ball, Sure Shot.“ Tony sah auf, steckte das StarkPhone wieder ein, massierte sich kurz die linke Schulter und ließ sich schon wieder unbewegt in die Polster zurücksinken. „Schieß los. Was habt ihr gestern unternommen? Was steht noch auf der Bucket-Liste?“ Beiläufig entrollte er das kleine Papier zwischen Zeigefinger und Daumen, überflog es, schniefte sacht zufrieden und ließ es wieder los. „Wo müssen wir später noch vorbeisehen, ehe wir abheben?“

Ich verfolgte sein Tun, während ich mich schwerfällig zu entsinnen versuchte, was ich gestern getan hatte, bevor Happy mich unter dröhnenden Rotoren geradewegs vom Pariser Platz in unseren Wagen bugsiert hatte.

Tonys Pupillen glänzten etwas sorgloser denn zuvor, als er mich wieder ansah.

„Es war cool“, antwortete ich lahm.

„Ja?“

„Wir waren am Checkpoint und an der East Side Gallery … und …“ Meine Worte verloren sich, als ich unvermutet Happy bemerkte, der soeben suchenden Blickes um die dekorativ aufgestellten Weinfässer trat, mich hinter der leeren Saftkaraffe entdeckte und dann auch schon wohlbestätigt auf unseren Tisch zuhielt.

Meine Mundwinkel begannen sich zu heben, dann erstarrte ich.

Happy war nicht allein. In seinem Schlepptau befand sich ---

Peter --- Parker ?

Ich vergaß zu blinzeln.

Ganz, als sei er zufällig vorbeigeschneit; als läge dieses Berliner Bistro geradewegs auf seinem Schulweg zur Midtown und als greife er nur schnell ein Frühstück an der Verkaufstheke ab, ehe er sich in die morgendliche Klassenstunde stahl, sich bei Mr. Harrington im Vorbeilaufen murmelnd für seine Verspätung entschuldigte, mir ein zurückhaltendes Lächeln zuwarf und heimlich die noch folienumwickelten Sandwiches anhob, als benötigte es irgendeiner Erklärung.

Peter, in Jeans, Printshirt und ausgeleiertem Kapuzensweater, mit freundlichem Lächeln und nervös wanderndem Rehblick.

Peter Queens Waise Parker .

Vermutlich, weil ich derart konsequent an ihm vorbeistarrte, wandte Tony schlussendlich den Kopf, doch anders als mich irritierte ihn überhaupt nicht, was er sah. „Ah, ihr seid da.“

„Der Verkehr war okay, Boss, wir kamen etwas schneller durch als erwartet.“ Happy lächelte mir zu, dann fasste er Peter auffordernd bei der Schulter und schob ihn etwas näher an unseren Tisch heran.

Mit unverändert erwartungsvoll nervösem Lächeln umgriff Peter den Riemen seines halbseitig geschulterten Rucksacks. „Hi“, sagte er.

Er klang etwas kurzatmig, ganz genauso, wie wenn Meister Chakra seine Arbeit in Technologie oder Robotik unversehens als Blaupause für uns alle ausrief und ihn bat uns gedanklich abzuholen.

Tony lehnte sich zurück. „Hi, Mr. Parker.“

„Hi, Mr. Stark“, wiederholte er.

„Schön, dass es sich doch noch einrichten ließ bei dem … vollen Stundenplan.“

Peters Ohren schienen sich zu erwärmen. „Ähm – ja, das … Danke nochmal, für die Klärung. Ich wurde vom Unterricht freigestellt. Und das Außenministerium hat mir eine Sondereinreisegenehmigung ausgestellt, was … echt der Wahnsinn war, sagte Tante May --- …“ Er verfiel in seinen wohlbekannt ungebremsten Redefluss. „Sie sagte, das habe sie noch nie erlebt, dass etwas in einem Amt so schnell erledigt werden kann. Der Umschlag wurde von einem Staatsboten an unsere Tür geliefert. Er war schon da, bevor ich überhaupt fertig gepackt hatte.“

„Mit einem Anruf bestimmter Freigabestufe, lässt sich fast alles machen.“

Peter errötete. „Ja, das --- das meinte May, schätze ich ...“

„Die Genehmigung gilt eine Woche“, ergänzte Happy. „Wenn er länger bleibt, braucht er einen Express-Reisepass. Aber länger wird’s nicht dauern, richtig?“

Tony sah Happy unter sacht gehobener Braue an. „Nein“, antwortete er knapp.

Ohne zu realisieren, wie unfreundlich es war, dass ich so gar nicht reagierte, starrte ich Peter noch immer vollends verdattert an.

Meine Gedanken drehten Pirouetten.

Was war hier los ?

„Ich lasse ihn kurz hier, wenn’s passt.“ Happy wies über die Schulter. „Ich muss noch die Schlüssel abholen, damit das Gepäck im richtigen Zimmer landet.“

Tony nickte und wies Peter zu dem einzigen beistehenden Stuhl an unserem Tisch. „Sicher. Wir frühstücken ohnehin gerade. Setz dich. Schlag zu.“

Peinlich berührt trat Peter einen schnellen Schritt zurück und hob abwehrend die Hände. „Oh --- nein, ich will wirklich nicht stören, Mr Stark, ich …“ Sein Blick flog zu meiner reglos dreinsehenden Gestalt und sofort brach er ab. „Na ja, ich kann einfach draußen warten“, begann er von neuem. Er drehte halb auf der Ferse und deutete mit dem Daumen durchs Bistro. „Das ist okay, die Lobby ist echt riesig . Da draußen sind so viele Sessel. Das wird niemanden stören. Ich setze mich einfach irgendwo hin und …“

„Ihr kennt euch, richtig?“ Gespielt verblüfft öffnete Tony eine Hand. „Seid euch schon begegnet?“ Er sah zwischen uns hin und her. „Ihr seid in derselben Klasse.“

Tonys betont trockener Ton half nicht wirklich, meine schwer verwirrte Sprachlosigkeit zu lösen. Natürlich wusste er, dass wir uns kannten, schließlich hatte ich bereits mehrfach mit ihm über Peter gesprochen.

Auch Peter stockte. „Klar, ähm, wir kennen uns, nur …“, begann er sich schon zu erklären. „Es scheint ziemlich privat, Mr. Stark, und, na ja, ich wollte nicht-“

„Was machst du hier ?“, unterbrach ich.

Er verstummte.

„Peter hat sich für die September Foundation qualifiziert“, antwortete Tony. „Er ist Praktikant bei SI. Er arbeitet für mich.“

Sprachlos sprang mein Blick zu ihm herüber. „Seit wann ?“

„Seit dieser Woche.“

Tony ließ es nach nichts klingen, aber das war es nicht.

Erkenntnis sickerte durch meine Glieder.

Umgehend sah ich zu Peter zurück, fassungslos, nein , ungläubig , wie er dies vor mir hatte totschweigen können, während ich ihm und Ned erst wenige Tage zuvor mein ganzes Leid rund um Tony und dem verhängten Caretaker Protokoll geklagt hatte.

Peter war nicht nur in das meistbegehrteste Stipendienprogramm der USA aufgenommen worden, das zufällig der Wohltätigkeit meines Milliardärs von Vater entsprang, sondern hatte noch dazu ein waschechtes Praktikum bei SI begonnen, das ihn nicht nur in deren Werkslabore, sondern anscheinend auch in Tony Starks direkten Dunstkreis und bis hierher zu uns nach Berlin brachte – und er hatte all dies nicht mit einem winzigen Wort erwähnt.

Mein Herzschlag begann zu fliehen. Dutzende Gedanken brachen gleichzeitig über mich herein, Elijah, der mich daran erinnerte, wer ich war, für wen mich die Midtown hielt und immer halten würde; mein überzeugter Protest, dass es nicht jeder sein konnte, der so dachte; dass ich sie überzeugen konnte, dass es das war, was die Bosworth nie sein würde; dass es meine Chance war --- wie auch das erste versichernde Gefühl, dass gerade sie, Peter und Ned und MJ --- echt waren.

Dass sie mich sahen .

Dunkler, pochender Schmerz flutete mich, aufgeladen von einfach allem, das kurzzeitig wieder von mir gewichen war; den Unwahrheiten und blinden Flecken und all den Dingen in diesen irrsinnigen letzten Stunden, die mich so endlos dumm dastehen ließen, so naiv ; dieses hilflose Gefühl, kurzzeitig ausradiert von Tonys Nähe und der heißtröstlichen Sicherheit, die jeder Sekundenbruchteil seiner unbeschränkten Aufmerksamkeit auf mich regnen ließ, diesem kindisch blinden Vertrauen.

In ihn.

Unsere Welt.

Und dann --- nur noch Wut .

„Er ist nicht das Ass, für den ihn alle halten“ sagte ich.

Tony sah zu mir. Ich konnte in seinem Blick lesen, dass mein ungewohnt abgebrühter Ton ihn kurz innehalten ließ, auch wenn er es gekonnt überspielte. „Was meinst du, Sure Shot?“

Ich ballte die Fäuste. „Er --- na , er ist ein Lügner .“

Peters Lächeln sackte in sich zusammen. Er blinzelte langsam, fast ein wenig getroffen, als er leise überfordert meinem herausfordernden Funkeln begegnete und dann schon wieder zu Tony sah. „Mr. Stark, vielleicht-“

„Er kocht Meth“, unterbrach ich ihn.

Entgeistert fuhr sein Blick zu mir zurück. „Was?“

Tony verfolgte seine Reaktion so unbewegt, dass ich fast befürchtete, dass er mir gar nicht wirklich zugehört hatte, ehe er sich wieder betont perplex gab. „Das musst du ausführen.“

Fassungslos stieß ich die Luft aus.

„ Meth “, unterstrich ich. „Oder --- Roofies . Oder … was weiß ich … Drogen eben.“

Jede Farbe wich aus Peters Gesicht. „ Was ??“

Er klang, als falle er gleich in Ohnmacht.

„Keine Ahnung“, ächzte ich. „Irgendetwas jedenfalls.“ Rechtfertigend fuhr ich vollends zu Tony herum, der mich unverändert zurückgelehnt musterte. „Er stiehlt Schulchemikalien. Ständig . Ich habe es gesehen !“ Meine Lunge brannte auf, als ich harsch neuen Atem holte und die gesamte pulsierende bittere Enttäuschung hineinpresste. „Er ist gut darin, okay? Dieser Blick --- dass er auf unschuldig tut. Er kann das, okay?“ Peter sah vollends überfordert drein. Sein Rucksack sackte von seiner Schulter. Überfordert richtete er ihn wieder. „Er gibt nur den Vorzeigeschüler. Niemand bekommt etwas mit, obwohl er es manchmal sogar mitten im Unterricht tut. Alle Lehrer glauben ihm. Aber er ist nicht Bambi, okay , er ist --- er ist White Boy Rick!“

Peter krächzte: „Mr. Stark, ich schwöre, es war nur-“

„Nein, du sagst jetzt nichts.“

Die Worte funktionierten, aber der gelassene, fast unbeeindruckte Tonfall, in dem Tony ihn unterbrach, war nicht wirklich, was ich erwartet hatte. Sein Blick blieb nach wie vor gänzlich auf mich allein gerichtet.

Er musterte mich.

Ich sagte Tony, dass sein neuer Praktikant ein potentieller Dealer war und er sah mich an, als warte er auf die Pointe.

Und als sei das alles nicht genug, kehrte in eben diesem Moment unsere blonde Bedienung zurück. Sie öffnete den Mund. Ehe sie noch fragen konnte, ballte sich alles in mir schlagartig zusammen. „Wir hatten fast die gesamte Karte“, schnauzte ich, „was brauchen wir denn noch ?“

Wortlos machte sie wieder kehrt.

Ich spürte sofort, dass ich irgendeine unausgesprochene Grenze überschritten hatte, denn seine blanke Miene war fort, als ich bitterlich zu Tony zurücksah. An ihre Stelle war ein Ausdruck getreten, der mich unweigerlich an den Nachmittag erinnerte, an dem er mich aus Mr. Pasterios Büro abgeholt und mir kurz darauf unheilvoll ernst wie schweigsam in unserer Küche ein Glas Wasser vorgesetzt hatte.

Meine Brust zog sich zusammen, als er sich nun ähnlich wortlos vom Tisch erhob, sanft sein Sakko richtete, mir bloß bedeutete sitzen zu bleiben und auch schon unserer Bedienung hinterher entschwand.

Ich sah ihn aufschließen. Überrascht wandte sie sich um, als er sie höflich kurz beim Arm berührte und gesenkte Worte zu wechseln begann. Sie nickte, lächelte dann auch schon knapp und viel verständnisvoller, als mir lieb war, und wies betriebsam weiter das Bistro hinab.

Tony folgte ihr, als sie sich wieder in Bewegung setzte.

Gemeinsam verschwanden sie aus meinem Blickfeld.

Peter jedoch stand immer noch vor mir.

Er sah an meinem linken Auge vorbei. „Ich habe die Chemikalien nicht genommen, um Drogen herzustellen“, sagte er still.

Aus seinem Mund klang es in der Tat völlig absurd.

Meine Kehle zog sich zusammen. „Für irgendetwas hast du sie verwendet.“

„Ja …“ Er schluckte. Seine enttäuschte Stimme verlor sich. „Na ja, ist egal …“ Er sah beiseite.

Plötzlich wusste ich nicht mehr, wie ich all das hatte aussprechen können. Nicht bloß vor ihm, nein, ausgerechnet auch noch vor Tony, seinem unbestreitbaren Idol , bei dem er sich --- ein Praktikum erarbeitet hatte, aus eigenem Können, eigener Kraft .

Anders als ich, Gewinner der Genlotterie.

Peter hatte für diese unfassbare Chance etwas geleistet .

Unfähig ihn länger anzusehen, senkte ich meinen Blick auf meine Hände, löste die vage verkrampften Fäuste und versuchte die Mädchen vom Nachbartisch auszublenden, die gerade die Köpfe zusammensteckten und angeregt tuschelten.

Ich --- mochte Peter.

Was war in mich gefahren?

Das scheußliche Gefühl etwas Reines zerstört zu haben, überschwappte mich.

Tony kehrte zurück, ehe ich noch irgendetwas zu sagen wusste, um die schwer beschämte Stille zwischen uns aufzulösen.

Er sah zu Peters verhaltenen Gestalt und wies auf die Etagere voller verbliebener Kuchentartelettes. „Setz dich, iss etwas. Wir reden später. Bestell ruhig etwas anderes, wenn du willst. Ich habe die Rechnung gerade beglichen, aber sie lassen alles Weitere aufs Zimmer anschreiben.“

Peter nickte. „Okay, ja.“ Er sah ihn kaum mehr an. „Danke, Mr. Stark.“

„Happy bringt dich später rauf. Ihr besprecht deinen Auftrag. Er sagt dir, wann du erwartet wirst. Bei Fragen steht er zur Verfügung.“

Stumm brachte ich mich auf die Beine. Als Tony sich über den Tisch beugte, seine Sonnenbrille aufsammelte und die kleine Papierrolle neben seiner Tasse hochhob, stockte ich.

Er sagte nichts, als er sie bedeutsam kurz in meine Richtung öffnete, aber sein Blick sprach Bände.

Keine Sorge, Sie sind längst ihr Held.

Es war keine Telefonnummer, wie zuvor von mir angenommen. Es war das Gegenteil davon.

Und es ließ mich wiederholt arg schlucken.

Tony ließ das Papier erst in seiner Hand und dann weiter in seiner Hosentasche verschwinden, klopfte Peter im Vorbeigehen kurz auf die Schulter, dann hielt er entspannt darauf wartend, dass ich aufschloss.

„Tut mir leid“, wisperte ich, als ich mich verhalten an Peter vorbeischob. „Keine Ahnung, warum ich das alles eben gesagt habe ---“

Meine Stimme brach. Ich wandte mich ab.

-/_\-

„Drei Dinge“, sagte Tony.

Er klang erstaunlich unbewegt, als er unser geteiltes Schweigen letztendlich im Aufzug durchbrach.

Seit wir Peter und die Brasserie verlassen hatten, hatte ich kein Wort mehr zustande gebracht. Scham und Frust pochten in meiner Bauchhöhle um die Wette und das Gefühl, nicht nur mich, sondern vor allem auch Tony mit meinem hässlichen Ausbruch rüde blamiert zu haben, begann sich gerade niederschlagend fest in mir zu verdichten.

„Ich meinte, was ich sagte – dass du den Frust ruhig bei mir abladen kannst. Peter und die nette Servicekraft haben herzlich wenig mit Caps verstörendem Imagewechsel zu tun.“ Tony wippte beiläufig auf dem Außenrist. Es blieb das einzige Indiz, dass er immer noch über das nachdachte, was er soeben bezeugt hatte. „Von den Chemikalien wusste ich. Peter hat mit mir darüber gesprochen und – Entwarnung – er betreibt kein Happy-Pills-Startup. Eigentlich ist es sogar mehr ein wohltätiger Zweck. Erschütternd, ich weiß, aber ich schätze, er ist so anständig, wie er aussieht. Ich bin nicht sicher, ob er Begriffe wie Meth oder Roofies überhaupt schon einmal zu Ohren bekommen hat, ehe du ihn gerade mit ihnen bombardiert hast.“

Obwohl es nicht sein Ernst war, konnte ich nur schlucken. Mein Gesicht wurde heiß.

„Aber viel wichtiger …“ Trocken wandte Tony den Kopf in meine Richtung. „Das nächste Mal, wenn du einen potentiellen Dealer hochgehen lassen willst, tust du das besser nicht vor Publikum, denn an diesen Profiler-Skills müssen wir wirklich dringend arbeiten.“

„Ich weiß nicht, wieso ich auf einmal- …“

Er winkte ab.

In unserem Apartment war es still. Nat schien nicht mehr zugegen.

Fast sofort kehrte die wachsende Unruhe der letzten Stunden in meinen Blutkreislauf zurück.

Mein Blick streifte den Koffer der SUN-1 neben der Couch und wanderte schließlich weiter durch den Raum.

Da Tony keine Anstalten machte, sich für einen baldigen Aufbruch vorzubereiten und sich lediglich kurz entschuldigte und in das bislang ungenutzte Büro entschwand, um sich mit Rhodey auszutauschen und vermutlich die neuesten Berichte der Aufklärer und Satellitensuchen nach Anzeichen der drei Flüchtigen zu durchforsten, schaltete ich den Fernseher ein, zappte mich planlos durch die unverständlichen deutschen Programme, bis ich schließlich über eine laufende Nachrichtensendung stolperte, die wiederholt Bilder der Avengers, des kaltblütig dreinblickenden Winter Soldiers, als auch der qualmenden Fassade des UN-Gebäudes, der verwüsteten Vorhalle des JCTC und einiger über dem Brandenburger Tor dahinziehender Kampfhubschrauber zeigte. Tonys Portrait wurde eingeblendet, in der fremdsprachigen Laufschrift entdeckte ich Außenminister Ross, ehe sich erneut Bilder vom etwas weiter zurückliegenden Helicarrier-Unglück in D.C., verschiedener Senatssitzungen, einer kurzen Luftaufnahme des strahlend neuerbauten Avengers Hauptquartiers, gehisster UN-Flaggen, Captain America und ein paar sehr krisseliger Überwachungsbilder von Barnes miteinander abzuwechseln begannen.

Ich verblieb auf dem Sender, auch wenn ich nichts verstand, und verfolgte bloß die Bilder.

Diese schiere Wiederholung von Gesichtern und Orten, die mir nun so viel bedeuteten, dass es sich fast wie ein hässlicher Übergriff auf mein Leben anfühlte, sie auf den Bildschirmen dieser Welt zu sehen, ließ mich irgendwie machtlos zurück.

Auf einen kurzen Nachbericht aus Wien, folgte eine Info-Montage zum Sokovia Abkommen, in der sowohl verschiedene Staatsoberhäupter als auch Thaddeus Ross mit Übersetzerstimme zu Wort kamen, erneut durchsprenkelt von Aufnahmen der Avengers, den Trümmern von Sokovia, weinender wie klagender Menschen in Lagos und – wieder und wieder – Tony; mal bei seiner jüngsten Alumni-Rede am MIT, dann wieder auf diversen Galas und internationalen Ausstellungen und dann auch im Weißen Haus.

Letztere waren Aufnahmen aus vergangenem Jahr, die sich mir ins Gedächtnis gebrannt hatten, waren sie doch direkt am Tag nach seiner brüsken Abreise aus Nashua entstanden, als ich schockbetäubt und mutterseelenallein mit Happy in meinem verwaisten Zuhause zurückgeblieben war, absolut überzeugt, Tony nach meiner garstigen Entgegnung vom Vortag nie wieder zu Gesicht zu bekommen.

Natürlich hatte ich mich geirrt. Tony konnte mit garstigen Kommentaren besser umgehen als irgendjemand sonst. Das hatte er gerade erst wieder bewiesen.

Entweder streifte er sie einfach ab oder schlug messerscharf zurück.

So oder so trat er als Sieger aus dem Ring.

Zu mir zurückkehren, tat er aber immer.

Der deutsche Nachrichtensprecher berichtete so gleichbleibend unaufgeregt, dass ich weiter und weiter in die Couch zurücksank. Ich spürte, wie summende Übermüdung mich überkam und meine Lider und meinen Verstand niederdrückte, bis ich mich dabei erwischte, kurz weg gewesen zu sein.

Als ich es erneut tat, war die Nachrichtenstimme fort und der Fernseher aus.

Schläfrig verwirrt sah ich um mich, bemerkte eine weiche Kamelhaardecke, die über mich gebreitet lag und vorher noch nicht da gewesen war, und blinzelte noch ein wenig fester.

Ich seufzte.

Aus dem angrenzenden Esszimmer vernahm ich Tony und Nat, die wieder zurückgekehrt zu sein schien. Sie unterhielten sich, allerdings zu ruhig, als dass ich verstand worüber. Schritte wechselten über das Parkett. Ihre Stimmen näherten sich und entfernten sich. Das Rascheln von Folie und das dumpfe Klirren von Geschirr ließen mich erahnen, dass sie gegessen hatten und soeben wieder abräumten.

Matt verwirrt tastete ich nach meinem StarkPhone, fand es zwischen Rückenpolster und Zierkissen und realisierte, dass es bereits halb drei Uhr nachmittags war.

Ich hatte vier Stunden geschlafen.

Kaum, dass ich mich immer noch ein wenig benebelt aufsetzte, die wohlig warme Decke von meiner Schulter abwarf und einen weiteren Moment verschlafen sitzend ausharrte, um halbwegs klar im Kopf zu werden, kehrten sie bereits wieder in Hörweite zurück.

„-ist nicht sicher, ob sie auftauchen werden“, befand Nat, „aber wir können ihm vertrauen, was die Maschine angeht.“

„Könnte Clint Kontakt zu ihm gehabt haben?“

„Nein, er ist ein alter Informant. Er ist sauber.“

Meine Atmung flachte aufhorchend ab.

„FRI richtet gerade die Satelliten aus“, sagte Tony.

Ohne überhaupt zu mir herüberzusehen, kehrten sie in den Wohnbereich zurück.

Ich regte mich nicht.

„Sie dürfen nicht bemerken, dass wir da sind. Wenn sie uns zu früh wittern, brechen sie ab und die Frist verstreicht.“ Nat blieb stehen und hielt Tony zurück. „Das bedeutet, auch keine Einsatzkräfte. Halte sie zurück … Oder, besser noch, schick sie an einen anderen Flughafen. Wir dürfen das hier nicht vermasseln, Tony.“

Er gab ein dunkel zustimmendes Schnaufen von sich.

Die Augen ganz und gar auf sein StarkPhone und die rasant wechselnden Anzeigen unter seinen Fingern geheftet, schlenderte er weiter. Als Nat den Kopf schließlich wandte und meine aufgesetzte Gestalt bemerkte, taute ihre ernst taktierende Miene auf.

„Wir haben dir etwas übriggelassen, Schlafmütze“, informierte sie mich. „Die Frühlingsrollen und Ramen sind noch warm. Steht alles auf dem Tisch.“

„Stimmt“, ergänzte eine Stimme aus Richtung des Esszimmers, die mein Herz überrascht aufspringen ließ. „Aber die Chicken Satay schmecken auch kalt.“ Clint erschien sacht kauend im Türrahmen. Er hielt einen der asiatischen Hühnchenspieße zwischen den Fingern und sank mit der Schulter gegen den Türrahmen. „Die sind wirklich gut. Wo habt ihr die her?“

Ein Lächeln brach über mein Gesicht.

So perplex wie Nat als auch Tony zeitgleich die Köpfe wandten, machte es fast den Eindruck, dass er sie genauso sehr überraschte wie mich – was jedoch keinen Sinn ergab, war er ihnen doch soeben aus dem Esszimmer gefolgt.

Ich schwang mich auf die Beine. „Clint!“

„Hey, Junior.“

Kaum, dass ich den Mund öffnete, um meiner schweren Erleichterung noch etwas mehr Luft zu machen, realisierte ich, wie seltsam starr alles um mich herum verblieb.

Keiner regte sich. Nat und Tony starrten ihn an.

Meine Erleichterung verblich.

Irgendetwas stimmte nicht.

In Tonys Statur lag eine beunruhigend bereite Anspannung. „Wie bist du hier reingekommen?“

„Ganz klassisch.“ Clint schluckte den letzten Bissen herab, ließ den kleinen Spieß fingerfertig in seiner Hand verschwinden und wies in seinen Rücken. „Durchs Fenster. Ihr habt ein Sicherheitsleck.“

Ich erstarrte.

Wortlos hinterfragend zog Tonys Blick zu Nat herüber, die sacht den Kopf schüttelte. „Sie waren verriegelt.“

„Ja, waren sie.“ Wenig beeindruckt schob Clint die Brauen zusammen.

Obwohl er sich unverändert gesellig gab, registrierte ich in seinen diamantblauen Augen nun doch dieselbe gewappnete Distanz, die sich in nichts von der Tonys unterschied, wie auch eine mir völlig unbekannte Selbstverständlichkeit und Präsenz , die mich unversehens daran erinnerte, dass Clint nach wie vor ein ausgebildeter Geheimagent war und erst wenige Stunden zuvor einen Brandanschlag im Avengers Hauptquartier verübt hatte, was … absurd war , immer noch --- einfach verrückt .

Ich hatte an einen Irrtum geglaubt, begriff ich.

Bis zu dieser Sekunde hatte etwas in mir stur daran festgehalten, dass Vision sich geirrt haben musste und dass Clints Nachricht in der Nacht nicht das zu bedeuten gehabt hatte, was ich befürchtete; dass er nicht wirklich auf Steves Seite stand; nicht wirklich aus Missouri aufgebrochen war, um Partei für einen Terroristen zu ergreifen.

Clint war durchs Fenster gekommen, unterbrach eine lau besorgte Stimme den herben Unglauben, der wiederholt meinen Verstand zu betäuben drohte. Eine Vorstellung, die irgendwie unterhaltsam wäre, fast schrullig, wenn wir uns nicht nach wie vor im zwölften Stock befänden.

Es bedeutete nicht nur, dass er sich, so wahnwitzig es mir erschien, an der Fassade eines Berliner Hochhauses abgeseilt hatte, um uns zu überraschen, sondern vor allem, dass das hier überhaupt kein Besuch war, nicht einmal ein förmlicher, und er --- eingebrochen war; vielleicht, um Tony und Nat zu überrumpeln, mehr noch als es sein bloßes Erscheinen an unserer Tür getan hätte.

Mein Herz begann unangenehm zart zu flimmern.

„Der Wäscheschacht“, löste Clint die Frage nach dem Sicherheitsleck unseres Secret-Service-bewährten Apartments auf, als ginge es um nicht mehr als eine amüsante Trivia, die er bei der jüngsten Folge Jeopardy aufgeschnappt hatte. „Ein Infrarotnetz würde nicht schaden.“

Tony fixierte ihn. „Der Schacht ist keinen halben Meter breit.“

„Stimmt, ich passe nicht durch.“

Tonys Hand strich wie beiläufig zu seinem rechten Ärmel hinüber, als er das Esszimmer in Clints Rücken aufmerksam überflog. Ich wusste, dass es sein Nanotech-Handschuh war, der sich dort verbarg. „Wer ist noch hier?“, verlangte er zu wissen.

Kalte Anspannung kroch meine Wirbelsäule hinauf.

Ich trat einen Schritt zurück.

Clint entging es nicht.

Unaufgeregt löste er sich vom Türrahmen und machte zwei gleichbleibende Schritte in den Raum hinein. „Entspannt euch, ich bin allein.“

Ein gewaltiger Teil der geladenen Atmosphäre verpuffte wieder, als sei er nie gewesen. Tony ließ sein Handgelenk wieder los und Nats still wachsame Haltung taute auf.

Seufzend sah Clint zu mir herüber und hob seinen Arm. „Na los, komm her, Junior …“

Ich zögerte, aber da niemand mich aufhielt, setzte ich mich in Bewegung und war schließlich so schnell an seiner Seite, dass es mich selbst ein wenig überrumpelte. Clint schloss mich gewohnt herzlich in den Arm und obwohl ich spürte, dass er immer noch zu Tony sah, obwohl ich spürte , dass sie einander nach wie vor mit Blicken maßen, atmete ich still in seine Jacke aus; dankbar, dass ich recht behielt und dass die Welt nicht wahnsinnig geworden war und Clint nicht für den Feind arbeitete; dankbar, dankbar .

Beiläufig sah er zu mir herab. „Alles okay.“

Er hielt meinen Blick.

Keine Angst .

Es stand unmissverständlich in sein Gesicht geschrieben.

Heißes, unbedingtes Vertrauen flutete mich.

Ich nickte. Er ließ mich los.

In Tonys Stirn hielt sich nach wie vor ein angespannter Zug gegraben, als ich wieder zu ihm sah. Es widersprach meiner eigenen Erleichterung so sehr, dass ich bei seinem Anblick erneut ganz unweigerlich einen kleinen, befangenen Schritt beiseite machte.

Freudlos verschränkte er die Arme. „Was hast du hier verloren, Barton? Du bist raus.“

„Ah, wie du bereits sagtest, man ist nie so wirklich raus aus dieser Art Job …“ Clint wandte sich Nat zu und erwiderte ihre sachte, nun wieder restlos willkommen heißende Umarmung, ohne zu zögern, doch mir entging nicht, wie er in ihr rotes Haar schmunzelte: „Spar dir die Mühe, das wandert alles zur Deponie, sobald ich hier raus bin.“

Ein Grinsen tänzelte über ihre Lippen, als sie achselzuckend wieder von ihm zurücktrat. „Einen Versuch war’s wert.“

Sie war die Patentante seiner Kinder. Clint hatte seinen jüngsten Sohn nach ihr benannt. Und eben jetzt noch trug sie den kleinen Pfeilanhänger an ihrer zarten, unscheinbaren Halskette, nach dem ich sie nie näher gefragt hatte, aber bei dem ich mir trotz allem sicher war, dass er ihre tiefe Verbundenheit zueinander symbolisierte.

Und trotzdem hatte sie diesen kurzen unschuldigen Moment genutzt, um ihm einen Peilsender unterzujubeln. Clint wiederum hatte es nicht nur geschehen lassen, er hatte es sogar kommen gesehen .

Ich starrte sie an. Nats bescheidenes Feixen weitete sich ein wenig.

„Ihr wisst ohnehin längst Bescheid, habe ich recht?“ Clint sah von einem zum anderen, als er die Hände in die Jackentaschen vergrub und sich auf der Rückenlehne der nächsten Couch niederließ.

Trotz der plakativen Gelassenheit, mit der Tony ihm einen betont ahnungslosen Blick schenkte, nahm ich den harten Ärger wahr, der unter seiner Fassade schwellte. Clint hatte das Hauptquartier verwüstet, sicher, und Tony noch dazu seines letzten Schlafs beraubt, aber irgendetwas sagte mir, dass das nicht der einzige Grund für das ankreidend reservierte Schweigen war, mit dem er ihn im Schach hielt.

Clint nickte ihm zu. „Nettes Veilchen.“

„Wo ist Maximoff?“

„Sie nimmt eine Auszeit.“

„Ist sie hier? In Berlin?“

„Du weißt, dass ich darauf nicht antworten werde.“

„Sie hierherzubringen war eine verdammte Dummheit.“

Clint verfiel in denselben kühl besonnenen Tonfall. „Du hattest kein Recht sie festzuhalten.“

„Ich hatte diese Sache unter Kontrolle, bis du zum Randalieren aus der Versenkung erschienen bist. In ein paar Tagen wäre alles geklärt gewesen.“

„Ah … ja?“ Mild zweifelnd ließ Clint seinen Blick sinken. „Du meinst, weil sie dann unterschrieben hätte?“

„Weil dann niemand ins Gefängnis gehen würde.“

„Gefängnis?“ Spöttisch beeindruckt sah Clint wieder auf. „Mir war nicht bewusst, dass wir neuerdings Haftbefehle gegen einander vollstrecken. Ist das Teil dieses Abkommens, das du aus dem Hut gezaubert hast?“ Zynisch lächelnd sah er zu Nat weiter. „Spielen wir jetzt Militärpolizei, ja?“ Sie schien bemüht, ihm stumm zu verstehen zu geben, es gut sein zu lassen, aber sein nur scheinbar belustigt funkelnder Blick sprang bereits zu Tony zurück. „Das Abkommen ist noch nicht einmal ratifiziert. Ein wenig übereifrig, wenn du mich fragst.“

Tony ließ sich nicht dazu herab, Clints freudlosen Hohn näher zu kommentieren, aber seine Mundwinkel begannen zu kneten.

Er brodelte.

Clint nickte. Das sacht herausfordernde Blitzen seiner Iris verblich, als er wieder restlos besonnen ansetzte: „Tony, niemand muss hier irgendwem ans Bein pinkeln.“

„Mein ruinierter Tom Ford behauptet das Gegenteil.“ Er schüttelte den Kopf. „Was willst du hier?“

Clint hob eine Braue. „Mich unterhalten?“

Während Nat ihn noch immer schier mutmaßend beobachtete, zog Tonys Blick einen Sekundenbruchteil in grübelnde Leere und dann schon wieder zu mir herüber. Ich sah die Aufforderung kommen, ehe er sie überhaupt aussprach: „Alles klar, gibst du uns einen Moment?“

Verdattert blinzelte ich ihn an. „Was?“

Oh, ich verstand durchaus. Er wollte, dass ich das Zimmer verließ, damit sie unter sich waren, damit sie offen sprechen konnten, wirklich loswerden konnten, was ihnen durch den Kopf ging, ohne Hemmungen, ohne Rücksicht , nur damit ich --- schon wieder nichts erfuhr und nichts begriff und nichts von dem realisierte , was zum Teufel vor sich ging.

Obwohl es mich einholen würde, so oder so, und ich damit klarkommen müssen würde, ganz gleich, auf welche Weise es endete.

Tony hob die Brauen.

Widerstand wallte in mir auf. „Nein“, brummte ich. „Wieso?“

Er blinzelte. „Wieso?“, wiederholte er.

Seine betonte Überrumpelung war gespielt. Reine pikierte Show zu dem Zweck, mir die Möglichkeit zu geben, meine Antwort noch einmal zu überdenken. Mum hatte das nie getan, mich vorgeführt , aber Tony tat es ständig. Inzwischen wusste ich seine feinere Theatralik relativ gut einzuordnen.

Auch, dass das hier keine Stichelei war, sondern Tadel.

Eine wohlgemeinte Chance, es mir anders zu überlegen.

Selbst überrascht über den trotzig abgebrühten Unterton, den ich schon Peter gegenüber kurzweilig angeschlagen hatte und der nun plötzlich gallig in meine Kehle zurückdrängte, schluckte ich eine weitere Wiederholung herab, ruderte aber nicht zurück. Stattdessen hob ich bloß vage herausfordernd die Brauen.

Was schlussendlich aufs selbe hinauslief.

Etwas in seiner Miene straffte sich, wich dann aber ins Ungeduldige und kehrte zu Clint zurück.

Dass er gar nicht weiter darauf einging und stattdessen den drängenderen Schlagabtausch suchte, bewies mir, wie sehr er unter Druck stand.

„Hör zu, Tony, das Abkommen zu unterschreiben, ist einfach für Leute wie dich und mich“, begann Clint, als klar wurde, dass ich mich nicht rühren würde. „Wir sind vielleicht etwas cleverer als die meisten, handwerklich begabter, aber am Ende des Tages sind wir bloß das: Menschen. Leicht zu überwältigen und leicht unter Kontrolle zu bringen. Für Steve und Wanda sieht das ganz anders aus.“

„Das Sokovia Abkommen soll nicht dafür sorgen, dass wir uns besser fühlen. Wir sind es nicht, die Schutz vor irgendjemandem brauchen, Barton.“ Tonys Miene verfinsterte sich. „Du hast gesehen, was Wanda in Johannesburg angerichtet hat, in Sokovia-“

„Herrgott, sie war noch ein Kind, als sie auf Hydra stieß. Sie haben sie benutzt, an ihr experimentiert, sie für ihre Sache geformt , sie missbraucht. Ja, sie hat Kräfte, die uns vielleicht Angst einjagen, aber dieses Abkommen macht sie erneut zu nichts anderem als das – eine Waffe.“ Er sah abschätzig zu Nat, die unweigerlich den Blick senkte, ehe er beiläufig zu mir deutete und Tony wieder in den Blick fasste. „Was, wenn Sola an ihrer Stelle wäre, hm ? Sei ehrlich, würdest du dieses Abkommen unterstützen?“

„Das spielt überhaupt keine Rolle-“

„ Bullshit , Tony.“

„-denn sobald man Maximoff bei Barnes sieht, ist es gleich, was aus dem Abkommen wird. Sie hat in Hydras Namen getötet. Wenn sie sich jetzt auf seine Seite schlägt, ist Lagos kein tragischer Unfall mehr. --- Es wird überhaupt kein Gericht brauchen, um sie schuldig zu sprechen. Und drängen sie sie erst in die Ecke, wissen wir beide, was geschehen wird.“

„Nicht, wenn du sie und die anderen heute Nachmittag ziehen lässt.“

„Das kann ich nicht.“

„Dann kann ich mich nicht heraushalten.“

Etwas in Tonys Stirn zuckte. „Sei kein Idiot . Wir können nicht beide dort rausgehen, das weißt du verdammt gut.“

Mein Herz schien gelähmt, während ich stockstarr zwischen ihnen hin und her sah.

Niemand schien mich überhaupt noch zu registrieren, denn auch Nat sah aufmerksam zwischen beiden Männern hin und her, als versuche sie den richtigen Moment zu finden, einen Vorschlag zu unterbreiten.

Als keiner mehr etwas sagte und bloß straffer Vorwurf in beiden Gesichtern verblieb, holte sie Luft. „Ich denke, wir sind uns einig“, begann sie langsam, „niemand will, dass irgendjemand von uns heute ins Gefängnis geht. Und genau deshalb müssen wir diese Debatte unter Kontrolle bringen, Jungs, und sie nicht weiter in der Öffentlichkeit austragen-“

„Du willst Wanda also ausliefern?“, unterbrach Clint, ohne seinen Blick von Tony zu lösen. „An wen? Ross? Nigeria? Wakanda ?“

„Liegt nicht in meiner Gewalt.“ Die Kluft in Tonys Stirn verblieb tief und unnachgiebig. „Mit Barnes die Flucht zu ergreifen nach dem, was in Washington und Wien geschehen ist, lässt sich vor keinem Senat dieser Welt verteidigen. Wir können froh sein, wenn der Rest von uns hierfür nicht ebenfalls aus dem Verkehr genommen wird. Zeigst du dich bei ihnen-“

„Was, Tony?“ Das bitterfröhliche Funkeln trat in Clints Augen zurück. „Nimmst du mich dann fest?“

„Beihilfe zur Flucht ist keine Bagatelle, wenn es um zwei Terroristen geht“, raunzte er. „Das weißt du verdammt viel besser als ich, schließlich warst du es, der ihnen bis vor Kurzem noch den Garaus gemacht hat, anstatt Händchen haltend mit ihnen in die Nacht zu entschwinden.“

Clint nickte langsam. „Schätze, es ist schwerer geworden, Freund von Feind zu unterscheiden, wenn beide Seiten ein volles Schuldenkonto haben.“ Das freudlose Lächeln verschwand von seinen Lippen, nicht aber aus seinen Augenwinkeln.

Stille überwältigte den Raum.

Anders als der Rest brauchte ich ein paar Herzschläge, um zu verstehen, dass es gar kein Geständnis seinerseits gewesen war und worauf er tatsächlich anspielte.

Sokovia. Ultron .

Mein Blick fuhr zu Tony zurück, doch in seinem schlagartig verschlossenen Gesicht ließ sich nicht länger lesen.

Dafür schienen sich beide Männer meiner wieder bewusst zu werden, denn Clint atmete aus, sah knapp wähnend zu mir herüber und schließlich wieder zu Tony zurück, der nun derart stillschweigend an einen undefinierten Punkt nahe dem glänzenden Couchtisch stierte, dass sich mein verbliebener Trotz augenblicklich in meine Bauchhöhle zu verkrümeln begann.

Clint richtete sich auf. Er schien aufbruchsbereit. „Ich bringe Wanda zu Steve und helfe ihnen gemeinsam von hier wegzukommen, danach ist die Sache für mich erledigt.“

Tonys Blick fuhr auf, zurück in sein Gesicht. Er sagte nichts.

„Du hast in dieser Sache keine Wahl, du musst an Sola denken“, fuhr Clint langsam nickend fort. „Das macht dir niemand zum Vorwurf. Dass du für das Abkommen stimmst, ist kein Verbrechen. Wanda für eine Weile auf die Ersatzbank zu schieben, war es auch nicht. Aber sie im Hauptquartier festzuhalten, sie zu inhaftieren , nur um sie womöglich als Druckmittel in kommenden Verhandlungen einsetzen zu können oder im Tausch gegen Steves und Sams Straffreiheit, geht zu weit. Wir haben sie aufgenommen. Sie hat Ultron mit uns aufgehalten. Ihr Bruder hat sein Leben für unsere Sache gelassen. Sie ist eine von uns. Du konntest nicht wirklich erwarten, dass ich mich nicht einmische.“ Er machte eine bittere Pause. „Dass sie uns allen irgendwann einmal übel mitgespielt hat, ist keine Rechtfertigung hierfür. Wenn es danach geht, setz mich besser gleich mit auf die Abschussliste.“

Mein Herz als auch mein Verstand erstarrten.

Unglauben sickerte durch mein Innerstes, als ich meine Arme löste, meinen jäh pochend bestürzten Blick von Clint löste und zu Tony springen ließ. „Du hast Wanda im Hauptquartier festgehalten? Für einen Austausch? Damit sie ins Gefängnis geht?“

Eigentlich brauchte ich die Antwort gar nicht erst in seiner Miene zu suchen, denn es ergab Sinn. Schwere Erkenntnis brandete gegen meinen Verstand. Clints Einbruch schien plötzlich begründet und selbst seine mir unerklärliche Brandstiftung oder der Durchbruch im Hauptquartier … alles davon mögliche Begleiterscheinungen ihrer Flucht oder gar ihres Kampfes gegen Vision, der Wanda anscheinend gewaltsam davon abzuhalten versucht hatte, das Gelände zu verlassen …

Tony hatte sie ausliefern wollen.

Für Steve. Für das Team.

Er hatte sich darauf vorbereitet, Wanda, abhängig vom Ausgang dieses Tages, zu opfern. Er hatte Vision aufgetragen sie festzuhalten, während die anderen von ihnen sich um Steve, Sam und Barnes kümmerten, und wäre anschließend vermutlich umgehend in Verhandlungen getreten, Steve und Sam freizukaufen und Wanda im Gegenzug als Zeichen guten Willens dem internationalen Gerichtshof oder einem anderen Richter zu überstellen.

Vielleicht nach Nigeria, dem Land, das ihre Auslieferung schon seit Wochen forderte.

Oder gar Wakanda, dem ärmlichen, afrikanischen Bauernstaat, der bereits vor dem Tod ihres Königs in Wien, Verluste in Lagos zu betrauern gehabt hatte; Verluste, die Wanda herbeigeführt hatte, als sie – um Steves Leben zu retten – eine Explosion magisch eingedämmt und sie tragischer Weise in ein belebtes Bürogebäude gelenkt hatte.

Mein Magen begann sich zu knüllen.

„Ja, ich habe Vision zum allgemeinen Schutz beordert, sie nicht vom Gelände zu lassen, aber das Hauptquartier ist kein Verlies“, rechtfertigte Tony missfällig. „Ich habe sie nicht in eine Gummizelle gesteckt, wie es Boynton oder Stern gerne täten, sondern bloß dafür gesorgt, dass sie bis auf Weiteres von der Bildfläche verschwindet, damit es zu keinen weiteren Unfällen kommt, die sie sich jetzt nicht mehr leisten kann.“

Clint schmunzelte dunkel. „Die du dir nicht mehr leisten kannst.“

Tonys Kopf fuhr wieder zu ihm herum. „Und es ist kein Plan . Aber ja, es ist eine Option. Ganz sicher die letzte-“

„Aber sie hat nichts getan!“, platzte es entrüstet aus mir. „Sie hat die Bombe nicht gezündet, sie hat versucht sie loszuwerden. Sie hat Steve gerettet.“

Tony löste die Arme. Er hatte genug. „Okay, ich will, dass du-“

„Es ist nicht fair “, schnitt ich schon dazwischen. „Du kannst sie diesen Leuten nicht ausliefern, sie ist überhaupt nicht wie --- …“ Wie du sagtest .

Herb biss ich mir in die Wange.

Clint warf mir einen sacht warnenden Blick zu, aber mein Magen pochte.

„Es geht hier nicht darum, ob die Medien recht haben, Sola“, gab Tony mir sichtlich frustriert zu verstehen.

Ich machte einen unentschlossenen Schritt vor. „Sie nutzt ihre Kräfte jetzt, um zu helfen .“

„Mag sein, nur war davon bislang herzlich wenig zu sehen, was sich vor irgendeiner Jury anführen ließe.“ Sein Tonfall kippte in eine verdrossene Selbstgerechtigkeit, die mir urplötzlich wieder das Gefühl gab, von Dingen zu sprechen, die einfach zu komplex für mich waren, zu weitab meines kleinen, bequemen Universums, was --- einfach nicht wahr war . „ Was die Menschen sehen, Sola, ist Hydra, Ultron, Sokovia in Trümmern . Eine Hexe, die die Seiten erst gewechselt hat, als klar wurde, dass sie Ultrons Plan gar nicht überleben würde, weil er die gesamte Menschheit auszulöschen plante. Steve und Sam hingegen haben eine Vorzeigeakte-“

„ Keine Ahnung , aber --- sie hat mir geholfen, okay ?!“, unterbrach ich ihn harsch.

Tony erstarrte.

Seine Miene verdunkelte sich. „Was soll das bedeuten?“

Unvermutet kleinlaut begriff ich, was ich gesagt hatte.

Ich stockte. Mein Blick glitt zu Clint, wenn auch nicht länger als eine kurze, flackernd verunsicherte Sekunde.

Er atmete gefasst ein, vielleicht um das Gespräch zum Ausgangspunkt zurückzuführen oder Tony von meinem unglücklich ausgelegten Köder wieder abzubringen, aber Tony durchfuhr bereits eine sengende Erkenntnis, das sah ich seinen sich schwer verfinsternden Pupillen an, mit denen er mich immer noch angestrengt fixierte.

Jede Emotion verließ seine Züge und ließ nichts weiter als eine unheimlich blanke, gespannte Reglosigkeit zurück. „Was hat sie getan?“

Selbst Nat, die sich bereits seit ein paar Minuten wie ein bloßer Schatten im Hintergrund dieser Auseinandersetzung hielt, wandte jäh wachsam den Kopf.

Ich druckste. „Sie hat mir bloß geholfen.“

„Sie hat dir geholfen?“ Tony blinzelte nicht. „Wobei?“

Ich zögerte. „Bei … eben bei …bei der Sache mit den Albträumen.“

„Wie das?“

„Ich --- ich weiß nicht genau.“ Ich zuckte schwach die Achseln. „Ich weiß nicht, wie es funktioniert, aber es … na ja, es hat eben dafür gesorgt, dass ich sie einfach … nicht mehr habe. Gar nicht nur die Albträume vom Unfall oder Mum und … allem anderen, sondern eben auch keine Panik mehr, vor Blitzen oder-“

„Sie war in deinem Kopf?“, stellte er klar. „Sie hat etwas darin verändert? Auf deine Amygdala zugegriffen?“

„Tony …“, setzte Clint ruhig an.

Er beachtete ihn gar nicht.

Mein Unbehagen wuchs. „Sie sagte, es hat etwas mit irgendwelchen elektrischen Synapsen oder so zu tun …“, antwortete ich lau. „Dass sie ein paar von ihnen abgeschaltet hat, damit diese Dinge nicht mehr plötzlich hochkommen.“ Schnell sah ich auf. „Nicht die Erinnerungen. Daran hat sie nichts geändert. Nur die Panik --- und es ist wahr, Dad, ich kann mich immer noch an alles erinnern. Auch an die Angst. Aber ich habe nachts keine Flashbacks mehr --- und --- das ist gut , okay? Es hat geholfen , es ist wirklich weg.“

„Wann war das?“ Etwas in Tonys Blick haftete auf eine Weise an meinem, die mir Angst machte. „Wann hat sie sich darum gekümmert? Dienstag, während wir uns mit Wien beschäftigt haben? Als ihr gemeinsam schwimmen wart?“

Ein wattiger Batzen schlechten Gewissens regte sich, als ich mich an unseren Nachmittag im Pool erinnerte, an dem wir durchaus Spielereien mit Magie betrieben hatten, obwohl er ihr klar zu verstehen gegeben hatte, es in meiner Gegenwart sein zu lassen. Es war beeindruckend gewesen. Außerirdisch . Und es hatte mich kurzweilig so deutlich abgelenkt, wie es nichts anderes hätte tun können. Auch das war gut gewesen. Wandas Art zu helfen .

Schmal schüttelte ich den Kopf.

„Nein?“

„Schon früher …“, gestand ich widerwillig. „Vor ein paar Monaten.“

„ Vor unserem Urlaub?“

Meine Stimme blieb befangen, unfähig die ganze Wahrheit auszusprechen. „Ja …“ Ich sah Tony nicht länger an, denn ich spürte, dass ihn eine kalte Woge stillschweigender Fassungslosigkeit überkam.

„Und wieso weiß ich nichts davon?“

Die unheimlich zähe Ruhe in seinem Ton ließ mich schlucken. Ich stierte bloß nur noch auf eine unbestimmte Stelle auf dem polierten Fischgrätenmuster des Parketts zu unseren Füßen.

„Das geht auf meine Kappe“, ergriff Clint entschieden das Wort. „Ich habe Wanda nach der Sache mit Stane darum gebeten.“

Sämtliche Farbe verließ Tonys Miene.

„Es stimmt, es geht ihr besser seitdem. Sola schläft die Nächte durch, sie kann sich wieder auf die Schule konzentrieren und sie hatte seit Monaten keine ausgewachsene Panikattacke mehr. Die zwei letzten größeren Gewitter hat sie mit nicht mehr als ein bisschen Bauchweh überstanden. Ohne Wandas Hilfe sähe das anders aus.“

Ich sah, wie eiskalter Ärger in sämtliche seiner Muskeln ausstrahlte, als Tony den Kopf schon wieder in meine Richtung zurückwandte.

Mein Magen sank wie im Aufzug. „Sie wollten mir bloß helfen“, rechtfertigte ich leise.

„Was an keine Gedankentricks war nicht zu verstehen?“

„Es sind keine Tricks“, platzte es aus mir. „Sie hat es beendet, okay? Sie hat dem allen ein Ende gemacht .“ Tränen sammelten sich in meinen Augen. „Und sie hätte es schon früher machen können, wenn du einfach mal zuhören würdest, anstatt immer schon an einer Lösung zu sitzen, die überhaupt keiner will ---“

Tony fuhr zu Clint herum und marschierte so unversehens auf ihn zu, dass ich überfordert abbrach und Nat sich ebenfalls aus ihrer unauffällig beistehenden Präsenz löste.

„Du wolltest es wissen?“, schnaufte er. Seine Kiefer mahlten. „Hier ist es. Das ist der Grund. Genau deswegen brauchen wir dieses Abkommen. Weil man niemandem trauen kann, ohne es an irgendeinem Punkt bitter zu bereuen.“

Nässe schwappte über mein Lid.

Clint senkte beherrscht die Stimme. „Sie ist erstickt . Sie saß alleine in einer dunklen Sonde fest bei Temperaturen unter dem Gefrierpunkt und dachte, sie würde sterben. Wir alle dachten es. Es reißt mich aus dem Schlaf und hält dich nächtelang wach. Was denkst du , wie es für sie aussähe? Hm ? Jemand müsste nur den verdammten Lichtschalter in der Schulumkleide umlegen und es könnte sie gleich wieder in diesen Moment zurückwerfen. Es braucht Jahre , so etwas hinter sich zu lassen. Wanda besaß die Mittel, es auf der Stelle zu beenden, und nichts weniger hat sie getan. Ob du es nicht konntest oder nicht wolltest, Tony, ich habe sie gefragt, um ihr all das zu ersparen, weil es richtig war, nein, nicht bloß richtig, nein , unsere Verantwortung -“

Tony schien der Kragen zu platzen. „Wandas Fähigkeiten sind nicht nur gefährlich unausgereift, sie resultieren aus einer Quelle, die nicht nur Loki die Macht darüber verliehen hat, dich, halb Shield und ein ganzes Bataillon an Wissenschaftler wie meckernde Schafe vor sich herzutreiben, sondern es uns auch ermöglicht hat, Ultron und Vision zu erschaffen, zwei vollkommen gegensätzlich gepolte synthetische Wesen. Dieser Stein hat eine Intelligenz , die wir immer noch nicht begreifen, die von einem gänzlich anderen Ort in diesem Universum stamm und die mehr Energie birgt als alles, was diesen Planeten je zuvor berührte, mit einziger Ausnahme des Tesserakts. Und du hast beschlossen, dass es – was, Barton ? – das Risiko wert war, eben diese Unbekannte auf mein Kind loszulassen? Und das bloß, weil du seit deinem kleinen planetaren Seitensprung noch immer Prozentrechnung beherrschst und dich in ganzen Sätzen artikulieren kannst?“

„Halt die Luft an. Ich habe nicht den Stein auf sie losgelassen, sondern Wanda.“

„ Niemand von uns weiß, wie sie den direkten Kontakt überleben konnte und dutzende vorherige Probanden nicht . Nach allem, was wir wissen , könnte sie lediglich einen fantastischen Wirt für ihn darstellen.“

Clint gluckste trocken. „Und was ist mit Vision? Der Stein sitzt in seiner Stirn . Denkst du nicht, er eignet sich da besser? Nein, verzeih – das ist etwas anderes, richtig? Weil du Jarvis selbst geschrieben hast und der Stein damit – wenn wir es genau nehmen wollen – irgendwie in deinem Kopf sitzt.“

Völlig überfordert sprangen meine Gedanken zu den trügerisch überzeugenden Gespinsten weiter, von denen nicht einmal Clint wusste und die sich jederzeit unter meine Erinnerungen zu schieben vermochten, wie mein gefährlicher Irrtum im MetLife Stadion bewiesen hatte. Eine fahle Woge Angst überschwappte mich und türmte die kalte Brandung aus bereits bestehendem Schreck und Hilflosigkeit nur elendig weit auf.

Tony bebte. „Wenn der Stein als Multiplikator bereits vorhandener Prädispositionen dient-“

Unwirsch rieb ich mir die Nässe aus den Augen. „Hört auf !“

Tatsächlich hielt Tony augenblicklich die Luft an, aber sein Blick verblieb auf den Bogenschützen gerichtet und das, was nun aus ihm sprach, drückte geradewegs gegen mein Herz.

Es war keine Wut. Nicht einmal mehr Fassungslosigkeit.

Er sah Clint an, als habe er ihn verraten.

„Sola hat recht.“ Nat trat aus dem Hintergrund. „Wir haben jetzt keine Zeit über Lokis Zepter oder Visions Korrumpierbarkeit zu philosophieren. Wir müssen über Barnes sprechen.“

Ich hatte sie fast vergessen, aber als sie sich mit unveränderter Ruhe näherte, löste sich der bittere Krampf in meiner Magengrube.

Clint entließ den Atem. Er wandte sich von Tony ab, als er den eingefangenen Frust wieder abschüttelte und Nat wenig beeindruckt ansah. „Ihr wollt meine Meinung dazu hören? Steve hat recht, irgendetwas an dieser Sache ist faul.“

Immer noch fest blinzelnd, um den Tränenfilm wieder loszuwerden, der sich nach wie vor beharrlich in meinen Augen hielt, verfolgte ich sein spannungslösendes Herumtigern.

„Barnes ist zu gut, um sein Gesicht von ein paar einfachen Überwachungskameras auf einem Parkdeck ablichten zu lassen“, brachte er seine Gedanken schonungslos auf den Punkt. „Er wurde wie du dazu ausgebildet, ganze Regime zu stürzen, ohne dass man ihn überhaupt verdächtigt, das Land betreten zu haben. Aber er lässt sich ausgerechnet bei einem Anschlag auf die UN innerhalb kürzester Zeit vom MI6 ertappen? Das Ganze stinkt zum Himmel.“

Nat hob die Achseln, wenn auch sichtlich zurückhaltender denn zuvor. „Wenn nichts dran ist, finden wir es heraus.“

„Sie werden erst schießen und dann Fragen stellen.“

Es klang nicht nach einer Vermutung, sondern freudloser Gewissheit.

Und – in seinem Fall – bitterer Erfahrung.

Stumm sah ich zu Tony.

Er schien ihnen gar nicht zuzuhören.

Sein Fokus wechselte zwischen finsterer Ferne und kurzen Momenten der Nähe. Dann – als spüre er, dass ich angespannt darauf wartete, dass er etwas sagte, irgendetwas , das bewies, dass er verstand, was Clint erkannt hatte und was schlicht und ergreifend die Antwort schien, weil es genau das sein musste , was Steve und Sam in dieser Sache antrieb, denn sie verrieten uns nicht, niemals , genauso wenig, wie es Clint getan hatte – sah Tony jäh zu mir auf und hob auffordernd beide Brauen.

Er wollte, dass ich den Raum verließ.

Ich schluckte.

Ich verstand, aber ich --- konnte nicht .

Stattdessen sah ich schnell wieder zu Clint, der trotz schwer unzufrieden gerunzelter Stirn wieder so ruhig und gefasst wirkte, dass ich fast daran zu glauben begann, dass all das hier glimpflich ausgehen konnte.

„Noch sind wir am Ruder“, argumentierte Nat. „Sie können sich stellen. Barnes wandert in Gewahrsam und wir kümmern uns um die Wahrheit.“

Obwohl Tonys Blick meinen Nacken zu versengen begann, rührte ich mich nicht.

„Ohne zu wissen, wer diese Sache inszeniert hat?“ Clint hob zweifelnd eine Braue. „Jemand hat eine Bombe bei der Ratifizierung eines Abkommens platziert, das dazu gedacht war, kommende Einsätze der Avengers international zu legitimieren, und er packt das Attentat gezielt unter den Deckmantel von Hydra.“ Er hielt bedeutungsvoll inne, dann setzte er sich wieder in Bewegung. „Jemand wollte unsere Aufmerksamkeit und hat sie bekommen. Warum ist die Frage.“

Vielsagend stupste er mich im Vorbeigehen an.

Alles in mir hielt dagegen, trotzdem ergab ich mich, kehrte ihnen unwillig den Rücken und schlurfte ins angrenzende Esszimmer davon.

Tony folgte mir.

Als ich über die Schulter blickte, sah ich, wie er sich wortlos den Teller mit kalten Spießen und Frühlingsrollen vom Tisch griff, als auch einen Löffel und einen weißen Pappbehälter, in dem sich Ramen befinden musste, dann senkte ich schon wieder den Blick und steuerte unentschlossen auf den weitest entfernten Stuhl zu. Meine Hand lag kaum auf der schneeweißen Rückenlehne, als er zu mir aufschloss, mich kommentarlos beim Ellbogen fasste und weiter voran bis in mein Zimmer dirigierte. Nats und Clints debattierenden Stimmen verblassten in unserem Rücken.

Dass er immer noch nichts sagte, schnürte mir die Kehle zu.

Kaum angekommen, ließ er mich los und drückte mir den Teller mit der gestapelten Mahlzeit in die Hand. Sein inzwischen entschlossen fokussierter Blick blieb durchdrungen von etwas, das mich bis ins Mark beunruhigte.

Er hatte keinen Kompromiss im Sinn.

„Bleib hier“, wies er mich knapp an und zog nachdrücklich die Tür hinter sich zu.

Obwohl ich den vollbeladenen Teller beinahe sofort auf dem Boden abstellte, einen schnellen Satz machte und mein Ohr an das lackierte Holz presste, vernahm ich nichts mehr, nicht einmal vage Worte. Zu feige, die Tür einfach wie vergangene Nacht wieder einen Spalt breit aufzuziehen, trat ich schließlich zurück.

Einen schmerzhaft kurzen Augenblick starrte ich bloß an den weißen Lack.

Dann fuhr ich herum, griff mir das nächste Kissen und schleuderte es dagegen.

Musik:

A BRIEF WORD FROM OUR SPONSORS-- - X Ambassadors

Enemy – Imagine Dragons