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Ultima Ratio

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Ultima Ratio

Kapitel 22: Ultima Ratio

Als Tony gut dreißig Minuten später zurückkehrte, trug er seinen Anzug.

All die roten und goldenen Bauteile lagen längst sauber in Position und der Arc-Reaktor strahlte in ewig einsatzbereitem Eisblau auf seiner Brust, was keinen Zweifel an seinem umgehenden Aufbruch ließ. Dass sein Helm und Visier noch im Anzug ruhten, lag anscheinend einzig und allein daran, dass er noch nicht auf dem Flachdach des Ritz-Carltons stand, sondern auf dem cremeweißen Teppich meines Zimmers.

Mit zugeschnürter Kehle sprang ich auf die Füße, ehe er überhaupt ansetzen konnte. „Was habt ihr vor?“

Auch Nat, die im selben Moment in seinem Rücken den Flur durchquerte, schien zwischenzeitlich in ihren schwarzen, enganliegenden Jumpsuit voller winziger verborgener High-Tech-Gadgets geschlüpft, mit denen sie meines Wissens nur in Kampf- oder Späheinsätze zog und den ich bislang so selten zu Gesicht bekommen hatte, dass es mich immer noch nervös beeindruckt stimmte, wenn ich sie in voller Einsatzmontur sah.

„Hoffen wir, dass es funktioniert!“, rief sie im Vorbeimarschieren zu.

Tony wandte den Kopf, wenn auch recht halbherzig. „Vision hat ein Signal. Schwach, aber es lässt sich verfolgen.“ Er sprach mehr gegen die Wand denn zum Flur. „Der Nacken war ein Geniestreich, Agent Romanoff. Weniger Kontakte, weniger Reibung, weniger Interferenzen.“

„Großartig“, schallte es zurück. „Und wie bekomme ich diesen Geniestreich wieder von den Händen? Ich musste die Kapsel in meiner Hand zerdrücken, sonst hätte er etwas bemerkt.“

„Die Strukturen zerfallen von allein.“ Tony hielt inne. „Ich habe noch nicht herausgefunden, wie ich sie ohne Arc-Reaktor längerfristig stabilisiert bekomme … Mehr als zwei Stunden überstehen sie nicht, im Freien vermutlich noch weniger. Aber das reicht uns. Sobald Vision bestätigt, dass unsere Quelle Recht hatte-“

„Er bestätigt“, rief Nat.

„Jackpot“, befand er still. Endlich sah er zurück in mein Gesicht. „Jetzt zu dir.“

Mein Puls holperte.

„Was habt ihr vor?“, wiederholte ich. Ich spürte, wie meine Stimme ins Heisere kippte. „Wo ist Clint?“

Tony überging meine Fragen mit so gänzlich ungerührter Bravour, dass ich mich unweigerlich schuldig wie abgestraft fühlte. Wegen meiner Verheimlichungstaktik der vergangenen Monate rund um Wanda und meiner eliminierten Panikattacken, aber auch weil ich dieses Schweigen ausgerechnet heute gebrochen hatte, ausgerechnet jetzt , da das halbe Team ihn bereits im Stich gelassen hatte und da es wirklich keinerlei weiterer Argumente gebraucht hatte, ihm noch mehr Munition gegen Clint oder Wanda zu liefern. Obwohl seine Reaktion auf Clints Mittäterschaft in diesem vermeintlichen Verbrechen wie auch Tonys Beweggründe im Falle von Wandas Arrest mich immer noch so arg bestürzten, dass im Ergebnis die langsam siedende, überforderte Empörung in mir überdauerte und unvermindert meinen alarmierten Verstand aufschwemmte.

Als seine Augen die meinen unverblümt in den Fokus nahmen, wusste ich jedoch, dass Tony nicht länger zur Konversation aufgelegt war.

„Happy bleibt bei dir, bis ich zurück bin“, informierte er mich. „Er sagte, er lässt dich in Frieden. Er ist vorne im Wohnzimmer, falls du ihn suchst.“ Tony wandte sich zur Seite. „Es wird ohnehin nicht lange dauern. Der diplomatische Ansatz hatte sich erledigt, als Barnes das JCTC im Egoshooter-Modus verlassen hat. Jetzt wird nicht mehr diskutiert, jetzt hagelt es Konsequenzen.“

Etwas in meiner Brust begann sich zu knüllen.

Sein Blick fiel auf meinen unangerührten Teller Spieße, Ramen und Frühlingsrollen, der immer noch genau dort auf dem Boden stand, wo ich ihn vor gut einer halben Stunde vollkommen achtlos abgestellt hatte, und zog dann auch schon zu dem fortgeschleuderten Zierkissen und einem chaotischen Haufen zerwühlter Kleidung auf der Polsterbank vor meinem Bett weiter. „Fang am besten schon einmal an deinen Kram zusammenzusuchen.“ Er setzte sich in Bewegung. „Es sieht hier aus wie im TJ Maxx Store am Black Friday …“

„Ihr werdet kämpfen, oder ?“, unterbrach ich heiser und schob mich rasch vor ihn in den Türrahmen, ehe er noch einfach davonstapfen konnte. „ Wieso ? Clint sagte -“

„ Okay , genug davon.“ Seine rüde Beherrschung bekam einen Riss. Tony funkelte mich an. „Über all das unterhalten wir uns, sobald-“

„Du darfst nicht gegen sie kämpfen“, unterbrach ich beinahe flehend. „Das dürft ihr nicht. Bitte , lasst sie --- lasst sie … okay, ich weiß, wie das klingt, aber lasst sie doch einfach --- gehen.“ Etwas in seiner Miene versteinerte und ich verlor die Kontrolle über meine Stimme. Mein Puls uferte jäh so sehr aus, dass es nun auch in meinen Ohren zu schäumen begann. „Dad, wenn wieder etwas schief geht und jemandem etwas passiert --- oder – oder jemand stirbt --- wie gestern im JCTC --- und sie Clint verhaften --- oder dich --- wie soll ich --- wo soll ich-“ Meine Brust krampfte. „ Dad , ihr dürft nicht-“

„Hey --- hey !“ Tony ergriff mich unvermittelt bei beiden Armen. „Sieh mich an --- Hey , ich sagte, sieh mich an!“ Seine Hände drückten deutlicher zu und die unnachgiebigen Fingerglieder seines Anzugs pressten sich jäh so klar durch meinen Sweater direkt in meinen Muskel, dass es beinahe wehtat und ich prompt verstummte. „Sieh mich an, Sola, und hör zu . Wir geben ihnen die Chance, sich zu stellen. Tun sie es nicht, halten wir sie auf, nehmen sie in Gewahrsam und übergeben sie den zuständigen Behörden. Letzteres wird nicht schön, vielleicht sogar ein wenig hässlich, aber wenn wir es nicht tun, wird es noch sehr viel hässlicher. Dann folgt nämlich die Abschussfreigabe, von der Clint vorhin sprach. Ross ist nicht so zimperlich wie wir. Hier geht es nicht länger um Argumente oder Meinungen , verstehst du mich? Das hier ist keine Spielplatzfehde, bei der recht behält, wer lauter und länger Nein brüllt. Barnes ist ein gesuchter Attentäter und Mörder. Ganz egal, ob er für den Anschlag in Wien verantwortlich war oder nicht, es gibt mehr als ein Dutzend anderer Attentate und Tötungen, die zweifelsfrei auf sein Konto gehen. Wir ziehen Steve und die anderen aus dem Verkehr, weil die Alternative – für jeden von ihnen – bloß Flucht bedeutet und das verdammt sicher auf Lebenszeit . Und das ist keine Alternative. Nicht für Wanda, nicht für Steve, nicht für Sam und ganz sicher nicht für Clint.“

Mein Herz drückte. Mir wurde schlecht. „Aber-“

Tonys Blick verlor einen Teil seiner Ungerührtheit, wenn auch nicht seine Strenge. „Es ist völlig gleich, wofür Steve sich heute entscheidet. Es ändert nichts an dem, was ich tue, und das ist dafür zu sorgen, dass es für uns auf eine Weise weitergeht, die dich nicht in Gefahr bringt und das Team nicht eliminiert. Das und nichts anderes, Sola. Daran hat sich in den vergangenen achtundvierzig Stunden nicht das Geringste geändert.“

Er entließ den Atem, musterte mich unzufrieden, fast vorwurfsvoll, dann schnaufte er knapp und zog mich unvermittelt an sich in eine ruppig kurze Umarmung, behindert von seinem titanharten Anzug und dem wohlig warmen Arc-Reaktor, der sich in meine Wange drückte, als er sein Kinn knapp auf mein Haupt sinken ließ und meinen Hinterkopf zweimal kraulte, ehe er mich auch schon abrupt und mit unverändert strenger Miene von sich zurückschob.

Nichts davon beruhigte mich. Dichte Anspannung begann an meinen Gedärmen zu nagen.

„Ihr bleibt im Hotel“, wies er mich an. „FRI meldet sich, wenn es Neuigkeiten gibt.“

Ohne meinen bereits wieder aufsprudelnden Protest abzuwarten, trat er an mir vorbei und verschwand.

-/_\-

Ich tigerte im Kreis.

Wenn ich stehen blieb, war ich mir sicher, fiel ich um, so brennend schlug mein Herz in meiner Brust. Es trieb das Adrenalin in meine Beine und ließ meine Sinne schwimmen.

Während meine Gedanken zwischen Tonys und Clints Streit von vor wenigen Minuten und den Fernsehbildern der Zerstörungen im JCTC und andernorts hin und her flitschten, spürte ich eine Art von Chance verrinnen, die ich nicht recht verstand, bis ich realisierte, dass ich nicht daran glaubte, dass Tonys Plan aufging, und mich bereits darauf gefasst machte, alles in einer weiteren Katastrophe münden zu sehen, der ich machtlos ausgeliefert blieb.

Steve, Clint und Sam waren mindestens genauso entschlossen, wie Tony es war. Daran hatte ich keinerlei Zweifel. Sie würden sich nicht freiwillig stellen, dazu hatten sie sich bereits entschieden, als sie mit Barnes untergetaucht waren. Und noch weniger würden sie nun widerstandslos ins Gefängnis gehen.

Mir wurde flau.

Sie würden kämpfen, Avenger gegen Avenger, notfalls mit Zähnen und Klauen, weil sie den Punkt längst hinter sich gelassen hatten, an dem sich noch verhandeln ließ, wie Tony selbst es formuliert hatte.

Menschen waren gestorben. Das Avengers Hauptquartier bis ins Fundament gerissen.

Und die ganze Welt sah zu.

Es würden Dinge zu Bruch gehen und es würde erneut Verletzte geben, Zivilisten oder gar ---

Schlagartig hielt ich inne und sackte auf die Bank.

Meine Arme bebten.

Das alles konnte nicht wirklich geschehen. Tony konnte nicht wirklich entschieden haben, Clint festzunehmen und auszuliefern, sofern er sich auf die andere Seite schlug. Er konnte nicht wirklich entschieden haben, ihn hinter Schloss und Riegel zu setzen, bloß weil er --- Wanda dabei half und sie davor bewahrte, für andere Begnadigungen eingetauscht zu werden und in ein afrikanisches Gefängnis zu wandern, das sie vermutlich nie mehr verlassen würde. Wanda, die mir geholfen und mir meine Nächte zurückgegeben hatte und der ich zumindest das schuldig gewesen war – die Wahrheit zu sagen.

Und gleichzeitig fasste etwas in mir nach wie vor nicht, wie Steve und Sam all das riskieren und aufzugeben bereit sein konnten, nur um einen Mann zu schützen, der so viele Menschen auf dem Gewissen hatte, dass es gar nicht mehr von Bedeutung schien, ob er auch das Attentat in Wien zu verschulden gehabt hatte oder nicht.

Er hatte Tony gestern beinahe umgebracht. Alles in mir drehte sich um, wenn ich nur daran dachte.

Alles in mir krampfte .

Und wenn sie nun erneut aufeinandertrafen --- wenn sie alle aufeinandertrafen und einander aus dem Blick verloren --- oder Tonys Ablenkungsstrategie fehlschlug und die GSG-9 vorzeitig eintraf und zusätzlich das Feuer eröffnete --- oder Ross am Ende entschied, dass Tony nicht genug getan hatte --- oder zu weit gegangen war ---

Meine Gedanken strömten zu Pepper.

Sie hatte all das kommen gesehen; die aufgebrachten Politiker, die neue Gesetze und Gerichtsverfahren forderten; der Tumult, der das Team heimsuchen würde, wie auch Tonys bittere Unbekehrbarkeit, Iron Man und die Avengers am Leben zu erhalten, ganz gleich, was es am Ende kosten mochte. Ihre Warnung klingelte in meinen Ohren, dass nichts davon etwas wert war, wenn er letztlich selbst im Gefängnis landete oder starb und mich alleine zurückließ.

Der überwältigende Drang, sie anzurufen, überkam mich. Getragen von diesem kindisch hoffnungsvoll blinden Vertrauen, dass sie – wenn sie nur wusste, was wirklich vor sich ging – all das irgendwie abzuwenden und zu regeln vermochte.

Dabei war es der Grund, weshalb sie nicht länger bei uns war. Weil sie Tony nicht ins Gewissen zu reden oder irgendetwas an diesem Verlauf zu ändern vermochte, nicht zumindest , was Iron Man betraf, und meine schiere Existenz damit etwas von ihr einforderte, das sie nicht zu geben bereit war oder zu geben vermochte.

Sie sah in mir eine Waise, schon jetzt.

Der Gedanke brannte sich seinen Weg durch meinen Magen tief hinab in meine Innereien, in mein Sein. Etwas nahm Gestalt an, ein schlierig kaltes Phantom, das mich schon im Boston Hospital besucht hatte, in diesem schaurig kurzen und zerrüttenden Moment der Klarheit zwischen allen betäubenden Medikamenten, umgeben von Unbekannten, Ärzten, Sozialarbeitern und Schwestern, die allesamt barmherzig gelächelt, beiläufig meine Bettdecke gerichtet und meine Hand getätschelt hatten, ehe Tony schlussendlich zurückgekehrt war mit dem unleugbaren Beweis in seiner Sakkotasche, dass ich ihm gerade noch entronnen war, diesem Monstrum, das jene Kinder stahl, die übrig blieben und die niemand mehr haben wollte.

Pepper konnte nicht verhindern, was nun geschah. Sie war weit weg in New York, saß gegenwärtig vermutlich an einem langen Konferenztisch oder vor Glasdisplays, die Gesprächspartner aus anderen Regionen der Welt abbildeten, und versuchte die unberechenbaren Ereignisse in Europa von den bis dato stabilen Kursen der SI-Aktienwerten fernzuhalten.

Denn fürs Erste war sie nicht länger in Iron Mans Aktivitäten involviert – nicht auf diese Art.

So sehr sie beschwor, uns zu lieben, hatte sie sich doch von uns abgeschnürt, gleich einem lebenserhaltenden Vesikel, das immer noch durch unsere Zellen strömte, aber von nun an sein Eigenleben und seine Unabhängigkeit wahrte; ungeklärt, ob es je wieder zurückkehren oder vielleicht doch andernorts eine friedlichere Bindung eingehen würde.

Ich machte ihr keinen Vorwurf.

Gerade jetzt wünschte ich selbst nicht hier zu sein.

Elend erhob ich mich zurück auf die Beine, warf einen Blick aus dem Fenster hinab auf den Potsdamer Platz, auf dem der Verkehr unverändert dahinzog und Menschen in wiederkehrenden Wellen aus der U-Bahn-Station strömten, als jäh die Sorte von Erkenntnis auf mich niederfuhr, die gleich mit einem Gefühl dichten Unbehagens daherkam, wohlwissend, dass das, was ich dachte, so wahr es auch blieb, einen gewaltigen Haken mit sich schleifte.

Tony war bereits sauer auf mich, murmelte mein krampfendes Gewissen. Er hatte es vorhin nicht mehr weiter angesprochen, aber ich wusste, dass er die Angelegenheit rund um Wanda nicht einfach unter den Tisch kehren würde, selbst wenn Clint sich als Verantwortlichen bezeichnete. Meine Traumatherapie hatte in den vergangenen Wochen schließlich so oft zu Reibereien und Aussprachen zwischen uns geführt, dass mein anhaltendes Stillschweigen allein mich nun wie eine elende Lügnerin dastehen ließ.

Wenn ich das hier tat, würde er brodeln . Viel mehr noch, als er es vorhin getan hatte.

Ich hatte mir heute bereits so viel geleistet und dennoch hatte er die gesamte Zeit die Beherrschung bewahrt; wenn nicht vor Clint, so doch zumindest vor mir . Zuerst hatte ich mir den peinlich garstigen Ausbruch in der Brasserie erlaubt und dann war die Sache mit Wanda herausgekommen, eine Angelegenheit, die er nun offenkundig auf später vertagt hatte.

Das hier würde all dem nun die Krone aufsetzen.

Er würde mich angehen, das wusste ich; so scharf vielleicht gar, wie nach meiner vereitelten Entführung an Elijahs Geburtstag. Und ich hasste es, wenn Tony böse auf mich war. Mehr noch, wenn er es zurecht war, denn dann stachen seine Worte ganz besonders … Mir würde das Herz in die Hose rutschen, wenn ich ihm hiernach gegenübertreten und mich erklären würde. Und nichts daran würde ihn ausreichend beeindrucken. Am Ende würde ich diejenige sein, die ins sprichwörtliche Gefängnis wanderte.

Aber sie alle sicher und lebendig zu wissen, war es das wert --- allemal.

Denn ja , es gab einen Weg, diese Sache kampflos zu beenden.

Pepper konnte diese Sache nicht aufhalten, aber ich – verdammt, ich konnte es.

Keine der Seiten würde das Feuer in meinem direkten Beisein eröffnen, davon war ich überzeugt. Kein Avenger würde mich in Gefahr bringen; nicht Clint, nicht Steve, nicht Wanda, nicht Sam. Was mich zu dem einzigen Element in dieser Gleichung machte, das die sich anbahnende Katastrophe noch verhindern konnte, wie ich klopfenden Herzen realisierte, so lebensmüde es mir auch erschien und so bittere Angst mir die Vorstellung allein machte, dem Winter Soldier leibhaftig gegenüber zu treten.

Ich grub die Hände in den Saum meines Sweaters.

Steve wird nicht zulassen, dass mir etwas geschieht.

Altbewährtes Vertrauen flutete mich mit einer Intensität, die mich in jähen Tatendrang versetzte.

Sie alle würden es verhindern.

Daran glaubte ich, weil sie es allesamt bewiesen hatten. Nicht jeder von ihnen war es auf dem Papier, aber sie waren meine Familie, samt und sonders.

Sie wachten über mich, seit ich in ihr Leben getreten war, jeder auf seine Weise, aber schlussendlich doch darin geeint, mich zu schützen. Als ich über dem Lake Michigan festgesessen hatte, hatten sie mit allen Mitteln dafür gekämpft, mich zu finden und aus meiner tödlichen Kapsel zu befreien.

Und genau dasselbe musste ich nun für sie tun. Alles geben.

Ich konnte nicht hier sitzen und es einfach geschehen lassen.

Rastlos streifte mein Blick umher.

Es gab nur ein Problem – Happy würde mich niemals zu ihnen lassen. Was bedeutete …

Meine Brust straffte sich, während mein grübelnder Verstand lautlos die Zügel übernahm und mich schlagartig von der gärenden Panik befreite. Während meine Hand bereits nach meinem StarkPhone tastete, sah ich fiebrig um mich und erwog. Mein Blick fiel auf meinen unangerührten Teller mit dem Einwegbehälter voll kalter, schwimmender Ramen. Eine vage Idee zündelte.

Angespannt hob ich mein StarkPhone. „FRI, zu welchem Flughafen sind Tony und Nat aufgebrochen?“

„Sie befinden sich gerade auf dem Weg nach Leipzig-Halle.“

Erleichterung über ihre Antwort machte sich in mir breit. Noch hatte Tony ihr anscheinend keinen Maulkorb verpasst, der mich daran hinderte, mehr über seinen Verbleib zu erfahren.

Seit Peppers Standpauke nach dem Vorfall in Mexiko hatte FRIDAY noch nie irgendwelche meiner Fragen nach seinem Aufenthalt oder seinem Status damit beantwortet, dass sie derzeit nichts weiter dazu sagen durfte oder Tony für eine Freigabe kontaktieren musste, allerdings war er seitdem auch nicht wieder in eine solch bedrohliche Lage geraten, dass es potentiell schlechte Nachrichten gewesen wären, die sie zu übermitteln gehabt hätte.

„Soll ich deinem Vater etwas ausrichten?“

„ Umm , nein, schon okay.“

Wieder sah ich hinaus zur nahen U-Bahn-Station und biss mir schuldig unzufrieden auf die Unterlippe. Ich hatte keinen blassen Schimmer, wie weit der Flughafen Leipzig-Halle entfernt lag, aber es schien fast sicher, dass ich auf diesem Wege nicht rechtzeitig eintreffen würde.

Ich brauchte eine Alternative. Nicht bloß, weil Tony sämtliche U-Bahn-Systeme aufgrund ihrer erschwerten Zugänglichkeit als No-Go-Area für mich deklariert hatte und sich etwas in mir beharrlich dagegen sträubte, dieses Verbot ausgerechnet hier in dieser vollkommen fremden europäischen Stadt zu übergehen, sondern auch weil ich nicht glaubte, dass sich Steve und die anderen nach Clints Besuch noch allzu viel Zeit lassen würden, wenn sein Auftauchen nicht vielleicht bereits ohnehin ein strategisches Ablenkungsmanöver gewesen war.

Die Zeit lief mir davon. Deshalb brauchte ich einen Fahrer.

Und wenn Happy dieser nicht sein konnte, musste es wohl oder übel ein Taxi werden.

Was --- beinahe genauso falsch und gefährlich wie die U-Bahn war, wenn auch aufgrund sehr viel perfiderer Eventualitäten, worin sich wirklich alle Erwachsenen einig gewesen waren.

Nun, es war nicht so, als besaß ich im Moment eine große Auswahl, was?

Ich schluckte.

Immerhin hatte ich immer noch Tonys Kreditkarte bei mir, denn nach den Geschehnissen im JCTC und seinem zügigen Aufbruch zurück nach New York hatte ich vollkommen vergessen, sie wieder zurückzugeben. Zu bezahlen, würde zumindest kein Problem werden, ganz gleich für welches Transportmittel ich mich entschied.

Ein Taxi würde ich jedoch erst einmal anfordern müssen, wenn ich nicht riskieren wollte, minutenlang auf der Suche nach einem freien Wagen die belebten Berliner Straßen hinabzueilen. Es war Zeit, die ich nicht hatte; nicht bloß, weil ich ahnte, dass ich mich bereits in einem Wettlauf befand, sondern auch, weil es Happy dann durchaus gelingen mochte, mich doch noch rechtzeitig abzufangen.

Wenn ich FRIDAY bat, einen Fahrer herbei zu rufen oder mir mitzuteilen, wo genau ich den nächsten Taxistand fand, alarmierte sie jedoch womöglich Tony, was auf dasselbe hinauslief und vermutlich von vornherein verhinderte, dass ich überhaupt eine Chance erhielt, aus dem Apartment zu verschwinden.

Ich musste vorsichtig sein, wie genau ich FRIDAY nun einspannte, realisierte ich.

Und ich musste einen Weg finden, Happy lange genug zu beschäftigen, damit ich entschwinden konnte, ohne dass er sich mir sofort an die Fersen heftete.

Wieder sah ich auf mein StarkPhone. Kurz erwog ich Google Maps für die Suche nach einer schnellen Verbindung zum Flughafen oder einem nahen Taxistand aufzurufen, dann stockte ich erneut, nun ehrlich verunsichert, wie weit FRIs aktuellen Gefährdungsschutz-Protokolle für mich gingen und ob sie Tony nicht vielleicht schon einer schieren Sucheingabe wegen informieren mochte. Unentschlossen hielt ich inne und ließ meinen Blick erneut schweifen, bis ich das Hoteltelefon neben meinem Bett entdeckte.

Besser .

Der Plan nahm Gestalt an.

Meine Gedanken machten einen weiteren zufriedenen Satz, als ich mich plötzlich wieder an unseren deutschen Fahrer vom Vortag erinnerte.

Falls Kai wieder zur Verfügung stand, brauchte ich nicht einmal ein Taxi, begriff ich, was bedeuten würde, dass ich dann zwar nicht unbedingt in Happys Begleitung aufbrach, aber doch zumindest zu jemanden ins Auto stieg, der sich … irgendwie bewährt hatte. Ein Argument, das ich in ein paar Stunden sicherlich gut gebrauchen konnte, wenn ich Tony ein Plädoyer über die durchaus überlegte Vorgehensweise in dieser Sache hielt.

Kurzentschlossen schritt ich ins Bad, legte mein StarkPhone auf der Marmoranrichte vor dem Waschbeckenspiegel ab und schaltete die Dusche ein, wie ich es sonst eigentlich nur aus Agentenfilmen kannte. Ich war mir nicht sicher, wie hervorragend das Mikro meines StarkPhones vereint mit FRIDAYs intelligenten Rauschfiltern tatsächlich war, aber einfach machen musste ich es ihr ganz bestimmt nicht. Außerdem konnte es sicher nicht schaden, wenn ich die Badezimmertür hinter mir schloss.

Gut, vielleicht verhielt ich mich paranoid, denn außerhalb des Caretaker Protokolls hatte FRI Tony noch nie über verbotene Aktivitäten meinerseits informiert, ob ich sie nun als Ratgeber herangezogen hatte oder nicht. Nicht einmal beim Upper East Slide oder auf meinem Weg zu Fake-Raffys illegaler Pop-Up-Party war sie mir in den Rücken gefallen. In beiden Fällen hatte sie erst eingegriffen, als ich mich in waschechter Gefahr befunden hatte.

Sie verpetzte mich nicht, sie rettete mir bloß das Leben.

Das hatte Tony mir mehrfach versichert.

Dennoch war ich mir nicht sicher, ob er das Caretaker Protokoll vor seinem Aufbruch nicht vielleicht doch wieder in Kraft gesetzt haben mochte, ohne mich zu informieren, weshalb ich für den Moment lieber sicher ging.

Gerade als ich mich abwenden und FRI für eine Weile dem unschuldig weißen Wasserrauschen zu überlassen gedachte, entdeckte ich auf dem Spiegelsims ein kleines Maniküre-Set.

Mein Plan überschlug sich.

Entschieden griff ich es mir, betrachtete kurz erwägend die Pinzetten und kleinen Nagelscheren darin, nahm sie kurzerhand an mich und verschwand zurück in mein Zimmer. Kaum, dass ich mich nach meinen Sneakers umzusehen begann, erinnerte ich mich auch schon, dass ich sie nach meinem Nickerchen neben der Couch im Wohnbereich zurückgelassen hatte.

Umgehend bog ich zu meinem Koffer ab und zerrte eines der Ersatzpaare heraus, die Tony kurz vor unserem Aufbruch nach Berlin für mich eingepackt hatte. Es war ein weißes Exemplar mit eisblau gezackten Details, das ich noch nie getragen oder gesehen hatte.

Als ich auf mein Bett sank, stieg ich hinein, griff mir den Hörer meines Telefons und wählte die Kurzwahltaste zur Rezeption.

-/_\-

Ich konnte keine Jacke anziehen, ohne dass Happy nicht unweigerlich Lunte roch, realisierte ich, kaum dass ich fünf Minuten später mit hibbelnden Knien dasaß und die fortschreitende Uhrzeit im Blick behielt.

Kai würde in zehn Minuten bereitstehen, hatte mir die Rezeption versichert.

Draußen waren es aktuell knapp über 10 °C und je weiter es auf den Abend zuging, desto tiefer würden die Temperaturen wohl noch sinken. Ich hatte meinen Sweater gegen einen seicht gefütterten Hoodie gewechselt, aber sonderlich prickelnd erschien es mir trotzdem nicht, ganz ohne Jacke aufzubrechen.

Überhaupt pressten erste herbe Zweifel gegen mein Zwerchfell. Wieder und wieder zwängte ich sie hinab, bis mich eine letzte Woge geradezu schwereloser Entschlossenheit flutete, ich mein StarkPhone in die Bauchtasche meines Hoodies stopfte und mich ruckartig von der Polsterbank erhob.

Mit letztem Blick auf die sorgsam arrangierte Position meines Esstellers, versuchte ich ein wenig unverdächtige Ruhe in meine Brust zu bringen, nahm allen Mut zusammen, holte Luft und rief nach Happy.

Meine Stimme betrog mich, sie quiekte ein wenig, aber er vernahm mich auf Anhieb.

„Was gibt’s?“, schallte es zurück.

Da ich nicht reagierte, vernahm ich ihn den Flur hinab kommen. Meine Hand wanderte in die Bauchtasche meines Hoodies, gerade als er meine angelehnte Zimmertür erreichte, knapp anklopfte und nach kurzem Augenblick öffnete. „Kind, alles in Or--- Verdammt , was macht der Teller hier?“

Kalte Nudeln, Sprossen und Brühe ergossen sich über den makellosen, cremefarbenen Designerteppich.

Mein Herz schlug so fest vor Verblüffung, dass es tatsächlich funktioniert hatte, dass ich um ein Haar meinen Plan vergaß. Happy sah zu mir. Gerade noch rechtzeitig löste ich mich aus meiner Erleichterung und hob missmutig die Achseln.

Der Vorwurf in seiner Miene festigte sich. „Schon einmal etwas von Tischplatten gehört? Diese flachen Dinger auf vier Beinen? Die sind dafür gedacht. Da kann man Teller drauf stellen, auf eine vernünftige, überschaubare Höhe. Schonmal gesehen, ja? --- Jeder , der hier reingekommen wäre, hätte das umgeschmissen.“

Unbeeindruckt wies ich mit dem Kopf in Richtung Bad. „Drüben sind Papierhandtücher.“

Happys Brauen schossen in die Höhe. „B itte ?“

Es kostete mich Überwindung, aber ich kopierte seine Miene. „ Na , ich war’s nicht …“

„Ich weiß, dass ihr euch vorhin schon wieder wegen irgendetwas in die Wolle bekommen habt“, beschied er mir, „aber ich bin kein Fußabtreter, verstanden?“

Widerstrebend senkte ich den Blick, insgeheim so schuldbewusst, dass meine Kehle drückte. Als ich mich wortlos herabbeugte und die verteilten Spieße und den leeren Ramen-Behälter lustlos einzusammeln und auf den Teller zurück zu laden begann, verschwand Happy mit einem Seufzen ins gewiesene Bad.

Kaum, dass ich ihn Schranktüren öffnen und nach Papierhandtüchern fahnden hörte, warf ich alle verbliebenen verstreuten Frühlingsrollen hastig zusammen, griff mir den chaotisch beladenen Teller und erhob mich. Er schien gerade fündig geworden, als ich bereits durch die Zimmertür auf den Flur und weiter hinab in Richtung Esszimmer eilte. Achtlos stellte ich den Teller auf den Esstisch ab, drehte auf dem Absatz, trat an die ausfahrbare Regalwand, mit der sich der Zugang zu den privateren Bereichen des Apartments abschneiden ließ, und betätigte den zugehörigen Schalter.

Das Regal setzte sich leise wummernd in Bewegung.

Es schien mir so elendig lange, dass ich die Luft anhielt, während ich Happy weiter Beschwerden grummeln und mit dem Papier über den ruinierten Teppich rascheln hörte.

Kaum, dass das Regal den Flur zu den Schlafzimmern vollständig abgeschnitten hatte, griff ich mir die nächsten zwei Stühle vom Esstisch, blockierte damit den Bereich, den es brauchte, um die Regalwand wieder an seine Ursprungsstelle zurückzusetzen, zog die Pinzetten und Nagelscheren aus meiner Hoodietasche hervor und stieg auf das weiße Polster.

„Was zum …“ Happy schien in den Flur zurückgetreten. „ Hey !“, schallte es von jenseits der Wand. „Lass den Mist, Sola! Hey! Hörst du mich, verdammt?“ Seine Stimme kippte ins Alarmierte, kaum dass er zu begreifen schien, was wirklich vor sich ging. „ Hey! Was treibst du da? Was wird das?“

Mit zielsicherem Blick stieß ich die Pinzetten und Nagelscheren in die feinen Laufschienen an der Decke und blockierte damit endgültig den Mechanismus. Gerade als ich vom Stuhl herabsprang, schien Happy den Betätigungsknopf auf der anderen Seite gefunden zu haben, denn das Regal ruckelte misslich, stieß erfolglos in die Stühle, zwängte meine präparierte Nagelscherenblockade nur noch tiefer zwischen Schienen und Rollen und besiegelte damit seine endgültige Regungslosigkeit.

„SOLA! SCHIEB DAS VERDAMMTE REGAL ZURÜCK! DAS IST MEIN ERNST.“

Mein Herz sprang, als ich aus dem Esszimmer rannte und mein Blick unversehens die SUN-1 neben dem Couchtisch streifte. Für einen Sekundenbruchteil hielt ich, überwältigt von der ungeahnten Alternative und erwog .

Happys verärgerte Rufe, durchsetzt von nun trommelnd besorgter Warnung, das Apartment bloß nicht zu verlassen, rissen mich vom Anblick des Anzugkoffers wieder los.

Nein .

FRIDAY würde Tony informieren, sobald die SUN-1 aktiviert wäre, und sein Befehl überschrieb jeden, den ich persönlich an MISOTA richten mochte, das hatte Rhodey erst gestern Abend noch einmal bestätigt. Mit der SUN-1 kam ich mit ziemlicher Sicherheit nicht einmal von diesem Dach.

Also schnaufte ich bloß, riss stattdessen die Apartmenttür auf und stürzte zum Aufzug.

-/_\-

Kai betrachtete mich im Rückspiegel.

Seit ich eingestiegen war und ihn gebeten hatte, mich an den Flughafen Leipzig-Halle zu bringen, musterte er mich an jeder roten Ampel und Straßenecke von Berlin so beiläufig, als warte er nur darauf, dass ich mich unvermutet anders entschied und ihn bat, mich doch wieder zum Hotel zurückzufahren. Vermutlich war seine stille Skepsis vor allem meinem StarkPhone verschuldet, das noch beim Anschnallen wiederholt summend meine Aufmerksamkeit eingefordert hatte, ohne dass ich einen der aufdringlich anhaltenden Anrufe entgegengenommen hätte.

Bei Teenagern wohl nie ein sonderlich vertrauenswürdiger Umstand.

Kai konnte nicht wissen, was vor sich ging, nicht wirklich , aber ich spürte, dass er irgendwie ahnte, dass etwas im Busch war, auch wenn ihm die Argumente fehlten, die Situation weiter zu hinterfragen, seit ich ihm knapp zu verstehen gegeben hatte, dass Tony sich derzeit am selbigen Flughafen aufhielt. Eine Bemerkung, die ich gleich hinterhergesetzt hatte, kaum dass ich ihm unser Ausflugsziel genannt hatte, insgeheim zu besorgt, dass er sich ohne diesen recht versichernden Umstand womöglich weigern mochte, eine weltberühmte minderjährige Halbwaise ganz ohne erwachsene Begleitung oder Absprache an ein internationales Verkehrsdrehkreuz zu chauffieren, mochte sie noch so auffällig mit schwarzen Kreditkarten vor seiner Nase herumwedeln. Tony Starks Tochter versehentlich zu entführen, stand sicher nicht auf seinem Businessplan.

Sein unauffällig kurzes Stocken hatte sich anschließend jedenfalls wieder verflüchtigt.

Trotzdem erklärte es nicht, wieso ich ohne Jacke und Personenschutz aus dem Hotel gekommen war, denn spätestens seit gestern besaß auch unser deutscher Fahrer eine zumindest grobe Vorstellung davon, wie genau es Tony mit Schutzvorkehrungen rund um sein einziges Kind nahm.

Dass Kai dies nun beschäftigte, war ihm nicht unbedingt anzusehen, aber doch zumindest anzunehmen, weshalb ich schon jetzt sacht erstarrte, wann immer seine Hände auch nur beiläufig zum Bordcomputer wanderten und kurzweilig aus dem Navigationsfeld in diverse Kommunikationskanäle wechselte.

Wir waren seit knapp dreißig Minuten unterwegs, unser Vorsprung musste sich inzwischen trotz des zäh stockenden Nachmittagsverkehrs, der aus Berlin herausführte, recht vernünftig gestalten.

Dennoch spürte ich meine innere Unruhe die nächste Schwelle fluten, als ich verhalten auf mein StarkPhone herabsah und die neueste eingegangene Nachricht in Augenschein nahm. Inzwischen hatte sich Happy offensichtlich darauf verlegt, FRIDAY die gesamte Litanei zu diktieren, die eigentlich für meine Ohren bestimmt gewesen war, denn mir sah ein halber Aufsatz entgegen:

16:28 Uhr DowntownBuddy: Nur damit du es weißt, ich bin jetzt auf dem Weg. Mag sein, dass mich die Sache mit dem Regal ein wenig aufgehalten hat, aber wenn du dachtest, dass ich mich hiernach hinsetze und nett Däumchen drehe und vergesse, was ist, hast du dich geschnitten. Die Jungs vom Hotel reparieren jetzt die Regalwand, die Schienen sind völlig im Eimer, sie mussten alles abschrauben und rausheben – das wirst du Tony im Übrigen auch erklären müssen. Frag mich nicht wie, denn lustig wird er das alles bestimmt nicht finden. Erst recht nicht, wenn ich ihn daran erinnere, dass sich das ganze nennt. Was, nur zu deiner Information, eine Straftat ist, die ich anzeigen könnte --- nicht werde, aber , oh ja, wenn ich Lust hätte, dir die Ivy League zu ruinieren. Wäre außerdem ein verdammt guter Grund zu kündigen, was ich ihm ebenfalls ausrichten werde, denn – nochmal! – ich bin nicht ---- VERDAMMT! Vorwärts oder rückwärts, entscheide dich! Quer ist keine Option … Nein, nein, das gehört nicht in die Nachricht, das war an den silbernen Skoda gerichtet. -- Doch, ich sagte Transkript, den Wortlaut. Sie soll hören, was ich hierzu zu sagen habe. -- JA, das bedeutet komplett unzensiert. Von Anfang bis Ende. Danke. --- Kann ich wieder? Ja? Ich mache weiter --- Um zum Punkt zu kommen: FRI hat mir deine Positionsdaten geliefert. Sie hat dich im Blick. Ich sammele dich auf, verstanden? Ruf mich . Wir können Tony die Sache später in Ruhe beibringen. Er hat gerade genug um die Ohren. So. Das war’s, bis gleich …

Ich sah, wie Kai die Temperatur im Wagen beiläufig zwei Grad heraufsetzte. Vielleicht waren ihm meine nervös wippenden Knie aufgefallen. Ich hatte tatsächlich kalte Hände, auch wenn alles andere eher Symptom meiner zunehmend wachsenden Zweifel und strudelnden Aufregung blieb.

Da wir uns inzwischen auf einer ungewöhnlich eng gefassten Autobahn befanden (vermutlich gar das engste zweispurige Exemplar, das mir je in Form einer Schnellstraße zu Gesicht gekommen war), bildeten längst nur noch Bäume und Gestrüpp den Großteil meines Ausblicks in einem anhaltend eintönigen Wechsel aus Gelb und Braun.

Der Asphalt summte unter unseren Rädern.

Ich drückte meinen Daumennagel in meine Fingerkuppe. „Wie lange brauchen wir noch bis zum Flughafen?“

Kai sah zu mir. „Etwa eine Stunde.“

Mein Magen rutschte ab. Das war viel länger, als ich erwartet hatte.

Der Flughafen Schönefeld lag anscheinend wesentlich näher und gerade, weil in Deutschland angeblich alles so dicht beieinander lag, dass man an zwei unterschiedlichen Enden des Landes leben und sich trotzdem zu einem Kaffee am Nachmittag treffen konnte, erwischte mich die verbliebene Fahrtzeit kalt.

Unzufrieden schielte ich auf mein StarkPhone zurück, fragte mich jäh, ob ich denn überhaupt rechtzeitig eintreffen würde, dann entsann ich mich, dass Clint unser Apartment nicht sehr viel früher verlassen hatte. Anders als Tony stand ihm kein Iron Man-Anzug oder ein Quinjet zur Verfügung, machte ich mir nochmal bewusst, ganz davon abgesehen, dass er und die anderen angesichts der laufenden Fahndung ganz sicher nicht einfach in einen x-beliebigen Schnellzug nach Leipzig steigen konnten, was bedeutete, dass sie ebenfalls mit dem Auto unterwegs sein mussten.

Meine rauen Zweifel lichteten sich wieder ein wenig.

Auch wenn meine Nerven unverändert sangen.

Eine weitere Nachricht traf ein.

16:35 Uhr DowntownBuddy: Ich hab Tony noch nicht Bescheid gegeben, aber das werde ich, wenn du mich weiter ignorierst. Melde dich.

Zögernd erwog ich, ihm tatsächlich zu antworten, sah aber keinen Zweck darin. Eine Absage würde ihn nur noch mehr verärgern, wie ich vermutete. Und dass ich lebte, konnte ihm FRI ausrichten. Sie besaß schließlich unveränderten Zugriff auf meine Vitaldaten.

Happy ließ trotzdem nicht locker, auch wenn er sichtlich die Strategie wechselte:

16:38 Uhr DowntownBuddy: Nehmt die nächste Abfahrt und haltet an einem belebteren Parkplatz. Und bleib im Taxi, bis ich da bin. Ich bin etwa zwanzig Minuten hinter euch.

Ich wandte den Blick vom Display ab. Meine Brust flimmerte.

Happy einfach zu ignorieren, fiel mir noch schwerer als angenommen. Natürlich hatte ich gewusst, dass er alles daransetzen würde, mich von meinem Plan abzubringen und mich zur Umkehr zu bewegen, aber wie viel Überwindung es mich nun tatsächlich kostete, so gar nicht auf ihn zu reagieren, wühlte mich auf.

Es war nichts Persönliches, erinnerte ich mich schwach. Er würde es verstehen. Wenn schon nicht, warum ich all dies tat, so doch zumindest, dass nichts davon gegen ihn gerichtet gewesen war.

Ich würde mich im Nachgang entschuldigen, bei ihm ganz besonders.

Tränen schwammen in meinen Augen auf. Ich presste meinen Daumennagel zurück in mein Fleisch. Der kurze Schmerz vertrieb das verräterische Nass wieder.

Eine weitere Nachricht traf ein.

16:44 Uhr DowntownBuddy: FRI sagt, es sieht aus, als wolltest du zum Flughafen. Hör zu, das ist eine ganz üble Idee. Tony klärt das. Er weiß, was er tut. Aber das ist nichts, wo du einfach hineinplatzen kannst. Das wird keine Friedenskonferenz. Das ist Iron Man-Einsatzgebiet. Dort geht es ganz schnell drunter und drüber.

Auch, weil seine Worte mich keineswegs kaltließen und mein Magen böse zu brüten begann, nur zu gut wissend, wie recht er hatte, sah ich beunruhigt hinaus, über die ideenlosen Graffitis entlang der vorbeiziehenden Lärmschutzwälle und das blassgelbe Laub der Baumwipfel.

Furcht holte mich auf so vielen Ebenen ein, dass meine Hände klamm wurden.

Etwas in mir wollte klein beigeben und Kai tatsächlich einfach bitten, die nächste Abfahrt zu nehmen, denn es wurde jäh unvorstellbar, dass ich tatsächlich den Mut aufbringen sollte, einfach mitten in diese mehr oder weniger militärische Auseinandersetzung zu treten, in diesen Einsatz , wie Happy es richtig formuliert hatte. Rhodey, Nat und Tony waren soeben dabei in voller Montur einen internationalen Haftbefehl durchzusetzen, raunte die Furcht.

Sie versuchten einen topausgebildeten Attentäter von der Flucht abzuhalten.

Mit kampfkräftiger Unterstützung.

Selbst wenn Tony das ihm zur Verfügung gestellte Spezialkommando tatsächlich fürs Erste zurückhielt, wie vorhin mit Nat besprochen, mochte auch dieses schwerbewaffnete Team bereits nahebeistehen und das Geschehen jederzeit stürmen.

All die donnernden Kampfhubschrauber vom Vortag drängten sich mir auf.

Die Bilder der verwüsteten JCTC-Vorhalle.

Aber wenn sie kämpfen , beharrte die strahlende Anspannung, die harte Wurzeln bis in meine Kehle schlug, wird noch viel Schlimmeres geschehen.

Dann würde es Realität werden, dann würde Tony ---

Das StarkPhone in meiner Hand begann wieder zu summen.

Mein Magen purzelte meine Eingeweide herab.

Anscheinend hatte Happy die Geduld verlassen, denn Tonys Bild sah mir entgegen. So heiter selbstzufrieden er darauf auch aussehen mochte, so mühelos erfolgreich , ahnte ich doch, dass sich die Realität soeben wesentlich anders gestaltete.

Die Beharrlichkeit, mit der FRIDAY den Anrufversuch aufrechterhielt, sprach für sich.

Nicht mutig genug, Tonys Anruf geradewegs abzulehnen, wie ich es bei Happy durchaus getan hatte, summte das StarkPhone so auffällig lange in meiner Hand fort, dass ich bereits zu erwägen begann, es in die Bauchtasche meines Hoodies zu stopfen, um das aufmerksamkeitsheischende Geräusch zu ersticken, ehe Kai noch ernsthaft misstrauisch werden konnte.

Als der Anruf schließlich abbrach, entließ ich den Atem.

Mein Brustkorb füllte sich nur zögerlich wieder mit Luft.

Irgendetwas an dieser jähen Ruhe war fast noch schlimmer.

Bemüht, mir meine Aufregung nicht weiter anmerken zu lassen, sprang ich auf dem transparenten Display in meine Einstellungen ab und reduzierte sämtliche Nachrichtenmeldungen auf ein simples Lichtsignal. Dass Tony einfach aufgegeben haben könnte, war nämlich in etwa so wahrscheinlich, wie dass ich für mein letztes Englisch-Essay den Pulitzer Preis gewann.

Kai schien sich wieder vollends auf die Autobahn zu konzentrieren, trotzdem gab ich weiter vor unbefangen zu scrollen und zu tippen, als FRI mich per aktivierter Lichtbenachrichtigung über eine eingegangene Sprachnachricht von Tony informierte, die mit einer Priorität versendet worden war, die bis zu ihrem Abruf fast sämtliche meiner StarkPhone-Funktionalitäten blockierte und mich damit bereits bestens erahnen ließ, woran ich war.

Mein Magen zündelte, als ich das High-Tech-Smartphone widerstrebend an mein Ohr hob, meinen Ellbogen auf den Fensterrahmen stützte und mit der freien Hand meinen Pony zu richten begann, um meine Miene zumindest ansatzweise vor Kais gelegentlichen Blicken zu verbergen.

„ Starkes Stück, nach der Vorstellung vorhin gleich noch einen draufzusetzen “, verkündete Tony in so unangenehm freudlosem Ton, dass es mir sogleich kleine Gruben in den Bauch mahlte. „ Jetzt gerade schulde ich erstmal einer anderen Primadonna meine Aufwartung, deshalb hier die absolut unmissverständliche klare Ansage: Du rufst Happy zurück und lässt dich von ihm einsammeln und ins Ritz zurückbringen. Und das alles Pronto. “ Seine Stimme sank in eine bitterernste Pause. „ Wenn ich in fünf Minuten keine Bestätigung habe, sperrt FRI sämtliche deiner Kontakte und Zugriffe, außer die, die ich explizit genehmige. Der Ausflug ist abgeblasen, verstanden? “

-/_\-

Obwohl das Parkhaus in Nähe des Flughafengebäudes offen angelegt war und eine kühle Brise hindurch zog, roch es nach Motoröl und Benzin.

Ich hatte die Autotür bereits geöffnet, ehe Kai noch etwas sagen oder aussteigen und sich behilflich machen konnte. Meine sengende Nervosität stand mir inzwischen ins Gesicht geschrieben, das wusste ich, aber nun da ich angekommen war, sah ich auch keinen Grund mehr, ihm noch länger etwas vorzuspielen.

Ein bewaffnetes Sonderkommando hatte die Zufahrt zum eigentlichen Flughafengebäude gesperrt und alle sich nähernden Fahrzeuge in eine Umleitung gewunken, deshalb hatten wir zuletzt weitere Minuten in einer dahinschleichenden Stauschlange aus Taxen, Lieferwagen, Bremslichtern und gelegentlichem Hupen festgehangen, bis ich Kai schließlich aufgefordert hatte auszuscheren und eines der entlegeneren Parkhäuser des Flughafens anzusteuern, um dort abzuwarten, während ich Tony über unser Eintreffen informierte – was natürlich bloß eine weitere notgezimmerte Lüge gewesen war. Irgendwie hatte ich Kai schließlich davon abhalten müssen, den nächsten Beamten anzusprechen und genauer nachzuhaken, wie es zu der Komplettsperrung kam und wie man sie am besten umgehen konnte.

Dass ich mich abschnallte und die Tür aufwarf, kaum dass er wirklich gehalten hatte, schien deshalb zurecht ein wenig verdächtig.

Die laue Unruhe in seinem Gesicht, sagte mir bereits, dass ihm die ganze Situation endgültig nicht mehr geheuer war. Auch er musste die Nachrichten und Ereignisse der vergangenen Tage verfolgt haben. Auch er wusste vom JCTC, vom flüchtigen Winter Soldier und den internationalen Haftbefehlen, die mitunter auf Steve Rogers Namen lauteten.

Dass der Flughafen soeben abgeriegelt wurde, reihte sich da nur unheilvoll ein.

„Mein Dad ist hier“, ließ ich ihn aus diesem Grund schnell wissen, als ich bereits ausstieg. „Sie können ruhig fahren. Er weiß, dass ich auf dem Weg bin. Danke nochmal!“

Sein Blick sank auf den kleinen Bordcomputer neben seinem Lenkrad. „Entschuldigung, Miss Stark Waters, aber hier steht, dass der komplette Flughafen evakuiert wird. Ich denke nicht, dass-“

Ich schlug die Tür hinter mir zu und lief im Eilschritt die Passage aus geparkten Fahrzeugen hinab, ehe er sich noch halbherzig darum bemühen konnte mich zurückzurufen.

Der späte, lange Sonnenschein erhellte die unterschiedlichen Ebenen des Parkdecks.

Obwohl ich bezweifelte, dass er mir folgen würde, beeilte ich mich, während ich meinen Blick herzlich orientierungslos über die blaue Parkhaus-Beschilderung springen ließ, die zum Glück auch in Englisch gehalten war.

Gut dreißig Fuß später realisierte ich nicht nur, dass ich Kai ganz ohne Bezahlung dasitzen lassen hatte, sondern auch, dass ich in die vollkommen falsche Richtung gelaufen war, also machte ich wieder kehrt, verschwand hinter die nächste Reihe geparkter Fahrzeuge, schüttelte das längst von allen Seiten auf mich niederpressende schlechte Gewissen ab und durchquerte die gesamte Parkebene, bis ich endlich das Treppenhaus fand und die schwere Eisentür donnernd hinter mir ins Schloss fallen ließ.

Gleich zwei Stufen auf einmal nehmend preschte ich die restlichen Parkdecks zur ausgewiesenen Verbindungsbrücke hinauf.

Meine Beinmuskulatur wie auch meine Lungen protestierten, als ich die anvisierte Ebene erreichte, eine weitere Eisentür mit Klicken und Schnaufen aufstieß und mich jäh in einer Bucht voller Parkautomaten wiederfand. Fast schon auf der Brücke zum Terminal entschied ich mich jählings wieder um, als ich unvermutet Stimmen vernahm, die auffällig nach letzten gebäuderäumenden Sicherheitskräften klangen. Umgehend machte ich wieder kehrt, verschwand zurück in den Vorraum, aus dem ich gekommen war, lehnte mich an die kalte Fliesenwand hinter einem besonders hohen Automaten und zog holpernden Herzens mein StarkPhone hervor.

Eine neue Nachricht von Tony sah mir entgegen. Sie war fünf Minuten alt.

17:32 Uhr IronDad: Was auch immer so dringend ist, dass es partout nicht warten kann, besprechen wir, sobald ich hier fertig bin. Bleib im Parkhaus. Happy ist auf dem Weg.

Tony wusste, wo ich war. Natürlich wusste er es.

FRIDAY musste ihn über mein Eintreffen informiert haben, kaum dass ich Fuß auf das Gelände gesetzt hatte.

Da sämtliche meiner Apps weiterhin gesperrt schienen und FRI bedauerte, dass sie nicht länger autorisiert war, mir Tonys genaue Position mitzuteilen, stieß ich mich wieder von der Wand ab, schob mich, so leise es die schwere Tür ermöglichte, ins betonierte Treppenhaus zurück und trat dicht vor den nächsten Gebäudeplan, auf der Suche nach einem vielversprechenden Ausgangspunkt meiner Suche.

Die nächste Nachricht erreichte mich.

17:39 Uhr DowntownBuddy: Stecke im Stau. Bin in etwa einer halben Stunde da. Tony sagt, er behält deine Zone im Blick. Bislang ist alles ruhig, aber du sollst dich nicht mehr vom Fleck rühren und dich vom Flugfeld und den Hauptgebäuden fernhalten.

Mein Blick flog zum Plan zurück.

Es war so kühl, dass der verbliebene Schweiß meines kurzen Treppensprints mich unter meinem Hoodie unweigerlich frösteln ließ.

Ich zitterte.

Dass das Gelände evakuiert war, spielte mir eigentlich sogar in die Karten. Es würde sehr viel einfacher werden, mich bemerkbar zu machen, denn --- mehr brauchte es gar nicht.

Ich musste schließlich nichts anderes, als hier sein.

Mittendrin und sichtbar für jeden .

Mein Magen sackte in meine Knie, als ich plötzlich begriff, was dies wirklich bedeutete.

Ich musste --- aufs Flugfeld.

Und nicht auf irgendeines, zerlegte mein Verstand schon weiter, nein , dasjenige, an dem Charterflüge und Privatmaschinen bereitstanden. Denn eben dorthin würde es Steve und die anderen ziehen, ganz gleich, wo sie sich jetzt gerade befanden, nicht wahr? Darum ging es ihnen: Um eine Maschine, die sie aus Deutschland fortbrachte.

Ob sie trotz allem die Konfrontation mit Tony, Nat und Rhodey suchten, sie würden es ganz sicher nicht länger auf einen waschechten Kampf anlegen. Nicht, wenn ich mich auf demselben Areal bewegte wie sie.

Ich musste zwischen die Fronten.

Anders funktionierte es nicht.

Nur so ließ sich verhindern, dass noch mehr geschah; dass ich sie womöglich alle --- verlor .

Als ich mich unvermittelt umdrehte, stieß ich in eine Gestalt.

Ich hatte sie nicht herannahen bemerkt und als ihr Blick auf den meinen traf, wusste ich auch wieso.

Das Universum raunte zwischen den Fingerkuppen ihrer seicht gehobenen Hand, als Wanda mir mit so bedauernder Miene begegnete, dass es mich unweigerlich in starre Überraschung versetzte.

„Tut mir leid“, sagte sie still, als sie schnippte.

Alles um mich herum verschwand; die Kälte, das Treppenhaus, wie auch sie selbst.

Singende, schnatternde Fauna trat an ihre Stelle, gewaltige grüne Palmblätter, Lianen, Orchideen und Moos, eine schwere, satte Wärme, die bis in die Knochen reichte und mich voll und ganz überwältigte.

Für eine Sekunde tatsächlich überzeugt aus einer absurd lebendigen Schreckfantasie erwacht zu sein, vielleicht gar einem fiebrigen Hitzeschlag, blinzelte ich und starrte direkt an die von blühenden Epiphyten übersäte Felswand vor mir, dem Eingang in dieselbe Tropfsteinhöhle aus derselben Erinnerung , die ich Wanda erst wenige Tage zuvor offenbart hatte.

Tonys Stimme drang aus der hallenden Höhle zu mir heraus, eine Salve gespielter Ernüchterung, die den gesamten ambitionierten Fußmarsch hierher auf ein schulterzuckendes Tja reduzierte.

Ich wusste bereits, dass Pepper sich jeden Moment nach mir umsehen und sich fragen würde, wieso ich den Köder nicht schluckte und wo ich blieb, ahnungslos, dass ich in eben diesen Sekunden eine Nachricht an Elijah schrieb, einen scherzhaft gemeinten, heimlichen Hilferuf aus der grünen, summenden Hölle.

Erst da verstand ich, was geschehen war.

Was Wanda getan hatte.

Gefangen in meinem Kopf stand ich mitten in Barbados Urwald – einer Falle, die ich selbst erwählt hatte, als Wanda im Pool hinter mich getreten war und sanft schmunzelnd um die Schlüssel gebeten hatte.