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Menschliches Versagen

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Menschliches Versagen

Disclaimer:

Zitate aus dem Marvel Studios-Film Captain America: Civil War (2016) werden in diesem Kapitel durch besondere Anführungszeichen ("'..."') ausgewiesen.

Kapitel 23: Menschliches Versagen

Die Sonne stand auffällig tief, als das urwaldbunte Zirpen, Trällern und Rascheln um mich herum verstummte und ich nervös die Augen aufschlug.

Ich wusste nicht, wie viel Zeit vergangen war; wie lange ich tatsächlich durch endloses tropisches Gestrüpp gestolpert war und nach Wanda und jedem anderen Avenger geschrien und geflucht hatte, bis ich schließlich nur noch auf den weichen Regenwaldboden gesunken war und mich eigenständig in die Realität zurück zu zwingen bemüht hatte.

Es war mir nicht gelungen.

Sämtliche meiner vergeblichen Versuche waren schon vor Minuten in panikschäumender Kapitulation geendet und beängstigenden Hirngespinsten gewichen, die sich zu fragen begonnen hatten, was geschehen würde, wenn Wanda etwas zustieß oder sie einfach nie wieder zurückkehrte und ich dieses magische Wachkoma ohne ihre Hilfe womöglich nie mehr zu verlassen vermochte …

Weshalb ich umso überforderter war, als ich mich urplötzlich wieder ganz alleine auf dem kalten Betonboden des Treppenhauses wiederfand und durch die herbe Stille blinzelte.

Von den Avengers keine Spur.

Nicht einmal von Happy.

Illusionen und Gedankenpaläste mussten von Wanda am Leben gehalten werden, erinnerte ich mich, sonst lösten sie sich irgendwann wieder auf. Das hatte sie erst vor wenigen Tagen erwähnt, als ich zu verstehen versucht hatte, wie haltbar ihre Magie in meinem Kopf tatsächlich war.

Das hier musste ein solcher Gedankenpalast gewesen sein, begriff ich. Ein kleiner, feiner Kerker aus Erinnerungen, in den sie mich für eine vorbestimmte Halbwertszeit gestoßen hatte.

Eine sorgfältig ausgehobene Grube.

Und Wanda hatte schon am Dienstag gewusst, dass sie sie brauchen würde. Vielleicht bloß, um mich notfalls schnell und verhängnislos außer Gefecht setzen zu können, oder aber vielleicht auch, um Tony abzulenken, eine neue Verhandlungsbasis zu schaffen, ihn --- zu erpressen .

Dass ich nicht gewusst hatte, welchen Ausgang der ganze Aufruhr rund um Lagos, das Sokovia-Abkommen und Wien schon in den kommenden Stunden nehmen würde, bedeutete nicht, dass sie sich nicht längst darüber im Klaren gewesen war. Sie hatte bereits für einen solchen Moment kalkuliert, für den Zeitpunkt der Eskalation, hatte mich scheinbar deshalb überhaupt erst zum gemeinsamen Schwimmen eingeladen, eine kleine magische Show für mich aufgeführt, die mich nichts Böses hatte wittern lassen, während sie eigentlich bloß in meinen Kopf zu kommen versucht hatte, ohne dass ich begriff, was sie tat oder welchen Zugang sie legte. Erst jetzt erkannte ich, dass sie mich ganz gezielt eine behagliche Erinnerung hatte heraufbeschwören lassen, einen dieser kleinen glücklichen, noch sehr frischen Momente, der – anders als alles vor unserem Autounfall – keinerlei Heimweh oder Kummer in mir auslöste. Eine Erinnerung, in die sie mich ohne große Gewissensbisse für eine Weile hatte wegsperren können, weil sie Tony und Pepper beinhaltete und einen paradiesisch unbeschwerten Nachmittag. Vielleicht bloß, damit sie sich später rechtfertigen konnte, mich nicht unkontrolliert in mein Unterbewusstsein gestoßen zu haben, wie Tony und die anderen dereinst in Johannesburg.

Sie hatte mich reingelegt. Nein, viel schlimmer noch, sie hatte mich benutzt .

Der schiere Gedanke, dass sie eigentlich genau das getan hatte, vor dem Tony all die Zeit gemahnt hatte und das ihm nun recht in allem gab, was er je zu Wanda zu sagen gehabt hatte, selbst heute Nachmittag noch, ließ mein Herz derart kraftlos in sich zusammenschrumpfen, dass es wehtat.

Ich versuchte mich aufzurichten.

Meine Beine waren dank meines Deliriums als auch der begonnenen Unterkühlung taub. Das Kribbeln, das sie scharf wie tausend kleine Nadelstiche erfasste, kaum, dass ich mich zurück auf die Füße zu hieven begann, ließ mich ächzen.

Finster zog ich mich am nahen Treppengeländer hoch, entdeckte dabei mein StarkPhone hinter meiner rechten Ferse, hob es vom Boden und sah auf die Uhr.

18:02 .

Nicht so spät, wie ich befürchtet hatte.

Lediglich zwanzig Minuten schienen vergangen, auch wenn es sich wie Stunden angefühlt hatte. Trotzdem beantwortete es keine einzige meiner quälenden Fragen.

Dass Tony nicht wieder geschrieben oder sich weiter nach mir erkundigt hatte, ließ sich irgendwie erklären: Ich war , wie von ihm verlangt, endlich an Ort und Stelle verblieben, was FRIDAY ihm so vermutlich auch geradewegs bestätigt hatte, vollkommen ahnungslos, dass es in Wahrheit bloß knebelnden Halluzinationen zu verdanken gewesen war, die mich anscheinend in eine Schlafparalyse versetzt hatten.

Tony musste annehmen, dass ich aufgegeben hatte und nun tatsächlich auf Happy wartete, der eigentlich schon bald hier eintreffen musste.

Er hatte gar keine Ahnung, was tatsächlich geschehen war, realisierte ich. Niemand hatte ihn gewarnt oder informiert, was eigentlich nur daran liegen konnte, dass es niemand sonst wusste .

Wanda hielt meine Anwesenheit vor Clint, Sam und Steve verborgen --- damit sich keiner von ihnen zurückhielt --- damit es niemanden davon abhielt, notfalls den Kampf zu suchen und in den Schusswechsel zu treten, um erfolgreich zu entkommen.

Sie sah, was ich sah.

Wenn sie wissen, dass ich hier bin, werden sie zögern.

Und dann holte mich die entscheidende Erkenntnis ein. Dass niemand – nicht einmal Tony – nach mir sehen lassen hatte, konnte nur eines bedeuten: Die Lage war noch nicht geklärt.

Sie waren alle noch hier .

Ich stürzte die Stufen herauf, stieß die schwere Eisentür beiseite und platzte in die verlassene Bucht aus Parkautomaten, die geradewegs zur Verbindungsbrücke in Richtung Terminal führte.

Diesmal lauschte ich nicht erst nach, ob das Flughafenpersonal letzte evakuierende Runden drehte. Ich sprintete ohne Halt ins Terminal, das mir mit seinen unzähligen Schildern, digitalen Anzeigen, Rollbändern, Shops und baugerüstartigen Dachkonstruktion für einen Moment so sehr den Überblick raubte, dass ich wiederholt stoppte und auf der orientierungslosen Suche nach einem Bereich ohne Parkplätze und Gebäude die umgebende Landschaft absuchte.

Das späte Sonnenlicht flutete die lange, unheimlich verwaiste Halle wie strahlende Bronze.

Aus dem Augenwinkel erhaschte ich endlich die Sicht auf einen kleineren Privatjet, doch die Reflexion der tief stehenden Sonne blendete so sehr, dass ich zurück zur Glasfront hasten musste, um mir wirklich sicher zu sein.

Da .

Ein im Vergleich recht überschaubares Flugfeld präsentierte sich mir: kleinere Stellplätze, Tankwagen, Hubschrauber, Segelflieger und einmotorige Propellermaschinen, wechselten sich mit einem gelegentlich größeren Firmenjet ab.

Der ein oder andere Hangar stand offen. Und dort ---

Iron Man.

Ich hatte keine Zeit darüber nachzudenken, was es bedeutete, dass Tony soeben zwei Gestalten im Flug nachsetzte, die eindeutig in Richtung eines weiter entfernten Gebäudes liefen, denn ich fuhr bereits herum, eilte suchend weiter und machte einen überstürzten Bogen um einen Informationsstand, als mein Blick auch schon eine offen stehende Personaltür streifte, die vermutlich zum ebengleichen Flugfeld hinabführte, und jählings stoppte.

Es war nicht nur dem Geräusch mehrerer dicht aufeinander folgender Detonationen verschuldet, die das Terminal so merklich zum Beben brachten und mich in ihrem erschreckenden Getöse so kalt erwischten, dass ich für eine Sekunde befürchtete, irgendetwas sei direkt im Stockwerk unter meinen Füßen in die Luft gegangen, sondern vor allem die schwarz gekleidete Gestalt geradewegs vor mir, die zuvor noch nicht dagewesen war, ganz sicher nicht , und die bei meinem Anblick genauso unvermutet erstarrte wie ich.

Es trennten uns mindestens fünfzig Fuß und doch gab es keinen Zweifel.

Das lange, ins Gesicht fallende Haar, der leblose Blick --- der Metallarm …

James Barnes . Der Winter Soldier.

Er starrte mich an.

Feuer und Rauchschwaden erhoben sich weit draußen auf dem Flugfeld.

Eine erstickende Enge überfiel meine Brust, fegte meinen Kopf leer und lähmte mich, während ich vollkommen regungslos seinen beunruhigenden Blick hielt wie er den meinen. Wir, die zwei einzigen Menschen im gesamten Terminal.

Er öffnete den Mund. Eine heiser schleppende Stimme materialisierte sich und doch schien sie ein Deut zu aufmerksam, als dass er mich nicht ebenfalls erkannt hätte: „Was machst du hier?“

Es war keine Absicht, keine Entscheidung, kein Gedanke . Es war reiner Selbsterhaltungstrieb, als ich, ohne auch nur Atem zu holen, schlagartig zur offenstehenden Personaltür losstürzte.

„Hey!“

Der kurze Ausruf und das Geräusch seiner mir rasch nachsetzenden Schritte trieben mir den nackten Schweiß aus sämtlichen Poren. Zu verängstigt, um die erste von ihnen überhaupt kommen zu sehen, fiel ich fast die Stufen hinab, ruderte ungebremst ins Leere und dann den Rest nur vage kontrolliert weiter, ehe ich am Ende des ersten Treppenabschnitts vollends gegen die Wand krachte, mich hastig wieder von ihr abstieß und drei wahnwitzige Stufen auf einmal überspringend weiter hinab in Richtung Erdgeschoss flüchtete.

Mein linker Fußknöchel ziepte, aber die jähe Panik war lauter, sie schäumte , ich vernahm nicht einmal, was Barnes mir hinterherrief, nicht genug , um mehr als ein „Bleib hier!“ und ein wiederholtes, inzwischen eindringlicheres „Warte! Nicht da raus! Hey !“ zu verstehen.

Kopflos stürzte ich weiter, durch einen breiten Korridor voller unbeladener, abgestellter Gepäckwagen auf die nächste offenstehende Tür an seinem Ende zu und hinaus in eine kleine Vorhalle mit Sitzbänken und automatischen Schiebetüren, die direkt aufs Charter-Flugfeld hinausführten.

„Hey! Verdammt , Mädchen, ich tu dir nichts ---“

Gerade als ich mit heißem Schreck realisierte, dass der Strom abgestellt war und keiner der Bewegungssensoren auf mein Herannahen reagierte, streifte mein panischer Blick ein weiter entferntes, anscheinend gewaltsam aufgestemmtes Exemplar. Ich schlug einen Haken, gefährlich nah an seinem Metallarm vorbei, während Barnes seltsam entnervt stoppte und die Hände hob, als zögerte er tatsächlich nach mir zu greifen, nur um mir gleich wieder mit einem knappen Schnaufen in Richtung offenstehender Tür nachzusetzen.

Eine weitere Detonation und das laute Scheppern und Kreischen von sich katastrophal verbiegendem Metall und splitterndem Glas ließ mich über meine eigenen Füße stolpern und sandte mich schmerzhaft auf die rauen Fliesen.

Mein linker Handballen brannte auf, aufgerissen von dem unkontrollierten Aufprall, aber mein Herz schlug so viel lauter. Sofort schwang ich mich zurück auf die Beine und wieder in den Sprint.

Barnes erwischte meinen Hoodie, vielleicht auch meinem Ellbogen. „ Hör zu , wenn du da raus läufst-“

Ich spürte das straffe Zerren von Stoff, als ich meinen Fuß blindwütig gegen sein Knie stieß und mich ihm aggressiv entriss und weiter hinaus in die kalte Abendluft auf das Flugfeld rannte, vollkommen taub für jedes Wort, das er mir heiser bellend hinterherrief. Erneut schlug ich einen Haken zur Seite davon, wie Rhodey es mir über Monate als Exit aus jedem weiteren Nahkampf eingedrillt hatte, verschwand hinter einem dort abgestellten Förderbandwagen und registrierte unvermutet all die kleinen Brände entlang des nahen Parkhauses, wie auch einen Berg scheinbar übereinandergeworfener Autowracks, die zuvor noch nicht da gewesen waren und sich inzwischen vor dem grauen Betongebäude türmten. Die Fassade des Parkhauses schien herausgerissen – als habe die Hand eines Giganten geradewegs hineingegriffen und eine große Portion von allem darin Befindlichen herausgeschabt.

Die dünnen Rauchschwaden der schwellenden Brände begannen schon jetzt die frisch zerbeulten Autowracks zu schwärzen.

Es stank nach Kerosin, Öl und verbranntem Gummi. Meine Kehle kontrahierte.

Ich hörte Stimmen, schwere Unruhe, obwohl das Flugfeld vor mir ansonsten weit und verlassen schien, abgesehen von dem guten Dutzend noch unbeschädigter Kleinpropellermaschinen, Hubschraubern, weißen Transportern und sperrigen Flughafenfahrzeugen, die meine Sicht blockierten.

Meine Beine fielen taub und meine Sicht begann zu schwimmen; mein flacher Atem kam endgültig nicht länger hinterher, als ich meine Schritte wiederholt zu beschleunigen versuchte, zu gleichen Teilen auf der Flucht wie auf der Suche.

Ich entschied gerade, hinter dem nächsten Flughafenlaster in Richtung Feld abzubiegen und irgendwie auf mich aufmerksam zu machen --- als sich plötzlich etwas mit unverhoffter Kraft und Entschlossenheit um meinen Oberkörper schlang, mich mitten aus dem Lauf fing und geradewegs von den Beinen hob. „ Whoa , nicht so schnell.“

Obwohl mein Gehör vor Adrenalin summte, erkannte ich seine Stimme. Meine Finger krallten sich in seinen Arm. Entgeistert stellte mich Clint wieder ab und riss mich zu sich herum. „Was zum Teufel hast du hier verloren?“

Mein Herz trommelte, während mein Blick geradewegs an seiner Schulter vorbei ging. Noch zu erstickt, um auch nur einen Ton herauszubekommen, sah ich, dass Barnes wenige Fuß von uns entfernt innegehalten war.

Er betrachtete uns einen Moment, dann lief er schon wieder los und in andere Richtung davon. Wohin es ihn diesmal zog, konnte ich nicht ausmachen. Die hohe, weiße Wand des Lasters versperrte mir die Sicht.

Clint versetzte mir einen seichten Stoß. „ Hey .“

Seine Iris blitzte.

Dass er mit derart angespanntem Blick in voller Montur vor mir stand, von Köcher über Kevlar bis Bogen, raubte mir auf seine ganz eigene Weise die Sprache. Ich konnte nicht sagen, ob er böse, entsetzt oder vielmehr besorgt war, dafür blieb seine Miene zu blank, zu fokussiert, aber seine gefurchte Stirn zeugte ganz sicher nicht von Freude über meinen Anblick.

Tatsächlich konnte ich mich nicht erinnern, dass Clint mich jemals auf diese Weise angesehen hätte, geklungen hatte er allerdings schon so, auch wenn in damaliger Nacht die annähernd zweitausend Meilen von Montauk bis Missouri zwischen uns gelegen hatten – und das vermutlich ganz zu meinem Glück, wenn ich mich richtig entsann.

Jetzt da ich nicht mehr lief, spürte ich meine Knie, wie auch meinen gezerrten Knöchel vage pulsieren. Der Schmerz drang nicht zu mir durch oder vielleicht begann er sich gerade erst zu formen, aber etwas tief in mir drin begann trotz allem zu schwächeln und zu zittern. Das nahe Krachen und Schleifen von Metall auf Asphalt verstärkte es nur.

„Ich wollte …“ Meine Kehle presste sich zusammen. „… bloß verhindern …“

Ehe ich viel weiterkam, erschallte ein laut warnendes „ CLINT !“ – war es Nat? – und in der nächsten Sekunde warf er schon den Arm um mich und riss mich mit sich herum in die Hocke.

Er tat es keinen Moment zu spät.

Nahezu zeitgleich überwältigte eine dröhnende Explosion mein Gehör, rollte mit schwellendheißer Kraft über uns hinweg und ließ nur wenige Fuß entfernt einen gewaltigen Feuerball gen Himmel steigen, der meine Schuhsohlen binnen Sekunden erhitzte.

Eine schwarzmaskierte Gestalt krachte neben uns zu Boden, schwarzer Rauch und rote Flammen hinterließen eine lodernde Wand und das brennende Gerippe eines explodierten Tankwagens schlitterte mit schwerem Quietschen und Krachen aus und blieb auf seinem vollständig zerstörten Dach liegen, die gewaltigen Räder in die Luft gereckt wie ein gigantischer, abgeflämmter Käfer.

Halb auf dem Asphalt sitzend und Clints schirmende Hand mitsamt seines Fingerschutzes noch immer in die rechte Hälfte meines Gesichts gepresst, stierte ich schockiert in die Flammen und versuchte zu verstehen, woher der Tankwagen gekommen war und wie --- wie all das hier real sein konnte.

Der Flughafen sah aus wie ein Schlachtfeld. Barnes lief frei herum, während die Avengers und irgendwelche anderen maskierten Gestalten einander mit waschechter Munition bearbeiteten, tonnenschwere Fahrzeuge durch die Luft schleuderten, Flugzeuge und Hubschrauber demolierten und irgendwo nahebei aufeinander eindroschen. Und über allem stand so dichter Rauch, dass es mich längst würgen ließ.

Es war exakt, wie ich befürchtet hatte. Nein, es war schlimmer .

Mir tat die Brust weh. Ob vor Angst, vor Qualm oder vor Schreck wusste ich nicht.

„ Was verdammt war das?“, stieß Clint aus.

Ich zuckte zusammen, dann begriff ich, dass er mein Gesicht zwar mit eindringlichem Blick auf Verletzungen absuchte, aber eigentlich gar nicht mit mir, sondern in sein winziges Headset sprach.

„Ihr habt Nat und T‘Challa fast erwischt ---“ Er brach ab. „ Ja , ich war gerade dabei, als Sola hier aufgetaucht ist. --- Sola . --- Keine Ahnung. Wenn er es nicht wusste, weiß er es gleich. --- Wie ? Ich kann sie nicht weiter übers Feld laufen lassen, während wir mit explodierenden Tanklastern nacheinander werfen. Wo steckt Sam?“

Sie --- sie mussten damit aufhören. Sofort . Sie mussten ---

Panik schwellte in mir auf.

Clints Hand drückte mich bestimmt zurück auf den kalten, harten Boden, als ich schnaufende Anstalten machte, mich unter seiner nach wie vor geduckt hockenden Gestalt hindurch zu winden. Die raue Struktur des Asphalts drückte sich durch meine Leggings. Mein geprelltes Knie protestierte. Ich biss mir auf die Zunge.

„Verstanden.“ Er seufzte. „Versuchen wir’s.“

Immer noch ließen sich keinerlei Schemen hinter dem dichten, schwarzen Qualm erkennen, den der explodierte Tankwagen zurückgelassen hatte. Clint richtete sich auf und half mir auf die Beine, nur um sich gleich vor mir herabzubeugen und meinen Blick konsequent einzufangen.

„Wenn ich gerade nicht so beschäftigt wäre …“, begann er mit grimmig gepresstem Lächeln, hielt funkelnden Blickes inne, behielt den unheilschwangeren Gedanken dann anscheinend doch lieber für sich, nickte bloß knapp, sah über die Schulter und richtete sich wieder auf. Wortlos justierte er den Griff an seinem Bogen, fasste fest nach meiner Hand und zog mich mit sich in einen leichten Trab das Terminalgebäude entlang, fort von den schwellenden Flammen des Wracks.

Sein Fingerschutz drückte in meinen aufgeschürften Handballen und hinterließ ein schroffes Brennen, mehr noch, weil sein Griff sich eisern unnachgiebig festigte, als ich wegen meines noch immer seicht nachziependen Knöchels mehr unwillig hinterher stolperte.

„ Cli nt“, begann ich erstickt.

„Verschieben wir das auf später, ja?“

Wir joggten um abgestellte Gangways und Transportkisten in Richtung mehrerer haushoher Wassersilos. Hinter dem demolierten Parkhaus öffnete sich das Flugfeld und offenbarte einen noch etwas weiter entfernten Hangar, den großen Linienbetrieb und das ferne Rollfeld.

Die tiefe Sonne ließ die Fenster des Towers rötlich schimmern.

Im entfernten Hangar stand ein Quinjet. Ich erkannte die geneigte Nase und seine militärisch kompakte Form auch aus der Ferne unweigerlich als eines der Exemplare aus dem Hauptquartier, doch von Tony, Rhodey und Nat blieb nach wie vor keine Spur.

Dumpf begriff ich, dass der Quinjet das Transportmittel sein musste, auf welches es Steve und die Anderen abgesehen hatten.

Nicht wirklich überraschend.

Mein rechtes Knie pochte mit meinem Handballen um die Wette.

Ich reckte den Kopf, auf der Suche nach Tony oder Rhodey, doch unser schneller Trab machte es unmöglich irgendetwas in den Rauchschwaden in unserem Rücken klar zu erkennen. Clint beschleunigte seine Schritte, bis ich kaum mehr hinterherkam – nicht, dass ich überhaupt eine Wahl zu haben schien – ehe wir schlussendlich unvermittelt hinter einem größeren Transporter ausliefen.

Wir stießen auf Steve.

Kaum, dass sein Blick auf mich fiel, zerfiel seine Miene in sichtbarer Ungläubigkeit, ganz als sei es erst meine physische Präsenz, die ihn wirklich davon zu überzeugen vermochte, dass Clint sich nicht bloß eine undurchsichtige Ausrede für seine vorherige Untätigkeit aus den Fingern gesogen hatte.

„Was zum … Sola !“ Steves Atem revoltierte, als er sich unvermittelt abwandte und einen so frustrierten Schritt beiseite machte, dass ich für den Bruchteil einer Sekunde sogar vergaß, dass er es war, der uns seit Tagen im Stich ließ; der mich enttäuschte .

Enerviert kehrte er zurück, seinen weltbekannten Schild regungslos umfasst, während seine Miene mit derart sichtbarem Urteil auf mich herabsah, dass ich mich trotz seiner CNN-tauglichen Aufmachung unweigerlich an seinen Ausbruch vom vergangenen Wochenende erinnert fühlte. „Willst du, dass dich einer von uns umbringt ?“

„Ich wollte das hier verhindern !“ Ich atmete schwer, sowohl von unserem langen Sprint, wie auch niederpressender Aufregung. „Wenn ihr mich gesehen hättet, bevor …“ Meine Kehle verengte sich. „ Ich wollte , dass ihr mich seht , damit --- eben damit ihr aufhört !“

„ Das war dein Plan? Auf ein Schlachtfeld zu rennen und darauf zu hoffen, dass dich alle rechtzeitig bemerken und das Feuer einstellen? Das --- das ist Wahnsinn , Sola!“

„Ach ja ?!“, stieß ich scharf aus. Wut flämmte in mir, kitzelte meine Leber und mein dröhnend pochendes Herz, nur zusätzlich angefacht von meiner unverändert brennenden Hand in Clints dichtem Griff, der sich nicht einmal jetzt ein Deut löste, da wir innegehalten waren. Erfolglos versuchte ich mich von ihm zu befreien. Die Art, wie er sich davon gar nicht weiter beeindrucken ließ, seine Finger nicht einmal reagierten , ließ meine Stimme explodieren. „Ich müsste es gar nicht “, fuhr ich Steve an, „wenn ihr nicht aufeinander schießen und alles verwüsten --- und ruinieren würdet wie --- wie bescheuerte IDIOTEN -“

„ Okay , hey!“ Clints scharfer Ton schnitt durch mich hindurch.

Ich verstummte noch auf dem Konsonant.

„Sam sagte, sie sammeln sich“, informierte Steve ihn. „Vermutlich, um sich neu zu formieren. Wir sollten keine Zeit verschwenden.“ Er sah zu mir zurück, nur noch ein bestimmter Blick hinter blauer Maske. „Weiß Tony, dass du hier bist?“

Ich presste die Lippen aufeinander, spiegelte seine reservierte Fassade.

„Das Memo traf etwas ungünstig ein, irgendwo zwischen Parkhauspolo und Diskuswerfen“, erschallte es.

Augenblicklich wechselten Steve und Clint in einen gewappneten Stand.

Iron Man stieg hinter dem Transporter in die Höhe, blieb auf etwa acht Fuß Höhe schweben und sah mit geschlossenem Visier auf uns herab. Er wandte den Blick in meine Richtung. „Du steckst in so gewaltigen Schwierigkeiten …“

Seine technisch verdichtete Stimme vergrößerte nur den Schauer, der umgehend mit flatternder Unruhe in meine Bauchgrube hinabrieselte.

Obwohl seine Repulsoren klar zu Boden gerichtet blieben und ihn lediglich stationär in der Luft hielten, lag genug Bedrohlichkeit in der schieren Präsenz seines Anzugs, um Steve als auch Clint in reger Wachsamkeit zu belassen. Das Gefühl, in seinem direkten Fadenkreuz zu stehen, war nicht abzuschütteln.

Rhodey schoss in seinem Rücken vorbei.

Mir entging nicht, wie Clints Blick im selben Moment zu Wanda herüberglitt, die soeben mit Barnes und einer weiteren, mir unbekannten Gestalt über den weiten Platz in Richtung des fernen Hangars los eilte. Ein kleines Stück weiter brach auch Nat aus ihrem Schleichweg zwischen einer Reihe Hebebühnen hervor.

„Die Schule hat angerufen, Tony.“ Clint ließ meine Hand los. „Sieht aus, als müsstest du dir den restlichen Tag freinehmen.“

Tony schnaufte. „Ich gebe euch fünf Sekunden. Die Richtung überlasse ich euch.“

In der Ferne entbrannten neue Gefechte. Sam und Rhodey schossen aufeinander und versuchten sich eindeutig gegenseitig aus der Luft zu holen, um den Luftweg zum Hangar zu erobern, während Wanda Vision und Nat zugleich mit ihrer Magie auf Abstand zu halten versuchte. Transportboxen und Flughafenschlepper flogen wie Pappgestelle durch die Luft und zerschmetterten auf dem Asphalt. Barnes schien dem Hangar am nächsten, in einen brutalen Nahkampf mit der mir unbekannten schwarzmaskierten Gestalt verwickelt. Beide brachten einander nahezu im Dreivierteltakt zum Fall, auch wenn sie gleich wieder zurück auf die Füße kamen, ohne dabei wirklich viel Boden gutzumachen.

Das dumpfe Knallen und Dröhnen der Geschosse ließen mein Herz springen.

Clint sah mich an. „Nicht rühren.“

Ehe ich auch nur den Mund öffnen konnte, stoben er und Steve zu beiden Seiten davon. Ich wusste nicht, wann er sie gezückt hatte, aber er hielt bereits eine Auswahl Pfeile zwischen den Fingern, drehte auf dem Absatz, entsandte einen von ihnen schlagartig und viel zu präzise nach Tony, der die herannahende elektromagnetische Sprengladung gerade noch rechtzeitig mit einem Repulsor abwehrte und mitten in der Luft wie eine viel zu große Wunderkerze zerknistern ließ, dann waren beide Männer auch schon hinter verschiedenen Fahrzeugen verschwunden.

„FRIDAY, wir brauchen die SUN-1 und zwar jetzt “, bellte Tony. „Wo ist sie?“ Das rotgoldene Visier in Richtung der restlos eskalierenden Kämpfe gewandt, blieb er rastlos auf der Stelle schweben. „Was soll noch zwei Minuten heißen?!“

Blind schrak ich zusammen, als sich ohne Vorwarnung eine zweite Gestalt rechts von mir abseilte und direkt neben mir zum Stehen kam. Ich wich zurück und stieß gegen den Transporter.

„Mr. Stark, soll ich-“

Tonys Kopf fuhr herum. „Hervorragendes Timing, Spider-Man.“ Er wies zu mir herüber. „Planänderung: Halt Sola aus der Kampfzone, bis die Saving Unit hier ist.“

Bevor der Spinnenheld neben mir reagieren konnte, schoss Iron Man davon, mitten hinein in das Getümmel aus Ächzen, Rufen und Detonationen.

Wir sahen uns an. Der Unbekannte hinter der obskuren roten Maske, die aus der Nähe betrachtet mit zwei geradezu plastisch weißen Augen besetzt und von einem feinen, dunklen Spinnenwebendesign durchzogen war, wirkte nicht weniger überrumpelt als ich.

Stockstarr registrierte ich, wie etwas dicht neben Tony in der Luft explodierte, während Clint sich bereits haarscharf hinter einem Stapel Paletten auf einem Gepäckschlepper aus der Schusslinie seiner Repulsorantwort brachte, nur um dort auf Nat zu treffen, die ihn umgehend mit einer beeindruckenden Abfolge aus Tritten und Schlägen übersäte, die nicht das Geringste mit unseren vergleichsweise gemächlichen Verteidigungsübungen im Trainingsraum des Hauptquartiers zu tun hatte. Nat traktierte ihn hemmungslos und Clint parierte, bis er sie jäh zu fassen bekam, überstreckte und aus dem Stand zu Boden riss. Sein Bogen schlitterte über den Asphalt.

Tony taumelte in der Luft, einer seiner Repulsoren merklich beschädigt. Irgendetwas unter der Titanlegierung rauchte.

Mir strömte der Schweiß trotz aller Kälte den Rücken hinab, so schnell schlug mein Herz. Es war unmöglich sie alle von hier aus im Blick zu behalten.

Sie brachten sich um . Und ich --- sollte hier stehen und einfach --- zusehen ?

Wenn ich jetzt nicht tat, wofür ich hergekommen war --- dazwischenging und ihnen gar keine andere Wahl ließ , als das Feuer einzustellen --- Steve zwang , zu kapitulieren --- oder --- wenigstens einen Kompromiss zu suchen …

Der grobe Ausdruck ihres Ärgers lähmte mich immer noch, diese raue Enttäuschung, die mir aus sämtlichen Mienen und Stimmen entgegengeschlagen und nicht mehr rückgängig zu machen war, hielt mich in ängstlich gescholtener Stasis, aber es einfach zu akzeptieren und ihnen dabei zuzusehen, wie sie vollends begruben, wofür sie standen und wer sie waren; ihnen dabei zuzusehen, wie sie Stane und Fanning und jedem von ihnen Recht gaben , änderte nichts, es änderte nicht im Geringsten , wie weh es tat, schon jetzt , ihre Enttäuschung genauso sehr wie meine --- und wenn sie weitermachten ---

Nein .

Ich trat einen Schritt vom Transporter zurück und sah Spider-Man wieder an.

Er war viel schmächtiger, als ich gedacht hatte. Zugegeben, in den Videos, die ich auf Youtube bislang von ihm zu sehen bekommen hatte und die zumeist aus weiter Distanz aufgenommen worden waren, war dies nicht so recht zu erkennen gewesen. Oder vielleicht hatten seine irrsinnigen Aktionen auch einfach darüber hinweggetäuscht.

Ob es nun seinen Spinnennetzen zu verdanken war oder seiner tatsächlichen körperlichen Konstitution: Er vermochte herandonnernde Lastwagen abzufangen und aufzuhalten, was mir, jetzt da ich ihn vor mir sah, vollkommen absurd erschienen wäre, wäre da nicht zugleich der schiere Zirkus an Absurditäten und Verrat in seinem Rücken, der mir weiterhin bitter bewies, dass ich nicht die leiseste Ahnung hatte, wie sich die wahrhaftige Realität um mich herum gestaltete.

„Das Outfit ist neu“, sagte ich heiser.

„Oh … ja .“ Schnell räusperte er sich, zupfte an dem hautengen Material, zuckte die Achseln und setzte mit tieferer Stimme neu an: „Cool, oder? Mr. Stark fand, ein kleines Fashion-Upgrade sei überfällig, wenn ich in der höheren Liga mitspielen will. Du weißt schon, die hochauflösenden Kameras und --- Hey , nein, warte !“

Ich brach zur Seite hinter dem Transporter aus, stürmte davon, vernahm, wie etwas hinter mir auf dem Wagendach landete, nur um gleich wieder vor ihm zu stehen. Diesmal ließ ich mich nicht davon beeindrucken, wich aus und lief direkt weiter.

Ich kam wenige Schritte weit, da landete er erneut schwungvoll mühelos vor mir, warf seine Liane aus Spinnenseide ab und breitete die Arme aus. „Hey, komm schon“, beschwor er in seicht bettelndem Ton. „Das ist mein Probearbeitstag. Ich darf das hier nicht ruinieren.“

„Das muss aufhören !“

„Mr. Stark hat alles unter Kontrolle. Sie entkommen nicht, keine Sorge.“

„Unter Kontrolle ?“ Ich wies beiseite. „Sie schießen aufeinander-“

Bevor ich viel weiterkam, kollidierte etwas mit meinem Arm, riss ihn ein Stück mit und schloss sich um mein Handgelenk.

Mein Blick fuhr auf das mattgoldene Bauteil der SUN-1 herab, das sich mit einem ratternden Klicken mit meinem Tech-Armband vereinigte, als mich auch schon weitere Bauteile meiner Saving Unit einholten und sich in einem Stakkato aus weiterem Surren, Schnaufen und Klicken um mich herum zusammenfügten und meine Füße vom Boden stemmten, bis es abgesehen von meinem Gesicht keinen Zentimeter meines Körpers mehr gab, der nicht in jenem futuristischen Exoskelett festsaß, das sich äußerlich nur in seiner schmalen Statur und umgekehrter Farbgebung von Tonys Exemplar unterschied.

Ich entließ den Atem.

„ Oh man , das ist der Hammer !“ Spider-Man deutete auf mich. „Du hast einen Anzug.“

Ich vernahm, wie sich sämtliche Repulsoren und Schubdüsen unter mir neu justierten und in einen dienstbereiten Gleichtakt wechselten, der vage an den unseres wummernden Privatjets erinnerte, während ich noch das Gefühl scheinbar halbierter Erdanziehungskraft abzuschütteln versuchte, das mit der so plötzlich reduzierten Belastung meines eigenen Knochenbaus einherging.

Meine vor Abendkälte zitternden Gliedmaßen entkrampften in der Wärme der SUN-1.

Kaum, dass auch das Visier eintraf und mein Sichtfeld auf dessen Augenschlitze und sein digitales Interface reduzierte, schoss mein Blick zwischen sämtlichen sich holografisch aufbauenden Systemanalysen von MISOTA umher, die umgehend meinen Pupillenfokus zu ermitteln begann, mich mit einem aktuellen Überblick über den Betriebsstatus der SUN-1 und meiner Vitalwerte versorgte und nahezu zeitgleich Tonys finster gespannte Miene in einer halbgroßen Kachel in meinem rechten Gesichtsfeld erscheinen ließ.

„Alle Systeme online“, verkündete MISOTAs für die Situation verboten heitere Stimme.

Tony schnauzte mich an, ehe ich noch ganz begriff, dass es eine Live -Übertragung aus seinem Anzug war. „WAS FÄLLT DIR EIN ?“

Mein Herz machte einen Satz und ratterte hinab in mein Zwerchfell.

„Ich sagte, warte im Parkhaus ! ICH SAGTE, dreh um, lass dich von Happy aufsammeln und WARTE IM HOTEL ! Ich versichere dir, wenn auch nur die Hälfte von dem wahr ist, was Happy mich in gut dreißig Nachrichten wissen lassen hat, und es stimmt, wenn du hergekommen bist , um dich ABSICHTLICH INS SCHUSSFELD ZU BEGEBEN-“

„Damit ihr nicht kämpft!“, brach es aus mir. „Damit ihr aufhört . Wenn Wanda nicht --- wenn sie mich nicht --- aufgehalten hätte , wäre ich dagewesen, bevor -“

„DU HAST DICH ABSICHTLICH IN GEFAHR GEBRACHT!“

Er war Yards von mir entfernt und schoss soeben unter einer Terminalbrücke hindurch und doch erschrak ich erneut so fest, als sei er mir ins Gesicht gesprungen.

Eine Woge brütender Hitze durchrollte mich. „Dad, du hörst mir nicht zu -“

„ NEIN , ich spreche jetzt und du hörst zu , denn ich schwöre, wenn ich noch ein Wort von dir höre, das nicht nach Ja und Amen für mich klingt-“ FRIDAYs rationelle Stimme grätschte mitten in seine Worte: „Boss, Colonel Rhodes klopft an. Soll ich Sola mit dem Teamkanal zusammenlegen? Die Situation verschärft sich-“

Tony schnaufte. Seine Kachel verschwand und unsere Verbindung brach ab.

Mein Herz schlug in meiner Brust wie eine Trommel.

Die Sonne hatte den Horizont erreicht. Ihre tiefroten Strahlen tauchten die dichte Wolkendecke darüber in sattes Karmesin; ein Schein, der sich in Glut und Schatten scheinbar endlos bis auf das Flugfeld ergoss.

Davor Chaos , wohin ich sah.

Kämpfe, Rufe und Detonationen, groß genug, um mich ein jedes Mal zucken zu lassen; Tony, Rhodey und Sam, die in irrwitziger Geschwindigkeit durch die Luft schossen und ins Visier nahmen, was immer sich ihnen bot; Steve, Barnes und Clint, die sich mit dem schwarzmaskierten Unbekannten, Spider-Man und Nat noch immer ein brutales Handgemenge lieferten und längst jede Zurückhaltung aufgegeben hatten; Vision, der Wanda soeben davon abzuhalten versuchte, endgültig in Richtung Hangar auszubrechen, und dann – völlig aus dem Nichts – ein Riese , eine gewaltige Gestalt in purpurrotem Anzug und verchromter Maske.

Weder verstand ich, woher er gekommen war, noch, ob er überhaupt ein Mensch war.

Der Fremde schien sich geradewegs aus der Luft materialisiert zu haben und landete mit solcher Wucht auf seinen gewaltigen Füßen, dass es sämtliche Gebäude um mich herum für einen Moment in rieselnde Erschütterung versetzte. Das kleine Erdbeben wanderte nahezu unmerklich durch die intelligente Federung meines Anzugs hindurch, aber ich ahnte, dass sich der Asphalt für jeden anderen für einen Augenblick nicht anders als mein auf den Wogen treibendes Surfboard verhalten hatte.

Schlimmer noch, der Gigant schien Rhodey irgendwie aus dem Flug zu fassen bekommen zu haben. Obwohl die Schubdüsen seines Anzugs feuerten, hing er rettungslos fest, bis der Koloss behäbig Schwung nahm und Rhodey einfach beiseite warf und dann auch schon schwerfällig stampfend in den nächsten Transportbus trat. Er zerdrückte das Gehäuse unter metallenem Knirschen und Kreischen, das einmal mehr schauderhaft bekannt in mir nachsang, und kickte die geplättete Karosserie quer über das Flugfeld, als sei sie nicht mehr denn ein Überbleibsel aus Louis‘ zerbeulter Hot Wheels-Sammlung, die vermutlich immer noch vergessen und geschrottet unter der Balmeda-Veranda vergilbte.

Der Bus überschlug sich und rotierte, kollidierte mit zwei weiteren Fahrzeugen und zerbrach an Visions rechtzeitig intervenierenden Gestalt, während Sam das gewaltige Überraschungsmoment nutzte, in den gezielten Kollisionsflug auf Tony wechselte und ihn damit nahezu aus der Luft beförderte.

Ich wich zurück. Mein Anzug folgte meinen schockierten Bewegungen wie eine deutlich schwerfälligere zweite Haut.

Auch wenn ich dutzende Yards entfernt stand und MISOTA mich immer noch klar außerhalb der von ihr ermittelten Gefahrenzone verortete, die sich in ihrem Radius schlagartig vervierfacht hatte, begann sich schon wieder nackte Furcht in meiner Brust auszubreiten.

Barnes setzte sich mit Steve soeben in Richtung Hangar ab. Ich sah sie beide davoneilen, während Tony sich endlich mithilfe ein paar saftiger Repulsorstöße von Sam befreite und seinem Wingsuit nachsetzte, bis ihn um ein Haar der abgerissene Tragflügel eines nahen Passagierflugzeugs erwischte, den der Gigant nach ihm warf. Die Turbine schlug auf dem Boden auf und zerbarst in einem dröhnenden gewaltigen Feuerball, der Iron Man für eine lange Sekunde verschluckte, ehe er sichtlich unbeschadet wieder daraus hervorbrach, mitten in der Luft innehielt und das wiederholt kippende Debakel um ihn herum zu überblicken versuchte.

Auch mein Blick sprang umher, suchte Clint, suchte Nat.

Ich fand keinen.

Mit pressender Furcht setzte ich mich in Bewegung und joggte klobig überreguliert und doch zugleich getragen durch meinen Anzug los, bis MISOTA mich unversehens an der imaginären Grenze stoppte, die sie als unmittelbares Gefahrenareal bestimmt hatte.

Energisch warf ich mich gegen die Innenseite meines Anzugs. Tonys Miene ploppte wieder vor mir auf, finster und außer Atem. „ Hey , ich sagte -“

„Bring mich in die Luft!“

MISOTA zündete im Bruchteil einer Sekunde. Ich schoss empor wie ein Sektkorken.

Abgesehen von dem kurzen Tutorial dereinst in Tonys Werkstatt, bei dem ich wenige Zentimeter über dem Boden zu schweben geübt hatte, war ich mit der SUN-1 bislang nicht einmal ansatzweise geflogen. Völlig überfordert taumelte ich kopfüber, kaum dass ich vor Schreck über die jähe beträchtliche Höhe unter mir mit Armen und Beinen zu rudern begann. Ich sackte vor, verlor das Gleichgewicht meines Oberkörpers über meine Brust, machte einen irrsinnigen Purzelbaum in luftiger Höhe, angetrieben von den Schubdüsen, die dank meiner unkoordinierten Bewegung urplötzlich in konträre Richtungen feuerten, und spürte meinen Mageninhalt augenblicklich in meine Kehle schwappen, völlig dem Gefühl ausgeliefert zu fallen und zugleich immer wieder an verschiedensten Gliedmaßen ergriffen zu werden.

„MISOTA, zieh sie hoch und pack sie in Gips.“

Der Anzug verlor seine Flexibilität in Armen, Torso und Beinen, kaum dass Tony seinen knappen Befehl dazwischenwarf. Er zwängte mich zurück in eine starr vorgegebene Haltung, die mich urplötzlich weit oben in der Luft stabilisierte und endlich an Ort und Stelle schweben ließ. Die wilde Übelkeit in meinem Inneren versackte wieder, wenn auch nur zögerlich. Gerade noch kurz davor gewesen, mich vor Tony blindlings in meinen makellosen Anzug zu übergeben, atmete ich schwer ein und aus.

„Ist nicht ganz wie surfen“, kommentierte er trocken.

„Verdammt schlechtes Timing für erste Flugstunden“, ertönte Rhodey in meinem Helm.

Tony festigte wieder die Stimme. „An dieser Stelle, damit es auch der Letzte verstanden hat: Wir haben einen Gast in der Leitung. Sie ist nicht – ich betone – sie ist nicht Teil dieser Operation. Sollte sie versuchen, euch etwas anderes weißzumachen, per Pantomime oder … was weiß ich, Rauchzeichen , ignoriert es. Ich bin alleinerziehend, ich muss hier … ein wenig multitasken.“ Er seufzte voll Überdruss. Ich sah, wie er sich in einiger Entfernung durch die Luft schraubte, den beinahe vollkommenen Sonnenuntergang im Rücken. "'Okay, falls irgendwer auf unserer Seite noch schockierende und fantastische Fähigkeiten enthüllen würde – Vorschläge sind willkommen."'

Ich krächzte. „ Dad , ich-“

„Du bist hier nicht gemeint.“

Rhodey brummte. „Immerhin ist sie wieder auf unserer Seite …“

Die neue Perspektive setzte mir zu.

Trümmer, Brände und Fahrzeugschutt erstreckten sich über den halben Flughafen, während der gigantische Unbekannte immer noch übers Flugfeld schlurfte, Transportkisten und Flugzeuge zerlegte und nach Tonys Mitstreitern hieb, nur vage beeindruckt von Rhodeys scharfem Bombardement, das nicht mehr als ein paar schwarze Rußflecken auf dem Material seines kolossalen Arms hinterließ.

Zu seinen Füßen entdeckte ich Clint in direktem Duell mit dem Schwarzmaskierten. Metallstreben und Blechteile regneten um sie herum nieder, als Rhodey eine Maschinengewehrsalve entließ, die ein gesamtes Gateway streifte und zerlegte.

Selbst wenn ich gewollt hätte, ich wusste nicht mehr zu atmen, geschweige denn zu protestieren . Mein Puls wummerte in meinen Ohren, lauter als jede Detonation.

Mir war schlecht, aber auf eine vollkommen andere Art als nach meinem Taumelflug, als reiße etwas an meinem Herzen und Mark und drücke dabei sämtliche meiner Organe achtlos beiseite.

Rhodey klang ein wenig außer Atem, als seine Stimme wieder durch den Teamkanal drang: „Tony, ich sag es zum letzten Mal, dein Kind hat hier nichts verloren.“

„MISOTA hält sie aus dem Gefahrenbereich.“

„Nicht einmal ich weiß, wo dieser sogenannte Gefahrenbereich liegt. Falls du es nicht bemerkt haben solltest, da steht ein Zwanzig-Meter-Mann, den es vor ein paar Minuten noch nicht gegeben hat, und meine Großkaliber prallen an ihm ab wie vietnamesische Knallfrösche.“

„Ich kann sie schlecht irgendwo abstellen und festketten .“

Clint kämpfte immer noch. Er war schnell , seine Verteidigung und sein Gegenangriff unfassbar geschickt und zielgerichtet, beinahe erschreckend in seinem mühelosen Wechsel zwischen Waffen und handfestem Nahkampf, als sei alles daran nicht mehr denn eine taktgenau eingebläute Choreografie, aber der Fremde schien ihm kräftetechnisch restlos überlegen. Ich hatte Tonys Mitstreiter vorher bereits im direkten Schlagabtausch mit Steve und Barnes gesehen, ihnen beiden standhalten sehen, und ahnte deshalb böse, dass es sich bei ihm ebenfalls um einen Supersoldaten handeln mochte.

Als einer seiner kräftigen Tritte Clint letztlich direkt in die Brust traf, schleuderte es ihn zu Boden.

Es ging alles viel zu schnell, ich wusste nicht mehr, wohin ich sehen sollte, wohin ich sehen musste , um sicher zu sein, dass alle noch wohlauf waren.

Nat hatte ich schon seit Minuten nicht mehr gesehen oder gehört.

Der Flughafentower barst, zerschnitten von einem Strahl, der aus Visions Stirn austrat. Gewaltige Betonblöcke und Gitterstreben stürzten in die Tiefe. Wanda hielt das herabbrechende Gebäude mit sichtlich kräfteraubendem magischem Einsatz davon ab, den gesamten Hangar zu verschütten und den Zugang zum Quinjet abzuschneiden, während Tony, Rhodey und Spider-Man in meinem Ohr schon wieder wild durcheinander sprachen.

Irgendetwas sauste dicht an mir vorbei. Es war Rhodey.

MISOTA ließ meinen Anzug um weitere Yards zurückweichen. Das statisch bewegungslose Schweben machte mich ruhelos, mehr noch als es die trommelnde Furcht tat.

Clint lag immer noch am Boden, eine dunkle Gestalt zwischen wandernden Rauchschwaden und spätem Licht. Er rührte sich, ich sah es, aber die wiederholt aufflammende Angst brach in hitzigen Wogen über mich hinweg.

„MISOTA, schaff Sola aus dem Luftraum.“

Erneut folgte mein Anzug Tonys Befehl und sandte mich in schnellem Sinkflug gen Boden. Kaum, dass meine Füße wieder Bodenkontakt herstellten und ich die komplette Kontrolle über den Anzug zurückerhielt, eilte ich los.

Clint hatte sich inzwischen aufgesetzt. Er sah mich kommen, hob einen Arm und ließ ihn kurz versichernd in der Luft hängen, ehe er schon seinen Bogen vom Boden sammelte und sich zurück auf die Beine hievte.

Auf dem Teamkanal sprachen Rhodey, Tony und Spider-Man immer noch enerviert durcheinander, hörbar auf der Suche nach der nächsten, waschecht zündenden Idee.

Überforderte Tränen brannten in meinen Augen. „MISOTA, kann ich-“

Ich erstarrte.

Irgendetwas hatte den Riesen in bedrohliches Schwanken versetzt. Er fiel, ruderte mit den gewaltigen Armen, schlug Spider-Man im hohen Bogen beiseite, krachte in ein bereits demoliertes Passagierflugzeug und ging dumpf donnernd zu Boden. Er verschwand so unversehens, wie er erschienen war.

Schlagartig vernahm ich die wohlbekannten Schubdüsen des Quinjets.

Mein Blick sprang zum halb verschütteten Hangar zurück, gerade noch rechtzeitig, um den Jet aufsteigen und in den zinnroten Himmel durchstarten zu sehen.

Steve .

Er und Barnes hatten es geschafft.

Nahezu gleichzeitig drehten Tony und Rhodey auf, warfen sich in die Kurve und jagten ihm hinterher. Ihre Anzüge stiegen in atemberaubendem Tempo in den Himmel, einzig gefolgt von Sam, der ihnen verbissen nachsetzte.

Rhodey registrierte ihn. "'Vision, ich hab einen Verfolger auf sechs Uhr."'

Ich sah Granaten explodieren, während die schwere Detonation in unserer Leitung nachhämmerte.

"'Vision, hörst du ?"' Rhodey hob die Stimme über das Getöse hinweg. "'Ziel auf seine Schubdüsen! Mach einen Segelflieger aus ihm!"'

Derselbe grelle Strahl reiner Energie, der schon wenige Minuten zuvor den Flughafentower zerlegt hatte, schnitt durch die Luft. Es blendete zu sehr, um dahinter irgendetwas Näheres zu erkennen, aber als das gleißende Licht wieder wegbrach, sah ich, dass jemand fiel .

Dicker, schwarzer Rauch trieb hinter seinem Anzug her.

Es war Rhodey.

Tony rief seinen Namen.

Abrupt drehte er in der Luft und wechselte in den Sturzflug. Sam tat es ihm gleich.

Rhodey atmete schwer. Sein Anzug überschlug sich, rotierte unkontrolliert im ungebremsten Fall. Nur noch ein schweres Metallkonstrukt, das mit all seinem Gewicht der unerbittlichen Schwerkraft unterworfen blieb. "' Tony , ich falle wie ein Stein ..."'

Tony und Sam holten auf, so schnell, dass es möglich schien, dass sie noch ---

Aber der Boden ---

Näher .

Sämtliches Blut rauschte in meine Beine.

Tony bellte seinen Namen. Er schrie .

„FRIDAY, kapp Sola !“ Nats keuchende Stimme irgendwo dazwischen. „ Unterbrich -“

Ich flog aus der Leitung. Die Kommunikationskacheln auf dem holografischen Interface meines Visiers verschwanden.

Als Rhodey auf dem Acker hinter dem Rollfeld aufschlug, herrschte vollkommene Stille.

Musik:

This Ain't A Scene, It's An Arms Race - Fall Out Boy

Theater Of War - X Ambassadors