Blutzucker
Blutzucker
Disclaimer:
Zitate aus dem Marvel Studios-Film Captain America: Civil War (2016) werden in diesem Kapitel durch besondere Anführungszeichen ("'..."') ausgewiesen.
Kapitel 24: Blutzucker
Atmen.
Mein Brustkorb rührte sich nicht. In meinem Bauch schien eine Grube zu klaffen. Meine Sicht wurde schummrig.
Gestalten durchquerten die dichten Rauchschwaden, die das Flugfeld übersäten, joggten dem so fernen Ende entgegen. Unter Verwirbelungen verschwanden sie zwischen all dem Qualm, der mir beinahe die Sicht auf die zwei fernen Punkte stahl, die Sam und Tony waren, letzterer gerade auf den Knien am Boden über das aufgewühlte Erdreich gebeugt, in dem --- Rhodey soeben aufgeschlagen war ---
Atmen.
Tonys letzter Schrei hielt sich in meinem Kopf, klingelte in meinem Gehör nach wie weißes Rauschen. Benommen machte ich zwei Schritte vor.
Ich sah wie er den Arm hob und Sam, der sich ihm gerade befangen zu nähern begonnen hatte, unversehens mit einem satten Repulsorstoß von den Beinen riss.
Es schien auch meinem Brustkorb einen Stoß zu versetzen.
Reißend sog meine Lunge nach Atem.
Ein Ruck durchfuhr mich. Mein Blick sprang aus dem begrenzten Sichtfeld meiner Visierschlitze zurück ins Innere und über MISOTAs holografisches Interface, hinüber zur Fluganzeige der SUN-1. Ich brauchte gar nichts zu sagen; es war, als entnähme sie den Befehl direkt meiner Gedanken – und gewissermaßen tat sie es wohl auch, verstrickt in die unentwegte Analyse meiner Vitalzeichen, Gehirnströme und Pupillenweite; jene intuitive Assistenz und Bedienung, die schon FRIDAY vollbrachte und Tony überhaupt erst seine ungeheure Reaktionsschnelle im Anzug ermöglichte. In der nächsten Sekunde feuerten schon meine Schubdüsen und sandten mich in beunruhigend rasantem Flugslalom zwischen Trümmern und Wracks quer über das an allen Ecken und Enden brennende Flugfeld, bis ich unvermutet zu hinterfragen begann, ob es MISOTA war, die jegliche Kollision vermied, oder vielleicht doch ich , bis ich jäh blank beunruhigt die Kante des jäh endenden Flugfeldes anvisierte, hinter der sich nur noch weiter, dunkler Acker erstreckte. Der Anzug reagierte, setzte gut fünfzig Fuß von Tony und Sam entfernt mit schwerem Bremsschub wieder auf, versetzte mich kurz ins Taumeln und zwang mich, in drei atemlos schweren Schritten auszulaufen.
Das Visier verschwand aus meinem Sichtfeld und gab meinen Kopf frei wie eine lebendige Maschinerie, die nichts anderes mehr tat, als meinem Willen zu folgen, diesem Drang nach vollständiger Sicht --- nach Luft.
Gewissheit.
Mein Blick suchte Rhodey, irgendwo inmitten der aufgeworfenen Erde, in der Tony hockte. Ich entdeckte die Ausläufe seines dunklen Anzugs, hielt auf das verbeulte und zerschrammte Metall zu und beschleunigte meine Schritte.
Tony atmete schwer. Er glänzte vor Schweiß, raue Emotion zerklüftete und äderte seine Züge, bleiche und rote Flecken pflasterten sein Gesicht, in Schrecken, in Schmerz --- in Zorn . Sein finsterer Blick fuhr zu mir herum, kaum dass er mich registrierte. „BLEIB, wo du bist !“
Ich erschrak so fest, dass ich auf meine Ferse zurückfiel und wohl das Gleichgewicht hintenüber verloren hätte, wäre die SUN-1 nicht gewesen. Sie bewahrte mich vor dem ungebremsten Sturz auf den Hintern, während mich prompt schockgebeutelte Hitze durchrollte und sämtliches wiedergewonnenes Blut aus meinem Gesicht trieb.
Sam hatte sich wieder auf die Beine gebracht. Er hielt die Hände in friedlicher Geste gehoben, als er in bitterernste Ruhe erneut einen Schritt auf Tony zu wagte. „Hilfe ist auf dem Weg. Schrei sie nicht an, ja? Sie meint es gut.“
Tony schnaufte, ein finster freudloses, wutbrandendes, halbes Schmunzeln auf den Lippen, ehe er schon wieder aufsah und Sam lediglich mit solch kalter Warnung ansah, dass mir unversehens übel wurde.
Rastlos ließ er den Blick über den fliederfarbenen, dunkler werdenden Himmel streifen.
Vision landete an seiner Seite. Tony fasste sich und sah zurück auf Rhodeys leblose Gestalt. Er sagte nichts mehr und doch genügte es nicht, um den brutal verengten Knäuel in meiner Brust noch zu lösen.
Ich wagte nicht zu fragen, ob Rhodey überhaupt noch lebte und wenn ja , ob Hilfe denn rechtzeitig eintreffen würde, oder er --- nicht soeben starb .
Mein Brustkorb kontrahierte, aber aus meiner Kehle kam kein Laut.
Jemand holte zu mir auf, fasste nach meiner Schulter. Kaum, dass ich Clints Miene begegnete, drückte ich mich schon fest und stumm in seine Seite und schloss mit zusammengepressten Lidern die Arme um ihn, ungeachtet des unnachgiebigen Anzugs, in dem ich immer noch steckte und der ihm unweigerlich ein wenig Luft aus der Lunge presste. Meine rechte Hand verschwand unter seinen halb geleerten Köcher.
Clint hielt mich fest. Er sagte kein Wort.
Das Dröhnen eines fernen Hubschraubers erhob sich aus dem lila Himmel.
-/_\-
„Hey, Sie da …“
Clint hielt unvermutet einen der vorbeilaufenden Sanitäter auf, gerade als der Rettungshubschrauber über dem Acker abhob und die Haare aller am Boden Verbliebenen in seinem energischen Sog wild durcheinander fegte.
„Haben Sie eine Decke?“
Der Mann verzog lärmbelastet das Gesicht.
„Eine Rettungsdecke“, wiederholte Clint etwas lauter über das Getöse aus Rotoren und soeben eintreffenden Martinshörnern hinweg. Seine Hände imitierten einen imaginären Überwurf, als er es gleich nochmal in Deutsch nachsetzte.
Diesmal wurde er verstanden, ob es nun an der Übersetzung oder dem weichenden Lärm lag, denn er bekam eine kleine weiße Verpackung in die Hand gedrückt, wie ich im dünnen Licht der begonnenen blauen Stunde registrierte, ehe der Sanitäter schon weitereilte, um sich einen Überblick über den Gesundheitszustand der verbliebenen Personen am Flugfeld zu machen.
Es hatte Clint merklich in Unruhe versetzt, als die ersten Sirenen sich nähernder Einsatzfahrzeuge erschallt waren. Ich hatte es an seine Schulter gelehnt registriert und beinahe sofort war auch mir heiß und kalt geblüht, was es für diejenigen bedeuten mochte, die sich auf Steves Seite geschlagen hatten und nun mit uns zurückgeblieben waren, auch wenn ich mir keinesfalls sicher war, wie detailliert Tony die Behörden im Vorfeld wirklich darüber informiert hatte, wer sich schlussendlich auf wessen Seite geschlagen hatte.
Klamme Hoffnung hatte sich in meinem Inneren gehalten. Solange niemand Clints Namen in Zusammenhang mit Steve oder Barnes brachte, hatte sie still und leise gewispert, und Tony und Nat seine Beteiligung weitestgehend unter den Tisch fallen ließen, gäbe es keine Beweise, ihn irgendeiner kriminellen Beihilfe zu beschuldigen, richtig?
Leise Mahnung hatte in Clints Stimme gelegen, als er auf sich aufmerksam gemacht, Tony bedeutungsvoll in den Blick gefasst und an den Anzug erinnert hatte.
Tony hatte zu diesem Zeitpunkt immer noch inmitten herumwuselnder Notärzte und Sanitäter gestanden, die Rhodeys schwerverletzte Gestalt soeben unter koordinierten Handgriffen und Anweisungen auf eine Transporttrage gehievt hatten, aber er hatte auf Clints Zuruf reagiert, kurzen Blickkontakt hergestellt und ganz offensichtlich auch verstanden, denn im nächsten Moment hatte die SUN-1 sich ohne jede Vorwarnung von mir verabschiedet und den Heimweg angetreten.
Unvermutet der zugig kalten Abendluft ausgesetzt, hatte ich fröstelnd beide Ärmel meines Hoodies über die Hände gezogen und die Arme um mich geschlungen.
„Besser Iron Girl bleibt aus den Berichterstattungen raus“, hatte Clint meinen stumm überforderten Blick beantwortet. „Es sei denn, du willst demnächst eine Unterschrift unter ein UN-Abkommen setzen.“
„Es ist bloß eine Saving Unit“, hatte ich heiser wiederholt.
Als sei es wahr . Als sei es keine reine Haarspalterei, einzig dazu gedacht, Pepper friedlich zu stimmen und keine falschen Erwartungen in mir zu schüren, wie Harley absolut überzeugt blieb. Eine vollfunktionsfähige Miniatur-Iron-Man-Einheit, die lediglich von Tonys Kindersicherung gedrosselt blieb. Von Fernzugriffen und Schutzprotokollen, die sich anpassen ließen.
„Ich bin nicht sicher, ob die Vereinten Nationen das genauso sehen werden“, hatte Clint diese Auffassung nur weiter untermauert und mir zugenickt. „Wo ist deine Jacke?“
Ich war seinem Blick ausgewichen.
„Sola, ich sage es ungern, aber ich beherrsche mich hier gerade.“
„Bin ohne hergekommen.“
„Wie alt bist du? Zwei?“
„Wenn ich sie angezogen hätte, wäre ich nicht weggekommen, dann hätte Happy sofort begriffen-“ Ich hatte mir angesichts seines schlagartig unheilvollen Blicks auf die Zunge gebissen, die Arme noch etwas fester um mich geschlungen und die beengende Dichte in meiner Kehle mit beherztem Schlucken zurück in meinen Brustkorb gezwängt.
Clint war mir böse, nichts täuschte darüber hinweg, nicht einmal die tröstlich feste Ruhe, mit der er sprach und meinen bebenden Schock angesichts Rhodeys ungewissem Zustand beharrlich im Zaum hielt, aber Tony …
Ich erschauerte.
Sein Blick machte mir Angst.
Als Clint mir nun seufzend die knisternde Rettungsdecke umlegte, bretterten erste Feuerwehrfahrzeuge, gepanzerte Einsatzbusse und Rettungswagen auf das Flugfeld und sammelten sich nahe dem Terminal. Beinahe sofort sprangen schwerbewaffnete Einsatzkräfte aus den Bussen und begannen das rauchende Flugfeld zu sichern.
Ich sah, wie die schwellenden Brände der gewaltigen Wracks inspiziert, Anweisungen gerufen und Schläuche zu Hydranten verlegt wurden.
Die Einsatzfahrzeuge auf dem Flugfeld mehrten sich, schienen aber immer noch nicht vollständig, dem sich unverändert nähernden Sirenenschall nach zu urteilen, als Wanda, Sam und der Mann im purpurroten Anzug, der vor wenigen Minuten noch ein beängstigender Koloss gewesen war, auch schon von den Kräften der GSG-9 eingekesselt wurden.
Nat kam auf uns zu.
Bis auf ihre sacht zerwühlten roten Haare sah sie ganz und gar unversehrt aus, aber ihre starr befangene Miene ließ meinen Magen sinken. Es war die eines Unglücksboten.
„Tony hat Ross informiert“, erklärte sie. „Die Flugstaffel wird den Quinjet nicht mehr erwischen, aber Ross besteht auf die Festnahme aller beteiligter Gegenparteien. Sie haben eure Namen.“
Clint nickte knapp, als brauche sie gar nicht fortzufahren. Er wich ihrem still studierenden Blick für eine Sekunde aus, ehe er schon wieder zu mir sah, eingehüllt in die lebhaft reflektierende Rettungsdecke, die sämtliches uns umgebende Rot- und Blaulicht der Einsatzfahrzeuge in die blaue Dämmerung streute.
„Meine Jacke liegt im Wagen“, informierte er Nat. „Ebene B6, heller Transporter, Botschaftskennzeichen EE7 23-121. Kannst du sie holen?“
Wortlos nickte Nat, machte kehrt und verschwand in Richtung der rauchenden Fassade des entfernten Parkhauses, vor dem sich bereits erste Löscharbeiten vollzogen.
Mein Herzschlag zog an, als sein Blick für einen kurzen Moment Wandas vollkommen widerstandslos in Hand- und Fußfesseln abgeführter Gestalt folgte. Sie wich meinem Blick aus.
Aus seinem Rücken näherten sich zwei schwerbewaffnete Beamte.
Ich schluckte, suchte unvermittelt wieder nach Tony und entdeckte ihn inmitten von Einsatzkräften. Er trug immer noch seinen Anzug, nickte abwesend wie unverändert angespannt, wies knapp über den Platz und sah für einen Sekundenbruchteil zu uns herüber, nur um sich gleich wieder dem beharrlich auf ihn einsprechenden Einsatzkoordinator zuzuwenden. Tony sagte etwas, was diesen seinerseits nicken und sein Funkgerät an die Lippen heben ließ, nur um rastlos zu zögern und weitere Details mit Tony auszutauschen, ehe er sich letztlich zielstrebig umwandte, seine Durchsagen machte und in Richtung des Terminals wies.
Mit schwer klopfendem Herzen sah ich zu Clint zurück. Die Männer in seinem Rücken hielten nun direkt auf uns zu.
Tony tat nichts .
„Clint, sie verhaften dich -“
Erstickt ließ ich meine Rettungsdecke los. Sie segelte zu Boden, auch weil ich nach seinen Händen griff, ehe er sie zu fassen bekam. Er befreite sich, fasste nach meinem Gesicht und schüttelte ruhig den Kopf. „Sola, ich kann nicht versprechen, dass alles wieder in Ordnung kommt. Egal, wie es weitergeht, du atmest jetzt tief durch, okay? Uns passiert nichts. Lass alle ihre Arbeit machen. Tony bringt dich heim, sobald er hier fertig ist. Reiß dich zusammen, ja? Er steht gerade neben sich. Er meinte es nicht so. Rhodey-“
„Ich weiß“, schniefte ich. Mein Herz kontrahierte.
„Sie werden für ihn tun, was sie können. Rhodey ist in guten Händen. Tony wollte nicht, dass du ihn so siehst, das ist alles. Dass so etwas passiert, war niemandes Absicht. Er weiß das.“
Er ließ mich los, gerade als die zwei Männer des Sonderkommandos uns im Laufschritt erreichten und ihn eindringlich aufforderten von mir zurückzutreten, auf die Knie zu gehen und die Hände hinter den Kopf zu nehmen. Unaufgeregt tat er wie geheißen, während er schon von seinem Köcher, Bogen und sämtlichem anderen technischen Equipment befreit wurde. Sie legten ihm Handschellen an. Knapp auffordernd nickte er zu meiner am Boden liegenden Rettungsdecke herüber.
Ich reagierte nicht, meine Hände zu Fäusten geballt.
Ein weiterer eilig hinzugekommener Beamter hob sie auf, reichte sie mir und drängte mich beiseite, bis ich so viele Fuß entfernt stand, dass ich nicht mehr wirklich vernahm, was sie zu Clint sagten. Bebend sah ich dabei zu, wie sie ihn zurück auf die Füße brachten und schließlich ruhigen Schrittes zu einem der gepanzerten Transporter abführten.
Ich zitterte.
Es wurde dunkler, während ich einfach nur dastand, verlassen wie ein Welpe zwischen brennenden Tonnen, und mich von tauber Dissoziation fluten ließ. Zwei verdächtig nach Presse aussehende Helikopter näherten sich und begannen den qualmenden Flughafen aus einiger Entfernung zu umkreisen. Über uns galt anscheinend nach wie vor eine strikte Flugverbotszone.
Es konnte nicht lange gedauert haben, nicht mehr als ein paar wenige Minuten, auch wenn es mir vorkam wie eine taube Ewigkeit, doch als sich die zwei gepanzerten Transporter, in denen Clint, Wanda und Sam verschwunden waren, auch schon eskortiert von Polizeiwagen und Motorräder in Bewegung setzten, erschien Tony neben mir.
Ich hatte nicht einmal mitbekommen, aus welcher Richtung er sich mir genähert hatte, obwohl er noch immer in seinem mechanisch summenden Anzug steckte. Der Repulsor ließ meine Rettungsdecke statisch knistern, als seine Hand unversehens nach meiner Schulter fasste.
„Komm mit.“
Tony dirigierte mich zwischen Löscharbeiten und umherstreifenden Sondereinsatzkräften zu einer kleinen Ansammlung just eingetroffener dunkler Fahrzeuge herüber. Im vorbeilaufenden Löschwasser schimmerten Reste unverbrannten Kerosins, nebst zu den grauen Bergen aus Löschschaum. Ein paar Sakkoträger waren abseits der verbliebenen Brandherde und der rußschwarzen, noch immer qualmenden Wracks zusammengekommen.
Sie unterbrachen sich, als wir uns näherten.
Tony passierte sie wortlos.
Auf halbem Wege kam uns Nat mit einer schwarzen Lederjacke unterm Arm entgegen. Tony reichte sie mit unlesbarer Miene an mich weiter.
Die Jacke war viel zu groß und sie roch nach Clint. Ich blinzelte fest, als ich sie gegen die unhandliche und längst heillos zerknitterte Rettungsdecke austauschte. Obwohl mein Blick wiederholt befangen in sein Gesicht hinaufwanderte, vermochte ich Tony nicht direkt anzusehen. Getrockneter Schweiß wie auch das farbig wechselnde Lichtermeer um uns herum vertieften die Schatten in seiner Miene und die immer noch violette Farbe des Blutergusses an seinem Auge.
„Das JCTC ist hier“, informierte Nat ihn.
Er nickte zweideutig. „Bin gleich da.“
Tony schob mich weiter voran auf einen dunklen Maybach-SUV zu und gebot mir einzusteigen. Hinter dem Lenkrad im cremefarbenen Inneren des Wagens saß ein Fremder, der nur beiläufig von seinem Bordcomputer aufsah, als ich auf den Rücksitz aus feinstem Nappaleder sackte.
Ich fragte mich, was aus Happy geworden war, aber ich sagte nichts, als Tony mich bloß anwies im Wagen zu bleiben, dann auch schon die Tür hinter mir zuwarf und wieder entschwand. Die unverändert harte Distanz in seiner Stimme ließ meinen Magen wummern wie einen ganzen Bienenstock.
Der Bildschirm auf der Rückseite des Fahrersitzes direkt vor mir war schwarz, genauso wie das in die Armlehne eingelassene Tablet zwischen mir und dem zweiten Rücksitz, aber auf dem Bordcomputer weiter vorne prangte das bereits eingegebene Ziel.
Charité – Universitätsmedizin Berlin
174 km | 2 h 1 min
Halb erstickt stierte ich wieder hinaus, folgte Tonys Silhouette, seinen leuchtenden Arc-Reaktoren, ehe er von einem schmächtigen, früh ergrauten Unbekannten mittleren Alters abgefangen wurde und mein Blick schon wieder über die Löscharbeiten und ersten begonnenen Abräumversuche weiterschweifte.
Nat schien wieder verschwunden.
Am nahezu dunklen Himmel kreisten die blinkenden Pressehubschrauber beharrlich weiter. Ich spürte sämtliche Energie aus mir herausströmen, während ich ihren still wandernden Lichtern folgte, Clints Lederjacke wie einen schützenden Kokon um mich geschlungen, der nach den heutigen Ereignissen wirklich nichts weiter als traurige Illusion blieb.
Als Tonys Stimme sich wieder näherte, schnappte ich aus dumpfer Apathie.
Sein Anzug war fort. In schwarzer Hose und Lederblouson war er kaum noch inmitten von Dunkelheit und Einsatzlichtern zu erkennen. Der Unbekannte im hellgrauen Sakko begleitete ihn. Ihre Stimmen waren dumpf durch die Scheiben des Wagens zu vernehmen, als sie den Maybach umrundeten und Tony auf die Tür des anderen Rücksitzes zuhielt.
„Ich werde nicht lügen, das hier ist – kurz gesagt – eine Misere.“ Der Fremde hielt mit vermeintlich leichtherziger Stimme inne. „Was wir haben, ist ein Haufen Festnahmen und darunter keine Einzige, die nach einem Erfolg in dieser Sache aussieht oder ein beruhigendes Abendprogramm in den Nachrichten verspricht. Barnes und Rogers sind immer noch auf der Flucht, noch dazu einen militärtauglichen Hochleistungsjet reicher, ein deutscher Flughafen hat einen Milliardenschaden und das halbe Avengers-Team tritt internationale Gesetze mit Füßen und hat einem gesuchten Mehrfachattentäter zur Flucht verholfen.“ Er machte einen Schritt vor und neigt den Kopf. „Unter uns gesagt, wenn ich Sie wäre, Mr. Stark, würde ich heute nicht mehr abnehmen, wenn das Außenministerium anruft.“
Tony erwiderte nichts.
„Die Einladung zur Nachbesprechung in D.C. liegt in Ihrem E-Mail-Postfach.“
Er öffnete die Tür.
„Übermitteln Sie Colonel Rhodes bitte meine besten Genesungswünsche.“ Der unbekannte JCTC-Abgesandte nickte ihm mit freudlos verbundenem Lächeln zu. „Halten Sie uns auf dem Laufenden.“
Tony stieg ein, zog die Tür mit blanker Miene hinter sich zu und stierte geradeaus. Als er den Atem entließ, schien es ein dunkel unterdrücktes Seufzen. Er rieb sich das Augenlid, gab unserem Fahrer ein knappes Zeichen, den Wagen zu starten, und griff in seine Jacke.
Er zog sein StarkPhone hervor.
Er sah mich nicht an, stattdessen überflog er ein paar eingegangene Nachrichten und hob es dann auch schon an sein Ohr. Sein Blick wanderte ruhelos beiseite.
Mein Magen wurde hart wie Zement. Stumm schnallte ich mich an, halb verheddert in Clints viel zu große Jacke, wischte mir mit dem Daumen die vage Nässe aus meinem linken Auge und sah angestrengt hinaus auf das immer noch schwellende und qualmende Flugfeld voller Einsatzkräfte. Als Tony zu telefonieren begann, sank mein Geist zurück in eine summende Wolke Stasis.
-/_\-
Das Telefon auf der neurochirurgischen Ambulanz schien nicht stillzustehen.
Seit Tony von Vision und einem der Chefärzte in Empfang genommen worden war und mir knapp bedeutet hatte im Wartebereich vor der Station Platz zu nehmen, hatte es keine fünf Minuten stillgestanden.
Die Besucherzeiten waren um, trotzdem war es alles andere als ruhig auf der Station. Ärzte, Krankenpfleger und Reinigungskräfte passierten mich in ständigem Eilschritt, rappelten mit ihren Gerätschaften und Wagen an mir vorbei, drückten sich Patientenakten in die Hand und hielten einander immer wieder mit kurzem Zuruf auf. Es war kurz vor zehn Uhr, wir hatten rund zwei Stunden zurück nach Berlin in die Universitätsklinik gebraucht, in welche man Rhodey geflogen hatte, um ihn notfallmedizinisch zu versorgen, und trotz der taghellbeleuchteten Flure spürte ich die angebrochene Nacht in sämtlichen meiner Knochen.
Erst, als wir auf dem Klinikgelände eingetroffen waren und Tony seine langwierige und sichtlich verdrossene Abfolge koordinierender Telefonate mit Außenminister Ross, der Stark Katastrophenhilfe und dem Legal- und PR-Team im Avengers Hauptquartier beendet hatte, hatte ich das einzige Mal ausreichend Mut gefasst, um zumindest einen Versuch zu wagen, ihn anzusprechen und auf mich aufmerksam zu machen und ihn irgendwie dazu zu bewegen, mich wenigstens anzusehen. Aber ich hatte kaum angesetzt, da hatte er bereits die Tür geöffnet, auf mich gewiesen und mich unmissverständlich warnend unterbrochen: „Nicht jetzt.“
Also war ich ihm weiterhin schweigend nachgetrottet, bis auch das nicht mehr gewünscht gewesen schien und ich auf die Wartestühle der Station verwiesen worden war, ohne Rhodey auch nur kurz zu Gesicht bekommen zu haben.
Dank Vision wusste ich nun wenigstens, dass er stabil war und inzwischen sogar wieder bei vollem Bewusstsein und auf dem Weg ins MRT.
Rhodey lebte . Er lag weder im Sterben, noch gestaltete sich sein Zustand kritisch. Irgendwie hatte er den unsäglichen Sturz überlebt; irgendwie hatte sich meine ohnmächtige Gewissheit, ihn genau wie Mum und Jane nie wieder zu sehen, nicht bewahrheitet, sondern sich als weitere, diesmal glückliche Fehlkalkulation dieses Tages herausgestellt.
Doch die bleiche Erleichterung rang mit der schwellenden Hilflosigkeit in meinem Inneren um die Wette. Ich wusste, es konnte nicht ohne Folgen geblieben sein.
So wie es nichts an diesem Tag bleiben würde.
Dieser Irrsinn zu glauben, dass ich einen Unterschied hätte machen können, dass ich irgendeinen von ihnen durch schlichtes Zureden tatsächlich hätte aufhalten können ... Sie hatten einander beschossen und bombardiert, Fahrzeuge und Fassaden in Schutt und Asche gelegt. Clint, Sam und Wanda waren verhaftet , Tony allein wusste, was nun mit ihnen geschah. Steve und Barnes waren fort. Und Rhodey schwerverletzt, um Haaresbreite tot .
Sie würden --- nie wieder zueinander finden, nicht nach heute, nicht nach alledem.
Die Avengers, realisierte ich mit enger Brust, es gab sie nicht mehr.
Und noch dazu war Tony mir böse. Wirklich böse.
Mein Magen begann zu schmerzen.
Stumm tastete ich nach meinem StarkPhone und zog es aus meinem Hoodie heraus, gewillt mich abzulenken, irgendwie , damit ich nicht mehr darüber nachdenken musste, wie es nun weiterging. Kaum, dass ich es vor mir auf Clints Jacke ablegte, erkannte ich jedoch, dass jene Komplettsperre all meiner nicht explizit freigegebenen Zugriffe und Kontakte, mit der Tony mich noch vor wenigen Stunden zur Umkehr ins Hotel hatte bewegen wollen, noch nicht aufgehoben war. Das StarkPhone verblieb in ausgegrauter Inaktivität, abgesehen von der einzigen ungelesenen Nachricht einer meiner Notfallkontakte.
Meine Hand begann zu zittern. Pepper .
18:02 Uhr CayennEO: Sol, Liebes, ich habe seit gestern nichts mehr von dir gehört. Ist alles ok? Die Sache im JCTC war sicher beängstigend. Ich habe mit Tony nicht mehr gesprochen, ich weiß also nicht im Detail, was gerade vor sich geht und wie ihr verblieben seid, aber so wie ich ihn kenne, ist er gerade sicher schwer zu greifen. Ich weiß, Happy gibt gut auf dich Acht, aber melde dich und lass mich ruhig wissen, falls ich jemandem den Kopf zurechtrücken soll. xoxo
Sie hatte keine Ahnung.
Schlimmer noch, murmelte mein Gewissen, wenn sie erfuhr, wozu ich mich hatte hinreißen lassen, wenn sie von meinem gemeingefährlichen Plan erfuhr, mit mir selbst als menschlichen Schutzschild in eine laufende Avengers-Operation zu treten, in der naiven Hoffnung damit eine Art Waffenstillstand zwischen Steves und Tonys bis an die Zähne aufgerüsteten Fronten erzwingen zu können, würde sie nicht anders reagieren als Tony oder Clint oder irgendein anderer Erwachsener an diesem Tag.
Pepper würde entsetzt sein. Fassungslos . Und bitter enttäuscht.
Ihre Nachricht verlor die Konturen. Ich begriff nicht sofort, dass es nicht am StarkPhone lag, sondern an mir selbst, denn ein dumpfes Summen erhob sich in meinen Ohren. Mein Sichtfeld schrumpfte.
Als mein StarkPhone unter meinen schwach zitternden Fingern von Clints Jacke glitt und zu Boden fiel, reagierte ich wie in Trance.
Jemand sank vor mir herab. Ich erkannte Nats grüne Augen, dann auch ihr rotes Haar.
Der schummrig dunkle Tunnel weitete sich wieder.
Sie bewegte die Lippen, ihre Hand wanderte eilig in meinen Nacken und dann auch schon an mein Handgelenk. Ich verstand nicht, was sie sagte, was sie über die Schulter rief, das Sausen in meinen Ohren war zu mächtig, aber eine zweite Gestalt sank unvermittelt neben ihr nieder, ein dunkler Mann im weißen Kittel, einer der Ärzte, der schon zuvor einige Male an mir vorbeigelaufen war, dann versackte das weiße Rauschen schlagartig wieder und die Geräusche des Stationsflurs wie auch ihrer beider Stimmen erreichten wieder mein Bewusstsein.
„-hat ein Aneurysma und hatte bereits vor ein paar Monaten einen hypertensiven Notfall infolge einer Subarachnoidalblutung“, fasste Nat gerade zusammen, während der Doktor bereits eine kleine medizinische Taschenlampe aus seinem Kittel beförderte. „Das Aneurysma wurde stabilisiert, aber die Supercoiling-Prozedur ist erst eine Woche her-“
„Bin ‘kay“, murmelte ich.
„Du bist schneeweiß, Sola.“
Tatsächlich bemerkte ich einen kalten Schweißfilm auf meiner Stirn, der vorher nicht dagewesen war.
Ich versuchte die laue Übelkeit abzuatmen, während der Doktor rasch meine Pupillenreaktion überprüfte und dann auch schon meinen Ärmel heraufkrempelte und die Manschette des Blutdruckmessgeräts anlegte, das ihm eine Krankenschwester brachte.
Nat hielt inzwischen meine Hand. Ich konnte nicht anders, als ihren beruhigenden Griff zaghaft zu erwidern, unverhofft schier erleichtert, dass sie hier war und mich nicht ignorierte oder ansah, als bemühte ich mich angestrengt um ein Ticket ins entlegenste Erziehungs-Boot-Camp von New York.
Als durchschaue sie meine Gedanken, schenkte sie mir einen leise aufmunternden Blick, während der Doktor sichtlich konzentriert meine Werte in Augenschein nahm. „Das sieht alles in Ordnung aus, ein wenig niedrig, aber alles im grünen Bereich“, befand er und sah zu mir auf. „Wann hast du das letzte Mal gegessen?“
„ Umm .“ Stockend sann ich nach, wühlte in meinen Erinnerungen und versuchte an den Ereignissen am Flughafen vorbei zu blicken, was mit einem Mal nahezu unmöglich schien. Mein stilles Beben verstärkte sich wieder. „Beim Frühstück, glaub ich …“
„Das ist ein Weilchen her.“
„Was ist los?“, fragte Tony.
Sein unvermutetes Erscheinen in Nats Rücken ließ mich verstummen.
Rasch glitt sein Blick über die beiden vor mir knienden Erwachsenen, während Nat sich bereits wieder auf die Beine brachte, schnell meine Schulter drückte und versprach, mir etwas aus dem Automaten zu besorgen.
„Alles in Ordnung“, ließ sie ihn wissen. „Falscher Alarm.“
„Ihrer Tochter ist kurz schummrig geworden“, erklärte der Doktor, während er die Manschette wieder von meinem Arm löste. „Sie ist ein wenig unterzuckert, hatte ein kleines Tal, Aufregung und Hunger vertragen sich nicht immer, das kommt vor, aber ihr fehlt nichts.“ Sein Blick fiel auf meinen blutig aufgeschürften Handballen. „Das desinfizieren wir gleich noch. Ich schicke jemanden her.“
Er erhob sich wieder aus der Hocke. Tony nickte ihm abwesend zu, doch sein dunkel ergründender Blick kehrte umgehend in mein Gesicht zurück.
Kaum, dass der Doktor sich entfernte, sank er an seiner statt vor mir in die Knie, wenn auch anscheinend bloß, um mir auf direkter Augenhöhe zu begegnen.
Sein linker Arm war frisch geschient und lag in einer verstellbaren Schlinge über seinem Lederblouson. Irgendjemand schien ihn zwischenzeitlich versorgt zu haben. Sogar seine Haare wirkten nicht mehr so zerrauft wie vorher. Halbherzig aufgefrischt und sortiert, sah er fast wieder wie der Tony aus, den ich kannte.
Fast .
Wäre da nicht noch ein anderer dramatischer Kontrast zu vorher. Sein Blick, der mich auf unserer gesamten Fahrt zurück nach Berlin nicht mehr als knapp gestreift hatte, sah mir jetzt hart und schonungslos examinierend entgegen.
„Hast du Kopfschmerzen? Tut dir der Nacken weh?“
Ich schüttelte den Kopf.
„Irgendein anderes Symptom?“
„Mir war kurz irgendwie komisch, mehr nicht“, murmelte ich.
„Sieh mich an.“ Stumm tat ich wie geheißen. „Ich möchte jetzt nichts anderes als die vollständige Wahrheit hören, verstanden?“
Ich nickte. Tränen schwappten in meinen Augen auf, als ich seiner hart gefassten Miene standhielt, die mich immer noch so ungerührt taxierte, als vermochte er auf mein Wort allein nichts mehr zu geben.
„Vollständig bedeutet lückenlos“, sagte er. „Nichts, das in ein paar Stunden oder Tagen in einem Ich dachte … oder Ich wollte … endet.“
Mager wiederholte ich mein Nicken.
„Muss ich ausführen, was Wahrheit bedeutet?“
Meine Kehle begann zu schmerzen. „Nein.“
Scheinbar befriedigt hob Tony mein StarkPhone vom Boden, legte es neben mir auf dem freien Sitz ab und wies auf meine aufgeschlagene Hand. „Wie ist das passiert?“
„Bin hingefallen.“
Ich flüsterte bloß nur noch.
Auf der Flucht vor dem Winter Soldier , hätte es wohl vollständig lauten sollen, aber ich bekam es nicht über die Lippen. Zu viel daran klang wie ein Prozess, den ich mir selbst machte. Mir auszumalen, wie Tony reagieren mochte, wenn ich ihm von dieser brandgefährlichen Begegnung inmitten des allgemeinen Tumults berichtete, einer Begegnung, die ich mit meinem riskanten Verhalten überhaupt erst ermöglicht hatte, überstieg meine ohnehin bereits strapazierte Vorstellungskraft.
Zu meiner Erleichterung kehrte im selben Moment Nat mit einem abgepackten Sandwich, einem Apfel und einem Trinkpäckchen Multivitaminsaft zurück.
Tony richtete sich wortlos auf.
Leise dankte ich ihr, als sie mir die kleine Mahlzeit reichte, ehe sie sich auch schon sichtlich gewappnet ihm zuwandte. „Was sagt das MRT?“
Er zögerte. Sein Blick verlor sich. "'Die Ärzte sagen, L4 bis S1 sind zertrümmert. Schwere Schädigung des Rückenmarks. Wahrscheinlich wird irgendeine Art von Lähmung zurückbleiben …"'
Tony sah beiseite, während meine Finger an der knubbeligen Folie des Sandwichs erstarrten und ich seine Worte zu deuten versuchte; Lähmung dabei das einzige und zugleich beunruhigendste, das ich auf Anhieb verstand. Sein angespannter Blick kehrte zu Nat zurück. Ohne den Kopf zu wenden, wies er knapp in Richtung des nahen nachtschwarzen Außenbereichs.
Als er sich in Bewegung setzte, folgte sie ihm.
Ihre zwei Gestalten reduzierten sich auf dem Balkon hinter der Glastür zu Silhouetten umgeben von diffusen Stadtlichtern und Finsternis, bis ich ihre von mir abgewandten Schemen kaum noch auszumachen vermochte.
Mein Appetit blieb verschollen, trotzdem aß ich das Sandwich, spülte es wacker mit dem süßen Multivitaminsaft herunter und beobachtete ihr zweisames Gespräch, bis sich mir ein Krankenpfleger mit einer kleinen Schale Tuben und Utensilien und einem so mühelos selbstsicheren Lächeln näherte, dass ich unweigerlich erkannte, dass er aus der Kinder- und Jugendstation für mich herbei beordert worden war.
„Dann kümmern wir uns mal shazam um deine Hand.“ Sein Englisch frohlockte vor falsch aufgesetztem amerikanischem Jugendslang. Er stellte die Schale auf dem noch freien Stuhl neben mir ab, zwinkerte mir zu und bedeutete mir meinen Ärmel zurück zu krempeln. Ich tat ihm den Gefallen. Sein Blick streifte mein Tech-Armband, ohne auch nur zu erahnen, was sich hinter dem filigranen Silberschmuck verbarg, und blieb an dem wunden Bereich meines Handballens hängen. „ Jeez , harte Landung gehabt, was?“
Etwas in mir zog sich grausam zusammen, auch wenn ihm sichtlich entging, wie makaber seine Wortwahl sich im Anbetracht der Umstände gestaltete. Vielleicht hatte sich Rhodeys verhängnisvoller Absturz noch nicht bis zu ihm durchgesprochen oder aber er setzte absichtlich auf allerschwärzesten Humor, um mich aus der Reserve zu locken. Wenn ich auf ihn den Eindruck eines Edgelords machte, musste er jedenfalls dringend an den Geschicken seiner Jugendarbeit feilen, und wenn er glaubte, dass er Sola Stark Waters mit provokantem Wortwitz noch vor offizieller Avengers-Pressemitteilung zu einer verheulten Stellungnahme für seinen wenig besuchten Twitteraccount bekam, hatte er noch nie etwas von Erin Mahoney gehört, Leiterin der CEO-Assistenz bei Stark Industries und durchtrieben brillante Mediencoach.
Was auch der Grund sein mochte, es zündete nicht. Wortlos ließ ich ihn die Schürfwunde säubern und mit einer desinfizierenden Salbe behandeln.
„Den Verband sparen wir uns, yeah ? Das heilt besser an der Luft. Sieht außerdem viel taffer aus als diese Toy Story-Werbekampagne, die ich hier noch im Angebot habe.“ Er packte die Salbe wieder beiseite. „Noch mehr Blessuren, die meine bescheidenen Künste erfordern?“
Ich spürte, wie ich unfreiwillig aufzutauen begann, der leichtherzigen Note seines Tons machtlos ausgeliefert, die sich inmitten herben Schweigens, knapper Worte und beherrschter Blicke so unheilvoll anziehend zeigte wie eine fröhlich flackernde Leuchtreklame an einer ansonsten finster verwaisten Raststätte. Ich biss mir in die Wange, so fest, dass es wehtat , als ich nickte.
Er hatte gerade auch meinen ziependen Fußknöchel getapt und mit ein wenig Eisspray versorgt, als Nat von der Außenterrasse zurückkehrte. Kaum, dass er mir in meinen Sneaker zurückgeholfen und ihn wieder festgebunden hatte, salutierte er verschworen, griff sich seine Utensilien, erhob sich und errötete umgehend, als er sich jäh der weltbekannten Superheldin gegenübersah.
„Ma’am.“
Nat ließ sich neben mir nieder. Ich rollte still mit den Augen, gebeutelt von den müden Tricks, mit denen er mich beinahe herumbekommen hatte, dann realisierte ich, dass ihre Miene erneut der des widerstrebenden Unglücksboten glich und jede vage gewonnene Zerstreuung löste sich auf wie spärliche Fäden Zuckerwatte, die an einem schwitzigen Ellbogen hängen blieben. Meine Innereien krampften zurück in die raue Gewissheit, dass alles kaputt war und vermutlich nie wieder zu kitten. Zertrümmert von der unkontrollierten Kettenreaktion eines einzigen Tages. Ein Gefühl, fast zu vertraut, um nicht geradewegs aus einem anderen Moment in einer vollkommen anderen Klinik geboren zu sein.
Und schon wieder war es, als entziffere sie meine Gedanken, noch ehe sie sich ganz auf meinem Gesicht niederließen.
Auf ihrer Stirn ruhten kleine Gruben, die sie mit einem so liebevoll bedauernden Lächeln überspielte, dass es unweigerlich in meine Brust griff und mein Herz in einen viel zu engen Griff nahm. „Wir werden uns jetzt eine Weile nicht mehr sehen“, sagte sie.
Meine Haut prickelte. „Musst du etwas erledigen?“
Behutsam atmete sie ein. „Ich habe Steve geholfen zu entkommen“, erklärte sie, ohne meinem Blick auszuweichen. „Er hätte nicht nachgegeben. Es schien an dem Punkt … einfach das Beste für beide Seiten. Ich habe ihn und Barnes ziehen lassen.“
Ich sah sie an und sah sie doch nicht.
Mein ganzer Brustkorb begann zu hämmern, als ich jäh begriff, was sie mir zu sagen versuchte.
„Aber …“, begann ich erstickt. „Tony weiß, dass du -“
„Er kann nichts tun“, unterbrach sie mich still. „Selbst, wenn er wollte, Ross weiß es bereits. Davon abgesehen … ist heute viel geschehen.“ Sie nickte mir zu. „Du musst jetzt tapfer sein, hörst du?“
Da waren sie wieder. Worte des Abschieds, ungewisser Dauer wie ungewissen Endes.
Ich versuchte etwas zu finden, eine Antwort, ein Argument , doch es gab keines und Nat wusste auch das, denn sie lächelte bloß und strich zärtlich kurz über meine rechte Augenbraue, ehe sie sich erhob. An der Tür zum Treppenhaus hielt sie noch einmal inne.
Sie nickte mir zu. „Rauft euch zusammen, ja?“
-/_\-
Tony hatte schon früher beharrlich geschwiegen.
Fast immer war es Vorbote eines verbalen Knalls gewesen, einer scharfen Konfrontation oder bitter enttäuschten Predigt, die mich alle böse erwischten, weil ich mir nie erklären konnte, wie ich es schon wieder in diese Situation geschafft hatte, wenn ich doch eigentlich nach nichts anderem als Harmonie zwischen uns trachtete.
Inzwischen ahnte ich, dass diese seine stets so uncharakteristisch undurchdringliche Stille im Vorfeld auf ungeheurer Beherrschung gründete. Dem Unvermögen, mir umgehend die Stirn zu bieten, ohne dabei etwas auszusprechen oder zu tun, das zu impulsiv war und zu sehr er , als dass es nicht umgehend noch mehr Öl ins Feuer goss. Er hielt sich zurück, stillschweigend schäumend, eben weil er es --- so verdammt richtig zu machen versuchte.
Oder so vermutete ich.
Also ja, hämisch knappe Seitenhiebe und frostige Stille, dieses Einstiegsprogramm kannte ich. Ich hasste es, weil es mich in meinem eigenen Saft sieden ließ, schuldig oder nicht, aber ich hatte gelernt es als gegeben hinzunehmen und zudem als Tonys Art zu begreifen, seine Mitte dem Jugendschutz zum Wohle zu sortieren, um mich nicht gleich mit dem geballten Temperament eines Iron Man zu überrollen, der bei weniger gemäßigten oder blutsverwandten Gegnern grundsätzlich zum Erfolg wie auch einigen hochpreisigen Kollateralschäden führte. Irgendwo im Laufe unseres gemeinsamen ersten Jahres hatte ich sogar begonnen, seine temporäre Einsilbigkeit als neuen Teil meines elterlich induzierten Läuterungsprozesses zu erwarten .
Ich erwartete es auch nun .
Nicht jedoch diese beherrscht blanke, geistige Abwesenheit oder das beharrliche Stieren ins Nichts, mit der er mich auf unserer Rückfahrt zurück ins Ritz-Carlton wieder wie schiere Luft behandelte, selbst noch als wir kurze Zeit später aus dem uns zur Verfügung gestellten Maybach ausstiegen.
Die uns umgebende lebendige Berliner Freitagnacht dagegen ein Kontrast, der mich fast ein wenig benommen machte mit all den auf den Bürgersteigen und aus ihren Fahrzeugen kichernden und grölenden Jugendlichen und Studenten auf ihren so unbeschwerten Wegen in die bevorzugten Bars und Clubs der Stadt.
Tony hatte seit rund vierzig Stunden nicht mehr geschlafen und inzwischen sah man es ihm an.
Clints viel zu große Jacke um mich geschlungen, folgte ich seiner schweigenden Gestalt in den Aufzug und zurück in unser Apartment. Ich wusste nicht, was ich mir erhoffte, aber ganz sicher nicht, dass er nicht einmal innehielt und den Wohnbereich in scheinbar besiegtem Trott einfach hinter sich ließ, noch während die Apartmenttür hinter uns ins Schloss fiel.
Seine herbe Stille begann in mir zu wildern.
Befangen wie wortlos schlurfte ich Tony durchs Esszimmer hinterher und ließ meinen Blick rege schuldbewusst über die sichtbaren Reste der Reparaturarbeiten an der mobilen Regalwand springen, hinter der ich Happy erst wenige Stunden zuvor zurückgelassen hatte.
Wenn Tony die frischen Folien rund um die erneuerten Schienen ebenfalls registrierte, zeigte er es mit keiner Regung.
Mein Brustkorb blieb eng, gefüllt von so viel Überforderung und Unglück, dass ich meine Rippen fast schmerzen spüren konnte, doch als Tony auch mein Zimmer links liegen ließ, sich nicht einmal vage in meine Richtung wandte oder mich auch nur mit einer Geste wissen ließ, was ihm nach diesem unsäglichen Reinfall eines geradezu erpresserischen Lösungsversuchs für mich vorschwebte, und stattdessen einfach weiter den Flur hinab auf sein eigenes Schlafzimmer zuhielt, ertrug ich diese ungewisse Stille nicht länger.
Ich wollte es hinter mir haben. Wenigstens das.
Meine Füße trugen mich weiter, folgten ihm in sein Zimmer, stur ergeben wie ein Welpe, der nicht anders konnte, als Aufmerksamkeit zu erbetteln .
„Tony?“
Meine Stimme klang erstickt und fragil und --- wirklich so gar nicht nach mir. Und wieder rechnete ich mit fast allem, nur nicht damit, dass er geradewegs ins Bad verschwand, als habe ich nie etwas von mir gegeben.
Seine hart gefasste Miene aus der Klinik machte mir immer noch Sorge, diese resolute, fast schon mitleidslose Art, mit der er Fakten eingefordert hatte, Wahrheiten , und zugleich keinerlei Fragen oder Entschuldigungen auch nur in Reichweite meiner Gedanken hatte kommen lassen, aber ich wusste nicht, ob ich seine nun so vollständige Ignoranz nicht gar noch beunruhigender fand.
Still sank ich auf die kurze Polsterbank vor seinem Bett, schälte mich befangen aus Clints Jacke und lauschte eine Weile dem dumpfen Rauschen des Wasserhahns. Als es schließlich abbrach, zog mein Herzschlag mau beunruhigt wieder an.
Er kehrte zu mir ins Zimmer zurück.
Anscheinend nicht überrascht, mich immer noch darin anzutreffen, bedachte er mich endlich mit einem Blick, wenn auch bloß halb zugewandt und gänzlich unleserlich, während er seine freie Hand abtrocknete und das kleine Handtuch unzeremoniell beiseite auf eine niedrige Kommode fallen ließ.
Er ließ sich Zeit.
Als er mit todernster Miene zu sprechen begann, sah er mich nicht sofort an. „Solltest du dich jemals wieder aus freien Stücken in eine Avengers-Kampfzone begeben, obwohl ich dir deutlich zu verstehen gegeben habe, dass du dich davon fernzuhalten hast, wechsle ich – und das ist ab dieser Sekunde der klar festgesetzte Ausgang dieser Angelegenheit – ohne weiteren Umschweif ins letzte Kapitel amerikanischer Erziehungsratgeber und lege dich übers Knie, bis dein Hintern die Farbe meines Anzugs annimmt.“
Tränen sammelten sich in meinen Augen. Nickend sah ich zu Boden.
„Hast du verstanden, Sola?“
„Ja“, raunte ich.
„Wiederhol es.“
Ich erstarrte, doch Tony verfolgte den Wechsel bleicher Überraschung hin zu heißer Beschämung, der sich augenblicklich auf meinem Gesicht vollzog, mit ganz und gar unbeeindruckter Miene. Alles in mir verschloss sich und schrumpfte unter seinem unbeirrten Blick zusammen, bis die Worte über meine Lippen purzelten. „Wenn ich eure Kampfzone noch einmal betrete“, wiederholte ich still, „legst du mich übers Knie.“
„Mit Gusto.“
Seine Miene blieb steinern gefasst, selbst noch, als er sich wieder abwandte, seine Schlinge öffnete und sich aus seiner Jacke zu befreien begann.
Ich wartete, doch er sagte nichts mehr.
Die Schuld in mir rotierte mit allem bezeugten Schrecken des Tages wie ein Karussell. Meine Finger bohrten sich in das Leder in meinen Händen, unleugbarer Beweis meines Versagens. Ich schloss die Augen. „Dad, ich wollte nur -“
„Hör zu, ich habe jetzt keine Reserven dafür“, fiel er mir unvermittelt ins Wort. „Wir reisen morgen ab. Und sobald Rhodey überführt ist und wir wieder in New York sind, das versichere ich dir, unterhalten wir uns über jeden winzigen Aspekt dieses Nachmittags. Von fahrlässigen magischen Eingriffen in deine Amygdala, über deine heute unmissverständlich dargebotene Verachtung sämtlicher zwischen uns getroffener Vereinbarungen, bis hin zur absolut lebensmüden Entscheidung, in einen Avengers-Einsatz zu platzen und sich einem international gesuchten Mehrfachattentäter und Supersoldaten auszuliefern.“
Ich wurde bleich. „Ich habe nicht-“
„Du hast . Und ich ---“ Er stoppte sich, hielt die Luft an und entließ bitter angespannt den Atem, blanke dunkle Warnung im Blick.
Um mich von weiterer Reaktion abzuhalten, trieb ich meinen Daumennagel in meinen Zeigefinger.
Tony wandte sich ab, fuhr sich über Stirn und Haar und sah einen langen Moment zu Boden.
„Ich will jetzt nichts mehr davon hören“, sagte er dunkel. „Ich kann nicht mehr denken.“
-/_\-
Ich erbot Tony beim Wiederanlegen seiner Schlinge zu helfen. Ihm ein Mineralwasser für die Schmerztabletten gegen seine Prellungen zu holen. Ihm etwas zu essen zu machen. Schon einmal unsere Koffer zu packen …
Aber er zog bloß die Vorhänge zu und schickte mich zu Bett.
Dort angekommen, warf ich meine nach Ruß, Kerosin und Desinfektionsmittel müffelnde Kleidung ab und tauschte sie gegen einen längeren Sweater. Taub vor Unglück kletterte ich in die Laken, zog die Bettdecke über meinen Kopf und rollte mich darunter ein.
Ich weinte nicht.
Wie eine sterbende Katze lag ich bloß da, bis mich irgendwann jedes Gefühl verließ, sogar der Schock , und meine Augen von ganz alleine zufielen.
Musik:
Sign of the Times – Harry Styles
Schwarze SUVs – Paula Hartmann