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Herzstück

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Herzstück

Kapitel 26: Herzstück

„Willkommen daheim, Sola.“

Durchnässt und vage zitternd trat ich aus dem Lift in unser Penthouse, welches von der Decke bis zur indirekten Bodenbeleuchtung erhellt im wärmsten Bronze- und Goldton einen so herzlich alltäglichen Eindruck auf mich machte, dass ich fast glaubte, mir sämtliche Ereignisse seit unserem Aufbruch nach Berlin bloß eingebildet zu haben.

Alles schien in bester Ordnung. Alles, abgesehen von mir.

Ich tropfte auf den Boden, als ich durch den Wohnbereich schlurfte, auch wenn mein seichtes Beben nicht von Kälte rührte.

Es hatte bloß die schnelle Überquerung der Landeplattform vom Helikopter hinüber ins Gebäude gebraucht, um meine Haare und Kleidung erneut im festen Schauer des vorüberziehenden Sturms zu durchnässen, auch wenn es lange nicht windig genug gewesen war, um mich auf halbem Wege vom Avengers Tower zu reißen und Tony damit einen Denkzettel für die Ewigkeit zu verpassen, wie etwas in mir bitterböse bedauerte.

Wo auch immer er gerade steckte – über dem Atlantik höchstwahrscheinlich – wünschte ich ihm jedenfalls nur das mieseste Wetter. Weder hatte er seinen impulsiven Aufbruch anscheinend bedauert und war umgekehrt, noch hatte er mich in den verbliebenen zehn Minuten meines Heimflugs wenigstens noch einmal angerufen, um unser Gespräch auf versöhnlicherer Note zu beenden.

Vielleicht war Tony wirklich so selbstbewusst zu glauben, dass er mit absoluter Sicherheit zurückkehren würde, obwohl er sich soeben völlig unterlegen in einen Kampf mit womöglich ein Dutzend Supersoldaten begab. Oder es kümmerte ihn schlicht nicht, dass die letzten Worte, die ich leibhaftig von ihm zu hören bekommen hatte, nur eine weitere seiner dutzenden ominösen Hinhaltetaktiken bleiben würde.

Achtlos ließ ich meinen Rucksack auf einen der kleineren, dekorativen Cafétische neben unserer kreisrunden Couchlandschaft sacken, warf meine Jacke hinterher und trat an die Fensterfront.

Auch der Panoramablick hinab auf New York offenbarte lediglich ein dunst- und regenverschwommenes Lichtermeer, umgeben von den gewaltigen Silhouetten der mir längst vertrauten benachbarten Wolkenkratzern vor einer ungnädigen Dunkelheit.

Ich kam mir vor wie ein gestrandeter Astronaut, der über der dunklen Seite der Erdkugel auf seinen Heimatplaneten hinabsah und vergeblich all die winzig strahlenden Lichtknoten auf den unter ihm dahinziehenden Kontinenten fixierte, all diese kleinen, nicht zu leugnenden Beweise von Zivilisation und Menschheit, in still genährter Hoffnung schon bald irgendwie dorthin zurückzukehren, wo die Nacht nicht ganz so finster schien.

„Sola, Mr. Stark hat vor seinem Abflug darum gebeten, dass du dich nach deiner Ankunft zeitnah zu Bett begibst“, meldete sich FRIDAY wieder zu Wort und durchbrach damit die alles durchdringende Stille. „Falls du vorher nicht noch eine Kleinigkeit essen möchtest, schlage ich vor, dass du dich bettfertig machst. Es steht dir natürlich frei, zuerst noch zu duschen oder zu baden.“

„ Si cher ...“ Ich schnaufte, als ich mich von New Yorks Anblick wieder abkehrte und mit sacht geballten Händen zur Küche hinübertrottete. Kaum dort angekommen, wühlte ich so lange durch sämtliche Schränke, bis ich Karamellsirup und Vanilleextrakt ausfindig gemacht hatte, beförderte eine höchst ungesunde Menge von beidem in die größte Tasse, die ich fand, und marschierte damit zum Kaffeevollautomaten weiter.

„Von einem koffeinhaltigen Caramel Latte ist vor dem Zubettgehen eher abzuraten“, begann die KI. „Vielleicht wählst du alternativ-“

„ Nope .“ Ich ließ das P grimmig ploppen, als ich bereits durch die angebotenen Kaffeevariationen in der Menüanzeige sprang. „Klingt verdammt richtig.“

Unvermittelt grauten sich nahezu sämtliche Menüpunkte direkt unter meinen Fingerspitzen aus und ließen nichts anderes als Heißwasser und Milch zurück.

Ich schlug auf das Display. „FRIDAY, aktiviere die verdammte Kaffeemaschine wieder!“

„Tut mir leid, Sola. Du kannst morgen früh wieder auf die volle Funktionalität zugreifen, bis dahin könntest du über ein heißes Glas Milch nachdenken oder einen Kakao-“

Ohne ihr weiter zuzuhören, wühlte ich mich bereits wieder durch unsere Küchenschränke, zog den erstbesten Topf heraus, der mir in die Hände fiel, schüttete Milch hinein und stellte sie auf den Herd. Am Kaffeevollautomaten ließ ich zeitgleich Heißwasser in eine neue Tasse laufen, ehe FRIDAY noch realisieren mochte, was ich vorhatte, und verschwand dann auch schon wieder mit dem Kopf in Küchenfächern und -schränken, bis ich entdeckte, wonach ich suchte.

Mit einer Kaffeepresse und einer kleinen Packung gemahlenem Kaffee unterm Arm kehrte ich zur Kücheninsel zurück, nahm die gerade aufkochende Milch von der Induktionsplatte und begann den erstklassigen Filterkaffee großzügig in die Kaffeepresse zu befördern, wie ich es Tante Jane früher hunderte Male hatte tun sehen.

Mein Herz vibrierte.

FRIDAY wechselte in einen höchst unerfreuten Tonfall: „Sola, ich muss dich bitten, die Zubereitung deines Kaffees zu beenden.“

„Musst du, hm?“, stimmte ich zu, während ich noch schnaufend die Presse bediente. „Heißes Wasser, heiße Milch – alles da. Nichts, das du hier noch sabotieren könntest.“ Ich hielt inne. „Oh, lass mich raten, wenn ich das hier trinke, informierst du den Boss?“

„Ich habe Mr. Stark bereits informiert.“

„Wow“, befand ich trocken und wischte mir Kaffeepulver von den Händen. „Das ging schnell.“ Unverfroren goss ich die heiße Milch in meine mit dickem Sirup ummantelte Tasse.

Meine Hände bebten.

„Du scheinst ungewöhnlich aufgewühlt. Dein derzeitiges Verhalten unterscheidet sich besorgniserregend von deinem bekannten.“

„ J a?“ Ich pfefferte den noch halb gefüllten Topf in die Spüle, ohne die darin verbliebene Milch auch nur abzugießen, und rührte durch meine amateurhaft begonnene Barista-Kreation. „Sag ihm, dass er schon persönlich hier auftauchen muss, um mich davon abzuhalten, meinen Caramel Latte zu trinken. Oops --- warte, nein, richtig ... Beamen hat er noch nicht erfunden. Tja, scheiße. Pack es am besten gleich mit auf seine Agenda.“

Jupp , es waren verdammt gewagte Worte, ganz besonders nach den vergangenen zwei Tagen und seinem unverfrorenen Abgang erst wenige Minuten zuvor, aber für den Moment gab ich mich lieber taff als zuzulassen, dass, was auch immer in meinem Brustkorb weiter und weiter anschwoll und mir schleichend die Luft zu rauben begann, tatsächlich an die Oberfläche durchbrach.

„Ich bitte um Klarstellung, Sola.“ FRIDAY ließ sich nicht aus der Ruhe bringen. „Soll der Forschungspunkt Beamen erfinden Mr. Starks Backlog ausstehender Projekte ergänzen oder soll dein Widerstand bezüglich meiner Weisungsgewalt im Caretaker Protokoll als weiterer Diskussionspunkt in eurem noch ausstehenden Disziplinargespräch vermerkt werden?“

Ich prustete bitter. „Was auch immer.“

„Ich habe die Ergänzungen an beiden Stellen als optional eingefügt.“

Die Kaffeepresse war noch halb gefüllt und die Küchentheke übersät von Kaffeeflecken und Spritzern, die ich allesamt nicht weiter beachtete, wohlwissend, wie deutlich es Tony gegen den Strich gehen würde, dieses absolut provozierte Chaos zu erblicken.

Was die Hygiene seiner Küche anging, war er in punkto Reinlichkeit ähnlich besessen unterwegs wie Pepper. Sämtliche Spülen, Blenden und Marmorflächen glänzten nicht nur samt und sonders, weil wir Reinigungskräfte hatten, die sich regelmäßig darum kümmerten, sondern vor allem auch, weil Tony in der Regel umgehend abräumte und nachwischte und säuberte, was immer ihm vor die Nase fiel, vor allem, wenn er vor sich hin grübelte, telefonierte oder über eines seiner Projekte nachsann.

Es ging so weit, dass er vor wenigen Wochen sogar meinen Teller erst halb verspeister, selbst gebackener Nusscracker ungefragt von der Küchentheke abzuräumen begonnen hatte. Mein brüskierter Protest hatte ihn daraufhin sofort in eine überforderte Verteidigungshaltung gezwungen, an deren Ende wir uns nicht nur darüber in die Haare bekommen hatten, wie vollwertige selbst gebackene Cracker aussahen – offensichtlich nicht wie Ground Zero , wenn es nach Tony Stark ging – sondern es hatte auch dafür gesorgt, dass ich ihm unweigerlich den Teller aus der Hand gegriffen und sämtliche verbliebenen Cracker hochfeierlich in den Mülleimer befördert hatte, ehe er sich noch viel weiter über ihre zerbröselte Ästhetik hatte echauffieren können.

Anders als meine Nusscracker schmeckte mein Caramel Latte wirklich scheußlich.

Es kostete mich schiere Überwindung meine Gesichtszüge unter Kontrolle zu halten, als ich den ersten Schluck nahm und die Tasse prompt wieder abstellte. Todesbitter und irre süß zugleich, rangen meine Geschmacksknospen noch um die rechte Einschätzung, was mich von beidem zuerst umbringen würde, während mein Magen bereits die Entscheidung traf, dass er es gar nicht weiter herauszufinden gedachte, und meinen mutwilligen Anschlag mit einem unweigerlich deftigen Krampf beantwortete, der mir winzige Schweißperlen in den Nacken trieb.

„Mr. Stark erkundigt sich, ob du deinen Tobsuchtsanfall überstanden hast.“

Finster ließ ich die volle Tasse mitsamt der geballten Sauerei stehen und marschierte zur Treppe.

-/_\-

Anstatt schlafen zu gehen, saß ich da und stierte in die Ferne.

FRIDAY hatte es aufgegeben, mich ans Zubettgehen zu erinnern; vielleicht, weil ich inzwischen durchaus stumm und regungslos zwischen meinen Kissen hockte.

Der Regen schien sich etwas abgeschwächt zu haben. Die bunte Nacht von Manhattan lag scharf kontrastiert vor mir. Abertausende beleuchtete Fenster und hunderte Türme, die sich in den Himmel reckten und doch kaum einmal an die Höhe meines eigenen Fußbodens heranreichten. Ein Umstand, der immer noch an Absurdität kaum zu übertreffen war und an den ich mich doch seltsam eindringlich zu gewöhnen begonnen hatte, seit New York tagein tagaus zu meinen Füßen lag.

Ich hatte ihn vermisst, diesen gigantischen Blick in die funkelnd verbaute Weite, und doch tat er in diesen Sekunden nichts anderes als mich daran zu erinnern, dass ich mutterseelenallein war.

„FRI, ist er schon da?“, fragte ich still, meine sacht knetenden Hände in den Plüsch seiner europäischen Merchandise-Kopie gegraben und plötzlich doch so furchtvoll, dass es mir geradewegs die Kehle abschnürte auch nur daran zu denken, wie dieser Abend ausgehen mochte.

„Mr. Stark ist vor etwa einer Viertelstunde am Zielort eingetroffen.“

Unzufrieden knibbelte ich an den Nähten des flauschigen Arc-Reaktors. „Ist er allein?“

„Nein, Captain Rogers und James Barnes sind ebenfalls zugegen. Beide Seiten haben zu einem vorläufigen Waffenstillstand gefunden und erkunden jetzt gemeinsam die Basis.“

„Es geht ihm also gut?“

„Deinem Vater fehlt nichts, das nicht auch schon vorher medizinische Aufmerksamkeit erfordert hätte.“ Ein sanftes Schmunzeln lag in ihrer überzeugend menschlichen Stimme.

Ich schob seine Plüschversion beiseite, sackte tiefer in meine Kissen hinab und rollte mich ein.

„Soll ich die Fenster abblenden, die Raumakustik anpassen oder das Licht dimmen, damit du leichter in den Schlaf findest, Sola?“, erbot FRIDAY.

„Nein, schon gut …“

Mein Magen brannte, während ich dalag und die Augen schloss und mir wünschte, ich mochte tatsächlich einfach einschlafen und alles hieran verschlafen. Der Gedanke währte nicht lange, schon einen Augenblick darauf realisierte ich, dass ich wirklich zu genau wusste, wie es war, in einer Welt zu erwachen, in der nichts mehr war, wie es sein sollte, und die Erkenntnis sandte einen so tiefen Schauer durch mich hindurch, dass ich jäh flach atmend alles in mir davon abhalten musste, mir auszumalen, was ich tun würde, wenn das Unmögliche ein zweites Mal eintraf, wenn es mich erneut erwischte --- dieser Schlag, dieser Fall ins absolut bodenlose Leere, diese unverhandelbare Endgültigkeit .

Alle Versprechen schienen nun nichts mehr wert.

Clint saß im Raft-Gefängnis und blieb damit bis auf Weiteres absolut unerreichbar, Rhodey war schwer verletzt und nun ganz sicher nicht imstande irgendjemandem zu Hilfe zu kommen, Nat verschwunden und auf der Flucht und womöglich für immer fort --- und Pepper zwar da, nah , aber doch … nicht mehr ganz Teil von dem, was wir waren.

Still strich ich mir die unweigerlich aufblühenden Tränen aus dem Gesicht und schluckte all den Druck herab, der sich fester und fester in meiner Brust anreicherte, bis etwas in mir nicht länger standzuhalten vermochte und bitterlich nachgab. „FRI?“, wisperte ich. „Ich möchte Tony sprechen.“

„Ich bin mir nicht sicher, ob gerade der richtige Zeitpunkt dazu ist, Sola.“

Ich biss mir in die Lippe. Wiederholt wischte ich mir die stille Nässe aus dem Gesicht, hielt einen langen Moment die Luft an und richtete mich halb auf. „Nur eine Minute“, bat ich heiser. „Nur ganz kurz.“

„Ich kann eine Nachricht übermitteln-“

„Ich muss ihn sprechen“, platzte es erstickt aus mir. „Wirklich, okay? Jetzt , FRI … Ich muss --- ich muss ihn sprechen, nur kurz, bitte ---“

Unvermittelt tat sie wie gebeten. Auf meinem StarkPhone baute sich eine Verbindung auf. Es dauerte einen kurzen Augenblick, dann erklang auch schon Tonys Stimme: „ Hi Kleines, keine Ahnung, weshalb es gerade nicht passt, aber wenn ich bei diesem irre witzigen VIP-Gesicht auf meinem Display nicht spontan abnehme, wird es mit ziemlicher Sicherheit verdammt gute Gründe dafür geben. “ Er hielt inne. „ Jupp … “, bestätigte er unbeeindruckt. „ Übrigens, du sprichst gerade ins Nirvana --- das hier ist die Voicemail. Hätte ich vielleicht direkt erwähnen sollen, jetzt musst du das Ganze gleich noch einmal abspulen. Aber diesmal halten wir es kurz und knackig, ganz ohne falsche Bescheidenheit, einverstanden? Ausgezeichnet. Halt dich fest, deine Bühne in drei – zwei – eins – ab geht die Post. “

Ich stockte. „FRI?“

„Es tut mir leid, Sola, Mr. Stark hat deinen Anruf abgelehnt. Aber du kannst eine Nachricht hinterlassen. Ich erinnere ihn, sobald die Situation geklärt ist.“

Ich presste die Augenlider zusammen. „Welche Situation?“

„Mr. Stark, Captain Rogers und Mr. Barnes haben Oberst Zemo ausfindig gemacht. Sie stehen kurz vor seiner Ergreifung.“

„Sie kämpfen mit ihm?“

„Bislang sind keine gewaltsamen Auseinandersetzungen involviert gewesen, aber die Situation gestaltet sich unübersichtlich und angespannt.“ FRIDAY setzte eine Pause. „Möchtest du eine Nachricht dalassen?“

Ich schluckte herb gegen den unerträglichen Druck in meiner Brust. Ich weiß, dass das hier wichtig ist und dass es gerade niemand anderen gibt, der Steve helfen kann , blühten die elendigen Worte bereits in mir auf. Aber --- ich kann das nicht. Pepper hat recht, ich kann nicht noch einmal --- … Mein Innerstes zog sich zusammen. Komm nach Hause. Bitte, komm einfach zurück ---

„Leg auf“, antwortete ich erstickt.

FRIDAY beendete die Verbindung.

Ohne zu wissen, wie ich dieses nagend grässliche Gefühl weiter im Zaum zu halten vermochte, das sich durch sämtliche meiner Muskeln fraß und nur vom Schlimmsten sprach, lag ich weiter da, hielt den Atem an und wartete darauf, dass FRIDAY diese schwellende Panik mit einer irgendwie gearteten Gewissheit durchbrach. Einer Bestätigung, dass wider Erwarten alles glimpflich verlaufen war, dass Zemo sich ergeben hatte, dass Tony sich auf den Rückweg machte … Doch die Erlösung folgte nicht.

Als ich FRIDAY ein weiteres Mal um ein Update bat, hielt sie sich bedeckt. Ich bekam nicht mehr aus ihr heraus, als dass sich die Situation massiv verkompliziert hatte, der getroffene Waffenstillstand von Tony gebrochen worden war und nun anscheinend Kampfhandlungen im Gange waren.

Mein Magen schnürte sich ein.

Sie kämpften gegeneinander. Schon wieder.

Ich verstand es nicht, aber wie auch immer es dazu gekommen war, es konnte absolut nichts Gutes bedeuten.

Als ich weiter nachhakte, blockte FRIDAY endgültig ab und erbot eine beruhigende Playlist abzuspielen, um es mir leichter zu machen, trotz aller Unruhe einzuschlafen.

Bitter lehnte ich ab. „Ist Pepper im Tower?“, erkundigte ich mich heiser, meine rechte Hand zu einer schmerzhaft festen Faust geballt, die ich abwesend gegen meine Magengrube presste.

„Nein, Miss Potts befindet sich immer noch in Newark in geschäftlichen Verhandlungen mit Hudson Farming. Möchtest du-“

„Was ist mit Rhodey?“ Ich schniefte. „Kann ich ihn sprechen?“

„Colonel Rhodes ist Teil deiner Notfallkontaktliste, allerdings erholt er sich gerade in der Medbay des Hauptquartiers von einer Narkose und ist noch nicht wieder ansprechbar. Er hatte vor wenigen Minuten einen operativen Schnelleingriff aufgrund einer kritischen Blutung im Bauchraum. Ich kann dich informieren-“

„Er wurde notoperiert? Aber ich dachte …“ Bestürzt setzte ich mich auf. „FRI, ich dachte, es geht ihm --- besser?“

„Es kam vorige Stunde zu einem jähen Blutdruckabfall wegen eines zweizeitigen Risses an der Milz. Colonel Rhodes wurde stabilisiert. Es besteht kein Grund zur Sorge. Das Chirurgenteam konnte die Blutung rechtzeitig stillen und das betroffene Gewebe behandeln.“

Dichte Übelkeit überkam mich. Ruckartig stürzte ich vom Bett in Richtung Bad, schlug auf halbem Wege einen Haken zum so viel näheren Papierkorb und übergab mich in sein chromvergittertes Inneres. Da ich kaum etwas gegessen hatte, kam nicht viel dabei herum, doch es genügte, um mich pochend benommen auf dem Boden sitzend in jähe Tränen ausbrechen zu lassen, meine Handflächen in die abgerundet flachen Kanten des Papierkorbs gepresst.

„Sola, benötigst du Hilfe?“ FRIDAY klang besorgt. „Soll ich einen Arzt benachrichtigen?“

„Nein“, schluchzte ich.

„Ich muss mich vergewissern: Verspürst du Kopfschmerzen, Desorientierung oder Nackensteifheit?“

Kopfschüttelnd strich ich mir über Augen und Mund und atmete schwer durch. „FRI?“

„Ja, Sola?“

„Wie schlimm ist es? Kämpfen sie immer noch?“

„Ich fürchte, ja.“

„Ist Tony okay?“

„Sein Anzug wurde beschädigt, er selbst verzeichnet bislang lediglich ein paar stumpfe Traumata.“

Mein Herz trieb satte Übelkeit zurück in meine Kehle. „Was heißt beschädigt?“

„Eingeschränktes Leistungsniveau des linken Jetboots und eines Repulsors, gestörte Zielsysteme, beeinträchtigte Sensorik, defektes Flugsystem.“

Etwas in mir wurde etwas schwereloser. „Wer war das?“

„Steve Rogers und James Buchanan Bar--- … Bitte entschuldige, Mr. Stark hat mir soeben die Freigabe entzogen, dich über die Ereignisse in Sibirien auf dem Laufenden zu halten, und das Caretaker Protokoll aus dem vorläufigen Sonderstatus zurück in den täglichen Standard versetzt.“ Sie setzte eine behutsame Pause. „Ich muss dich bitten, vom Boden aufzustehen und dich umgehend bettfertig zu machen, Sola. Wenn du möchtest, können wir zuvor noch gemeinsam eine Atemübung durchgehen. Es könnte dir helfen, deine Aufregung unter Kontrolle zu bekommen.”

Ich zog meine Knie an und sackte sacht zitternd mit den Schultern gegen die Rückseite meiner Couch, doch ansonsten schwellte alles in mir schlagartig auf eine so taube Note herab, dass mir ein wenig schwindelig wurde.

FRIDAY setzte etwas nach, das vollkommen an mir vorbei ging. Eine ganze Weile vibrierte ich nur vor mich hin, bis mich plötzlich eine Ruhe überkam, die sich anfühlte, als habe eine gespenstisch unbekannte Instanz in meinem Inneren mein Nervensystem unter ihre Kontrolle gebracht und zu rebooten begonnen.

„FRI“, bemerkte ich still. „Verbinde mich mit Tony.“

„Tut mir leid, Sola.“ Die KI schlug einen auffällig behutsamen Ton an. „Die Kommunikation zu Mark 46 ist leider ausgefallen. Die Reaktorleistung des Anzugs wurde durch äußere Einflüsse beeinträchtigt und hat sich anscheinend erschöpft. Mr. Starks Nano-Armband ist ebenfalls offline. Ich habe soeben einen Ersatzanzug zur letzten mir bekannten Position ausgesandt. Eine Kontaktaufnahme zu deinem Vater wird nach derzeitigem Stand frühestens erst wieder in einer Dreiviertelstunde möglich sein.“

Ich regte mich nicht. „Du empfängst nichts mehr?“

„Es liegt ein vollständiger Kommunikationsabbruch vor. Dies lässt jedoch keine Rückschlüsse auf Mr. Starks gegenwärtigen Gesundheitsstatus zu. Dein Vater befindet sich in einem in Lage und Bauweise massiv abgeschotteten Bauwerk, das die Möglichkeiten einer Kontaktwiederaufnahme erheblich erschwert. Nach letztem mir bekannten Stand lagen seine Vitalwerte alle in einem stressbedingt erhöhten, wenngleich unbedenklichen Bereich.“

„Aber jetzt empfängst du nichts mehr“, wiederholte ich schwach, „weil sein Anzug ---“ Mir brach die Stimme weg. „---weil er so stark beschädigt wurde, dass der essentielle Arc-Reaktor ausgefallen ist?“

FRIDAY bestätigte sacht.

Ein lautloses Glucksen stieg in meine Kehle, als ich meine Stirn auf meine Knie sacken ließ, aber es war mehr ein dumpf bestätigtes Zucken, ein erstes Symptom aufstrahlenden Schreckens, als irgendetwas sonst.

Mein Geist ertrank in Leere. Taubheit überspülte mich, stärker noch denn zuvor.

Das Glucksen verblich, ließ sich irgendwo in meinem Bauchraum nieder und nichts als müdes Nichtempfinden zurück. Ich stierte auf den Boden, über mein eigenes feines Tech-Armband, die Tischbeine meines Schreibtischs, den besudelten Papierkorb und dann weiter zur fernen Regalwand mit meinen digitalen Bilderrahmen.

Ich starrte auf ihre Gesichter. Tony und Pepper. Daphne. Clint. Jane. Mum . Ins Nichts.

Als ich schließlich meine Stimme wiederfand, keuchte ich: „FRI, ich möchte --- nach Hause --- ich möchte zu Mum .“

-/_\-

Die Projektetage schien verlassen.

Obwohl die Räumlichkeiten des Stark Industries Geschäftsbereichs für Forschung und Entwicklung exakt so einladend hell beleuchtet waren wie schon bei meinem letzten Besuch, schienen heute noch weniger Menschen zugegen.

Auf meinem Weg den weiten Korridor hinab, begegnete mir niemand, ausgenommen von ein paar friedlich vor sich hin arbeitenden Dum-E-Interpretationen. Die zahlreich aneinander gereihten gläsernen Laborkuben, Arbeitsbereiche und Konferenzräume dieser Etage schienen aufgeräumt und verlassen. Es war weit nach zehn Uhr am Samstagabend, aber ich wusste, dass es durchaus wissenschaftliches Personal geben musste, dem die bloße irdische Uhrzeit im Sog frisch aufkeimender Ideen und Erkenntnisse genau wie Tony nicht viel anzuhaben vermochte, weshalb ich an jedem Bereich, der auch nur vage Bewegung verzeichnete, rasch mit gesenktem Kopf vorbeizog.

Gänsehaut lag auf meinen Armen und in meinem Kopf wummerte es.

Dass ich schon wieder weinte, ohne es wirklich zu realisieren, bemerkte ich erst, als ein kühler Tropfen auf den Daumen meiner gespannt in mein Sweatshirt gekrallten Hand fiel und daran hinabglitt.

Als ich die Zugangstür zur gewiesenen Werkshalle endlich erreichte, löste ich meine Finger aus ihrer stressgebeutelten Starre, friemelte benommen mein StarkPhone aus meiner Hosentasche hervor und zögerte.

Auf dem Korridor war es still. Abgesehen vom vagen Summen ferner Technologie und arbeitender Belüftungssysteme war nichts zu vernehmen.

„FRI?“, wisperte ich, gewürgt von innerem Tumult.

„Du bist richtig, Sola. S.E.N.F. befindet sich inzwischen in einem eigens isolierten Werkbereich zur verbesserten Immersion. Du besitzt die erforderliche Zugangsberechtigung, du kannst eintreten.“

Tatsächlich öffnete sich die Tür, kaum dass ich den Touchscreen berührte.

„Im Moment ist niemand anderes hier“, informierte mich die KI, als ich verhalten eintrat und sich um mich herum umgehend ein indirektes bläuliches Licht erhob, das mich an einladende Neontafeln vor New Yorker Bars und unberührt ruhende Swimming-Pools unter karibischen Sternenzelten erinnerte. „Ich habe den Bereich für die nächsten zwei Stunden unter Mr. Starks Kennung reserviert, sodass du vollkommen ungestört bleibst.“

Ruhelos presste ich die Lippen aufeinander, schniefte angespannt ein paar Tränen fort und starrte auf das vor mir liegende Set aus weißen Bodenplatten und Wänden. Mein Herz drückte mir die Luft ab. „Wie funktioniert es?“

„Das hängt davon ab, was du tun möchtest.“

„Ich will --- einfach nur --- … Ich will sie einfach sehen, FRIDAY.“ Meine Stimme brach. „So wie sie war.“ Ich möchte bei ihr sein , wummerte es in mir fort. Ich halt es nicht mehr aus. Ich möchte, dass sie da ist. Bitte --- Tränen perlten ungehindert meine Wangen hinab.

„Das bekommen wir hin.“ Trotz meiner vor unterdrücktem Hicksen schier bebenden Gestalt schlug FRIDAY einen unbeschwert zuversichtlichen Ton an. „Rechts neben dir befindet sich eine Vitrine. Dort findest du das erforderliche Equipment.“

Betäubt schritt ich hinüber und hob dieselbe dunkel gerahmte Brille von ihrer Ablage, die ich Tony zuletzt bei seiner Präsentation am MIT hatte tragen sehen. Abgesehen von den feinen verlängerten Elektroden am Ende ihrer Bügel, sah die High-Tech- Brille auch aus direkter Nähe ganz und gar gewöhnlich aus.

Sie jäh in der Hand zu halten, ließ mein Magen senkrecht fallen.

Meine Gedanken sprangen zu Tony zurück, zurück nach Sibirien, und für eine Sekunde wurde mir schwarz vor Augen.

„Zunächst führe ich eine schnelle Kalibrierung durch“, erklärte FRIDAY. „Anschließend konzentrierst du dich ganz auf die Erinnerung, die du besuchen möchtest. Wenn du so weit bist, aktivieren wir den Projektionsaufbau zur holographischen Übersetzung.“

Ich nickte. Meine Kehle blieb schmerzhaft zugeschnürt, als ich die Brille rasch aufsetzte.

„Sollen wir starten?“

Meine Bestätigung klang mehr nach einem uneindeutigen Ächzen, aber sie akzeptierte sie ohne die geringste Beschwerde und wies mich freundlich an, nacheinander ein paar vorgegebene Raummarker zu fokussieren, während sie mir eine Handvoll Logik- und Allgemeinwissensfragen stellte und mich zu kleineren Fantasie- und Erinnerungsaufgaben aufforderte, die mich schlichtweg überforderten. Als ich endgültig ins Stocken kam, unfähig ihr selbst Peppers amtlich korrekten Namen zu nennen, hielt FRIDAY merklich inne und bat mich tief durchzuatmen und mich bloß auf den leeren Raum vor mir zu konzentrieren. Ich versuchte es, auch wenn ich dem schwarzen Strudel in meinem Kopf nicht entkam, der mich längst so fest ergriffen hielt, dass ich fast nichts anderes mehr als überforderte Kapitulation verspürte.

Fast bereit, die Brille einfach wieder unverrichteter Dinge vom Kopf zu ziehen, verkündete FRIDAY unvermittelt auch schon die erfolgreiche Kalibrierung. „S.E.N.F. steht bereit“, ließ sie mich wissen. „Du kannst dich jetzt auf die Erinnerung konzentrieren, die du ins Neuro-Framing übertragen möchtest. Wenn du sie gefunden hast, tippe bitte einmal gegen den Bügel.“

Ich machte zwei unsichere Schritte auf die weiße Raumplatte zu. „An wie viel muss ich mich erinnern, damit es funktioniert?“

„Am Leichtesten ist es vermutlich, einen für dich hervorstechenden Moment geistig festzuhalten, um die Erinnerung zu markieren.“

Vielleicht, weil Tony sie dazu anhielt, mir ganz ungefragt Bildung zukommen zu lassen, wann immer es sich anbot, oder weil sie mich mit technischen Details von meinem emotionalen Hurrikan abzulenken versuchte, holte FRIDAY bereits weiter aus: „Das System lokalisiert alle aktiv angesprochenen und vernetzten Neuronen; auch diejenigen, zu denen du selbst keinen oder nur sehr beschwerlich Zugang findest. Mithilfe von S.E.N.F. kannst du deine Erinnerung vollständig und in Echtzeit betrachten. Das Neuro-Framing kartiert das gesamte neuronale Netzwerk, das von einem Ereignis gebildet wurde, und übersetzt es in ein Datenpaket, das die holographische 3D-Simulation audiovisuell abbilden kann.“

Das Herzstück hatte Tony es genannt; die eigentliche Transferarbeit vor der Projektion.

Das Gedankenlesen, das er beherrschte, ich aber nicht zuließ.

Ich presste die angespannt geballten Hände unter meine Arme, schloss die Augen und atmete aus, ehe ich bereits den Kopf schüttelte und mich geradewegs auf die erstbeste Erinnerung stürzte, die mir in den Sinn kam.

Unsere Küche. Mum. Ihr helles Haar im Nachmittagslicht.

Vielleicht hatte ich mich wirklich danach gesehnt, vielleicht hatte Tony recht gehabt, vielleicht hatte sich insgeheim längst alles in mir danach verzehrt, denn urplötzlich wollte ich sie bloß nur noch sehen, real oder nicht, ich wollte in eben diese Erinnerung abtauchen, in ihr existieren , in einer Welt, die normal und sorglos gewesen war, in der von mir vernachlässigte Schullektüren, der gesundheitlich stagnierende Zustand meines Großvaters, Janes schrumpfende Judoklassen und faule Kürbisse im Walmart unsere größten Probleme kurz vor Halloween gewesen waren.

Als ich gegen den Bügel tippte und die Augen schließlich in schummriger Nervosität öffnete, baute sich dasselbe Gitternetz aus blauem Licht vor mir auf, das bereits Tonys Präsentation am MIT vorausgegangen war.

Das blaue Nirvana währte nur einen Moment, dann sortierten sich überall Fragmente und ich stand unvermutet in unserer unordentlichen Küche und Mum direkt vor mir. Lebendig .

Meine Innereien erstarrten, trotz aller Erwartung völlig überwältigt von der eindringlich vollendeten Täuschung, die mein Gehirn augenblicklich davon überzeugte, aus einem angestrengt gehegten Tagtraum erwacht zu sein, in dem Tony Stark mein Vater gewesen war, als auch schon all mein Blut in meine Gliedmaßen strömte und meinen Kopf wirr und leer zurückließ.

Das späte Nachmittagslicht brannte golden durch die hellen Gardinen, ließ das Abtropfbrett neben unserer kleinen Spüle trotz gigantischer Wasserflecke blitzen und all die feinen Haare, die Mums Zopf verlassen hatten, wie Spinnenweben in der Luft flimmern und tanzen.

Feingliedrig wie sie selbst.

Ihre Arme wanderten, während sie durch Schaum und Wasser nach dem nächsten Teller griff.

Ihr Anblick paralysierte mich.

Als sie den Kopf unverhofft wandte, den Blick halb über die Schulter gerichtet, erschrak ich.

„Versuchst du dich vorbei zu schleichen?“, fragte sie so seelenruhig, dass mir ihre wohlbekannte Stimmmelodie allein eine Gänsehaut bereitete, obwohl ich den leise unterhaltenen Tadel in ihrem Ton durchaus aufschnappte, der mich komplett verwirrte, bis mein jüngeres Ich unverhofft zu meiner Rechten auftauchte und meinen alten Rucksack neben dem Kühlschrank auf dem Boden abstellte.

„An einem lebenden Seismografen?“, schnaufte ich gespielt. „Niemals.“ Mein dreizehnjähriges Ich wies zur Spüle. „Das war heute Morgen noch mein Abwasch.“

„Jane macht hier nicht die Regeln, sondern ich.“ Mum hob vielsagend beide Brauen und Mundwinkel. „Wenn sie ein paar abgestellte Cornflakes-Schüsseln so aus dem Konzept bringen, kann sie sich gerne mit ihnen befassen, wann immer sie hier vorbeischneit. Du und ich sind schwer beschäftigte Menschen, das haben wir ausreichend festgehalten.“

Ich verzog die Miene. „Sie sagte, wir leben wie Trolle.“

„Zeig ihr Shrek. Trolle sind halb so schlimm.“

„Er ist ein Oger, Mum.“

Sacht verwirrt warf sie ihre Stirn in Falten. „Was ist der Unterschied?“

„Keine Ahnung ...“ Ich schwieg. „Er ist grün?“

Sie schmunzelte.

„Wo habt ihr euch den ganzen Tag rumgetrieben?“

„Mine Falls.“ Meine Achseln hoben sich, während ich mir abwesend die Wange rieb und die Küche nach den Anzeichen eines baldigen Abendessens absuchte. „Haben ein paar Körbe mit Sid geworfen. Danach sind wir kurz rüber zu Jessy, aber ihre Mum hatte noch irre schlechte Laune wegen ihrer Mathenote auf dem Quartalszeugnis, also sind wir wieder ohne sie zurück.“

„Ihr wart nicht bei Marcos‘?“

Sichtlich ausgehungert sank ich gegen die Küchenzeile. „Er hatte heute zu. Sein Bruder hat diese Zulassungsfeier, er musste nach Manchester. Hatte ich dir gestern erzählt …“

Mum nickte, als erinnerte sie sich wieder.

Anscheinend überzeugt, dass ein Abendessen erst noch konzipiert werden musste, trat mein jüngeres Ich schon näher, stieg auf die Zehenspitzen und drückte einen schnellen Kuss auf ihre Wange. Unvermutet hielt Mum mich davon ab abzudrehen, ihre Miene vage getroffen. „Du riechst nach Bier, Sola.“

„Ja, umm , lustige Geschichte …“

Mum trocknete ihre Hände ab, legte das Geschirrtuch beiseite und seufzte auf diese wunderschön pseudofranzösische Weise, die mir bereits einen festen Schauer Sehnsucht bereitete, wenn ich mich nur daran erinnerte. „Habt ihr euch wieder mit diesen Genies gestritten?“

„ Ver-rückt , oder?“, stimmte ich ertappt gedehnt zu.

Mum legte den Kopf schief. „Sola, wenn man sich mit Senior High-Abbrechern anlegt, die den ganzen Tag hinter dem Skaterpark herumhängen und ganz sicher nicht von vorbei schlendernden Junior High-Kids die Welt erklärt bekommen wollen, ist es gar nicht so unwahrscheinlich, dass hier und da mal eine Flasche fliegt.“

„Jessy ist die Einzige, die ihnen die Welt erklären will.“ Genervt verdrehte ich die Augen. „Daphne und mir ist echt egal, dass sie glauben, dass Hydra nicht existiert und Asgard in Schweden liegt.“

„Und trotzdem bist du diejenige, die jetzt nach Bier stinkt“, erinnerte sie mich mild.

„Ja, weil Hairy Styles nicht zielen kann.“

„Ich hoffe, du hast ihn nicht wirklich so genannt.“

„ Nope . Mir reicht es, wenn ich Dinge denke.“

„Gut, denn, falls die Schulleitung morgen fragt, ich muss eine Lieferung Terrakottakübel entgegennehmen und kann nicht vorbeisehen, um Mrs. Styles zu versichern, dass sie einen sehr vorzeigbaren Jungen zur Welt gebracht hat.“

„Mum, er hat eine halbvolle Flasche Corona nach Jessy geworfen und jetzt sehen meine Sneakers aus, als sei die Schultoilette übergelaufen. Wenn überhaupt muss Mrs. Styles dir versichern, dass ich fantastisch bin.“

Mum gluckste. „Ich will einfach nur nicht, dass diese Jungs hier auftauchen, um hier zu randalieren, oder dich nachmittags irgendwo in einen Spind einsperren, okay?“

Unglücklich sah ich wieder auf meine vergilbten Schuhe herab. „Meinst du, wir können sie in die Waschmaschine packen?“

Zweifelnd folgte sie meinem Blick. „Ich denke, es werden neue.“

Ich grinste auf. „Cool. Kann ich Superstars haben?“

Sie verdrehte die Augen. „Wenn du und deine Baby-Trollbande in Zukunft einen weiten Bogen um Hairy Styles macht …“

„Klar.“

Mum strich durch meinen Pony und meine Haare, sah mich einen kurzen Moment nachdenklich an, dann wandte sie sich schon wieder dem verbliebenen Geschirr zu. „Für wen oder was hast du die Flasche kassiert?“

Ich zuckte die Achseln. „Tony Stark.“ Schelmisch hob ich die Mundwinkel, was seinem eigenen selbstgefälligen Schmunzeln für eine Sekunde so unfassbar ähnlich sah, dass es mich geradewegs wie ein Schock traf. „Vielleicht bezahlt er die Superstars. Ich sag Jessy, sie soll ihm die Rechnung schicken …“

Alles in mir erstarrte, während mein jüngeres Ich auch schon nach einer offenen Tüte Cracker auf der Küchentheke griff. Mein Blick schoss zu Mum zurück. Sie beobachtete mich kurz, während ich mich aus der Tüte bediente, ehe ich zum Kühlschrank weiterschlenderte.

Umgehend näherte ich mich der Stelle, an der mein Erinnerungs-Ich zuvor gestanden hatte.

Mums lebendiges Gesicht aus direkter Nähe war hypnotisierend, doch es war der enthüllende Moment ihrer kurz zögernden Augen, der meine bislang stumm perlenden Tränen unvermittelt unterbrach. Ich suchte in ihrer Miene, wusste nicht einmal genau wonach, aber ich tat es in so jähem Aufruhr, dass ich meinen Puls endgültig außer Kontrolle galoppieren spürte.

Anstatt aus der Küche zu verschwinden, drehte sich mein jüngeres Ich herum. „Wer ist dein Lieblingsavenger, Mum?“

Diese Frage war nicht Teil meiner Erinnerung, das erkannte ich sofort. Ich hatte mich nicht mehr im Detail an unsere Unterhaltung erinnern können, aber ich hatte alles hieran wiedererkannt, noch während S.E.N.F. es aus meinem Langzeitgedächtnis gegraben hatte.

Das hier war neu. Es war fremd, gehörte nicht in diesen Moment – es kam … aus dem Jetzt .

Die Simulation gefror.

Ich fuhr herum. „FRI?“

„Die Erinnerung endet hier, Sola“, sagte die KI. „Du bist zum Kühlschrank gegangen und hast anschließend die Küche verlassen. Du kannst eine abgewandelte Simulation dieser Erinnerung mit deiner intuitiv platzierten Frage fortsetzen oder die Sitzung beenden. Möchtest du fortfahren?“

Mir war so übel, mir brach der Schweiß aus. „Ja.“

Mum sah zu mir. Für eine Sekunde war es, als blicke sie mir direkt in die Augen, ehe ich verstand, dass sie zu meiner sich wieder nähernden jüngeren Gestalt sah. Ihr leises belustigtes Schmunzeln überzeugte mich selbst jetzt noch.

„Na los, sag schon“, drängelte mein Simulations-Ich „Wer ist es?“

„Sola, das ist wie mit den Backstreet Boys“, wich sie liebevoll aus. „In eine so heiße Debatte mische ich mich nicht ein.“

„Es ist Tony“, entfuhr es mir. „Oder etwa nicht?“

Überrascht sah sie mich an, diesmal wirklich .

Mein simuliertes Ich verschwand.

Urplötzlich standen wir wahrhaftig voreinander, im milden Nachmittagslicht einer Sonne, die ich nicht auf meiner Haut spürte, obwohl sie mich in denselben wohligen Schein tränkte, der auch auf Mums Gesichtshälfte lag, als sie mich unverhofft besorgt musterte, ganz als nehme sie nun tatsächlich alles an mir wahr. Das Beben. Die Tränen.

Den Schmerz .

„Sol, Schatz, was ist los?“, murmelte sie so überzeugend bekümmert, dass ich fast glaubte, dass ich diejenige war, die ein Geist war.

„Was los ist?“ Mein Herz schien aus meiner Brust zu brechen. „Du hast es mir nie gesagt“, japste ich, „dabei --- war er ständig Thema. Nicht nur hier, nicht nur heute. Er war fast jeden Tag im Fernsehen. Er war überall . Louis und Jessy haben ihn verehrt. Wir haben gemeinsam darüber gelacht. Wir haben für Louis Garagenverkäufe durchsucht, um Actionfiguren von ihm zu finden. Und du hast nie --- … Mum, ich kapiere wieso , aber … Ich wollte es von dir hören, nicht --- … Nicht so .“ Ich machte einen überforderten Schritt auf sie zu. „Wie konntest du mir nicht mal einen verdammten Brief dalassen, der irgendetwas erklärt !? Oder ihm? Irgendetwas, das er mir hätte sagen können. Stattdessen nichts . Du hast nichts getan, damit ich --- ohne dich leben kann.“ Herb schluchzend grub ich meine Hand in den robusten Stoff meines Sweatshirts. „Und jetzt --- kann ich nie wieder mit dir sprechen und --- Tony …“ Meine Stimme brach. „ Mum , ich halt es nicht nochmal aus .“

„Ich bin da, Sola.“ Sacht sank sie gegen die Spüle und verschränkte die Arme. „Was soll ich dir sagen? Was musst du wissen, um zu verstehen?“

Ich sah zu ihr zurück, sah unter tränendem Blick zu ihr auf, öffnete den Mund, doch schlagartig wollten die Worte nicht mehr aus mir heraus. Mein Verstand schrie, erinnerte mich, dass das hier nicht sie war. Dass sie mir nichts sagen würde, was ich nicht bereits wusste. Nichts, das irgendeine Antwort brachte. Sie war --- ein Phantom.

„Er ist fort, habe ich recht?“, fragte Mum leise. „Er musste sich entscheiden, ja?“

Ich riss die Brille von meinem Gesicht, warf sie von mir und stolperte zurück. Die Simulation um mich herum zerbrach in blaue Kuben und Licht. FRIDAY sprach, aber ich hörte sie nicht, vernahm nur schweres, gewaltiges Summen, als bebe die gesamte Welt, als sei sie dabei zu bersten.

Orientierungslos wich ich zurück, bis ich jählings gegen die Wand stieß, an ihr herabsackte, meine Knie umschlang und die Augen zupresste. Ich drückte die Handballen in meine Schläfe, krallte die Hände in meine Haare, versuchte das schwere Schluchzen zu beenden, das mir so straff die Luft abwürgte, als befände ich mich wieder in Zekes kalter, schwarzer Kapsel; als nähme das Kohlenstoffdioxid um mich herum Überhand und verließe nicht länger meine Lunge.

Es hörte nicht auf.

FRIDAYs besorgte Stimme zog wie aus fernen Weiten über mich hinweg.

Kaum, dass eine Hand nachdrücklich nach meiner Schulter fasste, sah ich betäubt und tränengeschüttelt auf, nur um nicht zu begreifen.

Helle Haare streiften meine feuchte Wange und blieben an ihr kleben.

„-FRIDAY, wie lange ist sie schon hier?“ Pepper war neben mir in die Hocke gesunken.

„Achtundzwanzig Minuten, Miss Potts“, antwortete die KI in nicht weniger besorgtem Tonfall. „Sola befand sich bereits vor ihrer Simulationssitzung in erheblichem emotionalem Aufruhr, weshalb ich Sie als einzig derzeit verfügbaren Notfallkontakt informiert habe. Sola bat darum, eine Erinnerung an Maya Waters im S.E.N.F.-System abzurufen und schien die Nähe einer Vertrauensperson dringend zu benötigen. Mr. Stark hat die Ermöglichung zur Nutzung des S.E.N.F.-Systems ausdrücklich mit einem unbeschränkten Sonderstatus im Caretaker Protokoll versehen.“

Pepper trug ein champagnerweißes Kostüm, ihre erdbeerroten Haare fielen weich und glatt über ihre Schultern. Ihre Hände waren kühl, aber sie roch nach Blumen und Zimt. Ich verstand nicht, wie sie plötzlich hier sein konnte, wenn sie sich doch eigentlich auf der anderen Seite des Hudsons in Verhandlungen befand, aber ihr Arm schloss sich schon so fest und nachdrücklich um mich und zog mich an sich heran, dass ich auch gar nicht darüber nachzudenken vermochte und nur noch fester schluchzte.

„Wo ist Tony?“, fragte sie. „Weiß er Bescheid?“

„Der Kontakt zu Mr. Stark sollte spätestens in einer Viertelstunde wiederhergestellt sein. Er befindet sich derzeit in Sibirien bei einem Einsatz.“

Pepper schien unverändert erschüttert. „Ihr habt keinen Kontakt? Ist er verletzt?“

„Es ist nicht auszuschließen, Miss Potts. Mr. Stark befand sich kurz vor Ausfall des Arc-Reaktors in erbitterten Kampfhandlungen.“

Peppers Arme schlossen sich noch etwas nachdrücklicher um mich, als sie meine Haare schon beruhigend beiseite strich. „Es ist sicher alles gut“, raunte sie. „Ihm fehlt ganz bestimmt nichts. Ein technischer Ausfall … so etwas kommt vor. Ein neuer Anzug ist auf dem Weg. Es wird alles gut, Sol. Beruhig dich, Liebes, ich bin hier, es wird alles gut … FRIDAY, bitte ruf Dr. Palmer. Sie soll sich beeilen.“

„Wird erledigt.“

Pepper wisperte, bat mich aufzustehen, aber ich vermochte mich nicht zu regen. Meine Hände so krampfhaft ineinander gegraben, dass ich sie kaum mehr spürte, presste ich meine Stirn nur noch fester gegen meine Knie.

Als sie vollends neben mir auf den Boden niedersank, ihren Kopf an den meinen lehnte und sanfte Worte murmelnd kapitulierte, wurde sie stiller und stiller, mein unveränderlich inniges Schluchzen das einzige Geräusch, das den Raum um uns füllte.

Musik:

Catastrophe (From "Captain America: Civil War"/Score) - Henry Jackman