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Ambrosia

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Ambrosia

Kapitel 27: Ambrosia

„Ist es zu hell?“

Peppers warme Stimme rieselte auf mich nieder wie feine Tropfen Meeresgischt. Ich vernahm sie, ehe ich sie verstand, ehe ich realisierte, dass sie überhaupt da war, und mich für einen kurzen Augenblick Desorientierung überkam.

„Nein“, murmelte ich, wandte den Blick von den hellen Streifen unseres modischen Kronleuchters ab, drückte mein Gesicht tiefer in die flaumweiche Decke und hielt erneut die Luft an, auch wenn ich nicht mehr so recht wusste weshalb.

Umgehend kehrte ihre Hand auf meinen Oberarm zurück. Ihr Daumen massierte sanfte Kreise und versorgte meine nun so weichen Glieder mit tröstlicher Wärme.

Auch das weiche Leder unserer Rundcouch hatte sich inzwischen aufgewärmt. Mein Kopf lag in Peppers Schoß. Ich nahm es kaum noch wahr, während meine Gedanken unverändert Überschall-Karussell fuhren, wenn auch längst nur noch blind und ahnungslos, als sei das schiere Tempo noch da, nur der Sog fort, die verzerrten Bauten und Gestalten, dieses übelkeitserregende unerbittliche Auf und Ab meines kitschigen Plastikgefährts, das sich Gewissheiten nannte.

Ich konnte ohnehin nicht viel weiter als bis zu meinem Daumen sehen, der so dicht vor mir in die Flaumdecke gegraben lag, dass ich sämtliche winzig feinen Härchen darauf bereits mehrfach zu nummerieren begonnen hatte.

Sie regten sich nicht. Kein einziges davon.

Meine Wangen spannten. Als ich sie rieb, löste es das befremdliche Gefühl ein wenig, gerade als Peppers kreisenden Finger sacht innehielten und ihr still wähnender Blick mich verließ und sich eindringlich auf etwas hinter mir richtete.

„Clint …“ murmelte ich.

Ihr Blick sank umgehend auf mich zurück. Ich bemerkte, wie ihre Stimme für den Bruchteil eines Moments die scharfe Kante einer so viel dunkleren Version von ihr abschüttelte: „Clint? Was ist mit ihm, Liebes?“

Ich schloss die Lider, fest diesmal, weil etwas in mir wehtat, viel mehr als ich in Worte zu fassen vermochte.

Jemand sagte etwas. Es klang dunkel und abgezehrt. Weder verstand ich es, noch konnte ich sagen, woher genau es kam, auch wenn Peppers schweifende Iris einen Moment sichtbar stockte.

Vielleicht hatte sie nun doch das Gewicht in mir bemerkt, diesen tonnenschweren Brocken, der irgendetwas mit Sibirien zu tun hatte und in meinem Magen festsaß. „Er ist fort, habe ich recht?“

Eine wirre Woge Furcht durchspülte mich.

„Ich will nach Hause“, brach es leise aus mir. Es schüttelte mich.

„Du bist daheim, Liebling“, versicherte Pepper summend.

„Was hat sie bekommen?“

Ihre Lippen wurden schmal und ihr Ton kühlte herab: „Liegt auf dem Küchentisch.“

Ein Schemen näherte sich und verschwand wieder im schummrigen Dunst des Hintergrunds, der aus nichts anderem als dumpfen Farbklecksen aus Bronze, Jade und Bernstein zu bestehen schien.

Irgendwo raschelte Kartonage.

„Es ist mild“, sagte Pepper. „Dr. Palmer hat es ihr intravenös verabreicht. Sie sagte, das Sedativum wirkt schnell, aber das Schlafmittel setzt verzögert ein. Wenn sie erst einmal schläft, wird sie es mindestens für die nächsten zehn Stunden tun.“ Sie hielt inne. „Die Tabletten enthalten denselben Wirkstoff. Sie sind für morgen, falls es ihr nicht besser geht.“

Bis auf das wiederholte sachte Knirschen von Blister und Verpackung, blieb es still.

Ihre Stimme sank auf ein Raunen: „Ich kann nicht glauben, dass du das getan hast …“

Einen langen Moment schien alles eingefroren.

Als sie mich wieder ansah und sanft über meinen Arm rubbelte, kehrte eine schmerzlich reine Wärme in ihren Tonfall zurück: „Komm, bringen wir dich ins Bett, bevor das Schlafmittel wirkt.“

„Ne in …T ony “, protestierte ich gedämpft, wie ich es all die Zeit getan hatte, solange schon, dass ich mich kaum entsann, seit wann und zu wem. Ich wusste lediglich, dass ich die Augen nicht zumachen konnte, es um keinen Preis durfte , ehe … es geschah.

Da waren noch andere Leute gewesen, denen ich das wieder und wieder unter Tränen begreiflich zu machen versucht hatte. Eine Frau, mit einem wunderschönen Lächeln und heller Stimme, die meinen Arm gehalten hatte, während ich in Peppers fester Umarmung unaufhörlich gebebt hatte.

Dr. Palmer. Christine .

Eine Spezialistin aus dem medizinischen Team, das mein Aneurysma behandelte und meine Gewebetherapie mitentwickelte.

Sie lächelte immer, wenn sie mich ansah, sie beherrschte es auf hunderte Weisen. Sogar, wenn ich schluchzte und protestierte, als vergehe die Welt.

„Er ist da, schau.“ Pepper biss sich auf die Unterlippe, als sich jemand näherte. „Er ist zurück. Ihr redet morgen. Du musst dich jetzt ausschlafen.“

Ich erkannte Tony erst, als er neben meinen Füßen auf die Couch sank, auch wenn mich etwas an seinem Anblick leise zweifelnd beunruhigte. Da waren so viele Schatten in seiner verschwommenen Miene, so viel reglose Dunkelheit, so viele diffuse Flecken, violett, braun, schwarz . Mein Puls schwamm in wachsendem Delirium, aber der Stein in meiner Magengrube wurde noch schwerer, drückte mich in die Polster und weiter hinab ins Vakuum.

Während er Pepper dabei half meine Beine von der Couch zurück auf den Boden zu manövrieren und mich aus der verwickelten Flaumdecke zu lösen, setzte ich mich schwindelnd benommen auf und vergaß gleich wieder, wozu ich mich abmühte. Seine Hand fasste nach meiner Schulter und hielt mich in Position, als Pepper bereits einen Arm um meine Taille schlang, merklich bemüht mich sicher auf die Beine zu bringen.

Tony schnaufte still. „Ich mach das-“

„Du hast Blut im Gesicht“, unterbrach sie bitter gesenkt. „Geh und lass dich versorgen.“

Als seien meine Beine bloß nur noch Teil einer Apparatur, die ich steuerte, aber nicht länger spürte, ließ ich mich mit dem Gefühl dumpfer Schwerelosigkeit aus der abgesenkten Fläche unserer Couchlandschaft hinauf in Richtung Treppe führen. Ihren Arm schützend um mich geschlungen, übernahm Pepper geduldig die Führung, bis wir die dunkelverglasten Stufen erreichten und ich auf halbem Wege hinauf unversehens innehielt, unfähig meine Beine erneut zu heben. „Sola, noch ein kurzes Stück …“

„Aus ruh’n …“, murmelte ich.

Dumpf verlor ich das verbliebene Gleichgewicht und versuchte mich jählings an dem unregelmäßig begrenzenden Palisadendekor unserer Treppe abzustützen, aber meine schummrige Sicht betrog mich.

Wankend griff ich ins Leere.

Ehe mich der hilflose Fall überkam, weil Pepper mein verlagertes Gewicht kaum mehr zu stabilisieren vermochte, griff jemand auch schon nach meinem Ellbogen und schob mich entschieden zurück in ihren Arm.

„Tauscht die Seiten.“

Tony .

„Sola, wir bekommen dich zu dritt nicht hinauf“, stimmte Pepper zu, während sich Tonys Hand immer noch fest in meinen Ellbogen gegraben hielt. „Es ist zu eng. Lass uns die Seiten wechseln, bevor du fällst …“

Meine Augen fielen zu. „ Hm .“

Sie seufzte. „Du kannst gleich schlafen, Liebes, nur noch die Treppe rauf. Du musst noch kurz wach bleiben.“ Sie brach hilflos ab, als die Muskeln in meinen Beinen jäh nachgaben und ich auf die Stufen niedersackte, nuschelnd bereit mich der säuselnden Leere zu ergeben, ehe Pepper auch schon erschrocken ausstieß: „Tony, nicht -“

Jemand hob meinen Arm an, etwas drückte gegen meinen Magen und umfasste meine Kniekehlen und in der nächsten Sekunde schien ich vorwärts zu fallen, wenn auch bloß für den Bruchteil einer Sekunde. Es ließ eine Woge klaren Bewusstseins zurückkehren, die mich augenblicklich mit lauem Schreck erfüllte, als ich die Augen wieder öffnete und bloß nur noch den Abgrund der unter mir abfallenden Stufen erblickte.

Benommen stieß ich meine Arme in den warmen Stoff unter mir. Es war … ein Rücken?

„Nicht bewegen“, presste Tony hervor. „Ich hab dich.“ Sein Arm umschlang die Rückseite meiner Beine noch etwas fester.

Pepper holte Luft. „Du solltest sie nicht tragen“, raunte sie angespannt, als er sich in Bewegung setzte. „Du kannst selbst kaum aufrecht stehen-“

„Bleib neben mir, falls sie zur Seite rutscht. Ich kann links nicht fest genug zupacken.“

„Bist du sicher-“

„Ja --- geht schon.“

„Und wenn du fällst? --- Wo ist einer deiner Anzüge, wenn man sie verflucht braucht?!“

Diffuser Schwindel ergriff mich. Meine Hände gruben sich in sein Shirt. Meine herabhängenden Haare raubten mir die Sicht. Mein Geist taumelte zwischen Leere, dem Odeur von getrocknetem Schweiß und Tonys Wärme, während ich durchgeschwenkt wurde und sich die Lichtverhältnisse um uns herum just veränderten.

Im nächsten Moment kippte der Raum und ich fiel rückwärts.

„Okay, du musst mich jetzt loslassen“ schnaufte Tony. „Mach die Hände auf, Sola. ... Komm schon, lass los.“

Ich begriff erst, worum er bat, als ich längst auf weichem Grund umgeben von Kissen und Laken lag. Betäubt öffnete ich meine Finger und entließ sein klammes Shirt aus meinen schwach geballten Fäusten, das ich ihm beim Abladen meiner benommenen Gestalt anscheinend halb vom Rücken gezogen hatte.

Kaum, dass Tony sich wieder aufrichtete, stieß er die Luft durch die Nase. „Was ist das für ein Geruch, FRIDAY?“

„Sola hat sich vor wenigen Stunden übergeben“, reagierte die KI. „Ich fürchte, die unangenehme Luftqualität könnte daher rühren, dass der Papierkorb, der hierfür als provisorische Auffangschale genutzt wurde, bislang nicht entfernt oder gereinigt wurde.“

„ Mileid … “, nuschelte ich benommen. „ All’-s …‘lltnich. “ Harsche Reue summte in meinen Knochen, aber keiner antwortete. Dafür vernahm ich vage Bewegung, einen dumpfen Laut und weitere Schritte.

Sie entfernten sich.

Irgendwo lief Wasser.

Tony und Pepper tuschelten. Ihre Stimmen waren gesenkt und ihre Worte spärlich. Etwas daran gefiel mir nicht und ließ mich dunkel betäubt blinzeln.

Als Tony zurückkehrte, war meine Sicht zu schummrig, als dass ich erkennen konnte, ob er mich vorhin verstanden hatte oder überhaupt ansah.

„ Nich‘ --- bitte … ‘kay? “, wisperte ich erstickt.

Er reagierte nicht.

Pepper erschien neben ihm. „Dr. Palmer sagte, jemand sollte besser bei ihr bleiben, um sicherzugehen, dass sie das Mittel verträgt. Ich übernehme das. Aber sie muss aus diesen Sachen raus. Sie war komplett nassgeschwitzt, als ich ankam. Hilf ihr, ja? Ich suche etwas raus, das sich leicht überwerfen lässt.“

Tony massierte sich den Nacken, als er sich wieder näherte und neben mir niederließ. „Du hast sie gehört, Drama Queen. Her mit den Sachen.“

Ich brummte.

„Komm“, murmelte er dunkel. „Letzter Akt für heute.“

Mein Gesicht verschwand in meinem Kissen. „ ‘nnop .“

Er versetzte meinem Oberschenkel einen Klaps.

„ Ou—chkay?! “, schnaufte ich. Es prickelte.

Wie ein Ameisenfestival.

Während ich noch missgestimmt das Gesicht verzog, jäh verwirrt, wie unfassbar weit den Avengers Tower empor die Insektenkolonie marschiert sein musste, um zu uns zu finden, ergriff Tony bereits mein Shirt. „Los, gib mir deinen Arm.“

Benommen ließ ich mein Handgelenk mit seinem Knie kollidieren. „ Bitt-ser. “

Tony dirigierte ihn aus meinem Ärmel, sein Blick blutunterlaufen und ernst wie der Tod. Ich begann zu giggeln. Als er sich meinem anderen Arm zuwandte, verlor ich das Bewusstsein.

-/_\-

Ich seufzte.

Mein bodentiefes Panoramafenster war milchig gedimmt und ließ nichts als einen blassen Anschein von Tageslicht erahnen, weshalb mich herbe Furcht durchfuhr, kaum, dass sich mein Gedächtnis sortierte, FRIDAYs fehlgeschlagenen Kontaktversuche zu Tony und Mums unheimlich ahnungsvolle Miene wieder hervorholte und mein Blick auf die digitale Anzeige meiner Nachttischuhr fiel.

12:37 Uhr.

Mein Herz rumpelte.

Für eine Sekunde verstand ich nicht einmal mehr, wie ich ins Bett gelangt war, wie all das wirklich von vorne beginnen konnte, aber dann entsann ich mich, erinnerte mich an Pepper, meine überforderte Muskulatur, Dr. Palmer, ihrer beider beruhigender Worte voller Versicherungen, voller Behauptungen , ein Nadelstich … Schemen .

Tränen schossen mir unvermittelt wieder in die Augen und raubten mir prompt den Atem, während ich noch fahrig nach meinem StarkPhone fahndete.

Ich fand es weder auf meinem Nachttisch, noch irgendwo zwischen meinen Kissen.

Jemand hatte es weggenommen.

Harsche Gewissheit breitete sich in mir aus.

Ich begann zu schluchzen.

Meine Hand knüllte meine Decke, als jemand in mein Zimmer geeilt kam. „Sola, Liebes --- was ist los?“ Pepper war bei mir, ehe ich sie ganz bemerkte. Ihre Hand schloss sich um meine Schulter. „Was stimmt nicht? Liebes, beruhig dich. Es ist alles gut.“

„-‘ s weg“, widersprach ich schwerhicksend.

„Was meinst du? Wer ist weg?“ Pepper kraulte durch mein Haar. „Tony? Nein, nein, keine Angst. Er ist nebenan, er schläft. Er ist hier. Er ruht sich bloß aus, so wie du. Alles gut ...“ Wiederholt zog sie mich an sich, während ich noch überrumpelt ausatmete und blinzelnd zu begreifen versuchte.

Meine herbe Verwirrung schien offensichtlich, denn sanfte Erkenntnis sank in ihre Miene, kaum dass sie mich aufmerksam in Augenschein nahm. „Du erinnerst dich nicht, habe ich recht?“

„Was?“, murmelte ich.

„Ihr habt euch schon gesehen“, beteuerte sie sanft. „Tony hat dich ins Bett gebracht. Du warst schon halb weggetreten wegen des Schlafmittels, als er heimgekommen ist. Er musste dich hochtragen.“ Sie schüttelte umgehend den Kopf, wie um ein weiteres Missverständnis im Keim zu ersticken „Nicht schlimm, Sola, nicht schlimm … Dr. Palmer sagte, dass es möglich ist, dass du zunächst ein wenig verwirrt bist und dich nicht gleich an alles erinnerst, wenn du wieder zu dir kommst.“ Sie lächelte. Ihre Finger strichen die verbliebenen Tränen aus meinem Gesicht. „Alles gut, okay?“

Ich nickte stumm. Mein Herz löste sich, immer noch halb ungläubig und doch zu erschöpft, um irgendetwas daran zu hinterfragen.

Pepper sortierte meinen durchhängenden Pony. „Möchtest du erstmal duschen oder essen?“

Gänzlich überfragt zögerte ich.

„Ich denke, wenn du dich gewaschen hast, fühlst du dich bestimmt um einiges besser“, nahm sie mir bereits die Entscheidung ab. „Du springst unter die Dusche und ziehst etwas Gemütliches an und ich werfe in der Zwischenzeit ein paar Eier in die Pfanne, einverstanden? Rührei oder Omelett?“

„Rührei“, raunte ich.

„Gut.“ Pepper erhob sich und ließ mir keine andere Wahl, als mich ebenfalls aus meiner Bettdecke zu befreien.

Ich warf ihr ein schnelles Danke nach.

Auf dem Weg durch mein Ankleidezimmer griff ich mir wahllos ein paar Klamotten, realisierte im Bad, dass ich zwei paar Hosen, aber kein Oberteil eingesammelt hatte, kehrte zurück, vergaß beide Hosen auf meinem Hocker und kehrte allein mit einem dünnen Sweater und Unterwäsche ins Bad zurück.

Das nachtgraue T-Shirt, das ich abstreifte, gehörte nicht mir. Es trug einen Black Sabbath -Schriftzug, war viel zu groß und schien direkt aus Tonys Freizeitgarderobe zu stammen.

Vermutlich hatte es sich einfacher gestaltet, mir lediglich das überdimensionierte T-Shirt über den Kopf zu ziehen, als mich in eine Auswahl meiner eigenen Shorts und Oberteile zu manövrieren.

Das Stütztape an meinem linken Knöchel hatte sich halb gelöst, also zog ich es endgültig ab, betrachtete die verbliebenen grünen und gelben Flecken an meinen Knien und rieb nachdenklich über den harten Schorf meines aufgeschlagenen Handballens, allesamt offensichtliche Souvenirs meiner Flucht vor dem Winter Soldier, die ich lieber früher als später verblassen sehen würde, ehe ich wie ferngesteuert unter die Dusche verschwand und mich in satter Nässe und Dunst zu sortieren versuchte.

Tony lebte. Er war aus Sibirien zurück. Er war daheim.

Was auch immer gestern Nacht geschehen war, ich war keine Waise.

Er war immer noch da.

Ich ergab mich der pochenden Erleichterung, die durch meine Muskeln vibrierte und mich ganz benommen machte, ehe ich das Wasser wieder abdrehte, mich in mein flauschiges Handtuch wickelte und weiter durchs marmorierte Bad taumelte.

-/_\-

Beim Anblick der wieder blitzblanken Kücheninsel und Spüle überkam mich ein schlechtes Gewissen, kaum dass ich die Treppe hinabtrottete.

Nicht sicher, ob Pepper sich meiner trotzgetriebenen Sauerei vom Vorabend angenommen hatte oder vielleicht doch eine außerplanmäßige Visite unseres Reinigungspersonals, spähte ich bloß befangen umher, ehe ich mich auf dem Platz an der Kücheninsel niederließ, an dem eine Schale kleingeschnittener Früchte und Beeren und ein großes Saftglas bereitstanden.

Pepper musterte mich beiläufig, während sie eine kleine Lawine sonnig gelb gebrutzelten Rühreis auf zwei Teller verteilte. „Wie fühlst du dich?“

„Besser“, antwortete ich tonlos. Ich nippte an dem blutdunklen Saft.

Acai , tippte ich, als der schwere, seicht nussige Geschmack meine Mundschleimhäute in Irritation versetzte. Pepper hielt wirklich für jede Situation eine Superfood-Beere in petto.

Vielleicht war dies das Geheimrezept.

Vielleicht schien sie deshalb geradezu allem gewachsen, was man ihr tagtäglich entgegenwarf – von Drohnenangriffen auf Firmenexpos bis hin zu Entführungen und Infektionen mit militärexperimentellen Viren während geläufiger Geschäftszeiten.

Jähe Beschämung begann sich in mir zu verdichten. „Tut mir leid“, raunte ich, „dass FRIDAY dich gestern aus deinem Termin gerufen hat, als-“

„Nein“, unterbrach sie mich prompt und hob mild den Zeigefinger, ihr Blick mitfühlend wie entschieden. „So etwas möchte ich nicht hören, okay?“ Sie schob die Brauen zusammen. „Du hast Hilfe gesucht. Du hast nichts falsch gemacht. Und es war ganz sicher nicht deine Schuld, dass du auf den unteren Etagen suchen musstest. Oder dass niemand --- … früher da war.“ Sie stellte einen der Teller vor mir ab. „Nein, iss bitte und mach dir deswegen keine Gedanken.“

Ich schluckte, unweigerlich aufgewühlt von der bloßen Andeutung meiner Flucht in eine simulierte Vergangenheit, nahm aber meine Gabel auf.

Während ich mein Rührei aß, verfrachtete Pepper den zweiten Teller in die Wärmeschublade und wusch ab. Ohne das gelegentliche Geräusch des Wasserhahns oder des leisen Schabens meiner Gabel hätte vermutlich vollkommene Stille über allem gelegen, weshalb Tonys leisen Schritte die Stufen hinab mich eine kurze Weile später umgehend meine Gabel sinken und den Kopf wenden ließen.

Sein Blick glitt über uns, nahm mich kurz in Augenschein und wanderte unvermittelt zu Pepper weiter.

Als ich die hinzugekommenen Schnitte, Blutergüsse und Platzwunden in seinem Gesicht registrierte, sackte mein Magen ab. Sein ungewohnt lethargischer Gang wie auch seine entschlossen blanke Miene ließen mich außerdem ahnen, dass sein Gesicht noch am besten davongekommen war.

Wortlos starrte ich ihn an, bis er uns erreichte, gut drei Schritte von mir entfernt innehielt und seinen Blick zu mir zurückkehren ließ. „Bist du verletzt?“, sackte es aus mir.

Tony schüttelte den Kopf, wenn auch nicht deutlicher als in knapp angedeuteter Bewegung.

„Wieder ausgenüchtert?“

Ich nickte.

Wie um für sich festzustellen, ob ich wirklich in Ordnung war, beobachtete er mich einen Moment, sagte jedoch nichts weiter. Meine Kehle schloss sich angesichts seiner undurchsichtigen Stille.

Alles wurde plötzlich wieder unumkehrbar real. Berlin. Mein hoffnungsloser Versuch die Eskalation aufzuhalten. Tonys still brodelnder Zorn. Rhodeys Sturz gen Erdboden. Clint . Das Raft. Unsere Auseinandersetzung im Heli ---

„Habt ihr ihn?“, erkundigte ich mich lau. „Ist er festgenommen? Zemo?“

Tony bestätigte.

Ich wusste nicht recht, was ich aus seinen kurzbündig leisen Reaktionen machen sollte und Pepper schien es nicht anders zu gehen, denn sie musterte ihn mit so abwartend verschränkten Armen, dass ich geradezu dabei zusehen konnte, wie sich ihre zweifellos vorgefasste Konfrontationsstrategie unversehens neu sortierte.

Ich ließ nicht locker, so schwach sich meine Stimme auch gestaltete: „Und Steve?“

Sein Fokus sprang ins Leere und hielt sich darin, als Tony sich wieder von mir abwandte und die Kücheninsel weiter hinabschritt, bis er die Theke erreichte, an der Pepper ausharrte.

Erneut hielt er auf Abstand.

„Was ist geschehen?“, fragte sie erwartungsvoller, als ich mich ganz traute.

Tony spähte zu mir zurück. Seine Miene blieb verschlossen, aber ich spürte, dass er irgendetwas im Geiste durchkaute, das ihn bitter beschäftigte. Übergangslos wies er auf mein Essen. „Bist du fertig damit?“

Ich zögerte. „Ja, fast ...“

„Okay, iss auf.“

Ich nahm meine Gabel wieder zur Hand.

Während ich mein Rührei zu Ende aß, taten Pepper und Tony nichts anderes als auffällig schweigend da zu stehen, was ein solch ungutes Gefühl in mir aufkeimen ließ, dass mir für die letzten Bissen endgültig der Appetit verging.

Still schob ich den Teller von mir und trank meinen Saft aus.

Tony regte sich. „Alles klar, ich räume hier ab …“, versicherte er. „Nimm das Obst mit rauf.“

Ich erstarrte.

„Rauf?“, wiederholte ich.

Für eine Sekunde spürte ich nichts, dann breitete sich bereits eine schaurig flimmernde Wolke wachsender Fassungslosigkeit in mir aus.

Unentschlossen sah ich zu Pepper.

„Wie wär’s, hm ?“, ließ Tony in jäh unheilvoll gesenktem Ton vernehmen und riss meine Aufmerksamkeit prompt auf sich zurück. „Mach zur Abwechslung einmal, was ich sage – ganz so, als sei der Erwachsene tatsächlich befugt dir zu zeigen, wie der Hase läuft, ohne dass er sich dabei gleich beide Beine bricht.“

Meine Kehle schloss sich.

„Vielleicht ist es gar keine schlechte Idee“, hob Pepper schon sehr viel überlegter an. „Du ruhst dich noch ein wenig aus, bereitest dich für die Schule vor oder schreibst ein wenig mit Daphne, während wir beide uns unterhalten, okay?“

Ich starrte zwei Sekunden weiter von einem zum anderen, dann rutschte ich widerstrebend vom Hocker.

„Dein StarkPhone liegt neben der Couch“, ließ Tony mich wissen.

Ich zuckte die Achseln. „Funktioniert sowieso nicht …“

„Wieso nicht?“, fragte Pepper.

Wortlos sah ich zu Tony. Seine stellenweise wundgeschlagene Stirn sank in fein verwirrte Falten.

Pepper folgte meinem Blick. „Was ist los? Wieso funktioniert es nicht?“

Tony entließ die Luft. Er senkte das Kinn. „FRIDAY, was ist das Problem mit Solas StarkPhone?“

„Es gibt keine technischen Auffälligkeiten, Boss“, antwortete die KI. „Allerdings haben Sie vor zwei Tagen eine vollständige Nutzungssperre verfügt, ausgenommen hinterlegter Notfallkontakte und explizit genehmigter-“

Pepper machte einen Schritt auf ihn zu. „Du hast was?“

Düstere Erkenntnis überrollte seine Miene. „Die Sperre ist noch aktiv?“

„Sie haben sie bislang nicht aufgehoben, Boss“, antwortete FRIDAY. „Vermutlich haben Sie im Zuge der jüngsten Ereignisse nicht mehr daran gedacht. Ich werde in Zukunft um wiederholte Bestätigung bitten, sofern Sie nicht innerhalb eines Tages darauf zurückkommen und ein Ende der Maßnahme definieren. Soll ich Solas vollständige Nutzungsrechte wiederherstellen?“

„Ja, gib alles wieder frei.“

„Schon erledigt, Boss.“

„Das war ein Missverständnis“, versicherte er Pepper, die ihn still vorwurfsvoll musterte. „Ich hatte es bloß in Kraft gesetzt, um sie vom Flughafen fernzuhalten. Das hätte gar nicht mehr laufen sollen. Ich dachte, ich hätte es längst wieder aufgehoben.“

Grübelnd sah er zu mir, sagte jedoch nichts mehr, also raunte ich ein verhaltenes Danke, setzte mich in Bewegung, sammelte das StarkPhone vom Kaffeetisch und schlurfte zur Treppe.

Ich beobachtete sie beide die Stufen hinauf. Als ich mein Zimmer erreichte, vernahm ich, wie Tony FRIDAY anwies sicherzustellen, dass ich sie nicht erneut belauschte.

Unweigerlich beschämt schloss ich die Tür.

-/_\-

Meine Chats und Social-Media-Kanäle liefen vor ungelesenen Nachrichten über.

Ich überflog die endlos lange Liste, während ich zu meiner Couch schlurfte, FRIDAY bat irgendeine Sitcom auf meinem Fernseher einzuschalten und mich davor einrollte. Langsam sprang ich von einer Nachricht zur nächsten und versuchte den jähen Hohlraum in meinem Inneren auszublenden, der vor wenigen Stunden noch von einer unaufhaltsam gefräßigen Masse erfüllt gewesen schien.

Erst, als ich die Kommentare und wilden Spekulationen vieler meiner aktuellen und ehemaligen Mitschüler überflog, die sich mit den bislang bekannten Vorkommnissen in Berlin, dem offensichtlichen Bruch der Avengers und meiner eigenen Abwesenheit und Funkstille beschäftigten, begriff ich, wie wenige Details bislang überhaupt in die Öffentlichkeit durchgesickert waren.

Ja, die Fahndung nach Captain America und Gerüchte rund um die Verhaftungen anderer Teammitglieder mischten sich hier und da unter die Debatte wie auch die Hypothesen, was in Deutschland wirklich vor sich ging, aber größtenteils schien es mehr eine Diskussion darüber, ob die Avengers diese neueste PR-Krise rund um das sabotierte Abkommen und den Winter Soldier überleben würden. Manche Kommentare schienen besorgt, andere spotttrocken und wenig überrascht. Wieder andere jedoch auch so offen schadenfroh, dass ich mittendrin abbrach.

Dass es die Avengers gar nicht mehr gab, weil alle von ihnen verhaftet, verletzt oder verschwunden waren, abgesehen von Tony allein, brannte schwer in meiner Brust, so wenig ich es ihnen allen zurufen konnte, ohne dabei gleich eine Lawine auszulösen, die mit hellem Radau quer durch die Medienlandschaft bis in Iron Mans E-Mail-Postfach rauschte.

In meinen Chats überwog Neugier und harsche Sorge.

Jessy schien in den vergangenen Stunden seit meinem Kontaktabbruch nichts anderes getan zu haben, als mich mit sämtlichen aufkeimenden Gerüchten zu versorgen, wie um mich für einen Ansturm von Pressevertretern zu wappnen, die bereits vor meiner Zimmertür lauerten. Sid erkundigte sich im Namen seines Stiefvaters, was verflucht schon wieder bei den Avengers vor sich ging, und versicherte mir im gleichen Zuge, dass ich diese Frage nicht zu beantworten brauchte und er dies nur schrieb, damit er seinen Eltern versichern konnte, dass er sich bei mir erkundigt hatte und seine unglaublichen Kontakte nach New York nicht einschlafen ließ.

Ich schickte beiden einen augenrollenden Smiley und eine Umarmung.

Einen Augenblick später bereute ich es schon wieder, ziemlich sicher, dass Sid und Jessy meine Antwort miteinander vergleichen würden. Mir fiel jedoch nichts ein, was ich schreiben konnte, ohne es nur noch mehr wie eine x-beliebige Antwort klingen zu lassen, die sie nicht verdienten, also beließ ich es dabei. Sie würden eins und eins zusammenzählen und auf das Ende meines Informationsembargos warten.

Nachdem ich Harley in knappen Worten versichert hatte, dass ich noch auf der Erde weilte und keiner mutagenen Substanz ausgesetzt gewesen war, die mich nun langsam verwässerte und Tony zwang, mich schnellstmöglich in ein KI-Modell zu transferieren, damit wir weiterhin beeindruckend sinnlose Debatten führen konnten, verwies ich bloß für jede weitere Erklärung auf meinen Brief und hoffte, dass es ihm für den Moment an Insider-Informationen genügte, ehe ich nahezu zeitgleich mit Daphne und Elijah zu chatten begann, die sich beide binnen Sekunden auf mein abgesetztes Lebenszeichen stürzten.

13:54 Uhr DevilTunes: Was ist passiert?

13:54 Uhr Ich: kA. Einfach alles.

Fast , korrigierte ich mich.

Und fast war bereits genug. Fast hatte mich fast um den Verstand gebracht.

13:55 Uhr DevilTunes: Mum hat gerade einen Brief reingebracht?

13:55 Uhr Ich: Ist von mir. Lies ihn.

Ich wechselte zu Elijah.

13:52 Uhr BigMeg: Hab deinen Brief bekommen. Wo bist du?

13:55 Uhr Ich: Zuhause.

13:55 Uhr BigMeg: Es stimmt also?

13:56 Uhr Ich: Ja. Fast alle verhaftet o. weg. T sagt mir nichts mehr. kA, was jetzt geschieht.

Ich zögerte, gestand mir ein, was ich eigentlich längst wusste, und schrieb es aus:

13:57 Uhr Ich: Schätze, es gibt sie nicht mehr. Ist vorbei.

13:57 Uhr BigMeg: Klingt heftig. Bist du ok?

13:58 Uhr Ich: kA

Kurz schloss ich die Augen und setzte nach:

13:59 Uhr Ich: Tbh QQ.

Ich fragte mich, ob ich es hinbekommen würde mit Elijah oder Daphne zu sprechen, ohne dabei bitter zu verstummen oder, geschüttelt von der bloßen Erinnerung an die letzten Stunden, schon wieder in so herbe Tränen auszubrechen, dass es Pepper erneut auf den Plan rief.

Ich spürte, dass es noch in mir steckte, dieser Schreck, dieser Schock .

Es zwirbelte an dem Kloß in meiner Brust, der sich mit Tonys schwer zugerichtetem Anblick, seiner auffälligen Verschlossenheit und seinen so beängstigend in sich gekehrten Blicken wieder haltlos verdichtet hatte.

Irgendetwas stimmte nicht. Irgendetwas war geschehen und es war schlimm; schlimmer , als alles, was in Deutschland geschehen war. Es war so offensichtlich, dass ich zitterte und schon wieder taub wurde, wenn ich zu sehr darüber nachdachte und doch nicht begriff, was geschehen sein konnte, um diesen fremdartig tiefen Abgrund in Tonys Blick zu erklären.

Während der Fernseher munter vor sich hin lief, las ich Harleys Antwort.

13:54 Uhr HarleyToHell: Check FRIs Auto. Brief??

14:08 Uhr Ich: Gestern versandt.

14:08 Uhr HarleyToHell: ??

14:09 Uhr Ich: War offline. Musste improvisieren.

14:09 Uhr HarleyToHell: T$?

14:09 Uhr Ich: Jo. War am Flughafen. Lief ziemlich scheiße. Lies den Brief.

14:09 Uhr HarleyToHell: Kk, meld mich, wenn die Post hier war … ca. 1817.

14:10 Uhr Ich: Sollte schnell gehen. Kommt aus dem HQ.

14:10 Uhr HarleyToHell: Expressversand an Harley Keener direkt aus dem Avengers HQ? mmD

Daphne schrieb. Anscheinend hatte sie meine spotttriefende Trauerlektüre hinter sich gebracht.

14:10 Uhr DevilTunes: Shit.

14:10 Uhr Ich: Jo.

14:11 Uhr DevilTunes: Das war bescheuert.

14:11 Uhr Ich: Oder?

Sie schien meinen rückblickend irrsinnigen Versuch der Superheldenschlichtung erst noch zu verdauen, denn es passierte nichts.

Elijah hatte aber längst wieder geschrieben, wie ich bemerkte, als ich rastlos zwischen unseren Chats wechselte:

14:00 Uhr BigMeg: Hast du Stress?

14:12 Uhr Ich: Jupp.

Ich knibbelte an meinem sinnestauben Finger.

14:14 Uhr Ich: Pro: Er muss seine Aufmerksamkeit aufteilen. Bin im Moment ungefähr Prio 0. Sitze und warte seit Tagen auf was auch immer. Kontra: Ändert nichts. Ob er mich morgen abmurkst oder heute – tot ist tot, richtig?

Daphne schien Ähnliches zu beschäftigen.

14:15 Uhr DevilTunes: Wow, je länger ich nachdenke, umso weniger will ich Mum davon erzählen.

14:15 Uhr Ich: Tu’s nicht. Einfach jeder ist sauer deswegen.

14:15 Uhr DevilTunes: Wie sauer war er?

14:16 Uhr Ich: Sprengt die Skala.

14:18 Uhr DevilTunes: Ich hätte es auch versucht.

14:18 Uhr Ich: Lol. Hätte vermutlich besser funktioniert.

14:19 Uhr DevilTunes: Wie sauer IST er?

14:20 Uhr Ich: Bin nicht sicher. Irgendwo zwischen killt mich und killt sich.

Dass das wirklich näher an der Wahrheit war, als sie vermutlich glaubte, schluckte ich harsch herab.

14:21 Uhr DevilTunes: Clint?

14:21 Uhr Ich: Jupp. Aber hallo.

Ich zögerte.

14:22 Uhr Ich: Er wurde festgenommen. Falls du mit Coup oder Lila schreibst.

14:22 Uhr DevilTunes: Shit. Tut mir leid …

14:23 Uhr DevilTunes: Hatte gestern gefragt, ob sie wissen, was los ist. Sie sagten, sie hätten nichts mehr von dir gehört, seit du mit ihnen telefoniert hast, durften mir aber nichts sagen. Coup hat später noch geschrieben, dass du irgendwie Mist gebaut hast, aber dass du ok bist. Mrs. Barton hatte ihn darum gebeten, damit ich mir keine Sorgen mache.

14:24 Uhr DevilTunes: Sie ist klasse.

14:24 Uhr DevilTunes: Die Armbänder auch.

Ich schmunzelte, rieb mir die Augenwinkel trocken und wechselte schließlich zögernd in den einzigen Chat, den ich bislang angestrengt gemieden hatte.

Mein Herz brach.

Ich schrieb das Einzige, das irgendeinen Sinn für mich ergab, nur um mich direkt danach aufzusetzen, das StarkPhone beiseite zu legen, die Knie anzuziehen und still in die Ferne zu stieren.

Als ich genug Mut fasste, zog ich mein StarkPhone wieder an mich heran und schielte auf die Nachrichteneingänge.

Cooper hatte geantwortet.

14:29 Uhr Ich: Es tut mir so leid.

14:31 Uhr Coopid: Nicht deine Schuld.

-/_\-

Eine kurze Weile später klopfte es an die Tür.

Ich war gerade halb durch meine Physik-Nachholarbeiten von Freitag durch, die eigentlich erst für Mittwoch ausstanden, wenig motiviert mich der mir zugewiesenen Szenenanalyse für den Englischunterricht in zwei Tagen zu widmen. Ned hatte zwar geschrieben, dass Mr. Lieber sehr wahrscheinlich fünf Ausarbeitungen auslosen, einsammeln und bewerten und drei weitere in der Stunde vortragen lassen würde (etwas, das er anscheinend öfters tat und Fortunas Stichproben nannte), aber etwas in mir war in einer Endzeitstimmung gefangen, die bitter raunte, dass ein Unglück mehr oder weniger nun auch keinerlei Unterschied mehr machte.

Physik dagegen war bloß simples Knobeln. Ein netter kurzweiliger Zeitvertreib; selbst, wenn der Planet einen frisch rauchenden, bestialisch stinkenden Krater aufwies.

Pepper schob den Kopf herein. „Darf ich kurz?“

Ich nickte, obwohl sich die Luft in meinem Brustkorb unweigerlich zu sammeln begann, gewappnet für das Unvermeidliche. Auch wenn ich in ihrer Miene keinen Frust oder Vorwurf entdecken konnte, war ich mir sicher, dass sie inzwischen in Erfahrung gebracht haben musste, was in Deutschland vorgefallen war und weshalb ich zuletzt nicht mehr wirklich auf ihre Nachrichten reagiert hatte.

Ich behielt meinen Collegeblock auf meinem Schoß, schwang jedoch mein vergilbtes Physikbuch auf die andere Seite, als sie neben mir auf der Couch Platz nahm, einen beiläufigen Blick auf meine gezeichneten Diagramme warf und aufmerksam meine Miene studierte.

„Hat er es dir gesagt?“, fragte ich, den Blick starr auf die neueste y-Achse unter meinem Kugelschreiber gerichtet.

„ Hm .“ Sie presste sanft die Lippen aufeinander. „Wir haben über vieles gesprochen.“

„Du weiß schon …“, murmelte ich. „Dass ich dort hin bin, zu ihnen an den Flughafen, um … --- na ja, um zu verhindern, dass sie kämpfen und alles noch schlimmer machen, als es ohnehin schon war.“ Meine Stimme sank. „Dass ich dabei war, als alles in die Luft geflogen ist und Rhodey ---“ Ich brach ab, dann sah ich jäh auf, als mich kurzer Schreck flutete. „Er wurde gestern notoperiert. Geht’s ihm gut?“

„Ja, er erholt sich. Ich habe heute Morgen mit ihm gesprochen.“

Erleichtert ließ ich meinen Kugelschreiber los. Zwei Sekunden darauf begann ich ihn stattdessen bedächtig meinen Schreibblock auf und ab zu rollen.

„Und ja“, setzte sie nach. „Tony hat mir erzählt, was vorgefallen ist. Am Flughafen und danach.“ Unbeeindruckt kurz hob sie den Blick zur Decke. „Auch, dass ihr das Ganze noch nicht geklärt habt und diese Diskussion noch aussteht, was mir zumindest erklärt, wieso ihr euch vorhin angesehen habt, als sei schon wieder jemand in einen Schusswechsel geraten, in dem er nichts verloren hatte.“

Beschämt senkte ich den Blick.

Pepper atmete aus. „Sola, das war sehr dumm und sehr gefährlich und das darf sich niemals – hörst du? – niemals , unter gar keinen Umständen, wiederholen.“ Ich nickte starr, als sie sich näher beugte und meine Haare Strähne für Strähne hinters Ohr strich. „Aber es war auch sehr mutig“, fuhr sie bedächtig fort. „Und ihr habt ein paar schreckliche Tage hinter euch, in denen so vieles ganz falsch gelaufen ist. Belassen wir es deshalb dabei, in Ordnung?“

„Du bist nicht böse?“

„Ich kann böse und zärtlich sein.“

Ich gluckste widerwillig und nickte auf ihren liebevoll fragenden Blick hin, unendlich erleichtert.

„Davon abgesehen hätte Tony dich nicht alleine heimschicken und alles derart aufs Spiel setzen dürfen“, ergänzte sie.

Mich verließ meine Stimme. „Ihr habt euch gestritten, oder?“

Sacht rollte sie die Augen. „Sola, wir streiten uns seit vierzehn Jahren mindestens einmal in der Woche.“

„Aber nicht so“, widersprach ich.

„Nein, nicht so …“, stimmte sie seufzend zu, den Blick kurz nachdenklich abwärtsgerichtet. „Weißt du, was schlimmer ist als mit deinem Vater zu diskutieren? Ihm dabei zuzusehen, wie er in seinen Anzug steigt, um Leben zu retten, und sich selbst dabei zu ertappen, sich zu wünschen, er täte es nicht.“

Meine Kehle schnürte sich zu. „Ja“, raunte ich.

Sie nickte, als verstehe sie nur zu gut, was mich mit so viel schlechtem Gewissen und Schuld erfüllte, dass ich es kaum vor mir selbst einzugestehen vermochte.

„Ich fahre jetzt erstmal nach Hause“, informierte sie mich nach einem kurzen Moment.

Ich zwang mich, meine Enttäuschung nicht zu deutlich zu zeigen.

„Tony ist da“, versicherte sie. „Aber melde dich bitte, wenn du etwas brauchst oder noch reden möchtest, ja? Ich bin die nächsten Tage vor Ort. Du kannst jederzeit auf die Geschäftsetagen runterkommen, okay? Wenn ich gerade in einem Termin bin, sag Erin Bescheid und geh einfach in mein Büro; ich komme nach, sobald es geht.“

„Ich habe Hausarrest“, erinnerte ich schwach. „FRI sagte gestern, es ist jetzt auf unsere Wohnräume beschränkt. Ich muss im Penthouse bleiben. Die anderen Etagen sind gesperrt, es sei denn, Dad hat sie explizit für etwas freigegeben.“ Ich zögerte. „Sie ist im Caretaker Protokoll …“

Pepper nickte. „Das ist in Ordnung. FRIDAY weiß Bescheid. Sie lässt dich zu mir runter.“ Sie drückte mich kurz. „Das alles ist schlimm, ich weiß. Aber ihr beide seid daheim und am Leben und das ist das Wichtigste, Sola. Alles andere regelt sich.“

Ich schloss die Augen.

„Ruht euch aus.“ Sie tätschelte meine Schulter und erhob sich. „Der Rest kann erstmal warten.“

-/_\-

Und warten tat ich.

Während ich auf meiner Couch lag und still meine Physikaufgaben zu Ende brachte, begannen meine Gedanken zu kreisen.

Ich schaltete den Fernseher ein und ich schaltete ihn wieder ab. Ich bat FRIDAY ein paar Youtube-Videos im Background abzuspielen, um unbeschwerte Stimmen zu vernehmen, ehe ich nach kurzer Weile auch schon wieder meine Meinung änderte, seltsam aufgewühlt von so viel Normalität, und sie bat alles einfach abzustellen, ehe ich mich herumwälzte, Block und Kuli neben mir auf den Teppich fallen ließ und unendlich lange die perfekten Nähte meiner Couch betrachtete.

Etwas an dieser satten Stille tat weh.

Kraftlos richtete ich mich wieder auf und sah zur regungslosen Tür.

Ich hatte geglaubt, Tony sei tot , pochte es jäh wieder heiß und scharf in mir auf. Und anstatt, dass er etwas dazu sagte, irgendetwas tat oder erklärte, das all dieses Grauen in mir wieder bereinigte, schickte er mich hinauf und hielt sich fern, wechselte kaum ein Wort mit mir, um mich nicht weiter zu verstören oder zu alarmieren oder zu --- involvieren . Als sprächen all die Blutergüsse und Platzwunden nicht längst aus, was ich dachte: Dass er so nahe dran gewesen war; dass ich ihn wirklich fast ---

Kalte Angst überspülte mich; Reste eines Schreckens, der mich einfach nicht losließ.

Ruhelos brachte ich mich auf die Beine und schlich zur Tür. Da FRIDAY nicht reagierte, als ich sie verhalten öffnete, verließ ich mein Zimmer und schlurfte weiter. Meine Schritte hinterließen kaum einen Laut auf den Stufen hinab in Richtung Wohnlounge und Küche.

Als ich unten angelangte und meinen Blick von Tonys entlegenem Holotisch, über unsere Couchlandschaft bis zur Küche einmal umherschweifen ließ, schien niemand zugegen, bis ich Tony geräuschlos aus dem angrenzenden Flur hinter unseren Schmuckpalisaden zurückkehren sah.

Er stierte geistesabwesend voran und bemerkte mich erst, als er die Rundcouch passierte. Seine Schritte verlangsamten sich nur geringfügig, als er mich beiläufig in Augenschein nahm, ehe er seine immer noch so dunkel abwesenden Pupillen wieder auf sein Ziel richtete.

Da er mein Auftauchen nicht weiter kommentierte, nahm ich es zum Zeichen, dass ich wieder willkommen war – so wenig es seine Miene oder Reaktion auch erahnen ließen.

Stumm begab ich mich zum Kühlschrank.

Tony hielt an der Bar. Halb von mir abgewandt, nahm er eine der Karaffen auf, entfernte den Glasstöpsel und goss eine bernsteinfarbene Flüssigkeit in einen Kristallbecher. Es sah mir verdächtig nach etwas Hochprozentigem aus. Ich beobachtete ihn, während ich zeitgleich den Kühlschrank öffnete, ausharrte und mir nach kurzem Erwägen wahllos einen kleinen Apfelsaft griff, wenn auch bloß um meinen Händen etwas zu tun zu geben.

Tony stellte die Karaffe ab. „Diesmal kein Caramel Latte?“, ließ er vernehmen, ohne auch nur den Kopf zu wenden.

Ich schloss den Kühlschrank. „Nein“, raunte ich.

Er nahm sein Glas und lächelte freudlos zynisch hinein, ehe er schon einen festen Schluck machte und seinen Blick erneut schweifen ließ.

Ich verharrte auf der Stelle. Meine Hand umklammerte die kleine Glasflasche, während ich den Deckel festhielt, als überlege ich noch, sie wirklich zu öffnen.

„Tony?“, fragte ich still.

Er wandte den Kopf. Von Bitterkeit oder Vorwurf stand plötzlich keine Spur mehr in seiner Miene, auch wenn ein gewappneter Glanz in seinen Augen verblieb. „Hm?“

„Bist du … okay?“

Vielleicht war es die unterschwellig beunruhigte Note in meinem ansonsten völlig abgezehrten Ton, die ihn diesmal nicht sofort abblocken ließ, denn er zögerte. „Hatte schon bessere Tage.“ Er stellte das Whiskeyglas zurück aufs Tablett. „Aber ja.“

Ich schluckte schwer. „Du siehst beschissen aus.“

Er sog finster amüsiert die Luft ein. „ Merci “, befand er trocken. „Und Chapeau .“ Er wies auf mich. „Trauen sich nicht viele, mir das ins Gesicht zu sagen; erst recht nicht ein paar Stunden, nachdem ich sie bewusstlos die Treppe hochtragen und eine gigantische Sauerei hinter ihnen aufräumen musste.“

„Da komme ich nach dir.“

Tony wandte sich mir vollends zu, wenn auch bloß, um mich mit einem unbeeindruckt zweifelnden Blick abzustrafen.

Ich näherte mich.

Aus der Nähe wurde es nur noch deutlicher. Die rotgeränderten Augen, die ungewohnt tiefen Falten, die sich von Nase zu Mundwinkel zogen, der unstete Blick, seine zusammengekniffene Stirnpartie … Es rumorte in ihm, auch wenn er sich abmühte, seinem Blick etwas blank Unbewegtes abzuringen.

Fast verließ mich der Wille.

Aber nicht ganz.

„Was ist gestern geschehen?“, fragte ich leise, meine Schultern gespannt. „FRIDAY sagte nur, dass du gegen Steve und den Winter Soldier kämpfst. Und dann ist der Kontakt plötzlich abgebrochen, weil der Arc-Reaktor beschädigt war und sie einen neuen Anzug schicken musste, und …“ Und ich wusste nicht, ob du noch lebst oder nicht. Meine Hände begannen zu zittern. „… und du sagtest, sie hält mich auf den Laufenden, aber das konnte sie dann nicht mehr.“

Tony wandte den Blick ab.

Ich rührte mich nicht vom Fleck.

„Passiert nicht nochmal“, versicherte er ernst, als er mir unvermittelt wieder in die Augen sah. „Ich trage in Zukunft eine Lifeline, so wie deine. Sie sendet unabhängig vom Anzug und allem anderen Schnickschnack.“

Mein Herz wummerte. „Okay, ja --- okay , aber-“

„Aber was, Sola?“

Tony klang jäh wieder so müde entnervt, dass ich zweimal schlucken musste, um nicht einfach aufzugeben.

„Aber was ist geschehen ?“, wiederholte ich heiser, während er sein Whiskeyglas aufnahm, einen zweiten Schluck machte und unzufrieden weiterschritt.

„FRIDAY hat es dir gesagt.“

„Aber wieso ?“, platzte es ruhelos aus mir.

Tony hielt unvermittelt inne, regte sich einen langen Moment nicht, wandte sich mir wieder zu und betrachtete mich aus unleserlich nachdrücklich gefasster Miene.

Wir sollten uns ausruhen, hatte Pepper gesagt. Alles andere könne warten. Und es hätte mir eine Mahnung sein sollen, denn nichts Gutes entsprang diesem kalkulierend überdrüssigen Blick, mit dem Tony mich jäh taxierte, aber ich konnte meine bohrenden Gedanken mehr herabschlucken, sie alle drängten hervor, sie alle ließen meinen Magen kneten.

„Du bist hin, um ihnen zu helfen“, erinnerte ich schwach, „und dann --- dann sagte FRI, dass ihr wieder kämpft und --- ich versteh es nicht, Dad. Du sagtest, Zemo hätte das alles vorgetäuscht, um euch gegeneinander auszuspielen. Dass es so wichtig sei, ihn aufzuhalten, dass du mich sogar im Heli allein gelassen hast, nur damit-“

Tony entließ die Luft. „Es ist erledigt, okay?“, unterbrach er mich. „Er ist verhaftet, Sola.“ Er hob beide Brauen. „Akte geschlossen.“

„Gar nichts ist erledigt“, widersprach ich ungläubig. „Was ist mit Clint? Was ist mit Sam? Oder Wanda? Sie sind immer noch im Raft. Was ist mit Außenminister Ross? Weiß er, dass du gestern dort warst, um ihnen zu helfen? Wirst du jetzt --- angeklagt? Verhaftet ? --- Was ist mit Steve ?“ Ich machte einen ungehaltenen Schritt auf ihn zu. „Wieso sagst du mir nicht, was los ist ?!“

Tony regte sich nicht. Er blinzelte nicht einmal, so grob beherrscht blieb seine Miene.

„Jetzt da Zemo gefasst und der UN-Anschlag geklärt ist“, begann ich unvermittelt wieder bebend leise. „Vielleicht kann der Rest … auch geklärt werden. Vielleicht könnt ihr jetzt nochmal verhandeln, immerhin hatte Steve recht, und vielleicht …“

Etwas in Tonys Miene ließ meine Stimme schleichend verenden, bis ich einfach mitten im Satz verstummte. Sein Mund nun eine harte Linie und sein Blick so dunkel beherrscht, dass ich spürte, wie mich sämtlicher Mut schlagartig verließ und wirklich jeder Sinn und Verstand daran erinnerte, dass Tony insgeheim immer noch stinksauer sein musste, wegen allem , meiner Intervention am Flughafen, meinen Lügen und Verheimlichungen rund um Wanda, meinem emotionalen Ausbruch im Heli – allem, was dem hier vorangegangen war …

„Du hast nicht die geringste Ahnung, wovon du sprichst“, stellte er leise klar. „Und das ist verdammt gut so.“

„Wie das?“, raunte ich. „Wie kann das gut sein?“

„Wenn es notwendig wird, mehr zu wissen, erfährst du es.“

„Aber das tue ich nicht !“ Ich wusste nicht, was mich ritt, als ich ihn auch schon bitter unterbrach, unfähig den Frust endlich loszulassen, diesen schweren Knäuel, der alles so kompliziert machte und zum Scheitern verdammte. „Ich erfahre nichts“, beharrte ich wacker. „Du sagst mir nie genug, um irgendetwas zu verstehen. Weder, was gestern Nacht angeht, noch …  --- noch Iron Man oder Pepper …“

„Richtig“, schnalzte er abfällig. „Weshalb dir Antworten zusammen zu spinnen, die du irgendwo aus dem Kontext aufschnappst, indem du die Privatsphäre der beiden Menschen missachtest, die sich tagtäglich den Kopf darüber zerbrechen, dich gesund und glücklich zu wissen, ein so viel klareres Licht auf alles wirft.“

Ein Schwall schamvoller Wärme überwältigte mich. „Ich habe nicht absichtlich gelauscht-“

„-nur habe ich dir keine andere Wahl gelassen“, endete er ironisch.

„Es war zwei mal. Es war immer Zufall . Ihr habt miteinander gesprochen und ich bin vorbeigelaufen und-“

„-konntest nicht widerstehen, bestätigt zu hören, wie sehr ich mir doch wünsche, wieder tun und lassen zu können, was ich will, ohne ständig an das lästig trauernde Kind vor meiner Türschwelle denken zu müssen, das meine volle Aufmerksamkeit braucht.“

„ Nein …“ Scham, Zweifel und Reue erstickten mich, als ich ihn meine Worte von gestern spotttriefend reintonieren hörte. „Aber du sagst mir gar nichts . Und du lenkst ab-“

„Ich sage dir alles, Sola.“ Tony funkelte mich an, als er bereits finster ohne Punkt und Komma weitersprach: „Ich sage dir alles; nur nicht das, was unnötig belastend und kompliziert oder grausam wäre und ohnehin nichts zwischen uns ändern würde, weil du mir verdammt nochmal glauben kannst, wenn ich dir versichere, dass du gewisse Dinge nicht hören willst oder hören solltest, um ein halb wegs normales Leben führen zu können.“

Sein todsicherer Ton vertrieb jede Emotion und ließ nichts als raue, kalte Enttäuschung in mir zurück. „Das behauptest du.“ Ich klang nicht länger nach mir selbst. „Du sprichst nicht einmal über Howard Stark-“

Etwas in seiner Miene schnappte harsch auseinander. „Du willst wissen, was geschehen ist?“, unterbrach er mich. „James Barnes hat deine Großeltern ermordet . Er hat sie kaltblütig verfolgt, sie in einen Unfall getrieben und sie erschlagen und erdrosselt, nur um an das Supersoldatenserum zu kommen, das Dad gerade rekonstruiert hatte! Steve hat es gewusst . Er wusste es und es hat ihn nicht gekümmert. Nein, seine Antwort hierauf war, meinen Anzug in einen Totalschaden zu verwandeln. Und das, obwohl es dich gibt.“

Es war, als habe Tony mir den Boden unter den Füßen weggerissen. Unfähig irgendeinen klaren Gedanken zu fassen, stand ich schockstarr da.

Mein Innerstes schien im freien Fall, während mein Kopf durch jedes vernommene Wort sprang, wieder und wieder, und begriff, eiskalt begriff, was er sagte.

Dass Barnes seine Eltern ermordet hatte.

Dass Steve es die ganze Zeit gewusst hatte.

Und dass nichts, wirklich gar nichts mehr sicher oder gut werden konnte, wenn Captain America sich auf die Seite des Mannes stellte, der uns unsere Familie genommen hatte.

-/_\-

Es war bereits das dritte Mal, dass ich geistesabwesend durch meine Mathenotizen blätterte, ohne viel mehr als Buchstaben- und Zahlensalate und eine gelegentliche Überschrift wahrzunehmen.

Ich hielt inne, ließ die nächste Seite eine lange Sekunde aufrecht in der Luft gegen meinen Daumen wippen, ehe ich sie unvermittelt auch schon wieder losließ, mich endgültig abwandte und regungslos ins warmerleuchtete Nichts unterhalb meiner Schreibtischlampe stierte.

Mir war kalt, aber nicht auf eine Art, als wenn es eine warme Tasse Chai oder eine Wolldecke richten konnte. Mehr so, als strahle die Kälte aus mir heraus, als sei irgendetwas in mir herabgekühlt und erstarrt und nicht länger in der Lage mich in meiner eigenen Haut noch behaglich zu halten. Als brauchte es eine waschechte Operation, diesen Quell Unbehagen wieder aus mir herauszuholen; als sei es ein krankes Organ, das irgendwann im Laufe dieses Tages alle Funktionen eingestellt hatte und nun meinen ganzen Kreislauf in eine taube, abdankende Müdigkeit zwang, die ich nie wieder loswerden würde; nicht einmal, wenn ich meinen Geist irgendwie dazu bekam, seine Aufmerksamkeit auf eine einzige mathematische Gleichung zu richten und mich mit etwas zu beschäftigen, das ich verstand , das ich lösen und meistern konnte, ohne darüber nachdenken zu müssen, was Tony gesagt hatte und was nun derart unverrückbar schien --- genauso eingebrannt in meiner Brust wie der raue Ausdruck seiner Augen voll Schmerz, Verrat und Endgültigkeit .

Er hat sie ermordet.

Rasch richtete ich meinen Blick auf die geometrische Figur auf dem Papier zurück, ein Oktogon, das ich erfolgreich auf sämtliche symmetrischen Achsen und Punkte geprüft und auf alle grundlegenden Winkelfunktionen herabgebrochen hatte. Ich schluckte.

Fast im selben Augenblick hörte ich Tony durch meine Tür treten.

Während unseres Abendessens vor gut einer Stunde hatte ich kaum ein Wort von mir gegeben. Ich hatte in meinen gebratenen Reis gestiert und versucht, nur noch so wenig auf mich aufmerksam zu machen wie irgend möglich, abgesehen von einem gelegentlichen belegtem Danke oder Nicken, wann immer er beim Anrichten eine kurze Reaktion meinerseits eingeholt hatte. Tony hatte ebenfalls geschwiegen und wäre der spät hervorbrechende, kupferrote Sonnenschein über New York nicht gewesen, war ich mir sicher, hätte ich es nicht vollbracht, meinen Reis herab zu schlucken. Meine Kehle blieb seit seinem augenöffnenden Ausbruch in seiner Gegenwart so eng geschnürt, dass es wehtat.

Als er nun wortlos neben mir hielt, seine Braue rieb und ein Papier neben meinem Ellbogen ablegte, sah ich still darauf hinab.

Seine unverwechselbare Unterschrift ließ das simple Schulformular wie einen lausig improvisierten Lehrerstreich wirken, obwohl es eindeutig seine Handschrift war, die auch sämtliche anderen Felder füllte, die meine Abwesenheit während der vergangenen Schultage offiziell absegnete.

Ich hatte nicht mehr daran gedacht, ihn um ein Entschuldigungsschreiben zu bitten, aber FRIDAY musste ihn erinnert haben.

Still zweifelnd fixierte ich das Begründungsfeld. „Vertraulich?“

„Ist mit der Schulleitung so vereinbart“, antwortete Tony. „Es gibt hierzu einen vertraglichen Passus in deiner Akte. Gib das einfach morgen früh ab. Sie werden keine Fragen stellen. Und falls doch, ruf mich an.“

„Okay“, raunte ich.

Ich sah kaum zu ihm auf, obwohl sich etwas in mir still verkrampfte, als ich plötzlich realisierte, dass er sich umgezogen, frisch rasiert und gestylt hatte und nun ein Sakko trug, obwohl es bereits kurz vor sieben war und draußen längst dunkel. Sogar seine Platzwunden und Blutergüsse schienen kosmetisch abgedeckt und stachen nicht mehr allzu sehr ins Auge.

Irgendetwas zwischen unserem bedrückend stillen Abendessen und nun schien den angespannt ins Nichts stierenden Tony vertrieben und eine sehr viel sortiertere Version von ihm wiederheraufbeschworen zu haben, die zwar immer noch verschlossen dreinsah, aber nicht länger heimgesucht und zynisch und fern .

Ich spürte seine Aufmerksamkeit auf mir ausharren.

„Ich bin gleich weg“, informierte er mich nach einem Moment vollendeter Stille. „Nicht länger als zwei Stunden, ein kurzer Abstecher nach Queens, mehr nicht. Ich versuche zurück zu sein, bevor FRI hier die Schotten dicht macht.“

„Im Anzug?“

Ich hasste es, wie malträtiert ich klang.

„Nein.“

Ich hielt die Luft an. „ Hm , ‘kay.“ Ich regte mich nicht.

Anstatt abzudrehen und zu tun, was auch immer ihn nach Queens rief, verblieb Tony an Ort und Stelle und sah mit vage gerunzelter Stirn weiter auf mich herab.

„Pass auf“, begann er überlegt. „Heute war … nicht der beste Tag. Und was ich vorhin sagte, hätte … ein wenig anders laufen sollen.“ Er zögerte, doch ich stierte bloß unverändert auf das bleiche Gittermuster meines Collegeblocks. „Du hast Fragen, das verstehe ich. Nicht alle kann ich beantworten. Auf manches habe ich keine Antwort und anderes werde ich dir nicht zumuten, dabei bleib ich. Wir können uns darüber die Köpfe einschlagen, aber das ist in Ordnung, das halte ich aus – das versuche ich bloß klarzustellen – und, wow , ein paar Dinge haben wir zu klären, ganz ohne Zweifel … Ist ein Thema für einen anderen Tag.“ Tony atmete aus und rieb sich erneut mit dem Daumen über seine Braue. „Ich hab es vorhin vergeigt“, gestand er unversehens blank. „Ich war sauer. Nicht auf dich, auf --- … Ganz egal, ich will bloß sagen, dass ich mir absolut im Klaren darüber bin, wie spektakulär miserabel die letzten Tage bereits waren. Ich hätte mir die Sache mit Barnes für einen anderen Moment aufheben sollen-“

Die Welt verschwamm, als ich auch schon in so feste Tränen ausbrach, dass es mich ganz und gar schüttelte. Das Entschuldigungsformular rutschte unter meinem Ellbogen vom Tisch und flatterte zu Boden.

Tony erstarrte.

Es war zu viel, zu viel von allem; Schmerz, Angst, Kummer, Schuld – und alles würgte und drängte jäh heraus, versuchte das Unmögliche: gleichzeitig aus mir hervor zubrechen.

Ich griff an meine Brust, knüllte meinen Sweater. Erstickte.

Unvermittelt griff Tony nach meiner Schulter und sank neben mir nieder. „Okay, hey.“ Seine Stimme hob sich besorgt wie eindringlich, aber ich spürte, wie sehr es ihn wirklich alarmierte. „Durchatmen …“ Sein Ton wurde strenger. „Sola, beruhig dich. Atme ein.“

Ich tat keuchend wie befohlen.

„Gut, halten …--- Nein, nochmal. Hey . Nochmal von vorn, Sola … Gut , halten … Jetzt wieder aus. Genau so. Gleich noch einmal.“

Ich sank nur fester in mich zusammen, geschüttelt von meinem unkontrollierbaren Schluchzen, das an meinen ohnehin bereits seit gestern völlig lädierten Bauchmuskeln so unerbittlich zerrte, dass es schmerzte. Tonys Stimme zwang mich in einem Rhythmus zu atmen, der unmöglich schien, aber weil seine Hand sich so fest in meinen Oberarm bohrte, versuchte ich es dennoch, bis ich schleichend wieder Sauerstoff schmeckte.

Seine Hand löste sich und wanderte in meinen Nacken, als ich schließlich nur noch ergiebig aus weicher Brust schluchzte.

„Okay, Liebling, komm schon …“ Heiserkeit begann seine Stimme zu verfärben, als Tony das Entschuldigungsformular mit seiner freien Hand vom Boden hob, es ziellos irgendwo auf den Tisch legte, sich über den inneren Augenwinkel strich und schon wieder die Seite meines Nackens massierte. „Soll ich das Beruhigungsmittel holen?“, schlug er still vor. „Die Tabletten liegen unten. Ich hole sie, ist okay. Macht es einfacher.“

Krampfhaft schüttelte ich den Kopf.

„Okay …“ Tony wandte den Blick ab, rieb sich erneut verhalten die Augen, dann richtete er sich schon wieder aus der Hocke empor, stand eine Sekunde völlig unentschlossen da, ehe er unvermittelt zur Couch hinüber schritt, sich eine der weichen Wolldecken griff, zu mir zurückkehrte und sie mir sorgsam um die Schultern schlang.

„Sieh mich an …“, bat er, während er die Decke bedächtig um meine Schultern richtete. „Ich bin nicht sauer, ich möchte es nur verstehen, damit ich hier helfen kann, okay? Was war der Grund? Dass ich vorhin sagte, dass ich wegfahre? Wenn ja, ist kein Problem, ist nicht so wichtig, lässt sich anders lösen.“

„Er --- hatte mich --- fast “, brachte ich schwer erstickt hervor.

Tony verstummte.

„Ich wollte nur --- hin, damit ihr nicht --- kämpft“, quoll es zusammenhangslos aus mir. „Und --- ich bin gerannt, sofort --- als er … aber er ist hinterher-“

„Wer ist hinter dir her?“ Sein Ton schlagartig wieder so katastrophal gefasst, dass es mir einen Schauer bereitete, fixierte Tony mich. „Wovon sprechen wir hier?“

„Am Flughafen“, schluchzte ich. „Der --- Winter Soldier.“

Er regte sich nicht, sein Blick angespannt wie deutlich auf mich gerichtet.

„Ich bin gefallen und er war direkt da und --- er hatte mich am Ellbogen, glaub ich ---“ Ich übersprang meine eignen Gedanken, nur noch gewillt, es endlich loszuwerden. „Er hätte mich bekommen, wenn Clint nicht da gewesen wäre, oder? Und dann --- dann hätte er mich auch --- getötet wie …“ Innig bebend ballte ich die Fäuste und brach ab. Wie sie alle .

Sein Kiefer trat hervor. „Okay.“

„Es tut mir leid “, schniefte ich bitterlich. Es war die Wahrheit.

Ich schlotterte vor Reue.

Unvermittelt zogen seine Hände die weiche Decke noch ein Stück dichter um meine Schultern herab. „Du wusstest, dass James Barnes und alle verfügbaren Avengers dort sein würden. Du hast es riskiert, Sola. Und wenn ich jemals eine Wiederaufführung dieser unglaublichen Dummheit von dir erlebe, geschieht, was ich versprochen habe, was geschieht.“

Von meinen Wangen perlten unaufhörlich Tränen, auch wenn das schwere Hicksen mich schlagartig erschöpft verließ.

„Diesen Punkt einmal beiseite – dass Barnes dir gefolgt ist, bedeutet nicht , dass er dich töten wollte“, fuhr Tony eindringlich gefasst fort. „Wenn er dich hätte erwischen wollen, hätte er das. Er hat versucht, dich vom restlichen Geschehen fernzuhalten, damit du ihren halbgaren Plan nicht sabotierst, nehme ich an. Wenn er wirklich im Counter-Strike-Modus unterwegs gewesen wäre oder dich als Geisel gegen uns einsetzen hätte wollen, hätte er dich jedenfalls eingesackt, kein Zweifel. Ich habe ihn im JCTC erlebt und --- okay, lass uns nicht länger darüber nachdenken, mein Blut kocht.“

Er schien drauf und dran sich bitter zu erheben, als ich jählings die Decke abschüttelte und mich ihm um den Hals warf, erfüllt von jäher Furcht, er könnte einfach wieder gehen oder – schlimmer noch – nicht sehen, wie sehr ich verstand .

Vage überrumpelt und doch ohne zu zögern fing Tony mich ab.

„Okay … klar“, murmelte er.

Er erwiderte meine Umarmung und sackte unter meinem Gewicht zurück in die Knie, obwohl ich spürte, dass er seine linke Schulter augenblicklich zu entlasten versuchte, was mich erneut daran erinnerte, dass sein linker Arm eigentlich immer noch in eine Schlinge gehörte. Sofort schloss ich meine Arme nur noch fester und verlagerte mein Gewicht vollends in seine andere Hälfte, mein Gesicht in den weichen Kragen seines seegrauen Sakkos und seiner Schulter vergraben.

Nach einem langen Augenblick krampfhaft umschlossener Nähe tätschelte Tony auffordernd meine Schulter, als befänden wir uns in der müden, verheulten Variante eines Judokampfs, den ich soeben fulminant für mich entschieden hatte.

„Sola …“, bemerkte er.

Widerstrebend gab ich ihn frei.

„Gib mir fünf Minuten“, erklärte er sich. „Bin gleich wieder da. Wenn ich hierbleibe, will ich nur kurz sicherstellen, dass Happy die richtigen Signale sendet-“

„Du kannst ruhig fahren“, platzte es schon beschämt aus mir. „Queens ist gleich hier --- nicht in Sibirien …“ Ich spürte, wie das Blut erneut mein Gesicht verließ.

Tony blinzelte. „Okay“, begann er langsam, „es gibt keinen Grund, uns beiden etwas vorzumachen. Was heute Nacht geschehen ist, ist nichts, für das du dich entschuldigen oder erklären oder taffer darstellen müsstest, als irgendjemand wäre. Du hattest einen Nervenzusammenbruch, weil du annehmen musstest, mir sei etwas zugestoßen und das ist --- unverzeihlich und ausschließlich mein Vergehen, meine Schuld. Ich habe nicht genug Acht gegeben, ich habe mich von --- Vergangenem leiten lassen, zu viel riskiert und mir eingebildet, dass es den Preis wert sei. Was er nicht war. Ausrufezeichen. Und wenn es auch nur ein wenig an gestern erinnert, wenn ich jetzt runterfahre und in den Wagen steige, dann steht – auch das – in direktem kausalem Zusammenhang zu heute Nacht und ist nicht peinlich oder kindisch, sondern bloß der klare Beweis dafür, wie viel gravierender es ist, wenn ich den Mist zwischen uns beiden baue, weil – und das zumindest ist unstrittig – ich der Erwachsene bin, auf den wir uns beide hier verlassen.“

„Ja“, antwortete ich. „Aber wenn es wirklich kein Einsatz ist, ist es okay. Ich wollte …“ Ich schielte auf meinen Collegeblock. „Keine Ahnung, ich will mir noch ein wenig was für morgen ansehen. Und vielleicht mit Dev sprechen …“

Tony musterte mich. „Okay.“ Er folgte meinem betroffenen Blick zurück auf meinen Schreibtisch. „Pass auf, ich kann dich für morgen noch einen Tag entschuldigen.“

„Wozu?“, raunte ich. „Um hier zu sitzen und weiter nachzudenken?“

Schweigend sah er mich an.

„Es wird doch nicht besser, oder?“, erklärte ich mich jählings wieder auffällig erstickt. „Es wird morgen immer noch alles genauso sein. Es --- ändert nichts.“ Steve hat dich verraten und alles andere auch. Barnes hat --- deine Eltern getötet. Die Avengers gibt es nicht mehr. Nat ist fort, Clint ist fort-

„Hör zu, morgen wird anstrengend“, wandte Tony ungeschminkt ein. „Dienstag wird es auch, aber es lässt sich charmanter bewältigen, wenn man nicht gerade ohnehin bereits am eigenen Limit herumtigert. Nach dem, wie die letzten vierundzwanzig Stunden gelaufen sind, zwinge ich dich nicht, direkt morgen vor die Meute zu treten.“

Ich schluckte. Mir war klar, dass meine Rückkehr in die Midtown nach den sich tagtäglich überschlagenden medialen Ereignissen dieser Woche einen Aufruhr verursachen würde; dass so vieles in Wien und Deutschland geschehen war, dass ich mit Fragen zu allen sich bereits zementierenden Gerüchten rund um Tony Stark, Captain America und die Avengers erschlagen werden würde, erst recht, wenn offizielle Stellen mit weiteren Details über die Auseinandersetzung am Flughafen und dem Hintergrund der Haftbefehle, sowie Tonys Rolle in all dem herausrückten.

Hin und her gerissen und halb gewillt mich unter einer Decke zu verkriechen und darauf zu hoffen, dass über Nacht eine unwahrscheinliche Massenamnesie eintrat, schüttelte ich vage den Kopf.

Mein Geist war geladen, aufgeschäumt und schwer. Ich konnte mich nicht konzentrieren. Aber noch weniger konnte ich über irgendetwas davon weiter nachdenken . Weder über die bitteren Wahrheiten, noch die Welt, in der sie Tony und mich zurückließen. „Nein“, summte ich, „ich gehe morgen wieder hin.“

„Alles klar.“

Abwesend hievte ich mich zurück auf meinen Stuhl, doch noch auf halbem Wege hielt Tony mich davon ab. „Das T-Shirt hinter dir, das bis gerade eben zerknittert unter deinem Hintern lag?“

Verwirrt wandte ich den Kopf. „Ja?“

„Sieht vielleicht nicht so aus, aber es ist strenggenommen ein historisches Artefakt. Eigentlich gehört es in eine Museumsvitrine.“

Irritiert zog ich das dunkle Black Sabbath -Shirt unter der abgestreiften Wolldecke hervor und blinzelte es aus seicht verquollenen Augen an. „Das hier?“ Ich schniefte immer noch verhohlen. „Ich hatte es zum Schlafen an …“

„Ich weiß.“ Tony verdrehte die Augen. „Pepper sagte, es spielt keine Rolle, dass es einmal in einer komplett anderen Galaxie war, es sei denn, ich wolle es dorthin zurückbefördern, bevor sie mich damit erwürge, weshalb ich … erstmal keine große Sache daraus gemacht habe. Als Tatwaffe in einem Mordfall würde es auf Nimmerwiedersehen in irgendeiner Asservatenkammer verschwinden-“

„Warte.“ Überrumpelt fuhr ich zu ihm zurück, als sich mein emotionaler Gedankennebel lichtete und ich begriff, worüber er mit so gewohnt trockenem Drama zu lamentieren begonnen hatte. „ Dieses T-Shirt? Damit bist du durch dieses Wurmloch?“

„Ich hatte es zufällig an, an dem Tag, ja.“

„Echt jetzt?“

„Soll nicht heißen, dass du es dir nicht unter den Hintern schieben darfst, damit dieses ausgezeichnete ergonomische Sitzpolster ein paar seiner physiologischen Wunder einbüßt. Ich wollte nur klarstellen, dass das die Uniform war, in der ich New York verteidigt habe – wie so ziemlich alles andere auch.“

„Ich wollte es heute noch einmal zum Schlafen anziehen“, gestand ich. „Aber das ist schon ziemlich cool …“

„Nicht wahr? Ich kann dir ein anderes Shirt geben.“ Tony setzte eine blanke Pause. „Oder du siehst hier um die Ecke nach, scheint ein ganzer Kleiderschrank voll Zeug zu sein …“

„Das ist auch ziemlich cool.“ Ich schnippte gegen den Aufdruck eines niedlichen Kätzchens, das er im Moment unter seinem Sakko trug.

„Jupp, und ziemlich vergriffen. Steht nicht zur Wahl.“ Er blinzelte. „Je länger ich darüber nachdenke, desto weniger möchte ich den Secondhandladen in meinen eigenen vier Wänden eröffnen. War eine Schnapsidee, vergessen wir’s.“

Ich hob das T-Shirt. „Dann kann ich das hier morgen in die Schule anziehen?“

Tony blinzelte langsam.

Mit schwach gehobenen Mundwinkeln warf ich es ihm zu. „War ein Witz.“

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Tony fuhr nicht sofort.

Als er eine gute Viertelstunde später noch einmal in meinem Zimmer vorbeisah und ein hohes Glas mit einer dichten Haube Milchschaum neben mir abstellte, sah ich knapp dankend auf. Ich hatte gerade ein wenig in den Groove zurückgefunden, zumindest ein paar mathematische Ausdrücke zu faktorisieren, ohne dabei nach Strich und Faden in jede einzelne Falle zu tappen, in die mich meine schwindelnd wechselnde Konzentration erschreckenderweise trieb.

„Was ist das?“, fragte ich.

„Caramel Latte.“

Verhalten schielte ich zur Uhr. „Jetzt noch?“

„Entkoffeiniert.“ Er hob eine Braue. „Hätte nicht gedacht, dass es mal nützlich wird, aber Peppers alte Tricks zahlen sich aus. Ich hatte einen Verdacht, wo sie die Kaffeebohnen versteckt …“

Ich machte einen vorsichtigen Schluck. Es war süß und behaglich warm. „Schmeckt gut“, murmelte ich.

Meine Hand um das warme Glas gelegt, sah ich ihm nach, als er mein Zimmer mit der knappen Versicherung verließ, in spätestens zwei Stunden wieder daheim und bis dahin durchgehend erreichbar zu sein.

Eine lange Weile brütete ich weiter über meinen Mathenotizen, dann stand ich auf, schritt zu meiner Nachtkommode herüber, öffnete die mittlere Schublade und zog das kleine, gestärkte Hotelnotizblatt hervor, das ich erst vor wenigen Wochen zusammen mit Howard Starks Diamantenarmband aus den Archivkisten des Brooklyn Projekts mitgehen lassen hatte.

Kisten, die voller Notizen über ein Serum gewesen waren und nach denen Steve und Sam gesucht hatten, um potentiell verbliebene Hydra-Labore ausfindig zu machen, wie ich mich nun klopfenden Herzens entsann. Ich wusste noch, dass ich dieses Stück Papier abseits aller anderen Projektunterlagen in einer beistehenden kleinen Schachtel auf der Rückseite eines Bilderrahmens entdeckt hatte.

Die Notiz mochte rein zufällig in die so viel privatere Schachtel unter Bilderrahmen und exorbitant teurem Schmuck gelangt sein, aber plötzlich überkam mich ein summender Verdacht.

Howard Starks geschwungene Handschrift prangte sacht verblichen auf dem Papier; eine konsequente und ungebrochene Schreibschrift, voll engstehender Lettern und Bögen.

Vibranium Hyperakkumulator

Metallion?

Meine Erinnerung täuschte mich nicht, realisierte ich, als ich meinen Blick erneut auf das abgedruckte Logo des Carlton Hotels richtete, aus dessen Notizblock dieses Blatt gerissen schien. Washington D.C., estd. 1988.

Anscheinend hatte er diese Gedanken irgendwann zwischen 1988 und seinem Tod zu Papier gebracht. 1991, das Jahr, in dem Barnes ihn und Maria Stark ermordet hatte, um an das rekonstruierte Supersoldatenserum zu gelangen, wie ich seit heute Nachmittag bitterlich genau wusste.

Dumpf beunruhigt kehrte ich zu meinem Schreibtisch zurück, schob meine Matheunterlagen beiseite, klappte meinen Laptop auf und begann geistesabwesend zu googeln.

… erstmals in 1939 in Afrika vom US-amerikanischen Unternehmen Stark Industries entdeckt … gilt in fester Masse als nahezu unzerstörbares Element … stärker, stabiler und leichter als Stahl … absorbiert Vibrationen … lenkt kinetische Energie ab … seltenstes Metall der Erde … der breiten Bevölkerung besonders bekannt geworden durch Captain Americas Schild …

Ich überflog Artikel nach Artikel, stockte, wann immer der Name Stark inmitten eines Absatzes erschien, und ließ meine Augen über jegliche sich wiederholenden Begrifflichkeiten im Zusammenhang mit Vibranium springen, bis sich jede Information nur noch zu wiederholen schien. Es waren nicht viele.

Ich grübelte.

Kurz erwog ich FRIDAY ins Boot zu holen und die so viel umfangreicheren und differenzierteren Suchen zu verwenden, die sie mit Tonys autorisierender ID auch auf unzählige internationale Forschungs- und Behördendatenbanken auszuweiten vermochte, verwarf den Gedanken aber sofort wieder.

Stattdessen öffnete ich einen neuen Tab und gab das Wort Hyperakkumulator ein.

… Pflanzen, die in Böden mit hohen Konzentrationen von Metall-Ionen gedeihen, diese mit den Wurzeln aufnehmen und auf zellulärer Ebene anreichern … gezielt eingesetzt, um Metalle aus kontaminiertem Erdreich zu extrahieren …

In meinen Ohren begann es zu summen.

Metallion? , murmelte mein Verstand. Mein Großvater hatte elektrisch geladene Vibranium-Moleküle für die potentielle Antwort auf etwas gehalten und sogar einen Weg gefunden, dieses ungeheuer seltene Metall in genau dem Zustand abzuschürfen, in dem es noch nicht seine nahezu unzerstörbare Struktur besaß.

Mein Blick sprang zurück auf das abgedruckte Hotellogo.

1988.

Brooklyn Projekt. Steve.

Mir wurde schummrig.

Ich hielt womöglich das fehlende Puzzleteil des Supersoldatenserums in den Händen, das nicht einmal Tony kannte, begriff ich in sich kribbelnd aufbäumender Gewissheit.

Die Antwort, die meine Großeltern getötet hatte und nach der dutzende Geheimdienste und Militärlabore der Welt bis heute suchten.

Lautlos klappte ich meinen Laptop zu.

Ich stierte auf das ergraute Papier.

Er hat es notiert.

Und das nicht in einer geheimen Projektdatei oder einem Entwurf für einen wissenschaftlichen Fachartikel, nein, auf einem Stück Papier, das in einer Schachtel mit Diamanten und einem nostalgischen Foto von ihm und Steve Rogers gelandet war, in die nur eine Person nach seinem Tod geblickt hätte, wenn diese nicht sämtliche seiner Hinterlassenschaften samt und sonders in ein Lagerhaus verbracht hätte.

Tony.

Der Welt bedeuteten diese drei Worte scheinbar alles, denn sie hatte ihm alles hierfür genommen.

Und vielleicht nahm ich den Zettel deshalb und riss ihn unversehens in winzige Fetzen, ehe ich starr aus meinem Zimmer schritt, mir stockenden Atems unseren Kaminanzünder schnappte, die Schnipsel tränenwütend in die Küchenspüle warf und sie in schierer Totenstille zu Asche verbrannte.

Musik:

Bitter Sweet Symphony - The Verve

Majesty - Apashe ft. Wasiu

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Schlussbemerkung: Wie ihr es gewohnt seid, gibt es natürlich auch für Teil I von Kehrwert eine Playlist, die durch diesen abgeschlossenen ersten Akt trägt – für alle, die Freude hieran haben mögen oder das ganze Geschehen noch einmal sacken lassen möchten:

Kehrwert – Side A auf Spotify