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Montagsblues

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Montagsblues

Teil II

ZULETZT

Kapitel 28: Montagsblues

Meine Nervosität erhob sich, als ich die Spülmaschine schloss, meine lose Strickjacke richtete und zur Uhr sah.

Happy war spät dran. Eigentlich hatte ich gehofft, meine unvermeidliche Entschuldigung bezüglich meiner unrühmlichen Barrikade und Flucht aus dem Ritz-Carlton nicht ausgerechnet vom Rücksitz unseres Wagens aus vortragen zu müssen, aber im Moment sah es nicht danach aus, als bliebe noch allzu viel Zeit ihn ein paar Minuten früher abzugreifen, wenn ich nicht direkt an meinem ersten Tag zurück an der Midtown heillos verspätet eintreffen wollte.

Stumm betrachtete ich die vier kleinen Cupcakes, die ich gestern Abend noch gebacken, mit unordentlichen Portionen Schokocreme verziert und anschließend in den Kühlschrank verfrachtet hatte. Während ich zwei von ihnen widerwillig in eine kleine Box übersiedelte, die ich Happy nun wohl am Wagen überreichen würde, beließ ich die zwei verbliebenen auf ihrem Teller und machte mich auf die Suche nach Tony.

Seine Schlafzimmertür stand offen, doch als ich hineinspähte, war nichts von ihm zu sehen. Die soeben aufgegangene Sonne verbreitete ein friedvoll dünnes Licht.

Müde zögerte ich. „Tony?“

„Hier hinten“, schallte es unaufgeregt zurück.

Er stellte einen dunklen Tiegel auf die marmorne Anrichte und wischte sich Creme von der Oberkante seiner Braue, als ich um die Ecke vor die offene Tür seines Bads trat.

„Fertig?“, erkundigte er sich und griff nach einem beiliegenden Tupfer.

Ich nickte.

Obwohl der Großteil seiner violetten Blutergüsse bereits hinreichend abgedeckt schien, korrigierte er nochmal nach, ehe er ihn schon zielgerichtet beiseite in den Abfall schnippte.

Nachdenklich nahm ich den geöffneten Tiegel zur Hand, betrachtete kurz das Etikett und roch an der Creme. Eine sanft herbe Note lag über ansonsten vollendeter Geruchslosigkeit.

Beruhigend, befand ich, aber vielleicht auch bloß, weil Tonys frisch aufgelegtes Parfum meine Geruchsrezeptoren streifte, als er an mir vorbeigriff und ein paar seiner verbliebenen Rasierutensilien einsammelte. „ Umm , Happy ist spät dran …“, informierte ich.

„Richtig ...“ Er fuhr sich übers untere Augenlid, eindeutig genauso müde wie ich, und richtete sein T-Shirt. „Hatte ich vergessen zu erwähnen: Er fragte gestern Abend, ob es in Ordnung sei, dich heute nur zu fahren und sich aus dem restlichen Geschäft auszuklinken. War eine lange Woche, also habe ich ihm gleich den ganzen Tag freigegeben.“ Unaufgeregt schritt er an mir vorbei in Richtung Ankleidezimmer. „Morgen muss ich nach D.C., aber für heute kein Problem. Ich fahre dich und hole dich später wieder ab.“

„Oh.“ Nicht ganz sicher, ob ich mich darüber freute oder nicht vielmehr die unweigerliche Aufmerksamkeit scheute, die Tonys leibhaftiges Erscheinen vor meiner Schule zweifellos mit sich bringen würde, zögerte ich. Ich stellte den Tiegel wieder ab, schloss ihn und folgte ihm bedächtig durch die Regalreihen. „Ich hatte Cupcakes gemacht …“

„Trifft sich ausgezeichnet, ich habe noch nichts gegessen.“

„Du frühstückst nicht.“

Er warf sich eine dunkle Jacke über. „Eine maßlos überspitzte Darstellung der Fakten, die ich hiermit entschieden dementiere“, befand er, schritt zur nächsten Schublade herüber und griff sich eine seiner unzähligen hellgetönten Sonnenbrillen aus dem samtverkleideten Fach. „Ich esse, wenn mir danach ist.“

„Ja, wenn du die ganze Nacht durchgearbeitet hast und glaubst, wir essen zu Abend .“

„Her mit den Cupcakes.“

Ich verdrehte die Augen. „Zwei waren sowieso für dich. Sie stehen unten.“ Ich schluckte. „Ich dachte, du willst sie vielleicht später in die Werkstatt mitnehmen.“

Er schmunzelte.

„Es war ein Blech für vier“, murmelte ich. „Zwei waren über.“

Anscheinend wussten wir beide, dass ich uns nichts vorzumachen brauchte und ich sie sehr bewusst für ihn zurückgestellt hatte, denn sein beiläufiges Lächeln schien nur noch etwas selbstzufriedener.

Seufzend machte ich kehrt, stieg wieder die Treppen hinab und verfrachtete Happys Box zurück in den Kühlschrank. Als Tony mir nachfolgte, zog ich gerade meine eigene Jacke über und schulterte meinen Rucksack.

„Hast du diese hier zwischendurch fallen gelassen?“, bemerkte er mit viel zu unterhaltenem Blick auf das unordentlich gespachtelte Schokofrosting.

„Wer weiß?“, brummte ich und stopfte mein StarkPhone in meine Jackentasche.

Feixend küsste Tony meinen Hinterkopf und schob mich auch schon voran in Richtung Lift. Als wir wenige Minuten später auf das Parkdeck hinaustraten und er erschreckend zielstrebig auf seinen nahestehenden orangefarbenem Audi R8 zuhielt, stoppte ich mitten im Schritt.

„Nein.“

„Ja“, konterte er blank. „Komm schon. Rein mit dir.“

Unliebsame Erinnerungen an den Nachmittag im Frühjahr holten mich für einen Sekundenbruchteil wieder ein, an dem er mich blamabel offensichtlich in exakt demselben Wagen aus der Bosworth High abgeholt und damit die Katze unserer Verwandtschaft für alle Welt sichtbar aus dem Sack gelassen hatte.

Ich ließ meinen Rucksack sinken. „ Da d.“

Tony ließ sich gar nicht beirren und verschwand bereits hinters Lenkrad.

Unwillig folgte ich ihm zur Beifahrerseite und stieg ein, wenn auch mit einem betont frustrierten Blick, der ihn nur herzlich unbeeindruckt die Elektronik anwerfen ließ.

„Du fährst mich nie wieder“, brummte ich und schnallte mich widerwillig an.

„Unwahrscheinlich.“

Mit einem Satz verließ er den Stellplatz, manövrierte zum Ausgang und kurvte gewohnt beherzt das Parkhaus hinab, bis wir auch schon in den dichten Verkehr des Manhattaner Oktobermorgens hinausrollten.

„Für den Heimweg ruf ich einen Uber.“

„Versuch’s und schau, was passiert.“

Tonys tiefenentspanntes Grinsen blieb unberührt, aber etwas in mir erinnerte sich unversehens wieder viel zu genau der zumindest in meinen Augen immer noch irre hohen Kosten, die meine verbotene Fahrt zum Flughafen Leipzig-Halle erst vor wenigen Tagen verursacht hatte, und irgendetwas in mir verlor die missvergnügte Gleichgültigkeit, um mit ihm weiter in den trocken witzelnden Schlagabtausch für etwas zu gehen, dessen schlechtes Gewissen noch so lebendig in mir wummerte und von dem wir beide ohnehin wussten, dass ich es vorerst kein zweites Mal über mich bringen würde, es überhaupt zu erwägen, wenn ich auch nur einen Funken Hoffnung nährte, dem Caretaker Protokoll in nächster Zukunft jemals wieder zu entfliehen.

Eine Weile stierten wir im einmütigen Schweigen aus dem Fenster, Tony mit aufmerksam sinnendem Blick voran auf die stockende 2nd Avenue und ich mit abwesend hierhin und dorthin schweifender Beiläufigkeit über Gebäude, Werbeplanen, Menschen und Verkehr, bis es jäh nur noch die hellen Kacheln des unsäglich gelb beleuchteten Queens-Midtown Tunnels waren, die uns umgaben.

Ich sah auf die Uhr unseres Bordmonitors. Wir waren spät dran, aber es schien nicht unmöglich, dass ich es tatsächlich noch pünktlich in den Unterricht schaffte, sofern sich in den nächsten Minuten keine dramatisch unvorhergesehene Vollsperrung vor uns ereignete, die selbst FRIDAYs erfolgversprechendster Routenführung einen Strich durch die Rechnung machte.

Sehr zum Leidwesen unseres grollenden Sportwagens drosselte Tony das Tempo, als es sich vor uns endgültig zu stauen begann. Seine Hand strich das Lenkrad zur Seite hinab, als er auch schon einen knappen Blick zu mir herüberwarf. „Es ist vor ein paar Minuten eine Pressemitteilung der Avengers erschienen“, ließ er mich wissen. „Das Außenministerium veröffentlicht ebenfalls in den nächsten Minuten.“

Ich sah ihn an.

„In beiden Erklärungen steht nicht wirklich viel drin“, fuhr er fort. „Das Ganze ist mehr ein grober Umriss: Dass es am Wochenende im Zuge des Einsatzes am Flughafen Leipzig-Halle in der Tat zur Verhaftung einiger Avengers gekommen ist, ein gewisser Oberst Helmut Zemo von uns als Hauptverantwortlicher des UN-Attentats erfolgreich identifiziert und festgesetzt werden konnte und wir die laufende Fahndung nach Steve Rogers, James Buchanan Barnes und Natasha Romanoff, wie auch die baldige Ratifizierung des Sokovia Abkommens ausdrücklich unterstützen. Es sollte fürs Erste genug Fakten schaffen, um durch den Tag zu kommen. Falls du heute zu diesen Sachen belagert wirst, verweis auf die Mitteilung-“

Ich nickte langsam. „Steht auch etwas über Sibirien drin?“

„Nein, abgesehen von Zemo, bestätigt es nur, was eigentlich schon das halbe Wochenende durch die Nachrichten gegeistert ist. Sibirien ist eine andere Angelegenheit. Das lief unter dem Radar. Das ist Verschlusssache, okay?“ Er spähte bedächtig zwischen mir und dem vor uns liegenden Tunnel hin und her. „Du weißt hiervon, Sola. Aber nicht einmal Ross oder die CIA wissen bisher im Detail, wie es zu Zemos Verhaftung kam … oder was sonst noch geschehen ist ...“

„Okay“, murmelte ich mit umgehend dichtem Kloß im Hals. „Ich will sowieso nicht darüber sprechen.“

„Wenn jemand nach Berlin oder Leipzig fragt, sag ihnen, dass das Team sich in zwei Lager aufgespaltet hat. Eine Seite wurde straffällig, als sie Barnes entgegen unserer Abstimmung mit dem Außenministerium zur Flucht verhalf, um Zemo zu ködern. Mehr weißt du nicht. Was nicht bekannt ist, erwähnst du nicht. Niemand wird danach fragen.“

Wieder nickte ich bloß.

Als wir das Tageslicht auf der anderen Seite des East Rivers erreichten, holte ich Luft, brach aber gleich wieder ab.

„Was?“ Tony schien meine grübelnden Reaktionen minutiös zu verfolgen.

„Du sagtest vorhin, dass du morgen nach D.C. musst.“

„Zur Nachbesprechung und zur weiteren Abstimmung, ja.“ Er atmete aus und umgriff das Lenkrad eine Spur bestimmter. „Ich bin morgen früh für eine kurze Anhörung beim UN-Sicherheitsrat, ehe das Abkommen ratifiziert wird. Anschließend fliege ich nach D.C., um dort … ein paar Gespräche zu führen. Das sind größtenteils Debriefings und wenn alles vorbei ist und alle Seiten genug Dokumente geschwärzt haben, um sich involviert genug zu fühlen, überlege ich mir, wie es weitergeht.“

Ich schluckte. „Mit Iron Man?“

„Mit allem.“

Er sah mich nicht an, aber das knapp unterstreichende Zucken seines Kopfes ließ keinen Zweifel daran, dass ihn schlagartig gut einhundert gute Gründe fluteten, weshalb diese Thematik nicht in einer Autofahrt zur Schule unterzubringen war. Der vollendet kurzbündige Ernst seiner Stimme ließ meinen Magen flattern.

Trotz seiner Worte schien es nicht, als sei es etwas, über das er sich derzeit noch schwer den Kopf zerbrach, nein, es klang abgeklärt, ernüchtert und entzaubert. Als sei alles hieran eigentlich nur noch eine Frage schlichter Akzeptanz; eine Entscheidung, die er bereits lange, lange früher getroffen hatte, ohne es recht wahrhaben zu wollen.

Auf der Frontscheibe begannen sich winzige Nieseltropfen abzusetzen. Der Himmel schien zerrissen zwischen einzelnen trüben Wolkenschleiern und fahlweißer Leere.

„Dad, ich-“

„Ich bekomme das hin“, unterbrach er mich zärtlich klar. „Und ich löse das hier, versprochen. Mach dir keinen Kopf.“ Tony bedachte mich mit einem Blick, dem ich innig zu vertrauen gelernt hatte, so sehr mich auch die schiere Ungewissheit all dessen besorgte.

Wir ließen den Seitenkanal des Newton Creek hinter uns. Der Long Island Expressway blieb dicht befahren, doch der Verkehr löste sich genug, um Tony wieder etwas beschleunigen zu lassen, sodass wir schlussendlich in einem seicht angezogenen Tempo verblieben, das uns beide merklich entlasteter stimmte.

Die Baumwipfel des vorbeiziehenden Calvary Cemetery hatten große Teile ihres vorher satten Grüns eingebüßt und trugen nun unzählige gelbe, braune und rostfarbene Tupfer und Farbkränze, wie ich bemerkte, als ich wiederholt aus dem Fenster sah.

Der Oktober schritt voran und mit ihm mein zweiter Herbst in New York.

Ich wusste, der bunte Farbwechsel würde nicht lange anhalten. Anders als in Nashua hielt das farbenfrohe Laub dieser Stadt dem Wetter und dem Verkehr nicht lange stand.

„Warum warst du gestern Abend noch in Queens?“, fragte ich nach einer kurzen Weile friedfertiger Stille. Nachdenklich friemelte ich an der Schnalle meines Rucksacks, denn ich hatte einen Verdacht, schon seit Tony am späten Abend zurückgekehrt war und den genauen Hintergrund seiner Spritztour nicht weiter aufgegriffen hatte. Queens war schließlich in jüngster Zeit – abgesehen von meiner Wenigkeit – nur aufgrund einer anderen Person weltweit viral gegangen. „Hast du mit Spider-Man gesprochen?“

„Jupp.“

Die Tatsache, dass Tony gar kein Geheimnis daraus machte, sondern es vollkommen gleichmütig bestätigte, als hatte ich mich nicht erst wenige Tage zuvor viel zu weit auf dieses Terrain vorgewagt und damit sämtliche Ansprüche verspielt noch irgendeine aktuelle Aussage aus ihm herauszubekommen, ermutigte mich gerade weit genug, um verhalten nachzuhaken: „Ist er jetzt ein Avenger?“

„Sagen wir, er hat es auf die Kandidatenliste geschafft.“ Tony hielt inne. „Und auch das ist nichts Offizielles.“

„Topsecret, klar …“, murmelte ich. „Heißt das … Stellt ihr euch neu auf?“

Noch als ich fragte, wusste ich selbst nicht einmal, wer ihr überhaupt sein sollte.

Es gab kein ihr mehr.

Es gab nur noch ihn und Rhodey, letzterer jedoch so schwer verletzt, dass ich ihn nicht wirklich hinzuzählen konnte. Nicht für den Moment.

Was ist mit den anderen? , wallte es schon wieder sacht krampfend in mir auf. Was wird aus ihnen? Aus Clint und Nat? Und Sam? Wo steckte Vision?

Hatten sie es alle gewusst oder bloß Steve? Hatten sie gewusst, was Barnes Tony angetan hatte? Hatten sie sich am Flughafen wissentlich vor den Mörder meiner Großeltern gestellt? Hatten sie uns wirklich alle --- verraten?

Erst, als ich Tony sprechen bemerkte, realisierte ich, dass ich ihm gar nicht zuhörte. Er sah zu mir, brach ernüchtert ab und runzelte die Stirn.

Ich murmelte irgendetwas, das sich wie eine Entschuldigung anhörte, während er in undefinierbare Stille versank. „Weißt du noch, was ich vor ein paar Wochen zu dir sagte?“, setzte er unversehens von Neuem an. „Vor deinem ersten Tag?“

„An der Midtown?“ Die Schwere in meiner Brust wollte nicht schwinden.

„Ja, nachdem wir das ganze Konzept noch einmal durchgegangen sind, jedes Szenario, was sagte ich da?“

Ich zögerte. „Dass wir jetzt ein Team sind.“

Er ließ es für einen Moment so stehen. „Und was sagte ich noch?“

Betroffen stierte ich auf die schwarze Sportarmatur des Wagens. „Du sagtest, mein Dad ist ein Superheld“, wiederholte ich gesenkt. „Was ziemlich cool sei.“

Tony nickte. „Das wird es wieder.“

-/_\-

Der befürchtete Pulk aus lauernden Fotografen und mikrofonbewaffneter Journalisten umlagerte die Eingangsstufen meiner Schule, so sehr ich auch auf das Wunder gehofft hatte, eine erfolgversprechendere Story – der Stromausfall in Kew Gardens oder ein neueröffnetes Franchise – habe sie vielleicht bis zu meinem Eintreffen einen Block weiter gelockt.

Und obwohl jeder von ihnen bloß auf gut Glück hier erschienen sein konnte, da niemand mit Sicherheit hätte sagen können, ob ich heute wirklich wieder zur Schule ging, kam die kleine Menge ungemein bestätigt in die Gänge, kaum dass sich unsere orangefarbene Sportkarosserie am Straßenhorizont abzeichnete.

Es nieselte nicht einmal mehr, bemerkte ich vage frustriert, als ich ihr auflebendes Gewusel mit Unbehagen beobachtete, das eine ganze Schar gerade eintreffender Schüler auseinandertrieb, die sich umgehend ebenfalls nach unserem herannahenden Wagen umsah.

Der Verdacht, dass Tony jedoch ganz bewusst vor meiner Schule hatte gesehen werden wollen , überkam mich erst, als er regelrecht befriedigt vor den Eingangsstufen des Gebäudes hielt und noch einmal so punktgenau und aufmerksamkeitsheischend zurücksetzte, dass sich die Reportermenge augenblicklich vor meiner Beifahrertür teilte wie das Rote Meer vor Moses.

Ich regte mich nicht.

Ein paar Fotografen bemühten sich bereits uns durch die Frontscheibe abzulichten und zwei mir völlig unbekannte Mitschüler, die direkt vor uns die Straße überquerten, stießen sich an, kaum dass sie Tony hinter dem Lenkrad erkannten. Sie winkten uns zu und Tony Stark beantwortete es mit perfektioniert aufgesetzter Gelassenheit, die mich für eine Sekunde aggressiv neidisch machte.

„Soll ich sie beschäftigen?“, fragte er, seine Stimme so viel vernünftiger, als es seine äußerliche Charmeoffensive erahnen ließ.

Still seufzend schnallte ich mich ab. „Nein, klappt schon.“

„Sicher?“

Ich nickte. Einen Moment zögerte ich in sachter Hoffnung, dass er den Wink, mich wenigstens kurz zu drücken, vielleicht ganz wortlos verstand.

Er tat es nicht.

Ernüchtert biss ich mir in die Wange und griff meinen Rucksack.

Tony beobachtete mich. Seine gehobenen Mundwinkel betrogen den aufmerksam ernsten Schimmer seiner Pupillen, als ich mich bis später verabschiedete und er mir herzlich trocken viel Spaß wünschte, ohne FRIDAY oder das Caretaker Protokoll noch einmal zu erwähnen.

Kaum, dass ich die Beifahrertür aufstieß, radierte Blitzlicht meine Netzhaut aus.

Während ich meinen Rucksack über meine Schulter warf, die Autotür wieder hinter mir zudrückte und mit einem gequälten Lächeln durch das lärmende Stimmengewirr auf die Eingangstreppe zuhielt, zwang ich mich, nicht die geringste Miene zu verziehen.

Vielleicht war es gut, dass ich kaum eine einzige der unzähligen Fragen verstand, die mich wie eine tosende Welle umspülten. Einige Worte fielen um mich herum wie im Stakkato – Berlin, Haftbefehl, Wochenende, Avengers, Statement, Deutschland, Zemo, Anklage, Captain America, Flucht, Zeugen, Absturz, Barnes, Landesverrat, Außenminister Ross, der Winter Soldier, Ritz-Carlton, Iron Man, Ihr Vater, zurück, was, wie, weshalb, dort --- Miss Stark Waters?!

Meine Ohren klingelten, als ich die rettenden Stufen erreichte, an meinen starrenden Mitschülern vorbeimarschierte und im dagegen so viel weißerem Lärm der Eingangshalle meiner High School abtauchte.

Eine kleine selbstgebaute Drohne surrte über meinem Kopf hinweg, vielleicht das Unterrichtsprojekt eines Mitschülers, während ich mich, ohne auch nur kurz innezuhalten, durch die plappernde, johlende und angesichts meiner Rückkehr hier und da aufgeregt tuschelnde Menge hindurchschlängelte und den Hauptkorridor hinab auf meinen Spind zuhielt.

Ein Iron Man-Sticker mit deutlich ausgeixten Augen klebte darauf. Kurz brachte es mich aus dem Konzept, dann durchfloss mich auch schon prickelndes Unbehagen.

„Keine Ahnung, wer das war“, bemerkte eine schleppende Stimme zu meiner Rechten. Ich wandte den Kopf. Jason Ionello nickte beiläufig zu dem Sticker und öffnete seinen eigenen Spind unter so ruckelndem Scheppern, dass man annehmen könnte, es koste ihn seine halbe Kraft. „Freitag war das noch nicht da.“

Vage nickte ich und entschied, es vorerst nicht weiter zu beachten. Ich schloss meinen Spind auf, setzte meinen Rucksack ab und sah wieder zu ihm. „Moderiert Betty heute alleine?“

„Hm?“

„Die Midtown News?“

Ein schuldbewusstes Grinsen kroch über seine Miene. „Ja, hab’s nicht früher aus dem Bett geschafft … Aber sag’s ihr nicht. Sie denkt, ich habe noch für Mandarin gelernt.“

„Schreibt ihr einen Test?“

„Nein … Eigentlich nie. Nur falls Betty fragt.“

Müde grinste ich, während ich Bücher, Collegeblock und Stifte aus meinem Rucksack sammelte und übereinanderstapelte. In unserem Rücken begann es sich auffällig zu knubbeln. Drei mir völlig unbekannte Mädchen sanken neben mir an den Spind und sahen mich mit erwartungsvoll abwartenden Augen an. Es schien die Fluraufsicht nicht zu kümmern, die mit sichtlich abwesendem Blick angestrengt über sämtliche Köpfe hinwegstierte.

„Also …“, erkundigte sich Jason betont leichthin. „Du warst in Deutschland, ja?“

„ Umm , ja, sorry, ich muss noch ins Sekretariat …“ Es ließ ihn bloß nicken, während ich schon meine Jacke in den Spind warf und die Tür schloss. „Lass uns … später reden, okay?“

„Klar.“

„Cool.“

Ich ließ Jason stehen, schob mich durch die uns umgebende Menge, die sich sichtlich bemühte, nicht allzu enttäuscht dreinzusehen, und entschwand in Richtung Schulverwaltung.

Dort angekommen nahm ich erleichtert zur Kenntnis, dass sich der Andrang heute Morgen durchaus in Grenzen hielt.

Ein paar Minuten stand ich bloß da und wartete, während unser Vertrauenslehrer Mr. Flannigan im Büro des Schulleiters verschwand und sich ein älterer Schüler vor mir ausgiebig über eine völlig ungerechtfertigte Abwesenheitseintragung seines Klassenlehrers während eines Schulausflugs zu Hammer Industries ausließ, was ihm weder die Sekretariatsangestellte, noch ich angesichts seines aufgesetzt fassungslosen Tonfalls so recht abnahmen, dann kehrte auch schon unsere Sekretariatsleiterin Mrs. Salzer zurück, die mich bereits an meinem ersten Tag an der Midtown willkommen geheißen hatte, und nickte mich geschäftig zum anderen Empfangspult herüber.

Noch während sie einen gewaltigen Stapel Blankoformulare auf ihrem Tisch ablud, sah sie zu mir auf. „Entschuldige bitte, jemand hat sich vergangene Woche einen Scherz erlaubt und die Formulare vor Mr. Flannigans Büro gegen ein paar äußerst unangebrachte Exemplare ausgetauscht.“

Ich spähte zu dem frisch ausgedruckten Stapel zurück. Die Gedanken sind frei , prangte es groß darüber. Dein anonymes Klemmbrett . Es gab ein Feld für Beschwerden, eines für Geständnisse, ein weiteres für Fragen, wie auch eine vollkommen nicht-kategorisierte Spalte für Dinge, die einem generell gerade so durch den Kopf gingen. Abgesehen von einer freiwilligen Option, die eigene Jahrgangsstufe neben seinem Anliegen zu vermerken, war nichts weiter drauf.

Der Junge neben mir grunzte, machte auf dem Absatz kehrt und marschierte wütend davon. Kopfschüttelnd sah die dunkelhaarige Sekretärin zu uns herüber und kehrte zu ihrem Schreibtisch zurück.

Mrs. Salzer lächelte gnädig. „Also gut, Herzchen, was darf ich richten?“

„Ich habe ein Entschuldigungsformular“, erklärte ich und zog es aus meinem Collegeblock hervor. Als ich es ihr herüberschob und ihr aufmerksamer Blick Tonys Eintragungen und Unterschrift überflog und nachdenklich innehielt, kaum dass sie das ominös nichtssagende Begründungsfeld mit dem mehr als bescheidenen Vermerk Vertraulich streifte, setzte ich verhalten nach: „Mein Dad sagte, das sei so abgesprochen. In meiner Akte steht etwas dazu.“

Sie nickte, wechselte zum nächsten Bildschirm herüber, tippte rasch und überflog eine Datei. „Richtig, es existiert hierfür eine Sonderklausel in deinem Schulvertrag. Mr. Morita hat es persönlich abgezeichnet. Alles bestens.“ Ein paar Sekunden sah ich sie nur weiter tippen und alles Notwendige erfassen, wie schon nach Tonys Vortrag am MIT, während ich ungeduldig auf der Stelle scharrte, dann nahm sie das Formular auf und verschwand in einen Nebenraum.

Verhalten spähte ich zur Uhr.

Noch sieben Minuten. Ich seufzte still.

Als Mrs. Salzer zurückkehrte, hielt sie Blätter in der Hand, die sie mir geschäftig vorlegte und nach denen ich sofort griff, ohne sie noch ganz anzusehen. „Das hier sind ausgeteilte Arbeitsblätter, deine Liste verpasster Unterrichtsinhalte und dein Nachschreibetermin für die Mathearbeit.“

Ich stockte und stierte auf das oberste Blatt. Sacht verblüfft sah ich wieder zu ihr auf. „Gleich heute?“

„16:50 Uhr, direkt im Anschluss an den normalen Stundenplan. Das ist Teil der Schulordnung, Nachschreibetermine sind unverzüglich zu vergeben. Der Raum ist hier notiert. Ich habe dich der Prüflingsliste hinzugefügt. Aufsicht über die Nachschreiber führt heute Mr. Dell.“

„Okay“, murmelte ich.

„Es ist verbindlich“, mahnte sie. „Wenn du im Laufe des Tages krank wirst oder ein anderer Grund vorliegt, weshalb du heute doch nicht zum Nachschreiben erscheinen kannst, muss dies bis 16:45 Uhr von einem Erziehungsberechtigten oder eingetragenen Notfallkontakt im Sekretariat gemeldet werden, ansonsten wird die Arbeit wegen Nichterscheinens mit Note F gewertet und es gibt keinen weiteren Nachschreibetermin.“

Ich nickte. „Ja, nein --- passt schon …“

Sie wünschte mir viel Glück und ich bedankte mich still und packte die Zettel in meinen Collegeblock. „ Umm , da ist noch etwas …“, begann ich widerstrebend, gerade als sie sich wieder ihrem Bildschirm zuwandte.

Sie kehrte zu mir zurück. „Ja?“

„An meinem Spind … Jemand hat einen Sticker darauf geklebt.“

„Etwas Unangebrachtes oder Beleidigendes, ja?“

Ich schluckte. „Na ja, wahrscheinlich ist es eine Art Scherz wegen … der Sachen in den Nachrichten, aber …“ Ich ließ den Satz unvollständig verkümmern, während mich erneut sachtes Unbehagen und ein seltsam betäubender Nachhall der Schrecken des Wochenendes durchströmten.

Wortlos nahm Mrs. Salzer einen Kugelschreiber zur Hand und notierte etwas auf einem kleinen Notizblock.

„Ich gebe der Gebäudeverwaltung Bescheid“, versprach sie. „Sie sieht es sich an und kümmert sich darum. Was genau ist es?“

„Ein Iron-Man-Sticker.“ Ich zögerte. „Er ist bekritzelt. Jemand hat seine Augen ausgekreuzt.“

Ihre Lippen wurden schmaler. „Hast du einen Verdacht, wer dahintersteckt?“

Ich verneinte.

„Okay, falls sich so etwas wiederholt oder du das Gefühl bekommst, es könnte mehr als nur ein dummer Scherz sein, gehe gerne auf Mr. Flannigan zu. Er ist sehr diskret.“

Ich bejahte und bedankte mich noch einmal.

Als ich kurz darauf zu meiner Klassenstunde trottete, sann ich weiter nach, doch ohne Ergebnis. Ich kannte meine Mitschüler erst ein paar Wochen, doch zumindest in meiner eigenen Stufe verdächtigte ich niemanden.

Schnell bat ich FRIDAY Tony Bescheid zu geben, dass ich heute Nachmittag meine Mathearbeit nachschreiben würde und er mich aus diesem Grund später denn geplant abholen musste, eilte die letzten paar Meter im schnellen Trott über das quietschende Linoleum und schob mich knapp vier Minuten zu spät durch die Klassentür.

Mr. Harrington schien gerade dabei, die allgemeine Anwesenheit zu prüfen. Er sah von seiner Liste auf und schenkte mir ein Lächeln, kaum dass ich die Tür hinter mir zuzog. „Sola – wie schön, du bist zurück!“

„Morgen, Sir.“ Noch im Vorbeigehen reichte ich ihm den schmalen Schein, der mich von Sekretariatsseite für meine Verspätung entschuldigte, ehe ich mich auch schon am nächstbesten freien Tisch der ersten Reihe niederließ, um den gebannten Blicken all meiner Mitschüler auszuweichen, die sich allesamt aus ihrer dösenden Apathie und den giggelnden Zwiegesprächen gelöst hatten, kaum dass ich durch die Tür getreten war.

Eine Weile sortierte ich bloß meine Sachen, legte StarkPhone, Bücher, Block und Stifte auf meiner knapp begrenzten Tischplatte ab, während Mr. Harrington erfreut verkündete, dass wir heute in der Tat vollzählig waren, und diesen schieren Zufall wie etwas klingen ließ, das ihn persönlich akut optimistisch stimmte.

Peter sah vom Fenster zu mir herüber. Finster wich ich seinem Blick aus.

Er musste ebenfalls spät dran gewesen sein, wenn es ihn nach ganz vorne verschlagen hatte, mutmaßte ich, doch erst im zweiten Moment begriff ich, dass auch er den Freitag, an dem er in Happys Schlepptau in Berlin erschienen war, vom Unterricht freigestellt worden sein musste und vermutlich ganz wie ich selbst bereits einen frühen Umweg über das Sekretariat hinter sich hatte.

Seit er mein Frühstück mit Tony im Ritz-Carlton so unversehens gesprengt und ich meiner wildesten Verschwörungstheorie Luft gemacht und ihn einen rehäugigen Drogenbaron geheißen hatte, waren wir uns nicht mehr über den Weg gelaufen. Ich wusste nicht einmal, was genau es war, was er als Tonys neuer Praktikant zu erledigen gehabt hatte, das es erforderlich gemacht hatte, ihn uns nach Deutschland nachreisen zu lassen.

Eventuell waren es Botengänge ins JCTC gewesen, aber auch das erschien mir unfassbar unwahrscheinlich – nicht nur, weil Peter als Praktikant bei SI geführt wurde, sondern weil ich mir bei bestem Willen nicht vorstellen konnte, dass Tony einen x-beliebigen Fünfzehnjährigen zu seinem internationalen Iron Man-Sprachrohr ernannte, wenn er mich nicht einmal an der Oberfläche seiner Unternehmungen kratzen ließ.

Die Geschäfte von Stark Industries erstreckten sich über die ganze Welt, erinnerte ich mich. Und Tony jonglierte nahezu täglich mit dutzenden Verantwortungen und Projekten, die er sich selbst erkoren hatte. Vermutlich hatte er in Berlin nicht nur versucht, die Avengers zu retten und Barnes festzunehmen, sondern nebenher gleich noch ein paar interessante Start-Ups unter die Lupe genommen, um sie Pepper nach seiner Rückkehr aus Deutschland zum Aufkauf auf den Schreibtisch zu legen.

Der Frust und die bitterböse Enttäuschung, die mich übermannt hatten, kaum dass ich verstanden hatte, was Peter Parkers eigentliches Interesse all die Zeit an mir gewesen sein musste, raunte unverändert in mir auf.

Vielleicht hatte er es sich erarbeitet, ja. Aber er hatte mich belogen. Oder vielleicht gar noch Schlimmeres, wenn ich mich entsann, wie Tony sich erst vor wenigen Wochen explizit nach ihm bei mir erkundigt hatte …

Peter hatte mich benutzt .

Mr. Harrington rieb sich das Ohr und sah auf ein neues Blatt Papier. „Mr. Morita bat uns euch alle darüber zu informieren, dass es auch dieses Jahr einen Kostümwettbewerb an Halloween geben wird, bei dem die ersten beiden Plätze mit jeweils zwei Broadway-Tickets für eine Aufführung des Musicals Skyscrapers am Thanksgiving-Wochenende prämiert werden. Wer am Wettbewerb teilnehmen will, soll sich am besagten Tag im Laufe der Mittagspause in der Aula für ein Foto-“

„Wurde Sola nicht während der Skyscrapers-Premiere von einem Fotografen attackiert?“, unterbrach Flash Thompson ungezwungen.

„Sie hat ihm gesagt, er soll sich ficken“, korrigierte Seymour O’Reilly mit so vermeintlicher Gewissheit, dass es ein paar meiner Mitschüler kurz prusten und andere schockiert ausatmen ließ.

Genervt wandte ich den Kopf. „Das stimmt nicht. Ich sagte-“

„Bitte! Bitte “, unterbrach Mr. Harrington. „Das war es ganz entschieden nicht, worauf ich hinauswollte.“

„Sie hat ihm die Kamera aus der Hand geschlagen, oder?“, ergänzte Charles Murphy, als falle es ihm plötzlich wieder siedend heiß ein, während ihm zeitgleich zu entfallen schien, dass ich immer noch mit im Raum saß.

„Sein Smartphone“, korrigierte ich. „Es ist ihm runtergefallen. Wir sind aus Versehen … zusammengestoßen.“ Er hat von Mum gesprochen und Pepper mit ihr verglichen. Er hatte mitten in meine klaffende Wunde gegriffen und ich hatte Worte ausgesprochen, die ich nicht hatte zurücknehmen können. Dutzende Artikel und Talkshows hatten sich mit meiner verbalen Entgleisung beschäftigt und mir frisch erwachte Starallüren unterstellt, Erin war an meiner tiefen Beschämung in unserer gemeinsamen Aufarbeitung des Medien-Backlashs fast verzweifelt und ich hatte endgültig begriffen, was es bedeutete, dass die ganze Welt jeden Moment meines Tuns von jetzt an für immer verfolgte und bewertete.

„Aber das Musical ist preisgekrönt“, warf Mr. Harrington bereits wieder ein, wie um das Thema auf unverfängliche Gefilde zurückzuführen. „Vielleicht willst du uns etwas erzählen?“

„ Ja , hast du die Avengers in Berlin gegeneinander kämpfen sehen?“, warf Abraham Brown unvermittelt dazwischen und sofort hörte der ganze Raum auf zu rascheln. „Warst du da, als sie aufeinander losgegangen sind?“

Ich stockte. „Nein.“

„Natürlich nicht“, beendete Mr. Harrington, nun so deutlich seufzend, dass sich fast alle wieder frustriert zurücklehnten. „Ich bin sicher, Mr. Stark hat alle erforderlichen Vorkehrungen getroffen, um Sola abseits dieser Ereignisse sicher unterzubringen.“

Knapp sah ich aus dem Augenwinkel zu Peter herüber, denn ich war mir nicht sicher, wie viel er von den sich überschlagenden Geschehnissen schlussendlich überhaupt mitbekommen hatte, doch ich konnte nicht erkennen, ob ihm bewusst war, dass ich log, denn er sah bloß gedankenverloren auf seine Hände hinab und nicht länger zu mir herüber.

Wusste er von meinem selbstmörderischen Interventionsversuch? Oder wie wütend Tony im Nachgang auf mich gewesen war?

Völlig egal , wisperte etwas in mir. Seine Tante hatte ganz sicher eine Verschwiegenheitserklärung unterschreiben müssen. Tony hatte ihn bestimmt nicht zu uns nach Berlin geholt, ohne dass Happy ihm nicht zuvor die gesamte rechtliche Litanei in sämtlichen Belangen der Avengers wie auch unseres Privatlebens noch einmal vorgebetet hatte, um jedes drohende PR-Desaster bereits vorab zu verhindern.

„Worüber wir jedoch unbedingt sprechen sollten “, holte Mr. Harrington schon Luft, bemüht die allgemeine Aufmerksamkeit zurückzuerlangen, „ist Peters jüngste Aufnahme ins Stipendienprogramm der September Foundation. Herzlichen Glückwunsch, Peter!“

Die Klasse stockte, dann brandete auch schon verhaltener, teils verwirrt höflicher Applaus auf.

„Ja, wirklich beeindruckend“, bekräftigte Mr. Harrington. „Insbesondere, weil es noch dazu mit einer begehrten Praktikumsstelle bei Stark Industries einhergeht, nicht wahr? Peter, möchtest du uns etwas darüber erzählen?“

„Parker hat ein Praktikum bei SI?“, echauffierte sich Flash, ehe dieser noch ganz reagieren konnte. „Seit wann das?“

Angesichts seines herzlich anklagenden Tonfalls schien sich Peter wieder zu fangen. „Seit … kurzem.“

„Seit Anfang letzter Woche“, berichtigte ich still.

„Ja …“ Er sah zu mir herüber, ohne mich wirklich anzusehen. „Na ja, es hat erst jetzt so richtig begonnen.“

Beinahe jeder im Klassenraum blinzelte, doch Ned tat mir am meisten leid. Er schien absolut und unfassbar verwirrt. Sein Mund stand offen, unterbrochen in einer Frage, die er nie aussprach.

Wenigstens war ich nicht die Einzige, die nicht die leiseste Ahnung gehabt zu haben schien, entschied ich karg, während ich mich zwang eine absolut neutrale und blanke Miene zu wahren.

„Nur zu, Peter“, ermutigte Mr. Harrington, „erzähl uns etwas vom Stark Betriebspraktikumsseminar, an dem du am Wochenende teilnehmen durftest. Es war sicher sehr lehrreich, ich möchte nicht sagen aufregend .“

Peter schien unbehaglich zumute. „Das - … ja, ähm , das war es --- ich meine, das würde ich gerne, Sir.“ Er hob reumütig die Brauen. „Aber ehrlich gesagt, kann ich gar nicht viel dazu sagen …“

„Betriebsgeheimnis“, stöhnte Jason im enttäuschten Singsang. Er nahm sein Smartphone wieder auf, das er kurzzeitig beiseitegelegt hatte.

„Ja“, bestätigte Peter und wies auf ihn. „Genau, es gibt … Geheimhaltungsklauseln und so einen Kram. Echt --- ernste Konsequenzen, wenn man dagegen verstößt. Ich könnte den Praktikumsplatz verlieren. Mr. Stark könnte mich verklagen-“

Flash prustete leise und verdrehte die Augen, als sei alles daran eine absolut abwegige Vorstellung. „ Mr. Stark , ja, aber genau …“, brummte er.

„Und ich verstehe das absolut“, beeilte sich Peter nachzuwerfen, als er rasch zu mir sah. Diesmal sah er mich tatsächlich an. „Ich meine, ich bin wirklich dankbar, diese Chance zu haben. Es ist --- absolut großartig. Ich habe nicht vor, es … irgendwie zu ruinieren.“

Da ich spürte, wie die Blicke meiner Mitschüler wiederholt zwischen uns hin und her schweiften, anscheinend langsam auf den Trichter gekommen, dass Peter das Stipendium vielleicht gar nicht so unvermutet erhalten haben mochte, spähte ich auf mein StarkPhone und hoffte, dass sie es als unbeteiligte Langeweile und nicht als den angespannt kalten Frust deuten würden, der es tatsächlich war.

Peter verstummte und Mr. Harrington ergriff wieder das Wort. Er unterstrich sein absolutes Verständnis und entschuldigte sich für sein enthusiastisches Vorpreschen. Da ich mein StarkPhone bereits in der Hand hielt, sprang ich schnell in meine Chats ab, doch FRIDAY machte mir prompt einen Strich durch die Rechnung, ermahnte mich freundlich meinem Unterricht zu folgen und verwies mich für alles weitere auf die kommende Pause.

Erneut festigte es nur meine Überzeugung, dass das Caretaker Protokoll ihr sämtlichen Charme raubte, und ich beschloss, zukünftig noch etwas freundlicher zu Dum-E zu sein.

Er folgte wenigstens dem richtigen Spirit.

-/_\-

Ich hatte MJ nicht bemerkt, bis ich im Sportunterricht unversehens über sie fiel.

Verborgen hinter hohen Kästen und einer dicken Sportmatte hockte sie auf dem Boden und blätterte gelangweilt durch ein Überlebenshandbuch, gerade als ich entschied eine weniger beliebte Abzweigung in Coach Wilsons Parcours zugunsten erkennbarer Wettkampfmentalität zu nehmen, indem ich mich der Reck-Sprungbrett-Kombo näherte, um welche alle anderen einen unmotiviert weiten Bogen über den Hürdenlauf machten.

Der Absprung gelang mir mit Grazie. Doch auf der gegenüberliegenden Seite fiel ich MJ direkt vor die Füße, als ich, unversehens von der bereits jahrelang durchmalträtierten Matte aus der Balance gebracht, auf dem linken Knie wegbrach.

„Hi“, keuchte ich und brachte mich sofort wieder in die Senkrechte.

„Die Route macht keinen Unterschied“, ließ sie mich wissen, während sie kaum von ihrem Buch aufsah. „Coach Wilson bewertet bloß, ob man es über die Ziellinie schafft.“

„Ah, okay …“ Umgehend deutlich demotivierter nickte ich. „Machst du nicht weiter?“

„Ich sage ihm später, dass ich hinter Parker reingekommen bin. Funktioniert immer.“

Ich spähte zu unseren Mitschülern in gelben Shorts und blauen Trikots, die sich gerade in einer unübersichtlichen Menge vor den Seilen zu knubbeln begannen, die meine eingeschlagene Route nicht länger vorsah. Coach Wilson sah wenig beeindruckt auf seine Armbanduhr.

Auch Peter ließ seinen Blick im plaudernden Getümmel schweifen. Trotz aller Menschen um ihn herum wirkte er verlassen.

Ich zögerte, dann nickte ich MJ zu und joggte zum finalen Basketballkorb weiter, an dem ich im Duell gegen Abraham den gnadenlos Kürzeren zog, was mich an den Anfang unseres Parcours zurückführte, an dem Ned gerade darauf wartete, sich erneut im Slalomdribbeln beweisen zu können.

„Oh, hi“, gluckste er. „Auch wieder hier?“

„Abe ...“

„Ja“, seufzte Ned, „er macht sie alle rein.“

Wir schwiegen einen Moment, uns anscheinend gleichzeitig seines schwärmerischen Tons auffällig bewusst, dann sah er schon wieder seicht begeistert zu mir. „Jason sagte in der Umkleide, dein Dad hätte dich heute persönlich zur Schule gebracht. Auf dem Flur spricht jeder davon.“

„ Umm , ja. Happy hat sich frei genommen.“ Ich zögerte und fing einen sacht klebrigen Basketball ab, den Charles mir, am Ende des Slaloms angelangt, zuwarf. „Er war fast die ganze Woche mit uns unterwegs …“

Und ja, ich hoffte, dass es wirklich nur daran lag und nichts damit zu tun hatte, dass Happy nach meinem kleinkriminellen Ausbruchsplan und der misslungenen Verfolgungsjagd durch halb Deutschland die Nase voll von mir hatte. Denn das konnten zwei Cupcakes vom Vortag bestimmt nicht richten, da machte ich mir nichts vor.

Ned stierte verträumt in die Ferne. „So cool …“

„Es war nicht halb so cool, wie es klingt“, brummte ich, ehe ich es mir verkneifen konnte. „Eigentlich war es ziemlich beschissen.“

Sofort sah er bedröppelt drein. „Oh, das meinte ich nicht. Nicht, dass sie gegeneinander gekämpft haben und du dabei warst --- Also, nicht dabei dabei, das nicht, aber … du weißt schon, eben dort , als familiärer Anhang, geistig und emotional involviert.“ Er stoppte, vielleicht weil er meine sacht grauer werdende Miene bemerkte. „Okay, und das soll nicht heißen“, beeilte er sich, „dass das cool war. Dieser Streit wegen des Abkommens und dass sie verhaftet wurden … Das alles ist bestimmt richtig mies.“

„Jupp.“

„Ich meinte eigentlich, dass dein Dad dich fährt“, stellte er begeistert heraus. „Obwohl er --- na ja, er ist. Das ist … sau cool.“

„Ja“, murmelte ich.

„Man könnte meinen, er hätte besseres zu tun, was?“ Sein breites Grinsen zerlief. „Okay, ich weiß echt nicht, warum das alles ständig so falsch klingt.“

Wir begannen zu dribbeln. Für den Rest der Stunde verblieb ich bei Ned. Wir unterhielten uns und arbeiteten uns zeitgleich gemächlich bis zur Ziellinie vor, bis Coach Wilson die Stunde abpfiff und uns alle geradezu erleichtert in die Umkleiden zurückbeorderte.

Wieder auf dem Schulkorridor holte ich Ned auf dem Weg in die Mittagspause an seinem Spind ein und erkundigte mich schließlich ganz unverblümt, ob er irgendwelche Ratschläge für meine Mathearbeit hatte. Nicht, weil ich wirklich Sorge hatte, heute Nachmittag auf Probleme zu stoßen, sondern ganz einfach, weil ich noch kein wirkliches Gespür für die Prüfungsstandards der Midtown hatte und es mir nun doch eine gewisse Nervosität bescherte, nun gleich in die waschechte Feuertaufe meiner neuen High School zu treten.

Es würde meine erste Arbeit an dieser Schule sein und das ausgerechnet heute, da ich immer noch mit gut Dreiviertel meines Geistes sämtliche Augenblicke des schockierenden Wochenendes durchkaute. Tonys Worte vom Vorabend schossen mir durch den Kopf, sein Rat mir noch einen Tag frei zu nehmen, um alles Erlebte zu verdauen, den ich nun rückblickend vielleicht doch viel zu prompt beiseitegeschoben hatte.

Mathe war eine sichere Nummer, versicherte ich mir. Etwas, das ich wirklich nie verbockte.

Vor Berlin hatte ich mich geradezu darauf gefreut. Und erst gestern Abend hatte ich mich noch darin geflüchtet.

Aber die jähe Nervosität keimte.

Vielleicht war es ein Nachhall meines unleugbaren Fehlstarts an der Bosworth High, als meine fachlichen Bewertungen im Frühjahr brachial abgestürzt waren und mich nahezu nichts aus der trauernden Apathie hatte lösen können, um dem entgegen zu wirken. Etwas, das mir immer noch wie ein kleiner, einschneidender Schock in den Knochen saß, so verständnisvoll Pepper und Tony auch dabei geholfen hatten, mich Schritt für Schritt wieder auf Kurs zu bringen.

Inzwischen lag nun in etwa dieselbe Zeit an der Midtown hinter mir wie damals an der Bosworth und irgendetwas in mir lauerte auf den erneuten Absturz nach dem so vielversprechenden Neuanfang.

Aber vielleicht war es auch bloß der Zugzwang, der immer noch wisperte, dass ich nun, da Tony meinem Drängen nachgegeben und meinen erneuten Schulwechsel in die Wege geleitet hatte, auch endlich liefern musste; in den Naturwissenschaften am allermeisten, schon um zu beweisen, dass ich niemandem etwas vormachte – weder ihm, noch mir selbst.

Es war bestimmt nicht der Gedanke, dass ich nun eine Stark war, nein, eigentlich schon immer , und die ganze Welt es wusste und ich nicht an so etwas wirklich Banalem wie einer Mathearbeit der zehnten Klasse scheitern durfte, wenn ich mich nicht grundsätzlich bis auf die Knochen blamieren wollte.

„Es werden andere Aufgaben sein“, versicherte Ned mir. „Mrs. Winterhalter verwendet keine Arbeit zweimal.“ Voller Ernst senkte er die Stimme. „Was du auf keinen Fall machen solltest, ist irgendetwas undeutlich aufzuschreiben. Sobald ihr Zweifel an einer Zahl oder einem Graphen kommen, zieht sie brutal Punkte ab. Charles hat fünfzehn Prozent in den Jahresendprüfungen verloren, weil sie meinte, seine Achten erinnerten an Dreien. Seine Eltern waren mit ihm bei Mr. Morita und haben sich beschwert, aber es hat nichts gebracht.“

Aufmerksam nickte ich. „Okay, nicht kritzeln. Ist abgespeichert. Noch irgendetwas?“

„Die Aufgaben sind echt machbar. Aber bei Multiple Choice-Fragen verteilt sie Minuspunkte, wenn du das Falsche ankreuzt. Da ist sie irre streng.“

Aus seinem Rücken näherte sich Peter. Kaum, dass ich ihn bemerkte, dankte ich Ned rasch und schritt in Richtung meines eigenen Spinds weiter.

Ich sah aus dem Augenwinkel, wie sie zu sprechen begannen. Peter schien ihm etwas zu erklären. Er rieb sich reumütig den Nacken, während Ned nickte und schließlich die Achseln hob und etwas antwortete, das mir betont locker vorkam. Als ihre Blicke sich trafen, schienen beide Seiten ungemein erleichtert, ehe sie schon beiläufig zu mir herübersahen und ich mich endgültig meinem Spind zuwandte.

Der Iron Man-Sticker war inzwischen beseitigt worden, wie ich erleichtert registrierte. Schnell verstaute ich meine Sachen und machte mich mit den restlichen Schülerfluten auf zur Schulmensa.

-/_\-

Da ich MJ erneut nirgends ausmachen konnte, gesellte ich mich mit meinem Essen zu Jason, Seymour und Betty, die mich begeistert hinzuwinkten, kaum dass ich auf sie zuhielt.

Schon kurz darauf schien unser Tisch der überfüllteste der gesamten Halle.

Ich schaffte es kaum, an den Beistehenden vorbei zu sehen oder irgendetwas anderes zu vernehmen als Flashs nasal prustendes Lachen, klapperndes und klirrendes Besteck und Seymours gelegentliches Gackern und Stöhnen, während sie mich mit so auffällig gesenkten Fragen nach Berlin, Steve Rogers Verrat, den Avengers-Verhaftungen und dem Winter Soldier löcherten, als interessierten sie sich für einen nicht-jugendfreien Splatterfilm, den ich als einziger am Tisch bislang gesehen hatte.

Ich tat, was Tony gesagt hatte.

Ich bestätigte, was die Nachrichten ohnehin schon berichteten, schmückte es hier und da mit etwas nüchternem Detail aus und zuckte bei allem Weiteren bloß scheinbar überfragt die Achseln.

Keiner von ihnen schien sonderlich froh, dass es die Avengers nicht mehr gab, was ich leise für mich als weiteren Hinweis darauf verbuchte, dass niemand aus meinem Jahrgang hinter dem Sticker steckte, auch wenn ich das Gefühl hatte, dass sie die Ereignisse insgesamt eher für einen sich bald klärenden Skandal als ein wirklich irreparables Zerwürfnis hielten. Denn für sie waren die Avengers eigentlich nichts anderes als eine extrem coole Rockband, wusste ich, in der sich alljährlich irgendwelche Dramen vollzogen, die für einige Aufschreie sorgten, ehe sie einen ihrer Schlagzeuger auswechselten und ihren nächsten großen Welthit landeten. Selbst, wenn sie sagten, dass es sie nicht mehr geben würde, kamen sie doch für ein weiteres letztes Comeback zurück. Und das zuverlässig und unverändert unter tosendem Applaus.

Meine Gedanken begannen zu kreisen, während Flash und Betty zu spekulieren und einander ins Wort zu fallen begannen.

Ich dachte an Mathe. Ich dachte an das Raft inmitten sich türmender Wellenberge. Und ich dachte an Clint.

Während unseres Sommers in Malibu hatte er nachmittags hin und wieder mit Cooper zusammengesessen, um ihm in Algebra zu helfen, damit er an seiner neuen Schule einen besseren Start haben würde als zuletzt. Daphne und ich hatten ihnen immer mal wieder über die Schulter gesehen und Coup im Vorbeigehen den Lösungsweg zugehustet, bis Clint uns falsch belustigt empfohlen hatte, uns besser mit Kalibern unserer Größe anzulegen.

Für eine Weile hatte es uns vertrieben, aber nicht für sehr lange. Als Clint mich ein paar Tage später wiederholt dabei aufgegriffen hatte, Cooper die Antworten diesmal von der Couch aus zu simsen, und er mir im Vorbeigehen in leichtem Singsang „Zweiter Strike“ ins Ohr gesummt hatte, hatte ich Daphne endgültig davon überzeugt, uns besser wieder mit Harley und Lila an meinen Kickertisch zu begeben.

Beim darauffolgenden Abendessen hatte Cooper uns zu einwandfrei zertifizierten Schissern erklärt. Aber Clint hatte mehr als zufrieden geschienen und das war es in meinen Augen irgendwie wert gewesen.

Ich liebte Clint und hatte es nicht auf die Spitze treiben wollen, nicht einmal im Scherz.

Obwohl es mir nun mit meiner Aktion am Flughafen zweifellos doch gelungen war.

Mein schlechtes Gewissen kehrte zurück und es nagte.

Ich sagte Betty und den anderen, dass ich noch etwas erledigen musste, griff mir mein Tablett, brachte es zur Abgabe und verließ die Mensa.

Obwohl es draußen schon wieder ein wenig nieselte, holte ich meine Kiwibeeren aus dem Spind und verschwand mit ihnen auf den heute nur mäßig belebten Schulhof.

Ohne irgendjemanden bewusst anzusehen, lief ich den gepflasterten Weg rund um die grün wuchernden Grasflächen herab, auf denen lediglich ein paar Jungs einer Baseball-Wurfübung nachgingen, nickte jedem hoffnungsvoll geäußerten Hi -Chor im Vorbeigehen knapp zu und warf einen schnellen Blick auf meine Nachrichten. Tony hatte meine Bitte, mich wegen meiner Nachschreibearbeit eine Stunde später abzuholen, mit einem simplen Daumenhoch beantwortet, während Jessy im Chat Team Irongirl gerade feierlich von Sid und Daphne für eine im Kunstunterricht eingereichte Plastik geroastet wurde, die weniger nach einer Neuinterpretation der drei Affen und mehr nach einem Gruppen-LSD-Trip aussah, wie ich leider nur unterschreiben konnte.

Kleine, gelbe Blätter sammelten sich im feuchten Rinnstein. Unter einem kleinen Vordach sank ich auf einen trockenen Mauervorsprung, aß meine süßen Kiwibeeren und schrieb letztlich mit Elijah, der sich erkundigte, wie ich so durch den Morgen gekommen war.

Die Presse nervt , antwortete ich, aber in der Schule alles okay.

Anscheinend hatte es Tonys Eintreffen vor der Midtown High gerade noch rechtzeitig in die morgendlichen Klatsch-Rubriken geschafft, denn online wurde er gerade als Superdad of the Day zelebriert, wie Elijah mich mit einem Link wissen ließ, den er von Hana erhalten hatte.

Hana Dime, die Tony und sämtliche Avengers nicht ausstehen konnte, wie ich seit unserer Begegnung im MetLife Stadion in Erinnerung hatte.

Dumpfer Unmut regte sich in mir. Ich zwang mich, nicht darüber nachzugrübeln, in welchem säuerlichen Kontext sie es ihm ausgerechnet nach diesem für Superhelden-Kritiker triumphalen Wochenende geschickt haben mochte, und ließ ihn bloß wissen, dass Happy sich freigenommen hatte und Tony mich deshalb heute persönlich kutschierte.

Was absolut keine Selbstverständlichkeit war, wurde ich mir nochmal bewusster. Dass Tony sich vors Lenkrad setzte, um mich zur Schule zu fahren, mochte nach simplem Alltag klingen, aber Ned hatte recht, für uns war es das nicht, er war Tony Stark --- und für mich war es ein Beweis, dass ich nun tatsächlich, so abwegig es mir immer noch erschien, an erster Stelle für ihn kam.

Mum hatte nicht daran geglaubt, murmelte etwas in mir. Sie dachte, wenn er sich entscheiden muss, wenn es hart auf hart kommt ---

Lässt er mich im Heli zurück.

Peppers sprachlos vorwurfsvolle Miene holte mich wieder ein. Irgendwie machte es die Tatsache nur realer – diese Erkenntnis, dass Tony nach unserem Zwischenstopp im Raft alles auf Spiel gesetzt hatte, dass er es wirklich riskiert hatte, mich --- zurückzulassen .

In meiner Brust begann es zu wummern. Er hat sich entschuldigt , erinnerte ich mich schwer. Tony hatte nicht geglaubt, alleine dazustehen. Er hatte sich auf Steve verlassen, er hatte ihm vertraut , wie auch ich es getan hatte, in Leipzig, als ich mitten auf ein Schlachtfeld hinausgerannt war, vollkommen überzeugt, dass Steve uns beide nie , niemals, derart verletzen könnte.

Tony hatte mich nicht kopflos zurückgelassen und mit seinem Leben gepokert.

Nein, er war verraten worden – von dem einen Mann, auf den wirklich jeder vertraut hätte.

-/_\-

Im Spanischunterricht traf ich wieder auf Peter.

Da die meisten Tische bereits besetzt waren, als ich unseren Kursraum erreichte, blieb mir nichts anderes übrig, als mich widerstrebend auf meinem gewohnten Platz niederzulassen. Unsere beiden Einzeltische, nur durch einen schmalen Gang getrennt, machten es nahezu unmöglich einander zu ignorieren; erst recht, als Señor de Souza uns bat, mit unserem Tischnachbarn einen Dialog zu führen und Peter mich ansah, als täte es ihm persönlich am allermeisten Leid, dass unserem Lehrer derartig gesellige Ideen kamen.

Ich gab mich vollkommen unbeeindruckt und marschierte betont nüchtern durch den gewünschten Dialog, während Peter in sehr viel ausgereifterem, wenn auch zurückhaltendem Spanisch antwortete und ganz davon absah, mich in irgendeiner Weise zu korrigieren – was eine Leistung für sich war, da ich zweifellos einen sprachlichen Fauxpas nach dem nächsten beging.

Er wich meinem Blick aus und ich tat es ihm gleich, auch wenn ich wusste, dass meine Miene um Welten unterkühlter blieb. Peter schien unbehaglich zumute, denn irgendwann ließ er den Dialog still auslaufen. Wir endeten lange vor allen anderen und stierten schweigend in unsere Bücher, bis es zur nächsten Stunde klingelte.

Als ich meine Sachen griff und mich erhob, räusperte Peter sich. „Ich habe Mr. Stark gestern noch ein paar Notizen mitgegeben. Aus Konstruktionslehre, von letztem Donnerstag. Hatte ich in Berlin vergessen … Wir wurden derselben Gruppe zugeteilt, aber wenn du lieber-“

Ich erstarrte. „Du warst gestern noch bei uns im Tower?“

„Was?“ Peter blinzelte. „Im Avengers Tower? Nein --- nein. Happy hat mich gestern Abend heimgefahren, du weißt schon, nachdem wir gelandet sind … Mr. Stark kam am Flughafen dazu.“ Mein heillos verwirrter Blick musste ihn nervös machen, denn er beeilte sich: „Sie haben mich zu Hause abgesetzt und sind danach weiter. Schätze, es lag irgendwie auf dem Weg ... Mr. Stark war bestimmt nicht wegen mir da oder so etwas.“ Er lachte beunruhigt. „Das wäre … verrückt.“

„Ja“, stimmte ich tonlos zu.

„Jedenfalls --- also, wegen der Notizen … falls er sie dir schon gegeben haben sollte-“

„Du warst es, oder?“, unterbrach ich.

Peter erstarrte. Er zögerte diesen verräterischen Sekundenbruchteil, den ich immer bloß für generelle Verlegenheit gehalten hatte. „H m ?“

„Spider-Man“, raunte ich, während etwas in mir sacht zu begreifen begann. „ Du warst das.“

Er regte sich nicht, schluckte bloß. Sein Kehlkopf sprang.

Der Kursraum um uns herum hatte sich geleert. Wir waren alleine, umgeben von einer sauberen Aufreihung verwaister Tische und Stühle, aber plötzlich fühlte ich mich so viel verlassener, als es irgendein leerer Raum auch nur ansatzweise darzustellen vermochte.

„Du hast Tony von ihm erzählt, habe ich recht?“, wiederholte ich still.

Peter schien überfordert. „Mr. Stark?“

„Du hast ihm von Spider-Man erzählt. Ich meine --- …“ Ich brach ab. „Ich habe es auch , schon vor Monaten, aber er hat überhaupt nicht mehr davon gesprochen, bis --- bis plötzlich in Berlin.“ Ausgerechnet in derselben Woche, in der Peter sein Praktikum begonnen hatte, warf mein Verstand sofort nach. Peter, der sich Spider-Man-Clips sogar im Unterricht ansah, der wie er aus Queens stamm und gestern Abend noch gemeinsam mit Tony und Happy unterwegs gewesen war …

Es war nicht wegen mir , realisierte ich. Tony hatte Spider-Man nicht für die Avengers angeworben, bloß weil ich darüber gescherzt hatte, dass er es tun könnte. Es schien plötzlich so absurd, dass ich mich wunderte, wie ich jemals hatte glauben können, dass er und die anderen irgendwelche personellen Entscheidungen für das wichtigste Superheldenteam dieses Planeten einfach aus der reinen Laune heraus treffen könnte, mich zu überraschen.

Aber Peter hatte ihn überzeugt. Er hatte Argumente vorgebracht, die ihn ausreichend beeindruckt haben mussten, um sich diesen lokalen Helden doch nochmal genauer anzusehen. Vielleicht in einem seiner Bewerbungsessays für das Stipendium oder vielleicht auch ganz einfach bei einem zufälligen Treffen auf einer der SI-Etagen nach einer der anspruchsvollen Eignungsprüfungen, die Daphne erspart geblieben waren. Denn, wenn sich jemand mit Spider-Man auskannte, dann war es Peter Parker, dem kein Video und kein Post dieses gemeinnützigen Spinnenheldens entging, davon war ich überzeugt.

Deshalb auch das Praktikum. Deshalb der Ausflug zu uns nach Berlin.

Peter hatte sich seine Aufmerksamkeit im wahrsten Sinne des Wortes verdient .

Doch im Moment hob er bloß schwach die Hände und ließ unversehens die Schultern sacken. „Ich … ich weiß nicht, was ich sagen soll …“, gestand er.

Dichte, irrationale Enttäuschung durchwalzte mich, aber sie hatte nichts mit ihm zu tun und alles mit mir selbst.

„Ja“, sagte ich. Ich schluckte. „Schon klar, ist egal …“

Ich verließ den Raum.

-/_\-

Ich hörte kaum zu, während Mr. Chakrabarty sprach und ans Whiteboard kritzelte.

Meine Hände schrieben wie ferngesteuert mit, notierten Skizzen, Fachbegriffe und jede beispielhafte Codezeile, die irgendwie auf der weißen Fläche vor mir erschien. Bislang war nicht viel Neues dabei gewesen; nichts, das mir nicht bereits Harley in punkto Programmierung schnaufend, prustend und ungeduldig exklamierend eingetrichtert hatte, als ich ihn im Frühling bei seinem Städte-Simulationsprojekt zu unterstützen versucht hatte, was es mir nur noch einfacher machte, in meinem knetenden Wust aus Gedanken zu versacken, die sich weiter und weiter zu vermengen begannen, bis ich nicht einmal mehr wusste, was genau es war, woran ich dachte.

Als es um vier Uhr schließlich zum Ende unseres Technologieunterrichts klingelte, hatte ich fünf Seiten gefüllt und doch keine Ahnung, was dazu wirklich gesagt worden war.

Auf dem Weg hinaus fragte MJ, ob alles in Ordnung sei, denn ich sah aus, als sei mir übel.

Ich versicherte ihr, dass es mir gut ging, und schob es auf meinen Jetlag.

Die verbliebene Selbstlernphase verbrachte ich damit, mich irgendwie auf die Mathearbeit einzustimmen, während MJ schweigend neben mir zeichnete und Entwürfe von Peter zu Papier brachte, die mehr und mehr nach kurzen Cartoons aussahen, in denen er sich immer wieder gezwungen sah, mit den verrücktesten Geheimnissen herauszurücken. Ich blätterte durch meine Matheunterlagen, spähte hin und wieder zu ihrem Block herüber und schmunzelte, sobald klarer wurde, worauf es im nächsten Comic Strip hinauslief.

Als Peter sich im letzten Panel als eingetragener Ehrenbürger von Queens entpuppte, verlor ich kurz die Beherrschung und prustete in meinen abgestandenen Smoothie.

MJ reagierte nicht, sondern schraffierte bloß ausdruckslos weiter, und ich mochte sie für diese trocken inszenierte Theatralik gleich noch ein wenig mehr.

Zwanzig vor fünf schloss sie ihren Block und wünschte mir erstaunlich sanft viel Erfolg. Wir verabschiedeten uns, ehe ich meine Sachen einsammelte, in meinen Spind brachte, mich noch einmal kurz verhalten streckte und einen letzten Blick auf mein StarkPhone warf.

Auch Pepper ließ mich wissen, dass sie mir die Daumen drückte. Sofort wurde mir etwas wärmer ums Herz.

Ich atmete durch und machte mich auf, während sich die Schulflure um mich herum lärmend zu leeren begannen. Eine gute halbe Stunde später gab ich meine Mathearbeit verfrüht ab, mit einem so verblüffend guten Gefühl in der Magengrube, dass ich mir selbst nicht mehr ganz erklären konnte, was die ganze Aufregung vorher zu bedeuten gehabt hatte.

Mr. Dell schien ein wenig überrascht, wünschte mir aber einen schönen Nachmittag, kaum dass er einen beiläufigen Blick über alle säuberlich ausgefüllten Felder hatte schweifen lassen, und entließ mich.

Kaum durch die Tür, stieß ich fast mit Elijah zusammen, der in einer grünweißen Collegejacke an der weißgestrichenen Backsteinwand des Korridors lehnte und von einer Gruppe älterer Mitschülerinnen beobachtet wurde, die sich tuschelnd und giggelnd nach ihm umsahen und Fotos schossen.

Perplex blieb ich stehen.

„Schon fertig?“, wunderte er sich.

Er löste sich von der Mauer.

Ich starrte ihn an. „Was- … Hi .“ Mein Herz beschleunigte überrumpelt wie erfreut seinen Schlag. „Was --- was machst du hier?“

Elijah hob die Achseln. „Nach dir sehen.“

„ Ja , ich meine …“ Ein kurzes, weites Lächeln brach über meine Lippen, während meine Stimme von sanfter Verwirrung durchmischt blieb. „Wow, okay, du bist extra hergekommen? Nach Queens?“

„Du hast geschrieben, dass du wegen dieser Arbeit länger in der Schule bleibst, also dachte ich, ich versuch‘s … Du weißt schon, weil du gerade nicht aus kannst.“ Er hob müde die Mundwinkel. „Gilt nicht für mich, nicht?“

Mein Grinsen weitete sich. „Nein“, stimmte ich zu. „Du läufst nicht einmal raus aufs Spielfeld, wenn die Jets 33-0 hinten stehen.“

Elijah schnaufte amüsiert. Er fasste nach meinem Gesicht und küsste mich sacht, seine Lippen trocken und warm. Ich vernahm, wie die Mädchen in unserem Rücken in seichte Schnappatmung verfielen und nur noch eindringlicher zu tuscheln begannen. Eine von ihnen gab ein versuchshalbes Woo-Hoo von sich, aber keiner von uns beiden beachtete es, als Elijah erneut zur Klassentür nickte.

„Wie lief’s da drin?“

Ich zuckte die Achseln und zog meine lockere Strickjacke zurück über meine Schulter. „Gut.“

„Du warst schnell.“ Er sagte es ganz ohne Wertung, aber ich sah die Bedenken, die sich in seinem Blick bargen.

„Es war Mathe“, erinnerte ich. „Es lief gut. Wirklich.“

Er nickte.

„Woher wusstest du, wo ich bin?“

„Hab mich durchgefragt.“

„Du bist hier reinspaziert und hast dich einfach durchgefragt?“, amüsierte ich mich. „In dieser Jacke?“ Kopfschüttelnd feixte ich. „Du hast Selfies gegeben, oder, Magniconte?“

Elijah hielt unbewegt meinen Blick, begleitet von diesem widerstrebend ertapptem Brummen aus der Körpermitte, das ich so sehr von ihm gewohnt war, wann immer er eingestand, etwas bloß meinetwegen getan zu haben, dass es mich gleich noch etwas glücklicher machte.

„Schlimm“, zog ich ihn weiter auf. „Jetzt wissen alle, dass du dich hier blicken lassen hast. In einer öffentlichen High School.“

„Alles wäre entspannter, wenn du einfach auf mich hören würdest, No-Name .“

„Jupp, dann wäre Tony schon in fünf Minuten da, um mich einzusammeln, und nicht erst …“ Ich spähte auf mein StarkPhone. „… in zwanzig.“

„Wir können dich mitnehmen.“

Ich schnaufte sachte. „Ich glaube, so etwas wertet FRIDAY momentan als Entführung.“

„Nicht, wenn du nachfragst.“ Elijah schob trocken die Brauen zusammen. „Die Option besteht, Stark, weißt du? Dass du einfach mal daheim um Erlaubnis fragst. Dads finden das cool. Vielleicht funktioniert’s bei deinem auch.“

„Ja“, imitierte ich seine Ironie. „Hat gerade echt super Aussichten.“

Mir war klar, dass Tony wohl nicht entgehen würde, dass Elijah die Gelegenheit ergriffen hatte, bei mir vorbeizusehen. Es würde ihn vermutlich sogar unfreiwillig unterhalten, davon zu hören.

Ihn aber gleich heute zu fragen, ob Elijah mich nicht an seiner statt nach Hause fahren konnte, kam mir etwas gewagt vor, nachdem ich bislang so verteufelt gut mit meiner ganzen selbstmörderischen Aktion am Flughafen davongekommen war.

Natürlich hatte ich im Verdacht, dass es hauptsächlich Tonys eigenem schlechten Gewissen verschuldet war, dass mir tatsächlich nichts weiter geblüht war, als die bloße Wiederinkraftsetzung meines ohnehin bereits verhängten Hausarrests in etwas nachgeschärfter Form, aber ich wollte es auch nicht darauf anlegen, ihn seine Reaktion doch noch einmal überdenken zu lassen.

Denn, auch wenn ich insgeheim froh war, dass mir die gewaltige Predigt erspart geblieben war, die er mir vor seinem Abflug nach Sibirien ausführlich zu halten gelobt hatte, wähnte ich mich noch nicht vollends davor sicher.

Lieber wartete ich erst noch diesen Nachmittag ab, ehe ich auch nur darüber nachzudenken begann, nach Schlupflöchern in meinem Hausarrest zu suchen, die Tony irgendwie tolerieren oder als drollig genug befinden mochte, um sie gnädig zu ignorieren.

„Du wärst früher heim“, argumentierte Elijah unbeeindruckt, während wir uns langsam in Bewegung setzten. „Und er könnte umdrehen. Ihr würdet beide Zeit sparen. Ist ein guter Deal. Dein Dad ist schlau.“

„Ja, ist er“, bestätigte ich. „Er hat drei Doktortitel und das ist noch das Langweiligste an ihm.“ Ich setzte eine missmutig beeindruckte Pause, in der ich mir einmal mehr bewusstwurde, wie chancenlos ich dastand, Tony jemals argumentativ zu schlagen. „Ernsthaft, die Urkunden wurden ihm bloß zugesandt , weil er nie die Zeit oder Lust hatte, sie persönlich in Empfang zu nehmen. Steht alles auf Wikipedia in seinem Hundert-Seiten-Artikel. Wer macht so etwas?“

„Jemand, der auf die Meinung anderer nicht viel gibt?“

Ich zögerte, ein wenig überrascht über seine ernsthafte Antwort.

Aber er hatte recht, realisierte ich. Die Erkenntnis kam etwas zu deutlich.

„Eve wartet unten …“, informierte mich Elijah.

„Eve?“, wiederholte ich endgültig verblüfft und riss meine Gedanken von Tony und Pepper und Nat und Clint und wirklich allem los, was mich unweigerlich flutete. „Sie ist auch hier?“

„Sie fährt bei uns mit.“

Dass Eve und Elijah ab und an gemeinsam zur Schule gefahren wurden, wusste ich. Wenn ihnen nach Gesellschaft war oder einer ihrer Fahrer ausfiel, sammelte einer einfach den anderen ein. Ein System, das sich zwischen ihren Familien über Jahre bewährt hatte.

„Als ich vorhin sagte, dass ich nach der Schule noch bei dir vorbeisehen wollte, sagte sie, es sei okay, also sind wir hergekommen.“

„Sie wartet im Wagen?“

„Nein, bei den Schließfächern.“

Widerwillig belustigt hob ich eine Braue. „Sie wartet im Flur ?“

„Sie dachte, dass es vor der Presse vielleicht besser aussähe, wenn wir gemeinsam reingehen.“

Dass all die Journalisten und Fotografen vermutlich immer noch vor den Eingangstüren der Midtown High campierten, hatte ich verdrängt. Unzufrieden entsann ich mich wieder meiner Realität, in der meine bloße Mimik in jedem kurzen Videoausschnitt in hunderten News Rooms auf Hinweise zerlegt wurde, die irgendeinem ihrer sicherlich bereits aufgekommenen Tony Stark opfert die Avengers -Berichte noch etwas mehr emotionales Futter verlieh.

„Schätze, die Mühe hat sich gerade erledigt“, versicherte ich Elijah. Er hatte mich vor meinen Mitschülern geküsst und ich ihn – vermutlich wanderten die ersten Bilder schon durch die mir gewidmeten Fankanäle.

Die News waren draußen. Sola Stark Waters datet Mr. Magnificents Sohn . Das Townhouse der Magnicontes damit das vermutlich nächste hippe Paparazzi-Ausflugsziel.

Vielleicht jedoch nicht unbedingt ein schlechter Zeitpunkt. Mit ein wenig Glück blieb unser Schulflur-Kuss neben Steve Rogers blankem Landesverrat und der Inhaftierung der Avengers doch ein kleines bisschen zu unspektakulär, um es in die staatenweiten Abendrubriken zu schaffen.

Alles hatte seine gute Seite. Wie wahr.

Als spürte Elijah meine jähe Verstimmung, zog er mich näher, ehe wir auch schon die Treppe in die Eingangshalle herabstiegen, in der Eve stillschweigend die wenigen Schüler beobachtete, die noch aus irgendwelchen verspäteten AGs und Nachsitzperioden zu ihren Spinden trotteten und unter hallendem Scheppern und Quietschen ihre Sachen für den Heimweg einsammelten.

Eves kupferroten Locken waren nicht zu übersehen.

Sie hatte ihre Haare geschnitten. Trotz des deutlich helleren Rottons ähnelte es Nats Frisur nun so erstaunlich, dass etwas in mir unweigerlich kurz hoffnungsvoll aufmerkte.

Wir begrüßten einander mit einem gewohnt knappen Hi, ehe ich meinen Rucksack und meine Jacke aus dem Spind holte und sie und Elijah, in Ermangelung einer anderen Idee, in die nun leere Mensa führte, in der die meisten Stühle bereits über den Tischen hingen und eine einzige junge Reinigungskraft gemächlich den Boden hinter der Ausgabetheke wischte. Sie hielt uns den Rücken zugewandt, kleine, weiße Kopfhörer in den Ohren, aus denen ein lautstark aufgedrehter, blecherner Beat schallte.

Wir setzten uns an den einzigen Tisch, dessen Stühle noch nicht hochgestellt waren.

Eve schielte durch den Raum, über die hellen Wandfliesen, langen Tische, standardisierten Deckenleuchten, gewaltigen Aushangtafeln und selbstgemalten Plakate und gelben Banner, die die Wände schmückten und die Midtown Tigers feierten.

Eine Sekunde fragte ich mich, ob sie das erste Mal in einer normalen High School war. Dann machte ich mir wieder bewusst, dass sie das Kind eines New Yorker Senators war und es damit verdammt unwahrscheinlich war, gehörte es doch irgendwie zu jedem guten Wahlkampf dazu, sich mit seiner Familie vor irgendwelchen Schulen und Paraden nahbar und engagiert zu zeigen.

Das trübe späte Nachmittagslicht lag wie ein Schatten auf dem unaufdringlich grauen Linoleum. Irgendetwas daran streckte die Zeit.

Ich begann mit meinem Fuß zu wippen. Die Sohle meiner Boots klickerte sacht gegen mein Stuhlbein.

„Habt ihr gestern noch gesprochen?“, erkundigte sich Elijah, als ich nichts weiter sagte.

Ich wusste, dass er von Tony sprach, und irgendetwas in mir wusste auch, dass dies der eigentliche Grund für sein Auftauchen war: Mein Brief. Unser gestriger Chat.

Die Machtlosigkeit, Iron Mans Kind zu sein.

Elijah beschäftigte nicht einfach bloß, mich die nächsten zwei Wochen nicht leibhaftig zu Gesicht zu bekommen. Wir hatten uns über den Sommer sehr viel länger nicht gesehen und auch viele seiner engsten Freunde lebten verstreut über die ganzen Staaten. Er war es regelrecht gewohnt Menschen zu lieben und sich ihrer Liebe sicher zu wähnen, die er manchmal nur wenige Wochen im Jahr sah.

Ein Zustand, an den ich mich gerade erst gewöhnte.

Aber Elijah war hiermit großgeworden. Mit ständig reisenden und abwesenden Eltern. Mit Fahrern und Bodyguards und einer Welt, die paradox klein genug war, um sämtliche Kontinente in sich zu vereinen und doch nie die Sphären der großen Masse zu kreuzen.

Ich schluckte.

Knapp sah ich zu Eve, die ihren Blick zwischen uns beiden schweifen ließ.

„Ja.“ Ich zögerte. „Er war ganz seltsam drauf und --- ich wollte wissen, was los war. Am Ende hat er es mir gesagt --- und es ist schlimm .“ Ich hielt die Luft an, bemüht eine nüchterne Stimme beizubehalten. „Es ist echt schlimm, okay?“ Ich schluckte schwer. „Sie werden sich nicht vertragen. Niemals.“

Eve sah konzentriert auf die Tischplatte direkt vor mir.

Jemand hatte mit Filzstift einen tollwütigen Bieber darauf gemalt, der die angeschlagene Tischkante abnagte. „Sie sind im Raft, oder?“, sagte sie. „Die Avengers, die verhaftet wurden.“

Ich stockte. Wir lösten unseren Blick zeitgleich von den übergroßen Nagezähnen. „Woher-“

„Mein Dad wurde informiert.“ Sie klang unaussprechlich nüchtern. „Er erfährt so etwas.“

Ich konnte mir vorstellen, mit welcher Genugtuung Senator Boynton diese Nachricht in Wahrheit aufgenommen haben musste, ganz gleich, was für einen faden Beigeschmack es hinterlassen hatte zu hören, dass ausgerechnet Tony Stark die Festnahmen unterstützte und maßgeblich sichergestellt hatte.

„Das Raft ist mies.“ Eve sagte es, als sei es mir nicht ganz klar.

Ich schluckte. „Tony sagte, es ist nicht für lange.“

Sie sah zu Elijah, gerade als mein StarkPhone summte. Ich warf einen Blick drauf, aber blieb abgelenkt von der Art, in der er ihr wortlos zu widersprechen schien.

Sachte Gruben erschienen auf seiner Stirn.

„Er ist da“, ließ ich sie leise wissen und zögerte. „Was ist los?“

Eve seufzte. „Nichts.“

„Doch“, widersprach ich, schlagartig ein ganzes Stück finsterer. „Du wolltest etwas sagen.“

Erneut sah sie zu meinem Freund, diesmal geradewegs vorwurfsvoll. „Es heißt, wer im Raft landet, kommt nicht wieder raus“, rückte sie mit der Sprache raus. „Das ist die Idee dahinter.“

Elijah entließ den Atem.

„Ja, klar, es ist unmöglich dort aus zubrechen, aber das meinte ich nicht“, erwiderte ich. „Sobald sich ihre Anwälte einschalten, werden sie verlegt. Wanda vielleicht nicht- … sie ist übermenschlich, okay, aber zumindest Sam und Clint … Sie werden auf Verhältnismäßigkeit plädieren, sagte Tony.“

Ich brach ab, als ich Eves müden Blick realisierte.

Scheinbar hielt sie mich für unsäglich naiv. Immer noch.

„Sie brauchen die Zellen für wirkliche Bedrohungen“, beharrte ich. Mein StarkPhone vibrierte ein zweites Mal. Ich ignorierte es. „Sie haben das Raft nicht gebaut, um Leute wie Clint dort einzusperren.“

„Sie haben es exakt für solche Leute gebaut, Sola“, widersprach Elijah still. „Es ist ein Gefängnis für Superhelden.“

Mein Kopf fuhr zu ihm herum. „Ja, für Menschen mit Kräften . Menschen wie Wanda.“

Elijah hielt meinen Blick. „Sie können ihn nirgendwo sonst hin verlegen. Und wenn dein Dad etwas anderes behauptet, dann lügt er. Hawkeye hat bereits Jahrzehnte für SHIELD gearbeitet, bevor er ein Avenger war. Er war ihr Sniper, oder nicht?“

Ich starrte ihn an.

„Sola, er hat überall Feinde“, sagte er. „Er hat für SHIELD infiltriert und getötet. Vielleicht sogar Schlimmeres. Wenn sie ihn verlegen – ganz egal wohin – ist er tot.“

-/_\-

Als wir das Schulgebäude kurz darauf verließen, trennten sich unsere Wege bereits auf den Stufen.

Es roch nach Regen und verbranntem Stahl. Auf einer Baustelle der nahen Querstraße arbeitete eine Kreissäge. Ich sah gelbe und blaue Funken auf der sich noch im Rohbau befindlichen zwölften Etage sprühen.

Der Pulk aus Reportern und Fotografen sprach durcheinander und Blitzlicht nahm uns in Angriff, kaum dass wir hinaustraten.

Während ich Tonys orangefarbenen Audi zu unserer Rechten entdeckte, schien Elijahs Fahrer weiter die Straße hinab geparkt zu haben, denn er fuhr an und kam ihm im gemäßigten Tempo entgegen, kaum dass wir uns zeigten.

Ich nickte ihnen noch einmal zu, ein taubes Lächeln auf den Lippen, das Elijah mit stillem Rückhalt beantwortete, ehe uns die Masse verschlang. Wie ferngesteuert lief ich weiter, jedem Instinkt zuwider in die sich nur widerwillig öffnende Menge hinein.

„Miss Stark Waters“, preschte eine übereifrige Brünette vor und ließ mich nahezu innehalten, „hat Jack Magnicontes Sohn Sie in der Schule besucht?“

„ Umm , ja.“

„Sie wurden zuletzt öfters gemeinsam gesehen. Daten Sie einander? Sind Sie ein Paar?“

Ich zwang mich an ihr vorbeizutreten, als das dumpfe Schlagen einer Autotür zu vernehmen war und die Menge auch schon in neue Aufregung versetzt in dieselbe Richtung herumschwappte, in die es mich zog.

„Tony! Mr. Stark. Tony !“, schallte es wild auf. „Würden Sie sagen, die Avengers Initiative ist gescheitert?“

„Würden Sie?“, gab er satt zurück. Ich sah ihn durch das Pressegetümmel auf mich zu halten, seine Schritte entspannt und doch unmissverständlich Raum einfordernd. Ich ließ die Chance nicht verstreichen und beeilte mich, ihm entgegen zu kommen.

„Stehen Sie mit Captain Steve Rogers in Kontakt?“ – „ Wird es noch ein detailliertes Statement zum Ende der Avengers geben? “

Tony blieb stehen, als ich ihn erreichte, und ließ mich an ihm vorbeiziehen, ehe er sich gleich wieder hinter mich setzte und mich zurück zum Wagen geleitete, Kameras, Smartphones und Mikrofone gleichermaßen dichtauf im Nacken.

„Werden Sie der Ratifizierung des Sokovia Abkommens beiwohnen, Mr. Stark?“ – „ Wussten Sie, dass ihre Tochter Jack Magnicontes Sohn datet, Tony? “ – „Können Sie etwas zu den Ereignissen in Deutschland sagen?“ – „ Welche Rolle hat Natasha Romanoff bei der Flucht von Steve Rogers und James Buchanan Barnes wirklich gespielt? “

Tony griff an mir vorbei und öffnete die Beifahrertür.

„ Halten Sie weiterhin am Sokovia Abkommen fest, Mr. Stark? “

„Absolut.“ Seine Antwort fiel so unverblümt aus, dass er den Fragesteller nicht einmal ansehen musste, um keinen Zweifel daran zu lassen, als ich meinen Rucksack abnahm und mich auf den Beifahrersitz flüchtete.

„Was sagen Sie dazu, dass Sie Ihre Tochter zur Nachsitzperiode abholen müssen?“, warf jemand hinterher.

„Dass sie einen chronischen Workaholic zum Vater hat, der es leider nicht pünktlicher hierher geschafft hat.“ Tony schloss meine Tür sehr viel rücksichtsvoller, als sein trocken unbeeindruckter Ton erwarten ließ.

Ich beobachtete, wie er mir den Rücken kehrte und sich ihnen zuwandte. Er wies auf einen der Reporter, wartete seine Frage ab und lieferte eine knappe Antwort, ehe er spontan den nächsten erkor. Beinahe umgehend schien sich die Masse um seine erwartungsvoll, wenngleich ungeduldig postierte Gestalt zu sortieren und sehr viel gebändigter dreinzusehen. Die Aufregung schwoll ab. Begierige Spannung ersetzte sie.

Eine Frage schien sich letztlich seiner Aufmerksamkeit endgültig nicht würdig zu erweisen, denn er beantwortete sie nur mit einem betont missfälligem Blick, dann brach er unversehens das ungezwungene Interview wieder ab, nickte ihnen zu und umrundete den Wagen.

Ein paar Paparazzi folgten ihm, aber die meisten ließen ihn zufrieden ziehen. Ich sah manche von ihnen sogar ein rasches Danke nachrufen. Tony erwiderte etwas.

Die Menge lächelte.

Als er neben mir einstieg und die Tür zuzog, fasste er mich in den Blick. „Alles in Ordnung, Madonna?“

Nicht ganz sicher, was genau aus seinem gänzlich unbewegten Ton sprach, nickte ich bloß.

„Wie lief‘s?“

„Gut“, antwortete ich still.

Er schob die Brauen zusammen. „Ich fahre dich trotzdem heim, weißt du?“, bemerkte er, während er den Motor startete. „Selbst, wenn es richtig mau gelaufen sein sollte.“

Halbherzig gluckste ich. Seine Pupillen nahmen mich gleich noch eine Nuance aufmerksamer in Augenschein, seine Miene für einen Sekundenbruchteil ernstlich besorgt, ehe er zwei Finger für einen beiläufig kurzen Wink in Richtung der immer noch knipsenden Reporter hob und vom Parkplatz abfuhr.

Kaum auf der Straße, wurde seine Miene wieder ruhelos blank – eine gewohnt grübelnde Fassade, hinter der hunderte Gedanken dahinschossen und sich in einem Feuerwerk entluden, das mir ein unverändert gewaltiges Rätsel blieb.

Er spähte zu mir herüber, als ich nichts weiter von mir gab.

„Gut, ja?“, wiederholte er.

„Jupp.“

Ich sackte gegen das Beifahrerfenster und richtete meinen Blick hinaus.

Tony beschleunigte.

Musik:

Cecilia And the Satellite - Andrew McMahon in the Wilderness

Adagio (From "Captain America: Civil War"/Score) - Henry Jackman