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Kurswechsel

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Kurswechsel

Kapitel 29: Kurswechsel

„Sagst du mir, was das hier ist?“

Meine Haare kaum zusammengebunden, verlangsamte ich meine Schritte noch vor dem oberen Treppenabsatz, als ich Peppers betont nüchterne Stimme unversehens aus unserem Wohnbereich vernahm.

Irgendetwas setzte klangvoll auf Stein auf.

„Sicher.“ Tony schien sich umzuwenden. „Das? Eine schier entwaffnende Menge an Maiglöckchen und darunter fünfzehn erstklassige Juliet-Rosen in Apricot, sofern alles mit rechten Dingen zugegangen ist.“

Sie summte finster. „In Ordnung, lass mich die Frage anders formulieren: Was haben sie auf meinem Schreibtisch zu suchen?“

„Ich dachte einfach, hier hast du mehr von ihnen als daheim.“ Tony hob die linke Hand, wie um Pepper noch im nicht vorhandenen Ansetzen zu unterbrechen. „Versteh mich nicht falsch, ich bin froh, dass du den Laden dort unten schmeißt, denn sonst müsste ich es tun --- aber, Pep, seien wir ehrlich, du lebst auf den Geschäftsetagen. Wenn ich sie nach Chelsea hätte liefern lassen, wären sie dort eingegangen, bevor du sie auch nur einmal vernünftig angesehen hättest. Und … --- Ich meine, sieh sie dir an, sie sind fantastisch.“

Ich war stehen geblieben und spähte an den Palisaden des oberen Treppenabsatzes vorbei. Das frühmorgendliche Licht über Manhattan ließ die Marmorplatte der Kücheninsel schimmern, an der sie einander gegenüberstanden, zwischen ihnen ein gewaltiger Strauß Blumen, den ich selbst aus der Ferne als absolut exquisites Bouquet erkannte. Die Arme längst angespannt verschränkt bedachte Pepper ihn jedoch mit einem derart vorwurfsvollen Blick, dass man annehmen könnte, Tony habe ein Hermelin für sie häuten lassen.

Er ließ seine Hand zurück in seine Hosentasche gleiten und seine Mundwinkel sinken. „Gefallen sie dir nicht?“

„Natürlich, gefallen sie mir.“ Ihr Ton blieb reserviert. „Sie sind fantastisch.“

„FRIDAY sagte, Juliet-Rosen sind zurzeit deine Favoriten. Falls nicht, muss ich-“

Frustriert entließ Pepper den Atem, wandte sich ruckartig ab, hob eine Hand an ihre Schläfe und sah ihn wieder an. „ Maiglöckchen ? Tony, denkst du wirklich, dass du bei mir etwas wiedergutzumachen hast?“ Der aufgebracht punktierte Ernst ihrer Stimme ließ sein nonchalantes Theater verpuffen. „Wenn du dich bei jemanden entschuldigen willst, dann tue es bei ihr. Und das am besten nicht bloß mit einem Bouquet, sondern mit Worten. Mit Taten .“ Sie setzte eine nüchterne Pause. „Heute wäre gar kein schlechter Zeitpunkt.“

Schweigend wandte er den Kopf ab.

Als sei damit alles Erforderliche gesagt, nickte Pepper gefasst und sah ein letztes Mal zum Strauß. „Die lasse ich hier.“

Ich gab mir einen Ruck und schritt die Treppe hinab, ehe sie noch auf dem Absatz kehrt machen konnte.

Beide Erwachsenen wandten die Köpfe. Tonys unzufriedene Miene sagte mir, dass er sofort begriff, dass ich jedes Wort mitbekommen hatte.

„Ich habe nicht gelauscht“, brummte ich, als ich sie erreichte. „Ich wohne nun mal hier ... Soll ich das nächste Mal einfach dazwischen platzen?“

„Nein“, versicherte Pepper besonnen. „Du hast recht, das hier ist die Küche. Wenn wir uns allein unterhalten wollten, hätten wir es dich wissen lassen oder uns zurückziehen sollen.“

Kurz willkommen heißend drückte sie mich an sich. Noch in ihrem Arm schielte ich schon wieder zu dem pastellfarbenen Blumenarrangement herüber. „Juliet-Rosen?“, sagte ich. „Die sind echt arschteuer.“

Und sie sahen prächtig aus, Tony hatte nicht übertrieben.

Ganz davon zu schweigen, dass für die dekorative Menge und Qualität der perfekt tropfenförmigen Maiglöckchen ebenfalls einige hochpreisige Aufschläge gezahlt worden sein mussten, schätzte ich. Mum hatte beide Blumen in ihrem eigenen Laden nicht ohne Grund nur auf explizite Nachfrage bestellt.

„Du hast sie gehört“, grunzte Tony halbtrocken amüsiert. „Sie gehören dir, Pokerface.“

Pepper funkelte ihn an, ehe sie schon wieder zu mir herabsah und mich freigab. „Ausgeschlafen?“

Ich hob die Schultern. War irgendwer jemals ausgeschlafen? Ich begann es ernsthaft zu bezweifeln.

„Die Mathearbeit gestern lief gut, ja?“

„Denke schon, ich war ziemlich schnell durch.“

Abwesend schritt ich um den ausladenden Strauß herum Richtung Kühlschrank und Toaster.

Tony hob die Brauen, kaum dass Pepper zu ihm sah, als seien sie beide schlagartig wieder dieselbe gut geölte Maschinerie nonverbaler Kommunikation, die jeden winzigen offenbarten Tell von mir zu identifizieren und kartieren pflegte.

„Er denkt, ich habe es vermasselt“, ließ ich Pepper missmutig wissen, während ich bereits wahllos Sandwichbrot und Cheddar aus dem Kühlschrank angelte.

Tony zeigte sich unbewegt. „Stimmt nicht.“

„Ach, nein?“

„ Nope .“

Ich spähte zu ihm herüber. Tony unterstrich seine Antwort mit so selbstgerecht geknüllten Mundwinkeln, dass es mich eindeutig herausforderte.

Selbst für seine Verhältnisse sah er heute auffällig herausgeputzt aus. Sein Hemd, sein royalblauer Dreiteiler und sein ikonischer Kinnbart schienen makellos, seine weißgoldene Krawatte akkurat gelegt und geknotet und an seinen Ärmeln schimmerten dezente erlesene Manschettenknöpfe.

Er roch und sah aus wie ein Star, der Präsident des guten Geschmacks, vielleicht gar der Welt, Dauergast auf den Bühnen, die er suchte, und keineswegs jemand, der oft genug in T-Shirts und Jeans auf dem Boden seiner Werkstatt umgeben von holografischen Projektionen und heillos verteilten Bauteilen hockte und vage zerrauft und endlos tief in Gedanken verstrickt kleine Noppen gegen die nächste Tischkante springen ließ.

„Okay“, ging ich auf sein Spiel ein. „Und wenn ich es vermasselt habe ?“

„Dann sollten wir darüber reden.“ Er beobachtete mich aus dem Augenwinkel, vermeintlich unbeteiligt und doch unbeirrbar. „ Wenn es so wäre – was, wie du sagst, nicht der Fall ist und damit ein rein theoretischer Ausgang, über den wir hier nur spekulieren.“

„Exakt.“

Pepper seufzte. „Gib Bescheid, ja? Ich muss noch ein paar Themen für die Vorstandssitzung sichten. Viel Spaß in der Schule.“

Sie verabschiedete sich von mir, warf Tony einen letzten bedeutungsvollen Blick zu und verschwand in Richtung Lift.

Gekonnt verschränkte er die Arme und sank gegen die Theke, während ich halb von ihm abgewandt mein liebloses Frühstück noch im Stehen mit einem Cranberrysaft herunter spülte.

„Okay, was ist los?“

Ich sah zu ihm. „Gar nichts.“

Anscheinend lag die richtige Mischung aus verblüffter, wie schuldig ausgelaugter Ehrlichkeit darin, dass es ihn nach dem Bruchteil eines Augenblicks lediglich seufzend nicken ließ.

Als ich mein Geschirr wieder abräumte, begann ich meinen sinnestauben Ringfinger mit dem Nagel meines Daumens zu kneten, bis es schmerzhaft ziepte. Tony sah es. Er regte sich nicht, aber er beobachtete mich. Abrupt beendete ich mein Tun, griff geistesabwesend meinen Rucksack und warf willkürlich drei Müsliriegel hinein, die sich in meiner Hand verfingen, kaum dass ich in das entsprechende Regal griff, dann ließ ich ihn nachdenklich auf die Theke sacken und zögerte.

„Dad?“

„Hm?“

„Du sagtest, dass Clint und Sam aus dem Raft verlegt werden, sobald ihre Anwälte vor Gericht etwas Entsprechendes erwirken“, begann ich verhalten. „Wohin wird man sie verlegen? Und für wie lange?“ Ich schluckte, als ich mich jäh überwandte, ihn direkt anzusehen.

Etwas ließ ihn die Stirn runzeln. Vielleicht war es das Thema, die Tatsache, dass ich nach allem, was geschehen war, bereits wieder darin grub, oder vielleicht lag es doch bloß daran, dass ich sichtlich den Atem anhielt.

„In Ordnung …“ Unversehens fuhr Tony sich über das linke Auge, richtete sich etwas auf und nickte mir zu. „Wie wär’s hiermit: Du schreibst auf, was du Barton zu sagen hast, und ich sorg dafür, dass er es bekommt, ohne dass es vorher durch zwanzig Hände wandert.“

Obwohl es meine Fragen nicht im Geringsten beantwortete, konnte ich nicht anders, als mit nervöser Erleichterung einzuatmen. „Das geht? Ich darf ihm schreiben?“

„Könnte schwierig werden eine ganze Abhandlung in der Familienpost unterzubringen, aber solange es nicht länger als ein klassisches Motivationsschreiben wird, sollte es machbar sein …“

Eigentlich bat ich mehr um seine Erlaubnis und vergewisserte mich weniger aus Bedenken um die geltenden Postzustelloptionen des Rafts, doch Tony schien meine neue schuldbewusste Befangenheit rund um das Thema der inhaftierten Avengers nicht zu bemerken oder aber entschied sich bewusst dazu, die unangenehme Stille zu überspielen, die meine sich zunehmend verdichtende Sorge um Clint und die anderen angesichts ihres jüngst so grässlichen Foulspiels zwischen uns auszulösen drohte.

Denn ja, irgendwie fühlte ich mich schuldig, mich immer noch derart innig um Nat zu sorgen, wenn ich zugleich wusste, dass sie Steve bewusst hatte ziehen lassen, nur damit er schon wenige Stunden darauf einen solch bitteren Verrat an Tony hatte üben können, dass es mir jetzt noch das Blut und Mark gefrieren ließ, auch nur daran zu denken. Ich fühlte mich schuldig, Sam nicht länger als nötig in der ganz und gar trostlosen Isolation des Rafts wissen zu wollen, obwohl er eine entscheidende Schuld daran trug, dass Rhodey beinahe gestorben war und nun schwer verletzt im Hauptquartier lag und obwohl ich inzwischen wegen allem eine so herbe Enttäuschung und einen blankkeimenden Groll auf Sam verspürte, dass ich mir nicht vorstellen konnte, jemals wieder freiwillig ein Wort mit ihm zu wechseln.

Doch vor allem fühlte es sich schrecklich an, nicht zu wissen, was nun aus Clint werden würde. Dass es fast genauso sehr an meinem Nervenkostüm riss, mir vorzustellen, dass man ihn irgendwohin verlegte, wo ihm etwas zustoßen mochte, wie es der Gedanke tat, Tony zu verlieren, machte es nur noch schlimmer.

Seit ihrem Streit im Ritz-Carlton hatte Tony ihn mir gegenüber kaum mehr erwähnt. Er brauchte es mir nicht zu sagen, ich wusste auch so, dass er sich von Clint ebenso schmählich verraten fühlte wie von Steve. Doch auch, wenn sich Clint in Wandas vorhandenen Hemmschwellen getäuscht hatte, wusste ich, dass seine damalige Entscheidung, sie um Hilfe zu bitten, mir eine Last erspart hatte, die ich so niemals hätte tragen können. Er hatte Tonys Vertrauensverlust in Kauf genommen und er war ein klares Risiko eingegangen, doch nur um mir den Frieden zu schenken, den ich so unbedingt gebraucht hatte. Es stand kein Verrat dahinter, ganz gleich für was Tony es hielt, nein, es war derselbe Antrieb, derselbe Grund , der ihn ein multimillionenteures System entwickeln lassen hatte, nur um Mum als niemals verbleichendes Echo in meinem Leben zu halten und es Therapie zu nennen.

Das Raft war schlimm, es war grausam, schon in der Perfidität seiner Idee, Eve hatte recht, aber lieber wünschte ich Clint keinen Besuch und Leere und Stille für die nächsten fünf Jahre, als ihn auch nur eine Woche unter all seinen bluthungrigen Feinden zu wissen.

Und dafür schämte ich mich, seit ich heute die Augen aufgeschlagen hatte, irgendwie am meisten – dass ich Clint lieber todunglücklich sehen wollte als auch nur potentiell in Gefahr.

Jemand trat aus dem Lift.

Es riss mich aus meinen schwer lähmenden Gedanken, gerade als Tony bereits wieder still taxierend die Stirn zusammenzukneifen begann.

Mein Herz machte einen kleinen Sprung, sank in abruptem Unbehagen und wummerte dann auch schon nervös los, kaum dass ich Happy erkannte. Ich hatte mir die Worte meiner geplanten Entschuldigung haarklein zurechtgelegt, doch plötzlich konnte ich mich an kein einziges davon mehr erinnern.

„FRIDAY sagte, ich soll kurz hochkommen“, erklärte Happy sich angesichts unserer beider aufmerkender Gesichter.

Er wirkte nicht abweisend oder sonderlich missmutig, sondern eigentlich ganz wie immer, gleichmütig, minimal launisch und vollends bereit, den Tag auf die bestmögliche Weise hinter sich zu bringen. „Gibt es eine Planänderung wegen D.C.?“ Er fixierte Tony. „Bleibt sie heute hier?“

„Nein“, fiepte ich peinlich hell auf. „Das war ich. Ich hab FRIDAY gesagt --- na ja, ich wollte --- ich hab da noch etwas …“

Tonys Brauen schossen angesichts meiner jäh engelsgleich nervösen Tonlage zusammen und stiegen unfreiwillig amüsiert empor.

„Außer dem Rucksack?“ Happy scannte die Umgebung. „Denn wenn ja, bringe ich es schonmal runter. Fünf Minuten mehr oder weniger machen einen Unterschied, wenn alle so denken-“

„Nein, nein.“ Ich stolperte zum Kühlschrank. „Es ist nicht für die Schule. Nichts von mir, meine ich. Na ja, doch , es ist von mir, aber ---“ Ich riss die Tür auf und schnappte mir die zurückgestellte Cupcake-Box aus dem Regalfach.

Tony lehnte sich wieder zurück. Er schien trotz regungsloser Miene verteufelt unterhalten.

Ich warf ihm einen halbbösen Blick zu, denn zu mehr sah ich mich gegenwärtig physisch wie moralisch nicht in der Lage, schloss den Kühlschrank und näherte mich Happy in unversehens betretenem Tempo. „ Umm , das sind Cupcakes“, ließ ich ihn wissen, meine Augen so konzentriert wie möglich auf die kleine Box in meiner Hand gerichtet, um ihn nicht direkt ansehen zu müssen. „Ich hab sie Sonntagabend gemacht, aber ich denke, sie sind immer noch gut. Ich habe sie wegen der Schokocreme im Kühlschrank gelassen. Vermutlich sind sie jetzt nicht mehr ganz so fluffig … Ich wusste nicht, dass du dir freigenommen hattest – aber sie sind noch super, bestimmt.“

Happy zögerte. „Die sind für mich?“

Ich überwand mich und sah auf. „Ja.“ Ich schluckte, als ich mich beschämt erröten spürte. „Na ja, ich wollte mich entschuldigen, dass ich in Berlin --- dass ich dich reingelegt und hinter dem Wandregal eingesperrt habe, um aus dem Apartment zu kommen. Dass ich nicht reagiert habe, als du angerufen und geschrieben hast. Dass ich einfach abgehauen bin und --- na ja, dass ich eben nicht getan habe, was du gesagt hast …“

„Was dein Dad gesagt hat.“

Hitze kroch weiter meinen Hals hinauf. „Jupp.“

„Das wäre nicht notwendig gewesen, Kind.“ Happy sah auf die kleine Box herab, als er sie mir endlich abnahm. „Danke, ich weiß das zu schätzen. Das ist lieb.“

Ich nickte still. „Tut mir leid, wirklich.“

„Schon gut.“ Schweigen breitete sich aus, als Happy zu Tony weitersah und dumpf gluckste. „War das deine Idee?“

„Nur der Pitch, alles andere war kreative Eigenleistung.“ Tony löste sich aus der aufmerksamen Beobachtung, näherte sich uns gelassenen Schrittes und warf einen Blick auf seine Armbanduhr. „Ich muss los.“

„Schon?“, fragte ich überrascht. „Wegen des Abkommens?“

Das UN-Hauptquartier lag nur wenige Blocks vom Avengers Tower entfernt, eigentlich ein Katzensprung, sogar mit dem frühmorgendlichen Manhattaner Verkehr im Blick. Sein Aufbruch wirkte früh, selbst wenn man bedachte, dass sie das Sokovia Abkommen diesmal sicher schnell und ohne größeres Tamtam auf den Weg zu bringen gedachten, schon um Respekt vor den Anschlagsopfern der ersten Versammlung zu wahren, die vor einer Woche in Wien ums Leben gekommen waren – worüber fast niemand mehr sprach, seit die Avengers die Schlagzeilen zurückerobert hatten.

Manchmal verstand ich, warum Hana Dime und so viele andere sie hassten.

„Die Ratifizierung ist später angesetzt“, antwortete Tony. „Ich bin vorher noch bei einer Anhörung.“

„Und danach … fliegst du nach D.C.“

„Später, gegen Mittag, ja.“

„Um Außenminister Ross und die CIA zu treffen.“

„Bingo, und gleich vorab, ich nehme den Anzug, aber nur um schneller von A nach B zu kommen“, ließ Tony mich wissen. „Ganz ohne Hintergedanken. Ist eine Friedensmission, okay? Ein Nachmittag voller langer Besprechungen und Verhandlungen, um hinter der hysterischen Abrissparty aufzuräumen, die wir neulich veranstaltet haben.“

Um Leipzig zu erklären , wisperte die Nervosität. Und Sibirien. Tony hatte es nicht erwähnt, noch würde er es zugeben, aber ich wusste, dass es eine Rolle spielte und dass er nur aus einem Grund so viele politische und geheimdienstliche Termine an einem einzigen Tag über sich ergehen ließ: Um die Gemüter zu beruhigen und die Lage zu sortieren.

Letzteres zumindest hatte er zugegeben.

Zemos Festnahme war ein weiterer Erfolg Iron Mans, aber auch der Beweis, dass Tony Ross wiederholt an der Nase herumgeführt hatte und kein wirkliches Interesse daran besaß, sich vom Außenminister diktieren zu lassen, wo genau seine Einsatzbefugnisse endeten.

So viel begriff selbst ich.

„Es geht um Regularien, Verantwortungen und Kompensationen. Wir erheben die aktuelle Lage, mehr nicht. Niemand wird getötet oder verhaftet. Falls dir heute trotzdem irgendwie anders wird, durchatmen und FRI Bescheid geben, Happy holt dich ab.“

Tony ließ mir keine Zeit, mich für seine vorbeugende Rückversicherung zu genieren, die offenbarte, dass er wirklich jedes Quäntchen Unbehagen in meinem Blick auf Anhieb korrekt interpretiert hatte, denn er sah Happy bereits wieder an, klopfte im Vorbeigehen geschäftig kurz gegen seinen Oberarm und wechselte in aufgesetzt freudlose Klarheit: „Zur Schule und wieder zurück, ohne Umwege. Sie hat Ausgangssperre bis Halloween. Kein Pardon.“

„Alles klar, Boss.“

Tony wies noch einmal auf mich. „Pack einen anderen Snack ein, Bambina, es sei denn, der Batzen Erdnussriegel gehört irgendwie zum großen Läuterungsakt dazu.“

Überrumpelt sah ich zu meinem Rucksack, während er bereits zufrieden abdrehte. Als ich hinüberschritt und verwirrt hineinsah, stockte ich.

Angewidert warf ich die Erdnussriegel, die ich fälschlicherweise für Müsliriegel gehalten hatte, in ihr Regalfach zurück und seufzte.

Happy hob die Cupcake-Box. „Ich glaube, hier sind zwei drin.“

-/_\-

Ich saß längst in meinem nachmittäglichen Unterricht für Geschichte und Politik bei Mr. Cobbwell, als die Nachricht einschlug.

Es war die aufkeimende Unruhe in den Tischreihen vor mir, die mich aus meinem unfreiwilligen Dösen riss und auch Mr. Cobbwell aus seinem seit Minuten andauernden Redefluss löste. Er blinzelte kurz, ehe er sein schmales Brillengestell richtete und fortfuhr aus der Verfassung der Vereinigten Staaten vorzulesen.

Seit dem Morgen war ich mehr oder weniger in der Blase meines Schulalltags dahingewandert. Es war – zugegeben – vor allem dem Caretaker Protokoll zu verdanken gewesen, denn FRIDAY hielt mein Smartphone während des Unterrichts ganz auf akademische Recherchen reduziert, was es nahezu unmöglich machte, der Illusion von sicherer Normalität zu entkommen, die die Korridore und Klassenräume der Midtown High erschufen wie sonst nichts, das ich noch Teil meines Lebens nannte.

Und es war eigentlich sogar ein recht guter Morgen gewesen.

Auch wenn mich die unverändert anzutreffende Traube Paparazzi noch vor den Schultoren mit aufdringlichen Fragen zu Elijah in Empfang genommen hatte, war der Andrang durchaus verhältnismäßig geblieben. Happy hatte mich nicht aus einem Massengedränge befreien müssen, niemand hatte mir die Kante seines Smartphones versehentlich gegen die Schläfe geschlagen und ich hatte es tatsächlich rechtzeitig ins Schulgebäude geschafft.

In Chemie hatte Mr. Dell meine Reihe exzellenter Antworten zur Bestimmung der Molverhältnisse im von uns betrachteten Destillationsprozess gelobt. Und in Mathe hatten wir unsere Arbeit zurückerhalten, in der ich mit 95,8% ein A erreicht hatte, das ich Tony vermutlich wortlos an den Kühlschrank pinnen würde, wäre da nicht diese eine Textaufgabe, die ich anscheinend aus schier scheiterndem Leseverständnis doch peinlich offensichtlich versemmelt hatte.

Es machte keinen Unterschied. Es war ein A.

Trotz Berlin. Trotz Sibirien .

Hell erleichtert, ja, fast ein wenig euphorisiert, war ich anschließend in den Englischunterricht gewechselt, nur um dort gleich wieder auf den Boden nüchterner Tatsachen geholt worden zu sein, als Mr. Liebers angekündigte Stichproben ausgerechnet auch meine Hausaufgabe erwischt hatte. Heilfroh gewesen, sie zumindest nicht gleich vor der ganzen Klasse vortragen zu müssen wie es durchaus andere meiner Mitschüler ereilt hatte, hatte ich ihm meine noch am Vorabend mühselig zusammengeschriebene Ausarbeitung ausgehändigt, wusste aber zweifelsfrei, dass ich hierin ganz sicher mit keinem so glanzvollen A vom Feld treten würde.

Der frühe Nachmittag dann hatte mit Wirtschaftslehre eines meiner Lieblingsfächer beinhaltet. Meine vorsichtig hellere Stimmung hatte sich gehalten. Nicht einmal Flash hatte sie wirklich ruinieren können, als er mich die gesamte Stunde mit wenig gedämpften Bemerkungen zu Peters Praktikum bei SI malträtiert hatte, das er inzwischen für eine Art Charity-Projekt für sozial benachteiligte Jugendliche hielt, das Peter zu Hirngespinsten und Lügen inspirierte, um sich Aufmerksamkeit zu verschaffen.

Flash nahm an, dass er in Wahrheit Laborutensilien irgendwo im Untergeschoß reinigte. Und eigentlich bloß Teil der Hausverwaltungscrew war.

Wenn er denn überhaupt jemals wirklich den Avengers Tower betrat.

Hatte er das? Hatte ich ihn dort tatsächlich schon gesehen?

„Es kommen jeden Tag hunderte Menschen in den Tower“, antwortete ich trocken. „Ich sitze nicht am Empfang.“

„Tja, aber wenn er mit deinem Dad zu tun hätte, wüsstest du davon, oder nicht? Er wäre dir schonmal über den Weg gelaufen --- irgendwo. Ich meine, ehrlich , wie dumm kann man sein?“

Meine betont fehlende Reaktionsfreude schien ihn nur zu bestätigen, denn sein abfälliges Schnaufen wandelte sich in schadenfrohe Belustigung. „Sag ich ja, Parker ist ein Idiot.“

Obwohl ich seit Berlin unzählige Male genau dasselbe gedacht hatte, klang es aus seinem Mund unverändert niederträchtig. Und noch dazu falsch.

Mr. Cobbwells Unterricht bildete den Abschluss des Tages.

Es war definitiv meine derzeit größte Achillesferse, da machte ich mir nichts länger vor.

Hatte ich zu Beginn noch alle paar Minuten mehr oder minder aufgeschmissen zu Neds Collegeblock herübergeschielt, wann immer ich aus meinem unkontrollierten Dahindämmern aufgeschrocken war, und hatte meine Notizen um die auf seinem Blatt zwischenzeitlich säuberlich hinzugekommenen ergänzt, war es nun er selbst, der zu mir herübersah, als er einen verhaltenen Blick auf sein Smartphone warf, kaum dass in den Reihen vor uns Displays aufleuchteten und teils vielsagend in Richtung Sitznachbar gehalten wurden.

Das aufkommende Raunen wie auch die kurzen Schulterblicke, die allesamt in meine Richtung sprangen, ließen mich nach meinem eigenen Smartphone greifen – was sich allerdings bloß als wiederholter Reinfall entpuppte, denn FRIDAY zeigte keinerlei Nachrichten an und verwehrte mir nach wie vor schulmeisterlich tadelnd den Zugriff.

Waschechte Notfälle würden das Caretaker Protokoll jederzeit überwinden, das wusste ich.

Meine Nervosität veränderte sich.

Ich sah wieder zu Ned, gerade als Mr. Cobbwell das zweite Mal irritiert innehielt und sich nun endgültig von seinem kleinen Rednerpult aufrichtete, um in die Runde zu spähen und herauszufinden, was der Ursprung der wachsenden Unruhe sein mochte.

„Was ist los?“, raunte ich nervös in Neds Richtung.

Er öffnete den Mund, doch Flash kam ihm explosiv zuvor: „ Jo! Tony Stark wurde gerade zum Direktor der Avengers ernannt!“

Er ächzte vor Verblüffung, während Mr. Cobbwell seine Lesebrille abnahm und sich resigniert den Nasenrücken rieb.

„ Unter präsidentiellem Dekret gilt die einst von SHIELD ins Leben gerufene Avengers Initiative ab sofort als privatisiert und autonom unter der Aufsicht der Vereinten Nationen agierend und tritt in direkte Zusammenarbeit mit us-staatlichen Sicherheitsbehörden und Ministerien- “ Flash schien direkt aus einer Meldung eines abonnierten Newskanals vorzulesen.

„Was heißt das?“, warf Seymour unbeeindruckt dazwischen.

Ich vernahm, wie sich um uns herum blasse Verwirrung und Ahnungslosigkeit mit Sensationsfreude, aufgeregten Flachwitzen und schwerer Skepsis mischte, während exakt dieselbe Frage unweigerlich in meinem Kopf aufspukte, unfähig all die Blicke und Erkundigungen zu beantworten, die sich mir binnen Sekunden zuwandten.

Überfordert stierte ich bloß zurück und schüttelte vage den Kopf.

Ned hielt mir sein Smartphone herüber, während er mit neugierig geweiteten Augen meine Reaktion beobachtete. Ich sah auf Tonys Portrait. Es war kein aktuelles, es war etwa ein Jahr alt und kurz vor ihrem letztjährigen Einsatz in Mexiko aufgenommen, das erkannte ich auf Anhieb. Die als Eilmeldung gekennzeichnete Schlagzeile leibhaftig zu sehen, half nicht im Mindesten über den sachten Schock hinweg.

„ Laut Aussage hochrangiger Regierungsvertreter unterstützt Tony Stark als neuamtierender Direktor ausdrücklich die juristische Verfolgung der jüngst in Berlin straffällig gewordenen früheren Mitglieder des Avengers-Teams, sowie ihre bestehende Inhaftierung“, berichtete Flash lautstark weiter. „Eine Pressekonferenz ist für heute Abend, 18 Uhr, vor dem Weißen Haus angesetzt--- “

Ich hatte nicht die leiseste Ahnung, was vor sich ging.

Aber ich erinnerte mich, erinnerte mich plötzlich sehr deutlich, an Tonys gestriges Versprechen, die Dinge endgültig für uns zu ordnen, wie auch an seine feierlich elegante Aufmachung vor wenigen Stunden und Peppers ernste Worte, als sie frei heraus erklärt hatte, dass ich eine Entschuldigung für seinen überstürzten Flug nach Sibirien verdiente, die aus Worten und Taten bestand und keinem hübsch anzusehenden Bouquet, was Tony so verdächtig unwillig schweigend beiseite sehen lassen hatte, dass ich nun begriff, dass er bereits mit eben diesen Plänen nach D.C. aufgebrochen sein musste. Mit dieser Entscheidung, für den Fortbestand der Avengers All-In zu gehen, anstatt ihrem natürlichen Ende beizuwohnen.

Es war ein unmissverständliches Statement an Steve, an Zemo, an Barnes. Und es war ein Sieg über Außenminister Ross und Boynton und jedem Stane und Fanning dieser Welt.

Tony Stark war nicht bloß Iron Man. Er war der letzte Schild dieses Planeten.

Er würde dafür sorgen, dass er standhielt. Um jeden Preis.

Das ließ er sie alle wissen.

Mein Herz wusste nicht, was es deutlicher empfand, Schrecken oder Stolz, inmitten dieses beunruhigenden Gefühls, dass damit alles irgendwie bereits gesagt schien.

-/_\-

„Alles klar da hinten?“

Gut zwanzig Minuten stockender Heimweg lagen hinter uns, als Happy unversehens in den Rückspiegel zu mir herübersah und sich erkundigte.

Mein gedankenvolles Schweigen sprach vermutlich Bände, mehr noch als meine abwesende Miene, während ich nicht mehr tat, als abwechselnd den Newsfeed auf meinem StarkPhone und den gewohnt dichten Verkehr der Interstate in mich aufzunehmen.

Ein unverändert aufgeregtes Raunen war mir aus der Schule gefolgt. Obwohl niemand so recht wusste, was genau die Veränderungen innerhalb der Avengers bedeuteten, so schienen zwei Dinge nun dennoch sicher: Die Avengers waren keineswegs Geschichte, dafür aber der Großteil ihrer Namen und Gesichter. Und beides war Tony Stark zu verdanken, der sich erneut unaufhaltsam und scheinbar mühelos aus der Asche erhob und zu neuem Potential aufschwang.

„Was ändert es?“, fragte ich Happy leise. „Dass er jetzt Direktor der Avengers Initiative sein wird?“

„Eigentlich nicht viel.“ Er schien unbewegt. „Tony hat den Laden zu dem gemacht, was er jetzt ist. Er hat ihn schon immer geleitet, wenn man so will … Sicher, Steve hat das Team im Feld angeführt, in gewisser Weise hatte er das Sagen seit New York, aber keine Entscheidung ist wirklich an Tony vorbei gegangen. Er hatte die Geldmittel, er hatte das Knowhow und er versteht die Vision. Es gab keine klaren Strukturen zwischen ihnen, aber es hat auf seine Weise funktioniert, sah zumindest eine ganze Weile danach aus. Und Tony wollte es so. Er hätte sich von Beginn an auf den Chefsessel setzen können, schließlich waren es seine Quartiere und Ausrüstung und Quinjets und Satelliten. Aber das hat er nicht. Hat ihm viel zu sehr gefallen, sie alle als Hauptdarsteller auftreten zu lassen. Fördert einen gesunden Diskurs, sagte er. Keine Ahnung, ob er das ernst meinte, denn wenn sie sich in die Haare bekommen haben, dann haben sie es ordentlich, das kann ich dir sagen. Sind einander buchstäblich an die Gurgel gegangen.“ Er atmete aus. „Fakt ist, jeder von ihnen war freiwillig dabei und am Ende des Tages haben sie immer als Team entschieden. Ich denke nicht, dass sich daran von jetzt an etwas ändert. Trotzdem ist diese Sache wichtig.“

Ich beobachtete ihn im Rückspiegel. „Wieso?“

„Weil das Team damit volle internationale Legitimation erhält. Solange Tony den Posten bezieht, ist es von nun an eine klar geregelte Sache. Er entscheidet, wer dazu gehört und wer nicht. Und wenn der Außenminister anruft, begegnen sie sich ab sofort auf Augenhöhe. Kann niemand mehr von Selbstjustiz und Vandalismus und dergleichen faseln, wenn es ein präsidentielles Dekret zur Übergabe der Avengers Initiative in den Privatsektor und eine Bewilligung der Vereinten Nationen für ihre Einsätze gibt.“

Ich nickte langsam. Das sachte Unbehagen in meinem Bauchraum wollte jedoch nicht vergehen.

„War klar, dass er die Zügel vorerst in die Hand nehmen muss“, fuhr Happy bedacht fort. „Sind gerade schließlich nicht mehr viele übrig …“

„Nicht mehr viele?“, wiederholte ich bitter. „Es ist keiner übrig.“

„Oh, es sind schon noch ein paar da. Rhodey wird sich wieder erholen. Er packt das, wirst schon sehen. Thor und Dr. Banner sind vielleicht im Moment nicht hier, aber sie sind irgendwo dort draußen. Jederzeit möglich, dass sie wieder auftauchen-“

„Dr. Banner ist seit über einem Jahr verschollen.“

„Hat nichts zu bedeuten. Sie verschwinden alle dann und wann. Dein Dad ist da keine Ausnahme. --- Tja, und dann ist da noch Vision.“

„Vision ist zurück?“

„Ja, ist gestern heimgekehrt. Sogar synthetische Wesen brauchen offensichtlich mal eine Auszeit. Er hat Tony versichert, dass für ihn die Sicherheit der Schutzbedürftigen auf diesem Planeten unverändert an erster Stelle steht und … na ja, den ganzen Kram eben, und dass er auch in Zukunft Teil des Teams bleibt, auch wenn er seine erwachte Emotionalität weiter zu erforschen gedenkt oder so ähnlich ...“ Happy runzelte die Stirn. „Was, wenn du mich fragst, erstmal auch besser so ist. Spräche nicht unbedingt für ihn, wenn Tony ausgerechnet jetzt eine weitere androide KI mit unbestimmter Absicht abhandenkäme.“

Ich zögerte. „Wann hat er dir davon erzählt?“

„Gestern Abend. Hab mich erkundigt, wie es jetzt weitergeht, die nächsten Tage, aber auch ganz allgemein.“

Ich beobachtete ihn. „Wegen mir?“

Happy brummte belustigt. „ Ja , wegen dir. Du bist meine Hauptsorge, Kind. Und das hat nichts mit meinem Blutdruck zu tun.“

„Wieso? Ist er zu hoch?“ Ich sah wieder aus dem Fenster. „Denn wenn ja, backe ich besser keine Cupcakes mehr.“

Happy schüttelte den Kopf. Er seufzte. „Ich habe nicht angerufen, um zu kündigen. Hat er dir das gesagt? Dass ich kündigen wollte? Hast du deswegen den Konditor gespielt?“

Anscheinend konnte ihn meine abgewandte Miene nicht über das schlechte Gewissen hinwegtäuschen, das mich trotz unserer Versöhnung unweigerlich wieder einholte.

Befangen richtete ich meinen Anschnallgurt. „Nein. Aber er sagte, dass es dich nicht zweimal gibt. Und dass ich dich deshalb nicht vergraulen darf.“

Ein stilles Lächeln zog über seine Miene. „Tja, da hat er verdammt nochmal recht.“

-/_\-

Ich trennte mich von Happy bereits in der Tiefgarage, da er einen Anruf der Tower Security erhielt, der ihn prompt in sein Büro aufbrechen ließ, kaum dass er den Motor abstellte.

Ich hatte nicht das Gefühl, dass es sich um einen ernsten Sicherheitsvorfall handelte, denn dafür erschien er mir zu geschäftig und bei weitem zu unbekümmert, als er mir noch vor seinem Aufbruch Richtung Lobby einen netten sturmfreien Nachmittag wünschte. Er beaufsichtigte genauestens, dass ich auch wirklich in unseren Privatlift trat, und ermahnte mich halbernst nichts anzustellen, ganz als vermochte FRIDAY derzeit nicht, mir alles bis hin zum Leitungswasser abzudrehen, wenn sie es irgendwie für zu viel des Guten hielt. Und als trete Tony nicht in gut einer halben Stunde vor das Weiße Haus, um der Welt zu verkünden, dass er von jetzt an vollkommen neue Saiten aufzog, um seine Vision einer sicheren Welt auch ohne ihre einst größten Mitverfechter fortzuführen.

„Ich habe es auch gerade erst erfahren“, sagte ich, als ich noch im Lift hinauf Elijahs eingehenden Videoanruf entgegennahm.

„Du wusstest es nicht?“

„Nope.“

Ich bemühte mich eine blanke und keineswegs getroffene Miene zu halten, als er mich musterte.

Nein, ich hatte nicht gewusst, dass mein Vater im Laufe des heutigen Tages sämtliche Nachrichtensender mit Breaking News-Expertenrunden rund um seinen neuesten politischen Coup beschäftigen würde.

Kaum, dass der Lift mich entließ, trat ich in unsere Wohnlounge und warf meinen Rucksack auf der Rundcouch ab, während FRIDAY das trübe Nachmittagslicht um ein paar wärmere Nuancen indirekter Beleuchtung aufmotzte.

Peppers prächtiges Blumenbouquet stand immer noch auf unserer Kücheninsel. Die Blüten waren zart und samten, als ich hinübertrat und eine der Rosenköpfe sacht mit den Fingerspitzen berührte. Aber es waren die unzähligen weißen Maiglöckchen, die meinen Blick hielten und die nun einen Sinn ergaben.

Elijah schien nachzudenken. Ich sah ihm an, dass er bereits einen sehr cleveren und erwachsenen Grund für Tonys Schweigen ausgemacht hatte, so sehr es ihn ebenfalls zu beschäftigen schien.

„Okay“, sagte ich, „was checke ich nicht?“

„Wahrscheinlich wusste er nicht, ob er sich nicht vielleicht verzockt. Ob sie auf seine Forderungen wirklich eingehen werden. Er muss es erst heute in D.C. mit ihnen ausgehandelt haben.“

„Er ist eigentlich hingeflogen, um Berlin und Leipzig zu besprechen“, erwiderte ich still. „Er sagte, dass sie über das weitere Vorgehen reden werden … Ja , gut.“ Ich verdrehte mager die Augen.

„Und das hat er gemacht, Stark. Und dann hat er ihnen die Pistole auf die Brust gesetzt.“

Verwirrt zögerte ich. „Was meinst du?“

„Entweder sie arrangieren sich damit, dass er selbst die Sache unter der Aufsicht der Vereinten Nationen leitet, oder sie müssen komplett ohne seine Ressourcen, ohne seine Technik und ohne Iron Man auskommen. Er löst das Team auf, setzt sich als Avenger zur Ruhe und steht der Regierung auch nicht länger als Berater oder Notfallkontakt zur Verfügung und das Außenministerium muss sich mit eigenen Mitteln und Personal um die Einhaltung des Sokovia Abkommens innerhalb der Staaten kümmern.“ Elijah atmete aus. „Das hat Senator Stern vorhin Eves Dad ausrichten lassen.“

Ich schluckte. „Das hat sie dir gesagt?“

„Ja …“ Elijah klang wenig begeistert. „Er geht wohl gerade die Wände hoch, weil Ross und der Präsident sich von deinem Dad haben ausspielen lassen.“

„Das ist Schwachsinn“, raunte ich. „Ohne ihn gäbe es die Avengers schon lange nicht mehr. Es stimmt, Elijah, wenn Tony aussteigt, müssten sie alle bei null anfangen. Sie müssten ein eigenes Team zusammenstellen und dann müssten sie es auch finanzieren , wenn sie gegen --- gegen die Chitauri und all den Mist wirklich vorbereitet sein wollen.“

Er hat geblufft , pochte es in mir, Tony wird niemals aufhören, Iron Man zu sein, aber das wissen sie nicht.

Die Welt wusste nicht , dass er es nicht aus reiner Freude an der Aufmerksamkeit tat.

Oder der Selbstinszenierung.

Und aus irgendeinem Grund behielt ich es für mich – die Wahrheit über Tony Stark. Ich verriet Elijah nicht, dass Tony mit Leib und Seele daran glaubte, dass diesem Planeten etwas noch viel Schrecklicheres bevorstand als ein Wurmloch über unseren Köpfen und ein paar beschädigte Wolkenkratzer und Straßen.

„Senator Boynton ist davon überzeugt, dass sich damit nichts ändern wird und das Abkommen jetzt nichts wert ist ...“ Elijah runzelte vage die Stirn. „Ist sicher nichts Neues, aber er hält deinen Dad für unkontrollierbar. Ein Multimilliardär, der sich zum eigenen Entertainment zum Superhelden ernannt hat und durch seine Herangehensweise der eigentliche Katastrophentreiber hinter allem ist.“

„Ach“, befand ich so trocken es mir trotz des wiederholten Stichs dieser absolut undankbaren Anschuldigung gelang. „Er meint, Loki und die Chitauri waren bloß auf einem Betriebsausflug, bis sie meinem Dad über den Weg gelaufen sind?“

Halb belustigt schnaubte Elijah.

„Ist das Sola?“, ertönte die Stimme seines Dads aus dem Hintergrund.

Elijahs Miene löste sich. Er wandte den Kopf. Wenige Augenblicke darauf trat Jack Magniconte auch schon hinter ihm ins Bild. „Amüsiert ihr euch über die Meute vor unserem Haus?“

„Nein, Sir.“ Ich zögerte. „Sind es so viele?“

Auch bei uns hielten sich eine Unmenge an Reportern und Übertragungswagen versammelt, wie ich kurz zu Gesicht bekommen hatte, als wir am Avengers Tower eingetroffen und in die Tiefgarage eingefahren waren, doch diesen Presseauflauf hatte ich größtenteils für die unvermeidbare Reaktion auf Tonys Ernennung und den Fortbestand der Avengers gehalten und weniger für neugierige Klatschpresse, die lediglich auf Bildmaterial von mir und Elijah hoffte.

„Sagen wir“, antwortete sein Dad, „es könnte auch der Morgen vom Super Bowl sein.“

Ich schmunzelte betroffen, weil ich nicht wusste, was ich sonst tun sollte.

„Wir sind vorbereitet“, versicherte er und winkte ehrlich unbekümmert ab. „Zwei große Namen, die immer wieder zusammen gesehen werden – so etwas verkauft sich. Sie hätten die Story bald ohnehin geschrieben. Und in eurem Fall ist es gute Presse, da sind wir uns doch einig.“ Er weitete sein Lächeln, auch wenn sein Blick das lebendige Funkeln verlor. „Genug davon, wie geht’s dir, Sola?“

„ Uh , gut ...“

„Großer Tag, was?“

Ich zögerte. „Ja, denk schon.“

„Tony weiß, wie man das Ei zurückgewinnt, nicht wahr?“ Jack nickte. „Das heute – ein klassisch provozierter Fumble. Raus aus der Defensive und zurück im Angriff. Taktik ist alles, sag ich Jazz auch immer. Du kannst rennen und tacklen wie ein Held, aber du musst wissen, wo und wann sich der Einsatz lohnt, sonst hast du auf dem Feld nichts verloren. Dein Vater, Sola, er weiß das, nur deshalb schreibt er jetzt auch die Call Sheets.“

Als ich widerspruchslos schwieg, schien Jack mein schmales Unbehagen jäh bewusst zu werden.

Er sah zu seinem Sohn. „Was ist los?“

„Nichts.“ Elijah brummte. „Sola wusste es nicht, das ist alles.“

Sein Vater setzte eine jäh aufmerksam ernste Miene auf.

Es überraschte mich immer noch, wie schnell Jack Magniconte vom sprudelnden Charme einer gefeierten Sportlegende in gewöhnliche elterliche Rationalität wechseln konnte, ohne dabei im Geringsten an Persönlichkeit zu verlieren.

„Jayda hat sich ganz verrückt gemacht, als Jazz uns sagte, dass du in Berlin bist“, begann er nach einem Moment Stille. „Als die Nachrichten rund um den Winter Soldier und den Bruch der Avengers explodiert sind, hat uns das alle irgendwie beunruhigt. Ich weiß, ja, ja … Tony erwähnte im MetLife, dass er dich aus dem großen Superheldenbusiness raushält, aber wir wissen, wie das ist … Dann und wann hängt ihr Kids dann doch irgendwo Backstage fest. Immer nur darauf warten zu müssen, dass wir unseren großen Auftritt hinter uns bringen – das fordert eine Menge Geduld und Disziplin und ihr seid jung, hungrig -“

Ich zögerte, kalt erwischt. „Ja, ich hätte nicht zum Flughafen fahren dürfen, ich weiß, Sir, und ich wollte auch niemanden beunruhigen, nur ich dachte --- na ja, ich dachte, sie würden eher verhandeln anstatt zu kämpfen, wenn ich da bin. Es ging nicht darum --- irgendetwas zu beweisen oder so. Es war ---“ Ich zögerte, die Worte schienen mir irgendwie im Hals stecken zu bleiben. „Sie sind meine Familie“, gestand ich heiser, „irgendwie waren sie es … und --- ich wollte einfach nicht, dass irgendjemandem etwas geschieht. Nur deshalb bin ich hin. Um sie aufzuhalten. Um etwas zu tun.“

Ich liebe sie. Ich hatte es getan. Ungeheuerlich. Steve und Nat und Clint und --- jeden von ihnen.

Nicht bloß Captain America und Black Widow und Hawkeye; nicht den Teil von ihnen, den so viele liebten. Sondern den, der mich ohne zu zögern von der Schule abholte, wenn Tony und Happy es nicht bewerkstelligen konnten. Der mit mir zum Rollschuhfahren am Rockefeller Center ging und mir half über meinen eigenen Schatten zu springen. Der abends vor dem Zubettgehen noch einmal nach mir sah. Der mitten in der Nacht aufwachte und mich hielt, wenn ich mich hilflos in den Schlaf weinte.

Jack brach ab, blinzelte und schwieg. Ein seltsamer Ausdruck streifte kurz seine Züge, ehe er fast unmerklich nickte. Elijah ließ seinen Blick schweifen.

„Wir sind jedenfalls froh, dass du wohlauf bist, Sola“, versicherte er noch etwas ernster. „Melde dich bitte, wenn du irgendetwas brauchst. Jayda und ich wissen, wie schwierig das letzte Jahr für dich gewesen ist und wie herausfordernd in absolut jeder Hinsicht es wahrscheinlich immer noch sein muss.“

Ich nickte befangen. „Danke, Sir.“

Er drückte Elijahs Schulter und verschwand aus dem Bild. Sein Sohn sah ihm einen Augenblick nach, wie um sich zu vergewissern, dass er außer Hörweite war, ehe er mich wieder ansah.

„Er wusste nicht, dass du dort warst“, ließ er mich still wissen. „Bei den Kämpfen und Festnahmen am Flughafen.“

„Oh.“ Ich erstarrte. „Sorry, ich dachte …“

Vage schüttelte er den Kopf. „Kein Ding. Er wird es nicht herumerzählen oder so. Hat sich nur nicht richtig angefühlt, es ihnen schon zu sagen, wenn es … sonst keiner weiß.“

„Du bekommst keine Schwierigkeiten, oder, Magniconte?“

Elijah grummelte. „Wegen dir, Stark? Ständig.“

-/_\-

„Das ist gut“, sagte Daphne. „Oder nicht?“

Ihr Gesicht auf dem StarkPhone, das ich gegen mein angewinkeltes Bein gelehnt hielt, schien zwiegespalten, als mein Blick kurz zu ihr herüberglitt, ehe ich schon wieder auf den Fernseher zurücksah, auf dem Präsident Ellis vor wenigen Minuten zur Seite getreten war, um Tony eine vorgefertigte Ansprache verlesen zu lassen.

Es war gar keine Frage gewesen, ob wir uns die angekündigte Pressekonferenz gemeinsam ansahen oder nicht. Daphne hatte ganz selbstverständlich angerufen, ohne dass ich überhaupt hatte nachhaken müssen. Während wir beide noch ratlos dabei gewesen waren, uns auf denselben Nachrichtensender zu verständigen, waren wir schlussendlich bei WHiH World News mit der blonden Nachrichtenmoderatorin Christine Everhart hängen geblieben, die Jessy als Tonys letzte bekannte Affäre vor seiner Entführung durch die Zehn Ringe zu bezeichnen pflegte – etwas, das ich weder mit Sicherheit bestätigen konnte, noch jemals zu verifizieren gedachte, auch wenn sich mir die Vorstellung ihrer potential kurzlebigen romantischen Verflechtung nun jedes Mal aufdrängte, wann immer ich die blonde Moderatorin irgendwo auftreten sah.

Doch im Moment war es ohnehin nicht sie, die den kompletten Bildschirm einnahm, sondern das sorgsam deklarierende Gesicht meines Vaters, begleitet von einer sich ständig aktualisierenden Laufschrift am unteren Bildschirmrand.

Schon seit Präsident Ellis in Tonys Begleitung auf das Podium getreten war, hielt sich eine skeptisch gewappnete Stille zwischen Daphne und mir erhoben.

Zumindest hatte sie es, bis Daphne ihre vorsichtige erste Einschätzung geäußert hatte.

Das hier war gut. Oder nicht?

Die Wahrheit blieb, ich wusste es nicht. Und Daphnes Blick sagte mir, dass auch sie immer noch nach einem Haken fahndete.

Die dumpfe Spannung in meiner Brust hielt sich beharrlich, während ich Tony dabei zusah, wie er im Namen des Präsidenten auf vermutlich sämtlichen Kanälen zu den Vereinigten Staaten sprach und sich als neuer Direktor der Avengers einer intensiven Zusammenarbeit mit dem Außenministerium, dem Pentagon und – über allem – den Vereinten Nationen verschrieb. Und sie verdichtete sich noch einmal, als er den Meilenstein hervorhob, den das ratifizierte Sokovia Abkommen für die Weltgemeinschaft darstellte, und einen Ausblick auf die nun kommenden Aufgaben des verbliebenen Avengers Team warf, begonnen bei der Unterstützung der laufenden Fahndung nach den flüchtigen Avengers Natasha Romanoff und Steve Rogers, der Gefährdungsbewertung bereits inhaftierter wie auffälliger Individuen und der generellen Umsetzung der neuen Regularien innerhalb der teameigenen Talent-Akquise.

Tony stand im weltbekannten Rosengarten mit Präsident Ellis, seinem Presse- und Beraterstab und der Fassade des waschechten Weißen Hauses im Rücken. Erstaunlich viele Blüten standen noch in später zweiter Pracht und erhoben sich aus dem bereits seicht vergilbten Grün der bis ins Bild reichenden Wipfel und Hecken. Es schien kühl und ein wenig windig in der Hauptstadt, und doch getränkt von seichtem Sonnenschein, ganz im Gegensatz zu Manhattan. An den Scheiben des Avengers Towers rann der Regen seit gut einer Viertelstunde in Schlieren und Flüssen herab, trüb, freudlos und still.

Mit unbehaglich angezogenen Beinen verfolgte ich, wie sein Gesicht minutenlang im Bild verblieb, während Tony sprach, pausierte und seine Mundwinkel ab und an nüchtern freudlos zucken ließ, ohne auch nur eine Sekunde den fast schon beunruhigend gefassten Blick zu verlieren, der mir in seinem bitterernsten Nachdruck die Brust abschnürte, auch wenn er so wenig gegen mich gerichtet war, wie er nur sein konnte.

Jedes seiner Worte unterstrich Tony mit scheinbar müheloser Entschlossenheit. Die Kampfansage jedoch lag in seinen Pupillen, während er die Kamera kaum einmal aus seinem Blick entließ.

Ich ahnte, wem all dies galt. Und welche Botschaft es sandte.

Ihn hinter dem Emblem des Präsidenten zu sehen, die US-amerikanische Flagge im Rücken, ohne Iron Man Anzug, ohne Arc-Reaktor, ohne auch nur eine seiner ikonisch aufheiternden Sonnenbrillen, kultivierter und souveräner gekleidet als der Präsident selbst, verfehlte seine Wirkung nicht.

Ich bezweifelte, dass irgendjemand in diesen Sekunden Iron Man in ihm sah, geschweige denn den ehemaligen Waffenproduzenten, Showman und Visionär aus den täglichen Abendnachrichten, der er irgendwie immer noch war. Plötzlich schien es nur noch Beiwerk seiner neuesten, abgeklärtesten Reinkarnation.

„Ich habe ihn noch nie so gesehen“, gestand Daphne langsam. „Und ich meine, ich habe ihn schon echt angepisst erlebt. Damals in Montauk, da war er voll im Dad-Modus, als du raus in den roten Bereich bist. Oder als er dich letztes Jahr in Boston aufgesammelt hat, als du einfach aus New York abgehauen bist. Da war er echt null unterhaltsam, aber er war trotzdem … irgendwie er .“

„Gern geschehen.“

Sie hob die Mundwinkel angesichts meines trockenen Tons, aber behielt Augen und Stirn seicht zusammengekniffen, als erkläre sich ihr noch nicht recht, was sie von dieser bezeugten Wesensänderung halten sollte. „War er die letzten Tage auch schon so?“

Ich schluckte. „Nein“, gestand ich.

Es hatte diese Momente gegeben, ja, voller freudlosem Ernst und stillschweigendem Entschluss, aber nicht derart formell und abgeklärt, wie Tony sich in diesen Minuten gab.

„Er war …“ Ich brach ab und versuchte meinen Eindruck zu greifen, ohne zu viel zu sagen. Meine Gedanken begannen zu strudeln. „Na ja, er hat kaum gesprochen, hat gegrübelt. Er war sauer, aber nicht mehr wie vorher. Mehr --- als sei ihm jetzt klar, dass er sich etwas vorgemacht hat, denke ich …“

Und dasselbe fühlte ich auch. Eine Art Verlust, eine groteske Desillusionierung , die mich in ihrer Unumkehrbarkeit seit seiner Rückkehr aus Sibirien fast ein wenig taub machte.

„Er sagte gestern, dass er die Dinge regeln wird“, fuhr ich gesenkt fort. „Er hat es mir versprochen; mir gesagt, dass ich mir keine Sorgen wegen Berlin und allem mehr machen soll. Keine Ahnung, ob er es bloß gesagt hat, damit ich nicht weiter über alles nachdenke.“ Ich schluckte herb. „Und er hat auch gar nicht mehr --- von den Dingen am Flughafen gesprochen, nichts davon ...“

Daphne nickte still.

Ich sah ihrem immer noch besorgt gerunzeltem Blick an, dass sie Sinn aus dem Gesagten und den Nachrichten der letzten Tage zu machen versuchte.

Mein Puls zog an, während ich unversehens das StarkPhone wieder zur Hand nahm und zugleich noch etwas deutlicher auf unserer Rundcouch in mich zusammenrückte.

„Dev“, wisperte ich. „Bist du allein?“

„Ja.“

„Also, wirklich ? Niemand ist bei dir? Auch nicht … in der Nähe oder so?“

Ich sah, wie sie sich noch einmal mit einem schnellen Rundumblick versicherte. „Ja, die Tür ist zu.“ Ihre Stimme sank. „Wieso?“

„Okay“, begann ich mit schier aufpochendem Herzen, „du musst mir versprechen, dass du es niemandem – wirklich niemandem – sagst.“

Ihre Miene versank endgültig in Schatten aus Sorge und Verwirrung. „Was ist los?“

Tony sprach immer noch aus dem Fernseher, aber ich verstand nicht länger, was er vortrug, denn meine Ohren summten.

„Es ist am Wochenende noch etwas geschehen. Etwas --- wirklich Schlimmes .“ Tränen sammelten sich in meinem Blick. „Und du darfst es wirklich niemandem sagen, nicht einmal deiner Mum, okay? Nicht Jessy. Nicht Sid. Nicht einmal Cooper oder Lila. Niemandem . Versprich es mir.“

„Ja, versprochen“, versicherte sie und richtete sich etwas auf. „Sol, was …“

„Tony ist nach den Kämpfen in Leipzig nach Sibirien geflogen, um Steve zu helfen, Zemo aufzuhalten“, sackte es aus mir. „Aber als er dort war ---“ Ich wusste nicht, wie ich halbwegs verständlich zum Punkt kommen sollte, also schloss ich einfach die Augen und sprach die Wahrheit bitterklar aus: „Sie haben gegeneinander gekämpft. Steve hat ihn fast umgebracht. Dev, er wollte ihn töten .“

„Wen? Diesen Zemo?“

„Nein, meinen Dad .“

Ich sah, wie sie vage erbleichte. „Was? Wieso?“

„Ich weiß nicht, was genau geschehen ist, aber es ging um Barnes.“

„Den Winter Soldier.“

„ Ja , er hat --- Dev, er hat meine Großeltern ermordet. Tony hat es dort erfahren: Dass es gar kein wirklicher Autounfall gewesen ist.“ Ich schluckte gegen das harsche Knäuel in meiner Kehle an. „Er sagte, dass Barnes sie beide damals für Hydra verfolgt und in diesen Unfall getrieben hat und sie --- dort erschlagen und erdrosselt hat – und dass Steve das alles die ganze Zeit schon wusste.“ Meine Worte stolperten. „ Keine Ahnung wie , aber es kam raus und dann sind sie aufeinander losgegangen und Steve --- er hat ihm geholfen und nicht Tony.“ Ich presste meinen tauben Ringfinger zwischen Daumen und Handballen zusammen. Mein Sichtfeld verengte sich. „Barnes hat seine Mum und seinen Dad ermordet und er hat ihn verteidigt, Dev, Steve hat ihm geholfen . Er --- er hat Tonys Anzug ---“ Ich verlor kurz meine Stimme. „FRIDAY hat den Kontakt zu ihm verloren, sein Anzug war ein Totalschaden --- Dev, er hatte überall Blut im Gesicht --- und wenn FRI keinen Ersatzanzug geschickt hätte, wäre er --- er wäre vielleicht nie heimgekommen.“

Sie starrte mich an. „Sola-“

„Du darfst es niemandem sagen!“, unterbrach ich gleich wieder atemlos und wischte mir fest die Tränen aus dem Gesicht. „Wirklich, Dev, es weiß niemand, was geschehen ist.“ Unversehens wieder rau gefasst atmete ich aus. „Nur Pepper und ich.“

Still schloss Daphne die Lippen und nickte.

Ich blinzelte fest. Atmete weiter.

Auf der Pressekonferenz war man inzwischen zu Fragen aus dem Plenum übergegangen. Eine gedämpfte, kaum verständliche Journalistenstimme außerhalb des Bildes erkundigte sich, was Tonys erste Amtshandlung als Nick Furys geistiger Nachfolger sein würde.

Tony verlagerte fast unmerklich sein Gewicht. Er sah unbewegt drein. Seine Haarspitzen flimmerten im aufkommenden Wind. „Zunächst einmal distanziere ich mich von diesem Vergleich“, erwiderte er. „Was meine erste Amtshandlung als neuer Direktor der privatisierten Avengers Initiative sein wird? Gebäudesanierung, Netzwerkintegration und Reparaturzahlung, wenn mich nicht alles täuscht.“ Er hielt inne. „Wir tauschen die Schlößer aus und kehren die Scherben zusammen.“

„Es existieren demnach keine Pläne, die Avengers Initiative dem Verteidigungsministerium oder einer speziellen Behörde oder Task Force der Vereinigten Staaten zu unterstellen?“

„Die Avengers verbleiben eine planetare und damit international agierende Verteidigungseinheit.“

„Das heißt-“

„Das heißt Nein.“

Die Kamera verblieb unverändert auf Tonys Gesicht, als bereits der nächste Medienvertreter zu Wort kam. „MSNBC“, identifizierte sich dieser. „Mr. Stark, ist das Avengers-Team in seiner derzeitigen Besetzung überhaupt noch einsatzfähig?“

„Absolut.“ Tony wirkte tatsächlich überzeugt. „Mit Iron Man, Thor und Vision, wie auch einigen vielversprechenden Anwärterkandidaten, besteht eine unverändert ausreichende Einsatzfähigkeit, um potentiell aufkommende planetare wie intergalaktische Bedrohungen zeitnah zu beantworten.“

Daphne atmete aus. „Ist das wahr?“

„Keine Ahnung“, antwortete ich tonlos.

„-ob das United States Department of Damage Control , in dem Sie ebenfalls eine Leitungsfunktion ausüben, nun der Avengers Initiative angegliedert wird?“

„Das ist nicht der Fall. Das DODC bleibt als eigenständiges Joint Venture zwischen der Regierung der Vereinigten Staaten und Stark Industries bestehen.“

Tonys Blick wanderte hinüber zum nächsten Journalisten, der irgendwo abseits der Kamera von dem nahebei stehenden Pressesprecher ausgewählt wurde, indem dieser ihn mit knappem Fingerzeig zu Wort nahm. „Mr. Stark, stehen Sie in irgendeinem Kontakt zu Captain Rogers?“

Unruhe erhob sich.

„Ich stehe weder in Kontakt zu Captain Rogers, noch ist mir sein gegenwärtiger Standort bekannt, noch konnten wir bislang den Quinjet ausfindig machen, den er und James Barnes stahlen, um vom Flughafen Leipzig-Halle zu entkommen.“ Sein Blick verschloss sich. „Und täte ich es, würde ich ihm empfehlen, sich unverzüglich den Behörden zu stellen, um die Gefährdung weiterer unbeteiligter Personen und Familien zugunsten eines flüchtigen Mehrfach attentäters zu beenden.“

Tony sah zur Seite, wie um sich zu vergewissern, nickte knapp und trat vom Rednerpult zurück.

WHiH World News wechselte zurück ins Studio, in dem die blonde Moderatorin Christine Everhart bereits eindringlich in die Kamera sah. „Sie haben es soeben gehört, Tony Stark tritt als neuer Direktor unter regulatorischer Aufsicht der Vereinten Nationen an die Spitze der Avengers Initiative und verpflichtet sich nochmals der Einhaltung des heute Morgen in New York City ratifizierten Sokovia Abkommens, einer neu geltenden Richtlinie zur zentralen Registrierung weiterentwickelter Individuen und ihrem Einsatz.“ Sie richtete sich etwas auf. „Wir schalten nun zu unserem politischen Korrespondenten Will Adams in Washington D.C.“

Eine neue Bildkachel mit einem brünetten Mann in aufziehender Brise vor den Toren des Weißen Hauses erschien.

„Will, es ist gar nicht so lange her, dass Tony Stark mit spektakulären Auftritten und Aussagen zur laufenden Superhelden-Debatte rund um die drohende Beschlagnahmung seiner waffenfähigen Anzüge im Senat für Aufruhr sorgte. Nun erhält er Präsident Ellis‘ ausdrückliche Unterstützung, die Avengers Initiative nicht nur fortzuführen, sondern fortan unter der Aufsicht der Vereinten Nationen zu leiten – und hat diese Verantwortung tatsächlich so auch angenommen. Was steckt hinter diesem bemerkenswerten Kurswechsel?“

„Nun, Christine, Tony Starks beachtlicher Imagewandel lässt sich bereits seit gut einem Jahr beobachten, seit der Ultron-Katastrophe in Sokovia. Sein neubezeugtes Interesse in die Politik weckt zweifellos Erinnerungen an 2008 und das sehr abrupte Ende der Waffenproduktion von Stark Industries im Anschluss von Starks mehrmonatiger Geiselnahme durch die terroristische Gruppierung der Zehn Ringe in Afghanistan. Es gibt Stimmen, die auch sein jüngstes Rebranding hauptsächlich dem doch intensiven Backlash zuschreiben, den das Team der Avengers, aber allen voran Iron Man nach der Sokovia-Katastrophe auf die fehlende Regulatorik rund um viele seiner Technologien und ihre teils zerstörerischen Potentiale erlebte. Meines Erachtens lässt sich jedoch nicht außer Acht lassen, dass sich auch Starks privaten Verhältnisse seit letztjährigem Sommer grundlegend verändert haben. Und das, so wörtlich, über Nacht .“

„Sie sprechen von Sola Stark Waters, seiner minderjährigen Tochter, die nach dem tragischen Unfalltod ihrer Mutter im vorigen Jahr doch sehr überraschend in seine elterliche Obhut gelangte.“

„Genau, eine Fünfzehnjährige, die als Halbwaise nun insbesondere auf stabile familiäre Verhältnisse angewiesen sein dürfte-“

„Wow“, murmelte Daphne trocken, aber ich wusste doch, dass es irgendwie stimmte, was WHiH World News soeben aussprach.

Clint hatte es ähnlich formuliert, in Berlin. Du hast in dieser Sache keine Wahl, du musst an Sola denken , raunte es in mir nach. Tony hatte es nicht abgestritten.

Nie.

Nicht einmal, als ich es ihm auf unserem Flug zurück vom Raft unglücklich vor die Brust geworfen hatte, das Abkommen nur wegen mir unterschrieben zu haben.

Mein StarkPhone summte kurz auf und Daphnes vage gehobenen Brauen verschwanden hinter FRIDAYs Erinnerung, etwas zu Abend zu essen, ehe ich ihre freundlich gefasste Aufforderung knapp bestätigte, damit sie nicht den Fernseher kaperte und meine Aufmerksamkeit etwas aggressiver erzwang.

Während ich mir widerstrebend ein Sandwich mit gegrilltem Käse machte, telefonierte ich noch ein wenig mit Daphne. Wir wechselten das Thema, fort von den Avengers und der Pressekonferenz, die nun im Fernsehen haarklein durchleuchtet und auf ihre vermeintlichen Kernbotschaften herunter destilliert wurde, wie ich aus dem Augenwinkel mitbekam. Ich kaute und summte bestätigend, als Daphne mich mit einer Liste absurd schöner Geheimtipps besonderer Surflocations rund um den Globus unterhielt, die sie mir als neue Ausflugsliste in Tonys Wochenendkalender einzuspeisen empfahl, ehe ich sie dumpf daran erinnerte, dass ich erstmal schon froh wäre, überhaupt New York City wieder betreten zu dürfen.

Sie schnaufte, als habe sie ein widerwillig belustigtes Einsehen. Dann erzählte sie mir, dass Harley am Thanksgiving-Wochenende in gut einem Monat mit einer Schulexkursion nach Boston kommen und sie sich dort sehen würden.

Sie fragte nicht, wann ich es vielleicht ebenfalls wieder zu ihr schaffte, auch wenn es trotz allem irgendwie zwischen uns im Raum stand.

Als sei es deutlich wahrscheinlicher, dass ich Tony dazu bekam, mich für ein Wochenende nach Chicama oder Tavarua zu fliegen, aber nicht zweihundertvierzig Meilen in meine Heimat.

Auf WHiH World News blickte Christine Everhart immer noch bedeutsam in die Kamera, während inzwischen kurze Ausschnitte der beendeten Pressekonferenz aufgegriffen und im Kontext einer fortlaufenden Berichterstattung wiederholt wurden.

Da Daphne angesichts meiner gedankenvollen Abwesenheit selbst wieder merklich stiller wurde, verabschiedeten wir uns schließlich mit dem leisen Versprechen, dass ich sie nach dem Zubettgehen nochmal anrief, um gemeinsam einzuschlafen. Noch etwas, das wir früher viel häufiger getan hatten.

Ich sah ihr an, dass sie noch mehr sagen wollte, aber es nicht tat.

Und doch – allein in ihren Augen zu sehen, dass sie nun endlich wirklich verstand, was an diesem Wochenende geschehen und um mich herum kollabiert war, perlte wie zäher Balsam in meiner Brust.

-/_\-

„Hey.“

Ich blinzelte.

Verwirrt öffnete ich die Augen, als ich eine warme Hand auf meiner Schulter bemerkte, die sich gerade wieder entfernte. Ich rieb mir die Braue und richtete mich auf. Das Tablet rutschte an mir herab, ehe ich noch begriff, dass ich mitten im Grübeln auf der Couch eingeschlafen war. Als habe er es bereits erahnt, griff Tony die gräulich transparente Scheibe noch in ihrem Schlitterkurs meinen Bauch hinab und warf einen beiläufigen Blick auf das sich umgehend aktivierende Display.

„Toroidalrollenlager“, erkannte er ohne Umwege. Seine dunkle Braue regte sich ein kleines Haarbreit. „Saubere Lösung, gute Wahl.“

„Sagte FRI auch.“

Meine Stimme noch dunkel und heiser vor Schlaf, nahm ich ihm das Tablet mit meinen exklusiven Stark-Premium-Lernmodul zu Wälzlagern prompt wieder aus der Hand. Grummelnd setzte ich nach, dass ich es mir allerdings nicht wirklich hatte ansehen können, auch wenn ich es bewusst leise genug tat, damit er meine Kritik an meinem streng reglementierten Bewegungsradius selbst innerhalb unserer vier Wände nicht ernsthaft vernahm.

Tony wandte sich ab und warf lediglich einen beiläufigen Blick zu meiner unverständlich murmelnden Gestalt zurück, ehe er seine seidene Krawatte lockerte, sein Sakko über die Rückenlehne der Rundcouch legte und einen beiläufigen Rundumblick durch unser ruhiges Penthouse warf.

Er schien nachzudenken, bis er bemerkte, dass ich ihn stillschweigend musterte. Knapp auffordernd nickte er zu mir herüber. „Was ist?“

Ich wich seinem Blick aus, hob langsam die Schulter und legte das Tablet beiseite auf den schimmernd polierten Couchtisch. „Weiß nicht“, antwortete ich. „War nur … irgendwie seltsam, dich dort zu sehen.“ Ich schluckte. „Vor dem Weißen Haus und alles.“

„Seltsamer als vor dem Bellagio?“

Ich verdrehte die Augen, wenn auch bloß, um seinen Lockerungsversuch nicht verdächtig unerwidert an meinem sich bereits wieder innerlich zementierenden Unbehagen zerschellen zu lassen.

Tony trat zwei ziellose Schritte weiter und griff sich das oberste Blatt von meinem unordentlichen Stapel Schulkram am anderen Ende der Rundcouch.

Er betrachtete den rot notierten Prozentwert, ehe er das Deckblatt meiner Mathearbeit auch schon betont imponiert in meine Richtung umschlug.

„Hab doch gesagt, es lief gut …“, brummte ich bloß.

Für eine Sekunde schien er ehrlich amüsiert, ehe er das Blatt schon etwas desinteressierter auf der Suche nach den fehlenden vier Prozent überflog und ich einen nicht minder halbherzigen Satz nach vorne machte und ihm die Arbeit wieder aus der Hand schnappte.

Tony schloss demonstrativ die leer verbliebenen Finger.

„Es ist ein A“, summte ich. „Kein Grund, es über zu analysieren.“

„Ich war bloß dabei die Meisterleistung zu bewundern.“

„Hm, klar.“

Ich atmete aus.

„Kann ich jetzt wieder runter auf die anderen Ebenen?“, versuchte ich es bemüht gelangweilt und doch zugleich vage kleinlaut, ehe mich noch ganz der Mut verließ, das Thema so früh nach allem auch nur anzuschneiden.

Tony hob eine Braue. „Nope.“

Ich versuchte wenig enttäuscht dreinzusehen, als sei es wirklich nicht mehr als ein trockener Witz gewesen, von dem ich mir sowieso nicht besonders viel versprochen hatte. Tony knuffte mich in die Schulter, nahm sein Sakko wieder auf und verschwand mit dem beiläufigen Befehl, ihm ein anständiges Sandwich zu machen, während er sich umzog.

Stumm zog ich mein StarkPhone heraus und fotografierte das Deckblatt meiner Mathearbeit, um es in Hoffnung auf etwas überschwänglichere Reaktion an Pepper weiterzuleiten.

Erst als ich ihr Profilbild auswählte, realisierte ich, dass sie mir geschrieben hatte:

20:17 Uhr CayennEO: Liebes, FRI sagte du schläfst, deshalb rufe ich nicht an. Ich wollte dir aber zumindest kurz Bescheid geben, dass Tony und ich heute noch über eine Pressemitteilung unsere Pause bekannt geben werden, damit es die kommenden Tage zu keinen wilden Spekulationen kommt. Wir müssen uns überlegen, wie es weitergeht, aber erstmal wollte ich sichergehen, dass du von der PM nicht überrascht wirst. Tony erklärt es dir, wenn er wieder da ist. xo

Mit dichter Brust verstand ich, dass ich es irgendwie den ganzen Nachmittag bereits kommen gesehen hatte.

Tony hatte sich heute für das nächste Kapitel Iron Man entschieden und das sichtbar für die Welt. Nun war es Pepper, die entscheiden musste, ob sie auch weiterhin darin vorkam.

Mein Atem ging schwer, denn etwas in mir kannte die Antwort.

Ich ließ das StarkPhone sinken und zwang mich gefasst zu schlucken, als ich wiederholt zu dem gewaltigen Rosenbouquet sah, das in Maiglöckchen erstickte.

Musik:

Crossfire - Stephen