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Boston Code

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Boston Code

Kapitel 3: Boston Code

Ich war noch nicht wirklich in Aufbruchsstimmung, als wir nach Malibu Point zurückkehrten, trotzdem schickte mich Tony umgehend empor, kaum dass wir in der weiten Garage hielten und die Autotüren hinter uns zuwarfen.

Während ich noch instinktiv vor der kleinen Vitrine seiner Anzüge innehielt und meine Hand über das kühle Metall der Tischplatte seiner Werkbank wandern ließ, bereits wähnend in meine letzten Versuche versunken, einen makellos funktionsfähigen Zwischenkreiskondensator zusammenzubauen, scheuchte er mich schon weiter in Richtung Glasbegrenzung.

„Um Ta-Elkos und Supercaps kümmern wir uns im Tower-“

Ich schmunzelte. „Supercaps?“

„Hat nichts mit dem Cap zu tun. Superkondensatoren. Sind noch viel charmanter. Du wirst sie lieben.“ Er dirigierte mich durch die Tür und weiter die Treppe hinauf. „In dreieinhalb Stunden heben wir ab“, ließ er mich wissen. „Abfahrt ist um halb sechs – mit oder ohne Gepäck. Bleibt dir überlassen. FRI assistiert gerne beim Packen.“

Als er wieder zurücktrat und die Glastür hinter mir schloss, funkelte ich mild zu ihm herüber. Er beantwortete es mit einem liebevoll selbstzufriedenen Lächeln, das mich restlos überzeugte, dass er die nächste Stunde bei bester Musik mit seinen neuesten Projekten, wenn nicht gar auf dem Testfeld verbringen und seine schönste Zeit verleben würde.

Widerwillig stieg ich die Treppe in die Lounge hinauf, sah mich einen Augenblick in dem weiten, glänzend verwaisten Raum um, sammelte meinen babyblauen West Coast-Hoodie von der gewaltigen Rundcouch sowie zwei brandaktuelle Surf-Magazine vom nahen Piano, dessen Existenz mir nach wie vor ein Rätsel aufgab, da ich Tony nie auch nur eine einzige Taste darauf hatte anschlagen sehen, dann schlurfte ich schon weiter die gewundene Treppe hinauf in mein Zimmer.

Lustlos warf ich Magazine und Hoodie auf mein Bett, wechselte in mein Nebenzimmer und warf mich geradewegs auf die Couch meines privaten Entertainmentbereichs. Ich zückte mein StarkPhone und begann zu scrollen.

Nachdem ich die wichtigsten Nachrichten in etwaigen Apps überflogen hatte, schrieb ich mit Daphne. Ich berichtete ihr von meiner heutigen Fahrt mitsamt aller Lappalien sowie vom El Matador Beach, schickte gleich noch ein paar fantastische Fotos hinterher und erkundigte mich, wie es ihr und den anderen ging.

Ihre Antwort ließ nicht lange auf sich warten.

So kurz vor dem Ende der Ferien, schienen alle ein wenig verstimmt, allen voran ihr Bruder, Louis, der nicht sonderlich viel von seinem brandneuen Schulrucksack hielt und dies Daphne und ihre Mum bereits seit satten acht Stunden eindringlich wissen ließ, wie sie mir gewohnt trocken berichtete. Da ihre Mum noch dazu ausgerechnet heute eine Schicht mehr einlegte, hatte sie Sids Einladung zu einem letzten Grillabend vor dem neuen High School-Jahr ausschlagen müssen. Zu dem würden nun vermutlich alle aufschlagen, während sie selbst mit Louis festsaß und dabei zusehen durfte, wie er ein möglichst perfides Versteck für den verhassten neuen Rucksack zu finden versuchte, das jede entschlossene Suchaktion seiner Mum bis Montagmorgen überdauern würde.

Umgehend erbot ich meine kriminellen Energien:

15:57 Uhr Ich: Sag ihm, er soll ihn unter die Nähmaschine packen. In die Kisten im hinteren Schrank. Da schaut sie doch nie nach. Das hat bis jetzt immer funktioniert.

15:57 Uhr DevilTunes: Mach es selbst. Wenn Mum herauskriegt, dass ich ihm geholfen habe, packt sie mein Zeug zusammen und schickt mich nach Delaware.

Ich prustete sacht, dann seufzte ich schon wieder, denn ihre Worte richteten meine Aufmerksamkeit schlagartig auf die Uhr und meinen nach wie vor ungepackten Koffer zurück.

Rasch schickte ich meinen Vorschlag geradewegs an Louis weiter und verabschiedete mich von Daphne, sprang schnell unter die Dusche und warf kurz darauf mit nassen Haaren und nach Jojobaöl duftender Haut alles zusammen, was ich zwingend nach New York zurückzubefördern gedachte. Mein Koffer war immer noch ein heilloses, unverändertes Chaos, als mich FRI informierte, dass unsere Pizza eingetroffen war.

Achselzuckend folgte ich der verbal ausgelegten Futterspur.

Ich war halb verhungert, deshalb stürzte ich mich ohne viele Worte auf den nächsten Karton in der Küche, verspeiste gleich drei gewaltige, deftig schlackernde Stücke und verfolgte, wie Tony in kurzem Austausch mit FRIDAY das Ferienprotokoll für Malibu Point einleitete, dann schnappte ich mir eine kalte Soda aus dem Kühlschrank, verschwand schon wieder nach oben und sammelte in einem zweiten Rundumschlag alles ein, was mir während des zweckdienlichen Kauens und Schluckens noch so in den Sinn gekommen war.

-/_\-

Als wir schlussendlich am Flughafen ankamen, lag nach wie vor eine beharrlich brütende Hitze auf L.A.

Das Rollfeld war so heiß, dass ich den Asphalt durch die Sohlen meiner Sandalen hindurch strahlen spürte, als wir den Kofferraum ausluden und die wenigen Meter zum wartenden Jet von Stark Industries überquerten. Es war der größte der Unternehmensflotte und der, den ausschließlich Tony und das vorrangig privat nutzte, wie ich inzwischen wusste. Während er noch das wenige Gepäck an einen zuständigen Flugbegleiter überantwortete, stieg ich bereits die steilen Stufen der Gangway hinauf und warf einen letzten Blick zurück über den von meterhohen Palmen gesäumten, grauen Platz.

Auch dieses zweite Mal hatte ich ein paar fantastische Wochen an der Westküste verlebt – inzwischen erschien sie mir fast eine Zuflucht.

Sonnig, niemals trüb und immerdar.

Und doch freute sich etwas in mir ebenso sehr heimzukehren. Nicht nur wegen Pepper.

Nein, wenn Tony sein Wort hielt, begann mit dem neuen Schuljahr nicht nur mein zweiter Wurf in New York, sondern auch unser persönlicher Testflug neuer Bewegungsfreiheiten. Alles daran war so vielversprechend, dass es mich beinahe kribbelig machte, auch wenn ich mich diesmal zwang, anders als in den Wochen vor meiner Ankunft in der Bosworth, mich nicht zu sehr in Hoffnungen und Traumbildern zu verrennen, solange ich unser neuestes Arrangement mitsamt all seinen neuen Herausforderungen nicht wirklich kennengelernt hatte.

Im direkten Vergleich zu außerhalb war es in der Innenkabine des Jets so kühl klimatisiert, dass ich umgehend zu frösteln begann und meinen Hoodie überwarf, ehe ich mich noch auf den nächstbesten cremeweißen Sitz plumpsen ließ.

Mein StarkPhone vibrierte.

18:22 Uhr BigMeg: Wir sind morgen Nachmittag zurück. Sehen wir uns vor Montag? Wo steckt ihr?

Obwohl mein Magen sacht schlingerte, tippte ich eine schnelle, unverfängliche Antwort:

18:23 Uhr Ich: Heben jetzt gleich ab.

18:23 Uhr BigMeg: Ok. Ruf mich an, wenn ihr angekommen seid.

18:23 Uhr Ich: Mitten in der Nacht?

18:24 Uhr BigMeg: Schlaf unterwegs. Das passt schon.

Ich gluckste, denn ich wusste zu gut, mit welchem trockenen Unterton er dies verfasst hatte, doch etwas in mir zog sich noch weiter zusammen, während ich auf mein transparentes Display stierte und mich fragte, wie ich etwas so Gutes, Neues und Echtes so schnell hatte ruinieren können. Meine wochenlange Heimlichtuerei rund um meinen Schulwechsel würde jedenfalls ganz sicher nicht auf Elijahs Humor stoßen.

18:26 Uhr BigMeg: LY.

Blinzelnd erstarrte ich.

Obwohl mir das Herz jäh bis zum Hals schlug und, ja, auch ein wenig schwellte, zwang ich mich, nicht auszuflippen und ruhig zu bleiben. Es gelang mir halbwegs, auch wenn ich keine Worte fand, seine Nachricht guten Gewissens zu erwidern.

18:28 Uhr BigMeg: Ok. Wäre 143 besser gewesen? Hab gehört, das ist Boston Code.

Schnell entschied ich mich für einen ebenso saloppen Spruch, der ihn vorerst unterhalten und im bitteren Nachhinein hoffentlich nicht wehtun würde:

18:28 Uhr Ich: Boston schlägt NYC jederzeit.

Ich hatte kaum auf senden gedrückt, da erschien Tony. Ich hörte die bislang leise pochenden Turbinen in einen etwas aktiveren Rhythmus fallen, während er die Außentür bereits fest verriegelte, den Piloten sein kurzes Signal gab, die Kabinentür hinter sich zuzog und sich am Tisch zu meiner Rechten niederließ.

Gleichmütig überschlug er seine Beine, ehe er schon zu mir herübersah. „Alles paletti?“

Ich nickte und hoffte zugleich, dass ich trotz meines immer noch flatternden Herzens nicht weiter errötet war. Instinktiv schob meine Hand mein Smartphone ein wenig über den Tisch.

Obwohl er mich eine weitere Sekunde musterte, sagte er nichts.

Der Jet setzte sich in Bewegung. L.A. glomm golden und grell in der tiefen Abendsonne. Das Licht brach sich auf meinem transparenten Display und ließ den Bordtisch darunter in einem kleinen Regenbogen aus Schlieren schimmern. Kaum an der Startbahn angekommen, schwoll das hohe Summen der Turbinen an.

Auf meinem StarkPhone leuchtete eine Antwort auf:

18:34 Uhr BigMeg: Starke These. Dad sagt, wir überprüfen sie in zwei Wochen auf dem Feld.

-/_\-

Die ersten zwei Stunden unseres Fluges taten wir beide nicht viel mehr, als uns mit uns selbst zu beschäftigen, während auf dem kleinen Bildschirm an der Bordwand im Hintergrund leise CNN lief. Ich sah nicht wirklich hin, obwohl zwischenzeitlich auch das Gesicht von Außenminister Ross darauf erschien, dessen Kurzbericht Tony wachsam von seiner bis dahin schweigsamen Beschäftigung aufblicken ließ.

Während er auch dem darauffolgenden Bericht zur sensationellen Architektur des kürzlich fertiggestellten Raft -Hochsicherheitsgefängnis lauschte und beiläufig E-Mails weiterschrieb, erhob ich mich irgendwann, verschwand weiter nach hinten und entschied mich Elijahs mehr scherzhaften Rat zu folgen. Ich zog ein kleines Kissen und eine herrlich weiche Baumwolldecke mit schmalem SI-Logo aus einer der Fächer, schielte einen Augenblick zum nächsten Schlafsessel, dann verwarf ich den Gedanken, griff mir im Vorbeigehen eine Flasche Wasser und verschwand hinter die Bar und die Badkabine in den rückwärtigen Teil des Jets, der ein schmales und recht gemütliches Bett beinhaltete, wie ich schon seit unserem Flug nach Japan wusste.

Ich machte es mir gerade mit überkreuzten Beinen und eingeschaltetem Schlaflicht darauf gemütlich und stöpselte mir ein paar Kopfhörer ein, als Tony jäh um die mahagonigetäfelte Badkabine trat und mir unverhofft sein Tablet in den Schoß warf.

„Pepper sagt, du hättest das schon heute Morgen erledigen sollen.“

Verwirrt sah ich auf das Display hinab, auf dem eine geöffnete E-Mail lag, die mir tatsächlich wohlbekannt war. Es war eine Liste an Wahlfächern, die die Midtown High anbot und bei denen ich mich für gleich fünf zu entscheiden hatte. Ich war bei zweien noch recht unentschlossen gewesen, deshalb hatte ich es irgendwann beiseitegelegt und im Laufe des Tages wieder vergessen.

Tony wartete meine Reaktion gar nicht erst ab und wies bloß auf das Tablet hinab. „Ankreuzen. Sie muss es heute noch weitergeben.“

„Hm, okay.“

Er sah mich kurz an, wie um mich daran zu erinnern, dass der Schulwechsel vordringlich meine Idee gewesen war, dann wandte er sich ab. Ich hatte gerade das Tablet aufgenommen, als er mitten im Schritt doch noch einmal auf dem Absatz drehte. „Noch etwas. Um es festzuhalten, ehe wir beide es ganz schnell unter den Teppich kehren und vergessen: Wenn du noch einmal Idiot vor einem größeren oder kleineren Würdenträger in meine Richtung brummst, hat es sich ausge- tony -t. Dann bin ich eine ganze Woche nur noch ‚ Mr. Stark, Sir ‘. Capiche? “

Ich wusste nicht, warum er ausgerechnet nun darauf zu sprechen kam, obwohl er meinen kleinen beleidigten Ausrutscher während unserer Straßenverkehrskontrolle vorher nicht weiter kommentiert hatte und davon auch nicht sonderlich brüskiert erschienen war. Tatsächlich hatte er mich vor dem Officer nur weiter gepiesackt, um es mich umgehend bereuen zu lassen. Und auch jetzt konnte ich nicht recht einordnen, wie ernst es ihm wirklich war, denn noch immer klang er entspannt und insgeheim so gut aufgelegt, dass es auch mehr neckend pflichtschuldig gemeint sein mochte, aber irgendetwas in mir war sich bewusst, dass er es nicht bloß pro forma aufgriff.

Vage Beschämung überkam mich, als ich mir jäh bewusst machte, dass ich Mum gegenüber nie so ein Wort fallen gelassen hätte – nervöse Empörung hin oder her.

„Ich habe es gar nicht gesagt …“, nuschelte ich.

„Aha.“

Ich errötete. „Nicht richtig .“

„Hm. Glatte Lüge.“ Sein Ton blieb so unaufgeregt wie unbeeindruckt. „In Ordnung, Intention unbekannt. Im Zweifel für den Angeklagten und so weiter.“ Meisterlich verwarnend wies er auf mich. Mir entging der friedliche Humor in seiner Mimik so wenig wie der ernste Nachdruck.  „Das nächste Mal wird’s schwieriger.“

Schnell nickte ich.

Ich hatte ihn schon Schlimmeres genannt, das wusste ich, aber nicht seit … nun, seit wir unsere gleißenden Missverständnisse aus der Welt geschafft hatten.

Ein Lächeln zuckte um seine Mundwinkel, obwohl er merklich dagegen anging. Er nickte mir wieder zu. „Ankreuzen und absenden“, wiederholte er und verschwand schon wieder in den vorderen Teil des Jets.

Gehorsam senkte ich meinen Blick auf die Liste und lehnte mich in die Kissen zurück.

Bitte wähle Wahlfächer für das 10. Schuljahr:

Sprachen

O Spanisch - Aufbaukurs

O Französisch – Aufbaukurs

O Latein - Aufbaukurs

O Italienisch - Grundkurs

O Mandarin & Kantonesisch - Grundkurs

O ASL - Grundkurs

Ergänzende MINT-Fächer

O Umweltkunde

O Programmierung

O Konstruktionslehre

O Robotik

O Web-Design

O …

Mein Blick sprang weiter hinab über die Kunstsparte, die mit Fächern wie Fotografie , Film , Orchester bis hin zu Holzarbeiten aufwartete und noch weiter zu anderen Sparten, die unter anderem Wirtschaftslehre , Soziologie , Journalismus und öffentliches Reden aufführten.

Ich seufzte und scrollte zurück zum Hinweisfeld.

In der Wahlfächerauswahl müssen zwingend Sprache, sowie ergänzendes MINT-Fach enthalten sein.

Nun, das war nicht meine Herausforderung, befand ich. Zielsicher kreuzte ich Spanisch an, was ich ohnehin bereits begonnen hatte, und setzte auch schon Robotik hinterher. Ein Selbstläufer, wie ich vermutete, jetzt da Tony mich ohnehin an all diese Themen heranführte. Auch Wirtschaftslehre war schnell besiegelt. Ich hatte Ökonomie an der Bosworth geliebt – die Chancen standen deshalb recht gut, dass dieser Kurs mir ebenso gefallen würde.

Noch zwei , resümierte ich.

Die Künste lockten mich nicht sehr und noch weniger taten es all die Fächer, die irgendetwas mit freiem oder kreativem Schreiben zu tun hatten.

Konstruktionslehre .

Nachdenklich ließ ich meinen Fingernagel über die abgerundeten Glaskanten von Tonys Tablet wandern. Mein Stundenplan quoll zwar in Anbetracht der Pflichtfächer der Midtown High bereits vor MINT-Fächern über, aber es machte Sinn, entschied ich, in Gedanken ganz bei meiner ganz eigenen holografischen Werkbank, die im Avengers Tower auf mich wartete.

Wenn ich eigene Projekte angehen wollte, musste ich schließlich auch Dinge wie das technische Zeichnen beherrschen, nicht? Ich sah Tony nahezu täglich mit solchen Konstruktionsplänen hantieren.

Kurzerhand setzte ich mein Kreuz.

Und dann spürte ich meinen Magen schleichend in meinen Schoß hinabsinken, denn ich wusste, was meine fünfte Option war. Es war dieselbe, die mich schon am Morgen von der endgültigen Entscheidung abgehalten hatte, denn ich ahnte, dass sehr viel mehr als generelle Neugier dahintersteckte, dass ich ausgerechnet dieses Fach derart verhohlen ins Visier nahm, seit mein Blick darauf gefallen war.

Befangen ließ ich das Tablet sinken, sah aus dem dunklen, ovalen Fenster und hinab in die trübe, dichte Wolkenmasse unter uns, die die Lichter aller darunterliegenden Orte verbarg.

Ich hielt die Luft an.

Dann tat ich es doch. Ich setzte mein letztes Kreuz bei Ethik .

-/_\-

„Du musst damit aufhören.“

Peppers ruhiger, still sorgender Hinweis, als sie Tony ein hohes Wasserglas vorsetzte, erreichte gerade noch mein Ohr, als ich am nächsten Morgen zu einem recht späten Frühstück die Stufen in die Wohnlounge hinabstieg und die beiden in der Küche antraf.

Tony hob die linke Hand in betont lösungsferner Geste, fixierte für eine Sekunde bloß ihre unverändert beschwörende Miene, die sich von seiner Unbeweglichkeit nicht beirren ließ, dann schob er etwas genervt von einer Wange in die andere und trank das Wasserglas in einem Zug aus.

Ibuprofen , riet ich aufs Geratewohl.

„Wir haben eine gewaltige Menge getan.“ Ihre Stimme wurde schon wieder sachlich. „Wir haben finanzielle wie strukturelle Hilfen auf den Weg gebracht, dutzende Hilfscorps der firmeneigenen Katastrophenhilfe stationiert und noch dazu habt ihr ein eigenständiges Team ins Leben gerufen, das sich um sämtliche Anfragen rund um Sokovia und jedem anderen eurer Einsatzgebiete kümmert und die entsprechende Unterstützung leistet, sofern erforderlich … Wenn irgendjemand trotz allem noch der Meinung ist, unzureichend bedacht oder übergangen worden zu sein, kann er seine Lage jederzeit bei uns anzeigen. Die Kanäle stehen offen. Mehr kann wirklich niemand erwarten.“

Tonys Stirn sank in Falten verstimmten Widerspruchs.

„Ja, mag sein“, kam Pepper ihm schon zuvor, ehe er noch Atem holen konnte. „Und sie irren sich.“ Zielsicher sammelte sie ihr StarkPhone von der Kücheninsel. Sie senkte ihre Stimme auf ein beherztes Raunen. „Dass ich der Meinung bin, dass du kürzer treten solltest, bedeutet nicht, dass ich es gutheiße, dass sie schon wieder von Enteignung sprechen“, stellte sie klar. „Das hilft nun wirklich niemandem …“

„ Wer spricht von Enteignung?“, fragte ich, zupfte mein T-Shirt im Nacken zurecht und ließ mich lustlos gegen den nächsten Stehhocker sinken.

Pepper schenkte mir ein freudloses Lächeln. „Die üblichen Verdächtigen.“

„Senator Boynton?“

Anscheinend traf ich ihren Humor, denn sie lachte herrlich dunkel auf und presste die Lippen zusammen. „Nein. Auch wenn ihm der Wortlaut dieser Sache gefallen dürfte …“ Ehe ich tiefer bohren konnte, tätschelte sie mir bereits die Hand. „Ich muss jetzt los. Wir sehen uns später.“

Ich nickte.

„Oh, und denk dran, Schreibunterlagen haben wir genug. Ich bringe dir ein paar Blöcke und Kugelschreiber aus den Geschäftsetagen. Wenn du allerdings etwas Individuelleres möchtest, kauf es ruhig. Dempsey & Browne ist ein wenig altmodisch, was Schreibwaren betrifft, aber Hollyware in Soho sollte dir gefallen.“

Ehe ich noch meine Verwirrung über diesen obskuren Ratschlag kundtun konnte, drückte sie schon zärtlich kurz Tonys Seite und verschwand in den Lift.

Ihre Anwesenheit beruhigte mich. Bereits als wir mitten in der Nacht im immer noch betäubend wachen New York angekommen waren, hatte sie uns im Tower empfangen. Ich selbst war schläfrig gewesen und hatte ihr nicht viel mehr als eine kurze, mehr wortkarge Umarmung geboten, ehe ich mich schon wieder in mein Bett verkrümelt hatte. Auf dem Flug war ich eingeschlafen; die behagliche Wärme meines Hoodies und des Bettes in gedimmter Beleuchtung hatte es mir hier recht leicht gemacht. Im Wagen nach Manhattan dann war ich von all dem künstlichen Licht und dem späten, aufgedrehten Freitagnachtverkehr in eine ruhelose Lethargie gefallen. All das hatte dazu geführt, dass ich wenig von dem mitbekommen hatte, was ansonsten noch so bei unserer Ankunft gesprochen worden war. Aber, dass sie immer noch hier war, bedeutete, dass sie den bisherigen Morgen ganz mit Tony verlebt hatte.

Ich wusste nicht, wieso ich schon wieder auf Anzeichen einer bedrohlichen Uneinigkeit lauerte, aber irgendetwas in mir wurde diese klamme Sorge nicht los, die mich das letzte Mal vor Zeke Stanes Entführung derart eindringlich übermannt hatte wie nun kürzlich in Malibu.

Im Moment jedenfalls sah ich kein einziges böses Omen, das meine Sorge rechtfertigte.

„Ging es um die Anzüge?“, fragte ich, um doch noch ein wenig Licht ins Dunkle ihrer vorherigen Unterhaltung zu bringen.

„Unwichtig“, erwiderte Tony nur. „Komm endlich in die Gänge.“

Meine Miene versauerte. Wortlos erhob ich mich vom Stehhocker, machte mich daran, mir ein paar Sandwiches zuzubereiten, und verfrachtete mich schlussendlich mitsamt Saft und Smartphone an den Esstisch, während er schon einen schnellen und merklich ungeduldigen Blick auf seine Armbanduhr warf und direkt darauf auf mein Frühstück.

„Wir sind die halbe Nacht geflogen“, erinnerte ich ihn grantig. „Außerdem ist es Samstag. Meines Wissens hat mein Assistent für heute keine Termine vereinbart-“

„Ja, da unterbreche ich dich gleich. Dein Assistent hat so einige Termine vereinbart.“

Ich biss in mein Truthahnsandwich. „Tja, dann hat er vergessen, mich zu informieren …“

„Er tut es jetzt.“ Unbeeindruckt marschierte Tony zu seinem entfernten Holotisch herüber und wischte ihn an. „Nächste Woche wird das neue Spezialisten-Team ein frisches Screening von deinen Hirnwindungen aufnehmen, um sicherzustellen, dass sich da oben nichts weiter getan hat. Heißt, du begleitest mich am Samstag nach Upstate.“

„Na, bis nächsten Samstag bin ich mit diesem Sandwich sicherlich fertig …“

Der Blick, den Tony mir zuwarf, ließ mich meine geballte Aufmerksamkeit rasch wieder aufs Kauen verlegen.

Nach einem Moment begann ich meine Fingerspitzen auf all die kleinen Cheddar-Brocken zu pressen, die sich überall verteilt hatten, bloß nicht auf meinem Teller.

Tony fuhr wieder fort: „Sie werden im selben Zug gleich noch ein paar zusätzliche Checks vornehmen-“

Ehe ich mich stoppen konnte, rümpfte ich die Nase. „Was für zusätzliche Checks?“

Seine Hand schob zwei rot umrandete Dateien durch die Luft und fuhr sich übers Gesicht. Tony verschränkte die Arme. Er fasste mich ins Visier. „Wir arbeiten jetzt an einer endgültigen Lösung, Sola, das Aneurysma ein für alle Mal und zeitnah zu veröden und das beschädigte Hirngewebe so gut es geht wiederherzustellen. Im Moment stehen vorerst ein chirurgischer Kurzeingriff zur weiteren Stabilisierung, sowie eine Auswahl nicht-invasive Gewebetherapien im Raum. Aber bevor wir diese Route nehmen, liefern diese Vorabchecks dem Team alle notwendigen Daten, um die erforderlichen Seren vorzubereiten und sicherzustellen, dass keine stoffwechseleigenen Wechselwirkungen bei dir auftreten werden.“ Er hielt inne. „Ich stimme keinem Eingriff und keiner Therapie zu, ehe nicht alles eingehend unter die Lupe genommen wurde.“

Der Gedanke erneut auf dem OP-Tisch zu landen und mein Gehirn einmal mehr ein paar fremden Händen und Intentionen zu überantworten, gefiel mir so gar nicht. Natürlich wusste ich, dass ich mit einer vorerst gesicherten, nicht aber gänzlich entschärften Zeitbombe im Kopf herumlief, aber diesen Gedanken vermochte ich inzwischen die meiste Zeit auszublenden. Meine Verdrängungsmechanismen übertrafen sich hierin bisweilen selbst.

Seicht genervt wich ich Tonys nun beharrlichen Musterung aus.

„Wie sieht es mit deinem Schmerztagebuch aus?“

Ich stöhnte sachte. „Was meinst du?“

„Es war zuletzt auffällig still darin“, antwortete er klar und völlig unbeeindruckt von meiner Verstimmung. Wenn überhaupt schien es ihn nur noch entschlossener zu machen. „FRIDAY sagt, dass du schon gut drei Wochen nicht einen einzigen Vorfall gemeldet hast. Nicht einmal ein vages Zwicken.“

Ich zuckte die Achseln und hob trotzig eine Augenbraue.

„Du führst es noch, richtig?“, fuhr er schon betont unaufgeregt fort. „Denn ich erinnere mich, dass wir es als unmissverständliche Regel festgehalten haben, dass dem so ist.“

„ Ja “, brummte ich. „Es geht mir gut .“

Er harrte einen Moment aus, dann nickte er, sah wieder auf die schwebenden Dateien vor seiner Nase und löste seine Arme. „Nat sammelt dich gleich ein.“

Verwirrt blinzelte ich. „Nat?“

„Ja, sie übernimmt heute mit dir das obligatorische Schulshopping. Öffentliche Schule bedeutet keine Tablets. Du schaltest zurück auf Analog. Bedeutet auch, mehr Kram und schuleigene Sonderwünsche. Pepper hat dir bereits eine Liste zur Orientierung verfasst, aber ihr könnt es gleich auch mit ein wenig anderweitigen Spaß verbinden. Coole Shirts, Sticker, Nagellack, Thermoskannen, Pfefferspray … frag mich nicht. Wenn ich Nat richtig verstanden habe, geht’s in die Mall.“

Meine Laune schoss von ihrer begonnenen Talfahrt zurück an einen frischen Zenit. „ Jetzt gleich ?“

„Auf der Stelle“, schallte es schon gutgelaunt aus meinem Rücken.

Ich fuhr herum, ließ die remouladendurchweichten Reste meines Truthahnsandwichs fallen und strahlte auf, denn da stand sie, in Jeans, Sneaker und grauem, lässigem T-Shirt. Ihre Haare hingen in lockeren Beachwaves um ihr Gesicht und berührten ihre Schultern. Sie machte wirklich den Eindruck gerade aus der Dusche gestiegen zu sein, auch wenn ich wusste, dass daran nicht viel Wahres sein konnte, wenn sie bereits den ganzen Weg aus Upstate hierher zurückgelegt hatte.

Entzückt sprang ich von meinem Stuhl und lief ihr entgegen. Nat schloss mich in die Arme. „Hallo, Unruhestifter. Hab gehört, du hast dir eine neue Identität zugelegt.“ Sie zwinkerte, als sie mich wieder freigab. „Muss schon sagen, fängst groß an.“

Tony schnaubte. Er schien gleichermaßen unterhalten von meiner überrumpelten Freude wie von Nats lässigem Spott über meinen bedeutungsgeladenen Namenszusatz.

Aber er konnte Gleichmut vorgaukeln, wie viel er wollte, ich wusste, dass es ihm ebenso viel bedeutet hatte, den Antrag auf Namensänderung einzureichen. Er selbst hatte sich schließlich darum gekümmert, es schnellstmöglich an seine Anwälte weiterzuspielen und auf den Weg zu bringen. Noch in Japan hatten wir die Papiere notariell aufgesetzt und an das zuständige Gericht in New York zurückversandt. Zwischen meiner Entscheidung auf dem Edgewood Cemetery und dem Antragseingang konnten nicht mehr als zweiundsiebzig Stunden gelegen haben.

Nat jedenfalls schien Tony geradewegs zu durchschauen.

Zufrieden fing sie seinen Blick auf. „Und? Wie lange darf ich die kleine Stark ausführen?“

„Zehn Uhr.“

Sie schmunzelte. „Na, das ist eine Ansage.“

Musik:

Celebrity - Chloe Moriondo