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Kapitel 30: Charta

Ich ließ meinen Kugelschreiber kreisen, ehe ich schon wieder gedankenverloren Labyrinthe entlang des Seitenrandes zu zeichnen begann, ohne die rechten Worte zu finden.

Es tut mir leid , schien es nicht zu richten. Genauso wenig jede Erkundigung nach seinem Zustand.

Bereits zwei Entwürfe waren von mir verworfen worden, ohne dass ich meiner vollständigen Nachricht an Clint einen winzigen Schritt nähergekommen war.

Es schien unmöglich den Tumult in mir drin irgendwie zu Papier zu bringen. Ich schrieb und schrieb, erklärte mich, verzieh ihm, versicherte ihm kleinmütig, dass ich wusste, dass er nun ganz andere Probleme zu bewältigen hatte, als sich mit meinen kindischen Dummheiten zu beschäftigen, versicherte ihm, dass es mir leidtat, alles , und dass ---

Ich schaffte es nicht über diesen Punkt hinaus.

Es gelang mir nicht auszudrücken, wie sehr ich fürchtete, dass er mir immer noch böse war.

Oder dass er dem Raft nie wieder entkam.

Seufzend kritzelte ich den zigsten Versuch wieder beiseite, ließ mich zurücksacken und stocherte in meinen verbliebenen Makkaroni mit Käse. Sie waren noch lauwarm.

Tony hatte mich heute nach der Schule mit einer frisch überbackenen Portion im Ofen überrascht, an die er mich mehr geschäftig verwiesen hatte, ehe er sich wieder rar gemacht und für ein Telefonat auf die unteren Ebenen verzogen hatte.

Das war vor etwa einer Dreiviertelstunde gewesen. Inzwischen konstruierte und werkelte er längst wieder, vermutete ich, oder bewies sich im Multitasking, denn sein atmungsaktives Oberteil und seine flinken Handgriffe am Geschirrfach hatten mir verraten, dass er zumindest einen Teil seines frühen Nachmittages in der Werkstatt verbracht haben musste – so absurd alltäglich es auch rund vierundzwanzig Stunden nach seiner Verlautbarung am Rednerpult des Präsidenten erschien.

Es ließ mich fast hoffen, dass Happy recht behielt und sich seine gesamte Inthronisierung zum nun formell ernannten Direktor der Avengers wirklich als nichts mehr entpuppte denn genau das – reine Formalität.

Noch erhielt ich mir diese Hoffnung. Sie beruhigte mich und erdete meine Nerven, wie nichts sonst in den vergangenen Tagen.

Fast wie der versprochene Abschluss dieses elenden Realitätskollaps.

Mein Blick wanderte zurück zu meinem unvollendeten Brief an Clint. Kurzerhand erhob ich mich mit meinen Resten Makkaroni, umrundete meine Couch, ließ mich in die Kissen fallen und bat FRI den neuesten Pixarfilm einzuschalten, die Fortsetzung von Findet Nemo .

Die Geschichte um den Amnesie geplagten Doktorfisch Dorie begann gerade unterhaltsam zu werden, als FRIDAY freundlich auf sich aufmerksam machte: „Sola?“

Ich schabte mit der Gabel über die Überbleibsel festgeklebten Käses. „Ja?“

„Dein Vater fragt, ob du aufgegessen hast?“

„ Umm , ja? Er kann sich den Rest ruhig nehmen, bin satt …“

„Wenn du mit deinem Abendessen fertig bist, sollst du bitte zu ihm runterkommen.“

Ich pausierte den Film. „Jetzt gleich?“

Sie bestätigte.

„Soll ich ihm … die Makkaroni bringen?“

FRIDAY schmunzelte sacht. „Nein, er sagt, er ist nicht hungrig.“

Verwirrt stellte ich meinen dreckigen Teller ab, erhob mich von der Couch, richtete meine sacht verrutschte Jogginghose und verließ mein Zimmer in Richtung Treppe. Da ich Tony nirgendwo in unserer Wohnlounge entdeckte, schritt ich auf Verdacht weiter zum bereits offenstehenden Lift.

FRIDAY brachte mich kommentarlos hinab auf die wissenschaftliche Ebene.

„Wo ist er?“, erkundigte ich mich. „In der Werkstatt?“ Meine Füße trugen mich bereits vage erleichtert auf sie zu.

„Nein, er wartet im kleinen Strategieraum.“

Perplex hielt ich auf halbem Wege inne, wandte mich wieder von der Werkstatt ab und folgte dem Korridor an den verschiedenen Unterlaboren und unserem Fitnessraum vorbei, bis ich besagten Strategieraum erreichte.

Vorsichtig schob ich die angelehnte Tür auf.

Seicht über den Holotisch gebeugt, sah Tony beiläufig auf und beendete eine Eingabe auf dem Bedienfeld. Augenblicklich glomm die Tischfläche wie eine frisch aufgezogene Leinwand in mattem Cremeweiß auf. Ich entdeckte weder Projektdateien, noch irgendwelche technischen Zeichnungen oder Fenstermagazine komplizierter Messwerte und Diagramme, weshalb es mich nur noch mehr verwirrte, als er seinen Blick unversehens zufrieden auf mich richtete und mir zunickte. „Setz dich.“

Außer dem Tisch, einem abgeschalteten Bildschirm und sechs eleganten Lederstühlen auf Rollen hatte der Raum nicht viel zu bieten und sah tatsächlich sogar fast ein wenig nach High-Tech-Klinik aus, obwohl sich vermutlich die wenigsten Hospitäler so intelligenter Raumbeleuchtung, Displaytechnik und moderner Relieffassaden mit Metallic-Finish erfreuten.

Wortlos sank ich auf den nächsten Stuhl. Mein linker Fuß schlang sich wie im Automatismus um das Stuhlbein, als ich schon wieder ungeduldig zu Tony aufsah.

„Tee? Wasser?“, fragte er.

„ Huh ?“

Er wies knapp zu einem bereitstehenden Heißwasserspender und einer gefüllten Glaskaraffe, die er anscheinend beide vorab hierhergeschafft hatte, während er sich schon das Wasser griff und ein Glas füllte. Da ich nichts von mir gab und bloß irritiert blinzelte, befüllte er kurzerhand auch das zweite, das er gänzlich kommentarlos vor mir abstellte.

Etwas in mir regte sich in bleicher Ahnung.

„Bleiben wir hier?“

Tony schob die Brauen gerade genug zusammen, um die urtypisch schmale Kluft auf seiner Stirn erscheinen zu lassen, die von Besonnenheit sprach. Er ließ sich mit seiner Antwort einen Sekundenbruchteil Zeit, auch wenn sie herzlich unspektakulär ausfiel: „Fürs Erste, ja.“

Ratlos beobachtete ich ihn. Er hielt meinen Blick, seine Pupillen zwei schwer konzentrierte, grübelnd schimmernde Fixpunkte, die sich unversehens aus der wachsamen Kalkulation lösten, als er auch schon wieder beiseite sah, sein eigenes Glas griff und sich zu meiner Rechten am Tischende niederließ.

Die Rollen seines Stuhls glitten lautlos ein paar Zentimeter zurück, als er sich zurücksinken ließ und seine ganze Aufmerksamkeit endgültig auf mich richtete.

Ahnungslos blickte ich zurück.

Er hatte gestern Abend nicht wirklich viele Worte zur Pressemitteilung rund um Peppers und seine Beziehungspause verloren, sie bloß als im Anbetracht des aktuellen Medienrummels unumgänglich bezeichnet, um alle Gerüchte darüber zu zerstreuen, sie könnte irgendwie aus den Streitigkeiten rund um das Abkommen und seinem Vorgehen in Berlin resultiert sein. Und obwohl der Morgen, wie zu erwarten gewesen, bereits mit dutzenden Artikeln und Schlagzeilen zu ihrer Beziehungskrise und seinem Leben im neuesten Umbruch im Schatten des Sokovia Abkommens heraufgedämmert war; Boulevardartikel, die auch vor der Midtown High nicht Halt gemacht und sie mit Gerüchten, Seitenblicken und atemlosen Debatten gefüllt hatten, bezweifelte ich irgendwie, dass er nun genauer darauf einzugehen plante, es sei denn, er wappnete sich soeben dafür, mir ihrer beider besiegeltes Ende mitzuteilen.

Was wiederum die Frage aufwarf, wieso er es ausgerechnet hier tat – am so ziemlich unpersönlichsten und komfortsterilsten Fleck im gesamten Avengers Tower.

Seine Miene festigte sich, als er jäh ansetzte: „Nenn mir die zwischen uns etablierten Regeln.“

Blut rauschte in meine Beine, kaum dass ich realisierte, was das hier werden würde.

Das Glas Wasser, die ominöse Ruhe in seiner Miene … Irgendwie hatte ich mich bereits sicher gewähnt. Nachdem inzwischen vier Tage vergangen waren, in denen Tony seinem siedenden Ärger in immer abgeklärteren Varianten Luft gemacht hatte, während die eigentliche Strafpredigt nie gefolgt war, war ich so langsam überzeugt davon gewesen, dass es sich im Anbetracht aller Umstände irgendwie im Sand verlaufen und das Zeitfenster des großen Knalls damit auch klammheimlich verstrichen war.

Ganz als hätten wir beide insgeheim entschieden, einfach ein Tuch des Schweigens über die irrwitzige Aktion zu breiten, die ihn zunächst stundenlang so gefährlich wortkarg gemacht hatte, dass ich bereits überzeugt davon gewesen war, etwas schier Unverzeihliches begangen zu haben.

„Die zwischen uns etablierten Regeln?“, wiederholte ich still und sah ihn schlagartig nicht länger allzu genau an.

„Nicht das generelle Konzept. Wir beide erfinden hier nicht das Rad neu. Die ganz spezifischen.“

„Welche?“

„Alle.“

Überrumpelt hob ich den Blick zurück in seine Miene.

Tony scherzte nicht. Es stand unmissverständlich in sein auffallend ironiefreies Gesicht geschrieben.

„Alle?“, wiederholte ich schal.

„Es ist dir gelungen gleich sieben von ihnen an einem einzigen Nachmittag zu brechen, Sola. Also ja, alle . Ich will sicher sein, dass wir beide uns auf demselben Stand befinden.“ Er ließ seinen rechten Ellbogen auf der Tischkante ruhen. „Los geht’s.“

Kurz öffnete ich den Mund, schloss ihn aber gleich wieder angesichts seines unbeirrten Blicks. Meine Ohren erwärmten sich, als ich schon wieder auf die vor uns liegende, weißschimmernde Fläche stierte. „ Umm , wo --- in welcher Reihenfolge?“

„Einfach raus damit. Wie sie dir zufliegen.“

„ Uh …“, begann ich widerstrebend. „Keine Drogen. Kein Alkohol. Keine Taxen oder die U-Bahn … Im Notfall ist der Bus okay, aber nur wenn keiner sonst erreichbar oder verfügbar ist, um mich zu fahren.“

Ich stockte, als ich bemerkte, dass meine erwähnten Punkte, noch während ich sprach, als einzelne Kacheln auf der weißen Fläche des Holotischs zwischen uns erschienen.

FRIDAY schrieb mit.

Ich schluckte, auch um meine Stimme wieder etwas aufzurüsten. „Wenn ich nach neunzehn Uhr unterwegs bin, spreche ich das mit dir ab. Davor ist es okay, solange ich FRI oder dir eine Info gebe. Zumindest im vereinbarten Areal. Außerhalb bin ich nie ohne Begleitung von Happy, dir oder jemand anderem unterwegs, den wir vorher abgesprochen haben.“ Ich sah knapp auf. Tony saß unverändert zurückgelehnt da und betrachtete mich bloß. „Bei seltsamen Vorkommnissen oder … wenn ich irgendwie den Verdacht bekomme, dass etwas nicht in Ordnung ist, warte ich nicht erst ab, sondern informiere dich und FRI sofort. Und falls sich die Situation verschlimmert oder ich irgendwie in Gefahr gerate, geh ich in Deckung, versuche es zumindest, und sage FRI Bescheid und bleibe aus der Schusslinie, bis du oder die SUN-1 eintrefft …“

Er nickte.

„ Umm , ja …“ Befangen ließ ich meine Arme hängen und senkte weiter die Stimme, inzwischen bei einem rauen Nuscheln angelangt, das FRIDAY als unverändert eindeutige Stichpunkte in neue Kacheln packte. „Ich betrete keine festgelegte No-Go-Area. Vor allem keine Avengers-Kampfzone. Nur – wirklich nur – wenn du und das Team euer Okay gebt – was nicht vorkommen wird, es sei denn, es ist absolut unvermeidbar, klar …“ Ich hielt mich gerade noch davon ab, die Augen zu verdrehen, denn irgendetwas sagte mir, das es genau der falsche Moment war, um meinem schuldig ansteigenden Frust mit genervter Mimik Ausdruck zu verleihen.

Mein Brustkorb zog sich seit Minuten mit jedem neuen Punkt etwas beklommener zusammen, weshalb ich Tony inzwischen kaum mehr ansah.

In Berlin hatte ich gleich sieben unserer Regeln gebrochen? Jupp , natürlich hatte er das nicht vergessen oder dachte auch nur im Ansatz daran, es einfach unter den Tisch fallen zu lassen. Wie auch? Ich hatte Tony noch nie so bitterböse erlebt, wie bei unserer nächtlichen Rückkehr ins Ritz-Carlton. Und ich hatte ihm schon allerlei Gründe zur Fassungslosigkeit gegeben in unserem bislang einzigen Jahr, wie ich mir widerstrebend eingestand.

Mein Herz begann zu schwellen, doch aus den völlig falschen Gründen. Es dehnte sich vor Scham.

Und vor wiedererwachter Schuld.

Da Tony im Moment jedoch unverändert erwartungsvoll schwieg, zwang ich mich in meinem sich plötzlich emotional vernebelnden Gedächtnis weiter zu graben.

Alle Regeln, hatte er gesagt.

Ich seufzte, als ich längst ziellos durch meine Erinnerung der vergangenen Monate sprang – nervös bemüht nichts zu vergessen, um wenigstens diesen undurchsichtigen Test zu bestehen – und mich instinktiv am Anfang wiederfand, unserem ersten Morgen nach meinem Einzug im Tower.

Erleichtert atmete ich aus. „Ich lege mein Armband nicht ab“, ergänzte ich. „Und ich gehe … vernünftig, umm , nein, sorgsam mit der Technik um, die du mir gibst.“

„Hier geht’s nicht um den exakten Wortlaut, Sure Shot“, fing Tony mich frei heraus ab, „bloß ums generelle Verständnis.“ Ich nickte schwach. „Wenn ich ein exaktes Zitat der Abermillionen Worte brauche, die ich im Laufe eines Monats verwende, frage ich FRIDAY.“

„Das ist verständlich, Boss, Sie neigen in der Tat zur überdurchschnittlichen Komplexität in Variation und Menge Ihrer Worte im direkten Vergleich zu Ihren Mitmenschen“, ergänzte die KI munter, als habe sie nur auf den rechten Moment gewartet, ihre Überlegenheit mir gegenüber zu demonstrieren. „Das gesuchte Wort war im Übrigen verantwortungsvoll .“

Tony nickte mir zu, seine Miene trocken amüsiert und doch bereits wieder konzentriert und erwartungsvoll, als sei es seine persönliche Mission den Ernst der Lage nicht auch nur ansatzweise versehentlich mit seinem ganz natürlich auflebenden Charme zu kaschieren.

Befangen sah ich auf die verteilten Kacheln auf dem Holotisch. Ich griff nach meinem Wasser, ohne es wirklich anzurühren, und löste meinen angespannten Fuß vom Stuhlbein. Meine Ferse begann zu wippen.

„Mein Symptomtagebuch“, erinnerte ich mich. „Wenn ich Kopfweh habe oder … na ja, andere Symptome wie vor --- vor der Hirnblutung, wie Schwindel oder Koordinationsprobleme, dann melde ich das immer an FRI. Als Frühwarnsystem und Protokoll für … für Dr. Palmer und alle anderen.“ Ich zögerte. „Und ich verschweige auch sonst nicht, wenn ich mich irgendwie krank fühle oder Schmerzen habe, sondern sage dir oder Pepper Bescheid.“

Wiederholt versank ich ins Schweigen.

Eine lange Minute wurde es still wie in einem Prüfsaal.

Tony hob das Kinn. „Alles?“

Ich dachte nach, aber mein Kopf war leer.

„Ja?“, gestand ich mager.

Als habe er ohnehin nicht wirklich damit gerechnet, dass ich sie alle zusammenbekam, setzte er sich schon wieder aufrechter auf und bat betont unbekümmert: „FRI, ergänzt du, was fehlt?“

Mehr als ein halbes Dutzend weitere Kacheln erschien. Mein Magen sank ein kleines bisschen herab.

FRIDAY bei Bedenken konsultieren & nicht in Gefahren meiden , las ich. Kein Adrenalin-Surfing. Keine Tempoüberschreitungen [in Kurven und Kreuzungen]. Keine Schimpfwörter vor Staats- oder Justizbeamten. Kein Schulschwänzen. Keine Verheimlichung von Schulproblemen [die zu Vermeidungstaktiken und Leistungsabbrüchen führen]. Kein leichtsinniges Thrill-Seeking [oder andere Suizidaktionen]. Nicht ohne Schuhe in die Werkstatt.

Tony lächelte freudlos knapp, ohne mich aus dem Blick zu lassen oder den vollendeten Ernst seiner Pupillen zu verlieren. „Ich weiß, ich sagte, ich schreibe keine Charta, aber … was soll’s.“

„ D ad“, begann ich sacht, „ich-“

„Hey, ich hab sie auch nicht alle auf einen Schlag zusammenbekommen“, unterbrach er mich schon. „Ich musste selbst ein wenig in mich gehen. FRI hat assistiert. Der Punkt mit den Beamten wäre mir im Traum nicht mehr eingefallen. Aber es ist aufgekommen, also hat es irgendwie seine Daseinsberechtigung, nicht wahr?“ Er hob betont unbewegt die Brauen. „Was ich im Übrigen streichen lassen habe, weil es mehr eine Vereinbarung als eine Hausregel zwischen uns ist: Deine Lieblingsantwort; zu behaupten, dass nichts sei, wenn eindeutig etwas ist . Akzeptiere ich nicht mehr, aus ziemlich gutem Grund, Pokerface, aber solange sich das Rumdrucksen nicht aus irgendeinem dieser Felder ergibt, ist es etwas, an dem wir zwei arbeiten und kein waschechtes Problem, das wir haben.“

„Wir haben kein Problem“, wisperte ich. „Wirklich nicht.“

„Nein. Aber einiges zu klären.“

Ich schluckte fest.

„Es geht nicht darum, was in Deutschland geschehen ist und wie verteufelt sauer es mich gemacht hat, Sola, sondern wie es jetzt weitergeht.“ Tony sank zurück und verdrehte die Augen, als meine gesamte Miene in ausdrücklichem Zweifel zerfiel. „Okay, geschenkt, es geht darum, was geschehen ist. Aber, ich schätze, ich hab ausreichend klar gemacht, was ich davon halte. Wenn wir jetzt wieder darüber sprechen, dann nur um die Ursachen des Problems anzugehen, okay? Weil ich genauso wenig Lust darauf habe, das alles nochmal zu erleben, wie du.“

„Das hier war kein Test?“

Tony schmunzelte trocken. „Nein, viel besser.“

Er musterte mich eine weitere undurchsichtige Sekunde, dann nickte er schon zu FRIDAYs vorbildlich gruppierten Mitschriften hinüber und legte scheinbar tiefenentspannt die Hände vor der Brust zusammen. „Hier ist, was wir beide jetzt machen: Wir prüfen noch einmal das gesamte System und durchleuchten es – von Klammer auf bis Klammer zu.“ Seine rechte Hand sprang zurück über den Holotisch in kreisend unterstreichender Geste, ehe er die auf dem Tischdisplay abgebildeten Kacheln jählings in eine seichte holografische Schwebe emporzog und eine goldene Tönung über sie fiel. „Jede dieser Regeln hat ihren Zweck und Auslöser und beides sehen wir uns an, um dem Systemkiller aus Berlin auf den Grund zu gehen, alles klar? Denn, wenn wir das grundsätzliche Verständnis für meine Erwartungshaltung in diesen Punkten als Ursache ausschließen können, bleibt nur ein irgendwie gearteter emotionaler Katalysator übrig.“ Sein Blick zementierte sich. „Und ich muss wissen, womit ich es hier zu tun habe. Ob ich Feuer mit Feuer zu bekämpfen plane, wenn eine gute Portion Wasser und Sand bereits ausreichend wären, oder ich in Zukunft öfter eine Brandschneise schlagen muss.“

Ah , hier kam sie … Die versprochene Lesung der Leviten, presented by Tony Stark , voller cleverer Metaphern, bohrend erwartungsvoller Blicke und ausgeklügelter Unannehmlichkeiten.

Mein Magen verkrümelte sich in meine verbliebenen Gedärme.

Ich war nicht dumm genug, ihn zu unterbrechen, um ihn daran zu erinnern, dass es wohl ziemlich offensichtlich war, dass ich Happy nicht aus reiner Fehlinterpretation unseres Regelwerks hinter einem Wandregal verbarrikadiert und einen Ausflug in einen bewaffneten Avengers-Rosenkrieg unternommen hatte. Stattdessen knetete ich bloß meine Hand und wartete darauf, dass er es mir attestierte.

Tony kam jedoch unversehens zum Punkt. „Es läuft wie folgt: Du suchst dir eine Regel aus und erklärst, wieso sie wichtig ist. Dann suche ich mir eine aus und erkläre, wieso sie mir wichtig ist. Und dieses ganze unterhaltsame Spiel treiben wir im Wechsel, bis absolut jeder Punkt auf Herz und Nieren seziert wurde.“

Ich spähte zu ihm auf. „Ernsthaft?“

Er ersparte sich die Antwort, denn seine Lippen schmälerten sich angesichts meines lauen Verdrusses bereits zu einem merklich herabgekühlten Lächeln, das mich direkt drei Grad vorsichtiger werden und meinen Blick unzufrieden auf die vor uns schwebenden Kacheln richten ließ.

„ O kay.“ Angespannt wie lustlos ließ ich meinen Blick streifen und griff mir das Erstbeste, das ich für derart selbsterklärend hielt, dass es wohl keiner großen Worte benötigte. „Keine Drogen?“

Er öffnete die Hand. „Wenn du gleich mit den großen Kalibern loslegen willst …“

„ Hm , ja“, schnaufte ich still. „Die Regel ist wichtig, weil Drogen ziemlich illegal und schlecht sind.“ Halbherzig hob ich den Daumen. „ Check .“

Tony schmunzelte leise freudlos.

Ich spürte sofort, dass ich mich mit meiner höchst minimalistisch kooperativen Herangehensweise in die Nesseln katapultiert hatte, denn sein Blick sank zu Boden, während er abwesend kurz über seinen Daumenknöchel rieb. „FRIDAY?“

„Ja, Boss?“

„Notiere Solas ausstehende schriftliche Ausarbeitung zum Paragraf Keine Drogen , Mindestumfang vier Seiten, Abgabefrist Sonntag.“

Ich verdrehte die Augen. „Sehr lustig.“

„Und stell im Caretaker Protokoll sicher, dass sich Special Agent DEA-Midtown Division rechtzeitig darum kümmert.“

Ungläubig erstarrte ich.

„Selbstverständlich, Boss.“

Als habe er hiermit nicht bereits deutlich genug gemacht, wie unser Gespräch im Weiteren verlaufen würde, wenn ich mich ausgerechnet jetzt dazu verleiten ließ, auf Durchzug und Ironie zu schalten, fasste Tony mich lauernd klar in den Blick und winkte mit zynisch lockerer Kopfbewegung ab, kaum dass ich den Mund schloss. „Keine Sorge, sie assistiert dir mit einem Aufklärungskurs.“

Ich gab mir nicht die Blöße zu protestieren, sondern sackte bloß sichtlich frustrierter in meinen Stuhl zurück.

„Bleiben wir doch im Thema“, entschied er prompt und übernahm gleich wieder das Ruder. „Kein Alkohol. Oder, anders ausgedrückt, wieso mir exakt null Promille – im Moment – wichtig sind.“ Er atmete aus und wurde wieder vollends ernst. „Wir haben darüber gesprochen. Es ist ein temporäres Verbot. Ich bin kein Verfechter der Prohibition, aber solange dein Aneurysma noch nicht vollständig verödet ist, ist Alkohol aus dem Spiel. Es erhöht das Risiko einer erneuten Ruptur – nicht dramatisch, erst recht nicht, seit die Supercoils platziert wurden, aber Pepper würde mich lynchen, wenn ich hier einfach beide Augen zudrücke. Und ehrlich gesagt, ist es ein Risiko, das wir locker vollständig streichen können. Tja, und deshalb … tun wir es.“ Tony hob unbewegt absegnend beide Hände und ließ sie gleich wieder in seinen Schoß zurückfallen. „Damit sind etwaige Bier Pong- und Body Shot-Eskapaden zwar zurzeit kein Thema, aber ich bin hier nicht per se der Spielverderber. Ich sehe den Reiz und den Spaß, mit Gleichaltrigen beschwipste Nachmittage und Abende zu verbringen, während die Erwachsenen so tun, als realisierten sie nicht, was vor sich geht. Ich bleibe sogar dabei zu behaupten, dass sich in diesem Aspekt ein gewisser ehrlicher Entfaltungsspielraum zwischen uns empfiehlt , weil wir beide uns nicht vorzumachen brauchen, dass es nie vorkommen wird. Barton sagte, wenn ich diesen Gedanken so klar ausspreche, bringe ich dich in eine Zwickmühle, in der du nur verlieren kannst: Wo verläuft die Grenze? Das Gesetz sagt nein, aber ich sage, es kommt drauf an ? Auf was? Ob du noch geradeaus laufen kannst, wenn du heimkommst? Heute verträgst du die Flasche Becks gut, morgen nicht so sehr. Wäre das dann wirklich deine Schuld oder nicht viel mehr meine, weil ich sage, teste es aus , und wenn der Test schiefläuft, sage ich trotzdem schuldig, ab ins Loch ? Er ist der Meinung, die Tür darf nicht angelehnt stehen, sondern sollte zumindest geschlossen aussehen . Durchschleichen könne man immer noch, solange man sie nicht verbarrikadiert. Aber, hey , ich glaube, es ist gar nicht so kompliziert. Forschung folgt einem sehr ähnlichen Prinzip. Man tastet sich heran . Verschätzt man sich dabei schon mal? Sicher. Aber wenn man angemessene Vorkehrungen trifft, führt es in der Regel zum gewünschten Lerneffekt und keiner Katastrophe. Solange diese Erstverkostungen sich also in einem sicheren Rahmen bewegen – daheim bei Freunden oder einer High-School-Party unseres Vertrauens, von der Happy oder ich dich heimfahren – Gegebenheiten, die nicht dazu führen, dass du irgendwo aufgegriffen wirst und auf dem örtlichen Polizeirevier landest – wenn wir uns da bewegen, verantwortungsvoll und halbwegs bei Sinnen, werde ich es unter Erwachsenwerden verbuchen, zumindest, sobald deine Ärzte das Okay geben, dass wir uns wegen des Aneurysmas keine Sorgen mehr zu machen brauchen. Die Reißleine ziehe ich, wenn ich den Eindruck habe, es läuft aus dem Ruder.“

„Ich habe nichts mehr getrunken seit der Hirnblutung“, sagte ich. „Ich meine, klar, es gab Gelegenheiten, aber … Ich hab nicht.“

„Dass wir darüber sprechen, heißt nicht, dass ich das denke“, relativierte Tony umgehend. „Oder, dass ich glaube, dass du es vorhast. Wir sprechen hier über jede klare Ansage, die es in den letzten fünfzehn Monaten zwischen uns gegeben hat und die gilt. Ich weiß, dass du sie nicht alle ignoriert hast, Sola.“

Ergeben nickte ich.

„Müssen wir nochmal verhandeln oder passt dieser Punkt?“

„Passt“, versicherte ich leise.

Die holografische Kachel wechselte in eine kühle, silberweiße Färbung, die anscheinend den nachweislich geklärten Status repräsentierte, auf den Tony es mit dieser pädagogischen Tortur besonnener Argumentationsketten abzielte.

Ich seufzte innerlich, als ich die verbliebenen zwanzig weiteren Punkte realisierte, die allesamt in unverändert goldgelber Bereitschaft auf ihre Erörterung warteten, sofern er wirklich Nägel mit Köpfen machte und diese Sache bis zum Schluss durchzog und ich mir unterwegs nicht noch zehn weitere Strafarbeiten einzuheimsen gedachte.

„Boss?“, erschallte FRIDAYs Stimme und ließ mich hoffnungsvoll aufhorchen. „Außenminister Ross versucht Sie zu erreichen.“

Tony schien wenig überrascht und noch weniger bereit, dem Umstand irgendeine Aufmerksamkeit zu widmen, was meiner kurzlebigen Hoffnung gleich wieder den Stecker zog. „Schick ihn zur Voicemail.“

FRIDAY jedoch ließ sich keineswegs so schnell abwimmeln. „Es betrifft Natasha Romanoff, Boss. Die Hinweise auf ihren möglichen Aufenthaltsort scheinen sich bestätigt zu haben.“ Etwas in Tonys Miene kühlte herab. „General Ross will sich hierzu mit Ihnen abstimmen.“

„Sicher. Sag ihm, ich rufe zurück, sobald ich kann.“

Die KI ergab sich und bestätigte.

Unruhig richtete ich mich etwas aus meiner herabgesackten Haltung auf. „Sie sind Nat auf der Spur?“

„Vermutlich nicht.“

Die blanke Nüchternheit seiner Stimme irritierte mich, aber mehr noch tat es die Art, mit der Tony sich selbst sichtlich unbeirrt zurücklehnte.

„Du rufst nicht zurück?“, fragte ich leise fassungslos. „Um sicherzugehen?“

„Ich kläre das im Anschluss.“

Ich stockte. „Aber --- das hier dauert locker noch Stunden und Nat-“

„Natasha ist erwachsen und weiß verdammt gut, was ihr bekommt und was nicht“, unterbrach Tony unversehens. „Die einzige Verantwortung, die ich besitze und die meine ungebrochene Aufmerksamkeit verdient, Sola, sitzt gerade vor mir.“

Ich schloss den Mund, weil er plötzlich noch so viel unversöhnlicher klang, als es bisher bereits den Eindruck auf mich gemacht hatte. Ja , er hatte gestern während der landesweit übertragenen Pressekonferenz keinen Zweifel daran gelassen, dass er die international laufenden Fahndungen nach Steve, Nat und den Winter Soldier guthieß und unterstützte. Aber irgendwie hatte ich Nat in all dem ausgeklammert, hatte die bitteren Früchte seiner inzwischen halbwegs versiegten Wut nach Rhodeys Sturz und Sibirien nicht auf sie bezogen, immerhin hatte sie Barnes nicht verteidigt. Nat hatte Steve zu überzeugen versucht, Tony im Kampf zur Seite gestanden, sich sogar Clint derart erbittert in den Weg gestellt, dass ich geradewegs Angst um sie beide bekommen hatte, zumindest bis es endgültig eskaliert war und sie bloß das Richtige zu tun und sie alle vor sich selbst zu schützen versucht hatte, nicht anders als ich --- nein, genau wie ich.

Nat war nicht unser Feind.

Das Gefühl ihrer Fingerspitze, die über meine Braue gestrichen war, als sie mich gebeten hatte, tapfer zu bleiben und mich mit Tony zu vertragen, ehe sie in die Berliner Nacht entschwunden war, suchte mich heim.

Trotz allem schluckte ich jeden weiteren Protest hinab, der sich schmerzhaft und rein und zerrissen in meiner Brust aufzubäumen begann, und sah zum Holotisch zurück.

Ich schluckte. „Soll ich …“

Tony atmete aus. „Bitte.“

„Mein Symptomtagebuch …“, sagte ich. „Wenn ich es sauber führe, hat FRIDAY alle möglichen Frühwarnzeichen im Blick, die uns vor der ersten Hirnblutung entgangen sind. Sie kann nicht nur rechtzeitig Hilfe rufen, wenn ich --- na ja, wieder einen Notfall habe, sondern kann vielleicht Muster und Häufungen feststellen, lange bevor es gefährlich wird, sodass meine Ärzte Zeit und … umm , Optionen haben eine zweite Ruptur zu verhindern, sollte sich irgendwie abzeichnen, dass sich wieder eine Schwachstelle in … dieser arteriellen Aussackung bildet. Dass ich diese Vorkommnisse melde, zeigt also … uh , dass ich verantwortungsvoll mit meiner Erkrankung umgehe, schätze ich, und --- na ja, es sorgt dafür, dass ich auch nicht jedes Mal erst überlegen muss, ob es vielleicht ein Symptom ist und ich es dir oder Dr. Palmer oder jemandem sagen muss. Ich kann auch nichts versehentlich vergessen oder übersehen, wenn FRI es für mich dokumentiert und dem Ärzteteam zur Verfügung stellt. Deshalb … tja, ist es wichtig.“

Tony hob beide Daumen von seinen verschränkten Händen, als ich ihn lau erwartungsvoll wieder in den Blick fasste. Seine entspannte Kopie meiner vorher so sarkastischen Geste lockerte meinen Brustkorb.

Eine weitere Kachel auf dem Holotisch wechselte in ein zufriedenes Silber.

Er löste seine Hände und sank in kurze Erwägung, ehe er unvermittelt seine nächste Wahl traf: „Also gut, lass uns über öffentliche Verkehrsmittel sprechen. Taxen und andere Fahrdienstleister, die nicht Happy Hogan heißen und sich durch Jahrzehnte unzweifelhafter Integrität und Berufsethos hervorgetan haben.“

Augenblicklich verflog das besänftigende Gefühl in meinem Inneren wieder und machte einem Anflug beschämter Ahnung Platz.

„Menschen sind käuflich, Sola“, begann Tony ungeschminkt. „Sie sind gierig. Sie sind leidenschaftlich. Sie sind einfallsreich. Sie sind hoffnungslos. Sie sind verzweifelt.“ Er pausierte. „Und manchmal sind sie kalt und abgebrüht und blutrünstig genug, dich mit einer verrosteten Autobatterie an deiner Brust in einer Wüstenhöhle festzuhalten, damit du für sie eine Massenvernichtungswaffe baust, die sie gegen dein Zuhause richten können. Es gibt eine sehr lange, sehr hässliche Liste von Dingen, zu denen Menschen fähig sind. Und das sage ich nicht, weil ich denke, dass es auf jeden der Tausenden zutrifft, die tagtäglich am Avengers Tower vorbeispazieren. Aber es genügt, dass es die wenigen da draußen gibt, an ihrem hochemotionalen oder ganz mitleidslos kalkulierenden Gipfel. Es genügt, dass auch nur einer von ihnen, dein Gesicht und deinen Namen und deinen Wert kennt und eine Gelegenheit sieht --- den bloßen Hauch einer Chance mit etwas davonzukommen oder sein Ziel zu erreichen.“

Tony hielt meinen Blick und obwohl ich am liebsten beiseite sehen und mich einfach schuldig bekennen wollte, blieb mir nichts anderes übrig, als schwer zu schlucken.

„Kai Faber war keiner dieser Menschen“, resümierte er überzeugt. „Aber er hätte es sein können . Und als du in sein Auto gestiegen bist, hast du ihm diese Gelegenheit geboten . Er hat sie nicht ergriffen, weil er – ganz eindeutig – keinen Groll gegen mich oder Iron Man hegt, der gewaltig genug gewesen ist, seine Hemmungen in irgendeiner Art zu lösen. Er hatte sich nicht bewusst positioniert, nicht auf die richtige Gelegenheit gewartet und hat auch keine unlauteren Angebote von irgendwo erhalten, die ihn davon überzeugt haben, es könnte sich für ihn ausgesprochen lohnen, Tony Starks Kind an irgendeinen anderen Ort als den Flughafen Leipzig-Halle zu bringen.  Kai wusste, wer du bist und wie unfassbar günstig der Moment der Ablenkung mit Barnes und dem ganzen Debakel im JCTC und Berlin war, aber er war keiner dieser Wenigen und hat dich einfach bloß gefahren.“

Das Zusammenspiel seiner nüchtern konzentrierten Stimme und seines klaren, unbeirrten Blicks, der meine Reaktion geradewegs in ihre Bestandteile und Makel zu zerlegen schien, machte es schwer, mich daran zu erinnern, wie ausweglos und wie einleuchtend zugleich alles im Angesicht der herannahenden Katastrophe für mich geschienen hatte.

„Ihr hattet ihn überprüft“, wisperte ich. „Wir waren schon am Tag vorher mit ihm unterwegs und es ist nichts geschehen ...“

„Das gleiche lässt sich über Dr. Fanning sagen. Oder Natasha Romanoff“, kommentierte Tony herzlich unbeeindruckt. „Dass jemand in unseren Datenbanken nicht als verdächtig auftaucht, Sola, oder kein Motiv zu haben scheint , heißt nicht, dass er nicht trotz allem von jemand sehr Fähigem oder Ressourcenreichem beauftragt sein könnte. Ja, ich habe Platinum Transport Solutions überprüft, aber ganz unter dem Aspekt, dass du ohnehin nie alleine im Wagen sitzen würdest und Happy dich in Berlin rund um die Uhr begleitet. Ich habe diesen Mann nicht angestellt. Er wurde keiner psychologischen Eignungsprüfung bei HR unterzogen. Er hat keine mehrjährige Bewährungsprobe unter Happys Führung hinter sich. FRIDAY hat ihn und sein Unternehmen lediglich für grundsätzlich erprobt, unauffällig und integer befunden – unter der Voraussetzung, dass Happy reagiert, sollte sich im Laufe eures Tages in Berlin irgendetwas anderes abzeichnen.“

„Was nicht geschehen ist“, beharrte ich leise. „Es war nicht --- es war nicht einfach irgendein Taxi. Kai war schon vorher mit uns unterwegs. Ihr hattet ihn ausgesucht und … deshalb dachte ich …“ Ich brach ab und setzte gleich wieder an: „Es ist nicht so, als wäre ich einfach ... irgendwo eingestiegen.“ Ich schluckte fest. „Ich habe nachgedacht; zumindest … war er die sicherste Option-“

„Es gab nur eine sichere Option“, unterbrach Tony. „Und die war Happy.“

„Aber er hätte mich nicht gefahren“, japste ich leise.

„Exakt.“ Seine unversehens steinerne Miene sprach Bände. „Hätte er nicht.“

Ich verstummte, als ich realisierte, dass ich keine Chance hatte diese Argumentation in irgendeinem Aspekt zu meinen Gunsten zu drehen.

Ich hatte nichts auf dem evakuierten Flughafengelände zu suchen gehabt. Tony hatte mich unmissverständlich angewiesen, im Ritz-Carlton zu bleiben, während er und die anderen Steve und Barnes in voller Kampfmontur aufzuhalten versuchten. Aber ich hatte mich ganz absichtlich in Lebensgefahr gebracht und das gleich in mehrfacher Hinsicht und das Chaos um ihn herum nur noch weiter verschärft, indem ich mich als menschgewordenes Totschlagargument versucht hatte.

Und, schlimmer noch, ich hatte mich ganz bewusst und wiederholt dazu entschieden.

Ich hatte gewusst, was ich tat, was ich riskierte und wieso .

Ich hatte diese Entscheidung im Laufe eines Nachmittags immer und immer wieder getroffen.

Wenn ich nun etwas anderes behauptete, forderte ich Tony nicht nur heraus, was ich im Anbetracht aller Umstände und meiner bereits seit Tagen vollkommenen Reue ganz sicher nicht beabsichtigte, nein, ich zeigte mich ausgerechnet im zweifellos größten seiner Anklagepunkte uneinsichtig; eben dem, den er von jetzt an ausschließlich mit dem letzten Kapitel amerikanischer Erziehungsratgeber zu beantworten gedachte, wie er mir in Berlin klipp und klar zu verstehen gegeben hatte.

Tony versprach nichts, was er nicht auch exakt so meinte. Nicht in diesem Ton.

Nun blind weiter mit der Absicht zu argumentieren, mich bloß zwischen die bewaffneten Fronten der Avengers und des Winter Soldiers werfen gewollt zu haben, um beide Seiten zu einem Waffenstillstand zu zwingen , ehe sie einander ins Gefängnis oder ins Grab brachten, und es nach wie vor wie eine legitime Motivation zu behandeln, die mich irgendwie dazu berechtigt hatte, alle Regeln und Anweisungen zugunsten meiner Sicherheit über Bord zu werfen, entsprach damit wohl ziemlich sicher glattem Selbstmord.

„Auf deinem Rücken befindet sich eine Zielscheibe, Sola“, fuhr Tony schon fort, als ich nichts weiter zu sagen wusste. „Sie trägt meinen Namen.“

Etwas Wundes zog sich in mir zusammen.

„Für manche siehst du aus wie der Blankocheck, der sie in die Penthouses von Madripoor bringt. Für andere bist du der Schlüssel zur Iron Man-Technologie. Und für wieder andere der Preis, den ich in ihren Augen zu zahlen habe.“ Tony blieb gefasst, aber der dunkle Nachdruck, der in seinem Ton mitschwang, schien direkt aus dem schwarzen Zentrum seiner Pupillen zu steigen. „Es gibt Menschen, die dich, ohne zu zögern, töten werden, wenn sie jemals auch nur eine einzige Gelegenheit dazu erhalten. Sie haben es bereits versucht . Sie haben dir bewiesen, dass es sie gibt und wie verteufelt ernst sie es meinen.“

Meine Augen tränten auf.

Tony entließ den Atem.

„Du steigst in kein Taxi, weil man dein Gesicht kennt und weiß, was es mir bedeutet“, erklärte er ohne weiteren Umschweif und plötzlich wieder so unaufgeregt gefasst, dass es nicht mehr als ein folgeklares Fazit schien. „Du nutzt auch keinen anderen Fahrdienstleister, nicht ohne unsere vorherige glasklare Absprache, weil man dich beobachtet und auf eine Gelegenheit lauert, die einfacher ist, als FRI zu infiltrieren und einen unserer Quinjets abzufangen. Und du steigst in keine U-Bahn, weil meine Satelliten und Anzüge Stadtbusse notfalls in wenigen Minuten finden und stellen können, aber sich unterirdische Tunnelsysteme über lange Zeit ganz unbemerkt präparieren lassen.“ Er hielt inne. „ Weil durch Tonnen von Stein, Asphalt und Beton zu kommen, sehr viel mehr Zeit erfordert, als durch ein wenig Aluminium und Stahl in der Stratosphäre über Chicago.“

Ich nickte schwach.

„Sind wir uns einig?“

„Ja.“ Ich hielt die Arme verschränkt, als ich wiederholt schluckte. „Sind wir.“

Er nickte. „Alles klar … Haken dran. Weiter geht’s.“

-/_\-

Es ging nicht nur weiter, es schien kein Ende zu nehmen.

Tonys beharrliches Durchhaltevermögen entsetzte und beschämte mich zugleich, während wir uns kontinuierlich weiter und weiter durch unseren für mich etablierten Verhaltenskodex arbeiteten, als sei er auf einer persönlichen Mission, mir eine zermürbende Lektion darin zu erteilen, wie sehr ich mich damit verkalkuliert hatte anzunehmen, dass er aufgrund von verqualmter Wut und anderweitiger Dramen meinem Verhalten in Berlin nicht wie versprochen auf den tiefsten, unangenehmsten Grund gehen würde; entschlossen, mich davon zu überzeugen, dass es ihn kümmerte – sowohl das Gestern, wie auch das Morgen – und zwar so sehr, dass er sich gleich einen ganzen Abend Zeit nahm, mir genauestens auf den Zahn zu fühlen und mich auf die allernüchternste Weise zu disziplinieren.

Denn das war es, wie es von hier an weiterging, begriff ich.

Nicht bloß heute. Ganz grundsätzlich.

Tony war es leid, Irrwege einfach in Kauf zu nehmen, die er auf Meilen kommen sah. Anders konnte ich mir sein teils bitterlich und dann wieder ungehemmt rationales Auftreten nicht erklären, mit dem er sämtliche Angelegenheiten seit Beginn dieser Woche ordnete, richtete und in Stein meißelte.

Die Ereignisse unseres abgeschmackten Wochenendes und aller verbliebenen Scherben hatten etwas mit ihm getan, das über eine bloße Laune hinausging.

Ich hatte es schon vorher keimen gesehen, sein Ringen und Streben um Verantwortung – für mich, für Wanda, aber auch für Sokovia und jedes einzelne Leben, das von seinen Entscheidungen gezeichnet blieb. Doch nun waren es nicht länger bloß Schuld, Vorahnung und gestählter Intellekt, die ihn dazu trieben, Kompromisse in Abkommen zu suchen.

Es war der Nachgeschmack von Schmerz, Gram und Verrat; der klaffende Durchbruch bis ins Fundament im ansonsten nahezu verlassenen Avengers Hauptquartier, das sich wie zum Beweis seines zuvor so fatalen Enthusiasmus nun im frischen Neubauglanz an unserem idyllisch weiten See in Upstate New York erhob, Milliarden Dollar wert und nun doch nicht viel mehr als ein Sinnbild gescheiterter Visionen und gebrochenen Vertrauens.

Die Stunden nach Sibirien, dieser schauderhaft bitterstille Tag danach, schien Tony nur in einem bestätigt zu haben: dass er es nicht länger von sich schieben konnte; dass er Schutzwälle hochfahren und Entscheidungen treffen und alte Überzeugungen und Leichtfertigkeiten abzustreifen hatte, die ihn spätestens in Berlin und Sibirien so sehr verbrannt hatten, dass er mit Narben zurückblieb, die sich nicht vergessen ließen.

Und es war seine Art wieder zu sich zu kommen. War es schon immer gewesen.

Das hatte ich an Tony zu verstehen gelernt.

Indem er reparierte, neu modellierte und den gesamten geschriebenen Code noch einmal auf links drehte, solange, bis es passte, bis er den teuflischen blinden Fleck gefunden hatte und er sicher sein konnte, dass keines seiner Systeme ein zweites Mal versagte, überwand er, was auch immer das Universum an Schrecken über ihn hereinbrechen ließ.

Er rekonstruierte, überdachte und verbesserte, bis er sicher sein konnte, dass er alles in seiner Machtstehende vollbracht hatte, um sich seiner Kontrolle über sein Leben und seine Ziele wieder so unsäglich sicher zu sein wie zuvor.

Und darin war er wirklich unübertroffen.

Es gab keine Annahme, für die er nicht mindestens eine Lösung erarbeitete.

Ausgerechnet Tony, das sorglos charmante Genie, das in Rennwagen in Monaco stieg, weil ihm spontan die Laune danach stand, vermochte Sorgen und Szenarien so ausgiebig bis auf ihre atomare Ebene zerdenken und nie ein einziges Wort darüber verlieren, wie es sonst niemand tat, der mir je begegnet war.

Oder vielleicht irrte ich mich da.

Vielleicht hatte es jemanden gegeben.

Vielleicht hatte Mum ihm eben darin schon immer das Wasser reichen können.

Als wir endlich beinahe jeden Punkt unserer vermeintlich nicht-existenten Charta kurz und klar zerkaut hatten und nur noch eine letzte unheilvoll golden schimmernde Kachel in einem holografischen Mosaik kühlen Silbers verblieben war, warf Tony seine leere M&Ms Tüte beiseite, die er uns als kleinen Motivationssnack besorgt hatte, während ich mich zwischenzeitlich auf die Toilette verkrümelt hatte, und sah mich merklich geschafft und doch unermüdlich erwartungsschwanger an.

Stille überkam uns.

Meine eigene Hand spielte mit drei der verbliebenen bunten Schokolinsen und schob sie wie einander umkreisende UFOs auf der mattsilbernen Kante des Holotisches umher.

Ich brauchte Tony nichts vorzumachen. Diesem letzten Punkt war ich bislang so offensichtlich ausgewichen, dass wohl kein Zweifel daran blieb, dass ich nach seiner Predigt zum Thema Fahrdienstleister so wirklich überhaupt kein Verlangen danach verspürt hatte, mich dieser Abreibung zu nähern.

Tony wiederum war meine Hinhaltetaktik nicht entgangen.

Auch er hatte den Punkt die gesamte Zeit über nie ausgewählt; nicht einmal als ich mir todsicher gewesen war, da ansonsten nur noch das lächerlich unstrittige Schuhgebot in Laboren und Werkstätten und mein Schimpfwortgebrauch vor Polizisten verblieben waren.

Als wollte er mich wirklich keiner Chance berauben, mich erwachsen genug zu zeigen, um mich dem Elefanten im Raum selbst anzunehmen, ehe er es tun musste.

Nun, es ließ sich festhalten, so erwachsen war ich nicht.

Weit davon entfernt.

Ich hatte meinen zweifellos anstehenden Heulakt fürs Finale aufgespart, mir stattdessen auch die letzte verbliebene Alternative herausgepickt und in einer mustergütig kurzbündigen Argumentation über festes Schuhwerk und Werkstattsicherheit brilliert, die uns beide lediglich beiläufig zustimmend die Brauen hatten heben lassen, als ich zum Abschluss gekommen war.

Tonys Miene war alles in allem beeindruckend neutral verblieben.

Überhaupt waren wir nicht mehr auch nur in die Nähe einer waschechten Diskussion geraten, ausgenommen beim Thema Deckungssuche bei Gefahr, bei dem ich gerade noch haarscharf die Kurve bekommen hatte, nachdem seine arbeitenden Pupillen angesichts meiner beharrlichen Einwände und konternden Fantasieszenarien ein wenig zu abenteuerlich zu funkeln begonnen hatten. Aber auch hier hatte meine Hauptmotivation allein darin gelegen, von dem leider existierenden Fakt abzulenken, dass ich in Leipzig eindeutig alles daran gesetzt hatte inmitten brennender Flugzeugwracks und donnernder Detonationen aus der Deckung zu steigen und auf Gedeih oder Verderb auf mich aufmerksam zu machen.

Alles in allem ein lausiger Versuch desorientierender Diskussionsführung meinerseits, der vermutlich nur aufgegangen war, weil Tony sich die anstehende Knockout-Performance ganz bewusst für meinen Angstgegner aufgespart hatte – dem neuen Ground Zero aller Tabus, dem ungenehmigten Abstecher auf einen aktiven Avengers-Kampfschauplatz.

Mein Kinn ruhte auf meinem längst angezogenen Bein, als ich erwartungsstumm zu ihm herüberspähte.

Tony war am Ball. Ich hatte über Metallspäne in Fußballen und isolierende Gummisohlen gefachsimpelt, womit es nun abschließend ihm zufiel, mich daran zu erinnern, was die himmelschreiende Selbstverständlichkeit, nicht ungebeten in eine Superheldenkampfzone zu stürmen, auf unserem Holotisch zu suchen hatte.

Tja , es ließ sich nicht leugnen, was?

Er hatte das hier wirklich bis in den letzten Sargnagel durchdacht.

Tony strich sich übers Kinn. Sein Blick richtete sich kurz auf meine verbliebenen M&Ms, auf meinen befangen arbeitenden Zeigefinger und dann wieder auf mein Gesicht, während sein Daumen überlegt über seine Bartpartie streifte.

„Das ist einfach“, erlöste er mich endlich und wies zu unserem letzten Tabu herüber, als handelte es sich tatsächlich um nichts weiter als eine bloße Randnotiz. Strenges Zutrittsverbot in Avengers-Kampfzonen. „Der Punkt ist unverhandelbar.“ Er setzte eine nüchterne Pause. „Weil ich nicht will, dass du stirbst.“

Und damit sank er einfach in seinen Stuhl zurück und schwieg.

Ich ließ mein angewinkeltes Bein lau verblüfft zu Boden rutschen, als auch diese letzte Kachel in dasselbe friedliche Silberlicht fiel wie der Rest. „Das war’s?“

Tony hob eine Braue. „Hierzu? Meinerseits? Ja.“

Meine gewappnete Bauchmuskulatur löste sich wieder, während mein Verstand seltsam überfordert zurückblieb.

Er beobachtete mich. „Es sei denn, dieser Aspekt erfordert irgendwie nähere Erläuterung.“

„Nein.“ Rasch senkte ich meinen Blick, damit er nicht zu viel in mein schwer verwirrtes Blinzeln hineinzuinterpretieren vermochte, und biss mir in die Wange. „Ich meinte nicht … nur bloß …--- Egal.“

„Absolut nicht.“

Sein scheinbar entspannt taxierendes Mienenspiel ließ mich vage die Lippen schürzen. „Na ja, ich dachte …“ Ich schluckte. „Ich dachte einfach …“

Erneut versank ich in schuldbewusste Stille.

„Etwas fehlt?“, half Tony auf die Sprünge.

Meine Zustimmung blieb nicht mehr als ein geständiges Murmeln. „Ja, dass es --- na ja, eben um Leipzig geht.“

„Es geht um Leipzig. Hier geht es absolut um Leipzig.“ Anders als ich behielt Tony seinen unbeirrbar sachlichen Ton bei. „Ohne Leipzig würden wir diese Unterhaltung nicht führen.“

„Hm.“ Ich betrachtete die nahezu unsichtbaren weißen Lichtfäden der nun in Silbertönung getauchten, beinahe kontrastlosen holografischen Projektion, unfähig ihn zu lange anzusehen, ohne meine unbändige Verwirrung und --- Enttäuschung? --- preiszugeben.

„Was willst du hören, Sola?“ Tony blieb stoisch. „Dass mir fast das Herz aus der Brust gesprungen ist? Denn das ist es. Jeden irrwitzigen Zentimeter, den du durch unseren bewaffneten Kleinkrieg zurückgelegt hast. Nur bin ich mir in diesem Punkt sicher – dass dir vollkommen klar war, dass du dich in Lebensgefahr begibst und was es mit mir macht. Es war keine Fehlkalkulation. Es war pure, lebensmüde Berechnung. Eine bewusst platzierte Wette auf dein Leben.“

Ich verlor Farbe, während mein Magen so rasant in meinen Schoß sackte, dass mir schlagartig ganz anders wurde.

„Was, also, willst du hören, was ich nicht bereits gesagt hätte?“

„Ich hatte einen Anzug“, raunte ich.

„Eine Rettungseinheit“, korrigierte er gefährlich gefasst. „Die SUN-1 ist eine Saving Unit . Und du hattest sie nicht, Sola, ich habe sie dir verschafft. Ich habe sie gebaut und gerufen.“

Meine Kehle wurde dicht.

Tonys Blick versteinerte in unvergleichlichem Ernst, einer wohlbekannt dunklen Entschlossenheit, die mich augenblicklich schwach und klein und stumm werden ließ, während sich alles in mir einsichtig ergab.

„Es gibt zwei Regeln, für die ich ab sofort den unmittelbaren Code Red etabliere, Sola“, erklärte er. „Das ist diese – Avengers-Einsatzgebiete sind strikte Sperrzone, die du ohne meine glasklare Einwilligung nicht betrittst. Und – keine Eigenexperimente mit Drogen. Ob klein oder groß, einmalig oder nicht, in zwei Monaten oder zwei Jahren, nichts davon interessiert mich. Beides ist Null-Toleranz-Gebiet und beides endet auf eine einzige Weise: Es wird dir nicht gefallen, es wird mir nicht gefallen und es wird wehtun.“ Er hielt verdrießlich den Atem an, nur um gleich weiter nachzusetzen: „Um es klar zu halten, jeder dieser Punkte bringt dich in Schwierigkeiten; manche größer, manche kleiner, ganz sicher abhängig von der Natur und Häufigkeit des Foulspiels, aber diese beiden sind unsere Dealbreaker. Und ich sage das, um fair zu bleiben. Ich gebe dir jede Chance, die du brauchst. Deshalb wird FRIDAY dich auch, unabhängig von jedem Protokoll, darauf hinweisen, wenn du dich einem dieser Dealbreaker näherst. Sie wird dich darauf aufmerksam machen, was du im Begriff stehst zu tun, und dich an den Code Red erinnern und dir damit gute unmittelbare Gründe liefern, es rechtzeitig zu überdenken, ganz gleich, was dich gerade treibt, weil sie dir assistiert und es ihre Aufgabe ist, dich auf sämtliche Gefahren im Verzug hinzuweisen.“

„Ich mache es nie wieder“, versprach ich erstickt, meine Stimme plötzlich nur noch ein raues Wispern. „Ich --- ich habe nur einfach … Ich wollte nur …“ Tränen stiegen zurück in meine Augen. Abwesend ballte ich meine Hand und grub sie in den Stoff meines Sweaters. „Du bist fort und alle anderen auch. Ihr seid los, um sie zu verhaften, und ich wusste, ihr würdet kämpfen, gegeneinander und gegen den Winter Soldier, und --- ich konnte --- irgendwie konnte ich nicht --- nichts tun.“

Tony atmete aus. „Ich weiß. Dem gehen wir auf den Grund. Aber ich muss hier eine Brandschneise platzieren, Sola, für den Fall, dass ich mich irre, und für den Fall, dass es wieder vorkommt-“

Ein Damm in mir brach. Ich schloss die Augen.

„-für den Fall , dass es uns auch ein zweites Mal nicht gelingt, diese Zündschnur auszutreten. Denn es wird nicht das letzte Mal gewesen sein, dass ich von dir verlange, durchzuatmen und die Füße stillzuhalten, während ich eine Sache auf Iron Man-Art regle.“

Es wurde niederschlagend still, als ich bloß mit zusammengepressten Lidern nickte.

Richtig. Es würde wieder und wieder und wieder vorkommen.

Es hörte nicht auf, bloß weil es mich gab.

Er würde es nicht.

Und es war auch nichts, was ich herbeisehnte, nicht wirklich, niemals , denn Tony würde mich hassen, das wusste ich, irgendwo tief in sich drin, würde er es, wenn ich ihm Iron Man stahl, wenn ich ihm keine andere Wahl ließ, wenn ich ihn zwang mich zu wählen, und ich würde es ebenso, spätestens wenn sich irgendwo auf dieser Welt ein zweites Wurmloch auftat und jede Hilfe zu spät käme, weil er meinetwegen zögerte .

Ich wünschte nichts davon. Und zugleich tat ich es doch irgendwie zu sehr .

„Samstag, auf unserem Rückflug vom Raft, sagtest du etwas“, griff Tony unversehens auf, vielleicht weil mein raues Schweigen ihn all diese beschämenden Gedanken geradewegs erraten ließ, die kleine, heiße Gruben in mein Herz zu fräsen begannen. „Du sagtest, dass ich das Sokovia Abkommen wegen dir unterzeichnet hätte.“ Er hob das Kinn. „Habe ich? Natürlich habe ich. Nicht wegen dir, für dich , aber lassen wir die unser Verhältnis bewusst infrage stellende Semantik mal beiseite. Ja , ich habe für dich unterschrieben. Aber nicht ausschließlich. Du bist ein Grund, ein verteufelt wichtiger, um klar zu sein. Mein bester . Aber ich habe es auch aus Selbsterhaltung getan, Sola, aus Verantwortung, aus Überzeugung . Ist das Abkommen ein Kompromiss? Ja .“ Er schnaufte trocken. „Nur schließe ich keine Kompromisse, hinter denen ich nicht stehe. Und schon recht nicht welche, die ich hasse . Dafür bin ich – offenkundig – zu gut bei Kasse, zu einfallsreich und zu exzentrisch. Hätte ich mich also genauso für dieses Abkommen eingesetzt, wenn ich dich nicht gerade an der Backe hätte? Lässt sich nicht sagen, nicht mit Sicherheit, da ich noch keinen Kontakt ins besagte Paralleluniversum aufnehmen konnte, um bei meiner kinderlosen Variante anzuklopfen und kurz nachzuhaken, wie ihr Wochenende so aussah, aber ich bin schwer überzeugt, es wäre nicht gravierend anders gelaufen.“ Er hob die Hand, fuhr sich über den Hinterkopf und entließ matt den verbliebenen Atem in seiner Brust. „Und was den Rest angeht-“

„Ich hab’s nicht so gemeint“, unterbrach ich gequält.

„ Oh ?“ Ein süffisantes Lächeln eroberte seine Miene. „Doch. Doch, ich denke, das hast du, hm? Kein Ding.“ Tony schnaufte und ließ seine bereits lässig abwinkende Hand zurück auf sein Bein fallen. „Siehst du, das ist nicht weiter dramatisch, denn das kann ich problemlos dementieren. Iron Man ist dein Vater, denn Iron Man ist niemand anderes als ich. Dein Dad zu sein macht mich nicht weniger zu mir – wenn überhaupt, macht es das nur noch mehr .“

Ich hatte keine Zeit, die schiere Liebeserklärung in seinen Worten zu verarbeiten, denn in der nächsten Sekunde erhob Tony sich, nahm seine leere Kaffeetasse auf und schlenderte zur Getränkeanrichte herüber. „Wie sich Peppers Name in dieser hysterischen Argumentationskette verlaufen konnte – darüber müssen wir sprechen. Oder wie du noch vor Sonnenaufgang vom Abrisstag im Hauptquartier erfahren konntest.“ Er richtete das schmale Abtropfgitter und aktivierte die kleine Kaffeemaschine, ohne sich ganz zu mir umzudrehen. „Hilf mir mal, was ist mein Problem damit?“

Eine irritierte Sekunde dachte ich, er meinte die mir unbekannte Kapselmaschine, doch als sie jäh summend in Aktion trat, trotz des hereingebrochenen Abends schwarzen, brühend heißen Kaffee in seine Tasse entließ und Tony just mit ausdrücklich unzufrieden zerklüfteter Stirn den Kopf nach mir wandte, sackte ich auch das letzte verbliebene Stück in meinem ledergepolsterten Bürostuhl zusammen.

Raue Beschämung säuselte in meinen Ohren im Rhythmus des summenden, kaffeespeienden Kleinautomaten.

FRIDAY schaltete das silbrige Holofeld ab, kaum dass Tony angesichts meiner Stille seine gefüllte Tasse wieder griff, an unseren Tisch zurückschlenderte und mit seinem freien Arm eine beiläufig beiseite wischende Bewegung machte. Die Lichtpanels über unserem Kopf kehrten in ein natürlich taghelles Licht zurück.

„Raus mit der Sprache.“

„War keine Absicht.“

Vermeintlich verwirrt schob Tony den Kopf vor. „War keine Absicht?“

„Dass ich --- Dass ich hier und da etwas mitbekommen habe.“ Reuig hielt ich einen Moment seinen theatralisch überfragten Blick stand, ehe ich schon wieder auf meine Hände schielte. „Ich sagte doch, ich laufe nicht herum und warte , ob ich vielleicht etwas aufschnappe. Es war einfach so, dass --- dass ich diese Sachen zufällig mitbekommen habe, meistens jedenfalls, und, ja , ich hätte nicht … nicht weiter zuhören sollen, weil … Okay, weil es privat war und das war nicht okay, klar. Ich wollte euch nicht belauschen , tut mir leid, ehrlich, und --- ich hätte es auch nicht, wenn es nicht irgendwie um mich gegangen wäre, jedes Mal, und ich dachte ---“

Ich hatte so ein übles Gefühl . Es war davon nicht besser geworden, wie ich nun wusste. Es hatte sich nur verschlimmert und am Ende hatte es sich auch böse bestätigt.

In fast allem.

„Ich dachte, ich verstehe vielleicht mehr, wenn ich mehr weiß“, gestand ich. „Und dass es irgendwie … hilft.“

„Wenn du etwas verstehen willst, frag mich. Das ist verdammt viel einfacher, Sola, als herumzulungern und darauf zu hoffen, dass ich es zufällig jemand anderem erkläre.“

„Ich weiß.“ Ich begann zu schniefen. „Tut mir leid.“ Immer noch sah ich Tony nicht an.

Schamrot angelaufen schwellte meine Brust, als ich unversehens begriff, wie undankbar all dies wirkte, wie selbstsüchtig und aufdringlich .

„Jupp, es geht um Privatsphäre“, bestätigte er, machte einen Schluck von seinem zweifellos brühend heißen Kaffee und musterte mich unverhohlen weiter, als habe er in all den zurückliegenden Stunden nicht bereits jede schuldbeladende Mikroregung meiner Miene kartiert. „Dieselbe, die jeder von uns respektieren sollte und über deren sittlichen und moralischen Feinheiten FRIDAY auf Knopfdruck ein ganzes Buch verfassen kann, weil ihr Einsatz – platt ausgedrückt – dem Beginn einer Dystopie gleichkäme, wenn sie dieses Konzept nicht bis in die genaueste Definition von Scham und Diskretion begreift.“ Er setzte sich, beugte sich vor, schnappte sich eine der verbliebenen M&Ms an meiner Tischkante, ohne mich aus dem abwägenden Blick zu entlassen, und schnippte sie sich in den Mund. „Wenn wir uns mit jemanden unter vier Augen unterhalten, Sola, tun wir das in der Regel aus gutem Grund“, beschied er mir sacht kauend. „Selbst wenn die Tür nicht geschlossen ist oder ich lauter werde, heißt das nicht, dass es damit irgendwie angebracht oder aufschlussreich wäre, hinter der nächsten Biegung auszuharren, um möglichst viele kontextfreie Gesprächsfetzen aufzuschnappen und anschließend wilde Theorien zu spinnen, wie das, was ich zu dir sage, dem widerspricht, was ich anderen sage oder was vermeintlich tatsächlich in mir vorgeht. Denn, wow , ich sage viel und trotzdem entspricht es so gut wie nie allem , was mir durch den Kopf geht.“ Er hielt inne und griff sich eine weitere meiner Schokolinsen. „Worum es hier ganz ausdrücklich nicht geht, ist es, dich aus meinem wahren Privatleben zu halten. Privater als das hier wird es nicht, Sola. Du stehst direkt dort, im innersten Kreis. Wir spielen kein Theater. Das hier ist er.“

Befangen sah ich ihn an.

„Was?“, fragte er geradeheraus.

„Du sagst mir nichts“, antwortete ich still. „Ich weiß nie, was wirklich los ist.“

Tonys Miene wechselte umgehend in strengen Frust. „Nein, uh-uh , das Thema hatten wir-“

„Aber es ist wahr!“, beharrte ich. Meine Stimme überschlug sich, heiser vor vergorenem Protest, als meine Hand bereits eine tropfende Träne beiseite wischte. „Du sagst mir nie die ganze Wahrheit, du sagst mir nicht einmal, dass du --- dass du den Präsidenten triffst.“ Ein Schluchzen quoll in meiner Brust. Es presste gegen meine Rippen, aber ich stemmte es atemlos zurück, ließ es nicht entweichen. „Ich erfahre es aus dem Fernsehen -“

„Wenn ich vor Pepper oder einem anderen Erwachsenen Sachen ausspreche, die ich dir nicht sage, dann liegt das daran, dass ich nicht will , dass sie dich beschäftigen“, fiel er mir ins Wort. „Es ist meine Aufgabe diese Dinge zu steuern und sie dir auf eine Art beizubringen, die dir nicht nur noch mehr Sorgen bereitet. Dir von Barnes und Sibirien zu erzählen war unumgänglich, aber es war völlig falsch, wie es geschehen ist. Das passiert, wenn ich Dinge ungefiltert auf dir ablade. Wenn ich dir all die Dinge sagte, die mich beschäftigen, Sola, würdest du nie wieder ein Auge zu tun. Aber ich will, dass du schläfst. Ich will, dass du dich darauf konzentrierst, du zu sein und nachzuholen, was dieses letzte Jahr zu kurz kam. Ich will, dass du mir vertraust zu wissen, was ich tue, wie ich es tue und wann ich es tue.“ Tony holte beherzt Luft. „Liebling, ich will, dass du mir in diesem Punkt vertraust, wie du Maya vertraut hast. Und ja, ich weiß, es fühlt sich an, als sei es ein Fehler gewesen. Nie etwas hinterfragt zu haben. Darauf vertraut zu haben, dass sie die Dinge für euch regelt. Sich darauf ausgeruht zu haben, deiner Mum zu vertrauen; darauf zu vertrauen, dass sie da ist, nur um --- jetzt mit mir gestraft zu sein und mit diesem ganzen Wahnsinn. Aber es war kein Fehler, Sola. Es war einfach eine Tragödie. Ein katastrophales Unglück. Du hast keinen Fehler begangen. Du hast überhaupt nichts getan, was irgendetwas an diesem ganzen Schmerz rechtfertigt.“

Meine Hände zu festen Fäusten geballt, brach ich in Tränen aus.

Tony entließ sanft den Atem. Ich sah es nicht, denn mein Sichtfeld bestand plötzlich aus nichts anderem mehr als schummrigen Klecksen Licht und Farbe, aber ich vernahm die Rollen seines Stuhls auf dem Vinyl, als er sich kurzerhand um unsere Tischecke manövrierte und direkt neben mir zum Halten kam, sodass unsere Sitzflächen sacht gegeneinanderstießen.

Er hielt meinen Stuhl davon ab angesichts der vagen Kollision davonzurollen, ehe seine Hand warm und fest auf meinem Knie zum Liegen kam.

Schweigend lauschte er meinem getroffenen Schniefen und Hicksen.

„Das ist der Knackpunkt, über den wir hier sprechen sollten, hm?“, bemerkte er still, als ich Tränen über Tränen beiseite wischte. „Vertrauen. Da ist er, unser Systemkiller.“

„Ich vertraue dir“, schluchzte ich auf. „ Wirklich . Ich habe nur ständig --- so eine schlimme Angst ---- dass du --- dass du stirbst --- einfach verschwindest --- wie sie .“ Ich zog mein linkes Bein wieder an, umgriff es mit beiden Armen und vergrub schlagartig mein Gesicht dagegen, unfähig den Schrecken eben dieses Quells anders zu beherrschen, als indem ich sämtliche Luft und krampfhafte Spannung zeitgleich aus meinem Brustraum presste. „Dass es einfach wieder passiert. Dass irgendetwas schief geht --- wie in Sibirien --- und --- und ---“

Seine Hand ließ mein Knie los und fuhr über meinen Hinterkopf in meinen Nacken. Nachdenklich rieb Tony sanfte Kreise in meine verhärtete Muskulatur und meine Kopfhaut, bis die schüttelnde Wahrheit etwas weniger betäubend wurde und ich mein Gesicht wieder von meinem Knie abzuwenden vermochte.

Als ich ihn endlich ansah, waren seine Pupillen so dunkel, so unglücklich , trotz aller stummer Aufmerksamkeit, dass es mir gleich noch dickere Tränen in die Augen trieb.

„Du sagst, ich soll darauf vertrauen, dass du weißt, was du tust“, gluckerte ich hervor. „Das tue ich.“ Meine Stimme brach. „Aber das bedeutet nicht, dass es auch wirklich gutgeht.“

„Stimmt.“ Tony nickte. „Ich kann dir nicht versprechen, dass mir nie etwas geschehen wird. Dieses Versprechen kann niemand geben. Erst recht niemand, der einen netten, kostspieligen Zeitvertreib zu seiner Existenzberechtigung gemacht hat und sich nun aus Berufswegen mit bösartigen KIs, außerirdischer Infiltration und terroristischen Splittergruppen voller weiterentwickelter Individuen befasst.“ Er pausierte. „Aber was ich dir versprechen kann , ist, dass ich die besten Gründe denn je habe, um mein Leben zu kämpfen, sollte es darauf ankommen. Und das werde ich, Sola. Das tue ich.“

„Ich weiß“, wisperte ich.

„Was unternehmen wir jetzt?“

Kraftlos hob ich die Schultern.

„Okay, mir ist klar, dein Erstkontakt neulich mit dem S.E.N.F.-System lief mittelprächtig“, begann er nach einem langen Augenblick.

Es kam wenig überraschend und doch sah Tony mich kaum an, als spüre er den festen, heißen Widerstand, der sich augenblicklich in mir zusammen zu stauen begann, immer noch gebeutelt von der blendend grellen Erlösung des Moments, Mum nahe gewesen zu sein, ehe die Grausamkeit zutage getreten war, die Wahrheit, der freie Fall . Ich wusste mir nicht anders zu helfen, als gepresst den Kopf zu schütteln, schier hoffend, dass er sich erbarmte, trotz allem , und mich nicht zwang .

„Es war kein guter Start, ich weiß“, wiederholte er nur noch besonnener. „Ich weiß, Liebling, aber dafür war es auch der völlig falsche Moment … Sola, hör mir zu, vernünftige Aufarbeitung lässt sich nicht mit magischen Kniffen und Experimenten umgehen.“

Ich schluckte herb.

„Keine Frage, es ist verflucht verführerisch, andere Mittel und Wege zu suchen, um die Auseinandersetzung aufzuschieben, aber es gibt nur einen Weg, diese Dinge wirklich zu bewältigen. Sam hat sich disqualifiziert. Er ist aus dem Spiel. Aber S.E.N.F. ist genau hierfür gemacht.“ Er hielt inne. „Sol, lass es uns gemeinsam angehen. Lass es uns wenigstens versuchen .“

Etwas in mir ergab sich, nicht länger imstande seinem ernst beschwörenden Tonfall standzuhalten.

Erstickt nickte ich.

Eine regelrechte Woge der Erleichterung schien durch seine Muskulatur zu wandern, als er sich vorbeugte, mich auf den Pony küsste und meine wiederholt aufquellenden Tränen rasch, aber zärtlich mit dem Ärmel seines dunklen Sweatshirts von meiner Nase strich.

„Ich hab dich lieb“, schniefte ich, weil es mich unversehens so heftig überkam, dass ich es nicht länger in mir zu halten vermochte. „Ich meine so richtig. Nicht wie --- wie sie alle .“

Tony lächelte. „Ich weiß, Pokerface.“

Wir hielten einander Blick.

„Ich dich auch“, setzte er nach. „Aber das hier ist kein Wettbewerb, richtig?“

Sein neckendes Theater ließ mich schnaufen, auch wenn sich die dichte Wärme in meiner Brust bis in meine Glieder ausbreitete.

Meine Arme gaben mein angezogenes Bein wieder frei.

Auch Tony hielt sacht inne, als seine Miene schon wieder ernst wurde, jedoch ganz ohne in die still urteilende Strenge zurückzufallen, die sie große Teile unseres Abends so unbeirrt blank gehalten hatte, dass jeder Anklang von Rechtfertigung meinerseits darunter aufgedunsen und zerflossen war wie bloße Marshmallows in der Mikrowelle.

„Die letzten Tage waren schwierig“, sagte er. „Es sind … Dinge geschehen … Einiges hat sich verändert.“ Sein Blick verhärtete kurz, als er sichtlich nach innen sank, nur um gleich wieder in grübelnde Unzufriedenheit zurückzukehren. „Vieles davon hättest du gar nicht mitansehen sollen , sicher, aber Pepper hat recht, so einiges hätte anders laufen müssen und wirklich alles daran hätte ich uns liebend gerne erspart.“ Er ließ sich mit undefiniertem Seufzen in seinen Stuhl zurücksacken.

Etwas in mir zog sich zusammen, als Tony mich unvermittelt mit dunklem, schwer glänzendem Blick wieder ansah. „Ich weiß, er hat dir wehgetan.“

Mir? , wallte es unweigerlich in mir auf. Mir? Was ist mit dir ? Er hat dich verraten.

„Das konnte ich nicht verhindern.“ Sein Tonfall rann in ihrer Finalität meine Wirbelsäule hinab, als seine Stimme erweichte. „Aber ich kann es besser machen. Ich habe dir in Missouri etwas versprochen, das ich immer so meinen werde, vollkommen gleich, was geschieht.“

Tony blinzelte nicht.

Schwer erleichterte Tränen traten zurück in meinen Blick.

Ich griff nach meinem Wasserglas. Er schob es mir entgegen.

„Womit wir beim letzten Punkt wären“, setzte er aus dem Nichts nach. „FRIDAYs Beschwerde bezüglich ---“ Er gluckste. „ Okay , war nur ein Witz.“ Müde kapitulierend hob er die Arme und schenkte mir sein unwiderstehlichstes Lächeln, während ich mich noch herzhaft schnaufend an meinem Wasser verschluckte. „Keine Sorge. Das war’s, wir sind durch.“

Ich zögerte. „Und …“

Seine Ellbogen wieder auf den Knien abgelegt, beugte Tony sich schon wieder zu mir vor. „Und?“, kopierte er und kniff neckend die Brauen zusammen.

„Na ja …“

„FRIDAY setzt deine Zugangsberechtigungen im Restgebäude wieder in Kraft. Die Penthouse-Beschränkung heben wir auf. Alles andere bleibt wie besprochen. Halloween ist dein Entlassungstag. Der Basar bleibt geschlossen.“

„Klar“, beeilte ich mich zu sagen und nickte schnell, heiß vor umgehend aufwallender Beschämung. „Das meinte ich nicht.“

„ Hm . Sondern?“

Ich umfasste das Wasserglas wieder mit beiden Händen. „Das … umm , das Essay vorhin war ein Witz, oder?“

Tony ließ seine Miene theatralisch ernüchtern. „Vier Seiten, Sonntag.“ Er erhob sich zurück auf die Beine, stahl auch die letzte verbliebene Schokolinse von meiner Tischkante und schob seinen Stuhl an seinen vorherigen Platz zurück. „Es sei denn, du bist scharf drauf, dir meinen Vortrag zum Thema Sex, Drugs & Rock’n‘Roll noch diese Woche im gerade besprochenen Morsecode anzuhören.“

„Nein“, brummte ich hastig. „Passt, ugh , perfekt. Wird gemacht. Sichere Sache.“

Tony spitzte die Mundwinkel.

Vielleicht war es ein Witz.

Aber selbst wenn, entschied ich. Besser, ich ersparte uns beiden diese Pointe.

Musik:

Invincible – OK Go

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Schlussbemerkung: Kehrwert ist ein Slowburn-Familiendrama mit recht tragischen Elementen, aber die Wartezeiten zwischen den Kapiteln machen es derzeit wohl zum eigentlichen Geduldsakt. Allen meinen Lesern aus diesem Grund ganz lieben Dank für die fortwährende Unterstützung und Motivation, ob durch Kommentare, Empfehlungssterne, Favoriteneinträge oder Lese-/Aufrufzahlen. <3

Ich kann es kaum erwarten, Sola und Tony auch im kommenden Jahr durch alle kommenden dramatischen, unterhaltsamen und emotionalen Wendungen aus Akt 2 zu führen.

** Euch allen einen guten, sicheren und glücklichen Rutsch ins neue Jahr 2025! **