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DNA

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DNA

Kapitel 31: DNA

Rhodey stierte in seine Karten.

Den Blick reglos, geradezu analytisch auf sein mir unbekanntes Blatt geheftet, entließ er nach einem kurzen Moment den Atem, ehe er schon wieder auf unseren improvisierten Pokertisch sah, bestehend aus seinem bambushölzernen Betttablett, und dann mitten in mein planloses Gesicht.

„Ich erhöhe auf fünf.“ Er sah nicht einmal hin, als er nach einer kleinen sauren Schlange aus seinem Vorrat griff und das Fruchtgummi in unsere Mitte nahe der vier aufgedeckten Karten warf, ehe er den an seinen Fingern verbliebenen Zucker mit herzlich irritiertem Gesichtsausdruck abrieb und über sein Bett spähte. „Anscheinend habe ich für heute Nacht ein Ganzkörperpeeling gebucht. Das Zeug werde ich in jeder Ritze spüren.“

„Gratis-Spa für die Haut“, kommentierte ich bloß, richtete meinen gemütlichen Schneidersitz und warf widerstrebend auch eine meiner sauren Schlangen in den Pot.

„Meine Haut ist fabelhaft, Frechdachs. Deck die letzte auf.“

Würdevoll tat ich wie geheißen. Erfüllt vom ersten aufflackernden Selbstbewusstsein meiner neuerworbenen Croupier-Skills der vergangenen Viertelstunde nach meinem mehr als spontanen Sprung ins eiskalte Texas Hold’em-Wasser, griff ich zum Kartenstapel, legte die oberste Karte beiseite, wie von Rhodey unterhaltsam nachdrücklich vorgeführt, und offenbarte einen weiteren König.

Hm , hätte besser laufen können.

Rhodey schien zufrieden. „Ich erhöhe noch einmal um zwei.“

Stumm musterte ich ihn. „Wenn ich nicht mitgehe, gehört der Pot dir, ja?“

„Keine Sorge, er gehört mir so oder so“, versicherte er verboten selbstsicher, was mich einmal mehr daran erinnerte, dass er Tonys engster Freund war und es durchaus Gründe dafür gab.

„Aber wenn ich mitgehe, musst du mir zeigen, was du auf der Hand hast“, vergewisserte ich mich nochmals. „Dann weiß ich, ob du bluffst oder nicht.“

„So sieht’s aus, Kleines. Falls es dir das wert ist …“

Ich zögerte, dann schob ich zwei meiner sauren Schlangen nach und sah ihn herausfordernd an.

„Full House“, offenbarte er entspannt, wenn auch unterschwellig triumphierend, und warf sein Blatt aufgedeckt vor mir ab. „Du hattest eine Straße.“

Ich verzog das Gesicht. „Jupp …“

Ich verzichtete darauf, meine Karten offenzulegen, da er anscheinend ohnehin bestens Bescheid wusste, was sich auf ihnen abspielte. Als könne ihn nichts an meinen sich beachtlich häufenden Niederlagen wirklich überraschen, schmunzelte Rhodey, während ich den eingesammelten Stapel wieder zu ihm herüberschob.

Es tat unsäglich gut, ihn lächeln zu sehen, selbst wenn es so müde und abgeschlagen daherkam wie nun, da er sich auf seinen Armen aufstemmte, seine tauben Beine zurechtrückte und dann auch schon mit reichlich entsagender Miene zur nahezu stummgeschalteten NFL-Expertenrunde aufsah, die soeben mögliche Taktiken für die morgig anstehenden Begegnungen durchleuchtete.

Trotzdem konnte ich weder den nahebei stehenden Rollstuhl ausblenden, noch die Tatsache, dass mein Herz wie in größter Mühe zu kneten begann, wann immer Rhodey sich unversehens umsah, als drücke die gesamte Welt auf ihn hinab und als sei er ihr dennoch bitterlich gewachsen. Jedes Mal versuchte ich ihm zuvor zu kommen und zu durchschauen, was er benötigte, ehe er mich wirklich darum bitten musste. Ich bemühte mich, es wie reine, freundliche Gesten aussehen zu lassen; Dinge, die ich ohnehin getan hätte, Querschnittslähmung hin oder her, auch wenn es verteufelt schwer blieb, dieselbe gleichmütige Stimme und Leichtigkeit beizubehalten, wenn ich seinen Rollstuhl in Position schob.

Die Ärzte hatten ihm eine ganze Woche Bettruhe nach seiner Notoperation vom Wochenende verschrieben, weshalb es ihn derzeit noch hauptsächlich in diesem hielt. Ich wollte mir nicht vorstellen, wie die harsche Realität auf ihn wirken mochte, sobald er diese kleine erste Akzeptanzsphäre seines so langsam manövrierbaren und zu bewältigenden Zimmers verließ.

Vision würde da sein. Und ein ganzes zuvorkommendes Team an Ärzten, Helfern und serviceorientierten Überbleibsel der Iron Legion. Vielleicht würde Tony unter der Woche vorbeisehen, so wie schon die vergangenen beiden Tage geschehen, als er für verschiedenste Termine, Baustelleninspektionen und Aufgaben nach Upstate geflogen war, die ihn erst sehr spät abends in den Tower hatten heimkehren lassen und uns nun ein weiteres volles Wochenende im Hauptquartier bescherten, das ihm diese Pendelei zumindest für zwei Tage ersparte, so schnell sie auch in seinem Anzug zu bewältigen war.

Aber etwas in mir wusste, kein vertrautes Gesicht – keine hilfsbereite Aufmerksamkeit der Welt – konnte den Schock schmälern, sich nicht länger auf dieselbe Weise durch die Welt bewegen zu können.

Mochte es auch nur eine Weile der Fall sein.

„Dein Dad arbeitet an einer robotischen Gehhilfe“, hatte Rhodey mir ohne viel Federlesen versichert, als ich ihn nach meiner Ankunft behutsam nach seiner finalen Diagnose gefragt hatte. „Und dein Neurologen-Team versucht sich an einer Nanobrücke für die zertrümmerten Wirbel. Außerdem sind sie an einem ähnlich regenerativen Serum dran wie deinem, um die nervlichen Schäden mit künstlich induzierter Neurogenese zu therapieren, sofern meine Rückenmarkstrukturen darauf anspringen. Sie haben Gewebe entnommen, um es zu testen. Das alles braucht seine Weile, aber es wird …“ Er hatte müde die Augenbrauen gehoben und schließlich geschmunzelt. „Ist recht praktisch, Tony Stark am palladiumgratinierten Herzen zu liegen. Wenn er will, lässt er ungelöste Rätsel der Medizin wie lächerlich simple Kiosk-Sudokus wirken, was?“

„Sein Bankkonto ist gut darin, ja.“

„Es ist nicht bloß sein Geld, Sola. Tony kann sehr gut einschätzen, wen es lohnt an Bord zu holen und wen nicht. Dein Dad kann wissenschaftlichen Humbug auf hundert Meilen wittern. Das ist das Genie in ihm. Er versteht viel zu viel viel zu schnell, um nicht jedes theoretische Konzept halbwegs durchschaut zu haben, bevor er den Namen Stark Industries draufsetzt oder jemanden an dein Hirn lässt.“

Sofort hatte ich das Thema gewechselt, unsicher, ob Rhodey von Wandas magischer Intervention wusste oder nicht. Was ich auf keinen Fall beabsichtigte, war mit Rhodey über Clint zu sprechen oder die Tatsache, dass er Tonys Vertrauen bewusst hintergangen hatte, als er mir diesen magischen Ausweg aus meinen Albträumen und Flashbacks eröffnet hatte, weil er der Überzeugung gewesen war, dass Tony in diesem Punkt nicht länger objektiv zu entscheiden vermochte und er die Verantwortung selbst in die Hand nehmen musste.

Ich konnte nicht mit Rhodey darüber sprechen. Ich konnte ihm nicht sagen, wie dankbar ich Clint nach wie vor dafür war und wie wenig mich die potentiellen Nebenwirkungen interessierten, dieser erschreckende Moment im MetLife und jedes sporadisch auftauchende Irrlicht von Erinnerung, von dem zum Glück niemand außer mir wusste, wenn das Ergebnis dieses hier war. Ich konnte Rhodey nicht sagen, wie sehr ich Clint immer noch vertraute, ganz gleich, wie verraten Tony sich von seinen Entscheidungen fühlte.

Genauso sehr wie ich jede Erwähnung der Kämpfe am Flughafen umging, die zu Rhodeys fatalem Sturz aus dem Himmel über Leipzig geführt hatten.

Denn, welche Position er in all diesen Punkten einnehmen würde, war definitiv kein Rätsel der Menschheit.

Wir pokerten eine weitere Runde. Rhodey entschied sie erneut für sich.

Mein kleiner Hügel saurer Schlangen begann zu schwinden.

„Man muss nicht auf jeder Party mittanzen“, riet er mir mit bedeutungsvollem Blick in Richtung der neu gemischten Karten.

„Hm“, stimmte ich zu. „Wäre schon cool, wenigstens eine zu besuchen.“ Ich bereute meine Worte, kaum dass sie mir grummelnd herausrutschten, und spürte unweigerlich meine Wangen erhitzen.

Rhodey nahm seine Karten auf. „Vernehme ich da etwa unterschwellige Spannungen?“

„Nein“, versicherte ich still. „Alles gut.“

Er musterte mich aus dem Augenwinkel. „Diesmal zieht er es durch, was? Nicht wie in Berlin.“

Ich schwieg und stierte angestrengt auf meine zwei Asse.

„Wie lange noch?“

Ich zögerte. „Bis Halloween.“

„Eine Woche.“ Unbeeindruckt runzelte er die Stirn. „Ist nicht viel, das packst du.“ Entspannt setzte er seinen zuckrigen Blind in unsere Bambustischmitte. „Damit bist du gut weggekommen, wenn du mich fragst.“

Ich schnaufte matt, aber nickte schließlich. Denn ja, das war ich. Das wusste ich. Unser Gespräch neulich Abend hatte sich nach allem noch als das Unangenehmste herausgestellt, was mir an Konsequenzen geblüht war. Von der Tatsache, dass Tony den bereits vor Berlin verhängten Hausarrest nicht einmal verlängert oder um irgendwelche erhärtenden Maßnahmen wie eingeschränkte Bildschirmzeiten ergänzt hatte, brauchte ich gar nicht anzufangen.

Unterm Strich hatte er mich begnadigt. Das war mir bewusst, auch wenn Tony es ganz sicher niemals so unverhohlen eingestehen würde und ich es ihm durchaus hoch anrechnete, dass er mir auch nicht das Gefühl gab, dies besser im Hinterkopf zu behalten.

Deshalb, ja, ich war verteufelt gut mit allem weggekommen.

Und ich würde denselben Teufel tun, es mir irgendwie doch noch zu verscherzen oder mich wieder in eine vergleichbare Situation zu bringen.

Nicht bloß wegen des neuen Code Reds, ugh .

Die neue Runde gewann ich, auch wenn sich Rhodey nicht allzu viele saure Schlangen aus seinem Vorrat entlocken ließ, um es wie einen richtigen Triumph aussehen zu lassen. Dennoch sammelte ich die wenigen Fruchtgummis ein, biss einer von ihnen den Kopf ab und sah kauend dabei zu, wie er mischte. Als seine Hände sich nachdenklich verlangsamten, folgte ich seinem Blick zurück zum Fernseher.

Die Football-Expertenrunde schien von einer Nachrichtensendung abgelöst worden zu sein. Außenminister Ross und Tony erschienen im bewegten Wechsel, während die Laufschrift von ersten Ermittlungserfolgen in Sachen der entflohenen Avengers kündete.

Angespannt überflog ich den Text am unteren Bildschirmrand.

Anscheinend war Nat zwischenzeitlich in Norwegen untergekommen.

Man war Natasha Romanoff auf den Fersen, versicherte ein Sprecher des Außenministeriums. Ihr globaler Bekanntheitsgrad erschwerte ihr die Flucht und jegliche Identitätswechsel, wie es auch das intelligent agierende Stark Satellitennetzwerk tat.

Rhodey schaltete den Fernseher ab.

„Man könnte meinen, es ginge gar nichts anderes mehr vor sich“, seufzte er. „Ich habe etwas für deinen Vater übrig, aber ich muss ihm nicht rund um die Uhr auf jedem einzelnen Sender begegnen.“

Er versuchte mich aufzulockern, ich spürte es, aber es gelang ihm nicht. Meine Gedanken kreisten dafür viel zu surrend um Nat und den Fakt, dass Tony die vergangenen Tage tatsächlich außerordentliche Anstrengungen unternommen hatte, Ross‘ ausgesandte Spezialeinheiten den richtigen Spuren folgen zu lassen, bis sie einen zurückgelassenen Wohnwagen mit ihren DNA-Spuren entdeckt hatten, in dem sie sich erst wenige Stunden zuvor aufgehalten haben musste.

Tony tat exakt , was er im Rosengarten des Präsidenten gelobt hatte.

„Er ist nicht bloß in allen Nachrichten“, sagte ich, um mich selbst von meinem flauen Gefühl bezüglich Nat abzulenken. „Er war diese Woche auf fast jedem Cover. Auf der Time , dem People , der New Yorker …“

„Und dem GQ und der Popular Mechanics “, ergänzte Rhodey trocken. „Die habe ich hier noch irgendwo herumliegen.“

„Ja“, brummte ich. „Und in der Cosmo war er auch. In der Vanity Fair . Auf der Rolling Stone … Sie haben Sonderausgaben herausgebracht.“ Irritiert runzelte ich die Stirn. „Er hat irgendeinen verrückten Rekord der meisten Coverstorys in einer Woche gebrochen.“

Das wusste ich von Jessy.

Sie wurde nie müde, mich mit allen Updates zu Tonys Star-Power zu versorgen, nicht einmal jetzt, da er sich als mein Dad entpuppt hatte und mich seine im dramatischen Wechsel aufwallende und wieder abflauende Popularität unendlich zwiegespalten zurückließ.

Während sich die eine Hälfte der Illustrierten diese Woche mit seinem Aufstieg zum Direktor der Avengers, seiner Entzweiung mit dem Team und seinem politischen Imagewandel beschäftigt hatte, war die andere Hälfte ganz auf seine nun öffentlich bekannte Beziehungskrise mit Pepper und dem angedeuteten Ende seines ersten und bislang einzigen langfristigen Liebesverhältnisses angesprungen. Tony hatte ihnen in einer einzigen Woche genug Stoff an sämtlichen Fronten geliefert, um selbst meine eigene, erst Montagnachmittag ans Tageslicht getretene Beziehung mit Mr. Magnificents Sohn noch vor Wochenmitte zur simplen Randnotiz verkommen zu lassen.

Für letzteres war ich absolut dankbar, nicht jedoch für den Buzz, den Tonys derzeitige mediale Omnipräsenz in meiner Schule und anderswo auslöste.

Erst gestern war wieder ein unheilvoll großer Schriftzug mit grünem Permanentmarker auf dem Spiegel der Mädchenumkleide hinterlassen worden, der Tony Stark ins Wurmloch zurückgewünscht hatte, während ich auf den Fluren aufgeregt auf die verschiedensten Gerüchte angesprochen worden war, begonnen bei dem absurden Verdacht, Pepper und ich hätten uns böse zerstritten, womit ich den eigentlichen Grund hinter ihrer Beziehungspause darstellte, bis hin zu der absolut verqueren Überzeugung, Tony habe das Sokovia Abkommen lediglich unterstützt, um Captain America seiner legendär weißen Weste zu berauben und ihn und seine teaminternen Unterstützer in die Kriminalität zu treiben, um nach dem Ultron-Supergau selbst besser dazustehen.

Und um all dem noch die Krone aufzusetzen, war Peter Parker Donnerstagabend überraschend im Tower aufgetaucht, um ein aktualisiertes Modul für irgendeinen Einsatz abzuholen, das ich ihm in einem kleinen bereitstehenden Koffer aus der Werkstatt hatte aushändigen müssen, weil Tony zu diesem Zeitpunkt selbst immer noch unterwegs gewesen war.

FRIDAY hatte mir partout nicht verraten wollen, was sich im Koffer befand, weshalb ich urplötzlich begriffen hatte, dass Peter anscheinend bereits innerhalb zwei kurzer, chaotischer Wochen seines mir undurchsichtigen Praktikums eine ganze Freigabestufe an mir vorbeigezogen war. Das hatte zunächst einen ziemlich hohlen Magen und dann eine absurd angesäuerte Stimmung in mir hinterlassen, insbesondere da Tony mich am Telefon, hörbar mit einer Vielzahl anderer Angelegenheiten beschäftigt, darum gebeten hatte, Peter am besten schon einmal eine schnelle Führung durch Iron Mans heilige Hallen zu geben, weil er Peters beachtlichen Vorkenntnisse in der Ingenieurstechnik demnächst tiefergehend für einzelne seiner laufenden Kleinprojekte auszuschöpfen gedachte.

Ich hatte diese Bitte aus einem schändlich verletzten Impuls heraus vollständig ignoriert und Peter noch im Lift abgefangen und ihm den quadratisch kleinen Koffer ziemlich wortlos in die Hand gedrückt, ehe er auch nur einen halben Blick der gewaltigen Lounge, geschweige denn irgendeiner Werkstatt hatte erhaschen können.

Verwirrt hatte er sich bedankt, als ich ihm auch schon eine gute Heimfahrt gewünscht und FRIDAY gebeten hatte, ihn in die Lobby zurückzubringen.

Auf Peters leise überforderte Chatnachricht zwei Minuten später, in der er schrieb, dass Tony eigentlich erwähnt hatte, dass ich ihn heute schon einmal mit seiner Werkstatt und den zugehörigen Laboratorien vertraut machen würde, hatte ich erst gut drei Stunden darauf mit einem verschwitzten Hoppla-Smiley aus meinem Bett heraus geantwortet, ehe ich das Licht ausgeschaltet hatte.

Nichts worauf ich sonderlich stolz war.

Aber auch nichts, was ich außerordentlich bereute.

Rhodey legte den gemischten Kartenstapel beiseite, als sich meine wiederholt grübelnde Stille zementierte.

„Na los“, forderte er auf, „geh ein wenig raus an die Luft. Tank Sonne. Lauf eine Runde.“ Er spähte zum buntschillernden Laub vor seinen Fenstern. „Wird schon bald ungemütlich genug.“

Bemüht unauffällig schluckte ich meinen stillen Groll herab.

„Ich kann nicht“, murmelte ich, begann aber die Süßigkeiten vom Tablett zurück auf einen Teller zu sammeln, ehe ich vom Bett rutschte, die Fruchtgummis auf der nächsten Kommode abstellte und die zerknüllte Decke meiner okkupierten Betthälfte kurz aufwarf und richtete.

Zucker rieselte durch die Luft und ließ Rhodey müde ausatmen. „Du willst nicht“, informierte er mich. „Das ist etwas vollkommen anderes. Das nennt sich ausbaufähige Selbstdisziplin.“

„Ich darf nicht“, präzisierte ich. „Oberstes Gericht.“

„Dann geh und sag ihm, ich lege Veto ein. Als dein Personal Trainer. Selbst Schwerstverbrecher dürfen zur körperlichen Betätigung auf den Gefängnishof.“

Ein widerwillig trockenes Glucksen stieg in mir auf. „Er wird sagen, genau dafür haben wir das Gym und dutzende andere Trainingsräume. Er wird FRIDAY bitten, mir einen entsprechenden Raumplan auszuhändigen, wetten wir?“

„Die meisten davon sind wegen der Renovierungsarbeiten gesperrt“, erinnerte Rhodey gelassen. „Bis auf den Combat-Bereich und die Schwimmhalle kommst du gerade nirgendwo rein. Sieht dort nämlich in seiner Hoheit eigener Worte aus wie nach einem Meteoriteneinschlag.“ Er hob die Mundwinkel, als er das Ganze auch schon mit einem schrecklich vorhersehbar belehrenden Wortspiel garnierte: „Du musst lernen, dein Blatt richtig auszuspielen, Kind.“

Voller Inbrunst verdrehte ich die Augen.

Seine Miene ernüchterte. „Ich weiß, Tony macht sich nichts daraus, aber ich nehme diese Art Grimasse persönlich“, warnte er halbherzig.

„Ist ein Reflex.“ Steiftrocken hob ich die Achseln, griff zum Teller und biss in eine weitere saure Schlange. „Paternales Erbgut. Ist genetisch bedingt.“

Rhodey schloss die Augen. „Alles klar, verschwinde aus meinen vier Wänden, bevor ich eine Wunderheilung durchlaufe.“

-/_\-

Ein paar zementverstaubte Bauarbeiter und aufmerksam observierendes Sicherheitspersonal begegneten mir auf dem weitverglasten Korridor, kaum dass ich den privaten Bereich der Teamquartiere hinter mir ließ.

Lustlos folgte ich dem rotbebänderten Absperrbereich um die offiziellen Teamflächen in den nicht von donnerndem Baulärm und Restaurationsarbeiten betroffenen Abschnitt, in welchem sich die Geschäftsbüros befanden, von denen ich annahm, dass irgendeiner von ihnen Tony derzeit beherbergte.

Als ich sein menschenverlassenes Büro betrat und noch auf der Schwelle ernüchtert auf dem Absatz drehte, erschien Vision aus einer angrenzenden Tür und dies im wahrsten Sinne des Wortes, denn er materialisierte sich geradewegs aus dem strukturbeschichteten Glas zu meiner Rechten in die Wirklichkeit.

In seiner menschlichen Erscheinung blieb es nicht unbedingt weniger verstörend, als es das ohnehin war.

Vision schien dies ebenfalls aufzugehen, denn er sah sich sofort verlegen nach der durchdrungenen Barriere um. Mein Gesicht offenbarte ziemlich sicher den existenziellen Horror, der mich kurzzeitig überkommen hatte, ehe mein Verstand sich wieder entsann, dass es hochkomplexe quantenphysikalische Erklärungen für diese vermeintliche Geisterhaus-Showeinlagen gab, denn er setzte rasch an: „Bitte entschuldige. Ich weiß, ich sollte sie eigentlich öffnen.“

„Schon gut.“ Mit lau gesenkter Stimme sah ich die angrenzenden Türen entlang. „Hast du Tony gesehen?“

„Er bemüht sich um vollständige Wiederherstellung seiner körperlichen Agilität.“

Aus seinem Mund klang es wie etwas, das man durchaus so formulierte und in Smalltalks unterbrachte.

„Er trainiert?“

„Wing Chun, wenn mich nicht alles täuscht.“ Vision musterte mein still nachdenkliches Gesicht, als habe er sich nicht soeben mittels reiner Gedankenkraft in FRIDAYs zentrales Überwachungssystem eingeklinkt, ohne auch nur kurz zu blinzeln. „Wie geht es dir, Sola?“

Seine achtsame Nachfrage nach meinem Befinden überraschte mich nicht mehr so sehr, wie sie es früher getan hatte, auch wenn es mich immer noch etwas aus dem Konzept brachte, ihn solche feinfühligen zwischenmenschlichen Erkundigungen anstellen zu hören, selbst wenn ich dabei in menschliche Augen sah.

„Gut ...“ Vage hob ich die Schultern und ließ meinen Blick ein weiteres Mal durch den leeren Korridor schweifen. „Es ist … nur ein wenig seltsam hier ohne sie.“

Als kehrten sie jeden Moment zurück, realisierte ich. Als warteten wir bloß auf das vertraute Summen eines herannahenden Quinjets, der eine redselige, verschwitzte Truppe entließ, die es kaum erwarten konnte, die Küche zu plündern und einander auf den Weg in die MedBay für jede eingeheimste Schramme aufzuziehen, als rührten sie nicht aus Begegnungen mit neuartigen Antimateriewaffen, Resultaten strahlungsgeladener Experimente und Explosionen jeglicher Form und Farbe.

Für diese überzeugende Illusion verschworener Einheit hatte es Wandas Künste nicht einmal gebraucht.

Etwas in mir begann böse zu flimmern.

Ich zwang mich, nicht an Rhodeys trudelndes Keuchen zu denken, an Tonys geschwollenes, blutunterlaufenes Gesicht oder Clints umstellte, verhaftete Gestalt.

Keine zertrümmerten Anzugteile oder Arc-Reaktoren.

Keine aufgeworfene Erde in einem Acker; nie wieder diesen Blick in Tonys Gesicht, diese Rage, mit der er mich mit einem einzigen unversöhnlich hitzigen Befehl zu Boden gebellt hatte, nein, ich dachte nicht daran, nie, niemals wieder.

Es war gerade eine Woche her, aber es mochte auch außerhalb der Zeit stehen.

Die jähe Stille des Hauptquartiers drückte auf mich nieder, während ich Vision beobachtete. „Wie geht es dir ?“, gab ich seine Frage vorsichtig zurück.

„Es ist eine sehr neue Erfahrung.“ Vision schien zu überlegen. „Sie macht einiges verständlicher.“

„Der Schmerz?“, erkundigte ich mich leise.

„Der eigene Kummer.“

Stumm nickte ich.

„Es dauert Ordnung hineinzubringen. Das sehe ich jetzt. Emotionalität ist eine sehr komplexe Komponente lebendigen Bewusstseins.“ Seine Stirn legte sich in Falten. „Sie besitzt höchst destruktive, aber auch höchst schöpferische Wirkweisen.“ Er lächelte. „Nicht verwunderlich, dass es den Menschen an die zwei Jahrzehnte erfordert, ihr rohes Potential in gesunde Balance mit einem reifenden Verstand zu bringen.“

Ich erinnerte mich, was Happy Anfang der Woche gesagt hatte: Dass es anscheinend eine erste schwere Gefühlsregung gewesen war, die zu dem Unfall geführt hatte, der Rhodey vom Himmel geholt hatte. Eine plötzlich erwachte Emotionalität, die Vision mitten in den bewaffneten Streitigkeiten überrumpelt, seine so rationalen Denkweisen übermannt und zu einer verheerenden Fehlkalkulation geführt hatte, wie sie ihm eigentlich nicht zuzutrauen gewesen war.

„Du musst das übrigens nicht machen …“, bemerkte ich still, als ich mich zum Gehen wandte. „Dein Äußeres vor mir ändern. Wirklich nicht.“

„Du fühlst dich wohler, wenn ich es tue, Sola“, antwortete er. „Und mir macht es nichts aus. Diese Version von mir ist nicht weniger wahr als irgendeine andere. Tatsächlich … habe ich Gefallen an ihr gefunden.“

„So könntest du auch an der Wall Street arbeiten“, befand ich.

„Und das habe ich“, stimmte er erfreut zu. „Ein früherer assimilierter Teil von mir. Viele Jahre.“

Ich seufzte. „Keine Ahnung, ob ich das erfahren sollte …“

„Oh, es war vollkommen legal. Ich habe SI an der Börse gemanagt, während ich Mr. Stark in vielen Dingen assistiert habe, die nicht in Miss Potts Tätigkeitsbereich fielen. Hausmanagement, wissenschaftliche und produktive Assistenz, Sicherheitsanalytik-“

Sofort verzog ich die Miene. „Ja, hm, mach das bitte nicht mehr.“

Vision stockte. „Über Geschäftliches reden?“

„Mich daran erinnern, dass du FRIs Vorgänger warst.“

-/_\-

Keine Musik spielte, als ich die Trainingsräume betrat. Dafür vernahm ich einen angestrengten Atem, begleitet von einer Abfolge dumpfer Schläge, die in schnellem Rhythmus auf etwas Nachgiebiges einprasselten und wieder verstummten.

Dem kurzen Stakkato folgte ein unzufriedenes Grunzen, noch ehe ich ganz den von schweren Bauplanen verhangenen Fitnessraum umrundet hatte und durch die offenstehende Tür in den Nahkampftrainingsbereich trat.

Tony stand weit abseits des großen zentralen Boxrings und wandte mir den Rücken zu, seine Konzentration fest auf einen gepolsterten Dummy mit drei Armen gerichtet. Leicht in den Knien, die Arme gehoben, machte er einen schnellen Satz vor, ließ eine neue Salve kurzer, fester Schläge auf die rotierenden Arme niederregnen und schloss mit einem Seitwärtshaken seines Ellbogens ab, ehe er leise schnaufend zurücktrat und seinen linken Unterarm massierte.

Irgendwo in den oberen Etagen begann ein Presslufthammer den Boden aufzurütteln.

Tony lockerte seine Schulter und kehrte in seine Ausgangsposition zurück.

Gespannt hielt ich neben dem Boxring, beobachtete, wie er einen weiteren schnellen Wechsel aus flachen und geballten Schlägen und Unterarmhaken entfesselte, die mich in ihrer Kraft und Präzision ein wenig überraschten, ehe er schon wieder zum Ende kam und gesenkt fluchend seinen verletzten Arm ausschüttelte. Unzufriedenen Blickes ballte und löste er seine Faust.

Es tat weh , realisierte ich.

Das schwerdröhnende Geschepper des Presslufthammers brach wieder ab.

„Darfst du das schon machen?“, erkundigte ich mich in der schlagartig einkehrenden Stille, mir plötzlich seiner schweren Blessuren und seines nicht grundlos fixierten Arms nach Leipzig und Sibirien wieder bewusst. Eine Woche erschien mir zu kurz, als dass die Vielzahl seiner Verletzungen all seiner Rippen und Sehnen wirklich bereits verheilt sein konnte, selbst wenn die verbliebenen Schrammen in seinem Gesicht sichtlich zurückgegangen waren.

Meine Gegenwart überraschte ihn, doch Tony ließ es sich nur vage anmerken, als er den Kopf zu mir umwandte und beiläufig die Kapuze seines dunklen Sweatshirts richtete. Er ging gar nicht auf meine kritische Frage ein, was einer Bestätigung meines stillen Verdachts gleichkam. „Hat Onkel Rhodey dich rausgeschmissen?“

„Ja.“

„Ich saß nach zehn Minuten wieder vor der Tür. Dagegen hat er es mit dir eine halbe Ewigkeit ausgehalten.“ Er sah über seine Schulter. „Was habt ihr getrieben? Hat er neue Party-Anekdoten vertestet? Es gibt Grenzen, weißt du? Auch bei der Pflege von Familienangehörigen.“

„Du bist gemein.“

Tony hob die Mundwinkel, als habe ich ihm ein Kompliment gemacht.

„Wir haben Karten gespielt“, ließ ich ihn wissen.

„ Hmpf .“ Er musterte mich kurz, ehe er sich knapp grunzend wieder seinem Sparring-Dummy zuwandte. „Sag ihm, wenn er spielen will, tut er es nicht um meine Kreditkarte.“

„Er bringt mir Texas Hold’em bei. Er war sicher, du hast nichts dagegen. Und es ging um eine Tüte Haribo, nicht um mein Taschengeld.“

„Von deinem sogenannten Taschengeld lässt sich ein nettes Apartment in der Upper East Side mieten.“

Unbeeindruckt kniff ich die Brauen zusammen. „Cool, vielleicht suche ich mir eines.“

„Oder ich verlege mich auf ein etwas landesüblicheres Mittagsgeld.“

Ich zuckte mit den Schultern.

Tony seufzte. Er schien es sich anders zu überlegen, wandte sich von seinem Dummy wieder ab, griff sich ein kleines Handtuch und wischte sich den schweißnassen Nacken. „Siehst du, diese totale Gleichgültigkeit gegenüber jeder Form finanzieller Erpressung ist etwas, das mich verwirrt. Sollte eigentlich mein wirksamstes Werkzeug in … tja, so ziemlich sämtlichen Angelegenheiten sein.“

„Wäre es vielleicht, wenn es noch irgendetwas zu kaufen gäbe . Ich habe alles.“

Missfällig schnalzte er, als sei jedes einzelne Wort in meinem Satz grundsätzlich falsch gesetzt. „Mit wie viel Dollar bist du in Nashua herumgelaufen?“

„Ohne Marco’s?“ Ich sann nach, denn tatsächlich brauchte ich einen Moment, um mich zu erinnern. „Sechzig.“

„In der Woche?“

Ich schnaufte. „Im Monat .“

Ich wusste nicht, ob der neue, sehr blanke Ausdruck auf seinem Gesicht aus Verwirrung oder lauem Kulturschock rührte, aber er war echt.

„Mum und Jane haben zusammengelegt“, sagte ich. „Sie hätten etwas dazugezahlt, wenn … na ja, wenn es absolut nicht gereicht hätte. Aber dafür hätte es schon einen richtigen Grund geben müssen.“

Seine von Geburt an millionenschwere Miene wechselte in theatralisch abschätzige Wertung. „Was genau macht man mit zwei Dollar am Tag?“

„Ich weiß nicht. Für völlig überteuertes Superhelden-Merchandise sparen?“

„Touché.“

Als er sich abwandte und nach seiner Wasserflasche griff, grinste ich still.

Tony schien bemüht, sich nichts anmerken zu lassen, aber ich spürte, wie es ihn ernsthaft zu beschäftigen begann, denn er ließ sich Zeit zu trinken, während er mich weiterhin musterte. Augenblicklich sanken meine Mundwinkel aus ihrem schadenfrohen Lächeln wieder herab. „Es war völlig in Ordnung“, versicherte ich. „Die meisten haben etwa genauso viel bekommen. Manche viel weniger.“

Er nickte.

Ich lächelte, diesmal ehrlich, was seine Miene wieder entspannte. Er stellte die Wasserflasche zurück. „Was hältst du von einem Wavepool?“

Ich blinzelte. „Was?“

„Indoor. Outdoor. Ganz egal. Du könntest hier oben das ganze Jahr für die perfekte Welle üben.“

„Das … Dad, das ist verrückt. Haben so etwas nicht nur … Resorts?“

„Nein, absolut machbar. Wir verkleinern eine der Garagen neben der Schwimmhalle. Oder, besser noch, finden eine malerische Stelle draußen zwischen den Bäumen. Eventuell können wir eine Art Naturbecken nahe am See platzieren. Hey, geniale Idee.“ Er schnippte. „Es wäre wie Wildwasser-Rafting, nur auf dem Surfboard.“

„Okay, ja, das klingt cool, Dad, ehrlich, aber völlig übertrieben-“

„Richtig, aber weißt du was? Mir ist danach.“

„Das ist wegen des Taschengeldes, oder?“ Schwer überwältigt starrte ich ihn an. „Ich sagte doch, es war nicht wenig, eigentlich mehr als genug-“

Er hob die Arme. „Okay, okay … Es wird dein Weihnachtsgeschenk, einverstanden? Du willst einen Anlass, das ist einer. Genug von diesem Aber , Santa hat entschieden. Reklamation ausgeschlossen.“

„Ein Naturwellenbecken? Nur für mich?“ Ich entließ den Atem, während mein Herz eine seltsame Mixtur aus explodierender Euphorie und Entsetzen vollführte. „Das ist ---“ Das hatte ich nicht verdient . Nicht einmal vor letzter Woche. Nicht einmal in meiner besten. „Das ist viel zu viel . Wie viel kostet so etwas? Dad .“

„Mach dir keine Gedanken, es wird toll.“ Er löste den Verschluss seines linken Handschuhs. „Was steht für den Rest des Tages an?“, erkundigte er sich unbewegt, als habe er nicht soeben entschieden, sämtliche Unartigkeiten meines gesamten Lebens auszuklammern.

Überfordert blinzelte ich. „Surf-Yoga mit Dev.“

„Tja, besorg dir am besten eine Matte und nimm sie mit. Die anderen Räume sind Baustelle und hier --- hier fließt absolut kein Mojo.“

„ Uh , okay.“

Unvermittelt nickte er in Richtung seiner Hand. „Halte mal.“

Immer noch völlig aus dem Konzept gebracht, trat ich näher, während er seinen Handschuh strammer an sich heranzog und mir stumm bedeutete, ihn in Position zu halten. Ich tat wie geheißen, während Tony die Finger ballte und den Verschluss enger abband.

Die Handschuhe aus dem Mixed Martial Arts-Bereich, die dicht vor dem ersten Fingerknöchel endeten, trug ich in meinem Selbstverteidigungstraining mit Nat und Rhodey hin und wieder selbst, weil sich damit, anders als mit gewaltigen Boxhandschuhen, auch flache Handschläge und Abwehrtechniken üben ließen. Während ich Tony dabei zusah, wie er seinen Faustschutz richtete, begriff etwas in mir, dass auch das nun der Vergangenheit angehörte.

Weder Rhodey, noch Nat würde mich in nächster Zeit weiter fit und verteidigungsbereit halten.

Ein Umstand, an dem im Laufe der vergangenen Monate so viele meiner Ausgehfreiheiten gewachsen waren.

Was mich geradewegs an den eigentlichen Grund erinnerte, weshalb ich hier war.

Obwohl es mich ungeheuerlich hinaus in die milde Oktobersonne zog, zögerte ich doch, zu besorgt, dass Tony meine Bitte, hinausgehen zu dürfen, irgendwie in den falschen Hals bekommen mochte. Der eigentlich so untypisch strenge und verhärmte Fokus, der diese Woche in nahezu allen Angelegenheiten aus ihm herausgeströmt war, schien gegenwärtig versackt, aber er machte mich immer noch nervös, vor allem wenn es um meine eigene verurteilte Haut ging und Tony mir ziemlich klipp und klar beschieden hatte, dass es in Fragen meines Hausarrests und des aktiven Caretaker Protokolls wirklich nichts mehr zwischen uns zu verhandeln gab.

Rhodey hatte Recht. Eine gute Woche war nicht mehr viel.

War ich wirklich bereit dies aufs Spiel zu setzen?

„Daphne und ich sind etwas später verabredet, erst so um sechs“, begann ich zaghaft, als Tony mir das Zeichen gab, dass ich seinen Handschuh wieder loslassen konnte. „Ich, umm , wollte fragen, ob ich vorher – uh – noch ein wenig raus kann …“ Rasch setzte ich nach: „Also, nur an die Luft, höchstens bis zum Waldweg. Muss auch nicht für lange sein.“ Ich gluckste nervös. „Rhodey sagte, er legt Veto ein, falls du Nein sagst, aber ich glaub nicht, dass er wirklich eines hat, und selbst wenn-“

„Klar …“ Tony nickte mir zu. „Solange du auf dem Gelände bleibst und FRI nichts anderes für dich auf der Agenda stehen hat, brauchst du nicht zu fragen.“

„Okay. Ich war mir nicht sicher, ob … na ja, ob es wörtlich gemeint war. Du weißt schon, der Haus arrest.“

„Richtig“, stimmte er gelangweilt zu, „im Tower endet es in der Lobby, weil direkt vor unserer Haustür das wilde Manhattaner Leben pulsiert, aber hier gibt es abgesehen vom Avengers-Betrieb nicht viel außer Wald, Wind und Wasser, Sola. Das nächste bebaute Grundstück ist Meilen entfernt. Du sollst von mir gesetzte Grenzen respektieren lernen, nicht an Vitamin-D-Mangel verenden.“

Meine Wangen prickelten. Ich nickte lasch. „Hm, klar.“

Tony beäugte mich von der Seite. „Hätte ich spezifizieren sollen, Sure Shot. Aber nachdem du letztes Mal geradewegs an den Steg gestürmt bist, dachte ich, es sei selbsterklärend.“

Ich biss mir in die Wange. „Na ja, ich wollte nicht, dass du wieder sauer wirst, deshalb dachte ich, ich frag besser …“

„Schon klar, dieser Gedanke kam letztes Mal gar nicht erst auf.“ Verboten zufrieden feixte er. „Fortschritt, richtig?“

Ich ließ es unkommentiert stehen.

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Ich verbrachte eine gute Stunde an der Luft, wenn auch nicht joggend, wie es sich Rhodey wohl lebhaft ausmalte. Stattdessen spazierte ich eine lange Weile bloß mit den Händen in den Taschen die Uferlinie entlang, vorbei an kupfernem und gelbem Binsen- und Präriegras, das größtenteils an seiner eigenen Größe scheiterte, und stierte ins kunterbunte Blattwerk.

Mit jedem frischen Windstoß regnete es feurig rote und cremegelbe Blätter, die sich in meinem Jackenkragen verfingen und wie hauchdünne Chips unter meinen Sneakers barsten, reichlich getrocknet in den kurzen Stunden durchdringenden Sonnenscheins. Ich schritt vor mich hin, bis ich nicht mehr so recht wusste, ob der sich zunehmend von Gestrüpp und Gräsern verwildernde Pfad noch wirklich zum Grundstück des Hauptquartiers gehörte.

Als ich schließlich eine überwucherte Steinbank erreichte und über die Schulter sah, konnte ich weder den gewaltigen Hangar, noch das Hauptgebäude, geschweige denn irgendeine der weitabgelegenen Lagerhallen von Stark Industries entdecken.

Ich erinnerte mich auch nicht, schon einmal hier gewesen zu sein, und nahm daher an, dass ich während meiner wenigen Laufunternehmungen, zu denen Rhodey mich während des Sommers irgendwie genötigt bekommen hatte, einem der vorher abzweigenden Waldwege gefolgt war, schloss aber auch nicht aus, dass ich an diesem Punkt bereits mit zu viel Keuchen und Schnaufen beschäftigt gewesen war, um noch viel von der mich im Wildwuchs umgebenden Idylle aufzunehmen.

Obwohl FRIDAY mir auf meine Nachfrage hin versicherte, dass ich die Grenzen des Geländes noch lange nicht erreicht hatte, ließ ich mich auf der kleinen Steinbank nieder und schrieb ein wenig mit Harley. Endlich machte ich dem Gedanken Luft, wie unheimlich es wirklich im Hauptquartier war, mit all den Bauplanen und Absperrbändern auf allen Etagen, die die laufenden Gebäudereparaturen verbargen, die Wandas Ausbruch hinterlassen hatte, oder den fehlenden vertrauten Stimmen und Rhodeys ans Bett gefesselter Gestalt, die mich keinen Augenblick vergessen ließen, wie schwer der Verrat an ihm und Tony wog.

Als ich mich schließlich wieder erhob, hatte ich mich schon so lange vom Hauptquartier und all seinen Nebengebäuden entfernt, dass ich entschied, besser kehrt zu machen, ehe jemand den Android seines Vertrauens nach mir aussandte.

Gewissenhaft kehrte ich in Sichtweite zu unserer kleinen Seeplattform zurück, badete mein Gesicht dort noch etwas länger in der späten Oktobersonne und beobachtete amüsiert ein paar streitlustige Enten, die anscheinend auf Kriegsfuß miteinander standen und einen Heidenlärm veranstalteten, indem sie sich minutenlang behäbig im Wasser umkreisten und dabei höchst manierlich anblafften, bis ein schwer beladender Lieferwagen dem tierischen Trash-TV ein Ende bereitete und sie beide garstig schnatternd ihrer Wege zogen, ohne dass ich je erfuhr, was so viel wetternden Nachbarschaftszwist vor unserer Haustür auslöste. Stattdessen fand ich einen Flummiball, den ich auf dem verbliebenen Rückweg von verschiedenen Objekten abprallen ließ, bis auch er irgendwo im wohlgestutzten Buschwerk nahe der imponierenden Haupteingangstreppe verlorenging, und ich letztlich ins längst abendgolden reflektierende Gebäude zurückkehrte.

Tony steckte in einer frisch anberaumten Taktikbesprechung, von der ich annahm, dass sie dem Spezialteam in Europa galt, das beunruhigend beharrlich an Nats Fersen haftete, weshalb ich allein war, als ich in unseren Privatflügel hinauffuhr und Daphne anrief.

Nach kurzer Yoga-Session, die ich in unserem Wohnzimmer vor dem Gaskamin mit Ausblick auf den sich inzwischen abendlich lilatränkenden See absolvierte, was mir dutzende Neidbekundungen ihrer Mum bescherte, die mit Bergen gefalteter Wäsche immer wieder durchs Bild trottete, verschwand ich unter die Dusche, in der ich bedächtig meine Haare einschäumend darüber nachdachte, warum ich Daphne zwar von Tonys beunruhigendem Spontangeschenk exorbitanten Ausmaßes und meinem schmerzhaften Mitgefühl für Rhodey erzählte, aber nicht ein Wort über Peter und die Tatsache verlor, dass Tony ganz offensichtlich beabsichtigte, ihn bereits nach diesen zwei kurzen, mir völlig schleierhaften Praktikumswochen in seine private Werkstatt zu holen, damit er ihm in waschechten Iron Man-Projekten assistieren konnte.

Wie deutlich Peter es ihm mit seinem immer höflichen, dramatisch unterforderten Genie angetan haben musste, konnte ich mir nur ausmalen.

Ich missgönnte es Peter nicht, von einem der klügsten Köpfe unserer Zeit als das erkannt worden zu sein, was er zweifellos war, nur war dieser legendäre Kopf mein Vater und mein Groll hatte sich seit der bitterbösen Erkenntnis in Berlin keineswegs gelegt.

Ich fühlte mich unverändert verraten. Und nichtig.

Und gäbe es nicht genug Gründe entmutigt dreinzusehen, würde ich es wohl kaum vor irgendjemandem verbergen können, wie sehr mich Elijahs sich zunehmend bewahrheitenden Vorhersagen zur Midtown beschäftigten, allen voran Peters unerwartete Falschheit.

Doch es gab sie.

Gründe über Gründe über Gründe zu grübeln und in die Leere zu stieren und mich zu fragen, wie alles von hier an weitergehen sollte.

Sie schienen so mannigfaltig, dass es ganz gleich war, mit wem ich sprach, ob Pepper, Happy, Daphne oder Tony, niemand hinterfragte meine wenig beschwingte Stimmung.

Geistesabwesend aß ich ein schnelles Abendessen direkt aus dem Kühlschrank, für das FRIDAY mir umgehend eine Predigt zum Thema gesundes Essverhalten hielt, die ich bloß kauend abnickte. Anschließend telefonierte ich halb auf eine unserer beiden gigantischen Kücheninseln gelehnt mit Pepper.

Ich erzählte ihr von Tonys geplantem Naturwellenbecken.

Sie hielt es keineswegs für verrückt oder übertrieben, sondern vielmehr für eine wunderbare und eine seiner definitiv sinnvolleren Ideen, was meine Zweifel an seiner finanziellen Zurechnungsfähigkeit irgendwie im Keim erstickte, auch wenn es sich dadurch nicht unbedingt verdienter anfühlte.

Doch die Aussicht, meine Surftechniken in einem eigenen Wavepool das ganze Jahr über so optimieren und festigen zu können, dass ich mich womöglich beim nächsten Aufenthalt in Malibu oder andernorts in etwas herausforderndere Fluten vorwagen durfte, überflügelte die klamme Überzeugung, dass ich Tonys Großzügigkeit gar nicht gerecht werden konnte .

Kurz erlaubte ich mir davon zu träumen, von einem waschechten Wavepool, ganz für mich allein, den ich nutzen konnte, wann immer ich Tony ins Hauptquartier begleitete. Wie eines dieser persönlichen Märchen, das man sich vor dem Schlafengehen als sein Leben ausmalte, nur dass dieses hier beunruhigend überzeugend vom CEO eines der größten Tech-Unternehmen unserer Welt mitschraffiert wurde und damit beinahe zu real wurde, um es wieder loszulassen.

Dann erkundigte sich FRIDAY, ob ich mein ausstehendes Essay zum Thema Drogen schon finalisiert hatte und der Traum nahm ein hässlich abruptes Ende.

„Gab es einen Vorfall in der Schule?“, fragte Pepper, ihre Stimme abwesend gesenkt. Ich wusste, dass sie immer noch in ihrem Geschäftsbüro saß und damit ziemlich sicher über irgendetwas auf ihrem Schreibtisch brütete, das ihrer dringlichen Entscheidung bedurfte.

„Nein“, antwortete ich. „Es ist, umm , nicht für die Schule. Es ist für Tony. Ich muss es bis morgen fertig haben. Zumindest behauptet er das.“ Falls er mich mit dieser Strafarbeit bloß aufzog, reizte er den Witz wirklich bis zur letzten Sekunde aus.

Ein sacht besorgter Unterton schlich sich in Peppers besonnene Stimme: „Wieso lässt dich dein Vater ein Essay über Drogen schreiben?“

„Ich habe keine genommen“, versicherte ich dunkel. „Wir hatten bloß unser … unser Gespräch und …“ Ich atmete aus. „Irgendwie war er der Meinung, ich habe bei dem ganzen Thema nicht so richtig mitgewirkt. Was nicht stimmt.“ Trocken machte ich eine Pause. „Es gab nicht viel dazu zu sagen. Dass ich keine Drogen nehmen darf, ist klar. Glaubt er, es gibt Eltern, die das irgendwie voll okay fänden? Wir reden ja auch nicht darüber, dass ich niemanden umbringen soll. Und, na ja, es gab eben genug andere Sachen, über die er noch reden wollte. Ich wollte es einfach kurz und knackig halten, mehr nicht.“ Ich brummte. „Jedenfalls fand er es eher so semi und jetzt soll ich deswegen etwas schreiben, damit … umm , er mir nicht doch noch den neuen Code Red näherbringen muss.“

„Den neuen Code Red, hm?“

„Jupp.“ Ich stierte an den Kühlschrank. „Können wir über etwas anderes reden?“

Pepper summte ihre Zustimmung.

-/_\-

Bestens unterhalten nahm Rhodey seinen Löffel auf und rührte durch seine Suppe.

Ich beobachtete ihn aus dem Augenwinkel, die Art wie er amüsiert und doch gedankenverloren den Kopf schüttelte, für den Moment scheinbar für jede kurzweilige Ablenkung dankbar, um nicht an Morgen mit all seinen geballten Herausforderungen zu denken oder sich in lähmenden Flashbacks an sein kurzes Rendezvous mit dem Tod vor gut einer Woche zu verlieren.

Zumindest nahm ich an, dass es diese Dinge waren, die ihm zurzeit durch den Kopf geisterten, sofern ihm seine Zeit bei der Air Force und im Avengers-Betrieb nicht über Jahre jede existenzielle Überforderung ausgetrieben und ihn so viel furchtloser und unerschütterlicher zurückgelassen hatte als mich, ein halbes Kind, das selbst jetzt noch, so viele Monate später, an jedem Happen Schrecken knabberte und doch kaum verdaute, wie seltsam fragil und vergänglich alles um mich herum blieb, wie entmutigend , und wie unbarmherzig schnell man verlor, was eigentlich gewiss schien.

Rhodey schmunzelte, merklich eingenommen von den drei ebenbürtigen Quizkandidaten im Fernsehen. Als er meine lediglich matt gehobenen Mundwinkel bemerkte, warf er mir einen sacht verdrossenen Blick zu.

„Du weißt, dass du nicht hierbleiben musst, ja?“

Ich nickte, ließ mich neben ihm noch etwas weiter in die Kissen herabsacken und sah zurück auf das transparente Tablet in meinen Händen, während auf dem Fernseher im unverändert rapiden Tempo weiter um die Wette gequizzt wurde.

„Was ist falsch an Jeopardy?“, beschwerte er sich.

„Gar nichts“, versicherte ich. „Es ist … cool.“

„Ja, sehe ich. So cool, dass du dich hier herumwälzt und mich schief von der Seite beäugst, als sei es einer dieser uralten Godzilla-Streifen, mit denen Tony Steve ständig von einem dringenden Notruf aus Übersee überzeugen wollte. Der Witz hatte sich schon nach dem ersten Mal abgenutzt, an dem er uns alle um halb drei Uhr morgens aus dem Bett geholt hat, kann ich dir sagen …“ Er brach prompt ab, als wisse er selbst nicht, wieso er das Thema Steve überhaupt streifte. Ernüchtert sah er zurück in seinen Teller. „Was mit dieser Suppe nicht stimmt, ist mir klar.“ Er ließ den Löffel wieder los und seufzte. „Vision sollte besser einen weiten Bogen um unsere Küche machen, wenn er nicht auch noch die letzten von uns in die Notaufnahme bringen will.“

Es hatte gar nicht so schlecht gerochen, als Vision ihm sein Abendessen vor etwa einer Viertelstunde vorbeigebracht hatte.

„Geröstete Butternuss-Kürbissuppe nach einem beliebten Bostoner Traditionsrezept“, hatte er erklärt, als er den Teller auf seinem Betttablett abgestellt hatte. „Reich und nahrhaft und wohltuend, heißt es.“

Sofort hatten mich warmschmerzliche Erinnerungen an Mums pikant gewürzte Notfallsuppe geflutet, die sie so oft am Rande saisonbedingter Auftragsgestecke zubereitet hatte, dass es im Oktober nahezu wochenlang bei uns daheim nach Kürbis, Pfeffer und Schmelzkäse gerochen hatte, während Nachbarn bei uns ein und ausgegangen waren und uns oftmals mit Armen voller hübsch drapierter schwarzer Dahlien, Hirse und Hagebutten verlassen hatten.

„Es gibt noch mehr Suppe, falls du ebenfalls essen möchtest, Sola“, hatte Vision mir versichert, als habe mich mein Blick irgendwie in meiner Sehnsucht verraten.

Ich beerdigte die Idee, mir auf dem Rückweg in unseren Privatflügel ein wenig davon mitzunehmen, nur um danach ziemlich sicher in schweren Wogen alter Trauer und des Kummers zu baden, die mein Samstagabend nach dieser schier miserablen Abfolge von Wochenenden ohnehin nicht verdiente.

Ohne viel Muse ließ ich das Tablet zwischen meinen Händen wippen. Von meinen verordneten vier Seiten Essay hatte ich inzwischen knapp drei zusammen. Sowohl meine Kreativität, als auch meine Sorge vor weiterer extrinsischer Motivation hatten sich trotz FRIDAYs schier unerschöpflichem wie wenig unterhaltsamen Quellenmaterial endgültig erschöpft.

Tony hatte nie erwähnt, dass es vier ganze Seiten sein mussten, nicht wahr? Damit fehlte mir eigentlich nur noch ein kurzer Absatz, um die Seitengrenze zu überschreiten.

„Was, würdest du sagen, spricht gegen Drogen?“, erkundigte ich mich lustlos, als Rhodey längst wieder zufrieden den neuesten Erfolgslauf seines sichtlich bevorzugten Kandidaten abnickte.

„Da gibt es nicht viel zu sagen, Sola. Es killt deine Ausdauer, es killt dein Sozialleben, es killt deinen Geist. Und am Ende landest du im Gefängnis, im Straßengraben oder im Hospiz. Kurz gesagt, es ist Teufelszeug und es landet besser nicht in deinem Blutkreislauf.“

Ich rümpfte die Nase. „Tja, sag das nicht Tony, sonst darfst du das hier schreiben.“

Er warf einen Blick auf mein Tablet. „Tony lässt dich das schreiben?“ Als sei die Vorstellung herzlich amüsant, ließ er ein trocken mageres Lachen vernehmen. „Lässt er dich auch einen Aufsatz darüber schreiben, warum fünfzehnjährige Zivilisten nichts bei einer zertifizierten Avengers-Mission verloren haben?“

„Nope.“

Rhodey seufzte. „Versteh das einer.“

-/_\-

Als FRIDAY mich wenig später über Tonys einstweiligen Feierabend informierte, wünschte ich Rhodey eine gute Nacht und brachte das dreckige Geschirr in den privaten Gemeinschaftsraum, wo ich es in den Geschirrspüler packte, ehe ich mich umwandte und durch den Raum voller kleiner Tische, persönlicher Regale und Sitzgruppen stierte, der sich mit seinen erdfarbenen Tönen und der indirekten Beleuchtung so beträchtlich von der immer auf Hochglanz polierten Teamlounge unterschied, dass ich mich auch in einem gänzlich anderen Gebäude befinden hätte können.

Der kleine Lichthof schimmerte nächtlich blau, Stühle, Pflanzen und Kugelgrill darin nicht mehr als graue Schatten, die hinter den Sichtgittern der ebenerdigen Fenster wie stille Beobachter hervortraten.

Als ich Steves Skizzenbuch auf einem der nahebeistehenden Tische entdeckte, hielt ich inne. Der cognacbraune Einband war völlig unscheinbar, aber ich hatte ihn oft genug in seinen Händen gesehen, um ihn auf Anhieb zu erkennen.

Offensichtlich hatte er es nicht nach London mitgenommen, noch vor seinem Aufbruch in sein Quartier zurückgebracht.

In meinem Inneren wurde etwas seit Tagen Keimendes finsterstill, ehe es sich unversehens wie ein Spanngurt zusammenzuziehen und zu entzünden begann.

Bedächtig, als drohe andernfalls irgendein Alarm loszugehen, trat ich an den Tisch heran, nahm das Skizzenbuch zur Hand und wurde mir seines unerwarteten Gewichts bewusst.

Es waren gestärkte Seiten, dick und kaum gewellt, geschaffen, um Kohle- und Bleistiftzeichnungen zu tragen.

Hergestellt in 2012 . Vielleicht ein Willkommensgeschenk in unserem Jahrhundert.

Ich ließ die Seiten durch meine Finger gleiten.

Unzählige kleine Skizzen bevölkerten nahezu jedes Blatt: lustige Fantasiegestalten wie aus dem Zauberer von Oz und Landschaften voller Berge und Schnee, das traurige Stillleben eines unscheinbaren Hinterhofs eines mehrstöckigen Gebäudes, Motorräder, Propellerflugzeuge und hin und wieder ein Portrait. Eine Frau, die mir vage bekannt vorkam, mit einem Haarschnitt wie aus einem Dokumentarfilm wechselte sich mit begonnenen und nie zu Ende gestellten Objekten und Gebilden ab, dicht gefolgt von ein paar kleinen cartoonartigen Tieren. Die Seiten beschleunigten sich unter meinem Daumen und übersprangen einander, bis sich urplötzlich ein großer Batzen umschlug und mich auf die letzten Seiten zurückwarf, zu einer halbfertigen Skizze zweier Gestalten hinter einer Feuerschale. Ich erkannte Nat und mich an einem Frühsommerabend dieses Jahres auf der frisch eingeweihten Seeplattform, meinen Kopf sacht an sie gelehnt, meine Decke halb herabgerutscht, bereits vage vor mich hinschlummernd und ahnungslos, dass irgendjemand diesen Moment gedanklich abspeicherte und zu Papier brachte.

Noch in grau und weiß so friedlich, dass es die heiße, gewaltbereit pochende Energie in meinem Inneren unvermittelt betäubte und der urtümliche Impuls, das Skizzenbuch draußen auf dem Grill in Brand zu setzen, wieder versandete.

Ich blätterte zurück, diesmal vorsichtiger, und stockte erneut, als ein weiteres Bild von mir zutage trat, aufmerksam Tonys Hände beobachtend, mit denen er den inzwischen ausrangierten Stabmixer der Teamlounge inspizierte, unserer beider Mienen ganz auf sein Tun fokussiert und doch auf einer sehr viel tieferen Ebene verbunden. Ich wirkte schmal neben ihm, seicht überfragt, und doch blendend bemüht, ihm zu helfen, als sei ich es, die das Rätsel um den stotternden Motor zu lösen versuchte, obwohl er bereits zielsicher damit herumhantierte und mir lediglich mit halbem Ohr lauschte.

Dieses emotionale Detail in unseren Gesichtern ließ mich einen langen Augenblick bloß auf die Seite starren, denn es sprach von Liebe.

Als ich willkürlich zurück in die Mitte des Skizzenbuchs sprang, kehrte alle niederdrückende Kälte schlagartig und gewaltsam zurück, denn da war sie, die eigentliche Wahrheit.

Dutzendfach schraffiert.

Barnes. Der Winter Soldier. Bucky . Der Mann, der Tonys Eltern ermordet hatte. Der Regierungen gestürzt und unschuldige Leben beendet hatte und doch scheinbar mehr von Steves Treue verdiente als Rhodey oder Nat oder mein eigener Vater, der, um Steve zur Hilfe zu kommen, sein Leben zu geben bereit gewesen war, seine Freiheit, sein ganzes Lebenswerk, mich .

Mein Rückgrat zitterte. Ich schlug die Seiten zusammen, marschierte zum Mülleimer und hielt in letzter Sekunde inne. Schwer schnaufend fuhr ich herum, riss stattdessen die nächste Schublade auf und pfefferte das Skizzenbuch hinein.

Sollte es ruhig darin verrotten.

Ich kehrte in unseren Privatflügel zurück. Dort angekommen sackte ich neben Tony auf die Couch und schloss stumm einen Arm um den seinen, noch ehe er ganz registrierte, dass ich da war.

Umgehend löste er seinen brütenden Blick von dem Display in seinen Händen und sah nicht unbedingt weniger hinterfragend auf mich hinab.

„Das mit dem Wavepool meintest du ernst, oder?“, raunte ich, den Blick abwesend auf die betörend tanzenden Gasflammen unserer Kaminwand gerichtet.

„Ja.“ Er musterte mich. „Wieso? Schwebt dir etwas Bestimmtes vor?“

Ich schluckte. „Nein. Es klang perfekt.“

Tony lächelte.

-/_\-

Etwas brummte durch meine Schulter.

Die beharrliche Vibration, die bis in meinen Nacken hinaufwanderte, rüttelte mich am nächsten Morgen aus dem Schlaf, noch ehe es die gerade aufgehende Sonne oder irgendeine von Tonys Launen tun konnte. Ich brauchte einen Moment, in dem mein Verstand seine Tagesarbeit aufnahm, dann begriff ich, dass es mein StarkPhone war, tastete mit schläfrig zugekniffenen Augen herum, bis sich meine Finger um das schmale Display unter meinem Kissen schlossen, und hob es an mein Ohr.

„ Hm-huh ?“, nuschelte ich.

„Klingt, als liegst du noch im Bett. Solltest du nicht schon längst irgendwo auf der Matte stehen und irgendwelche Werkstofflager sortieren oder Regale abstauben?“

Ich erstarrte. „Clint?“, krächzte ich verschlafen und schob mich etwas in meine Kissen auf, nur um die Mühe prompt wieder aufzugeben und irgendwo zwischen Liegen und Sitzen hängen zu bleiben.

„Das war ein verdammt deprimierender Brief, Stark Junior. Meine Fanpost muss unterhaltsamer werden. Ich bekomme nicht viel.“

Mein Herz beschleunigte seinen Schlag. „Wie ---“

„Zwei Anrufe im Monat, zwanzig Minuten, mehr ist nicht drin. Ich muss mir genau überlegen, wie ich sie verwende. Du hast heute das Gewinnerlos gezogen. Laura weiß Bescheid, sie kümmert sich um meinen Rechtsbeistand. Ich weiß ziemlich gut, wie mau meine Chancen aussehen, in den nächsten Tagen wegen besonderer Verdienste begnadigt zu werden, die man mir ohnehin nicht namentlich zuschreibt oder deren Kenntnisnahme einer Freigabestufe entspricht, die es eigentlich nicht gibt, weil niemand anderes als ein einziger einäugiger toter Mann sie offiziell so erfolgreich weder bestätigen, noch dementieren könnte, dass es mich wieder über den Meeresspiegel bringt. Was ich nicht so recht weiß, ist, wie viele Kopf kleiner Tony dich filetiert hat.“

Meine Sicht verschwamm wie auf Knopfdruck in einem Tränenfilm. „Ist es schlimm?“

„Hier drin?“ Clint entließ trocken die Luft. „Dramatisch unterwältigend …“ Er pausierte. „Wie sieht der Score aus? Diese Woche schon ein paar Pfeile abgegeben?“

Ich zögerte. „Nein.“

„Schlechtes Gewissen, hm?“

Meine Brust zog sich angesichts seines trocken unbeeindruckten Tons zusammen. Da dies anscheinend genau die Reaktion war, auf die er es abzielte, kam er direkt zum Punkt: „Das am Flughafen war Mist, Sola.“

„Ja“, stimmte ich belegt zu.

„Keine Ahnung, wie Tony es geklärt hat, aber ich bin ziemlich sicher, er hat es und das deutlich, deshalb muss ich mich nicht mehr darum kümmern, habe ich recht?“

Ich entließ ein noch schwächeres „Ja.“

„Dann werte ich das als erledigt.“ Auch wenn er nichts weiter nachsetzte, spürte ich doch, wie er in die Stille unserer Leitung lauschte.

Draußen vor meinem Fenster fiel leichter Regen. Reste feinen, nebligen Dunsts krochen um den nahen Hangar herum, begannen sich aber bereits zu verflüchtigen. Der Landeplatz schien verlassen. Nicht einmal ein Quinjet stand bereit.

Ich ließ meinen Blick wieder durch mein Zimmer schweifen, über meinen flauschigen Teppich, die hellen Bücherregale und die gerahmten Surf-Plakate der nächsten Wand und sank seltsam entkräftet in dem überwältigend warmen Kokon meines Bettzeugs zusammen.

„Wie lief die Woche?“, fragte Clint. „Warst du überhaupt in der Schule?“

„Ja.“ Ich murmelte. „War okay.“

„Viel Presse?“

„Überall. Vor der Schule, vorm Tower, sogar hier an der Zufahrt zum Hauptquartier.“ Ich stockte. „Könnt ihr fernsehen?“

Clint schnaufte matt. „Schön wär’s.“

„Sie reden die ganze Zeit über --- na ja, eure Verhaftungen in Leipzig und Steves und Nats Flucht und … und über Tony, über das Sokovia Abkommen und die Pressekonferenz vorm Weißen Haus. Über alles eben. Auch in der Schule.“ Ich zögerte. „Ich sag nichts dazu … Von diesem Präsidentendekret und seiner Ernennung zum Direktor habe ich nichts gewusst, bis es überall in den Nachrichten war, aber keiner glaubt es so wirklich … Sie denken, bloß weil er mein Dad ist --- keine Ahnung, kann ich in die Zukunft sehen. Alle wollen, dass ich etwas dazu sage, dass ich ihnen vielleicht verrate, dass er lügt oder dass es eigentlich alles nur ein großer Trick ist oder so etwas …“ Ich brach ab. „Aber das, was er Dienstag sagte, das war nicht einfach nur gesagt. Ich dachte --- na ja, ich dachte es ist vor allem Show für Ross, für Ellis und die UN. Damit es die Avengers weiter gibt und sich alles wieder beruhigt.“ Mein Herz flimmerte, urplötzlich dem stillen Schmerz ausgesetzt, den ich seit Tagen klammheimlich mit mir herumtrug. „Aber sie haben Nat vor ein paar Tagen fast gefunden. Tony hilft ihnen mit der Analyse und Bereitstellung von Satellitenbildern. Sie jagen sie wie --- wie eine Terroristin oder so etwas …“

„Das werden sie noch eine Weile.“

Ich war mir nicht sicher, was er mir damit sagen wollte: Dass sich Ross‘ Ambitionen und Tonys nüchterne Feindseligkeit nicht so schnell legen würden oder dass Nat ihnen noch sehr lange rechtzeitig durchs Netz gehen würde, erfahren und geschickt wie sie war.

Beide Aussichten gefielen mir wenig, denn es bedeutete, dass dies wirklich nun die Seiten waren, auf denen sie standen, und dass sie es blieben.

Feinde .

„Wie geht’s Rhodey? Ist er okay?“

„Nein.“ Ich schluckte beherrscht, um das dichte Unbehagen dieser zweiten Wahrheit mitsamt all ihrer Konsequenzen in mir zurückzudrängen. „Er wurde letzten Samstag notoperiert wegen innerer Blutungen. Und er kann nicht mehr laufen. Sie überlegen jetzt, wie sie es vielleicht doch behandelt bekommen, aber eigentlich ist es irreversibel … Tony hat mein Spezialistenteam beauftragt, an einer Gewebetherapie oder Brückenlösung für ihn zu arbeiten. Das wird aber dauern, wenn es überhaupt klappt, deshalb entwirft er jetzt so etwas wie ein Exoskelett, glaube ich, eine robotische Gehhilfe, damit Rhodey bis dahin nicht --- im Rollstuhl festsitzt.“ Der unleugbare Druck in meiner Brust übersprang all meine strudelnden Gedanken und entließ unvermittelt den rauesten: „Bist du böse?“

„Auf wen?“

„Tony … Nat?“ Meine Kehle verengte sich. „Mich?“

„Warum sollte ich dir böse sein, Sola?“

„Weil --- weil ich schuld bin“, brach es leise aus mir, „dass du nicht verschwinden konntest, bevor --- bevor sie kamen und euch festgenommen haben. Weil du bei mir bleiben musstest, bis --- bis sie da waren.“

„Das Risiko in dieser Zelle zu landen, bin ich spätestens eingegangen, als ich Steve und Bucky Feuerschutz gegeben habe. Dass ich verhaftet wurde, hat nichts mit dir zu tun, Sola.“ Clint schien unbeeindruckt. „Vielleicht hätte ich verschwinden können, vielleicht nicht“, befand er unselig nüchtern. „Und vielleicht hätte die GSG-9 mich erschossen, wer weiß? Das hätte sich nur bei dem Versuch gezeigt. Wenn ich dir in Leipzig böse war, dann weil du dich zu uns in den Ring geworfen hast.“ Er schien freudlos die Mundwinkel zu heben. „Dir oder Nat böse zu sein, ist eine völlig andere Angelegenheit, als einem der richtig bösen Jungs, okay? Wenn ich euch in den Arsch trete, überlebt ihr es, um es mir heimzuzahlen oder zu danken.“

„Und Tony?“

„Er hat sich zuletzt nicht gerade mit Ruhm bekleckert. Aber er ist die vergangenen Jahre ein wenig in Vorleistung getreten, also werde ich es ihm nicht zu übel auslegen, uns hier drin versauern zu lassen.“

Ich schwieg. Dann wurde mir wieder bewusst, dass er eine begrenzte Anrufzeit besaß und wie schrecklich lange es dauern mochte, bis wir uns womöglich wieder sprachen, und ich überwand mich die eine Frage zu stellen, vor der es mir graute, mit Seele, Herz und Leib, ganz gleich wie still verbittert er klang. „Wusstest du es?“

„Was?“

Ich wollte nicht diejenige von uns beiden sein, die es beim Namen nannte. Ob Clint es nun all die Zeit tatsächlich gewusst hatte oder nicht, ob er Steve in diesem Wissen verteidigt hatte oder nicht, ob das Raft-Gefängnis mithörte oder nicht … Es blieb mir doch nichts anderes übrig, um diesen schrecklichen Verdacht auszuradieren, also sammelte ich all meine Fassung und fragte so leise, dass ich regelrecht hohl klang: „Wusstest du von Barnes? Was er --- was er Dad angetan hat?“ Meine Stimme sank auf ein ersticktes Raunen. „Von meinen Großeltern?“

Undeutbare Stille drang durch die Leitung.

„Er ist durch ein intensives Programm Gehirnwäsche gegangen, Sola.“ Mein Herzschlag schwächte sich so plötzlich und so benommen, dass mir fahler Schweiß ausbrach. „Sie hatten Jahrzehnte, um sein Bewusstsein unter Kontrolle zu bekommen und nach ihren Regeln zu programmieren. Er war Hydras Geheimwaffe. Der Winter Soldier war ein einzigartiger Erfolg. Was er Tony auch angetan haben mag-“ Ich bekam wieder Sauerstoff. „-es war ganz bestimmt grausam und schockierend, weil es schon immer Hydras Handschrift war. Barnes wird damit leben oder sterben müssen, sofern er sich überhaupt erinnert. Aber das ist nicht der Grund, weshalb wir nun stehen, wo wir stehen. Ich bin verdammt sicher, Tony weiß das.“

Die Möglichkeit, dass Clint mir nicht die ganze Wahrheit sagte, bestand. Natürlich tat sie das, es gab dutzende Dinge aus seiner Vergangenheit, über die er nie mit mir sprechen würde oder über die zu schweigen er beauftragt worden war oder vor denen er mich bewusst zu schützen entschied. Und vielleicht gehörte der Winter Soldier dazu.

Aber ich glaubte ihm. Er hatte es nicht gewusst.

Vielleicht wollte ich es auch mehr, als ich es mir eingestand.

Er schien auf die Uhr zu sehen, denn er seufzte. „Du hörst damit auf, okay?“, entschied er. „Ich weiß, das alles ist ziemlich außer Kontrolle geraten, aber das hier ist nicht deine Baustelle, Sola. Du bist sauer, das ist okay. Das sind Lila und Coup auch. Aber das wird verfliegen und dann will ich dich wieder von ganz normalem Teenagerkram erzählen hören, von Dingen, die nichts mit irgendwelchen Hydra-Geheimprogrammen, Supersoldaten oder Spezialeinsätzen zu tun haben.“ Er setzte eine Pause und als ich nichts erwiderte, fuhr er fort: „Ich bin zu dir durchgestellt worden, also befindet sich deine Nummer auf der Liste meiner genehmigten Kontakte zur Außenwelt, aber ich bin mir ziemlich sicher, dass es Tony, nach allem was letzte Woche vorgefallen ist, nicht unbedingt gefallen wird hiervon zu hören. Deshalb sagst du ihm, dass ich angerufen habe, damit er Bescheid weiß und die Nummer streichen lassen kann-“

„Was?“ Ich stockte. Mein Magen schlitterte hinab. „ Strei chen? Nein -“

„Ich würde auch nicht wollen, dass ein inhaftierter Straftäter Lilas direkte Kurzwahl besäße. Das ist keine Bitte, Sola.“

„Aber das ist überhaupt nicht dasselbe!“, protestierte ich unversehens heftig. „Du bist --- kein Verbrecher .“

„Das sieht Tony anders.“

„Er ist schuld , dass du dort bist; er hat euch verhaften lassen!“, brach es aus mir. „Er hätte Ross sagen können, dass du eigentlich auf seiner Seite warst und Steve bloß glauben lassen hast, du wärst es nicht. Sie hätten es ihm abgenommen, du hast so etwas früher ständig gemacht---“

„Tony und ich sind gerade nicht gut aufeinander zu sprechen und das hat einige Gründe, aber das heißt nicht, dass ich will, dass du irgendwo dazwischengerätst, Sola. Das ist unser Problem.“ Er setzte einen unaufgeregten und doch unmissverständlichen Punkt. „Sag ihm, dass ich angerufen habe, damit er tun kann, was ich auch tun würde. Und dann iss ein paar Cornflakes oder was auch immer in den oberen Klassen so serviert wird und mach Pläne für Halloween.“ Er hielt inne, vielleicht weil er den jähen Schmerz in meiner Brust in der brechenden Stille vernehmen konnte. „Wir werden uns jetzt eine Weile nicht mehr hören. Das hat nichts zu bedeuten, Stark Junior. Unser Feuerlöscher steht da, wo er immer stand. Wenn es irgendwo brennt, setzen wir ihn ein, wir finden einen Weg, aber bis dahin versuchen wir es auf die diplomatische Art, einverstanden?“

Mein Herz begann zu trommeln, denn ich verstand jedes codierte Wort.

Wenn meine Familie mich braucht, finde ich einen Weg hier raus.

Das Raft war eine Festung für Superschurken und Superhelden.

Und wenn es ihm gelang, ihr zu entkommen, würde ich ihn nie wieder sehen, konnte es gar nicht, denn er würde auf der Stelle von der Bildfläche verschwinden, genau wie Nat. Er würde mit Laura und seinen Kindern irgendwo ein neues Leben beginnen, an einem Ort, den nicht mal Tony im Verdacht hatte, weil er genau für diesen Moment vorgesorgt hatte.

Als Clint auflegte, stand ich wie in Trance auf.

FRIDAY hatte seinen Anruf nicht blockiert, wisperte eine feilschende Stimme in meinem Hinterkopf, was bedeutete, dass das Caretaker Protokoll keine Anrufe per se blockierte oder auf kritische Kontakte untersuchte, was ganz bestimmt einer Lücke im System entsprach. Wenn ich Tony informierte, würde er das Protokoll nachjustieren, wie er es immer tat, und vielleicht gar eine permanente Stimmerkennung in mein StarkPhone implementieren, die ihn alarmierte, sobald sich Clint, Nat oder andere unerwünschte Kontakte mit mir in Verbindung setzten, nach denen international gefahndet wurde.

Aber er hat meinen Brief in Clints Post gegeben. Es war seine Idee.

Tony hatte es überhaupt erst ermöglicht. Und wieso hätte er dies tun sollen, wenn er Clint zurecht im Raft sah und ihn nun ernsthaft aus meinem Leben zu streichen gedachte für das, was zuletzt hier und in Deutschland geschehen war?

Ich stierte in den hohen Spiegel über meinem Waschbecken, bis mein Kopf zu ziepen begann, wusch mich und kehrte in mein Zimmer zurück.

Die Sonne brach durch, mild und zerfressen von Wolken.

Von dem jähen Wunsch getrieben, die Dinge besser zu machen, schritt ich in meinen begehbaren Kleiderschrank, wechselte in eine Jogginghose und ein atmungsaktives Sweatshirt und band meine Haare zusammen.

Noch während ich die Schnürsenkel meiner Laufschuhe festzog, gab ich mir diesen notwendigen letzten Ruck, den Tony Vertrauen nannte, und tat, worum Clint gebeten hatte.

Musik:

Ramble On – Led Zeppelin

Fortunate Son - Creedence Clearwater Revival