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Time-Out

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Time-Out

Kapitel 32: Time-Out

New Yorks beleuchtete Wahrzeichen und Büroetagen hingen in dunklen, wabernden Wolken und blauem Dunst.

Ein Teil von mir wünschte fast, es möge der Vorbote von etwas Aufregenderem als einem nasskalten Montagmorgen sein, an dem sich die Sonne vermutlich nur sporadisch blicken ließ, obwohl ich wusste, dass es bloß meine Mörderstimmung war und meine Laune sich nicht gerade zu verbessern versprach, wenn sich der derzeit gemächlich an den Wolkenkratzern labende Dunst in den kommenden Stunden tatsächlich als irgendeine absurd gefräßige, interdimensionale Entität anstatt stinknormaler Oktobernässe entpuppte.

Nicht, dass ich mir in punkto potentiell feindlich gesinnter Wolkenformationen irgendwelche Sorgen zu machen brauchte. Noch dirigierte Tony Stark unser Wetter nicht, aber ich hatte keinen Zweifel, dass er es schon bald tun würde, wenn Mutter Natur es nur darauf anlegte.

„Wer nicht einsitzen kann, sollte keine Dinger drehen“, beschied er mir im Vorbeigehen.

Ich grunzte in mein Rührei, enthielt mich aber jeden Kommentars.

Sicher, ich war bereits mit unterirdischen Sympathiewerten in die neue Woche gestartet und dabei war die Sonne noch nicht einmal aufgegangen , aber noch wirkte Tony herzlich unbeeindruckt und das war mir eindeutig lieber als triumphal geködert.

Dass er schon auf den Beinen war, hatte er schließlich mir allein zu verdanken. Nachdem FRIDAY zwei pädagogisch vollwertige Warnungen ausgesprochen hatte, die ich bloß mit aus meinen Kissen geraunzter Abfuhr beantwortet hatte, war er es gewesen, der kurz darauf mit übernächtigtem Blick in zerknittertem T-Shirt und Pyjamahose vor meinem Bett erschienen war, um mir mitzuteilen, dass ich genau einen Ausweg besaß und der lag in Richtung Bad.

Dann hatte er mein Zimmer wieder verlassen und ein AC/DC-Konzert auf mich losgelassen, das mich fast aus dem Bett katapultiert hatte.

Er trug immer noch nichts Anständiges, rieb sich die zerzausten dunklen Haare, schlurfte barfuß umher und weigerte sich tunlichst, mich irgendwie zu bewirtschaften, was seine Art darstellte, es mir zu vergelten. Aber eines wusste ich, sein Verstand blieb auch in diesem Zustand messerscharf, weshalb ich es nun vermied ihn direkt anzusehen, ohne ihn jedoch ganz aus den Augen zu lassen, ganz wie bei einem hungrigen kalifornischen Puma, der noch nicht recht entschieden hatte, ob er sich zurückziehen und wieder auf das nächste Garagendach fläzen sollte oder doch rauflustigere Register aufzog, um die eigentlich wenig schmackhafte Beute zu erlegen, die sich säuerlich dreinblickende Brut nannte.

Denn das war ich nicht erst seit heute Morgen.

Meine Stimmung war bereits am Vorabend gekippt, als mir aufgegangen war, dass mir eine weitere Woche bevorstand, in der ich nichts weiter zu erleben erwartete als meine täglichen Ausflüge zur Midtown High und wieder zurück.

Rhodey hatte nicht wirklich unrecht, diese Woche war der langersehnte Endspurt. Aber tatsächlich kam mir die bloße Aussicht einer weiteren Woche daheim im Caretaker Protokoll inzwischen vor wie eine endlose Episode Wasted Potential .

Ich konnte Elijah nicht treffen, ich konnte nicht länger wachbleiben, mein StarkPhone war ständig im Fokusmodus, ob nun im Unterricht oder weil FRIDAY es gerade für zweckdienlich hielt; ich wurde unentwegt von einer KI herumkommandiert, durch meine Hausaufgaben, durch den Lernstoff anstehender Schultests, ja, selbst durch meine Mahlzeiten , und – noch viel frustrierender – ich würde wieder dutzende spontane Einladungen ausschlagen müssen, ob nun die aus Bosworth-Kreisen oder die der Midtown, sofern sich nicht so langsam ohnehin bereits rumgesprochen hatte, dass ich mir eigentlich ständig Ärger einhandelte, wenn ich ihn nicht gerade selbst verursachte.

Wirklich viel außerhalb der Schule unternommen, hatte ich in meinen knapp zwei Monaten an meiner neuen High School noch nicht. Die ersten beiden Wochen waren recht gut gelaufen, aber danach hatte es mit Tonys Plänen nur noch gescheppert und Vorsorgetermine und Wochenenden im Hauptquartier waren dazwischen gegrätscht, bis ich mit meinem Fluchtversuch zu Kenzos Party endgültig für ein Time-Out gesorgt hatte.

Fraglich also, ob mich irgendjemand an der Midtown bereits für freundschaftsfähiges, bodenständiges Material hielt. Nicht einmal Ned behandelte mich bislang wirklich wie eine Mitschülerin, sondern mehr wie exotisch adliger Besuch aus Übersee, dem er tagtäglich die albernen Eigenheiten und Rituale der Midtown High erklärte. Und in seiner und MJs Gegenwart fühlte ich mich wirklich noch am Normalsten, was ein wenig absurd war, weil sie beide wirklich am wenigsten vorgaben, in mir jemand anderen zu sehen als Tony Starks Tochter.

Ich hatte mich an diese Rolle gewöhnt, sie war mir irgendwie längst in Fleisch und Blut übergegangen, bis hin zu dem gesunden Selbstbewusstsein, auf jede überschwängliche Freude und Bewunderung für meine oder Tonys Person wenig überrascht oder überwältigt zu reagieren. Aber irgendwie hatte ich das Gefühl, genau jetzt die allerwichtigsten Augenblicke zu verpassen, mich auch darin beweisen zu können, trotz allem zu ihnen zu gehören – normal zu sein – und das zu bleiben.

So wenig ich es war.

Das zumindest wisperte eine sehr leise, sehr weise Stimme, die nicht einmal mehr wusste, wo genau sie nach meinen letzten verbliebenen Resten Normalsein zu suchen hatte.

Es war nicht normal, einen eigenen Wavepool zu Weihnachten geschenkt zu bekommen. Es war nicht normal, versehentlich dem Außenminister der Vereinigten Staaten zu begegnen, wenn man seinen Vater bloß kurz an das vollkommen überfällige Abendessen erinnerte. Es war nicht normal, mit Insassen eines Hochsicherheitsgefängnisses für Super individuen an einem Sonntagmorgen zu telefonieren.

Und es war ganz sicher nicht normal, beim Rührei kurz vor Sonnenaufgang über Manhattan über der Frage zu brüten, ob ich Tony Stark vielleicht noch mehr vorwarf, mich nicht von der Anrufliste des Rafts gestrichen zu haben, als wenn er es getan hätte.

Da Tony von sich aus nicht mehr auf Clint zu sprechen gekommen war, hatte ich ihn letztlich auf unserem Rückflug nach Manhattan geradeheraus danach gefragt.

„Barton hat genau zwei Anrufe im Monat, Sola“, hatte er geantwortet. „Das reicht gerade aus, um Laura und seine Kinder anzurufen. Aber sicher, es sieht besser aus, mich als Grund für die kommende Funkstille vorzuschieben, die er selbst zu verschulden hat.“

Es hätte weniger wehgetan, ihn einfach Clints Worte wiederholen zu hören, dass er mich keine Gefängnisanrufe empfangen sehen wollte. Nicht nur hatte es mir einen bösen Stich versetzt, Tony unterstellen zu hören, dass Clint ihn vor mir gezielt als Sündenbock platzierte, um zu verschleiern, dass er mich nicht länger anzurufen gedachte , sondern es hatte mir auch bewiesen, dass seine Unterbringung im Raft tatsächlich so scheußlich unverdient in ihren Auflagen war, dass Tony sich nicht einmal die Mühe zu machen brauchte, mich von ihm abzuschneiden, so wie er mir auch Versicherungen über eine baldige Verlegung machen konnte, von denen er insgeheim wusste, dass sie aufgrund von Clints beruflicher Vorgeschichte ohnehin nie zustande kommen würden oder seinerseits gewollt wären.

Den restlichen Abend hatte ich von da an auf so ziemlich jedes von Tonys Worten mit Missmut und Gleichgültigkeit reagiert, was ihm keineswegs entgangen war. Mein Essay zum Thema Drogen hatte er nicht mehr aufgegriffen, ob er es nun wirklich gelesen oder sich bloß über den gelungenen Coup amüsiert hatte. Irgendwann war er einfach in die Werkstatt entschwunden und nicht wieder aufgetaucht – bis heute Morgen, als ich entschieden hatte, dass Wecker, Normalität und Schule etwas für Teenager ohne Superheldenfamilie im Rosenkrieg waren und FRIDAY ihn in Ermangelung eigener Autorität aus dem Bett geholt hatte, in das er – seinem gerädertem Aussehen nach zu urteilen – gerade erst mit den untrüglichen Geruchsspuren vergorenen Alkohols gefallen war.

Dafür schmeckte mein Rührei eigentlich ganz passabel.

Tony hatte mir zwar nur vielsagend ein paar rohe Eier, Butter, eine Schüssel und die Pfanne vorgesetzt, zwei Scheiben Brot in den Toaster geworfen und mein griesgrämiges Tun am Herd mit wertendem Blick studiert, aber er hatte wenigstens darauf verzichtet, mir einen seiner gefürchteten grünen Smoothies aufzudrängen, mit denen er mich normalerweise malträtierte, wenn ihn die Laune überkam, meinen persönlichen Alchemisten zu spielen oder mir ganz grundsätzlich den Morgen zu verderben.

„Happy wartet“, riss er mich unversehens aus dem Sumpf meiner Gedanken. „Gib Gas.“

Ich brummelte etwas Unverständliches und fuhr fort wenig produktiv durch die Reste meines Frühstücks zu stochern, als plötzlich mein StarkPhone zu vibrieren begann.

Daphne .

Mehr als dankbar für die Ausrede ließ ich meine Gabel los und nahm ab. „Hey.“

Etwas stimmte nicht, das erkannte ich noch in der untypisch aufgeschobenen Sekunde, die es brauchte, ehe Daphne reagierte: „Bist du noch zu Hause?“

„Hm, ja.“ Ich schielte zu Tony, der sich gerade daran machte, meine dreckig zurückgelassene Schüssel und Pfanne in die Spüle zu manövrieren und einzuweichen. „Bin spät dran …“

„Habt ihr es schon gesehen?“

Unweigerlich von unguter Vorahnung geflutet, merkte ich auf. „Was meinst du?“

„Dad.“ Bevor ich eine Regung von mir geben konnte, sprudelte sie los: „Er hat dieses Interview gegeben – das, mit dem er uns genervt hat, als er letztens hier war – und jetzt steht jede Menge Presse vor unserem Haus und dieser Artikel geht gerade viral … Die ganzen Vans haben uns geweckt. Sie waren echt schnell hier. Sie reden auch schon überall in den Morgenshows darüber. Er ist sogar Gast . Mum hat ihn auf CBS gesehen, aber dann den Fernseher abgeschaltet, damit Lou es nicht mitbekommt, wenn er gleich runterkommt. Dad sagt --- er sagt dort so viel Scheiß …“ Sie brach ab, plötzlich so nervös, dass es sich sofort in mir fortsetzte. „Ist Tony da?“

„Ja.“ Ich sah zu ihm auf. „Er ist hier.“

Irgendwie musste ihn mein Gesichtsausdruck oder meine veränderte Stimmlage bereits gewarnt haben, denn er war von der Spüle zurückgetreten, trocknete sich die Hände und musterte mich wie in unterschwelliger Bereitschaft.

„Dev“, antwortete ich, als er stillschweigend das Kinn hob. „Ihr Dad hat irgendein Interview gegeben und …“ Ich wandte mich wieder ihr zu. „Ich stell dich auf Lautsprecher, okay?“

Da sie nicht widersprach, legte ich mein StarkPhone ab.

„Hi Dev“, erklärte Tony. „Was ist los?“

Seine plötzlich so besonnen selbstbewusste Stimme löste einen leisen Krampf in meiner Bauchgegend, den ich erst jetzt bemerkte, da er meine Gedärme wieder verließ.

„Dad hat dieses Interview gegeben“, begann sie von Neuem.  „Er spricht gerade im Fernsehen darüber. Der Artikel ist angeblich schon raus, weil sie nicht riskieren wollten, dass Sie den Artikel gegen einen anderen Mediendeal eintauschen oder Ihre Anwälte die Veröffentlichung verhindern, Mr. Stark, das sagte er vorhin auf CBS.“

Ohne sie zu unterbrechen, murmelte Tony in Richtung seines eigenen StarkPhones: „FRIDAY, zeig mir die Story und informier Erin.“

„Jetzt steht überall Presse vor unserem Haus. Mum sagte, ich soll Sie informieren, damit Sola vor der Schule nicht von ihnen überfallen wird, und sie fragt, ob … ob wir etwas beachten sollen, falls sie Fragen stellen. Es sind echt viele … Sie stehen schon auf dem Rasen. Mum hat die Vorhänge zugezogen, aber wir hören sie draußen. Sie sagt, es ist schlimmer als im Februar.“

Während Daphne sprach, überflog Tony bereits das Hologramm des veröffentlichten Interviews. Ich musste mich konzentrieren, um die Schlagzeile auf der mir zugewandten Rückseite zu entziffern:

JOSH BALMEDA PACKT AUS

„TONY STARK BEDROHT MEINE FAMILIE.“

Fassungslos fiel mir die Kinnlade herab. „W as -“

Tony unterbrach mich, indem er seine Hand hob. Sein Kiefer arbeitete langsam, aber davon abgesehen schien er wenig verblüfft oder wirklich empört. War er es doch, verbarg er es heldenhaft. „Dev?“

„Ja?“

Auch Daphne klang deutlich gefasster, als es die aggressive Lüge der Schlagzeile erwarten ließ.

„Sag deiner Mum, wir werden wie besprochen mit einer Pressemitteilung in unserer beider Namen antworten. Erin und unser PR-Team kümmern sich darum. Wenn ihr einen Anwalt wollt, um ihm bis auf Weiteres das Sorge- und Besuchsrecht zu entziehen, bekommt ihr einen. Das wird eine schnelle unkomplizierte Geschichte, versprochen. Aber ich leite keine rechtlichen Schritte ein, auch nicht in eigener Sache, solange ich kein Go von euch habe oder deine Mum Magenschmerzen davon kriegt, okay? Sag ihr, sie kann mich anrufen, wenn sie sich entschieden hat. Hat keine Eile.“

„Okay.“ Erleichterung lag in Daphnes Stimme. „Danke, Mr. Stark.“

„Keine Ursache. Noch etwas: Du und Louis bleibt heute Zuhause.“

„Wir sollen nicht zur Schule?“

„Fällt heute aus. Erstmal bekommen wir die Paparazzi unter Kontrolle und den Puls eurer Mum runter.“ Als entsinne er sich, sah Tony schon auffordernd zu mir und senkte die Stimme auf eine Art, die Daphne wissen ließ, dass er mit mir sprach: „Gilt nicht für dich, du bist Profi. Los, der Tunnel macht gleich dicht.“ Er wies in Richtung seines StarkPhones. „FRIDAY, schick Daphne auf meine Leitung. Und gib Happy wegen des Balmeda-Artikels Bescheid. Sag ihm, heute ist Service Royale angesagt. Sola ist auf dem Weg.“ Tony fasste mich wieder in den Blick und hob still auffordernd die Brauen.

Wenig begeistert griff ich mir mein StarkPhone und erhob mich.

Er begann zu tippen. „Ich schicke Leute, die euch mit dem Zirkus helfen“, fuhr er an Daphne gewandt fort. „Sie fahren euch den Rest der Woche zur Schule und zu Terminen, begleiten eure Mum beim Einkaufen und allem, was anfällt … Es sind unsere Leute, Happy koordiniert sie. Beachtet sie gar nicht und lasst sie ihren Job tun, damit ist gegen den Trubel erstmal gesorgt. Falls sich der Auflauf vor eurer Haustür länger als eine Woche hält, verlängern wir, aber die Pressemitteilung in einer Stunde sollte den Redaktionen genug Sand ins Getriebe kippen, um den größten Aufruhr in den kommenden Tagen zusammen zu dampfen.“

Er nickte mir zu, als ich mich widerwillig verabschiedete.

Sein Blick blieb freudlos konzentriert, fast als bemühe er sich ganz bewusst, sich nicht dazu verleiten zu lassen, meine selbstmitleidige Laune zu kommentieren oder in jähem Impuls einzulenken und mich einfach in mein Bett zurückkehren zu lassen und damit direkt in diesen seltsam trostvollen Zustand ambitionsloser innerer Kapitulation, der sich an diesem Morgen wie ein verhängnisvoller alter Freund an mich herangeschlichen und mich hinterrücks umfangen hatte.

Es war ein alter Bekannter aus der Gosse mit dem Lächeln von Jeremy Lax, dem ich selbst nach all der Zeit nicht genug widerstehen konnte, um nicht zumindest kurz innezuhalten und mir anzuhören, was er sagte.

-/_\-

Kaum bei Happy im Auto, warf ich meinen Rucksack auf den Nebensitz, zog mein StarkPhone heraus, rief den Balmeda-Artikel auf und begann zu lesen.

Mein Puls stieg mit jeder Zeile, die ich verschlang.

Erst aus dem Fernsehen habe Josh Balmeda erfahren, dass sich seine Tochter an der Westküste in Malibu aufhalte, zu Gast im nach dem Anschlag des falschen Mandarin frisch wiedererrichteten Haus eines berüchtigten Milliardärs und Superhelden, der zum besagten Zeitpunkt nicht einmal bei den jungen Teenagern vor Ort gewesen sei, berichtete Daphnes Dad. Das habe ihn wachgerüttelt, ja, es habe ihn regelrecht überfahren. Immerhin sei er bis zu diesem Moment felsenfest überzeugt gewesen, dass Daphne ihren Sommer mit ihrer Mum und ihrem jüngeren Bruder daheim in Nashua verbringe. Aber erst als er wenige Wochen später seine Kinder besucht habe, habe er zu begreifen begonnen, was wirklich vor sich gehe.

Denn es war keineswegs der erste Ausflug seiner Tochter in die Welt der Schönen, Mutigen und Reichen.

Dem Markt unzugängliche Sondermodelle des StarkPhones, Urlaube in Superhelden-Mansions, kostspieliges Surf-Equipment, Aufnahmen in hochkarätige und eigentlich schwer zugängliche College-Stipendien-Programme, Tony Stark auf der Kurzwahltaste, Ausflüge mit Avengers nach Disneyland … Was nach einem wahr gewordenen Märchen in den Ohren vermutlich jeden Kindes der Vereinigten Staaten klang, habe Josh Balmeda rasch als die verzwickte, gefährdende Lage begriffen, die es in Wahrheit darstelle. Wir alle haben Starks Malibu Anwesen und den Avengers Tower oft genug in Flammen stehen sehen. Das Leben eines Iron Man endet nicht vor seiner Haustür.

Dies gestalte sich in aktueller Retrospektive noch einmal klarer. Denn der Avenger, der Daphne Balmeda, Sola Stark Waters (15) und eine kleine Gruppe weiterer Minderjähriger im Sommer 2016 in den beliebten kalifornischen Freizeitpark begleitete, sei niemand anderes als Hawkeye gewesen. Ein Krimineller , machte Balmeda klar. Seit gut einer Woche sitzt Clint Barton aufgrund diverser Anklagepunkte im Zuge der bewaffneten Streitigkeiten rund um das Sokovia-Abkommen am Leipziger Flughafen und der Beihilfe zur erfolgreichen Flucht des Winter Soldiers im Raft-Gefängnis in Haft. Bartons Vergangenheit liegt in Schatten, aber seine fragwürdige Tätigkeit als Spezialagent und Scharfschütze der inzwischen demontierten und in Verruf geratenen ehemaligen SHIELD-Behörde ist bekannt. Tony Stark habe es eben diesem Kollegen und vermeintlichen Verbündeten, der schon wenige Wochen darauf zur erbitterten Gegenpartei und Mitverursacher von Kollateralschäden in Millionenhöhe werden sollte, ganz bedenkenlos überlassen, Sola Stark Waters und ihre geladenen gleichaltrigen Freunde während ihrer Sommerferien in Kalifornien zu beaufsichtigen.

Es sei nicht richtig, machte Balmeda deutlich, dass er nicht einmal darüber informiert worden sei, dass seine Tochter sich zu Gast in Malibu befände. Doch es sei genau das, was Tony Stark tue: Er halte Informationen über die Balmeda-Kinder vor ihrem eigenen Vater fern.

Joshs Kontakt zu seiner Tochter wie auch zu seiner Frau, mit der er in einvernehmlicher langjähriger Trennung lebte, sei vor einigen Monaten unvorhergesehen weggebrochen. Daphne sei schon immer Solas beste Freundin gewesen, berichtete Balmeda, da erscheine es ihm nur richtig, dass man sich als jeweiliges Elternteil einander auch vorstelle. Tatsächlich jedoch sei er der großen Legende und Persona Tony Stark noch nie begegnet, noch habe Stark, seit dieser in das Leben seiner Familie getreten sei, jemals auch nur auf telefonischem Wege irgendeine Form der Absprache getätigt oder das Einverständnis zu gemeinsamen Ausflügen, Urlauben und kostspieligen Geschenken bei ihm eingeholt. Unterdessen stünden seine minderjährigen Kinder und Frau unter ständigem Einfluss dieses prominenten Hochkaräters, der Balmedas Familie auf ausgesprochen kalkulierte Art und Weise in Kontakt von ihm abgeschnitten halte, in ihrer Mitteilungsbereitschaft kontrolliere und für Dinge begeistere, mit denen er sich letzten Endes bloß ihr Schweigen und ihre Loyalität erkaufe, blind für die Gefahr, in die es seine Kinder in Wahrheit versetze, mit Tony Stark in Verbindung gebracht zu werden, die Josh Balmeda nun tagtäglich in angehaltenem Atem versetze.

Sei Daphne schon einmal vor Ort im Avengers Hauptquartier gewesen? Ich weiß es nicht , antwortete der sichtlich beunruhigte Vater. Sie erzählt mir nichts mehr. Der Kontakt ist gewissermaßen abgebrochen. Aber ich halte es für sehr wahrscheinlich. Daphne war diese Ostern mit der Familie Stark in den Hamptons zu sehen. Von dort bis Upstate New York ist es nicht sehr weit. Angeblich seien Vater und Tochter Stark, Pepper Potts und Daphne Balmeda mit einem Helikopter von Stark Industries angereist. Geschossene Fotos der freien Presse belegten dies, was Josh Balmedas Verdacht nur verstärke.

Es sei einfach zu behaupten, Tony Stark handele in wohlwollender Absicht, wenn er den Balmeda-Kindern einen finanziell sorgenfreien Weg auf Elite-Colleges ermögliche, der an persönliche Vereinbarungen geknüpft sei und den er jederzeit widerrufen könne. Und es sei noch einfacher zu behaupten, dass er im Interesse seiner eigenen Tochter die langjährige Freundschaft zur Familie Balmeda am Leben erhalte, selbst wenn diese Freundschaft maßgeblich unter seinem Dach und damit nach seinen Regeln allein stattfinde. Das definiere Josh Balmeda nicht als Wohltätigkeit oder Geste unter Freunden, sondern lediglich als verharmloste Erpressung und Manipulation durch einen superreichen, bekannten Egozentriker, die sich vor der Öffentlichkeit einfacher verbergen und dementieren ließe, als das Beweisstück eines unterschriebenen NDA-Vertrags mit klar niedergeschriebenen Umgangsklauseln und Kontaktverboten, der der Presse früher oder später in die Hände fallen und einen gravierenden Imageschaden für den frisch ernannten Direktor der neuen Avengers-Initiative, Berater des Weißen Hauses und öffentlich etabliertem Supermilliardären bedeuten könnte.

Mein neunjähriger Sohn behauptet, er sei mit Iron Man per Du, während ich ihm noch nicht einmal begegnet bin. Sprächen wir hierbei von jemand anderem als Tony Stark, einem unbekannten Erwachsenen, den ich noch nie getroffen hätte, der meine Kinder regelmäßig mit Geschenken, Einladungen und einer eigenen Agenda überschütte, hätte ich allen Grund aus Sorge durch die Decke zu springen. Wenn meine Frau Samantha am Esstisch Blicke mit meinen Kindern wechselt, die mir unmissverständlich sagen, dass sie gewisse Dinge vor mir nicht aussprechen dürfen und unzählige meiner Fragen zu Stark und ihren Begegnungen unbeantwortet bleiben, weiß ich, dass Tony Stark meine Familie nach seinen Wünschen und Bedürfnissen lenkt und mich als Vater und Entscheidungsträger für die Dauer seiner eigenen Interessen ins Abseits meiner eigenen Familie stellt.

Und das sei die zweite Gefahr, schloss er ab. Selbst, wenn seine Kinder unbeschadet aus dieser Bekanntschaft herausgingen und nie einem Terroristen, einer außer Kontrolle geratenen KI oder einem Aliengott über den Weg liefen, die eines von Tony Starks vielen privaten Immobilien aggressiv zu zerstören und seinem direkten Umfeld zu schaden versuchten, verbliebe immer noch die Frage, wie lange es dauern würde, bis das gerade geborene Iron-It-Girl Sola Stark Waters, inzwischen in eine Vielzahl sehr viel glamouröserer Bekanntschaften verstrickt (u.a. mit Elijah Magniconte (15), Sohn des bekannten New York Jet-Stars), das Interesse an Daphne Balmeda und ihrem kleinbürgerlichen Jedermanns-Leben verlor, über das sie bislang auch kein Wort zu äußern wünschte, selbst auf direkter Anfrage vieler Redaktionen und Talk-Shows hin.

Ich stierte aufs Display, als ich an das Ende des Artikels gelangte.

Etwas tat sich in meinem Magen.

Obwohl nichts davon stimmte – nicht wie Josh Balmeda es beschrieb – verblieb eine stumpfe Nervosität in mir, die mich auf unserer Fahrt nach Queens beschäftigt hielt und vollkommen taub für Happys fortwährende Seufzer und Beschwerden angesichts des dichten Verkehrs machte, wie auch seiner wiederholten Prophezeiung, dass wir es nicht pünktlich zur Midtown schaffen würden, wenn sich uns heute irgendetwas anderes als ein paar rote Ampeln in den Weg stellte.

Unsere Scheibenwischer arbeiteten lautlos in langatmigem Tempo, denn er Regen ließ nach, der nasskalte Dunst aber nicht.

Happy brummelte vor sich hin, während ich daran scheiterte, das Gelesene zu verdauen, ehe er mir kurz vor Queens versicherte, dass ich mir wegen des Artikels keinen Kopf zu machen brauchte und wirklich niemand, der noch alle Sachen beisammenhatte, diesen erdichteten Skandal ernst nehmen würde. Es seien schon ganz andere Interviews über Tony durch die Medien gegeistert und auch an die erinnere sich heute niemand, weil die echten Schlagzeilen, die er schrieb, immer noch etwas spektakulärer blieben.

Aber Happy klang nicht glücklich. Und auch nicht genervt, was er eigentlich immer war, wenn er etwas für ein lächerlich unnötiges Ärgernis hielt.

Außerdem erkannte ich schlechte Nachrichten, wenn ich sie sah.

Medientraining funktionierte in beide Richtungen.

Obwohl mir alles andere als nach Spaßen zumute war, öffnete ich schließlich meine Chats und schrieb Daphne:

7:46 Uhr Ich: Jetzt hast du auch einen berühmten Dad. *Scheiße-Emoji*

Sie antwortete prompt, was mir verriet, dass sie bereits auf eine Reaktion gewartet hatte.

7:46 Uhr DevilTunes: Lol.

7:48 Uhr Ich: Was ein Arsch ...

7:48 Uhr DevilTunes: Wenn du dich das nächste Mal über Tony beschwerst, lese ich dir die Highlights vor.

7:48 Uhr Ich: Klingt fair.

Ich zögerte. Mein Herz knüllte sich, als ich darüber nachsann, wie es sich anfühlen musste, dass Josh Balmeda bloß in ihr Leben zurückgetreten war, um sie für fünf Minuten Berühmtheit vor aller Welt zu demütigen.

Meine Finger flogen über die Tasten.

7:50 Uhr Ich: Übrigens, so sehr stehe ich gar nicht auf Glam …

7:50 Uhr DevilTunes: Ich schon, irgendwie.

Ich lächelte.

7:50 Uhr Ich: Willst du eine Insta-Story mit mir machen? O Ja O Nein O Vielleicht

-/_\-

Ich schaffte es gerade noch rechtzeitig in den Unterricht, auch weil Happy sich nicht davon abbringen ließ, mich bis ins Gebäude zu eskortieren.

„Anweisung vom Boss.“ Er ließ nicht mit sich diskutieren, so entschuldigend er sich auch gab, als er sich schon abschnallte und den Wagen verließ, um meine Tür zu öffnen. „Heute das volle Programm.“

„Hab’s gehört, Service Royale “, murmelte ich und richtete meine Jacke.

„Bleib bei mir, ja?“

Ich nickte.

Am Ende war ich dankbar, denn die Fotografen und Journalisten verstopften die Straße vor meiner High School schon wieder wie eine lärmend wogende Mauer, die mich beinahe dazu inspirierte, in unseren Wagen zurückzukehren und Tony meine Kapitulation zurück ins Homeschooling zu erklären.

Happy übernahm den grimmig warnenden Blick und den lapidar abweisenden Kommentar auf die baldige Pressemitteilung beider Familien, während ich den Kameras auswich und mich davon abhielt, die Treppe hinaufzustürzen, kaum dass wir durch die drängendste Masse aus nassen Mänteln, Mikrofonen und gefährlichen Regenschirmen hindurchbrachen.

Zu spät dran, um noch einen Zwischenstopp an meinem Spind einzulegen, bedankte ich mich rasch bei Happy, ließ ihn an der Eingangstür zurück und trabte im Eilschritt die nur noch mäßig belebten Treppen hinauf und Flure hinab, bis ich kurz vor unserem Klassenzimmer nahezu mit Peter Parker zusammenstieß, der vollkommen lautlos im Heidentempo um eine der Ecken platzte und mich in schierem Fluchtinstinkt gegen die geschlossene Tür zurückspringen ließ, was in einem kleinen oberpeinlich hörbaren Zusammenprall endete, den die Fluraufsicht am anderen Ende des Korridors mit einem routiniert mahnenden „Hey, lasst den Unsinn!“ kommentierte, ohne überhaupt zu uns herüberzusehen.

„Sorry“, entschuldigte sich Peter.

„ Umm , ja …  Nichts passiert.“

Seine Haare waren feucht vom Nieselregen, aber in seinen Augen funkelte unverändert lebendige Aufmerksamkeit, ob nun für mich oder die Welt per se. Es blieb so entwaffnend sympathisch, dass es mich gleich wieder an der kalkulierten Natur seines Verhaltens seit Tag Eins zweifeln ließ.

Ich sah ihn kaum an, als ich grob die Tür öffnete und ihm die Klinke in die Hand warf, ehe ich mich ohne weitere Worte durch die noch wuselnde Klasse zu einem der verbliebenen freien Tische zwischen Ned und MJ durchschlängelte.

Peter folgte mir und bog schließlich auf Neds bereits für ihn gesicherten Platz zu seiner Linken ab.

„Wo warst du so lange?“, raunte Ned, als er seinen Block von Peters Tisch räumte. „Ich dachte, du nimmst zwei Bahnen früher?“

„Hatte … noch was zu erledigen.“ Peter antwortete in auffällig abwimmelndem Ton, was Ned kurz große Augen bescherte, ehe er schon ein breites, wissendes Grinsen aufsetzte, das eindeutig verschwörerisch daherkam und MJ mit demonstrativ kritisch gehobenen Brauen zu ihnen beiden herüberblicken ließ, wie um ihnen klarzumachen, dass absolut nichts an ihrer Konversation täuschend oder unauffällig ablief.

„Eine SI -Sache“, befand Ned ominös, als sei die Angelegenheit völlig selbsterklärend und zugleich strenge Verschlusssache für mich und den gesamten Rest der Welt.

„ Jaah … nicht so ganz …“ Peter biss die Zähne zusammen. „ Ned , später, okay ?“

Ich warf ihm einen betont kühlen Blick zu, der beide Jungs umgehend verstummen ließ.

-/_\-

Die Nachricht über das Balmeda-Interview schien zumindest unter meinen Mitschülern noch keine nennenswerten Kreise gezogen zu haben und so flogen die ersten beiden Unterrichtsstunden an mir vorbei, während ich gedanklich abwesend Aufgaben löste, Formeln schrieb und darauf wartete, dass FRIDAY mein StarkPhone für die wenigen Minuten zwischen meinen Schulfächern entsperrte.

Als sie es tat, entdeckte ich keine neuen Nachrichten von Daphne, vielleicht weil sie wusste, dass ich im Caretaker Protokoll in der Schule die meiste Zeit ohnehin nicht erreichbar war.

Meine fehlende Motivation richtete es nicht.

Nach Mathe spaltete ich mich schnell von meinen in Richtung Sporthalle pilgernden Klassenkameraden ab, um meine Sachen endlich in meinen Spind zu bringen.

Abwesend lauschte ich einer Gruppe älterer Mitschülerinnen, die hinter mir liefen und sich gerade über ihre geplanten Strategien für Halloween austauschten, ihre anscheinend recht freizügig gehaltenen Asen-Kostüme vor ihren Eltern zu verbergen, und dann auch schon eine gereizte Debatte darüber zu führen begannen, wer dieses Jahr Bacardi und Pot zur Party zu schmuggeln hatte, nachdem vergangenes Jahr zwei von ihnen auf dem Revier gelandet waren. Irgendwann bogen sie in einen Nebenkorridor ab und ihre angeregten Stimmen verblassten in meinem Rücken.

Kaum, dass ich meinen Spind erreichte, warf ich Jacke und Rucksack lustlos hinein, ehe ich einen schmalen Papierstreifen bemerkte, der an der Innenseite eines der Belüftungsschlitze festhing. Irritiert zog ich ihn ab.

Als ich ihn umdrehte, ging mein Magen auf Talfahrt.

Platz Zwei Starks berühmtester Unfälle

Ich war nicht sicher, ob es eine gezielte Nachricht war oder jemand bei dem Versuch, den Streifen an meinem Spind anzubringen, gestört worden war und den sicheren Ausweg gewählt hatte, aber die Botschaft blieb unmissverständlich.

Wie in Trance knüllte ich den Streifen einfach zusammen, ließ ihn in meiner Hosentasche verschwinden, steckte mein StarkPhone ein und schloss den Spind.

Erleichtert, niemanden auf dem sich bereits wieder leerenden Eingangsflur zu entdecken, der mich beobachtete, schritt ich – schlagartig atemlos – zu der gelben Tür der nahen Mädchentoilette herüber, stieß sie auf und verschwand in der nächsten freien Kabine.

Frustrierte Tränen sprangen über mein Lid und rollten meine Wange hinab, kaum, dass die Tür hinter mir ins Schloss fiel. Ich ballte die Fäuste hinter dem Rücken und ließ sie ein paar Sekunden gewähren, spülte die steife Spannung und Enttäuschung aus mir heraus, jeden Funken heißstrahlenden wachsenden Frusts, den ich vor Tony spätestens seit gestern Nachmittag verbarg und der nun in seine Bestandteile zerbrach und in meinem Magen splitterte wie eine zarte Phiole Gift: Mein verdammter Hausarrest, die nervtötende Presse, Rhodeys Unfall, Pepper, die eigentlich da war und doch irgendwie fort, Clint , irgendwo da draußen, unerreichbar im Long Island Sound, und jetzt auch noch Daphne, diese Lügen , die … die wahr zu werden drohten --- und Mum --- immer noch, einfach immer, für immer .

Nein , durchschnitt ich das Karussell.

Beherzt wischte ich meine Wangen trocken. Ich atmete durch. Der süße Uringeruch der Toiletten kitzelte in meinem Rachen.

Es war nur ein Gefühl, erinnerte ich mich. Dieser ganze Frust war eine Reaktion und sie half nicht weiter, nie , und wenn ich es besser machen wollte --- besser als bisher , durfte ich nicht zulassen, dass er mich schon wieder überwältigte und mir das Leben auch hier an der Midtown ruinierte.

Es war ein dummer Zettel, riss ich mich finster zusammen. Es gab Leute, die Tony hassten. Ja, na und? Keine Neuigkeit. Sie taten es länger schon, als es mich gab .

Tausende von ihnen. Überall .

Und bloß, weil sie etwas behaupteten, wurde es nicht zur Wahrheit .

Schlagartig wieder gefasst stieß ich die Tür auf und marschierte hinaus.

-/_\-

„Stark Waters, du bist zu spät.“

Coach Wilson klang gewohnt gelangweilt und sah kaum von seinem Klemmbrett auf, als ich leise in die Sporthalle nachgetrabt kam und mich flink neben Betty auf die Tribüne zu den anderen pflanzte, während sich Abe und Seymour zu seiner Rechten gerade mit einem uralten Röhrenfernseher auf Rädern abmühten.

„‘tschuldigung, Sir.“

Matten, Stangen und Balken lagen ordentlich in der Halle verteilt und Kletterseile hingen angriffsbereit von der Decke. Anscheinend war das Thema Zirkeltraining und Geräteturnen noch nicht abgehakt. Mäßig begeistert stellte ich mich auf einen weiteren Vormittag klebriger Hände und Knie ein.

Während Abe den Fernseher anwarf und unter Jasons betont langsamem, einsamem Klatschen triumphierend in die Runde sah, band ich meine Haare zurück und warf einen schnellen Blick weiter die Tribüne zu MJ hinauf, die erneut mit einem Buch in der Sporthalle erschienen war, in das sie bereits so tief versunken schien, dass Coach Wilson es wirklich als Wink mit dem Zaunpfahl werten musste.

Das leise Schmunzeln verging mir, als habe jemand einen Eimer Eiswasser über mir ausgegossen, kaum dass ich meine Aufmerksamkeit wieder nach vorne richtete und mitten in Steve Rogers willkommen heißendes Gesicht sah.

Mein Nacken versteifte. Ich spürte, wie ich weiß wurde.

Captain America’s Fitness Challenge , prangte es auf dem eindeutig startbereit pausierten Video.

Und dann schlagartig, unerwartet, strahlend hell und heiß überfiel Zorn jeden Sinn und jeden Muskel in mir. Ruckartig erhob ich mich und marschierte zurück in Richtung Mädchenumkleide.

Mein Herz schmerzte , so angestrengt hielt ich den jäh gigantischen Aufruhr im Zaum, während ich Steves Anblick wieder abzuschütteln versuchte und mich davon abhielt, darüber nachzudenken, was er --- getan hatte.

Aber es war alles da, unvergessen . Tonys tief violetten Blutergüsse. FRIDAY, die keine Verbindung mehr zu ihm aufbauen konnte. Noch am Morgen danach, dieses schreckliche Schweigen.

Diese Leere und Finalität und Stille .

Meine Finger knüllten meine gelben Shorts.

Ich musste zurück in die Halle, befahl mein Verstand. Ich war aus dem Unterricht gelaufen, völlig ohne Erklärung, nachdem ich mir gerade erst klar gemacht hatte, dass ich genau so etwas nicht zulassen durfte.

Ich konnte behaupten, dringend zur Toilette gemusst zu haben. Gut . Es war eine faule Ausrede, aber eine, die Coach Wilson wohl nicht genauer hinterfragen und höchstens mit einer halbherzigen Rüge beantworten würde.

Und mit viel Glück war das Video inzwischen längst vorbei.

Doch kaum, dass ich die Sporthalle wieder betrat und all meine Mitschüler, die sich gerade auf die verschiedenen Stationen verteilten, beiläufig zu mir herüberspähen sah, realisierte ich, dass ich das hier nicht tun würde.

Niemals .

Der schwere Zorn in meinem Inneren schloss sich mit aller Macht weiter um mein Herz.

Coach Wilson seufzte, als er mich näherkommen sah. „Stark Waters, ich frage gar nicht, such dir einfach eine Station und leg los, ja?“

„Ich kann nicht mitmachen.“

Er runzelte die Stirn. „Okay, dafür muss ich ins Büro, ich hab keine Scheine mehr fürs Krankenzimmer.“

„Nicht deswegen“, erklärte ich mit dichter Brust. „Ich bin nicht krank, Sir. Ich werde einfach nicht bei --- bei dieser Challenge mitmachen.“

„Du bist nicht krank“, wiederholte Coach Wilson langsam, „du wirst einfach nur nicht mitmachen.“ Er klang verwirrt und es hob die Absurdität meiner Aussage nur noch deutlicher hervor.

Nervös presste ich die Lippen aufeinander und nickte.

„Es geht um diesen Unterricht, nicht um … irgendeinen Termin oder so etwas? Für die Schülersprecherwahl? Oder im Sekretariat?“

„Ja, Sir“, wiederholte ich etwas hohler.

„Okay …“

Er blinzelte langsam, ohne sich zu regen, während die Hälfte meiner Mitschüler in ihren begonnenen Sit-Ups innehielten und aufzuschnappen versuchten, worüber wir sprachen.

„Also, das ist … wie soll ich sagen, Stark Waters, Leistungsverweigerung …“ Coach Wilson klang perplex, als sei dieser Umstand mehr überfordernd als das waschechte Problem, nachdem es unzweifelhaft nun auch in meinen Ohren klang.

Mein Magen wurde hart.

Plötzlich schien dem Coach ein leises Licht aufzugehen, denn eine Wandlung ging durch seine Miene, kaum dass sein Blick auf der Suche nach einer angemessenen Reaktion wieder den Fernseher vor der Tribüne streifte. „Hör mal, wenn du dich auf eine der Matten setzt und wie Jones einfach ein wenig vorgaukelst etwas zu tun, gehst du immer noch mit einem E oder D raus“, ließ er mich wissen. „Sonst wird es ein F-“

„Okay“, unterbrach ich ihn halb erstickt, als mir plötzlich bewusst wurde, dass wir kurz vor unserem ersten Quartalszeugnis standen und ich wirklich nicht durchdacht hatte, was ich da gerade tat. „Aber dieser Test ist nur ein Teil meiner Sportnote. Es wird kein F insgesamt, richtig?“

Wilson richtete sein blaues Midtown-Cap. „Nein, das nicht …“ Er blätterte durch sein kleines Buch. „Du hast dich in den vorherigen Einheiten ganz gut geschlagen.“

„Also falle ich für dieses Quartal nicht durch?“, wiederholte ich.

„Durchfallen? Nein, aber es wird so keine Bestnote. Es macht schon was aus, zwanzig Prozent sind nicht wenig, aber … Nein, also für das Quartal durchfallen würdest du nicht. Es wird ein C werden, vermutlich im schwächeren Sektor …“ Coach Wilson betrachtete mich und mein blank gespanntes Gesicht. „Okay…“ Er schüttelte erledigt den Kopf. „Wenn du es ernst meinst, muss ich Nachsitzen verhängen. Nicht, weil ich will, sondern weil es Leistungsverweigerung ist und das die Schulordnung ist …“

Mit dichter Kehle nickte ich.

„Du bist dir sicher, ja?“

„Ja, Sir“, murmelte ich.

„Okay.“ Als seien wir zu einem unglücklichen Pakt gelangt, den wir beide nicht hatten kommen sehen, seufzte er, blätterte umher, bis er ein paar rosa Nachsitzscheine fand und einen von ihnen widerwillig mit Namen, Datum und Grund versah und unterschrieb. Als er ihn mir aushändigte, setzte er nach: „Ich kann dich noch nicht aus dem Unterricht entlassen, Stark Waters. Aber du kannst in der Umkleide bleiben und dort warten, bis die Stunde um ist, solange du nicht von dort verschwindest.“

„Werde ich nicht“, versicherte ich. „Danke, Sir.“

Prompt machte ich kehrt und verschwand unter unverändert neugieriger Beobachtung meiner Mitschüler zurück in die Umkleide.

-/_\-

Der rosa Schein in meiner Hand schien ein Fehler, kaum dass ich mich auf eine der Bänke der Umkleide niederließ.

Coach Wilson hatte nicht wirklich verärgert gewirkt und trotzdem sank meine vehemente Weigerung, an einer Challenge in Captain Americas Namen teilzunehmen, plötzlich wie ein vollbrachter Akt purer Rebellion in mir nieder.

Es war nichts weiter als eine Kampagne der Schulbehörde, murmelte mein Verstand, wie um dieses Gefühl noch einmal zu verschärfen. Steve hatte nicht wirklich etwas damit zu tun gehabt. Das Video war nicht einmal in einer realen Schule aufgenommen worden, sondern anscheinend irgendwo vor dem nächstbesten greifbaren Greenscreen. Daran hatte schon der unpassend proportionierte Hintergrund im Standbild keinen Zweifel gelassen.

Ich schluckte. Aber sie trägt seinen Namen.

Nein. Es war kein Fehler.

Etwas in mir wusste, dass ich schon bei Steves unerwartetem Anblick so kurz davor gewesen war, die Fassung zu verlieren, dass ich es niemals durch die Unterrichtsstunde geschafft hätte, ohne einen irgendwie gearteten Eklat auszulösen.

Schließlich war einfach alles an ihm --- eine beschissene Lüge .

Mein Herz begann wieder zu pulsieren, schärfer noch und unversöhnlicher als zuvor. Immer noch halb ungläubig, dass er es wirklich getan hatte, dass er Tony fast --- dass er ihm so wehzutun bereit gewesen war, dass ihm alles andere einfach egal gewesen sein sollte, Pepper, ich --- nicht einmal das schlimmste Verbrechen genug, um zumindest zu verhandeln.

Er hatte meinen Vater mit komplett zertrümmertem Anzug mitten im Nirgendwo von Sibirien zurückgelassen, obwohl er ein krankes Herz hatte und der nächste funktionsfähige Anzug noch mindestens eine halbe Stunde entfernt gewesen war. FRIDAYs Hilfe hätte zu spät kommen können. Der Gedanke ließ mich nicht los – dass Steve all dies als Team-Captain gewusst haben musste und es in Kauf genommen hatte, bloß um Barnes vor dem Gefängnis zu schützen.

Das war die Wahrheit über Captain America.

Er verriet seine Teamkameraden, selbst die, die All-In für ihn gingen, und ließ sie zum Sterben zurück.

Ich erhob mich zurück auf die Beine, tigerte ein paar Schritte auf und ab, bis die scharfe Wut wieder von mir abließ. Als ich auf meinen rosa Nachsitzschein zurücksah, sackte mein brodelndes Selbstbewusstsein wieder in sich zusammen.

FRIDAY würde Tony spätestens aus dem Caretaker Protokoll heraus informieren, wenn mein verhängtes Nachsitzen nach dieser Stunde im System landete. Folglich hatte es keinen Zweck, es ihm zu verschweigen, insbesondere, da ich Happy sowieso erklären musste, wieso er mich heute später aus der Schule abholen musste, als es mein Stundenplan auswies.

Ugh , cool.

Ganz sicher keine Neuigkeiten, auf die Tony nun zusätzlich scharf war.

Seinem morgendlichen Auftritt nach zu urteilen, hatte er diese Nacht so gut wie gar nicht geschlafen und meine passiv-aggressive Laune hatte die seine nicht unbedingt aufgehellt. Mich gegen meinen Willen auf den Weg in die Schule zu befördern, gehörte ganz sicher nicht zu seinen bevorzugten Hobbies oder Verpflichtungen, wie sich uns beiden heute wirklich unmissverständlich gezeigt hatte.

Und dann hatte Josh Balmeda seinen Morgen gekapert. Einfach als kleines beschissenes Sahnehäubchen auf allem anderen.

Selbst, wenn sämtliche Pressemitteilungen bereits vorbereitet gewesen sein sollten, weil dieses Interview nicht völlig aus dem Nichts gekommen war, und Tony nach meinem Aufbruch tatsächlich nicht mehr viel in die Wege zu leiten gehabt hatte, nagte das wiederholte Medienfeuer, das dieser Artikel verursachte, ganz bestimmt ebenso an seinen Nerven wie an den meinen.

Es nun dem Caretaker Protokoll zu überlassen, ihn darüber zu informieren, dass ich einen Weg gefunden hatte, gleich neuen Ärger zu verursachen, schien mir von daher keine sonderlich clevere Überlebensstrategie für diesen Tag.

Ich würde es hinter mich bringen und es ihm selbst ausrichten müssen. Und das möglichst ohne eine allzu große Sache daraus zu machen, die ihn den restlichen Nachmittag darüber nachgrübeln ließ, wieso mein Griff ins Klo so langsam aber sicher zu seinem Alltagsgeschäft wurde.

Wirklich brillant von mir, was?

Ich atmete aus. Den Blick auf die gelben Banner der Midtown Tigers gerichtet, entschied ich, dass ein günstigerer Moment als dieser wohl nicht kommen würde. Die einzige Alternative blieb die Mittagspause und es graute mir empfindlich davor, die halbe Schule daran teilhaben zu lassen, wie Tony Stark vermutlich endgültig die Geduld mit mir verlor und mich mit knappem Sayonara vor die Tür setzte, weil er das Großprojekt, mich durch die High School und Minderjährigkeit zu bringen, als schier aussichtsloses Unterfangen für abgesägt erklärte.

Widerwillig trat ich zu einem der blauen Spinde der Umkleide herüber und holte mein StarkPhone heraus. Ich knibbelte an der Ecke meines rosa Scheins, als ich mich sacht schnaufend auf die nahebei stehende Sitzbank fallen ließ, meine langsam fröstelnden Beine übereinanderschlug und widerstrebend in meine Telefonkontakte absprang.

Ich hatte das Smartphone kaum ans Ohr gehoben, da nahm Tony bereits ab.

„Was gibt’s?“

Er klang betriebsam, aber nicht gelassen genug, um in der Werkstatt zu stehen.

Etwas von seiner Schnelligkeit überrumpelt, sortierte ich mich.

„Bist du in einem Meeting?“, erkundigte ich mich lau gesenkt.

„Nein, unterwegs.“ Mir wurde umgehend klar, dass er nicht zur ausschweifenden Unterhaltung aufgelegt war, denn er sprang geradewegs zum Punkt: „Wieso telefonieren wir? Solltest du nicht gerade … über irgendwelche Kästen springen?“ Anscheinend hielt FRIDAY ihm bereits meinen Stundenplan vor die Nase.

Halb ertappt zögerte ich, dann gab ich mir einen herben Ruck, warf meine Beine unter die Bank und erklärte mit mühevoll neutraler Stimme: „Happy muss mich später abholen. Ich … hmpf … Ich muss heute nachsitzen.“

Tony schwieg, wenn auch nur für eine Sekunde. „Was ist passiert?“

Es machte etwas mit mir, dass er nicht geradewegs aus der Haut sprang, ja, nicht einmal den von mir bereits erwarteten frustrierten Unterton anklingen ließ, der so ziemlich jeder seiner Belehrungen voranging. Meine Bauchmuskulatur entließ ihre Spannung, als meine Brust schon seltsam erleichtert in sich zusammensackte.

„Sie wollen, dass wir diesen Sporttest machen – so eine Fitness Challenge, die mit --- mit Steve vermarktet wird. Da war dieses Video und …“ Ich wusste nicht, wie ich erklären sollte, welche Art blendende Kakophonie unvorhergesehenen Hasses mich überkommen hatte, ohne dass ich gleich wieder sprachlos wurde, also wich ich in sachlichere Gefilde aus: „Sie müssen es vor der Sache in Deutschland aufgenommen haben, aber sie verwenden es jetzt trotzdem … Er stand da, in Uniform und allem, einfach, als sei nichts gewesen.“ Ich schluckte gegen die Wut an. „Jedenfalls sollten wir uns dieses Video ansehen und ich bin … ich bin aus der Sporthalle raus, bevor Coach Wilson es abspielen konnte. Das war … na ja, irgendwie Kurzschluss ... Ich bin dann aber wieder zurück und hab ihm gesagt, dass ich nicht mitmachen werde.“ Ich ließ es wie eine vermeintlich sehr erwachsene Vorgehensweise und Entscheidung stehen. Da Tony nichts sagte, fuhr ich gleich wieder defensiver fort: „Er sagte, es ruiniert nicht meine Gesamtnote, ist nur ein Dämpfer, alles noch im grünen Bereich.“ Je nach Perspektive. „Jedenfalls … umm , deswegen habe ich heute Nachmittag Nachsitzen wegen Leistungsverweigerung, falls FRI es dir sagt. Nur deswegen und --- tja, lieber das als … dieser Scheiß …“ Ich umfasste den dünnen Saumpfad meiner gelben Shorts. „Ich mache es nicht. Wenn sie wollen, dass ich mitmache, sollen sie diese Kampagne mit jemand anderem machen, jemandem, der es verdient , mit War Machine oder Megs Dad oder --- keine Ahnung, eben einfach normalen Sportunterricht machen.“ Ich schluckte und verstummte, unvermittelt wieder angespannt und gereizt bis in die Kehle.

„Ziemlich verzweifeltes Manöver, nur um später nach Hause kommen zu dürfen“, erklärte Tony.

Ich brauchte kurz, bis ich begriff, dass er auf meinen Lagerkoller anspielte und mich bloß aufzog. So entkrampfend seine wenig beeindruckte Reaktion auf mich wirkte, ließ sein trockener Ton nicht wirklich darauf schließen, was er über die gesamte Angelegenheit dachte, deshalb schaffte es das dunkle, widerwillige Glucksen in meinem Bauchraum auch nicht über meine Lippen und verlor sich als raue Disharmonie irgendwo in meinem Magen.

Ich rieb die Außenseite meines mit Gänsehaut überzogenen Oberschenkels. „Bist du sauer?“

„Gute Frage“, stimmte er zu. „Bist du es?“

Ich verstand, wonach er fragte. Muss ich die Sache beanstanden?

„Coach Wilson sagte, es ist Schulordnung“, antwortete ich still, wenn auch leise frustriert. „Er sagte, ich soll einfach so tun, als mache ich mit. Ich müsste mich bloß zu den anderen stellen und da sein, das würde reichen, dann würde ich kein F für den Test bekommen und müsste nicht nachsitzen …“ Ich brach ab, gleich noch schuldbewusster als zuvor. „Ich meinte, bist du sauer auf mich?“

„Ist deine Nachmittagsplanung, Sure Shot, nicht meine.“ Er seufzte, als beginne ich ihn zu ermüden. „Gib Happy Bescheid, okay? Ich sehe mir gleich die geplanten Registrierungszentren und ähnliche Späße an. Wenn ich vor sieben zurück sein werde, dann höchstwahrscheinlich nur, weil ich ihre Serververschlüsselung geknackt und die Konzepte in den digitalen Schredder gejagt habe.“

Ich schluckte. „Ich bekomme also keinen Ärger?“

„Klang, als hast du den bereits.“

„Ich meine nicht in der Schule.“

„Cap ist schwer damit beschäftigt, uns durchs Netz zu gehen. Ich glaube, die Chancen, dass er vorbeisieht, um dir eine Standpauke zu halten, sind vernachlässigbar gering.“

„Wenn du sagst, dass ich wieder reingehen soll, gehe ich“, begann ich schwach, ohne auf seinen hörbar bitteren Beiklang einzugehen.

„ Willst du, dass ich dir sage, dass du wieder reingehen sollst?“, gab Tony geradezu gekränkt zurück.

Unglücklich blinzelte ich. „Da d .“

„Wenn du es willst, tue ich es“, versicherte er prompt. „Denn wenn du jetzt doch irgendwie bei dem ganzen falsch vermarkteten Scheiß mitmachen willst und ich dir einen Grund geben soll, vor dem Coach oder deinem Ego oder wem auch immer, kein Thema … Gib mir zwei Sekunden, ich kram ein paar Greatest Hits aus dem Gedächtnis. Dad war spitze darin.“

„Nein“, brummte ich. Dass er mir meine obszöne Wortwahl so unbeeindruckt wieder entgegenwarf, verunsicherte mich nur noch mehr. „Es ging nicht um mein Ego oder darum --- dass ich heute Morgen keine Lust auf Schule hatte oder so ...“

„Hey, ich hab zugehört“, unterbrach er mich verboten direkt. „Ganz simple Frage: Willst du, dass ich dir jetzt sage, dass du es trotzdem tun sollst?“

„ Ugh , was? Nein.“ Ich atmete aus. „Wenn du sauer auf mich bist, gehe ich wieder rein. Aber sonst nicht. Das meinte ich.“

„Mit mir ist alles fein.“ Tony schnalzte. „Tja, dann … Halt den Ball flach. Genieß die Offline-Verlängerung. Und informier Happy.“

Er legte auf.

Nicht wirklich von seiner Gelassenheit überzeugt, ließ ich Hand und StarkPhone in meinen Schoß zurückfallen, als ich plötzlich MJ hinter mir bemerkte. „Oh. Hey …“

„Sorry, Coach Wilson wollte, dass ich nach dir sehe.“ Sie schob die Brauen zusammen. „Er war sich nicht sicher, ob es nicht vielleicht doch irgendwelche Mädchenprobleme sind.“

Ich schnaufte matt.

Meistens begleitete jede ihrer Äußerungen ein betont trockener Blick oder ein wenig involviertes Schulterzucken. Nicht so jetzt. Sie beobachtete mich und diesen überraschend weichen Unterton ihrer Stimme hatte ich vorher auch noch nie vernommen.

Es war Vorsicht, begriff ich. Sie will nicht, dass ich denke, dass sie hergekommen ist, um nachzubohren.

„Ich hab einen Teil mitbekommen“, gestand sie, als erwarte sie mein Urteil.

„Nicht schlimm“, murmelte ich. „Nur behalt’s für dich, ja?“

Lustlos hob sie die Achseln. „Niemand außer Harrington fragt mich etwas.“ Eine dichte Strähne ihres buschigen Haares hing über ihrem rechten Auge. Als habe sie nicht etwas furchtbar Ehrliches über sich zugegeben, strich sie sie beiseite und hob beiläufig das Kinn. „War das dein Dad?“

Ich zuckte meinerseits mit den Schultern. „ Jupp . Hab ihm gesagt, dass ich nachsitzen muss, bevor er es selbst herausfindet und das mit der Leistungsverweigerung völlig falsch versteht … Hat mit einer Sache an der Bosworth zu tun. Lange Geschichte.“

Sie kniff die Stirn zusammen. „Hm, klar ...“

Wenig begeistert schielte ich zu ihr herüber. „Sie reden über mich, oder?“

„Ja.“ MJ zögerte. „Die meisten fanden es aber beeindruckend. So als Statement gegenüber der Schulleitung. Hatte richtige Stark-Vibes.“

Schnaubend erhob ich mich, trat zurück zu meinem Spind, öffnete ihn unter springendem Quietschen und sammelte meine Hose, mein T-Shirt und meinen Sweater heraus. „Ich hab Coach Wilson bloß gesagt, dass ich nicht mitmache und muss jetzt nachsitzen, nur weil …“ Ich brach mit aufgewühltem Magen ab und überspielte es, indem ich mir mein Sporttrikot über den Kopf zog und es rasch gegen mein eigenes T-Shirt wechselte. „Na ja nur weil ich nicht die ganze Zeit gefragt werden will, ob Steve Rogers immer noch Schallplatten hört und was wirklich in Deutschland passiert ist, während ich irgendwelche patriotischen Sit-Up-Kombos mache“, schloss ich blank und unendlich dankbar, dass ich immer noch der Wand blauer Sportspinde zugewandt stand, die meine Mimik nicht zu lesen wussten.

„Peter sagte, er kennt Spider-Man. Jetzt reden alle darüber.“

Ich erstarrte und wandte den Kopf. „Er sagte, was?“

„Er sagte gerade, er kennt ihn.“ MJ ließ es klingen, als sei es keine große Sache, aber ich spürte, dass sie meine Miene trotz allem nach der Wahrheit abscannte. „Flash sagte zu den anderen, dass es online jede Menge Gerüchte gibt, dass du vielleicht doch am Flughafen gewesen bist, und dass du deshalb nicht mitmachst – weil du als Iron Girl persönlich dabei warst. Ein paar Leute haben dich in einem Berliner Krankenhaus gesehen, kurz danach. Sie haben dich und deinen Dad irgendwo am Eingang fotografiert. Peter ist irgendwie richtig sauer geworden. Er sagte Flash, dass er dich deswegen in Ruhe lassen soll und dass das alles Schwachsinn sei, und Flash ist gleich darauf angesprungen. Er hat sich über ihn lustig gemacht, hat behauptet, dass bloß, weil Peter angeblich mit in Berlin gewesen sei und dort vielleicht Kaffee für einen Assistenten geholt habe, Tony Stark bestimmt nicht gleich jedes Avengers-Geheimnis mit ihm teile. Ein paar haben gelacht und dann hat Peter zugegeben, dass er Spider-Man kennt und er dabei gewesen sei und deshalb wüsste er ziemlich sicher, was in Deutschland so los gewesen ist … na ja.“

Ich starrte sie an, bis ich realisierte, was ich tat, und rasch wieder nach meinen verbliebenen Sachen sah.

„Er war in Deutschland“, erklärte ich knapp.

„Spider-Man?“

„Beide. Na ja, Peter war … Keine Ahnung, Happy hat ihn am vorletzten Tag mitgebracht. Er war bei uns im Hotel. Ich hab ihn beim Frühstück getroffen … Er war jedenfalls wirklich da, Flash soll einfach die Klappe halten.“

„Für das Stark-Betriebspraktikumsseminar.“

„Ja, keine Ahnung, hab nicht gefragt.“ Ich zog mich schnell weiter um und stieg in meine Boots. „Es war echt viel los, der ganze Tag war …“

Nichts als eine endlose Ansammlung bitterer Wahrheiten, zusammenfallender Kartenhäuser und Lügen .

Ich ließ den Satz unbeendet.

MJ erwiderte nichts, als spürte sie den schieren Hitzewall, der sich schon wieder in mir aufzubauen begann, während ich meinen Sweater über meinen Kopf zog und betroffen meine Ärmel richtete.

Peter kennt Spider-Man.

Also hatte er Tony nicht nur im Vorfeld von Spider-Man überzeugt, er hatte ihn bei seinem Zwischenstopp in New York überhaupt erst zu ihm gebracht, damit er ihn zur Unterstützung gegen Steve hatte anwerben können. Und zum Dank für die schnelle Vermittlung hatte Tony seinen Praktikumseinsatz aus einer der SI-Forschungsetagen direkt in die der Avengers-Initiative verschoben, was zumindest erklärte, was er neuerdings auch auf unserer privater Wissenschaftsebene im Tower zu suchen hatte … und weshalb ich Koffer überreichte, deren Inhalt mir FRIDAY nicht näher verriet.

Ja, so langsam fügte sich das Puzzle.

Peter spielte den Vermittler zwischen Iron Man und dem anonymen Helden von Queens. Er kannte den Unbekannten im Spinnenkostüm. Vielleicht waren sie Nachbarn. Oder es war ein Freund seiner Tante. Und deshalb täuschte mich mein Eindruck auch nicht. Peter besaß schon jetzt tiefere Einblicke in Iron Mans Tagesgeschäft, als ich es je getan hatte, weil er waschecht involviert war.

Mein Brustkorb sank etwas mehr in sich zusammen.

„Er schaut andauernd auf die Uhr.“

Verwirrt sah ich wieder zu MJ auf. Sie beobachtete mich, aber ich war mir nicht sicher, was sie sah.

„Peter“, sagte sie. „Er wartet ständig darauf, dass der Unterricht endet. Und er kommt jetzt fast immer zuletzt in die Klasse.“ Sie setzte eine Pause. „Ist mir aufgefallen.“

Kaum, dass sie es aussprach, erkannte ich, dass es stimmte. Peter verhielt sich seit Berlin anders, als sei der Unterricht wirklich nur noch das Pflichtprogramm, das er über sich ergehen ließ, bevor er in den wirklich wertvollen Teil seines Tages aufbrach.

„Ja“, stimmte ich verhalten zu. „Keine Ahnung, was mit ihm los ist.“