LNCrawler

Boykott

Kehrwert — www.fanfiktion.de · All chapters

Boykott

Disclaimer:

Zitate aus dem Marvel Studios-Film Spider-Man: Homecoming (2017) werden in diesem Kapitel durch besondere Anführungszeichen ("'..."') ausgewiesen.

Kapitel 33: Boykott

Außer mir waren nur zwei andere Schüler anwesend, als ich um Viertel vor fünf in den Klassenraum meiner Nachsitzstunde trat.

Mein Englischlehrer Mr. Lieber schien heute die Aufsicht zu haben, denn er saß bereits am Pult, einen gewaltigen Stapel Papiere zur Korrektur vor sich platziert, der ziemlich sicher auch unsere Englischarbeit vom vorangegangenen Freitag beinhaltete, aus der ich mit recht gutem und damit irgendwie überraschend erfolgreichem Gefühl gegangen war.

Ich schielte auf das Blatt hinab, das er soeben mit Punkten versah, kaum dass ich vor sein Pult trat und ihm meinen rosa Schein zur Abzeichnung reichte, konnte allerdings nicht viel erkennen, ehe er schon zu mir aufsah und dadurch meine kleine Gelegenheitsspionage beendete. „Setzen Sie sich einfach irgendwo hin, Stark Waters, und kümmern Sie sich um Ihre Hausaufgaben … Ich gebe Ihnen Bescheid, wenn Sie gehen können.“

Nickend tat ich wie geheißen.

Kurz sah ich zu den beiden Schülern aus höheren Jahrgängen herüber, die mich beide seltsam aufgerüttelt fixierten, entschied mich für einen Tisch der anderen Seite der ansonsten unbelegten Fünferreihe und legte meine Sachen ab.

Ich hatte mich kaum niedergelassen, als einer der Jungs auch schon sein Smartphone hob und ein Selfie schoss, das eindeutig unseren Klassenraum bis zu mir herüber umfasste.

„Hey“, bat ich knapp.

„Oh, hey “, warf er in unmissverständlich flirtender Tonlage über die Tische hinweg zurück. „Glenn.“ Er wies mit dem Daumen auf sich.

„Ja, umm … Hi. Sola.“

Seine Augen funkelten. „Ich dachte, der Nachmittag wird lahm, aber er wird gerade ziemlich nice.“

„Ja, cool. Kannst du das Foto von gerade vielleicht löschen?“

„Was? Das Selfie?“ Er lächelte, als habe ich einen mehr als hinreißenden Witz gemacht. Auf seinen Wangen erschienen echte Grübchen, was ihn – zugegeben – wirklich verteufelt süß aussehen ließ. „Das wollte ich gerade posten.“

„Ja“, summte ich, weil Mr. Lieber ein hörbar enttäuschtes Seufzen vernehmen ließ. „Schon klar. Aber kannst du es vielleicht einfach wieder löschen?“

„Oh, klar.“ Als realisiere er plötzlich, wieso ich nicht unbedingt in seinem Post erscheinen wollte, nahm er sein Smartphone rasch wieder zur Hand. „Gib mir dein Go. Das hier wird mega.“

„Ruhe, bitte“, ermahnte Mr. Lieber müde und sah auf. „Sie können sich gerne im Anschluss miteinander austauschen, Mr. Pearson.“ Irgendetwas zu seiner Rechten erhaschte jäh seine Aufmerksamkeit. „Ah, richtig …“

Während er sich erhob, sein kariertes Baumwollsakko vergeblich an den etwas zu kurz geratenen Ärmeln richtete und sein Pult verließ, beugte ich mich rasch zu Glenn vor und murmelte: „Lösch es bitte, ja?“

Umgehend beugte er sich mir ebenfalls entgegen, die Pupillen nach wie vor ungezwungen direkt auf meine gerichtet. Wieder lächelte er mit der charmantesten Unschuld, die mir je untergekommen war. „Mach ich, Stark Babe, wenn du zu meiner Party kommst.“

Sein Zauber verflog wie Konfetti.

Leise überfordert starrte ich ihn an.

Das Geräusch von Rollen auf Vinyl ließ mich wieder zu Mr. Lieber zurückblicken. Er zog ein Fernsehergerät vor die kleine Tafel.

„Montagabend“, raunte Glenn zu mir herüber. „Halloween. Ecke 56te, 195te. Keine Erwachsenen.“ Er zwinkerte. „Du kannst auch im Anzug kommen.“

Der Junge hinter ihm grunzte unterhalten in seine Faust, ehe er ebenfalls sein Smartphone aus der Hosentasche zog, seinerseits ein nicht weniger raumgreifendes Selfie machte und dabei sein Hoodie lüpfte, als sei es plötzlich unbändig heiß in unserem Klassenzimmer.

Meine Aufmerksamkeit sprang völlig überfordert zu Mr. Lieber zurück, der uns immer noch den Rücken kehrte und gerade den Bildschirm einschaltete. „Zu meiner Zeit mussten wir die Schulordnung abschreiben“, erklärte er. „Heutzutage gibt es Unterhaltungsprogramm.“ Er wandte sich uns zu. „Captain America ist der Einzige, der für die nächsten fünfzehn Minuten spricht. Wir hören uns jetzt alle an, was unser Bildungsministerium zu Ihrem heutigen Verhalten zu sagen hat. Anschließend bitte ich um Konzentration und Ruhe.“ Er wies auf den Jungen im Hoodie. „Mr. Ora, seien Sie bitte so gut und nehmen Sie Ihr Smartphone runter.“

"'So"', verkündete Steve, kaum dass er hinter Mr. Lieber ins Bild trat und sich auf einem bereitstehenden Stuhl niederließ, den Blick fest in die Kamera gerichtet. "'Du musst nachsitzen. Hast Mist gebaut."' Er setzte diese mir bestens bekannte Pause, deren tadelnd konfrontierende Wirkung selbst jetzt noch auf Anhieb durch mein Bauchfell raunte. "'Du weißt, du hast einen Fehler gemacht, die Frage lautet-"'

„Können wir das bitte abstellen, Sir?“, brachte ich abrupt hervor.

Mr. Lieber sah zu mir. „Das ist Pflichtprogramm, Stark Waters. Vorgabe für dieses Schuljahr. Die Inhalte dieses Videos sind allesamt mit der Schulbehörde abgestimmt. Machen Sie bitte alle einfach Ihre Hausaufgaben.“

"'-hör auf einen Kerl, der fünfundsechzig Jahre im Eis lag."' Steves Stimme grub sich in meine Gedärme. "'Um richtig cool zu sein, muss man die Regeln befolgen. Wir alle wissen, was richtig und auch was falsch ist-"'

Ich erhob mich. „Tut mir leid, Sir, aber ich sehe mir diese Videos nicht an. Das sagte ich heute bereits Coach Wilson.“

Mr. Lieber schien perplex. „Miss Stark Waters, ich versichere Ihnen, es dauert nicht länger als fünfzehn Minuten-“

„Dann komme ich in fünfzehn Minuten zurück, Sir.“ Lediglich meine Hände bebten, als ich abrupt meine Sachen griff und zur Tür schritt, während die beiden Jungs noch fassungslos den Mund öffneten und vor Unterhaltung leise in ihre Fäuste johlten und einander anstießen.

„Pearson, Ora, Ruhe .“ Ungewohnt streng wies Mr. Lieber zu ihnen beiden herüber. „Sie, Stark Waters, warten bitte vor der Tür. Ich bin sofort bei Ihnen.“

In seinem Rücken belehrte Steve unverändert weiter. Mein Kopf schäumte, so aggressiv versuchte ich seine Stimme aus meinem Bewusstsein zu drängen, als ich mit bitter schlagendem Herz vor die Tür marschierte.

Es dauerte nur ein paar Sekunden, ehe Mr. Lieber auch schon zu mir hinaustrat, die Tür schloss und sichtlich resigniert den nur von einer Handvoll Schüler bevölkerten Korridor hinabwies. „Folgen Sie mir bitte, Sola.“

Schluckend setzte ich mich in Bewegung.

-/_\-

„Ja, ich fürchte, es ist erforderlich. Ich würde dies sehr ungern ungeklärt belassen.“

Die Tür zum Büro des Schulleiters stand angelehnt, deshalb bekam ich jedes Wort mit, das Mr. Morita in bestechend rationalem Ton in den Hörer sprach, während ich dasaß und den Wasserspender des Schulsekretariats anstarrte.

Seit Mr. Lieber mich gebeten hatte vorerst im Sekretariat Platz zu nehmen, hatte mir geschwant, dass man Tony über den wiederholten Video-Vorfall informieren würde. Dabei hatte Morita in seinem erstaunlich kleinen Büro bei unserer Ankunft zunächst so schwer beschäftigt gewirkt, dass ich irgendwie doch gehofft hatte, dass ich womöglich mit einer Art erweiterter Strafarbeit davonkam: Einem Aufsatz vielleicht oder einem ergänzenden Nachsitzschein oder schlimmstenfalls einem Brief mit der Bitte zur Vereinbarung eines baldigen Elterngesprächs.

Aber Morita hatte die Hände von der Tastatur genommen, kaum dass Mr. Lieber einen kurzen Blick in sein Büro geworfen hatte, und kurz darauf auch den Hörer beiseitegelegt. Dann hatte er meinen Lehrer zu sich hineingebeten, eine enttäuscht verantwortungstragende Miene aufgesetzt und seiner ruhigen Schilderung gelauscht und irgendwann nur noch genickt, wie ich durch das weite Innenfenster seines Büros unschwer hatte verfolgen können, und spätestens da war mir bewusst geworden, dass ich in Schwierigkeiten steckte.

„Das verstehe ich, Mr. Stark“, erklärte er nun. „Dennoch sollte eine Unterredung heute noch stattfinden. Gegebenenfalls können Sie von einem der bei uns hinterlegten Notfallkontakte vertreten werden?“ Pause. „Ich verstehe. Natürlich.“

Im Sekretariat herrschte Stille. Bis auf Mrs. Salzer war niemand mehr zugegen.

Einen Kugelschreiber nachdenklich grübelnd an ihre Wange gelehnt, sah sie beiläufig von ihrem Pult zu mir auf und hob eine Braue. „Was hast du angestellt?“, erkundigte sie sich.

Befangen hob ich die Schultern. „Hab mich geweigert, das Captain America Video anzusehen.“

Ihre Augenbraue blieb sacht tadelnd gehoben, vielleicht weil ich grummelte, als sei ich mir keiner echten Schuld bewusst, aber sie nickte vage, ehe sie ihren Blick schon wieder grübelnd auf ihre Unterlagen zurücklenkte. Ich entschied, dass ich sie mochte, so sehr mich ihre immer betriebsame Strenge auch hin und wieder beunruhigte.

Mr. Morita lauschte immer noch in den Hörer. „Hervorragend. Ich danke Ihnen.“ Er löste sich von seiner Tischkante. „Nein, das ist kein Problem. Ich behalte sie hier im Sekretariat.“

Mein Magen zog sich zusammen.

Kaum, dass er auflegte, trat er zum Türrahmen herüber, öffnete die halb angelehnte Tür und fasste mich mit unzufriedenem Seufzen in den Blick. „Er wird in etwa zwanzig Minuten hier sein. Du musst nicht in die Nachsitzklasse zurück. Aber ich möchte, dass du hier wartest.“

Seine Betonung ließ keinen Zweifel daran, dass mein Schulleiter mir durchaus zutraute, aus meiner Lage zu türmen, was mir so ziemlich alles über Tonys gegenwärtige Laune sagte. Wenn er Morita instruiert hatte, mich von einer spontanen Flucht abzuhalten, dann nur, weil er es im Anbetracht aller Umstände erfahrungsgemäß für wahrscheinlich hielt, dass ich die Füße in die Hand nahm.

Morita sah zu seiner Sekretariatsleiterin weiter. „Bea, seien Sie bitte so gut und behalten Sie ein Auge auf Sola. Ich muss noch ein Telefonat zu Ende führen.“

Mrs. Salzer nickte. Diesmal zog er die Tür zu.

Dumpf atmete ich aus und stierte auf meine Hände.

Zwanzig Minuten waren nicht viel.

Noch heute Vormittag hatte Tony erwähnt, dass er den restlichen Tag in Terminen rund um die geplanten Registrierungszentren für Superindividuen verstrickt sein würde. Er war unterwegs gewesen, als wir telefoniert hatten, also musste er sich jetzt gerade im UN-Gebäude in Manhattan befinden oder im Avengers Hauptquartier, vielleicht sogar in D.C …

Es er gab keinen Sinn. Tony konnte nicht in zwanzig Minuten in Queens eintreffen, schon gar nicht im Feierabendverkehr. Morita musste etwas falsch verstanden haben.

Vielleicht schickte er Pepper. Vielleicht befand sie sich gerade ohnehin irgendwo in der Nähe, bei einer Vernissage oder der Einweihung eines SI-geförderten Jugendzentrums. Abgesehen von Clint und Rhodey, die derzeit ganz sicher keine Elterngespräche in Vertretung führen konnten, war Pepper der einzige Kontakt, den Tony als seinen direkten Stellvertreter im Falle seiner Unerreichbarkeit oder ereignisbedingter Unabkömmlichkeit angegeben hatte, und damit auch die einzige Erklärung.

Es sei denn ---

Blankes Entsetzen überkam mich.

Oh nein.

Es gab nur einen Weg, auf dem Tony so kurzfristig und schnell von wirklich überall an der Ostküste hierher gelangen konnte.

Er kam im Iron Man-Anzug .

In meine High School.

Blut verließ meinen Kopf. Auch wenn der generelle Unterricht vorbei war, tummelten sich noch immer dutzende AGs und Sportteams auf dem Schulgelände, ganz zu schweigen von der Presse, die aufgrund des Balmeda-Interviews vermutlich immer noch hartnäckig auf mein Auftauchen lauerte und Wind und Wetter trotzte.

Mehr aus Reflex zog ich mein StarkPhone hervor, urplötzlich entschlossen mich von dieser beunruhigend beschämenden Vorstellung abzulenken, begonnen dabei, welches Aufsehen Iron Man vor meiner Schule erregen würde, bis hin zu der Frage, wie launisch Tony sein würde, jetzt da es mir endgültig gelungen war, wegen einer dummen Schulkampagne einen Eklat zu verursachen, zu dessen Klärung er nun ein zweifellos verdammt wichtiges Regierungstreffen zu verlassen gezwungen war.

Kaum, dass ich realisierte, dass FRIDAY unerklärlicher Weise trotz laufender Nachsitzperiode mein StarkPhone wieder zur vollständigen Nutzung freigegeben zu haben schien, sprang ich in meine Chats und las meine Nachrichten.

Ich antwortete Daphne und dann auch allen anderen, sandte Elijah eine knappe Warnung jeden Post über meinen vermeintlichen Flirt mit Glenn Pearson während des Nachsitzens nicht ernst zu nehmen, für den Fall, dass Ora das irreführend inszenierte Selfie tatsächlich hochlud, und scrollte anschließend durch meine Social-Media-Kanäle, da ich irgendwie den Verdacht nährte, dass ich dazu schon in Kürze keine Möglichkeit mehr haben würde.

Der leise Gedanke, dass Tony sich hiernach womöglich gar entschließen mochte, meinen Hausarrest zu verlängern, nagte an meinen Nerven, mehr noch als es meine unscharfe Frustration auf alles tat.

Eine weitere Woche ohne Elijah oder Ausgang hielt ich nicht aus. Ja, nicht einmal einen Tag .

Ich wusste nicht, was ich tun würde. Mit Tony um Alternativen verhandeln? Mein Verstand schnaubte. Ja , das würde bestimmt grandios für mich ausgehen.

Ich biss mir in die Wange. Meine Kehle zog sich zusammen.

Es hörte einfach nicht auf. Vielleicht war ich ein Problemkind. Die Art Teenager aus Büchern und Filmen, die sich nach dem Tod ihrer Mutter einfach nicht mehr fingen und von einer Schwierigkeit in die nächste manövrierten, jede größer und dramatischer als die vorherige, bis sie jeder aufgab und gar nichts anderes mehr als Enttäuschung erwartete.

Ich entließ den Atem --- nein . Das hier war nicht meine Schuld.

Mrs. Salzer bot mir etwas zu Trinken und ein paar Salzstangen an. Obwohl ich heiser dankend ablehnte, ließ sie O-Saft und Snacktüte auf dem Sekretariatstresen liegen.

Meine Unruhe fuhr sich fest. Dichte Frustration schwellte in mir auf, zündelnd und bitter.

Es war nicht fair . Ich hatte versucht, mich zu erklären, hatte Coach Wilsons Nachsitzschein ohne zu murren akzeptiert und hätte Mr. Lieber auch nie Ärger bereitet und die Nachsitzklasse verlassen, wenn Steve nicht ---

Abrupt unterbrach ich meinen Gedanken, schaltete mein StarkPhone frustriert ab und steckte es wieder ein. Meine Finger berührten einen zusammengeknüllten Streifen Papier in meiner Hosentasche. Es war der Zettel aus meinem Spind.

Übelkeit durchkroch mich.

Ich sah zum Fenster.

Die taghelle Beleuchtung des Sekretariats ließ den wolkenbedeckten Parkplatz und die Hügel hinter der Schule bereits jetzt trostlos duster wirken. Bald ging die Sonne unter.

Als die Tür geöffnet wurde, sahen Mrs. Salzer und ich zeitgleich auf, aber es war eine der Fluraufsichtskräfte. Der Mann schloss seinen Ausweis in ein Fach, versprach Mrs. Salzer, morgen wie abgesprochen die Vertretung für den zweiten Stock zu übernehmen, warf mir einen beiläufigen Blick zu, als vergewissere er sich, dass ich ihr auch wirklich keine Schwierigkeiten machte, und verschwand mit einem müden Abschiedsgruß in den Feierabend.

Ich sackte weiter in meinen Stuhl zurück und stierte wieder zu dem kleinen Innenfenster von Moritas Büro. Er schien nach wie vor zu telefonieren.

Die Tür ging wieder auf und diesmal vernahm ich Tony, noch ehe ich ihn überhaupt zu Gesicht bekam. „-richtet sie neu aus und fährt eine Spektralanalyse. Dann wissen wir mehr.“ Seine Hand lag ungeduldig am Bügel seiner Brille. „Nein. Ich melde mich.“ Er hatte kaum ausgesprochen, da tippte er schon dagegen, zog sie in einer einzigen fließenden Bewegung ab und warf einen blank gefassten Blick in die Runde.

Trotz inzwischen genügend bezeugter unerfreulicher Pflichtauftritte, konnte ich seine Miene nicht deuten, als seine Augen kurz musternd auf mir zum Liegen kamen, ehe er auch schon leise abschätzig das Kinn senkte und seine FRIDAY-unterstützte Brille in die Innentasche seines lichtgrauen Nadelstreifenanzugs verschwinden ließ.

Ohne etwas von mir zu geben, beobachtete ich ihn.

Schuld und Ärger randalierten in meinem Gesicht. Ich war mir nicht sicher, was meine Mimik gerade ausdrückte, aber vermutete, dass ich sehr viel deutlicher schmollte, als dass ich irgendwie ertappt dreinsah.

Seine florale, platinfarbene Jacquard-Seidenkrawatte hob sich dunkel gegen sein hellgraues Hemd ab und verlieh seinem dunklen Blick noch etwas mehr Intensität, als Tony seine bestens gestylte Erscheinung auch schon Mrs. Salzer zuwandte, die ihm umgehend ein Lächeln schenkte, das um einen kleinen Moment Geduld bat und zugleich durchwoben schien von derselben unausweichlichen Faszination, wie sie ihm von fast überall zuflog.

Kommentarlos wandte er seine Aufmerksamkeit wieder mir zu und schlenderte näher, bis er geradewegs neben mir stand und auf mich herabsah.

Ich wich seinen still forschenden Augen aus. „Wie bist du hergekommen?“, brummte ich gesenkt, um Mrs. Salzer nicht geradewegs an unserer Unterhaltung teilhaben zu lassen.

„Rate.“

Ein unglückliches Schniefen verließ mich.

Tony sagte nichts.

„Steht er jetzt draußen?“

„Nein. Hab ihn heimgeschickt.“ Er griff in seine Hosentasche und zog ein kleines Tablettenröhrchen heraus. Gerade als er eine der Pillen auf seine Hand beförderte, öffnete Mr. Morita seine Bürotür und blickte auffordernd zu uns herüber.

Irgendwie hoffnungsvoll, dass es mir doch erspart bleiben würde, wenn ich nur unwillig genug dreinsah, sah ich zu Tony auf, aber er warf bloß seine Tablette ein, schluckte sie merklich freudlos hinab und wies knapp mit dem Kopf in Richtung meines Schulleiters.

Unzufrieden erhob ich mich und schlurfte voraus.

-/_\-

Von innen wirkte Moritas Büro noch kleiner, als es von außen auf mich bereits den Eindruck gemacht hatte.

Die beiden grauen Gesprächsstühle vor seinem Schreibtisch lehnten beinahe am Innenfenster. Sein Tisch war schmal, genauso wie das verschlossene Regal in seinem Rücken. Und selbst der kleine Drachenbaum in einer der Zimmerecken schien nicht sonderlich darauf aus in naher Zukunft allzu viel Platz einzufordern.

Alles in allem schien Morita einen früheren Druckerraum bezogen und lediglich neu angestrichen zu haben und damit hätte es wirklich keinen größeren Kontrast zu Pasterios dem Oval Office nachempfundenem Schulleiterbüro in der Bosworth High geben können.

Nicht, dass ich aus diesem Grund nun ein irgendwie lässigeres Zusammenkommen erwartete.

Tony und Morita teilten einen kurzen Händedruck, ehe mein Schulleiter uns empfahl, Platz zu nehmen und Tony mir regungslos den Vortritt ließ, was darin resultierte, dass ich mich mitsamt aller unter meinen Arm geklemmter Bücher und Blöcke zum hinteren der beiden Stühle hindurchmanövrieren musste und mich schließlich zwischen Drachenbaum, Zimmerecke, Schreibtisch und meinem undeutbar blank dreinsehenden Milliardär von Vater als leibhaftige Blockade jeden verbliebenen Fluchtwegs eingepfercht wiederfand.

Nicht sicher, ob nicht genau dieses klaustrophobische Gefühl vielleicht Ziel und Zweck unserer Sitzordnung darstellte, stierte ich stur auf einen Bilderrahmen voller kleiner Orden an der nächsten Wand und schenkte keinem der beiden Männer weitere Aufmerksamkeit.

Tony nahm diagonal auf dem Stuhl zu meiner Linken Platz, was seine zurückgelehnte Schulter nahezu an die meine brachte, schlug ein Bein über das andere und senkte sacht das Kinn. Es verlieh ihm unweigerlich einen wenig beeindruckten und zugleich unmissverständlich indisponierten Ausdruck, ohne geradeheraus genervt zu erscheinen.

Dass er es war, spürte ich trotz allem. Es war seine fehlende Mitteilsamkeit und etwas zu gelangweilte Atmung, die für mich Bände sprach.

Vielleicht spürte Morita es ebenso, denn er kam direkt zum Punkt: „Ich bin froh, dass Sie es so zeitnah einrichten konnten, Mr. Stark.“ Auch er schlug einen nüchtern ruhigen Ton an, der ihn umgehend zu Tonys Zwillingspol enttäuschter Unzufriedenheit in dem kleinen Büro werden ließ. „Da wir alle zweifellos einen langen Tag hinter uns haben, will ich es kurzhalten: Grund dieses Gesprächs ist, wie schon am Telefon erwähnt, eine uns durch die Schulbehörde auferlegte Bildungskampagne, die diese Woche mit Plakaten, Unterrichtseinheiten und Lehrvideos gestartet ist, die Sola heute zweimal in Form offen kommunizierter Leistungsverweigerung und des Widerstands gegenüber ihren weisungsbefugten Lehrkräften boykottiert hat.“

Ich hielt meine Bücher davon ab von meinem Schoß zu rutschen, während sich mein Atem vor angespannter Frustration in meiner Brust zu stauen begann.

„Da der zweite Vorfall sich zudem beim Nachsitzen ereignete und damit während der unmittelbar ahndenden Sanktionierungsmaßnahme, muss er, wie ich fürchte, als offener Widerstand gegen die Schulexekutive gewertet werden, auch wenn ich sicher bin, dass Sola es in keiner Weise als solchen beabsichtigte.“ Morita sah zu mir. Er schien nicht anklagend, aber auch nicht sehr erfreut. „Sola, möchtest du uns vielleicht berichten, was genau vorgefallen ist und wie sich die Situation aus deiner Sicht verhielt?“

Meine Kehle ballte sich.

„Über den Vorfall im Sportunterricht wurde ich informiert“, unterbrach Tony, ehe ich noch ein einziges Wort hervorbringen konnte. „Sola hat mich hierzu schon heute Mittag kontaktiert. Und soweit ich am Telefon verstanden hatte, war der Auslöser des zweiten Vorfalls erneut ein Video dieser Kampagne, die – korrigieren Sie mich einfach, wenn ich falsch liege – ausschließlich das Gesicht und die Stimme von Steve Rogers trägt.“

Morita nickte. Er entließ den Atem. „Das ist richtig.“

Tonys Mundwinkel regten sich nicht. Über seinen Blick sank ein Schleier aus Stahl. „Und genau das ist der Punkt, mit dem ich mich im Moment schwertue“, erklärte er. „Ihre Lehrkräfte haben Sola Unterrichtsmaterial vorgesetzt, das Steve Rogers beinhaltet, in dem zu unterstellenden Wissen, dass es sich dabei um keine rein öffentliche Gestalt für sie handelt, sondern eine Person ihres privaten Umfelds, einem ehemaligen Familienfreund und Bestandteil des Avengers-Teams, der seit Kurzem erheblicher Straftaten beschuldigt wird und sich auf internationaler Flucht vor den zuständigen Behörden und Einheiten befindet, eingeschlossen der meinen, was im Übrigen alles öffentlich zugänglichen Informationen entspricht. Und kaum, dass Sola sich aus persönlichen Gründen der Teilnahme an diesem Unterrichtsinhalt verweigert hat, wurde ihr in der nach geltender Schulordnung ohnehin unzulässig verhängten Nachsitzstunde wiederholt ein Video eben dieser Kampagne vorgesetzt, sodass das Verlassen des Klassenraums notwendig wurde, um nicht mit besagtem Material weiter konfrontiert zu werden.“

Morita nickte langsam. „Ich verstehe, Mr. Stark, worauf sie hinauswollen. Allerdings halte ich die von Coach Wilson verhängte Maßnahme nicht für unzulässig oder unangebracht. Hast du das anders wahrgenommen, Sola?“

Ich stockte.

„Nein, Sir …“ Ich zögerte, denn ich sah mich gezwungen zuzugeben: „Coach Wilson hat erwähnt, dass ich nachsitzen muss, wenn ich nicht mitmache. Ich sagte, das sei in Ordnung.“

„Und das wäre es, völlig unstrittig“, korrigierte Tony mich, „wenn wir von Leistungsverweigerung sprächen. Ursache war allerdings persönliche Befangenheit.“ Steinern sah er wieder zu Morita zurück, ohne seine unbeeindruckt zurückgelehnte Haltung zu lösen. „Solas Bitte hätte ohne Konsequenzen stattgegeben werden müssen, bezugnehmend auf die Schulordnung. Ihr hätte eine vergleichbare Alternativaufgabe gestellt werden können, um ihre Sportleistung für diese Stunde zu erheben, aber eine Sanktionierung hätte unter den gegebenen Bedingungen keinesfalls stattfinden dürfen. Dass nichts davon geschah und ich nicht einmal zur Prüfung des Sachverhalts kontaktiert wurde und Sola stattdessen wiederholt ein Video dieser Kampagne vorgesetzt wurde, die einen straffälligen Flüchtigen beinhaltet, der einiges an Schmerz und Schaden in ihrem engsten Umfeld zu verantworten hat, halte ich für mindestens beunruhigend, wenn nicht gar für die fahrlässige Gefährdung eines Schutzbefohlenen.“

Die gefasste und doch todernste Verteidigung und Gegenanklage, die Tony völlig unversehens Morita gegenüber auffuhr, hielt meinen Atem irgendwo zwischen meinen Rippen fest.

Ich hatte mit allem gerechnet, aber ganz sicher nicht damit .

Deshalb überraschte es mich gleich doppelt, wie wenig angegriffen Morita sich zeigte. „Ich verstehe ...“ Er musterte Tony aus unverändert vernunftgebietender Miene, auch wenn sich eine Spur Nachdenklichkeit in seinen Blick mischte. „Zunächst möchte ich festhalten, dass sowohl Coach Wilson, als auch Mr. Lieber bezüglich der Nutzung der Captain America-Kampagne ganz nach Vorgabe des Bildungsministeriums handelte. Die Entscheidung, diese für dieses Schuljahr dennoch auf alle öffentlichen High-Schools des Bundesstaats New York auszurollen, wurde nicht von uns getroffen und ist, ganz unter uns gesprochen, an der Midtown High auch durchaus auf Kritik gestoßen.“

Tonys Blick blieb steinern.

„Meines Wissens hat Sola darüber hinaus keinem der Lehrkräfte mitgeteilt, was die Ursache ihrer Weigerung war, noch hat sie im Nachhinein ein Vier-Augen-Gespräch mit den involvierten Lehrkräften oder einem anderen Teil unseres Schulpersonals gesucht.“ Morita hob die Brauen. „Das ist kein Vorwurf“, machte er deutlich, „aber ein wichtiger Punkt, über den wir sprechen sollten, um zukünftige sehr unglückliche Vorfälle dieser Art zu vermeiden.“

„Ich sagte Mr. Lieber, dass ich das Video nicht sehen will“, ließ ich leise verdrossen vernehmen.

„Du sagtest ihm, dass du es nicht ansehen wirst“, stimmte Morita zu. „Du hast dafür keinen Grund genannt. Du hast gefordert, das Video abzustellen, und als Mr. Lieber dir erklärte, dass es Vorgabe des Ministeriums sei, bist du aufgestanden und eigenmächtig gegangen. Etwas sehr Ähnliches ereignete sich wenige Schulstunden vorher im Sportunterricht. Natürlich ist es schwer, eine emotional belastende Situation vor Lehrkräften und Mitschülern offen zu kommunizieren, das will ich nicht bestreiten. Dennoch stellt die Art deines Vorgehens einen Bruch unserer Schulordnung dar, Sola.“

Frustrierte Tränen pressten gegen mein Lid. Bitter angestrengt hielt ich sie davon ab, nicht in meine Augen zu steigen, und zwang mich stattdessen, mich wieder auf den Ringeinband des Collegeblocks in meinen Händen zu konzentrieren.

Tony ergriff umgehend wieder das Wort: „Einen so offensichtlich sensiblen Zusammenhang herzustellen, liegt in der Verantwortung Ihrer Lehrkräfte.“

„Sola war hier nicht sehr klar, Mr. Stark.“ Moritas sachlich konfrontierender Blick kehrte zu ihm zurück. „Und ich wiederhole, es ist lediglich eine Betrachtung der heute entstandenen Situation.“

„Solas Weigerung hat bereits deutlich gemacht, dass ein Problem vorliegen könnte“, widersprach Tony. „Es entsprach keinem ihr üblichen Verhalten. Und angesichts der vielen Schlagzeilen rund um die Avengers-Verhaftungen und dem Sokovia-Abkommen, bestand wirklich genug Grund zur Annahme, dass eine Schulkampagne mit dem Gesicht und dem Namen von Steve Rogers von Sola nicht gerade unbefangen aufgenommen werden würde.“ Tony setzte eine missvergnügte Pause. „Ich erwarte nicht, dass irgendjemand ihre Gedanken liest, lediglich, dass die Ursache ihres Verhaltens hinterfragt und nicht pauschalisiert oder ignoriert wird.“

„Wir begegnen allen Schülerinnen und Schülern der Midtown High mit demselben Maß Erwartung, Mr. Stark“, erwiderte Morita langsam. „Unser Lehrpersonal ist dazu angehalten anleitend, aufmerksam wie empathisch auf jeden sich ergebenden Konflikt zu reagieren.“ Er hielt inne. „Aber natürlich muss auf persönliche und familiäre Befangenheiten Rücksicht genommen werden, insbesondere im Falle belastender Umstände, die uns bekannt sind, da stimme ich zu.“

Mein Schulleiter atmete aus und nickte, als kristallisiere sich ein Ergebnis für ihn heraus, das uns alle von dieser unerfreulichen Zusammenkunft zu erlösen versprach.

„Also gut“, entschied er nach einem Moment einhelligen Stillschweigens. „Ich werde Solas Fachlehrer bitten, in ihrem jeweiligen Unterricht nicht weiter auf die Captain America-Kampagne zurückzugreifen. Erforderliche Inhalte können auch ohne das betreffende Material vermittelt werden. Trotzdem verweise ich nochmal auf unseren Vertrauenslehrer, Mr. Flannigan.“ Morita sah zu mir auf, während er sich eine kurze Notiz auf seinem beiliegenden Schreibblock machte. „Mr. Flannigan steht allen unseren Schülerinnen und Schülern auch vermittelnd zur Seite, Sola. Er kann in emotional herausfordernden Situationen wie dieser weiterhelfen. Falls du einen Termin vereinbaren oder auch nur spontan mit ihm sprechen willst, geh bitte einfach auf ihn zu oder melde dich im Sekretariat.“ Er legte seinen Kugelschreiber wieder ab. „Es tut mir sehr leid, falls dieser Tag unnötig belastend gewesen sein sollte.“

Ich schluckte. Mein knappes Nicken wurde in aufmerksamer Stille zur Kenntnis genommen.

„In Ordnung, alles Weitere klären Sie sicher daheim in aller Ruhe“, befand Morita. „Es sei denn, es gibt noch etwas, das in meinem Beisein besprochen werden sollte?“

Tony sah knapp absegnend beiseite. „Nein, das passt.“

Er wirkte immer noch auffällig verhandlungsgefasst, als er sich wieder auf die Beine brachte. Ich sagte mir, dass es sein kostspieliger Designeranzug war, dieser seriöse Kontrast aus platinfarbener Krawatte und gradlinigen, weißen Nadelsteifen auf lichtgrauem Grund, der die dunkle Asche seiner Iris betonte, aber eigentlich wusste ich, was die Wahrheit war und wie sehr ihm alles hieran gerade gegen den Strich gehen musste. Als gäbe es keine Banalität auf diesem Planeten, die derzeit nicht sein unmittelbares Eingreifen erforderte.

Morita reichte ihm die Hand. „Nochmals vielen Dank.“

Tony hob höflich die Mundwinkel, aber sein Blick blieb reserviert.

Obwohl er mich vor Morita derart konsequent aus jeder Anklage geboxt haben mochte, wusste ich wirklich nichts aus seiner Mimik zu machen. Vage Ungeduld und Überdruss nisteten darin, aber er hatte soeben auch meinen Star-Anwalt gespielt, etwas, das er damals in Pasterios Büro so überhaupt nicht getan hatte und das mich nun ernsthaft verwirrte.

Anscheinend saß ich in einer brandneuen Interpretation von Scheiße. Oder aber begriff die Welt nicht mehr.

Morita beobachtete mich, während ich mich immer noch dumpf verblüfft zwischen Stühlen und Schreibtisch zu Tonys still im Türrahmen ausharrender Gestalt hindurch schlängelte. „Bis morgen, Sola.“

Ich nickte. „Bis morgen, Sir.“

-/_\-

Die Nachricht, dass Tony im Iron Man-Anzug in der Midtown eingetroffen war und sich nun irgendwo im Gebäude der High School herumtrieb, schien seine Runde gemacht zu haben, denn obwohl die meisten AGs längst beendet sein mussten, begegnete uns eine ungewöhnliche Vielzahl herumtrödelnder MINT-Superasse im Hauptkorridor.

Ich legte meine Hand dafür ins Feuer, dass manche von ihnen geradewegs zur Schule zurück gekehrt waren, bloß um Tony und seinen Iron Man-Anzug leibhaftig zu Gesicht zu bekommen, denn nicht wenige von ihnen trugen lediglich eine Jacke bei sich und ihr Smartphone oder steckten noch in verschwitzten Sporttrikots und wurden von der letzten verbliebenen Fluraufsicht auffallend vorwurfsvoll beobachtet.

Tony verstärkte das Luftschnappen, Ächzen und Giggeln, das sich bei unserer Ankunft breitflächig im Hauptflur erhob, indem er zur nächstbesten Gruppe herüberschlenderte und sie in ein trocken beiläufiges Gespräch verwickelte, das binnen Sekunden alle verbliebenen Teenager im Umkreis um ihn versammelte und mir den ungestörten Moment verschaffte, meine Sachen aus dem Spind zu holen und mich zu sammeln.

Während ich Blöcke und Bücher in meinen Rucksack stopfte, ohne recht darüber nachzudenken, welche von ihnen ich heute Abend überhaupt wirklich noch benötigen würde, initiierte Tony bereits ein paar eigens von ihm orchestrierte Gruppenselfies und entfernte sich dann auch schon wieder zielsicher aus der fröhlich schnappatmenden und nun ganz und gar auf ihre bereicherten Smartphones fokussierten Menge, die Moritas mahnend dreinblickendes Erscheinen schon kurz darauf auseinanderzuscheuchen begann.

Tony hielt längst sein eigenes Smartphone am Ohr, als er mich erreichte. „Wie sieht’s bei dir aus?“, erkundigte er sich gesenkt.

Happy , vermutete ich. Ich zog meine Jacke an, warf mir meinen Rucksack über die Schulter und schloss meinen Spind.

„Gut. Wir kommen jetzt raus.“ Sein Blick grübelnd kurz auf den Ausgang gerichtet und dann plötzlich auf das direkt darüber prangende Konterfei seines Dads, legte er auf. „Erinner mich“, wandte er sich mir zu. „Bei der nächsten Schulratssitzung sponsere ich ein neues Wandbild.“

„Ich glaube, es ist neu“, brummte ich still.

Herzlich zweifelnd hob er eine Braue.

„Ich sagte nicht up-to-date …“

Etwas in mir bezweifelte ohnehin, dass Tony in den kommenden drei Jahren freiwillig zu irgendeiner Schulveranstaltung aufbrechen würde. Was gar nicht schlecht war, denn ich brauchte wirklich nicht auch noch sein wandgroßes Gesicht, das mich und jeden um mich herum tagtäglich daran erinnerte, dass ich in monströs große Fußstapfen trat, in denen ich bislang eher wie ein strunzdummes Kaninchen im Kreis hüpfte, das den verbarrikadierten Ausgang suchte.

„Im Physikraum hängt ein Bild von Dr. Banner …“, ergänzte ich lau, weil ich wusste, dass Tony absolut nichts auf Banner kommen ließ, Hulk hin oder her, und ich Pluspunkte nun nötig hatte, wie schäbig erwirtschaftet sie auch sein mochten.

Als durchschaue er meinen unrühmlichen Hintergedanken, kommentierte er es gar nicht. Er ließ sein StarkPhone wieder in seinem Sakko verschwinden, während ich seiner stillen Beobachtung auswich und mich lieber in Bewegung setzte.

Draußen war es längst dunkel, auch wenn die Scheinwerfer der Schule und des gegenüberliegenden Football-Feldes nicht viel abendliche Finsternis übrigließen, als wir durch die Tür traten und mein Blick umgehend die Stufen hinab auf die dichte Menge Fotografen und Reporter stieß.

Sie schien sich seit heute Morgen geradewegs verdreifacht zu haben.

Ich konnte unseren Wagen kaum ausmachen, eingekesselt von kamera- und mikrofonbewaffneten, aufgeweckt nachströmenden Menschen, die selbst noch in der Ferne blindlings die Straße überquerten, kaum dass wir in die Abendluft traten.

Es war laut. Hektisch .

Das schiefe und tosende Orchester einer am Horizont stehenden Schlagzeile.

Unbehagen überwältigte mich.

Anders als ich schien Tony die uns zu erwartende Realität vor den Türen meiner High School keine Sekunde verdrängt zu haben, denn sein Arm legte sich flugs um mich und manövrierte mich, ohne auch nur kurz zu stocken, geradewegs weiter die Treppe hinab voran.

Fest in die Kuhle seines Arms gedrückt, tauchten wir in die uns aufgeregt entgegenströmende Masse. Es war so viel Trubel, dass ich die Stufen unter meinen Füßen kaum sah und größtenteils bloß erahnte, doch Tonys Tempo blieb völlig unbeeindruckt entschlossen, als er mit wieder unlesbar blankem Gesichtsausdruck durch die vor uns so lebendige Menschenwoge schnitt.

Ihre Stimmen hämmerten auf mich ein.

„ Konnten Sie die Situation mit Schulleiter Morita klären, Tony? “ – „Sola, möchtest du dich zu deinem Boykott der Captain America-Kampagne äußern?“ – „- Stellung zum veröffentlichten Mitschülervideo nehmen? “ – „Welche Konsequenzen wird die Midtown High ergreifen?“ – „MR. STARK! WURDE SOLA SUSPENDIERT?“ – „ Mr. Stark, erwägen Sie abseits Ihrer Pressemitteilung eine ausführliche Gegendarstellung zum Balmeda-Interview? CBS zeigt sich offen -“ – „-nicht das erste Mal, dass Sola Schwierigkeiten an ihrer High School verursacht-“ – „- ein Statement zur Captain America-Kampagne abgeben? “

Sie wussten es. Irgendwoher wussten sie bereits, was geschehen war.

Heiße Überforderung durchfuhr mich, als ich begriff, dass einer der beiden Jungen aus meiner Nachsitzstunde, Ora oder Pearson, den Vorfall mit Mr. Lieber heimlich gefilmt und online geteilt haben musste.

Von Senator Boynton bis Steve Rogers würde nun jeder erfahren, dass Tony in meine High School gerufen worden war, weil ich auf stur geschaltet und vor einem lächerlichen Nachsitzvideo von Captain America geflüchtet war.

Und die ganze Welt würde darüber diskutieren.

Tränen jäher Überwältigung und Beschämung schossen in meine Augen. Ungelenk hob ich meinen Arm vor mein Gesicht, damit es niemand zufällig in einem Bild festhielt, und Tonys Arm klemmte sich gleich noch etwas fester um mich, als er seine geöffnete Hand auch schon mit vor mein Gesicht brachte und damit meine kläglich improvisierte Abschirmung vergrößerte.

Ich sah endgültig nichts mehr als den Ärmel meiner eigenen Jacke, Tonys Hand und das durch sämtliche Spalten flimmernde Blitzlicht, während der Wasserfall aus Fragen auch die wenigen verbliebenen Stufen weiter auf uns einprasselte. Irgendwie schaffte ich es ohne die geringste Sicht und längst ganz und gar in seine Seite gepresst zum Wagen.

Der Kragen seines Sakkos drückte gegen meine plötzlich so empfindliche Schläfe. Jemand öffnete die Hintertür, während Happys Stimme die Menge erfolglos zurückzutreiben versuchte.

Tonys Arm schob mich vor sich.

Kühle Abendluft traf auf meine feuchte Wange, als seine Hand ihren provisorischen Schutzschirm unversehens aufgab und den Blick auf den vor mir liegenden Rücksitz unseres Wagens eröffnete. Etwas berührte kurz meinen Hinterkopf, vielleicht Tonys Hand, eine stille Aufforderung einzusteigen, dann blitzte es urplötzlich und beinahe schmerzhaft mitten in mein linkes Auge hinein, eine viel zu bekannte, paralysierend weiße Wand aus dem Nirgendwo, und ehe mein Herzschlag seinen Takt wiederfinden und sich alle Kontraste auf meiner Netzhaut wiederherstellen konnten, vernahm ich auch schon das unverwechselbare Aufsummen eines aktivierten Repulsors, als Tony blitzschnell mit seinem Iron Man-Handschuh zur verursachenden Kamera griff. Es knallte und knisterte kurz wie durchbrennende Elektronik und ein abgehacktes Raunen fuhr durch die Menge.

„Hoppla, das war die Schutzvorkehrung“, bemerkte Tony trocken und ohne einen Funken Reue.

Der Mann, der mir seine Kamera mitten ins Gesicht gehalten hatte, stierte fassungslos auf sein gebrutzeltes Equipment.

Schnell duckte ich mich in unser Auto, ehe die Situation weiter eskalieren konnte, und rutschte über die Sitzbank zur anderen Seite durch, während Tony seinen Repulsor-Handschuh provozierend geschmeidig wieder einpackte, dem Mann empfahl, Happy seine Adresse für ein Ersatzgerät dazulassen, schnurstracks hinter mir nachstieg und die Tür zuwarf.

Ich rieb mir mit meiner Jacke die verräterische Nässe von der Wange, die um ein Haar auf jeder lokalen Klatschzeitung dieses Abends gelandet wäre. „Du hast seine Kamera gegrillt“, murmelte ich ungläubig.

„Jupp.“

Tony schob die Nanotech-Armbanduhr unter seinen Ärmel zurück und fasste mich ins Auge. „Alles okay?“

Meine Schläfe hämmerte vor Unglück und in meiner Kehle stach ein schmerzhafter Krampf, aber ich nickte.

Etwas in mir blieb erschüttert, auch wenn ich nicht wusste wovon – Tonys beweislöschender Sachbeschädigung, dem Blitzlicht, das mir durch Mark und Bein gegangen war, oder dem Bluthunger sämtlicher Fotografen auf eine einzige meiner Tränen.

An die breite mediale Demütigung, die mich nun zweifellos erwartete, bloß weil ich eine alberne Fitness-Challenge boykottiert hatte, versuchte ich gar nicht erst zu denken, denn es schwemmte gleich wieder neue Tränen in mir auf.

Tony öffnete ein Fach, zog ein hellblaues Stofftaschentuch mit Stark Industries-Logo hervor und schnippte es auf mein Knie, ehe er sich schon schnaufend in das Polster zurücksinken ließ und abwesend zur Midtown High hinaufsah.

An der Bosworth wäre nichts hiervon geschehen, wisperte mein Kopf. Nicht bloß, hätte mich keiner meiner Mitschüler dabei gefilmt, wie ich mich mit meinem Nachsitzlehrer anlegte, und das Video anschließend online geteilt, es wäre vermutlich überhaupt nie so weit gekommen . Ich erinnerte mich, wie ungeheuer schnell Schulleiter Pasterio reagiert hatte, als die moralischen Debatten rund um die Avengers-Thematik in Mr. Eastdams Unterricht aufgeflammt waren, und wie zügig er es unterbunden hatte, ohne dass ich überhaupt darum hatte bitten müssen.

Ich schnallte mich an und wischte mir die Augen trocken, dann nahm ich das gefaltete Stofftaschentuch zwischen beide Daumen und ließ es bedächtig wippen, versunken in der grauenhaften Ahnung, dass ich einen wirklich schlimmen Fehler begangen haben mochte. Dass ich vielleicht doch auf Elijah hätte hören und der Bosworth und damit auch Tonys ursprünglichem Urteil bezüglich ihrer adäquaten Konzepte eine vernünftige Chance hätte geben sollen …

„Hast du die Adresse?“, erkundigte sich Tony, als Happy vor dem Lenkrad Platz nahm.

„Ja.“ Er sah über die Schulter. „Er war sauer. Sagte, es sei noch ziemlich viel ungesichertes Bildmaterial auf der Kamera gewesen.“

„Er hat den Auslöser praktisch in ihren Augapfel gehalten“, kommentierte Tony ungerührt. „Schick ihm exakt dasselbe Modell, nicht ein Update aktueller. Ohne den geringsten Schnickschnack.“

Happy summte in dunkler Zustimmung. „Wird gemacht.“

Er startete den Motor.

Obwohl es den halben Tag geregnet hatte und die Straßen immer noch nass schienen, rannen nur noch ein paar vereinzelte Tropfen bunt funkelnd vor Stadtlichtern über die nachtdunkle Fensterscheibe, als wir uns in den Verkehr Richtung Interstate einfädelten.

Ich legte das Stofftaschentuch wieder beiseite, auch weil ich Tonys gleichsam abwesend in die Ferne stierende Aufmerksamkeit irgendwann still irritiert zu mir zurückspringen spürte. Stattdessen begann meine linke Hand meinen Anschnallgurt zu kneten, während ich einfach nur noch in der Stille zu verschwinden versuchte, die sich jäh ruhevoll und doch finstern in unserem Auto niederließ.

Sie währte etwa zehn Minuten, lange genug, um Mums völlige Unerreichbarkeit urplötzlich wieder heiß und wildernd klar in mein schmerzendes Bewusstsein zu rücken.

Dann fuhr sich Tony jäh mit der Hand übers Gesicht und erklärte: „Okay, ich habe einen Mordshunger … Wir gehen jetzt essen. FRIDAY, besorg uns einen Tisch im River .“

Musik:

Miss Americana & The Heartbreak Prince - Taylor Swift