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Swag

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Swag

Kapitel 34: Swag

Das Lokal lag am Ufer des Hudsons, direkt neben der Brooklyn Bridge.

Manhattans Finanzsektor ragte auf der anderen Seite des Flusses funkelnd empor, als wir die holprig gepflasterte Auffahrt durch einen hübschen, kleinen, beleuchteten Garten mit Büschen und Bäumen nahmen, die allesamt mit romantisch gelben und orangenen Lichterketten geschmückt waren und so verteufelt gelungene Hollywood-Romantik verbreiteten, dass ich mich vage verwirrt zu Tony umwandte, kaum dass wir nahe einem Rondell vor dem recht klein anmutenden Pavillongebäude hielten.

Das River schien exklusiv, dafür sprachen auch die wenigen anderen nahebei geparkten Kleinlimousinen. Wirklich wundern tat es mich nicht, auch wenn ich mir nicht wirklich zusammenreimen konnte, wie Tony auf die Idee kam, dass gerade jetzt der passende Zeitpunkt gegeben war, mich irgendwohin anders auszuführen als in meine elterlich gesponserte Arrestzelle.

Halloween war eine Woche entfernt, das schien auch dem River nicht entgangen, denn Kürbisse jeder Form und Größe zierten die Beete und Büsche und auch der kleine Zierbaum inmitten des Rondells versprühte – anders als die restlichen heimelig beleuchteten Gewächse – eine festlich schaurige Stimmung, angestrahlt von einem bläulichen Scheinwerfer, der die unverwechselbare Farbe eines nächtlichen Gewitters auf seine Äste malte.

Es war niedlich in seiner unschuldig feiertagszelebrierenden Form, ohne dass es die faustdicke Candlelight-Stimmung dieses Ortes irgendwie ruinierte. Mein Blick zog dennoch zur über uns aufragenden Brooklyn Bridge hinauf, als wir aus dem Wagen stiegen.

Kaum im Inneren des Lokals überkam mich gleich wieder Sorge.

Die wenigen, dicht beieinanderstehenden Tische des engen Raums und die kultiviert gesenkten Gespräche, die an ihnen geführt wurden, versprachen nicht gerade viel Privatsphäre für jede clever verschachtelte Predigt, die Tony mir im Laufe dieses Dinners zweifellos zu halten gedachte.

Zumindest plante er nicht laut zu werden, mutmaßte ich, was bedeutete, dass er zwar sauer sein mochte, aber doch nicht so sehr, dass er uns beide in einem baldigen leidenschaftlichen Wortgefecht wähnte.

Happy verkrümelte sich an die reichlich ausstaffierte Bar, um ein Auge auf die uns umgebenden Gäste zu haben und die Dauer unseres Essens mit Telefonaten und E-Mails zu überbrücken, die auf seine dringende Antwort als SI-Sicherheitschef warteten. Tony und mich führte man hingegen an einen Tisch für Zwei mit uneingeschränktem Panoramablick auf den schimmernden Hudson und die abendlich funkelnde Manhattaner Skyline.

Hollywood , bestätigte das Kind in mir, als ich mich befangen an dem kleinen Tisch niederließ, die Speisekarte entgegennahm und mich unauffällig umsah.

Alle Männer im Umkreis trugen Sakko und die Damen Kleider, schimmernde Blusen und funkelnden Schmuck. Wirklich niemand war mit Sweater oder geschnürten Boots hereingeschneit wie ich. Außer mir entdeckte ich ohnehin nur einen einzigen weiteren Teenager und auch er saß in vorbildlich dunklem Hemd da und vollbrachte mit Gabel und Messer, was ich für strenge Aufnahmekriterien von studentischen Geheimorden in Großbritannien hielt.

Anscheinend gab es einen Dresscode, der unserer Empfangsdame beim Überfliegen von Tony Starks erwartungsvoller Miene angesichts meines zerknitterten Bad-Monday-Looks ganz zufällig entfallen war.

Bemüht, nicht mehr aufzufallen, als ich es ohnehin bereits tat, zwang ich mich, meine Füße nicht um eines der Stuhlbeine zu schlingen, sondern setzte stattdessen beide Boots brav nebeneinander auf den Boden.

Ich stierte auf die Speisekarte, während die Bedienung unsere Wassergläser auffüllte, was Tony mit einem beiläufig kurzen Aufleben seiner Mimik beantwortete, ehe sein Gesicht gleich wieder in undurchschaubar konzentriertes Grübeln zurückfiel. Kaum, dass die Dame sich wieder entfernte, fuhr ich nervös den Rand meiner Karte mit der Fingerkuppe ab und sah zu ihm auf.

Sein Blick schnappte zurück in die Gegenwart. „Was gibt‘s, Pokerface?“

„Ich würde am liebsten einfach einen Burger oder so essen …“, gestand ich tonlos.

Unbewegt überflog er seine Karte. „Klar, wieso nicht?“

Ich zögerte. „Ich glaub, sie haben hier gar keine.“

„Finden wir raus.“

-/_\-

Burger standen tatsächlich nicht auf der Menükarte des Rivers .

Aber sie machten ihn trotzdem.

Unsere Bedienung schrieb meinen Cheeseburger auf und erkundigte sich nach Beilagen, als sei es eine Abweichung von ihrer angebotenen High Cuisine, wie sie tagtäglich aufkam, was ich ausdrücklich bezweifelte. Tony beobachtete mich den gesamten Austausch lang aus still gerüsteter Miene, bis sie sich ihm zuwandte und er kurzerhand einfach genau dasselbe bestellte und alles daran mit einem so knapp charmanten Lächeln garnierte, dass sie schlussendlich tatsächlich positiv herausgefordert und amüsiert schien, statt irgendwie beleidigt, als sie in Richtung Küche entschwand.

Stumm beobachtete ich die Fluten vor unserem Fenster. Das Wasser des Hudsons kräuselte sich unter den Lichtern der Stadt und der Bogen der Brooklyn Bridge strahlte in schneeweißes Fassadenlicht getränkt. Kleine Schiffe zogen vorbei, manche bunt beleuchtet wie Partyyachten und andere wieder vollkommen finstern, einzig markiert von den winzigen Signallichtern an Bug und Heck.

Das One World Trade Center lag direkt vor uns. Es erhob sich als markantestes Wahrzeichen aus der Ansammlung aufragender Wolkenkratzer. Sowohl das Empire State Building als auch der Avengers Tower befanden sich zu weit im Inneren der Insel von Manhattan, als dass man sie vom südlich gelegenen River aus irgendwie entdecken könnte. Trotzdem zogen meine Gedanken unweigerlich nach daheim.

Nicht in der Lage das ikonische Panorama wirklich zu genießen, sah ich in den gelben Lichtkreis der zwischen uns platzierten, romantisch beschirmten Tischlampe zurück, der Tonys platinfarbene Jacquard-Krawatte schimmern ließ wie flüssige Schlieren aus Metall, als er sie abwesend lockerte.

Ich brauchte Gewissheit. Einen endgültigen Tagesabschluss aller ausstehenden schlechten Nachrichten.

Die nah gelegenen Nachbartische führten alle ihre eigenen kultiviert gedimmten Gespräche, was immer noch genug weißes Rauschen und Klimpern verursachte, wie ich hoffte, um unsere gewechselten Worte ausreichend zu übertönen.

„Habe ich jetzt länger Hausarrest?“, erkundigte ich mich gesenkt. Ich konnte die Frage nicht länger hinausschieben. Sie nagte an meinen ohnehin schwergebeutelten Nerven.

Tony ließ den Kopf zur Seite sinken. „Wieso?“, erwiderte er nüchtern.

Ich blinzelte. „Wegen gerade …“

„Hast du etwas angestellt, von dem ich nichts weiß?“

Widerstrebend sah ich ihm ins Gesicht. Sein locker-flockiger Ton ließ mir gar keine andere Wahl, als seine Miene nach launisch verdorbenem Sarkasmus abzusuchen, aber ich entdeckte ihn nicht. „ Na , weil ich das Video nicht angesehen habe“, raunte ich, „weil ich nachsitzen musste und ich einfach rausgelaufen bin … und Morita dich gerufen hat und du in die Schule kommen musstest ...“ Ganz besonders deswegen.

Tony sah knapp beiseite. „Wieso sollte ich dich deswegen noch länger zu Hause schmoren lassen?“ Er schien unzufrieden, was mich nur noch mehr verwirrte, denn wenn mein Eingeständnis ihn ärgerte, erklärte sich mir noch weniger, wieso er sich so offen ahnungslos gab.

„Weil du sauer bist?“, erbot ich karg.

„Weil ich sauer bin“, wiederholte Tony. „ Uh-hm .“ Ein falsches Lächeln pflanzte sich auf seine Lippen. Er richtete seinen Sitz und machte es sich etwas gemütlicher, als amüsiere ich ihn, was mir so überhaupt nicht geheuer war, ehe seine Miene gleich wieder ernüchterte. „Bin ich nicht.“

„Du warst es“, widersprach ich still. „Bei Morita. Und im Auto …“

„Ja, mag sein ---“ Er unterbrach sich selbst, als falle ihm etwas wesentlich Interessanteres ein. „Weißt du, was mir auch tierisch auf den Keks geht? Etwas ungefragt in die Hand gedrückt zu bekommen. Macht mich wahnsinnig, ehrlich . Du machst es ständig.“

Irritiert schob ich die Brauen zusammen.

„Nur weil mich etwas ärgert, qualifiziert es sich nicht gleich als Verbrechen, Sola“, setzte er die trockene Pointe. „Ich bin neurotisch.“

„Ja, gut …“, murmelte ich. „Aber es war nicht so, wie du vor Morita behauptet hast.“ Ich schluckte, denn ich wusste, dass er dies bereits wusste oder zumindest ahnte.

Tony hatte vor meinem Schulleiter gesagt, was erforderlich gewesen war, damit ich ohne Suspendierung sein Büro verließ, das war mir inzwischen klar.

Er hatte den Fokus der Unterredung ganz und gar auf die vermeintlichen Versäumnisse der Midtown gerichtet, weil Suspendierung zwangsläufig bedeutet hätte, dass ich endgültig daheim festsäße. Und spätestens seit heute Morgen war mir klar, wie wenig er beabsichtigte, meine Laune hinzunehmen, mich nach alter Tradition in mein Bett zu verkrümeln und dort mein einsames Überleben in Frage zu stellen.

„Es war wegen allem, was du gesagt hast, ja “, gestand ich, als er mich bloß abwartend musterte, „aber ich hab mich geweigert, wie Morita sagte. Ich habe die ganze Sportstunde nicht mitgemacht, auch als das Video schon längst vorbei war. Einfach, weil --- weil es seine Challenge war und nicht bloß, weil ich … befangen war und es nicht konnte .“ Ich schloss die Kiefer. „Aus Prinzip.“

„In Ordnung, du hast Rückgrat gezeigt. Na und?“

Ich sah Tony wieder an, auf der Suche nach einer Falle, die sich in seinem klar beantwortenden Blick verbarg, doch er kopierte mein langsam verwirrtes Blinzeln nur, wie um seine geäußerte Gleichgültigkeit noch einmal zu unterstreichen.

Ich schloss den Mund.

„Das ist mir alles klar, Sola“, erklärte er blank. „Und wenn ich in deine Schule gerufen werde, weil dein Moralverständnis reifer ist als das einer ganzen Behörde, dann, meinetwegen, finde den Fehler , dann boxe ich dich gerne raus, weil du es verdienst. Klar?“

Ich zögerte. Es fühlte sich dumm an, naiv , aber ich begann gegen meinen Willen auf seine scheinbare Friedfertigkeit hereinzufallen.

Tony seufzte. „Gut, einverstanden“, befand er augenrollend, „ich sollte nicht stolz sein, nicht deswegen . Mein Verstand sagt, ja , es ist narzisstisch, okay … Aber, hey , ich bin es. Mein Kind sagt Nein zu Hochstaplern und Heuchlern, die jeden ins Gefängnis bringen, nur nicht denjenigen, der es absolut verdient hätte. Das war verdammt inspirierend, wette ich – für deine Mitschüler. An dem Wie lässt sich noch arbeiten, das können wir noch etwas aufmotzen, weniger Alarm, mehr Swag, aber per se sehe ich es als Kompliment. --- Okay, jetzt ist es raus: Ja , es streichelt mein Ego, wenn du Unruhestiftung wählst, um mir zu sagen, dass du mich einem hundertjährigen Eiszapfen vorziehst.“ Tony winkte ab. „Morita hatte da irgendwo einen Punkt, den ich gerade nicht mehr finde. Wie auch immer … Das hier ist keine Henkersmahlzeit, sondern mein Versuch die Stimmung aus dem Marianengraben zurück auf Kellerniveau zu heben.“

Der Sommelier näherte sich unserem Tisch.

Tony schien nicht wählerisch, denn er einigte sich direkt auf den ersten dargebotenen Weißwein. Kaum, dass sein Weinglas eine flache kultivierte Menge gefüllt war und mir ein heller Eistee mit bezeichnend viel zerstoßenem Eis serviert wurde, wurde er wieder ernst.

„Sind wir deswegen hier?“, fragte ich zweifelnd. „Um meine Stimmung zu heben?“

„Wir hätten auch zu Five Guys gehen können“, versicherte er mir, „aber dann würden wir Cheeseburger im Scheinwerferlicht der Auslöser essen und ich hatte das Gefühl, dass wir es erstmal ruhiger angehen sollten, bis sich deine Netzhaut wieder regeneriert hat.“

Das Argument war entwaffnend. Ich schluckte. „Okay, cool. Exklusiv gleich pressefrei. Ist gespeichert.“

Nachdem uns eine Vorspeise aus dreifachfrittierten, vanillebestäubten Pommes an Ingwer-Hummersauce erreichte, die mich so ziemlich auf die abgehobene Art meines kommenden Burgers einstimmte, sah Tony bedächtig über die kunstvoll drapierte Fast Food-Variation auf seinem Teller.

Er griff sich seine Gabel und weil er es tat, folgte ich widerstrebend seinem Beispiel. Noch während Tony mit seinen ersten Pommes zielstrebig durch den elegant platzierten Saucenstreifen fuhr, suchte er meinen Blick. „Möchtest du mit diesem Flannigan sprechen?“

„Unserem Vertrauenslehrer?“

Er begann zu kauen, aber die Art, wie er mich unverwandt ansah, blieb eine wortlose Bestätigung.

Es überraschte mich, dass er fragte. Seit Dr. Fannings Hinterhalt hatte Tony seine Abneigung wirklich unmissverständlich gemacht, mich erneut in die Nähe menschlicher Therapeuten und ihrer undurchsichtigen Motive zu bringen und stattdessen die Antwort meiner zukünftigen psychologischen Unterstützung glasklar im eigens dafür entwickelten S.E.N.F.-System gesucht.

„Was meinst du?“, fragte ich verhalten. „Ob ich mit ihm über … diese Kampagne reden will?“

Tony zögerte. „Generell.“

Ich verzog die Miene und schüttelte den Kopf.

Von der Ähnlichkeit seines Namens zu Fanning ganz zu schweigen, die mir regelrechte Unruhe aufdrängte, bezweifelte ich, dass es eine gute Idee war mit meinem Vertrauenslehrer über irgendeine meiner belastenden Gedanken zu sprechen, die zum näheren Verständnis zwangsläufig detaillierte Einblicke in Tonys Privatleben und Superheldendasein erforderten. Außerdem war es schon schwer genug gewesen, sich Fanning zu öffnen.

Mit Sam hätte es vielleicht funktioniert … Und wäre schon wieder ein Fehler gewesen , wisperte eine kalt verratene Stimme.

Auch wenn er es nicht aussprach, sah ich Tony an, dass er innerlich ein wenig durchatmete, das Thema Vertrauenslehrer-Intensivcheck damit vorerst wieder abhaken zu können.

Ich lenkte meine Aufmerksamkeit auf meine Vorspeise zurück und biss in meine Pommes. Sie war traumhaft knusprig. Umgehend arbeitete ich mich in Schnelltempo durch die wenigen Exemplare, überrascht, wie befriedigend sie selbst im Deckmantel der High Cuisine blieben – fast zu gut , um es absurd zu nennen.

Als ich meine Gabel schließlich ablegte, lief mir das Wasser im Mund zusammen. Mein Appetit war geweckt und die Unruhe weit genug verklungen, um für den Moment erleichterten Hunger zuzulassen.

Ich schielte zur Küche, dann sah ich wieder hinaus auf den Hudson.

Ein Hubschrauber kreiste in weiter Ferne.

Meine Gedanken sprangen zu dem Aufruhr vor meiner Schule zurück und eine schwere Decke unausweichlicher Demütigung sank über mein Bewusstsein. Mit ihr schwoll das unbändige und völlig irrationale Verlangen auf, nach Hause zu laufen, nicht in den Tower, nein, heim , zu Mum, mich auf unserer durchgesessenen Couch einzuigeln und zu warten, bis sie aus dem Laden zurückkehrte, bis sie mich dort endlich entdeckte, sich zu mir setzte und mich wortlos an sich zog und einfach da war, damit ich ihr mein Herz ausschütten konnte, alles davon, selbst das, was kleinlich und dumm und selbstverschuldet war, nur damit sie mir sagen konnte, dass alles in bester Ordnung blieb, weil ich folgende Dinge übersah – augenöffnende, wahre Dinge – und ich urplötzlich verstand, dass es noch lange keinen Grund gab, mich geschlagen zu geben.

Ich brauchte es so sehr .

Diesen Moment. Dieses Vertrauen.

Als sei sie die einzige Instanz auf Erden, die jede Tonne von mir zu heben und jederzeit in ein Fliegengewicht zu verwandeln vermochte.

„Sie werden darüber schreiben“, platzte es leise aus mir. „Dass ich die Kampagne boykottiert habe und du in die Schule kommen musstest. Und dass du diese Kamera ausgeschaltet hast … Morgen wird es jeder wissen.“

Tony zögerte. „Jupp, werden sie.“

Meine Augen tränten auf. „Sie werden behaupten, es sei nicht das erste Mal gewesen. Einer der Reporter hat es gesagt. Ich hab‘s gehört. Sie denken, ich mach so etwas ständig .“

„Sie denken gar nichts, Sola. Es passt in ihr Narrativ. Der Autounfall, der Umbruch, ich , der schnelle Schulwechsel … Der Artikel schreibt sich von selbst.“

„ Ja , aber wenn es geschrieben ist, sehen alle nur diese Version und dann glaubt es jeder .“ Mein Herz begann bei dem Gedanken zu kneten, dass es Senator Boynton und viele andere vermutlich nur endgültig in ihren Behauptungen über Tony und meiner wachsenden Suche nach Aufmerksamkeit bestätigen würde. „Erin sagte, sie werden früher oder später anfangen, einen neuen Aufhänger für mich zu suchen, weil sie nicht ewig über Mum oder dich schreiben können und es sich irgendwann nicht mehr verkauft, nur darüber zu berichten, wie toll oder anders mein Leben jetzt ist. Sie sagte, die Leute werden aufhören, sich dafür zu interessieren, mich einfach nur ausgehen oder surfen zu sehen. Sie werden nach Problemen suchen, weil das spannender sei. Sie sagte, dass es nicht lange dauern wird und wir ihnen rechtzeitig etwas geben müssen, das sie wieder für eine Weile unterhält, sodass wir den Stempel kontrollieren. Denn, wenn sie einmal einen neuen Stempel für mich haben, kippt die Stimmung aller Artikel und dann wird es mein neues Markenzeichen-“

„Sie haben kein verwertbares Foto von dir und was du da zu deinem Lehrer gesagt hast, war weder spektakulär beleidigend, noch wirklich unterhaltsam. Dafür haben sie eine großartige Story darüber, dass ich einen bislang unbekannten Iron Man-Handschuh gegen aufdringliche Paparazzi eingesetzt habe, die mein Kind vor seiner Schule belästigten, nachdem es zu Problemen mit der Captain America-Kampagne kam und nachdem es mit dem Balmeda-Artikel im Vorfeld bereits zweifelhafte Negativschlagzeilen für mich hagelte. Ist eine viel bessere Story.“ Er atmete aus. „Die Lunte brennt, ja, aber sie lässt sich noch austreten.“

„Nur, wenn ich ihnen morgen nichts mehr liefere“, endete ich säuerlich. „Oder in nächster Zeit jemals wieder.“

Tony rümpfte zustimmend die Nase.

Also, nur kein Druck , äffte mein unglücklicher Verstand.

„Ich hasse sie“, gestand ich nach einem Augenblick so leise, dass ich es kaum selbst vernahm. „Ich hasse es. Ich ---“ Ich hasse, dass es nie aufhört, dass sie immer da sein werden, einfach immer an meinem schwächsten Punkt irgendwo lauern werden, bereit mich vorzuführen, damit die ganze Welt begreift, wie wenig ich wie du bin.

Oder wie sehr.

Ich schluckte herb und starrte nach draußen, in die Schönheit dieser reflektierenden, schwarzen Fluten vor unserem Fenster, ohne zu Ende zu bringen, wozu ich angesetzt hatte.

Tony schwieg und wandte den Blick ab.

Unsere Cheeseburger wurden serviert, was die plötzlich so befangene Stille zwischen uns übertünchte. Seltsam entmutigt betrachtete ich den absurd fein dreinsehenden Burger auf meinem Teller: Köstlich dunkel gebackenes Briochebrot, auf einem nahezu quadratischen Patty, glasiert in Käse, bedeckt von angebratenem Brie, panierten Zwiebeln und Salat.

Es sah nicht aus wie ein Cheeseburger, den ich kannte. Und irgendwie doch wie ein Burger, den ich schon immer hatte essen wollen, jetzt da er vor mir stand.

Ich schielte über mein Besteck. Nope.

„Ich esse mit den Händen“, murrte ich. „Wenn sie mich rausschmeißen, nehme ich ihn mit, setze mich auf einen der Kürbisse und esse vor der Tür.“

„Okay, das hat Swag.“ Tony schmunzelte und sofort taute das undefinierbare Unbehagen in seiner Miene fort, als sei es nie gewesen. „Einverstanden. Wird ein großartiger Schnappschuss.“

Ein kleines Lächeln setzte sich auf meine Lippen.

Entschlossen, alle entgeisterten Blicke der uns umgebenden gehobenen Gesellschaft zu ignorieren, die im River einen geradezu außerweltlich romantischen Abend zu verbringen gedachte, den ich nun mit dem Anblick meiner fetttriefenden Hände direkt vor dem funkelnden Panorama zu zerbomben plante, nahm ich meinen Burger auf, presste ihn sacht zusammen und biss herzhaft hinein.

Der Saft meines Pattys rann heiß meine Finger und Handflächen hinab. Deftig kauend sah ich wieder in Tonys entschieden amüsierte Miene. „Du bist dran“, forderte ich mit halbvollem Mund. „Ist noch besser als auf einer Pressekonferenz.“

Tony schnaufte matt. Ohne meine kleine Anspielung auf seine legendäre Rückkehr aus Afghanistan zu kommentieren, griff er nach seiner beiliegenden Serviette, warf sie entspannt auf und steckte sie mit mühelos elegantem Handgriff in seinen Hemdkragen.

Misstrauisch, wohin die Reise ging, beobachtete ich ihn schluckend und kauend.

Als er seinen Cheeseburger unbeeindruckt ebenfalls mit der Hand aufnahm, gluckste ich, ehe ich erneut abbiss und realisierte, dass der formell gekleidete Junge vom Nachbartisch regelrecht gefesselt zu uns herübersah.

Ich wusste nicht wieso, aber ich zwinkerte ihm zu.

Seine Lippen stiegen in ein Grinsen, dann sah er rasch wieder auf sein malerisch angerichtetes Dessert, nicht jedoch ohne aus dem Augenwinkel wiederholt zu mir herüber zu spähen und meinen Blick zu suchen, bis Tony seinen Burger jäh ablegte und sich betont beiläufig und damit eigentlich so überhaupt nicht beiläufig nach ihm umwandte und ich urplötzlich realisierte, dass ich zum zweiten Mal an diesem Tag in einen unfreiwilligen Flirt gestolpert war.

Tonys wertend gehobene Braue ließ mich umgehend in prompter Erwiderung beide heben.

„Das mit Canada Goose läuft noch, ja?“, erkundigte er sich unmissverständlich foppend.

Ich schenkte ihm einen finsteren Blick. „Ich hab nicht geflirtet.“

„Sichere Sache? Yale 2023 dort drüben schaltet gerade in den höheren Gang.“

Ich verschluckte mich, spülte mein Entsetzen rasch mit meinem Eistee nach und funkelte Tony gleich noch etwas tödlicher an. Grinsend biss er wieder in seinen Burger.

Beschallt vom seichten Klimpern der Nachbartische und der leisen Jazzmusik, die so gar nicht zu meinen besudelten Fingern passen wollte, schluckten und kauten wir vor uns hin. Ich hatte kaum die Hände frei, da bekam ich bereits höchst aufmerksam ein feuchtes Tuch unserer Bedienung gereicht. Tony, der zu diesem Zeitpunkt längst aufgegessen hatte, genoss sein zweites Glas Wein, diesmal einen rubinfarbenen, der ihn merklich gelöster stimmte.

Er ließ den Wein sacht kreisen, als tarnte das friedliche Schwappen seine schnelle gedankliche Bestandsaufnahme aller abgehakter Gründe für dieses impulsive Dinner, ehe er sein Glas schließlich wieder abstellte, sein Kinn demonstrativ aufstützte und die Brauen zusammenzog, als sei er schlagartig zu erledigt, um noch zu denken, und fordere stattdessen mein überfälliges Fazit.

„Es war lecker“, gestand ich. „Echt gut.“

Er löste seine sanft tippelnden Finger wieder von seinem Gesicht. „Ja, nur bekommen wir jetzt nie wieder einen Tisch außerhalb der Reservierung.“

„Wenn du gleich noch ein paar Drinks an der Bar als kleine Showeinlage mit deinem Repulsor flambierst, vielleicht schon … Du weißt schon, Swag .“

Tonys linke Braue formte diese kleine Welle, die von brüskiert heruntergespielter Unterhaltung sprach und ihm eine betont unbeeindruckte Miene verlieh.

Sacht scharrte ich mit den Füßen. „Also, ich bekomme keinen Ärger mehr wegen heute“, hielt ich noch einmal zwischen uns fest, nur um ganz sicher zu sein. Da er nicht reagierte, wertete ich es als wenig involvierte Bestätigung. „… was bedeutet, dass ich ab nächsten Montag wieder raus kann und … na ja, alles wieder beim Alten sein wird, richtig?“ Ich zog meine Worte etwas in die Länge, während ich abwechselnd den Lampenschirm zwischen uns fixierte und dann wieder vorsichtig seine Miene studierte. „Und, umm , es stehen ein paar Feiertage an …“

„Halloween“, fiel er mir sachlich abkürzend ins Wort. „Du willst um die Häuser ziehen.“

„Das auch“, gestand ich. „Na ja, nicht wörtlich, nicht wie früher, wegen der Süßigkeiten oder der Parade, aber ja, zu einer Party. Es ist noch nicht ganz klar, wie und bei wem … Auf jeden Fall mit Elijah und deshalb vermutlich bei Wince, also, umm , Winston Register Borgnino, falls FRIDAY alles durchchecken soll-“

„Richtig, Destillerie-Adel, der Bauschutt nicht von außerirdischer Technologie unterscheiden kann.“ Tony machte einen müde ploppenden Laut. „Wow, das wird kompliziert … Will ich die obligatorische Präsentflasche Borgnino mehr als sicherzugehen, dass du nicht versehentlich eines der Reifefässer leerst?“

„Er schmeißt die Party nicht auf Long Island, sondern hier in Manhattan“, erwiderte ich schnell. Oder zumindest ging ich davon aus, denn sonderlich genau hatte ich noch nicht bei ihm oder Elijah nachgehakt. „Du sagtest, dass Halloween in Ordnung geht, wenn ich die Behandlung mache“, erinnerte ich weiter, „und das habe ich, ich hab sie gemacht, also spricht erstmal nichts dagegen.“

„Bestreite ich nicht. Gib mir Details und wir regeln das.“

„Ja, okay … Hm, cool.“ Ich zögerte. „Aber eigentlich ging es nicht um Halloween …“

„Anderer Feiertag …“ Tony mimte den Gewappneten. „Wir sprechen nicht vom Election Day, richtig? Bevor du Wahlpartys feindlich gesinnter Senatoren besuchst, muss Erin erst noch ein ganz neues Kapitel aufschlagen.“

„Nein“, bestätigte ich brüskiert genug, um ein wiederholt mildes Feixen auf seiner Miene zu zaubern, ohne dass die gerüstete Erwartung seinen Blick verließ.

„Dev hat erwähnt, dass Harley am Wochenende nach Thanksgiving in Boston sein wird und dass sie sich da treffen werden und …“ Ich schluckte. „Na ja, das letzte Mal, als wir zu ihr wollten, hat es nicht geklappt und ich dachte, wenn es passt --- also, wenn es irgendwie geht, kann ich dann vielleicht in Boston mit dazustoßen.“ Ich schwieg, beunruhigt, dass er meine kleine Hoffnung ruinieren mochte, jetzt da sie raus war. Tony schien nachzudenken, diesmal ernst, denn zwei kleine aufrechte Falten traten auf seine Stirn, und sofort sprudelte ich weiter: „Ich muss nicht mit einem SI-Jet hin. Wir könnten auch mit dem Auto fahren, nur Happy und ich. Es sind dann Schulferien. Und es ist noch genug Zeit bis dahin, um alles abzusprechen und durchzuplanen. Ich meine, okay , ja, es ist Thanksgiving …“ Lau beunruhigt realisierte ich, dass ich gar nicht bedacht hatte, dass Tony womöglich bereits eigene Pläne für das Familienfest des Jahres gefasst haben könnte – noch dazu dem ersten Thanksgiving, das wir wirklich zusammen feierten, nachdem das letztjährige eher von meiner akuten Trauer ausgesetzt und der Tag von ihm und Pepper weitestgehend gekonnt umschifft worden war. „Ich müsste nicht direkt an Thanksgiving hin“, ruderte ich schwach zurück. „Ich könnte auch erst abends los, sodass ich dann Freitag bis Sonntag bei ihnen wäre. Und Harley wäre auch da --- also lohnt es sich irgendwie doppelt, richtig?“ Ich pausierte. „Ich müsste nicht einmal bis nach Nashua.“

Tony schwieg, was mir das Herz ein bisschen in die Hose rutschen ließ, ehe er knapp durchatmete, sich zurücklehnte und mich ruhig und vollkommen frei von jeder Wertung fixierte. „Wir sind nächste Woche Donnerstag da.“

Ich blinzelte. Huh ?

„In Boston?“

„In Nashua.“ Tony betonte es ungewöhnlich sorgfältig, ohne mich aus dem Blick zu lassen, und ich blieb verwirrt, bis ich meinen Verstand durchforstete, den mentalen Kalender auf links drehte und es mir plötzlich wie Schuppen vor die Augen fiel. Ein erschüttertes Frösteln durchzog mich.

„Nicht der schönste Tag“, gestand er langsam. „Aber wir fliegen früh. Blumen organisieren wir schon vorher in New York. Wir bestellen sie und lassen sie liefern. Wir besuchen vormittags ihre Gräber, bringen es hinter uns, sodass du den Nachmittag ganz für Daphne und deine Leute hast. Und falls es doch zu viel wird, wenn dir danach völlig die Laune vergeht, noch irgendjemanden zu sehen, kehren wir früher heim und organisieren einen anderen Tag.“

Ich schluckte. Vage geschockt schwieg ich.

Ich hatte Janes nahenden Todestag vergessen .

Tony hatte daran gedacht. Oder zumindest hatte er sich nach entsprechend platzierter Erinnerung durch FRIDAY oder Pepper alle erforderlichen Gedanken für den unvermeidlichen Jahrestag gemacht. Er hatte sogar unseren obligatorischen Friedhofsbesuch längst durchgeplant, während ich --- während ich dasaß und über meinen Hausarrest jammerte und um Halloween schacherte und mein Leben bedauerte --- ja, an wirklich alles dachte, nur nicht an Jane oder diese lange, lange Nacht vor bald einem Jahr, in der ich zum allerletzten Mal ihre Hand gehalten hatte ---

Ich atmete nicht mehr und ich bemerkte es erst, als mir schummrig wurde.

„Sola.“

Etwas in mir zerbrach. „Ich hab gar nicht daran gedacht -“

Ich verlor meine Stimme.

„Ist nicht schlimm“, versicherte Tony. „War viel los.“ Als habe ich bloß eingestanden, meine Jacke wider besseres Wissen im Wagen liegen gelassen zu haben, spross jäh ein Lächeln über sein Gesicht wie späte Sonnenstrahlen über dem Santa Monica Pier.

Es überforderte mich kurz, wie offen und unverfälscht sich Liebe und Zuneigung plötzlich in seiner gesamten Mimik niederließen, von seinen Pupillen bis in die feinsten Fältchen, die um seine Augen fortstrahlten, und dem milden Bogen seines Lächelns. Ein Blick, wie ihn die Presse nie erlebte und ihn kaum einer von ihm kannte. Ein Blick, der jede Sturmwolke in meinem Leben kurzzeitig durchbrach und mir und Pepper allein gehörte.

Ich nickte langsam, dann gab ich mir einen Ruck und erwiderte sein Lächeln matt, einfach, weil ich nicht dagegen ankam.

„Okay“, sagte ich, „dann nächste Woche.“

Und kaum, dass ich es aussprach, begriff ich: Ganz egal, wie schwer mir dieser Tag fallen würde, es würde derselbe Tag sein, an dem ich Daphne wiedersah. Seit den Wochen in Malibu schien ein halbes Jahrhundert und nicht bloß wenige Monate vergangen.

Ich sah sie wieder. Schon nächste Woche. Nashua . Straßen, Töne und Bäume, die ich vermisste . Vielleicht sogar Jessy und Sid. Mein Herz weitete sich warm und dicht.

Prompt schielte ich zu meinem StarkPhone. Doch ehe ich danach greifen und mein baldiges Auftauchen mit ihr teilen konnte, um zumindest ihrem Tag einen wirklich aufhellenden Abschluss zu geben, erschien schon wieder jemand aus der Küche und brachte uns unser Dessert: Ein kleines, perfekt getürmtes und flambiertes Schaumhäubchen, das aus Baiser auf violetter Beerensalsa zu bestehen schien, umgeben von geraspelten Flocken weißer Schokolade, einer fruchtigen Soße, Brombeeren und fliederfarbener Eiscreme, welche mir ganz ungefragt als Lavendel-Earl-Grey-Variation vorgestellt wurde, da ich mich anscheinend als ahnungslos genug erwiesen hatte, um durch unsere Bedienung kulinarisch geschult zu werden, die mich eindeutig daran zu erinnern versuchte, dass es sich bei ihnen immer noch um ein Michelin-Stern-Restaurant handelte und keiner billigen Imbisshütte, wie sie in Rest-Brooklyn ansonsten zu Haufe zu finden war.

Ich warf Tony einen schiefen Blick zu. Er ließ sich nichts anmerken, vielleicht weil ich es durchaus verdiente.

Rasch ließ ich Daphne wissen, dass ich noch im Restaurant war, mich aber bei ihr melden würde, sobald ich daheim war, da ich den elterlichen Prozess mit dem völlig irrationalen Urteil nicht schuldig verlassen hatte. Dann nahm ich meinen Löffel auf, bereit zumindest dieses kleine mir zugekommene Glück zu feiern, das ich morgen früh im Angesicht des blitzlichtgenerierenden Hornissenschwarms vor meiner Schule ganz sicher wieder vergessen haben würde, und arbeitete mich durch mein Dessert.

Doch auch die Tatsache, dass es meinen Verstand sprengte, wie fantastisch jeder Bestandteil auf meinem Teller blieb, konnte nicht verhindern, dass ich binnen Sekunden wieder gedanklich durch jeden Reinfall und Rückschlag meines Tages abzudriften begann, als sei ich unverändert in einer Art Spiegellabyrinth gefangen; eines, wie ich es früher mit Jane und Daphne auf jedem Jahrmarkt für den bloßen Nervenkitzel völliger Orientierungslosigkeit besucht hatte; eines, in dem ich mich ohne Hilfe drehen und wenden konnte, wie viel ich wollte, und doch mit jedem Schritt voran nur wiederholt auf Glas traf, das mit jeder sachten Kollision irgendwo tief in meinem Unterbewusstsein bedrohlich kurz knackte.

Eine Art nervöse Beklemmung, die mich nicht losließ, ehe ich nicht hinausfand und wieder beruhigende Übereinstimmung in dem fand, was ich sah und was war .

„Also …“, ergriff ich betont unaufgeregt wieder das Wort, kaum dass meine Geschmacksknospen aus dem Himmelreich zurückkehrten, in das sie kurzfristig katapultiert worden waren, ohne sich von der unvermindert wachsenden Schwerkraft meines Geistes beeinflussen zu lassen. „Peter kennt Spider-Man?“

Tony blinzelte. „Sagt wer?“

„Peter.“

Obwohl alles in mir danach verlangte, sah ich ihn nicht an, sondern kratzte den halbierten Baiserberg beharrlich weiter wie den plastischen Entwurf eines improvisierten Iglu-Kunstprojekts aus.

„Sagt er das, hm?“

Scheiße . Ich brachte Peter in Schwierigkeiten.

„Er hat es den anderen gesagt“, ergänzte ich, weil ich das Gefühl bekam, es zumindest in Kontext setzen zu müssen, wenn ich Peter schon in die Bredouille brachte, Tony zu erklären, weshalb ihr wohlgehütetes Geheimnis nicht einmal zwei Wochen standgehalten hatte. „Heute. In unserer Sportstunde. Ich war nicht dabei, MJ hat es mir erzählt. Ich glaube, er hat es gesagt, um …“ Widerstrebend schob ich mir einen Löffel Eis in den Mund. „Na ja, er hat es wohl verraten, damit sie mich nicht wieder wegen Deutschland löchern … Wegen dieser Kampagne haben alle wieder nur darüber gesprochen. Ob ich am Flughafen dabei gewesen bin oder nicht und … von irgendwelchen Fotos von uns vor der Klinik. Er wollte bloß ablenken, glaub ich.“ Ich schabte weiter an meinem Baiser und sah beiläufig auf in seine Miene. „Also … stimmt es?“

Tony verdrehte die Augen. „Peter weiß, wer Spider-Man ist. Ja.“

Seine kurzbündige Antwort verwandelte meine Theorie rund um alles, was Peter betraf, in endgültige Gewissheit.

Ich schwieg, während mein Löffel durch die verbliebenen Reste meines Desserts kreiste, ohne irgendetwas davon noch wirklich anzurühren. „Er hat dich also überzeugt?“, fragte ich leise.

„Er hat gute Referenzen. Er hat’s verdient. Hat Einsatz gezeigt.“ Tony antwortete diese winzige Millisekunde versetzt, die mir sagte, dass er etwas als banal und selbsterklärend zu verkaufen versuchte, hinter dem eine sehr viel größere Geschichte stand, als er vor mir zuzugeben gedachte.

„Er ist echt klug, ja“, gestand ich ein. „Okay, ja , er hat es echt drauf. Aber du hattest Spider-Man schon vorher auf dem Schirm. Ich hatte dir die Videos schon vor Monaten gezeigt.“

„Du willst von mir wissen, wer drinsteckt. Im Spinnen-Strampler.“

Ich ließ meinen Löffel los. „Ja, klar. Wie denn nicht? Er war dort und-“ Sofort unterbrach ich mich, als ich sah, wie schnell seine Mimik in Missfallen und unverhohlene Warnung kippte. „Ich meine, okay , nein --- darum geht es nicht. Unnötiges Risiko, ich soll es nicht wissen, schon klar, Avengers-Terrain.“ Röte schoss ungebremst meinen Hals empor, obwohl der kurze Stich, dass Peter anders als ich regelrecht involviert blieb, schmerzhaft fein durch mich hindurchfuhr. Ich schluckte schnell. „Aber es ist nur --- du sagtest … also, beim Frühstück in Berlin sagtest du-“

„Es ist ein Pilot.“ Tony fiel zurück in seinen Stuhl. Auf meinen verwirrten Blick hin, hob er enerviert das Kinn. „Dieser Versuch , nicht Spider-Man. Wir schauen uns an, wie es läuft. Gib dem Ganzen ein Jahr – Minimum. Macht er sich weiterhin gut als maskierte Nachbarschaftshilfe, stimmt sich mit … seinen Ansprechpartnern ab und stellt nichts an, was über das übliche Maß Sachbeschädigung und Lärm hinausgeht, gehört er irgendwann zum Team. Dann machen wir es offiziell. Bis dahin, strenges Betriebsgeheimnis. Roger?“

Ich nickte schnell. „Roger.“

Ich atmete aus und aß mein Dessert zu Ende, auch weil ich es urplötzlich nicht mehr über mich brachte ernsthaft nachzuhaken, wie wenig Wahrheit wirklich in seiner kurzen Bemerkung gesteckt hatte, dass er meinetwegen einen näheren Blick auf Spider-Man geworfen hatte.

Etwas in mir wollte es gar nicht hören, diese enttäuschend nüchterne Wahrheit, dass selbstverständlich viele Faktoren zusammengekommen waren, darunter auch Peters intellektuell herausragende Argumentationsführung oder Heldenstudie oder was auch immer er Tony spontan unterbreitet hatte, denn --- Sola, diese Dinge sind komplex. Wenn jeder bloß eine irgendwie geartete Superkraft und ein halbwegs erfolgreiches Bewerbungsvideo bräuchte, um bei uns anzufangen, könnten wir in jedem Bundesstaat ein Team aufstellen . Jupp, ich wusste , was Tony hierzu sagen würde. Ich konnte es bereits in meinem inneren Ohr abspulen, bis hin zum frustrierten Stakkato seiner Worte.

Meine neckend wiederkehrende Empfehlung, Spider-Man als neues Mitglied der Avengers in Betracht zu ziehen, war ganz einfach etwas, über das er nun im Nachgang hatte schmunzeln können, frei nach dem Motto: Auch ein blindes Huhn fand einmal ein Korn.

Ich hatte meinen witzelnden Vorschlag schließlich nicht einmal selbst ernst genommen, bis Tony die ganze Sache in Berlin wieder aufgegriffen hatte. Und bloß, weil es nun Peter war, der hier anscheinend die wahre Überzeugungsarbeit geleistet hatte, war ich nun --- was , verletzt?

Je länger ich darüber nachsann, desto lächerlicher und kindischer fühlte es sich an, darüber zu brüten. Ich gab mir einen Ruck.

„Peter hat nicht erwähnt, dass er einer eurer neuen Kandidaten ist“, setzte ich nach. „Wirklich nicht, er sagte bloß, dass er ihn kennt. Das war alles. Also …“ Ich rollte knapp mit den Augen. „… keine Ahnung, kein Grund, sein Praktikum zu beenden oder ihn runter in die Laborreinigung zu schicken oder ihm zu sagen, dass ich ihn habe auffliegen lassen, oder so etwas, okay?“

Tony schnaufte matt. „Okay.“

„Tony“, zog eine unbekannte Stimme unsere Aufmerksamkeit jäh auf sich. „Schön, dich hier zu sehen.“

Ein Mann, Ende Fünfzig, mit hellbraunem Haar, ungewöhnlich weitem Lächeln und lavendelblauen Augen trat an unseren Tisch. Er und seine Tischgesellschaft schien gerade dabei aufzubrechen.

Sein maßgeschneiderter Anzug, anders als Tonys Interpretation vollkommen unauffällig und ganz und gar klassisch, drückte dennoch ein Selbstverständnis aus, das nichts mit der Standardausstattung jedes zweiten frühmorgendlich dahineilenden Bewohners von New York City zu tun hatte, weshalb mich auf Anhieb das Gefühl überkam, ihn irgendwoher kennen zu müssen.

An seiner Seite stand Yale 2023, gewelltes, kastanienbraunes Haar, dunkler Blick mit noch dunkleren Augen, aber derselbe Mund, dasselbe Lächeln mit denselben tiefen Falten, die sich von seinen Nasenflügeln zu den Mundwinkeln zogen, und dahinter winzige, fast unsichtbare Grübchen. Entweder sein Sohn oder sein Enkel, schlussfolgerte ich, während ich bemüht gleichmütig dreinsah, als habe er mich nie mitten in diesem Sternerestaurant ganz unzeremoniell in einen allein für mich servierten Cheeseburger beißen sehen.

Tony spielte widerwillig überrascht, auch wenn er es eindeutig nicht war. „Norman.“

„Mein Beileid. Diesen Hyänen von der Presse ist wirklich kein Stück Fleisch zu verdorben.“

„Anscheinend nicht so verdorben, um nicht weiteren Appetit zu wecken.“

„Übersättigung trifft es eher. Dieser Mann scheint heute von einem Sender zum nächsten gejettet zu sein. War schwer, sich dem zu entziehen, wenn sein Kurzinterview zwischen jedem halbwegs seriösen Nachrichtenblock und Börsen-Update reinszeniert wird.“

Nicht ganz sicher, ob es mich erleichterte, dass er bloß von Josh Balmeda sprach und seinen unhaltbaren Diffamierungen gegen jeden, den ich liebte, biss ich mir sacht auf die Zunge und verfolgte stumm, Tonys vermeintlich bestätigende, wenngleich nichtssagende Reaktion.

Als der Fremde erwartungsvoll ausharrte, wechselte er unbeeindruckt das Thema: „Oscorp schreibt gute Zahlen.“

Vor uns stand Norman Osborn , begriff ich schlagartig. Geschäftsführer und Gründer von Oscorp. Auch wenn ich mich bislang nicht allzu genau mit all den Unternehmen beschäftigt hatte, mit denen Stark Industries vorrangig in Konkurrenz stand, hätte ich ihn sofort erkennen müssen. Es gab wirklich nicht viele Unternehmen, die SI in Bereichen innovativer Forschungsfelder wie Militärtechnologie, Gentechnik und Robotik hin und wieder das Wasser reichen konnten.

„In der Tat“, gab Osborn nicht ganz unzufrieden zu, „unsere Marktanteile wachsen.“

„Die Übernahme von AIM hat sich demnach rentiert.“

„Oh, absolut.“

„Oscorp konnte sich einige ihrer interessanteren Regierungsaufträge sichern, vermute ich?“

„Ich bin ehrlich, ich war überrascht, dass ihr nicht vor uns zugeschlagen habt. Nach dem Desaster um Killian war es ein regelrechter Räumungsverkauf. AIM hätte sich gut in SIs neuere Forschungsfelder gefügt, nahm ich an.“

„Pepper war nicht überzeugt.“ Tony sprach so lapidar unbeeindruckt, dass es keinen Zweifel daran ließ, dass auch er AIM für einen Fehlgriff hielt. „Ihr Produkt- und Patentportfolio hat sich nicht wirklich mit SIs Branding vertragen.“

Osborns Augen funkelten auf, als habe er ihn bei einem gewieften Schachzug erwischt. „Ihr habt jemand anderen ins Auge gefasst.“

Die Lippen fest geschlossen, hielt Tony seinen Blick und ließ sein überschlagenes Bein bedächtig wippen.

„Es ist Pym, hab ich recht?“, schmunzelte Osborn.

Mein Vater hob undeutbar die Mundwinkel. Es mochte genauso sehr undurchsichtige Bestätigung sein wie geringschätzige Verurteilung und es irritierte mich, wie unverändert höflich das Lächeln auf Norman Osborns Gesicht blieb, bis ich mir wieder ins Gedächtnis rief, dass ich dieses Mienenspiel erst als die passiv-aggressive Musterung zu verstehen begonnen hatte, die es war, seit ich unter Tonys Dach lebte.

„Eine wirklich kluge Frau, Pepper Potts.“ Osborn nickte und sah knapp zur glitzernden Skyline über den schwarzen Fluten des vor uns liegenden Hudsons. „Den unschönen Implosionsunfall unter Darren Cross mal außer Acht gelassen, haben sie in Hanks Laboren in den letzten Jahren ein paar wirklich interessante Fortschritte in der Quantenforschung gemacht, von ihren Projekten im Bereich Nanotechnologie ganz zu schweigen.“ Osborn nickte langsam. „Es würde eine schöne Schlagzeile machen, dieses alte Kriegsbeil zwischen euch beendet zu sehen. Sich Pym einzuverleiben, hätte für SI seine Vorteile, kein Zweifel.“

Tony sagte nichts.

„Seine Tochter, Hope van Dyne, führt nun die Geschäfte, wie ich vernahm – oder zumindest das, was nach dem Verlust von Cross Technologies und ihres Hauptstandorts davon übrig ist, was immer noch reichlich interessant sein dürfte.“

Tonys Schweigen blieb undurchdringlich.

„Nun, richtig, Oscorp … Noch nicht ganz das, was ein SI ist, zugegeben …“ Osborn schmunzelte und es klang unversehens sympathisch. „Aber wir brauchen uns wirklich nicht zu verstecken, nicht wahr, Harry?“

Er sah zu seinem Sohn.

Der vage rothaarige Junge lächelte, doch etwas an dem Lächeln wirkte unangenehm bemüht.

Als falle es ihm jäh ein, hob Osborn den Finger: „Vielleicht noch eines. Ich war überrascht, dass Quentin Beck bei uns vorstellig geworden ist. Wir hatten eine Position in einem neuen Großprojekt zu besetzen, deshalb kam es natürlich gelegen, euch die eine oder andere Fachkraft weg zu luchsen, aber ich bin doch neugierig. Mir schien Quentin war ein wichtiger Bestandteil von SI, gerade im Bereich audiovisueller Robotik und Simulationstechnik. Erst neulich hat Harry für ein Schulprojekt eine Präsentation über euer kostspieliges S.E.N.F.-System gehalten. Es ist wirklich beeindruckend. Bahnbrechend in vielerlei Hinsicht. Ich nahm schwer an, ihr weitet die Nutzung cerebral gesteuerter holographischer Benutzerinterfaces in Zukunft noch auf andere Anwendungsgebiete außerhalb der klinischen Traumatherapie aus, um die enormen Ausgaben wieder reinzuholen, die diese Entwicklung verschlungen hat?“

„Eine sinnvolle Ausweitung der Anwendungsgebiete ist angedacht“, antwortete Tony, „aber das schließt den Verkauf unserer Hologrammtechnik an Militär oder Privatfirmen ausdrücklich aus.“

Norman Osborn sah bedauernd drein. „Ja, Quentin sagte, es sei zu kreativen Differenzen gekommen, die einer weiteren produktiven Zusammenarbeit im Weg standen. Ich bin gespannt.“ Er nickte abschließend. „Nun ja, man sieht sich, Tony.“

„Norman.“

Harry Osborn schenkte mir ein Lächeln und diesmal wirkte es ehrlich. Ich erwiderte es knapp.

Ihm schien etwas auf den Lippen zu liegen, aber als sein Vater sich in Bewegung setzte, nickte er bloß und folgte ihm. Kaum, dass beide Osborns aus dem Restaurant verschwanden, hob ich fragend beide Brauen. „Ihr wollt Pym Technologies kaufen?“

„Nein“, erwiderte Tony vollkommen unbewegt. „Aber Oscorp, wie es scheint.“ Aufbruchsbereit legte er seine Serviette aus der Hand. „Fertig?“

Ich nickte.

-/_\-

Tony zahlte unsere Rechnung und ließ ein üppiges Trinkgeld da, dann sammelten wir Happy ein und traten wieder hinaus in den von Lichterketten und Kürbissen erleuchteten Vorhof im Schatten der gewaltigen Brooklyn Bridge.

Der späte Abend war so frisch und die Luft so feucht vor längst eingenistetem Herbst, dass ich als Erstes wieder im Wagen saß, kaum dass wir ihn erreichten.

Ehe er hinzusteigen konnte, schien für Tony ein Anruf einzugehen, der ihn die Autotür unverrichteter Dinge wieder zufallen und kurz darauf auch seine FRIDAY-unterstützte Brille aufsetzen ließ. Ich sah ihn reden und über das unregelmäßige Pflaster des romantisch beleuchteten Vorhofs tigern, während Happy unentschlossen vor der Fahrertür ausharrte, als sei er sich nicht recht sicher, ob Tony uns überhaupt heimbegleiten würde.

Mein Gefühl täuschte mich nicht, denn einen kurzen Augenblick darauf, gab Tony ihm schon ein knappes Zeichen und er stieg ein.

„Dein Dad hat zu tun“, ließ er mich wissen. „Er geht noch ein paar böse Jungs aufmischen. Aber wir machen jetzt Feierabend.“

Ich gluckste dunkel, auch wenn ich mit gleich wieder unbehaglichem Gefühl zu ihm hinaussah, als unser Wagen langsam anfuhr und knirschend vor dem Rondell wendete. Tony klopfte im Vorbeiziehen gegen meine Fensterscheibe, gab mir mit rein theatralischer Mimik zu verstehen, nicht so bedrückt dreinzublicken, was mir umgehend sagte, dass seine High-Tech-Brille ihn geradewegs durch das geschwärzte Fensterglas blicken ließ, dann traf in seinem Rücken auch schon sein Iron Man-Anzug ein und er trat lässigen Schrittes mit demonstrativ geweiteten Armen zurück und ließ sich von den rotgoldenen Bauteilen verschlingen.

„Ist nichts Großes“, versicherte Happy, als er in unserem Rückspiegel in den nachtschwarzen Himmel emporschoss. „So etwas hat er schon vor den Avengers geregelt. Er kommt klar.“

„Jupp“, murmelte ich. „Absolut normal.“

Happy schmunzelte.

Als ich mein StarkPhone herauszog, begrüßte mich eine Lawine verschiedenster Benachrichtigungen; die jüngste darunter eine durch FRIDAY als verifizierte und unbedenklich eingestufte Follower-Anfrage, nicht älter als fünf Minuten:

Harry Osborn (@ISwearImNormal) möchte dir folgen.