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Artefakt

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Artefakt

Kapitel 35: Artefakt

Der Geruch von glasierten Champignons begrüßte mich, als ich am nächsten Nachmittag aus der Schule zurückkehrte.

Obwohl ich fest davon ausgegangen war, bis zum Abend niemanden daheim anzutreffen, entdeckte ich Tony in legerer Strickjacke am Herd, halb verdeckt vom holographischen Bild eines Telefonats, kaum dass sich die Türen unseres Lifts öffneten und die Sicht auf unsere weite Wohnfläche freigaben.

„-das nennt sich liebevolle Strenge“, vernahm ich Rhodey beharren. „Das ist eine gute Sache, Tony. Hör bloß nicht damit auf.“

Ohne im gemächlichen Umrühren innezuhalten, sah mein Vater über die Schulter zu mir herüber. „Du hast es gehört“, bemerkte er, als sei ich nicht erst in dieser Sekunde über die Schwelle getreten. „Onkel Rhodey, harter Hund, legt Veto ein. Kein Pardon.“

„Warte --- ist sie da?“

„Gerade reingekommen.“

Rhodey entließ den Atem. „Tony, so etwas bespricht man nicht vor den Kids! Du fliegst auch nicht raus und knobelst direkt vor den Waffenschiebern aus, wie du sie in den nächsten Minuten hochzunehmen planst-“

Tony winkte ab. „Sie weiß, dass ich noch an gewissen Techniken feile.“ Unbewegt nahm er die nahestehende Weißweinflasche zur Hand und warf einen beiläufig interessierten Blick auf das pergamentartige Etikett.

„Weiß ich nicht“, bemerkte ich knapp.

Er warf mir einen süffisant durchtriebenen Blick zu, stellte die Flasche wieder beiseite und fuhr damit fort im köstlich dampfenden Topf zu rühren.

„Oh nein …“, ließ Rhodey vernehmen. „Nein, nein, nein, du schiebst mir hier nicht die Buh-Karte zu … Das war deine Entscheidung, es auf die langatmige Tour anzugehen, Tony. Wenn du jetzt nicht durchhältst, weil deine Kleine dieselben schimmernden Bambi-Augen macht, die du sonst nur aus dem Spiegel kennst, ist das dein ganz persönliches Problem, das dir jetzt deftig in den Hintern beißt.“

Vorwurfsvoll umrundete ich das Hologramm und sah ihn mürrisch an. „Ich mache keine Bambi-Augen.“

Tony schniefte. Er warf sich ein Geschirrtuch über die Schulter.

„Na, vielleicht solltest du“, gab Rhodey prompt zurück. „Denn dein alter Herr dort drüben ist kurz davor, alle Maßnahmen fallen zu lassen. Will man gar nicht meinen, wenn man darüber nachdenkt, wie verteufelt lange du dich in unserem explosiven Schlagabtausch in Hürdenläufen und spontanen Luftakrobatiken versucht hast, die er da noch so gar nicht cool fand. Zumindest, sofern ich mich hier richtig erinnere. Vision hat bloß meinen Anzug und nicht auch sämtliche meiner Gehirnzellen frittiert, ja?“

Seltsam erhitzt vor vager Scham wandte ich den Blick zurück auf die marmorne Platte unserer Kücheninsel ab, während Tony mit unlesbar nüchterner Miene etwas Brühe in seinen Topf nachgoss und weiter umrührte.

„Wie auch immer ... Ist nicht meine Entscheidung.“ Schlagartig ernüchtert ließ Rhodey seinen Kopf in das Polster seiner Couch zurückfallen. „Ich liebe euch, Leute. Lasst das Risotto nicht anbrennen. Und bleibt friedlich.“

Das Hologramm verschwand, als er unversehens auflegte.

Schweigend sah ich zu Tony herüber. Wenn Rhodeys Bemerkung sämtlichen Ärger aus Berlin wieder in ihm aufgeschwemmt hatte, war davon nichts zu sehen.

„Komm her“, erklärte er bloß, „hilf mir mal.“

Bedächtig warf ich meinen Rucksack und meine Jacke auf die Couch und trottete zu ihm herüber.

„Weiterrühren“, wies er mich an, als er mir just den Kochlöffel überließ, beiseitetrat und sich mit dem Geschirrtuch über der Schulter schon einer bereitstehenden Reibe und einem Block Gruyère-Käse mit scheinbar uralter Kruste zuwandte, von der ich inzwischen vermutete, dass sie für europäische Käsedelikatessen eine Art hochpreisiges Qualitätssiegel darstellte.

Im Topf unter meinen Händen quellte eine sämige Melange aus Reis und Champignons.

„Es riecht gut“, gestand ich.

Tony warf mir ein unmissverständlich stolzes Lächeln zu.

Ich hätte fragen können, wieso er am Herd stand, wieso er nicht in der Werkstatt drei Projekte gleichzeitig vorantrieb, Dum-E drangsalierte und dabei brühend heißen Kaffee wie Limonade herunterspülte. Ich hätte fragen können, wieso er uns ein hochkarätiges, selbstgekochtes Abendessen zubereitete, nachdem wir erst gestern gemeinsam ausgegangen waren. Oder wieso er plötzlich mit dem Gedanken spielte, meinen Hausarrest früher als geplant zu beenden, nachdem er sich die vorherigen Tage noch so herzlich unbewegt angesichts meines ganzen unterdrückten Frusts gezeigt hatte, dass ich nicht einmal versucht hatte, ihn zu bezirzen.

„Wieso kochst du Risotto?“, war jedoch alles, womit ich herausrückte.

„Pepper sagte, du stehst drauf. Also habe ich sie nach dem Wie gefragt. Et voilà .“

Misstrauisch schob ich die Brauen zusammen, während er bereits wieder neben mich trat und den Gruyère-Käse in das Pilz-Risotto zu reiben begann.

„Isst sie heute mit uns?“

„H m ?“

„Pepper?“ Ich sah ihn vorsichtig an. „Kommt sie her? Kochst du … deswegen?“

„Nein.“

Schweigend rührte ich weiter, bis er Reibe und Käseblock wieder beiseite packte, lässig wie ein prämierter Küchenchef etwas Salz in den Topf nachwarf und auch schon zwei vorgewärmte Steingutschüsseln auf der Kücheninsel platzierte.

Ungeduldig bedeutete er mir wieder vom Herd wegzutreten. Ich ließ mich nicht zweimal bitten, schlurfte beiseite und beobachtete wie er unser Abendessen mit einer Kelle aufzuteilen begann.

Er sah kaum auf, als er fragte: „Wie war die Schule?“

Ich zögerte. „Okay.“

Wieder hatte mich eine unheimlich große Traube Fotografen und Journalisten vor der Midtown High empfangen, aber diesmal hatte unser Schulpersonal überraschend vorgesorgt und einen Durchgangsbereich mit Absperrgittern geschaffen und somit war ich beinahe unbelästigt mit allen anderen eintrudelnden Schülern ins Gebäude gelangt.

Vor meiner Englischstunde hatte es mir heute besonders gegraut. Nach dem gestrigen Vorfall rund um meine Flucht aus seiner Nachsitzstunde war ich besorgt gewesen, was mich in Mr. Liebers Unterricht erwarten mochte. Ich war für nahezu jeden Auswuchs der Verstimmung gewappnet gewesen, doch am Ende hatte Mr. Lieber sich nicht anders verhalten als sonst auch. Er hatte mir sogar für meine Gedanken zu Bettys präsentierten Hausaufgaben gedankt, obwohl meine Einschätzung denkbar wenig zu irgendetwas beigetragen hatte. Ja, es hätte schlicht und ergreifend gar nichts zwischen uns vorgefallen sein können, wenn nicht die ganze Welt bereits den Beweis in Form des online kursierenden Videos in ihrer Hosentasche mit sich herumtrüge.

Ich war mir nicht sicher, ob einer der beiden Jungs für die Veröffentlichung des Videos Ärger bekommen hatte, aber da Mr. Harrington uns alle heute nochmal zu einem sensiblen und rücksichtsvollen Umgang mit den sozialen Medien in Bezug auf unsere Mitschüler und unseren Schulalltag aufgerufen hatte, schien die Ursache des eskalierten Presserummels vom Vorabend und Tonys skandalösem Repulsoreinsatz nicht gänzlich an Morita vorbeigegangen zu sein.

Etwas sagte mir deshalb, dass Ora und Pearson heute Morgen durchaus ihre eigene sehr unrühmliche Zeit in Mrs. Salzers Sekretariat abgesessen hatten.

Auch wenn es bloß ein schwacher Trost insgesamt blieb.

Denn kurz nach der Mittagspause hatte ich in meinem Spind eine neue hässliche Botschaft vorgefunden. Neben einem kleinen Schwall feiner Daunenfedern, die beim Öffnen meines Spinds aufgeweht worden waren, hatte erneut ein schmaler Zettelstreifen darin gelegen, darauf lediglich ein kurzer Seitenhieb notiert:

Iron Chicken.

Ohne mir etwas anmerken zu lassen und mit allergrößter ungerührter Fassung, hatte ich die wenigen Federn beiläufig von meinem Oberteil geschnipst und mein Ökonomiebuch herausgeholt, überzeugt davon, dass mich irgendjemand filmte, und fest entschlossen, keinem meiner Mitschüler heute weiteres hundertprozentig viral gehendes Material zu liefern. Niemand hatte sich zu erkennen gegeben oder sich auffällig verhalten, niemand hatte sich getraut , tatsächlich hatte kaum einer überhaupt zu mir herübergesehen, dennoch hatte der Gedanke heiß in meinem Hinterkopf nachgepocht, selbst noch als ich wenig später in Wirtschaftslehre über kostengünstige Lieferketten- und Transportwege gegrübelt hatte. Am Ende hatte ich zwar eine Bestlösung vorstellen können, die Mrs. Scapetto wiederholt schwer entzückt dreinsehen lassen hatte, weil diese nicht einmal in ihren Lösungsvorschlägen enthalten gewesen war, aber es hatte nichts daran geändert, dass ich auch für den Rest der Stunde argwöhnisch und unfokussiert geblieben war, während Betty mich zu meinem Lösungsweg gelöchert und Flash es einfach unter dem kapitulierend gerauntem Punkt Stark-Level ins gedankliche Archiv verschoben hatte.

Dennoch – der Tag war okay gewesen. Ganz sicher unaufgeregter, als ich es gestern Abend befürchtet hatte, all den aus dem Boden sprießenden Boulevardartikel und Online-Diskussionen über Tonys elterlichen Herangehensweisen zum Trotz, die ihn nun – nach dem Balmeda-Interview und seiner gestrigen Kamera-Sabotage – nahezu einheitlich einen Helicarrier-Dad getauft hatten, anscheinend eine Mischung aus Helikoptervater, gepaart mit dem draufgängerischen Leichtsinn eines Superhelden, wie FRIDAY für uns freundlich hemmungslos herausgearbeitet hatte. Ein Schlagwort, das sich so wunderbar in Tony Starks neu entfachte mediale Omnipräsenz seit dem unterzeichneten Sokovia Abkommen fügte, dass die Paparazzi hierfür nun definitiv eine Weile auf der Lauer liegen würden.

Eben der Selbstläufer, den Tony mir erst gestern im River prophezeit hatte.

„Kann ich ein Reel machen?“, erkundigte ich mich vorsichtig, kaum dass das Risotto verteilt war.

Tony nahm das Geschirrtuch von der Schulter. „Klar.“

Mit aufgestützten Ellbogen startete ich die Aufnahme.

Er sammelte ein paar gehackte Kräuter ein und streute sie über die beiden Risotto-Portionen, ehe er mir auch schon ein schnelles Lächeln direkt in meine Kamera schenkte und ich die Aufnahme genau im richtigen Moment wieder beendete.

Ich lud es direkt hoch:

IronGirl_KPC Tony hat gekocht. Irgendetwas ist faul.

Sofort kassierte ich ein paar Smileys mit Herzaugen, einen ganzen Schwarm davon allein von Jessy. Harley fragte, ob ich keine Nachrichten sah, und versicherte mir, dass Tony anscheinend ganz in seinem neuen Helicarrier-Dasein aufging, ehe Daphne schon nachsetzte, dass wirklich keine Gefahr von dem Risotto ausging, da Tony mich in der Regel schon zur Vorspeise flambierte. Elijah vollendete es mit einem ganz und gar unbewegten „Hau rein.“

Kein einziger Hater, weil Erin und FRIDAY meine Follower-Bubble klein, gesund und privat halten.

Tony wusch sich die Hände. „Wie lautet das Urteil?“

Ich schnaufte. „Eine Millionen Herzen. Vater des Jahrhunderts. Bla bla . Ob du kochst oder nicht, macht überhaupt keinen Unterschied. Helicarrrier-Dad? Whateva . Iron Man gleich Jackpot. Jeder will ich sein. ”

Tony grinste unverschämt bestätigt. „Tatsachen. Irgendwelche Einwände?“

Ich krauste die Nase. „Nein, ich bin ein Glückspilz.“

Er lachte, so kurz und unbefangen selbstverliebt, dass ich es ihm beinahe übelnahm.

Dann erschien ein Kommentar von Harry Osborn und meine Aufmerksamkeit sprang zu meinem hochgeladenem Reel zurück:

ISwearImNormal Sind NYC die *Burger-Emoji* ausgegangen?

-/_\-

„Wie sieht die weitere Abendplanung aus?“, erkundigte sich Tony, als er wenig später das Besteck weglegte und sich zufrieden gesättigt in seinen Stuhl zurücksinken ließ.

Kauend hob ich die Schultern.

Wir hatten uns eine gute Weile über alles und nichts unterhalten. Dann hatte ich mich nach dem Fertigungsstand von Rhodeys Exoskelett erkundigt und wir waren in seine Werkstattprojekte abgedriftet. Tony hatte mir versichert, dass das erste Modell des intelligenten Exoskeletts, das ihm zukünftig wieder das aufrechte Laufen ermöglichen würde, weitestgehend finalisiert war. Eigentlich sprach nichts dagegen, dass Rhodey nicht schon in der kommenden Woche seine ersten Gehversuche starten konnte. Die einzelnen Bauteile befanden sich bereits bei FRIDAY in Produktion.

Die sichtliche Erleichterung, die diese unaufgeregt platzierte Nachricht in mir hinterließ, schien ihn nur zu befeuern. Er begann ein paar Details aufzugreifen, über einzelne Stellschrauben nachzusinnen, mit denen er noch nicht endgültig zufrieden war, die er aber die nächsten Tage zu lösen gedachte, dann war er abgeschweift und hatte eine Weile über verbesserte Schubdüsen zur neuen Maximierung der Beschleunigungsleistung für das neue Mark-47-Modell seines Iron Man-Anzugs und integrierte selbstauslösende Fallschirme und weitere Flugstabilisatoren für die SUN-2 monologisiert; Verbesserungen, die er anscheinend allesamt für unentbehrlich hielt.

Meine unterbewusste Anspannung hatte sich weiter und weiter gelockert. Ich hatte gewohnt fasziniert an seinen Lippen gehangen, hatte gegessen und gelauscht, aber irgendetwas daran hatte sich immer noch wie Smalltalk angefühlt, wie ein bloßer überbrückender Austausch, der mir lediglich den erforderlichen Rahmen lieferte, mein Risotto zu verdauen und in die emotional besänftigende Decke zu sinken, die er so zielsicher vor mir aufschlug.

„Noch irgendwelche dringenden Hausaufgaben?“ erkundigte er sich nun so beiläufig abschließend, als sei tatsächlich nichts weiter im Busch.

Ich schüttelte den Kopf und sammelte mit der Gabel das letzte Risotto zusammen. „Nicht für morgen.“

Tony stierte auf die Tischplatte. Ich spürte, dass er den Moment abpasste, dann hob er den Blick schon wieder zurück in mein Gesicht. „Also gut … Wie wär’s? Wollen wir heute einen ersten Versuch starten?“

Ich konnte ihm die still gewappnete Anspannung ansehen, als ich den letzten Bissen meines Risottos hinabschluckte. Obwohl sich in meinem Magen ahnende Unruhe regte, blinzelte ich. „Versuch?“

Tony beobachtete mich. „S.E.N.F. Eine erste Session.“

Mein Magen sackte ab.

„Nicht mehr als ein kleiner gemeinsamer Testlauf.“ Bedächtig hielt er meinen Blick. „Wir sehen uns das System nochmal an und ich erkläre dir alles. Wir rekalibrieren dein Profil, stellen sicher, dass alle Settings für den Einstieg sitzen … Dann machen wir ein, zwei Simulationstests, sehen uns etwas gemeinsam an. Nichts Aufregendes. Ein Nachmittag bei Daphne, vielleicht. Ein ganz kurzer Trip in irgendeine Erinnerung. Irgendetwas Nettes. Du zeigst mir ein paar Orte, an denen ihr euch früher rumgetrieben habt, und ich mach mir ein Bild von all den Herzinfarkten, die ich mir über die Jahre erspart habe – oder hole sie direkt nach.“ Widerwillig unterhalten schniefte ich. „Einfach, um ein Gefühl dafür zu bekommen, wie wir es zu zweit angehen wollen“, erklärte er sachlich. „Wie klingt das?“

Ich schwieg.

Tony warf seine Stirn in sanfte Falten. Es war sein still beschwörendes Mienenspiel, gegen das ich kaum jemals ankam, weil es alles beinhaltete, was es brauchte, um mich zu überzeugen – Ernsthaftigkeit, Vertrauen und eine gute Portion Erwartung.

„Nicht mehr als das?“, fragte ich leise.

„Nicht mehr. Versprochen.“ Er hob die Mundwinkel. „Wenn du es clever anstellst und die richtig alten Streifen auspackst, die aus dem Sandkasten, wird das heute eine ganz kurze Nummer. Danach brauche ich erstmal eine Session.“

-/_\-

„Rhodey hat recht, ich kann den Hausarrest nicht früher beenden.“

Tony wandte sich mit der dunkel gerahmten Brille in seiner Hand zu mir um, noch während ich mich vage nervös in der von indirektem bläulichem Licht erfüllten Simulationshalle umsah und überrumpelt von dem plötzlichen Themenaufgriff zu ihm zurückblickte.

Ich zögerte. „Klar, okay.“ Vage hob ich die Schultern.

Dass er die letzten Minuten insgeheim unverändert das Für und Wider abgewogen hatte, ging mir erst jetzt auf. Es hatte nicht danach ausgesehen, so viel wie er gesprochen hatte, auf dem Weg hinab auf die Projektetage. Geradezu vorfreudig hatte Tony sich in Simulationsideen und auflockernden Seitenhieben ergangen, alles ganz sicher einzig zu dem Zweck, meine straffe Muskulatur zu lösen und meine strahlende Nervosität mit Nichtigkeiten zu zerstäuben, die sich bereits mit der bloßen Rückkehr auf die hell erleuchteten Forschungskorridore erhoben hatte, die ich das letzte Mal noch in der scharf pulsierenden Befürchtung durchquert hatte, er mochte längst tot sein.

„Du hast nicht gefragt, weiß ich“, wies er mit der beunruhigend bekannten High-Tech-Brille auf mich. „Ich hab bloß --- nach gestern hatte ich nachgedacht. Wie auch immer. Er hat recht. Ich sagte bis Halloween und deshalb bleibt es bei Halloween.“

Widerstrebend nahm ich die Brille in meine beunruhigt kalten Hände entgegen.

„Ich muss mich hieran gewöhnen“, fuhr er fort. „Diese Durchhaltenummer liegt mir nicht. Soll heißen, sie tut es, steht mir verdammt gut, aber nur, wenn man mir auf den Zeiger geht. Das beherrsche ich, bewiesenermaßen …“ Er unterbrach sich, vage genervt von sich selbst, und seufzte. „Was ich sagen will, du machst das fantastisch. Ich bin derjenige, der hier gerade auf Irrfahrt geht. Ganz egal. Wie Rhodey sagte, wenn ich zwischen uns denselben impulsiven Kurs fahre wie sonst auch und auf jede Laune reagiere, die mir so durchs System schießt, geht es verdammt sicher schief. Also, preisverdächtige Waschbärmiene hin oder her, ist dein gutes Recht, aber wir ziehen das jetzt durch, weil es verdammt gute Gründe für mich gab, besagte Ausgangssperre zu verhängen. Das wissen wir beide. Daran ändert auch dieser ganze andere Mist nichts, der so vor sich geht.“ Wenig begeistert atmete er aus.

„Klar“, wiederholte ich still.

FRIDAY schien im Hintergrund den Raum inzwischen hochgefahren zu haben, denn das Licht wurde etwas heller und die mir bereits bekannten Raummarker traten in Erscheinung.

„Das Caretaker Protokoll beenden wir”, fuhr Tony völlig unversehens fort, kaum, dass er mir bedeutete, die Brille aufzusetzen, und prompt begann, meine Haare hinter meinen Ohren für die integrierten, drahtfeinen Elektroden zurecht zu streichen.

Völlig überrumpelt erstarrte ich. „Ja?“

„Absolut.“

Ich blinzelte. „Ab wann?“

„Ab sofort. Hat sich erledigt.“ Er hob unbewegt kurz die Mundwinkel, zufrieden mit seinem Werk. „Alles zurück auf Vertrauensbasis. Verbuch es unter guter Führung.“ Sein Blick blieb ernst, ehe er schon wieder blank dreinsah und kurz mit der Nase schnupfte, wie um sich tiefenunbeeindruckt angesichts meiner schwer überraschten Miene zu geben. „FRI-“

„Schon geschehen, Boss. Caretaker Protokoll ist beendet.“

Eine ungläubige Freude schwoll in mir an, obwohl ich ahnte, dass er es mir mit voller Absicht genau jetzt eröffnete.

Eine Art unmittelbare Belohnung, ihm hierher gefolgt zu sein und mich wie versprochen auf diesen Versuch einzulassen, ja … aber auch als klammheimliche Neukonditionierung meiner Empfindungen inmitten seines Prestige-Projekts, das mir vor über einer Woche ein blendend kurzer Trost gewesen war, ehe sich alles hieran in eben den Albtraum verkehrt hatte, der es war, geliebte Menschen als bloße, das Unterbewusstsein imitierende Geister ins Leben zurückzurufen.

Ich konnte mich nicht einmal wirklich erinnern, wie ich die Simulationshalle wieder verlassen hatte.

Da waren Stimmen gewesen. Pepper. Und Dr. Palmer.

Aber nichts sonst. Kein Sauerstoff. Nicht einmal Zeit.

In meinem Inneren begann etwas sacht zu beben, auch wenn ich es nicht nach außen strahlen ließ und mein Geist immer noch von dem Nachglühen der prasselnden Erleichterung erfüllt blieb, wenigstens meinen Tag mitsamt meines StarkPhone ab sofort wieder ganz und gar unter eigener Kontrolle zu haben.

„FRI“, verkündete Tony. „Wir rekalibrieren. Alles auf Neustart. Setz Solas Profil noch einmal ganz frisch auf. Level Tutorial.“

„Verstanden, Boss.“ Die KI machte eine Pause. „Level Tutorial ist aktiviert. Traumatische Kartierung und intuitive Gesprächsmodifikationen sind gesperrt. Neukalibrierung wird gestartet.“ Sie wechselte aus der hell motivierten, resoluten Bereitschaft, die Tony zu bevorzugen schien, zurück in den liebenswürdig assistierenden Tonfall, den sie offensichtlich längst als meine Präferenz herausgearbeitet hatte: „Sola, sieh nun bitte zum ersten Raummarker. Er leuchtet jetzt grün.“

-/_\-

„Was genau stellst du dar?“, erkundigte sich Tony, während seine Augen mit eindeutig ratternden Gehirnwindungen über meinen schwarzen Rollkragen, meine khakifarbene Cargohose und meine niedlich kleinen Handschuhe wanderten. „Heist-Profi? Einbrecher? Lara Croft?“

Ich warf ihm einem lau missbilligenden Blick zu. „Nein.“

Er hatte bereits von der ersten Sekunde, in der wir in diese Erinnerung getreten waren, verdächtig konzentriert geschwiegen, deshalb überraschte es mich nicht, dass er sich keinen Reim auf mein Äußeres zu machen wusste. Diesmal war es nicht die bloße Überwältigung meiner winzigen, hyperaktiven Statur im bunten Abenteuer-Bällebad oder eine meiner Zahnlücken; keine emotional gewappnete Stille, die ihn davor schützte, in seiner unfreiwilligen Ergriffenheit und dem damit gleichzeitig verbundenen Elend aller vertaner Chancen von mir ertappt zu werden.

Diesmal schwieg er aus reiner Höflichkeit.

Und das war etwas, das Tony Stark in seinem grundlegenden Konzept missverstand, denn seine Mimik inmitten aller wohlgemeinter Stille sagte mir bereits alles, was ich wissen musste.

Er hatte sich ganz eindeutig auf etwas Niedlicheres eingestellt, als ich zum Abschluss unserer gemeinsamen S.E.N.F.-Testbegehung meinen Halloweenabend 2008 ausgewählt hatte.

Keine Ahnung, worauf er seine digitalen Goldtresore gesetzt hatte, aber anscheinend war es irgendeine Art von Disney-Prinzessin gewesen – dem unschlagbar stilvollen Klassiker jeder akkreditierten Siebenjährigen auf diesem Planeten.

Schon aus Prinzip würde ich ihm nicht verraten, dass er damit in anderen Jahren durchaus auch einmal richtig gelegen hätte. Ein Jahr darauf war ich als Jasmin an der Seite von Sids Aladdin gegangen – ich hatte sogar einen Plüschtiger mit mir herumgetragen und Sid einen kleinen eingerollten Fußabtreter, den er unter seinen Arm geklemmt und der ihm im Laufe des Abends die halbe Unterseite wundgerieben hatte, ehe er ihn irgendwann an einem Gartenzaun abgestellt und zum Bedauern aller Erwachsenen dort auch „vergessen“ hatte. Das Ganze war ohnehin bloß auf Janes und Jesiahs Mist gewachsen, nachdem meine Tante und sein späterer Stiefvater ihren Noteinsatz als Begleitpersonen kurzerhand zu ihrem eigenen Spaß erklärt und uns in ihre Vorstellung von Kostüm gepackt hatten. Eine dreiste Verkupplungsaktion zweier gutbefreundeter Kollegen, die ihre gelegentlichen Babysitter-Verpflichtungen für die Zukunft clever zwischen einander aufzuteilen geplant hatten, wie ich heute durchschaute.

Unsere Nachbarschaft hatte unseren Pärchen-Auftritt jedenfalls geliebt. Sid und mir war also tatsächlich nichts anderes übriggeblieben, als uns über dieses geteilte Trauma und die danach gelegentlich gemeinsam gefristeten Nachmittage in ihrer Judoschule anzufreunden.

Während Tony und ich nun meinem siebenjährigen Ich und Daphnes schimmernden Kopf die Straße hinabfolgten, wusste ich plötzlich auch wieder erstaunlich genau, wie chemisch ihre Haare gerochen hatten. Ihre Mum hatte sie mit einer günstigen Sprühflasche Haarglitter von Walmart in einen völlig unnatürlichen goldblonden Ton verwandelt, der nicht wirklich die hochgelobten Starqualitäten erreicht hatte, die das Etikett versprochen hatte. Stattdessen hatte es elendig gestunken, nach Lack und Klebstoff, selbst noch nach einer guten Stunde an der frischen Abendluft. Wir hatten beim Einsprühen gekichert und überdramatisch gehustet und danach ständig über die giftigen Gase fantasiert, die uns beide high machten, bestimmt für den ganzen Rest der Woche , und es als anhaltende Ausrede für jeden weiteren Blödsinn genutzt.

Es war somit nicht exakt der Blondton, den Hannah Montana besaß. Daphnes Haare schimmerten wie goldenes Konfetti, nur überboten von ihrer metallicsilbernen Jacke. Trotzdem war es schwer zu übersehen, wen sie darstellte; insbesondere, da uns alle paar Schritte mindestens drei weitere Hannah Montana-Interpretationen über den Weg liefen.

Leuchtende Kürbisse und Girlanden säumten die Bungalows und Kolonialstil-Häuser unserer Nachbarschaft, künstliche Spinnennetze umhüllten niedrige Latten- und Drahtgeflechtzäune, kleine Gruppen verkleideter Kinder und ihrer wacheschiebenden Eltern bevölkerten die Gehwege und überdrehte Jugendliche schossen auf ihren Fahrrädern vorbei.

Es war so lebendig .

Ich sog die Details meiner Erinnerung auf, insgeheim immer noch überwältigt von Tonys Wundertechnik. Multi-Millionen Dollar hatte er für die Entwicklung ausgegeben, erinnerte ich mich, ein eigenes Projektteam aus dem Boden gestampft und in nicht mehr als einem Jahr ein finales, einsatzbereites Produkt auf den Markt gebracht, das schon bald landesweit in vielen Trauma- und Veteranenkliniken und Rehabilitationszentren eingesetzt werden würde. Und all das nur, um mir zu helfen, Abschied zu nehmen , setzte eine winzig leise Stimme nach, die genauso beunruhigt wie unfreiwillig berührt von dem Gedanken blieb.

Unsere Kürbiskörbe waren prall genug gefüllt, um das vorherige energiegeladene Gehopse meiner und Daphnes jüngerer Version auf ein inzwischen müdes Trotten und Plappern reduziert zu haben. Wir befanden uns auf dem Heimweg. Samantha Balmeda telefonierte mit einem klobig kleinen, museumsreifen Handy am Ohr, während Louis erschöpfte Pinguingestalt auf ihrer Hüfte saß und seine Hände schläfrig um ihren Hals geschlungen hielt.

Ich sah ihn alle paar Schritte kurz einnicken.

Daphne und ich begannen uns in ihrem Rücken eine Packung Weingummis zu teilen.

„Raus damit“, bohrte Tony weiter, den Blick nach wie vor grübelnd auf meinen kleinen Hinterkopf gerichtet. „Shield-Agent?“

„Nope.“

Er hielt seine Hände in die Hosentaschen seiner Jeans gegraben, als spazierten wir tatsächlich durch Nashua, als seien wir wirklich da , schlenderten durch das abendliche Viertel meiner Kindheit. Zwar fehlte jede prickelnd kühler Herbstluft auf unseren Wangen, aber da waren so viele Details, so viel Raffinnesse in der bildgebenden Illusion, Blätter auf den Gehwegen und den weiten Rasenflächen der Grundstücke, flackernde, herabgebrannte Kerzen in teils zermatschten Kürbissen und sogar die blassen, ersten Sterne über unseren Köpfen.

Dieser allerletzte Schleier von Licht kurz nach Sonnenuntergang.

Als seien es nicht lediglich intelligente Bodenplatten, die unter unseren Füßen ihre Position veränderten, wann immer wir einen Schritt setzten. Nichts hiervon existierte noch in derselben Form, alles bloß Bilder, die das S.E.N.F-System aus meinem Unterbewusstsein hervorgrub, ergänzte und nachskalierte. Der neuronale Abdruck eines Universums, wie es längst nicht mehr war, weil sich sämtliche Teilchen und Atome bereits weiter voran bewegt hatten.

Nicht einmal diese Straße mit ihren Bäumen, Häusern und Veranden stand noch an demselben Fleck. Unser Sonnensystem wanderte, die Milchstraße tat es, 630 Kilometer pro Sekunde, sagte FRI ---

Der Ort, an dem Mum und Jane gelebt hatten, war jetzt leer und dunkel und eiskalt.

An diesen Koordinaten gab es nichts mehr.

Es war keine Metapher. Keine hilflose Fantasterei. Dieses Vakuum, das immer noch Verbindung zu meinem Herzen hielt. Es war real .

„Guerilla-Gärtner“, mutmaßte Tony weiter. „Rooftopper. Weiblicher Luigi.“

Ungläubig sah ich ihn an. „Luigi trägt eine Latzhose.“

„Weiße Handschuhe, grünes Shirt, Kappe … Du bist nicht sehr nah dran.“

Ich schnaufte sacht, auch weil ich spürte, dass er mich lediglich aus der Reserve zu locken versuchte.

„Zugegeben, durch diese Cargos beißt sich so schnell keine Venus-Feuerfalle-“

„Kim Possible, okay?“, stöhnte ich. „Ich bin Kim Possible.“

Seine Brauen stiegen müde wertend in die Höhe.

„Die Perücke hab ich irgendwann ausgezogen“, klärte ich widerwillig auf. „Sie hat echt gejuckt …“

Ein paar Strähnen der billigen, roten Kunsthaare schauten noch aus meinem flauschigen Kürbiskorb, aber die flachen Haarspangen saßen nach wie vor fest auf meinem Kopf und hielten meine Haare und Pony ungewohnt straff zurück.

Tony sagte nichts, die Augen unverändert auf mein jüngeres Ich geheftet.

Als habe Sam in den Wochen vor unserem Sommerurlaub Nat nicht gut ein Dutzend Mal scherzhalber bei dem Namen der rothaarigen Cartoon-Agentin meiner Kindheit gerufen, wann immer sie mich für mein Selbstverteidigungstraining eingesammelt hatte. Nat, die an jenem Abend von Elijahs Geburtstagsparty aus dem Nichts aufgetaucht war und Lax‘ Leute eigenhändig außer Gefecht gesetzt hatte, bevor ich in einem dunklen Transporter hatte verschwinden können; Nat, die zugehört hatte, Wege gefunden hatte, meine Welt verbessert hatte, immer ---

Wenn Tony sich ebenfalls entsann, zeigte er es nicht. Mein Herz wurde schwerer.

Wir fielen hinter Daphne und meinem siebenjährigen Ich zurück. Etwas in meinem Inneren begann sich zu verschließen, noch während sich meine Schritte verlangsamten.

Tony passte sein Tempo dem meinen an, aber mir entging weder sein beiläufig prüfender Seitenblick, noch die mikroskopische Veränderung seiner Mimik, die aus der Unlesbarkeit in seichte Kalkulation wechselte, kaum dass er sich meinem Verstummen bewusstwurde.

Erst auf mein vorsichtiges Nachbohren hin, hatte er die heute aufgekeimten Gerüchte über Nats Sichtung in Budapest und ihre Verwicklung in eine Art bewaffnete Verfolgungsjagd bestätigt, die durch die morgendlichen Nachrichten gegeistert waren.

Außenminister Ross war an der Sache dran. Mehr hatte er nicht aus sich herauskitzeln lassen.

Dass er nicht mit mir über Nat oder die genauen Details ihrer Lage zu sprechen gedachte, war diesmal bloß in seinen auffällig zurückhaltenden Tonfall impliziert gewesen, aber trotz allem unmissverständlich geblieben. Tony kommentierte es nie, doch ich spürte mit jeder verdächtig knapp gehaltenen Antwort, dass er ihr nach wie vor bitter vorwarf, Steve und Barnes in allerletzter Sekunde ziehen gelassen zu haben.

Es gefiel mir nicht, wie unlesbar seine Miene neuerdings wurde, wenn ich auf Nat zu sprechen kam. Es gefiel mir nicht, wie sehr es in ihm zu arbeiten schien. Wie wenig es ihn anscheinend in Sorge versetzte, Ross‘ bewaffnete Spezialeinheiten an ihren Fersen zu wissen.

Und es gefiel mir überhaupt nicht, wie er das Thema Natasha Romanoff in wirklich jeder Hinsicht konsequent und manchmal gar finstern wieder abhakte, als sei sie nie Teil unseres Lebens gewesen, als habe sie nicht immer auf uns Acht gegeben und als habe er nicht noch wenige Stunden vor Steves Flucht völlig übernächtigt und geplagt mit ihr in ein und demselben Bett gelegen, in einen sarkastisch pseudoflirtenden Schlagabtausch versunken, und seine tiefsten Sorgen über mich mit ihr geteilt, wie es nur zwei Menschen taten, die einander Familie waren.

Ich konnte mit Tony nicht über Nat sprechen.

Nicht, ohne unweigerlich Bauchweh zu bekommen oder zu realisieren, dass sie nicht zurückkehren würde.

Und nicht, ohne auch gleich wieder an Clint zu denken. An unser Telefonat von Sonntagmorgen. An das Raft .

Weiter vor uns raunte Daphne meinem siebenjährigen Ich etwas ins Ohr und nickte zu einem nahen Gestrüpp. Unsere Schritte verlangsamten sich, als wir hinter ihrer Mum zurückzufallen begannen, die ihr Telefonat gerade beendete. Ich packte die Weingummis weg, dann griff Daphne mich auch schon am Ellbogen und zog mich rasch mit sich in Deckung.

„Was?“, brummte ich, als Tony mich mit einem aufgesetzt tadelnden Blick bedachte. „Das ist acht Jahre her … Das ist verjährt.“

Als Samantha Balmeda sich umwandte und schlagartig erstarrte, sprang dennoch ein winzig kleiner Funken Reue meine Brust herauf. Ihr Blick fuhr über eine nahe Gruppe älterer Kinder, die gerade auf der anderen Seite der Straße zum nächsten beleuchteten Haus zog, während sie Louis‘ schlummernde Gestalt etwas fester umgriff. Sie stockte, ehe sie sich auch schon weiter umsah und aufmerksam durch die kerzenflackernde und gesellig raunende Dunkelheit unserer Nachbarschaft nach uns rief.

Unsere zwei kleinen Gestalten hinter dem Gestrüpp machten keinen Laut.

Tonys Blick festigte seine abschätzige Note. Obwohl ich wusste, dass er mich bloß foppte und es aus reiner Freude an der Gelegenheit tat, fühlte ich mich plötzlich rückwirkend peinlich ertappt in unserem kindlichen Unsinn. „Im Ernst“, murmelte ich. „So waren wir nicht. Ich wusste bis gerade nicht einmal mehr, dass wir das mal gemacht haben.“

Daphnes Mum beschleunigte ihre Schritte. Sie kam direkt auf uns für sie völlig unsichtbare Passanten zu und rief nach Daphne und mir, diesmal bestimmter.

Erste elterliche Unruhe machte sich in ihrer Miene breit.

Ehe sich ihre Sorge festigen konnte, sprangen wir beide schon hinter dem Gestrüpp hervor und kicherten. Louis hob den Kopf und rieb sich verschlafen die Augen, kaum dass Daphne sich liebevoll feixend in ihre Seite warf und ich ihr zur prompten Wiedergutmachung unsere verbliebenen Weingummis anbot.

Tony schnippte gegen das silberne Tech-Armband an meinem Handgelenk. „Wäre damit anders gelaufen.“

„Ja, weil es ein KI-gesteuerter Peilsender mit eigenem Satellitennetzwerk ist. Ein echter Gag-Killer.“

„Einspruch, protektives Health-Monitoring“, korrigierte er mich, sichtlich unberührt von meinem hauchfein implizierten moralischen Vorwurf. „Aber ja, Standortbestimmung und Bewegungsanalyse ist eines der praktischeren Features. Böses Elternkopfkino gibt es nur bei Systemalarm.“

„Super“, befand ich trocken. „Du hättest also vollkommen gelangweilt getan und es uns dann trotzdem heimgezahlt.“

Tony krümmte die linke Braue. „Vermutlich.“

Ich schnaufte unfreiwillig belustigt, aber das angestoßene Was-wäre-wenn-Szenario begann Kreise in meinem Verstand zu ziehen. Ich beobachtete uns, Daphne und mich, dann sah ich wieder zu Tony, platzierte ihn an Samantha Balmedas Stelle, selbst in dunklem Feinstrick und Jeans immer noch selbstbewusst, mühelos kultiviert und selbstgefällig bis zum Anschlag, und damit seltsam deplatziert vor Nashuas zum Teil höchst spartanisch gepflegten Veranden, immergleichen Rasenflächen und unkrautumwucherten Betonhöfen.

Eine undefinierbare Schwere sank auf mich.

Ganz gleich, wie es gelaufen wäre, er wäre immer Tony Stark gewesen. Erkenntnis erreichte mich mit dem unangenehmen Nervenkribbeln einer elektrostatischen Entladung.

„Hätte ich das hier gehabt?“, hörte ich mich fragen. „Süßes oder Saures?“

Der vernehmbare Zweifel in meiner Stimme griff umgehend auf Tonys Haltung über. Er musterte mich eine Sekunde fast zu genau, um die um uns fortlaufende Erinnerung noch wirklich zur Kenntnis zu nehmen, ehe er unbewegt die Stirn glättete. „Sicher, nur hätte ich dich überreden müssen loszuziehen und nicht andersrum.“

„Wegen der Fotografen“, begriff ich prompt.

Er zog eine Hand aus den Taschen und öffnete sie in selbsterklärender Manier.

Wir setzten uns wieder in Bewegung, nun so weit von meiner Erinnerungsversion entfernt, dass wir kaum noch wirklich vernehmen konnten, worüber ich mit Daphne und ihrer Mum plapperte und lachte.

Sie wären alle da gewesen, um uns abzulichten , bestätigte mein Verstand. Paparazzi. Feuilleton-Reporter. Nachrichtensender. Fans.

Ich schwieg. „Es sei denn, du hättest dich auch verkleidet“, begann ich halbherzig ironisch. „Du weißt schon, ein Laken mit zwei Löchern oder eine unheimliche Clownsmaske …“ Ich sann nach. „Unsere Nachbarn hätten bestimmt die Cops gerufen, aber ein, zwei Häuser hätten wir bis dahin geschafft.“

Tony schmunzelte, den Blick nachdenklich die simulierte Straße hinauf gerichtet.

Wie im Autopiloten schritten wir voran, auch wenn ich kaum mehr etwas von dem wahrnahm, was um uns herum im Schein der vielen Kürbisse und Girlanden und dunklen Silhouetten vereinzelter Bäume geschah.

„Es wäre anders gelaufen“, gestand er.

„Hm“, stimmte ich still zu. Wir witzelten nicht mehr. „Wie?“

Sein Blick sprang zu mir zurück. „Begonnen damit, dass du in Malibu aufgewachsen wärst?“

Ich zögerte. „Wäre ich?“

Tony atmete widerwillig amüsiert aus. „Ja.“

Wir hatten dieses Was-wäre-wenn-Spiel dieses Frühjahr schon einmal gestreift, entsann ich mich, als ich mich endlich überwunden hatte, ihn zu fragen, was damals zwischen ihm und Mum geschehen war; wie sie sich kennen gelernt hatten und es überhaupt sein konnte, dass ich existierte. Ich hatte ihn damals gefragt – ihn gefragt, wie er auf die Nachricht ihrer Schwangerschaft reagiert hätte, wenn Mum es ihm denn gesagt hätte – und seine Antwort war absolut ernüchternd ausgefallen, ja, so glanzlos ehrlich , dass es Mums damalige Entscheidung bloß untermauert hatte und ich mir heute fast wünschte, er hätte dieses eine Mal ein wenig mehr Theater betrieben.

Ich weiß es nicht.

Es mochte alles bedeuten. Dass mein Leben von Grund auf anders verlaufen wäre und Mum und Jane damit heute noch am Leben sein könnten, wie auch dass sich rein gar nichts für uns geändert hätte. Dass Tony zwar von mir gewusst und doch nie in mein Leben getreten wäre.

Seine Antwort implizierte, dass es aus heutiger Sicht genauso wahrscheinlich war, dass er mich damals aufgegeben oder Mum ausbezahlt hätte, wie dass er all die Zeit tatsächlich für mich da gewesen wäre.

Und deshalb war ich Tony dankbar, dass er diese Möglichkeit diesmal gar nicht erst ansprach, auch wenn wir beide wussten, dass auch das Teil der Wahrheit war, so wenig Tony Stark, Rüstungsunternehmer, Genie und Playboy, der Mum aus reinem Vergnügen an der Sache bezirzt hatte, noch mit dem Mann gemeinsam hatte, der heute vor mir stand, der mich trotz aller Umstände und persönlicher Bedenken wenngleich ein wenig widerstrebend, so doch ohne zweiten Gedanken bei sich aufgenommen hatte, ganz selbstverständlich, und mich seitdem beschützte und liebte .

Mir auszumalen mit ihm aufgewachsen zu sein, in Malibu, und es nun auch als schiere Selbstverständlichkeit aus seinem Mund zu vernehmen, füllte eine ewig schweigsame, wunde Stelle irgendwo in meinem Inneren mit etwas, das das Wort Trost überstieg.

Aber es besaß einen eigenen dunklen Flecken, denn es war ein Leben ganz ohne Daphne und damit etwas, das ich mir nicht auszumalen vermochte .

Umgehend kramte meine Fantasie den halbherzigen Kompromiss einer Alternative hervor.

„Was, wenn Mum in Nashua geblieben wäre?“

Tony musterte mich.

„Ich meine …“, hob ich an. „Vielleicht wäre sie ja gar nicht nach Malibu gezogen. Oder vielleicht hättest du es auch gar nicht gewollt. Ihr beide wart nie ein Paar. Ihr kanntet euch nicht wirklich.“ Ich schluckte kurz. „Vielleicht hätte sie es dir gesagt, aber New Hampshire nie verlassen. Dann wäre ich trotzdem hier aufgewachsen, richtig?“ Ich zögerte. „Du hättest mich besuchen müssen. Ich hätte dich nicht ständig gesehen, na ja, ich hätte zumindest nicht bei euch beiden gelebt, nicht im Wochenwechsel oder sowas, aber …“ Ich blinzelte fest. „Na ja, sie wäre hier bei Jane geblieben, oder? Vielleicht hätte sie trotzdem ihren Laden aufgemacht ...“

„Sola, du wolltest wissen, wie es gewesen wäre .“

Ich stockte. „Ja … aber …“

„Deine Mum wusste, mit wem sie es zu tun hat“, erinnerte er mich. „Sie wusste, dass mich ein Bodyguard beinahe überall hin begleitet; sie wusste, ich produziere Waffen, Hightech-Raketen, massenvernichtende Werkzeuge, die an anderen Orten der Welt ganze Stadtgebiete in Schutt und Asche legen. Ihr war klar, welche Konsequenzen das für euer Leben haben würde. Und vermutlich wusste sie wie nahezu jeder, der damals Nachrichten schaute, dass ich auf jede mir halbintelligent entgegengeworfene Provokation anspringe. Ich hätte sie weder dazu zwingen, noch einen Sorgerechtsstreit darum führen müssen, sie wäre von sich aus nach Kalifornien gezogen. Sie hätte eingefordert, dass ich für deine Sicherheit garantiere. Maya wusste ganz ohne Zweifel, wenn sie es jemals ausspricht, führt kein Weg daran vorbei.“

Desillusioniert schwieg ich.

„Wäre meine Vaterschaft einmal bestätigt gewesen, hättet ihr in keinem ungesicherten Vorort wie diesem hier leben können“, fuhr er trocken resigniert fort. „Und selbst wenn ich mit dem Gedanken gespielt hätte, diese Angelegenheit irgendwie zu ignorieren oder --- sagen wir, hinter einem Schwung neuer Projekte und Partys zu verdrängen …“ Er hob bitter die Mundwinkel. „Glaub mir, Obadiah hätte mich vom Gegenteil überzeugt. Er hätte die Sache in die Hände genommen. Wäre die Katze einmal aus dem Sack gewesen, hätte er nicht zugelassen, dass ihr wieder in der Versenkung verschwindet und eines Tages zu einem sehr viel ungünstigeren Zeitpunkt wieder auftaucht. Nein, er hätte sichergestellt, dass du und Maya unter seinem Einfluss endet, ihm vertraut , vielleicht sogar mehr als mir, was bedeutet, er hätte mich überzeugt, die Sache erwachsen und verantwortungsvoll anzugehen, mich dem auf eine Weise zu stellen, die ich nicht in ein paar Wochen schon wieder bereut hätte. Hey, ich weiß, paradox, acht Jahre später hat er mich im wahrsten Sinne des Wortes in die Wüste gejagt, aber er hätte gewollt, dass das mit uns beiden funktioniert, damit er mich immer daran hätte erinnern können, dass ich es ihm verdankte, dass mein Kind seinen Vater hatte. Und damit er eines Tages dich hätte erinnern können, dass er es gewesen war, der für dich gekämpft hat, nicht ich.“

Tony hielt just inne, als ertappe er sich dabei etwas auszusprechen, das er tief in seinem Inneren schon eine endlos lange Weile mit sich herumtrug, aber nie wirklich zu teilen beabsichtigt hatte.

Unbewusst hielt ich die Luft an.

„Ihr hättet Sicherheitspersonal gehabt, euren ganz eigenen Happy“, kehrte er plötzlich regelrecht ungezwungen zur Ausgangsfrage zurück, „ihr hättet eine Stark-Villa bezogen oder in einem geschlossenen Wohnviertel gelebt, einer Immobilie, die ich allein zu diesem Zweck erworben und aufgerüstet hätte. Wie es auch gelaufen wäre, du wärst in meiner Nähe großgeworden. Du wärst auf eine private Grundschule gegangen oder daheim unterrichtet worden. Du hättest schon mit zwei Jahren Halloweenpartys geschmissen, du hättest Dynamos reparieren können, bevor du deine Milchzähne verloren hättest, aber du hättest rausgehen gehasst, weil es immer bedeutet hätte, von Erwachsenen durch aufdringliche Menschenmassen manövriert zu werden. Alles, was jetzt gilt, es hätte auch dann gegolten, Sola, nur hätte es das von Anfang an. Es wäre dein Normal gewesen.“

Es war vollkommen gleich, wie ihrer beider oder unsere Beziehung ausgesehen hätte, begriff ich, als sein Kind wäre ich immer unwiderrufliche Zielscheibe seiner Feinde gewesen.

„Und wo bist du damals wirklich gewesen?“, fragte ich still ermutigt von der Tatsache, dass er mir zumindest antwortete, anstatt abzulenken oder auszuweichen. „Was hast du getan?“

Er kniff die Stirn zusammen. „Halloween 2008?“ Tony sann nach, dann hob er die Schultern. „Eine Splittergruppe der Zehn Ringe irgendwo in Kasachstan hochgenommen und anschließend Heidi Klums Party gecrasht, vermutlich.“

Ich schmunzelte widerstrebend.

„Ich bin dran.“ Er nickte voraus, zurück zum Zentrum meiner Erinnerung, durch die wir uns nach wie vor bewegten, hinüber zu meiner glücklich erschöpft dahintrottenden siebenjährigen Gestalt. „Wieso dieses Halloween?“

Ich folgte seinem Blick, dann zuckte ich bloß nachdenklich mit den Achseln. „Du sagtest, heute ist nur ein Testlauf. Wir waren damals ohne Mum oder Jane unterwegs, also …“ Ich ließ die Erklärung in der dichten Stille stehen, die mein unbeendeter Satz hinterließ, dann hob ich schon wieder die Mundwinkel. „Na ja, und wir haben echt viel Snickers gesammelt an dem Abend.“

„Erdnüsse standen da also noch nicht auf der Feindesliste?“

„Ich hasse Erdnussbutter. Nicht Snickers.“

„Demnach der heilige Gral?“

„Ist das Beste, was du an Halloween sammeln kannst.“

„Was ist mit Twix? Oder Sour Patch?“

„Auch cool, aber …“ Mein Herz stolperte, als ich die baufällige Schaukel im Vorgarten unserer Nachbarn bemerkte und jäh realisierte, wo wir uns befanden.

Unser Haus – es stand gleich da, nur noch wenige Fuß die Straße hinab.

Wir hielten direkt darauf zu.

Ich hatte nicht mehr davorgestanden seit jenem Tag in letztem Sommer, als Happy meine Koffer eingeladen und mich mit sich nach New York genommen hatte, jener Tag, der mein Leben endgültig auf den Kopf gestellt hatte, und der jähe Anblick unserer erleuchteten Fenster in der Dunkelheit, mochten sie auch nur die meisterhafte Illusion einer holographisch inszenierten Erinnerung sein, drückte unvermittelt meinen gesamten Brustkorb zusammen.

Während Daphne, ihre Mum, Louis und meine jüngere Version unbeschwert auf mein Zuhause zuhielten, blieb ich am Rande unseres Grundstücks stehen, unfähig meine Schritte weiter auf eine Tür zuzubewegen, hinter der Mum lebte, atmete und auf mich wartete.

Tony tat es mir gleich.

Irgendetwas Unaufgeregtes , hatte er gesagt und doch standen wir hier, direkt am Tor zu einer Welt, die eben den Schmerz bereithielt, den ich nach Monaten über Monaten der Totenwache endlich balsamiert und beerdigt und zu begrünen begonnen hatte.

Es war nicht seine Schuld.

Ich hatte diese Erinnerung ausgewählt. Ich hatte uns hierhergeführt.

Schweigend ließ Tony den Blick über die nächtlich graue Fassade unseres Hauses wandern, die bei hellem Tageslicht im wärmsten Rostrot erstrahlte. Er schob die Hände zurück in seine Hosentaschen und spähte über unseren dunklen Rasen zu den flackernden Kürbissen in unserer Auffahrt weiter, die in punkto schaurig schöner Fratzen so ziemlich jedem anderen Kürbis der Straße die Show stahl, weil Mum selbst Hand angelegt hatte. Mein eigener mühsam geschnitzter Kürbis hob sich so offensichtlich heraus, dass es Tony sacht schmunzeln ließ, ehe sein Blick schon die dunklen Wipfel unseres Kirschbaums emporsprang.

„Bei euch hängt Klopapier.“

Insgeheim erleichtert, einen Grund zu haben, mich nicht weiter auf unsere Eingangstür zu konzentrieren, folgte ich seinem Blick kurz zu den zwei langen, sich im Mondlicht blassbläulich hervorhebenden Bahnen in den krummen Ästen hinauf. Eine herabgefallene Rolle lag auf dem Rasen.

Dahinter ---

Wir schienen es gleichzeitig zu bemerken, denn Tony stockte, ehe ich noch ganz verstand, was ich sah. Mein jüngeres Ich verabschiedete sich von Daphne und tauschte ein paar letzte Süßigkeiten, während ein Junge in Astronautenkostüm an uns vorbeirannte, aber unser beider Blick blieb fest auf die undefinierbar dunkle Masse in unserer Auffahrt gerichtet.

Ein liegender schwarzer Monolith; spiegelndes Gestein, voller unregelmäßiger Kanten und Zacken, die willkürlich ihre Position veränderten, häufiger und offensichtlicher, je deutlicher ich mich darauf zu konzentrieren versuchte.

Tony setzte sich in Bewegung, direkt darauf zu. „FRIDAY, was stimmt nicht mit dem Wagen? Ist ein Projektor ausgefallen?“

Die Simulation um uns herum gefror und die beeindruckende Illusion von Realität verflog in ihrem Standbild so unversehens, dass es mich innerlich kurz aus dem Gleichgewicht riss und fest blinzeln ließ.

„Alle Projektoren intakt“, antwortete FRIDAY. „Darf ich fragen, welcher Simulationsabschnitt Sie irritiert, Boss?“

„Der Glitch.“

„Ich fürchte, ich kann nicht folgen.“

„Das große, spiegelnde Pixelmonster direkt vor uns in der Auffahrt“, präzisierte er trocken. „Was ist das? Wieso sehen wir nur Artefakte?“

FRIDAY schwieg zwei lange Sekunden. „Die Quelldaten wurden verlustbehaftet oder unvollständig komprimiert.“

„Haben wir einen Extraktionsfehler?“

Wieder herrschte kurze Stille, in der die KI auf technische Fahndung ging. „Nein, Boss, es scheint sich um fragmentiertes Framing zu handeln. Solas markierte neuronale Gruppe verzeichnet geringfügig erhöhte Oszillation.“

„Oszillation?“

„Ja, Boss.“

Tony sah zu mir zurück und mein Puls zog an, denn urplötzlich regte sich etwas in meinem Gedächtnis, der Schnipsel einer Unterhaltung, die ich am letzten Abend vor Berlin mit Wanda im Avengers Hauptquartier geführt hatte, und ein unheilvoller Verdacht überfuhr mich, der den Anblick des diffusen Gebildes gleich noch beunruhigender gestaltete.

„Mir geht’s gut“, versicherte ich schnell.

Tony musterte mich. Ich konnte die laue Unruhe in seinen Augen lesen, die FRIDAYs technische Diagnose in ihm hinterließ. „Erinnerst du dich?“

Ich schluckte. „An --- unser Auto? Ja.“

„Okay, beschreib es mir.“

„Ein silberner Ford Fiesta.“

„Fünftürer? Baujahr 2005?“ Ich nickte. „Damals schon derselbe?“

Ich nickte erneut.

„FRI, schmeiß die Zensur raus.“

„Es sind keine Filter aktiv, Boss.“

Etwas in meinem Blick schien mich zu verraten, denn seine Miene festigte sich unversehens taxierend. Tony schob die Brauen zusammen. Ich schluckte, als er geködert den Kopf zur Seite legte und einen Schritt nähertrat.

„Was ist los?“ Seine jäh witzlos entlarvende Tonlage katapultierte mich in die Defensive.

„Keine Ahnung“, raunte ich, fast ein wenig trotzig.

„Keine Ahnung, ob du mit der Sprache herausrücken willst, oder keine Ahnung, wie du es anstellen sollst?“

Ich biss mir in die Innenhöhle meiner Lippe, ohne seinen herausfordernden Blickkontakt zu brechen, der plötzlich so ankreidend daherkam, dass das ungute Gefühl in meinem Magen schlagartig überquoll.

„Okay“, entschied Tony nüchtern. „Du hast fünf Sekunden-“

„Die magische Blockade, okay?“ Ich zog die vermaledeite Brille von meinem Gesicht und die Simulation um uns herum brach übergangslos in ihr blauschimmerndes Gitternetz zusammen. „Wanda“, erinnerte ich ihn. „Sie hat etwas abgeschaltet, damit --- es aufhört.“

„Du erinnerst dich also nicht an euren Ford?“

„Doch. Ich kann mich an alles erinnern, das Auto, den Unfall … eben so gut oder schlecht wie vorher auch, aber sie hat etwas damit gemacht, damit es nicht ständig wieder hochkommt. Und --- da sind jetzt irgendwelche --- Rückkopplungslücken, die mein Gehirn einfach wegrechnet, schätze ich.“ Ich schnaufte matt, denn sein Blick wurde nur noch finsterer. „Irgendwelche elektrischen Synapsen, sagte sie, glaub ich … Verbindungen, die nicht reagieren, von denen keine Antwort zurückkommt, wenn ein Reiz eingeht. Damit ich diese Panikattacken nicht mehr bekomme oder --- die Albträume --- eben den ganzen … Scheiß …“ Meine Kehle verengte sich. „Keine Ahnung, wie es funktioniert, ich bin kein Neurologe. Sie wusste es auch nicht genau. Du hast es ihr erklärt. Da ging es irgendwie um Oszillation, die auftritt, wenn bestimmte Synapsen fehlen. Ihr verwendet sie wohl bei S.E.N.F., deshalb wusstest du das so genau. Und da sie --- na ja, in meinem Gehirn war und diese Schalter umgelegt hat oder was auch immer … macht das schon Sinn, richtig? Dass es solche Bildfehler gibt, schätze ich?“

Tonys Miene gefror endgültig, anstatt in stoische Erkenntnis oder Unzufriedenheit zu sacken, wie ich mir eigentlich im Zuge meiner wissenschaftlich sehr mauen Erläuterung erhofft hatte.

„Du wusstest das alles schon“, erinnerte ich ihn schwach, auch um mich aus der potentiellen Schusslinie zu bringen, die sich auf seiner Miene zu arrangieren begann. „Wir haben es dir in Berlin gesagt, Clint hat dir erklärt-“

„-dass ihr Therapie mit derselben außerirdischen Magie ersetzt habt, die ihn vor gut vier Jahren zum willenlosen Sklaven einer planetenfeindlichen Armada gemacht hat? Ja, da klingelt etwas. Woran ich mich nicht erinnere, ist der Begriff Rückkopplungslücken.“

„Das hab ich gerade einfach so genannt“, relativierte ich hastig. „Keine Ahnung, es ist einfach --- meine Theorie, okay? Ich meine, irgendwie muss es so funktionieren …“

„Wandas Kräfte sind das experimentelle Resultat ungeschützten Kontakts mit einer außerirdischen, unvergleichbar potenten Energiequelle, deren Ursprung und genaue Zusammensetzung wir nicht einmal ansatzweise verstehen. Dieser Stein aus Lokis Zepter – er bestand aus einem Code, Sola. Einer Intelligenz .“ Er setzte einen scharfen, für eine Sekunde merklich überforderten Punkt. „Es muss gar nichts. Es muss --- absolut gar nichts, klar?“

Ich ließ die Schultern hängen.

„Ja“, antwortete ich leise, als sein funkelnder Blick in Erwartung einer zufriedenstellenden Reaktion auf meiner Miene ausharrte. „Okay ...“ Unruhig fuhr ich mit dem Daumen über den Bügel der Brille in meiner Hand. „Aber, dass S.E.N.F. es nicht auslesen kann, heißt doch einfach nur, dass dieser Teil der Erinnerung unzugänglich ist. Quasi geschützt? Wie eine Datei, die nicht jeder einfach öffnen kann. Das ist --- kein --- kein echtes Problem …“

„Es ist ein gewaltiges Problem, Sola“, korrigierte er mich. „Es bedeutet, dass nichts davon von diesem System angerührt werden kann. Du kannst es nicht abrufen, du kannst es nicht verarbeiten, du kannst es nicht auf arbeiten. Es ist lebendiges, unveränderlich konserviertes neuronales Gewebe, mitsamt aller Rückkopplungseffekte, über die wir gerade so munter und beeindruckend amateurhaft theorisiert haben.“

„Eigentlich nenn ich sie Phantomerinnerungen“, gestand ich verhalten. „Du weißt schon, wie der Schmerz …“

„Wow, huh , wir haben sogar einen eigenen Markennamen für etwas, das bis gerade noch nicht einmal Thema war, was?“ Tony entließ ein tiefsitzend dunkles Schnaufen, als er sich mitten im Satz abwandte, den Blick in Richtung Tür richtete und umgehend angestrengt zu grübeln begann.

„Aber es lief doch … gut?“, versuchte ich es nochmal.

„Bis wir deinen kleinen Trojaner gefunden haben? Ja .“ Als er mich endlich wieder ansah, blieb seine jäh wieder blanke Miene unlesbar. „Gib mir die Brille.“

„Ich dachte, ich soll das nicht machen“, murmelte ich, „dir etwas reichen“, tat aber wie geheißen, schon weil Tony endgültig empfindlich dreinsah.

Noch während er S.E.N.F. herunterfuhr, das Equipment wegschloss und das technische Summen von Belüftungssystemen und Home-Interfaces als einzig vernehmbares Geräusch in die Simulationshalle zurückkehrte, wusste ich jedoch, dass er dasselbe dachte wie ich.

Wanda saß im Raft ein und dies maßgeblich dank ihm. Selbst wenn irgendeine Möglichkeit bestand, eine Art Deal mit Außenminister Ross‘ Unterstützung zwischen ihnen auszuhandeln, der Wanda beauftragte, mein Trauma wieder aus seinem Schlummer zu heben und gänzlich rückgängig zu machen, was sie in meinem Kopf so erfolgreich befriedet hatte, würde Tony sie niemals im Vollbesitz ihrer Kräfte in die Nähe meines Geistes lassen. Nicht mit der Garantie eines simplen Stück Papiers. Nicht nach Berlin oder Leipzig. Nicht, solange es nicht um Leben oder Tod ging. Schon, weil er weniger denn je darauf vertrauen konnte, dass Wanda die Gelegenheit nicht nutzte, mich stattdessen in einen ihrer unheimlichen Gedankenpaläste zu werfen und zur geistigen Geisel zu nehmen.

Wenn nicht gar noch Schlimmeres.

Ganz gleich also, wie wenig ihm die Vorstellung von magisch vernebelnden Artefakten in meinem Geist auch gefiel, begriff ich, Tony konnte es nicht wieder zurückdrehen.

Er konnte mir meinen Frieden nicht wieder nehmen, so falsch er auch sein mochte.

Musik:

There's Something Wrong with Me - Son Lux