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Kapitel 36: Quellcode
Wenn es etwas Gutes über Josh Balmedas Verriss von Interview zu sagen gab, dann dass es im Alleingang die elende Stille beendete, die den Malibu-5 -Chat bereits seit Clints Verhaftung vor rund anderthalb Wochen heimsuchte.
Es begann mit Daphne, die uns am späten Dienstagabend kurz nach meiner durchwachsenen ersten S.E.N.F.-Sitzung mit Tony spontan zusammenrief, dem Spektakel einer besonders schwarzhumoristischen Ausgabe von Jimmy Kimmel Live! über Tonys, Clints und Josh Balmedas viel diskutierten Fürsorgequalitäten beizuwohnen, damit wir wenigstens einmal gemeinsam wie bitterlich darüber lachen konnten, ehe wir es am kommenden Morgen von unseren Mitschülern noch dutzendfach rezitiert bekämen.
Und Cooper reagierte prompt:
22:57 Uhr Coopid: Du, wenn dein Dad berühmt ist und eigentlich doch nicht. [*Katze-auf-unsichtbarem-Bike-Meme*]
22:58 Uhr Hawkchick: Er will sagen, dass niemand in der Schule checkt, wer wir sind, obwohl Dad uns sogar von dort abgeholt hat. Keiner nervt uns morgen.
22:59 Uhr Coopid: Jeder kapiert, was ich meine.
23:01 Uhr Coopid: @Liltroll: Komm leise rüber. Wir schauen bei mir.
23:01 Uhr Hawkchick: Bei dir stinkts.
Harley hatte unsere kleine digitale Watchparty technisch aufgesetzt, jeder hatte sich Snacks und Getränke besorgt und dann hatten wir Jimmy Kimmel dabei zugesehen, wie er unsere Dads und ihren Beef mitsamt aller kursierenden Schlagzeilen auf die allercharmanteste, ungezwungenste Art auseinandernahm, bis nichts mehr von ihnen übrigblieb als verzerrte Karikaturen geliebter Helden und erzieherischer Weisheiten.
Auch wenn es wie immer absolut desorientierend blieb einen der landesweit bekanntesten Fernsehhosts und einen meiner persönlichen Favoriten über sie alle herziehen zu hören, ja, sogar über Daphne und mich, schaffte ich es tatsächlich das Ganze weitestgehend mit Humor zu nehmen, Harley und den anderen sei Dank.
00:15 Uhr Coopid: Wer gewinnt die Bad-Dad-Competition? Vote4Dev
00:15 Uhr Hawkchick: Vote4Dev
00:16 Uhr Ich: Konkurrenzlos. Vote4Bestie
00:17 Uhr HarleyToHell: Meiner ist wenigstens nicht respawnt, nur um Iron Man abzuf**en. Vote4Dev
00:18 Uhr DevilTunes: *Pokal-Emoji* Yay.
00:18 Uhr Ich: @Harl Hast du dich gerade selbst zensiert oder war das FRI?
00:18 Uhr HarleyToHell: 24h-Maulkorb.
00:19 Uhr Ich: *Tränen-lachen-Emoji*
00:19 Uhr HarleyToHell: Wenn du den ganzen Tag bei ihm vorlegst, bleibt nicht viel Cool-Dad-Energy für mich übrig.
00:19 Uhr Ich: Was wolltest du?
00:19 Uhr HarleyToHell: Caps Schild.
Nach unserer Watchparty chatteten wir weiter. Eine Hand ununterbrochen an meinem StarkPhone platziert, putzte ich mir die Zähne und schwelgte in FRIDAYs fehlender Intervention und verschwörerischen Stille, trotz einer winzig leisen Stimme schlechten Gewissens in der hintersten Ecke meines Kopfes. Ich hatte nicht einmal vierundzwanzig Stunden nach Ende des Caretaker Protokolls verstreichen lassen, ehe ich meine zuvor reglementierte Zubettgehzeit restlos ad acta gelegt und gleich wieder ein sehr viel fließenderes Konzept daraus kreiert hatte, das Tony hoffentlich – wie zuvor auch – nicht allzu genau hinterfragte, solange ich morgens nicht wie ein Nachtmahr auf allen Vieren aus dem Bett kroch.
Aber ich war müde, beinahe zum Umfallen, der verfluchten Routine unterlegen.
Und so verfolgte ich die letzten Reste unserer wiederentflammten Konversation weitestgehend unbeteiligt mit unters Ohr geklemmtem Iron Man-Plüschtier und eingemummelt in mein wohlig warmes Bett, stetig auf der Schwelle zwischen Schlaf, den Phantomen des Tages (allen voran der Erinnerung an Tonys entzauberter Miene angesichts meines in finstere Monolithen gepackten Traumas) und dem dagegen so tröstlich sorglosen Geschehen auf meinem hell schimmernden Bildschirm.
-/_\-
16:52 Uhr DevilTunes: Andere Frage. @Sol Warum likt [*Harry-Osborn-zwinkert-Presse-zu-GIF*] deine Posts?
16:52 Uhr HarleyToHell: Anstehender Girls Day bei Oscorp?
16:53 Uhr DevilTunes: Ihr Insta ist privat. Sie hat seine Follower-Anfrage angenommen.
16:53 Uhr HarleyToHell: Kein PR-Auftrag, ergo sie kennen sich, ergo da läuft was. *Dollaraugen-Emoji**Herzaugen-Emoji*
16:53 Uhr Hawkchick: Nein. Sie geht mit EMeg. @Sol Richtig?
16:54 Uhr DevilTunes: *Daumenhoch*
16:54 Uhr DevilTunes: @Harl Du und ich kennen uns auch und da läuft nichts.
16:54 Uhr HarleyToHell: Zu früh, um das auszuschließen.
16:54 Uhr Hawkchick: *Brechreiz-Emoji*
16:54 Uhr DevilTunes: @Harl ly2
16:55 Uhr HarleyToHell: @Prof Lillifee Hat dir also endlich jmd gesagt, dass du 11 bist?
16:55 Uhr Coopid: Vergiss es, sie altert in Hundejahren. @Sol Harry Osborn?
Meine Augen auf mein StarkPhone geheftet, begrüßte ich Happy lediglich mit einem beiläufigen „Hey“, als ich am darauffolgenden Nachmittag in unseren Wagen stieg und geistesabwesend die Autotür hinter mir zuzog.
„Hi, Kind.“
Obwohl ich bereits meinen Anschnallgurt anlegte, während ich noch zu tippen begann, machte er keine Anstalten den Motor zu starten und wandte stattdessen den Kopf.
Meine Finger flogen über das Display, angestrengt damit beschäftigt, meinen unverhofften Erstkontakt mit Harry Osborn auf eine Art zu erläutern, die keinen Zweifel daran ließ, dass keinerlei Funken zwischen uns geflogen und auch keine spontan arrangierten PR-Ehen zwischen Oscorp und SI unterzeichnet worden waren. Und, ja , zwischen Elijah und mir lief es bestens, sah man mal von meiner etwas hinderlichen Internierung ab, die romantische Momente derzeit auf Videoanrufe und getextete Lebenszeichen reduzierte. Zugegeben, ausbaufähig , aber danke der Nachfrage.
„Wo ist Peter?“, fragte Happy.
„H m ?“
„Parker. Ist er auf dem Weg? Wo steckt er?“
„Keine Ahnung.“ Ich löschte den letzten Absatz und begann von neuem. „Warum fahren wir nicht? Wir verpassen FRIs gepriesene Verkehrslücke.“
Happy schnaufte. „Die ist ein Märchen.“
„Rechnerisch erwiesen nennt sich das Fakt.“
„ Ich sitze am Lenkrad und kutschiere dich täglich hindurch und ich sage dir, das ist bloßes statistisches Wunschdenken. Expertenmeinung.“
„Zahlen sind Spielverderber, ich weiß“, zwitscherte ich und stemmte meine Knie in entspannter Position gegen den Vordersitz empor. „Weniger Stopps, weniger Bremsvorgänge … Zehn Minuten früher daheim.“
„ Ja , im Jahresmittel. Mit Luftschlössern lässt sich kein Königreich halten.“ Merklich zufrieden mit seiner proklamierten Weisheit seufzte Happy, dann warf er schon wieder einen Blick hinaus Richtung Schulgebäude. „Kennt er den Wagen?“
Ich ließ meinen Kopf gegen das Fenster sacken. „Wer?“
„ Pet er.“
Perplex hob ich den Blick von meinem StarkPhone. „Welchen Wagen?“
„Himmel nochmal, diesen hier. Unseren. Welchen sonst?“ Happys Miene schlug in genervte Ungeduld um. „Weiß er überhaupt, wohin er muss? --- Und – hey! Was soll das? Nimm die Beine da runter. Das ist keine Beinpresse, sondern empfindliches Valcona. Ihr Kids solltet weniger auf diese Bildschirme starren und ein bisschen mehr Acht auf das geben, was um euch herum vor sich geht.“
„Ich hab einen Krampf, okay?“, brummte ich bloß.
Happy wandte sich wieder dem Bordcomputer zu, ohne meine lahme Ausrede mit mehr als einem frustrierten Ausatmen zu würdigen. „FRIDAY, weiß der Junge, wo wir stehen?“
„Ich kann eine Standortinformation an Mr. Parkers Handy versenden“, erbot FRI.
„Bitte.“
„Schon versandt.“
Ich hatte keine Zeit die Puzzlestücke dieses wirren Rätsels zusammenzusetzen, denn in der nächsten Sekunde klopfte jemand vorsichtig gegen das Fenster zu meiner Linken und es war Peter.
„Na, also“, murmelte Happy, ehe er ihm schon halbherzig gestikulierend zu verstehen gab endlich einzusteigen.
„Was …“ Ich brach mitten im Satz ab, als Peter tatsächlich die Tür öffnete. „Tut mir leid“, begann er, „der Spind hat geklemmt. Zu viel Zeug … --- Eine Standortbenachrichtigung?“ Ein überraschtes Lachen sprang aus seiner Kehle, kaum dass er auf sein Smartphone sah. „Ihr steht direkt vor der Tür. Umm , ich meine, danke, hab’s gesehen. Echt cool, Hap--- Mr. Hogan. Danke.“
Ich beobachtete Peter wie einen Kapuzineraffen, der sich unerwartet neben mir von der Decke geschwungen hatte und nun in aller Seelenruhe eine Packung Flaming Hot Doritos zu snacken begann, als er kurz zögernd seinen Rucksack in den Fußbereich meines Nebensitzes ablud und zu uns in den Wagen stieg.
„Hi“, setzte er etwas sprachloser vor Nervosität an mich gewandt nach.
Ich blinzelte, doch ehe ich meine Stimme wiederfand, sah er auch schon wieder zurück in Richtung Rückspiegel.
„Anschnallen“, erinnerte Happy.
„ Ugh --- klar.“ Peters Kopf sprang von rechts nach links, dann schnappte er sich seinen Gurt und tat wie geheißen. Die vage Befremdung und gleichzeitige Begeisterung, die die kostspielige Ausstattung unseres Audis in ihm weckte, standen ihm ins Gesicht geschrieben. Sofort bekam ich Flashbacks an meine eigenen ersten überwältigten Stunden in Tonys privatem Luxus-Fuhrpark, schaltete das Display meines StarkPhones ab und ließ meine Knie so beiläufig wie möglich am Vordersitz wieder herabgleiten, innerlich fast ein wenig in erster herangezüchteter Dekadenz ertappt.
„Du kommst heute mit?“, erkundigte ich mich lau, als ich mich verhalten in meinem Sitz emporschob.
„Zum Avengers Tower, ja.“ Peter strahlte auf wie ein Ballsaal, dann riss er seine Gesichtszüge schnell wieder unter Kontrolle, schluckte und gab sich wieder zurückhaltend unaufgeregt, obwohl ihm immer noch anzusehen war, wie er dicht unter der Oberfläche weiter vor begeisterter Ungeduld Saltos sprang.
Happy startete den Motor und brachte uns im Schritttempo in Bewegung.
„Dein Dad will ihm heute ein, zwei Projekte zeigen, an denen er … zukünftig mitwirken soll“, informierte er mich mit klarem Blick auf die vor uns liegende, von Mitschülern übersäte Straße. „Irgendein Werkstattkram. Tony kommt die nächsten Wochen vermutlich kaum mehr dazu, sein Jahresende ist gerammelt voll, also nutzt er den Nachmittag nochmal aus, damit Peter-“ Er warf einen betonten Blick in seine Richtung, der ihn sacht schlucken ließ. „-im Zweifelsfall weiß, wie er was geregelt bekommt. Oder was er anfassen darf und was nicht .“
Ich gab einen Laut von mir, als ergäbe dies vollkommen Sinn, auch wenn etwas in meinem Inneren schwach zu pulsieren begann. „Er bekommt ein Harley-Profil für die Werkstatt?“
„So etwas in der Art.“
Peter sah zu mir. „Harley?“
„Mein Adoptivbruder.“
Happy lachte auf, während Peter schwer überrumpelt dreinsah.
„Nicht wirklich“, klärte ich unmotiviert auf. Sofort sank seine Miene in einen Ausdruck höflich unterhaltener Verwirrung zurück. „Aber eigentlich schon. Er liebt ihn. Harley hat ihm mal mächtig aus der Patsche geholfen … Er sollte ihn adoptieren, so viel wie sie beide ständig voneinander reden …“
„Euch zwei Chaoten unter einem Dach?“ Happy gluckste. „Das wäre zu viel, selbst für den Boss.“
-/_\-
Es lief gut vernehmlicher Hard-Rock und trotzdem erfasste ich ihre Stimmen aus dem rückwärtigen Bereich der Werkstatt, kaum dass ich durch die gläserne Schleuse trat.
Meine erst halb beendeten Robotikhausaufgaben fest unter meinen Arm geklemmt, hielt ich neben Tonys Zeichentisch mit direktem Blick auf das Fensterpanorama unserer in kristallgoldenes Lampenlicht getränkten Lounge, nicht ganz sicher, was mich eine gute Stunde unruhig auf dem Stehhocker unserer Küche gehalten hatte, ehe ich endlich aufgestanden war, mein Zeug gepackt und mich auf den Weg hinab begeben hatte. Das raue Gefühl, gerade unerwünscht zu sein, hatte sich längst in meinem Magen manifestiert, auch wenn es objektiv betrachtet keinerlei Grund dazu gab.
Ich hatte Tony seit unserer Rückkehr aus der Schule nicht gesehen. Er hatte sich auch nicht mit irgendeiner FRIDAY-platzierten Nachricht für den Rest des Nachmittags ausgeklinkt, noch hatte er mir zu verstehen gegeben, dass die Werkstatt für die Dauer von Peters Aufenthalt Sperrzone für mich war.
Ja, er hatte mich nicht einmal gebeten, ihnen ein wenig Zeit zu geben, ehe ich mich zeigte.
Nichts davon war der Fall. Tony hatte mich nicht von ihrer Party ausgeladen, noch sein vielgeliebtes Avengers-Terrain-Veto in den Ring geworfen. Er hatte keinen Mucks von sich gegeben, nicht seit ich wieder heim war und auch nicht davor. Bis Peter zu Happy und mir in den Wagen gestiegen war, hatte ich nicht einmal von ihrer für heute verabredeten Zusammenkunft gewusst . Und trotzdem überfiel mich das Gefühl zu balancieren, jetzt da ich inmitten summender und säuselnder Gerätschaften an gläsernen, blinkenden Bildschirmen, Dum-Es gemächlichen Routinearbeiten und metallisch glänzenden Werkbänken voller High-Tech-Analysetools vorbeispähte.
Während FRIDAY Peter bei unserer gemeinsamen Ankunft mit Tonys expliziter Einladung auf der wissenschaftlichen Ebene entlassen hatte, war ich ins Penthouse zurückgekehrt, hatte meine Schulsachen abgeworfen, ein wenig Cornflakes gegessen, gechattet und eine Sitcom gestreamt, nur um mich anschließend an meine noch recht frischen Ideen für einen Top-Down-View eines Chassis mit omnidirektionalen Rädern zu setzen, das ich in der nächsten Robotikstunde als Lösung für das Hürdenproblem anführen wollte. Ich hatte versucht, nicht über Peter und seinen Besuch nachzudenken; daran, wie er soeben ganz sicher jedes Detail von Tonys Werkstatt bewunderte und in sich aufsog, ganz wie ich es selbst vor gar nicht langer Zeit getan hatte und doch sachverständiger und aufmerksamer für all die verborgenen Details seiner genialen Prototypen und Fertigungstechniken, als ich es vielleicht je sein würde. Irgendwann hatte ich mich dabei erwischt, nur noch Spiralen an den Rand meines Blocks zu kritzeln, verloren in Gedanken.
Dann war ich aufgestanden.
Ihre Stimmen nun bestätigten meinen Verdacht. Auch wenn Guns’N’Roses ihre einzelnen Worte verwischte, blieb es unmissverständlich, dass sie schon jetzt über Koeffizienten, Durchmesser und Reaktionszeiten nachsannen, die es für irgendetwas einzufangen galt.
Peter stieß ein Jauchzen der Begeisterung aus, anscheinend auf irgendein seltenes Material oder Werkzeug gestoßen und etwas daran machte mich nur noch unglücklicher.
Es war ein Test, begriff ich, während ich mir einen innerlichen Ruck gab und mich weiter die Werkstatt hinab in Bewegung setzte, auf ihrer beider sachlich beschwingt dahinplätschernden Unterhaltung zu.
Ich war nicht bloß hier, um Inspiration zu suchen, Ablenkung zu finden oder handfeste Bauteile für meinen technischen Entwurf zu studieren, ich war hier um zu sehen, was geschehen würde, wenn ich mich zeigte .
Als ich den hintersten Bereich erreichte, der sowohl Tonys Konstruktionspodium, die lange Vitrine seiner stolzesten Kollektion Anzüge, als auch meine ganz eigene Werkbank beherbergte, erwies sich die Reaktion jedoch als vollkommen unspektakulär.
Tony hielt eine kleine, metallische Raute in den Händen; ein Einzelteil, das ich nicht auf Anhieb einzuordnen wusste, als er um seine Werkbank herumtrat, das Bauteil in seine Box zurückwarf und unaufgeregt zu mir herübersah. „Hey, Bambina.“
„Hi …“
Ich zögerte; nicht bloß, weil alles so entspannt und zwanglos schien, als bastelten sie beide lediglich an einer kleinen privaten Idee, sondern auch, weil ich mir bis zu dieser Sekunde nicht recht sicher gewesen war, was die vergangene Nacht in Tonys Hirn aus dem frustrierenden Resultat unserer ersten S.E.N.F.-Sitzung gemacht hatte.
Etwas in mir rechnete mit derselben unverändert verstimmten Grübelei, in der ich ihn verlassen hatte, doch tatsächlich deutete nichts auf fortbrütende Unzufriedenheit angesichts der nur widerwillig aufgedeckten Halbwahrheiten rund um meine Phantomerinnerungen.
Heute Morgen waren wir uns nur kurz über den Weg gelaufen. Tony hatte mich auf dem Flur hinab in unsere Wohnlounge eingeholt und mich noch im Überholen darüber informiert, dass es einen Alarm in Savannah gab und er mit Vision dort nach dem Rechten sehen und die örtlichen Einsatzmannschaften unterstützen würde, weil anscheinend auffällig hohe Konzentrationen außerirdischer Isotopen vorlagen. Es würde sie kaum den ganzen Morgen beschäftigen, ich brauchte mir keine Sorgen zu machen, aber falls ich nicht dagegen ankam, nun … versichernd kurz hatte er gegen die Stelle hinter seinem Ohrläppchen getippt, an dem sich seit wenigen Tagen ein Nanoimplantat verbarg, das einen erneuten Komplettausfall aller Lebenssignale im Falle eines gravierenden Anzugschadens verhindern sollte.
„Ist erledigt, ehe irgendjemand etwas mitbekommt“, hatte er im beschwingten Eilschritt versprochen und war dann auch schon die Treppe hinab entschwunden.
Und genau so war es gelaufen. Georgias Küstenstadt hatte es nicht einmal länger als eine Kurznews lang in die Berichtserstattung geschafft.
Jemand Unbekanntes war verhaftet und an ein zuständiges Gremium überantwortet worden und irgendeine Fabrikanlage stand nun unter Quarantäne der Damage Control. Die Tatsache, dass sogar außerirdische Faktoren eine Rolle gespielt hatten, vielleicht gar ein lebendes Individuum, war ebenso ernüchternd kurz thematisiert worden. Kein Zweifel, die Menschheit begann mit der zunehmenden Anzahl identifizierter extraterrestrischer Kleinvisiten rund um den Erdball zunehmend abzustumpfen, solange es nicht direkt an ihrer eigenen Haustür klopfte.
So oder so, ein außerirdisches Vorkommnis weniger, um das sich irgendjemand anderes als der frischgebackene Direktor der Avengers selbst Gedanken machen musste.
Manchmal versuchte ich mir vorzustellen, wie es derzeit in Tonys Kopf aussah, wie viele Konflikte zugleich rund um die Uhr ihre ureigenen Kämpfe austrugen, bis er letztendlich irgendwann grotesk übermüdet ins Bett fiel, nur um gleich wieder unter derselben Lawine aufzuwachen, die ihn nun schon seit Wochen unter sich begraben hielt. Ich konnte mir nicht vorstellen, dass irgendjemand sonst dem auch nur ansatzweise genauso gewachsen wäre, wie er es ganz eindeutig war , doch nichtsdestotrotz begriff ich nicht, wie er es meisterte, wie er selbst nach Sibirien, nach Ross, nach Ultron, Pepper und mir derart beharrlich und unerschütterlich weiterzumachen vermochte, nun auch fast auf verlorenem Posten und doch – oder vielleicht sogar gerade deswegen – entschlossener denn je .
Wie Tony trotzdem, ja, womöglich nur aus reinem Trotz heraus schon wieder derart leichtfüßig unterwegs sein konnte, blieb mir ein anhaltendes Rätsel.
Er richtete einen der faltbaren Glasbildschirme neben seiner Werkbank, als er sich mir zuwandte, ehe er einen schmalen Swapscreen aus seiner hinteren Hosentasche fischte und aus lässig schnippendem Handgelenk eine laufende Berechnung auf besagten Bildschirm warf, die sich augenblicklich darauf fort zu setzen begann. „Was macht der Kopf?“
Ich versuchte mir vor Peter nichts anmerken zu lassen und zuckte mit den Schultern. „Alles tippy-toppy.“
Tony fasste mich kurz in Augenschein, setzte allerdings nichts weiter nach, vermutlich, weil unsere Blicke einander Antwort genug blieben.
Ich wusste, dass er keineswegs bloß mein Aneurysma meinte. Eine Summation, auf die ich mich zukünftig wohl einstellen konnte, da sie ab sofort ganz sicher mit unter die Regel fiel, gesundheitliche Probleme nicht für mich zu behalten, selbst wenn sie in Form diffuser Scheinerinnerungen zutage traten.
Dass Wandas magische Vorkehrungen seinen Vorstellungen einer anvisierten Konfrontationstherapie mittels S.E.N.F. vorerst einen gewaltigen Strich durch die Rechnung machten, mochte mir gestern noch als kleiner Segen vorgekommen sein, doch die Rechnung hatte auch eine Verlustseite, wie ich unschwer erkannte. Er ist zu clever, um Zusammenhänge nicht herzustellen, wenn sie existieren. Jetzt da Tony von meinem kleinen mentalen Handicap wusste, würde es um ein Vielfaches schwieriger werden, etwaige Vorfälle vor ihm zu verbergen.
Eine beängstigende Scheinerinnerung wie im MetLife Stadion war zwar nicht wieder aufgetreten, doch ich wusste, dass ich nicht darauf setzen konnte, dass es ein einmaliges Erlebnis blieb. Und ganz gleich, wann es wieder geschah, es würde mich verängstigen und Tony ebenso und ihm schlussendlich Gründe liefern, vielleicht genug , um doch auf Ross und das Raft für einen Deal mit Wanda zuzugehen oder eine neue Lösung zu suchen; eine, die er kontrollieren und gestalten konnte und die S.E.N.F. vermutlich nur noch wie ein kleines, schnuckeliges Projekt aus einem x-beliebigem Hobbykeller aussehen ließ.
Während Tony sich wieder Peter zuwandte, auf den gewendeten Bildschirm verwies und irgendwelche molaren Verhältnisse hervorzuheben begann, die anscheinend für beide selbsterklärend ernüchternd blieben, schritt ich zu meiner eigenen Werkbank hinüber. Es war das erste und bislang einzige Geburtstagsgeschenk, das Tony mir gemacht hatte. Mit allen integrierten intelligenten Bildschirmen und holografischen Tischfeldern schon für sich genommen Millionen ganz sicher wert, ohne überhaupt anzuführen, dass es zuvor eine seiner Werkbänke gewesen war, an der er selbst gearbeitet, gegrübelt und triumphiert hatte, was sie für die Außenwelt wohl eigentlich mehr unbezahlbar machte.
Peter schien diese Ansicht jedenfalls zu teilen, denn ich sah, wie er sich zwang, nicht zu oft zu mir herüberzusehen, während ich mich unentschlossen auf meinen Drehhocker sacken ließ, meinen Block abwarf und eine unentschlossene Minute um mich sah, ehe ich mich schon wieder auf die Beine brachte und in Richtung Einzelteillager aufmachte.
„Hey, wenn du schon unterwegs bist, bring noch ein paar Gleitringdichtungen und Einspritzventile für Mikroinjektoren mit.“ Tony warf mir etwas Winziges zu, das ich zum Glück relativ sicher aus der Luft fing, anstatt es mit peinlichem Klingeln gegen die Vitrine in meinem Rücken springen zu lassen, wie es mir hin und wieder auch schon gelungen war.
Es war ein titanfarbener Zylinder mit schmaler Spitze, den ich noch nie gesehen hatte.
„Dieselbe Größe?“
„Hinten ist ein ganzes Fach voll davon. Die Dichtungen liegen gegenüber.“
Ich brauchte nicht lange, da ich FRI bat, mir zu sagen, was hinten in exakten Regalkoordinaten bedeutete. Als ich aus dem Lager zurückkehrte, stellte ich eine Box mit den gewünschten Kleinteilen wortlos neben Peter ab, der sich still bedankte, und verzog mich mit meinen eigenen Bauteilen für mein improvisiertes Chassis an meine eigene Werkbank zurück, an der ich schließlich meine Konzeptzeichnung für Robotik zu Ende brachte, nicht jedoch ohne Tony und Peter fortwährend zu beobachten, die sich nun eindeutig durch irgendwelche hochtrabenden chemischen Prozesse argumentierten, die sich ganz eindeutig nicht auf High School-Niveau bewegten.
„Also gut“, entschied Tony irgendwann kurzentschlossen geködert. „Versuchen wir’s. Doppelte asynchrone Injektion.“ Er tippte mit der Rückseite seines Zeigefingers gegen den Bildschirm. „Wenn die Testreihe heute stabil bleibt, leveln wir auf und FRIDAY fertigt eine Charge für den ersten Feldtest.“
Ein Freudenfeuer brach über Peters Gesicht. Seine Hände begannen flugs zu arbeiten. „Genial, Mr. Stark. Es funktioniert! Bestimmt. Ich habe es heute mindestens dreimal durchgerechnet.“
Ich verzog die Miene, als ich mich entsann, wie fiebrig er in Physik und Chemie tatsächlich vor sich hingekritzelt hatte, ohne unseren Unterricht auch nur mit ansatzweise vorgetäuschter Aufmerksamkeit zu bedachen. Peter log nicht einmal , wenn er derart gedankenlos seinen naturgegebenen wissenschaftlichen Ehrgeiz unterstrich.
Daneben sah ich aus wie ein gelangweilter, vollkommen kurzsichtiger Hormonkessel und es bescherte mir regelrechtes Sodbrennen , mir diese Wahrheit einzugestehen.
Tony hob die Achseln und ließ einen letzten kalkulierenden Blick über die Bildschirme streifen. „Die Zahlen stimmen. Probieren wir’s aus.“
Während mein brillanter Klassenkamerad zielsicher zu stecken und verkabeln begann und dabei schon wieder alle paar Sekunden seiner Begeisterung fürs verfügbare Equipment Luft vor sich selbst machte, entschuldigte Tony sich hinunter in die Fertigungsanlage, aus der FRIDAY bereits seit gut einer Viertelstunde ein Wartungsproblem vermeldete. Ich beobachtete Tony dabei, wie er die Treppe hinab verschwand, ehe ich seinen dunklen Hinterkopf weit hinten unter dem quadratischen Bodenglas im mittleren Werkstattbereich wieder auftauchen sah. Sämtliche Maschinen und mannsgroßen Gelenkarmroboter kamen um ihn herum zum Stoppen und pausierten in ihrem Werk, dann entfernte er sich weiter und verschwand erneut irgendwo in den Tiefen der unter unseren Füßen weilenden Fabrikationsstätte.
Zwei lange Minuten taten Peter und ich bloß, als lauschten wir Cobrastyle , während die illuminierte Reihe rotgoldener Iron Man-Anzüge neben uns die schiere Absurdität unserer Situation hervorhob: Zwei Teenager allein am vielleicht heiligsten Ort modernster Ingenieurskunst.
Schlussendlich war ich es, die das Theater beendete.
Als ich meinen Blick hob, meinen gravierten Prestige-Kugelschreiber endgültig fallen ließ und sein Tun ganz offen von meinem Ende der Werkstatt zu verfolgen begann, schien es ihm nicht zu entgehen. Doch erst, als meine undurchdringliche Stille etwas unausweichlich Konfrontierendes anzunehmen begann, rieb Peter sich den Nacken und schielte zu mir herüber.
Ohne etwas von sich zu geben, griff er sich das nächste Bauteil.
Ich konnte es in ihm sprudeln sehen, gedeckelt von einer unterschwelligen Nervosität.
„Er wird dich nicht gleich feuern, nur weil du mit mir sprichst, weißt du?“, zog ich ihn knapp auf. „Da ist er irgendwie cool drauf.“
Peter krümmte die Mundwinkel zu einem widerwillig belustigten Lächeln, sah aber gleich wieder auf seine Arbeit hinab.
Nicht ganz das Ergebnis, nach dem ich fischte.
Geduldig setzte ich mein Kinn auf meinem Handballen ab und zog mein Netz etwas enger: „Woran arbeitet ihr?“
Seine merkliche Nervosität quoll empor, noch ehe ich meine Frage beendet hatte. Er blinzelte schnell. „H m ?“, gab er vermeintlich abgelenkt von sich, wie um Zeit zu schinden.
„Das Einspritzventil“, ließ ich nicht locker, „wofür braucht ihr es?“ Ich hob beide Brauen, stand gelangweilt auf und gab vor, meinen Platz aufzuräumen. „Die Testreihe, über die ihr gerade gesprochen habt?“
„Ist bloß … eine Fluidstudie.“
„Klang dramatisch. Wozu das Ganze?“
Er zögerte. „Ich glaub, ich soll … na ja, eigentlich nicht darüber reden …“
„Hm, klar.“ Ich zwang mich, keine Miene zu verziehen und stattdessen leise belustigt dreinzusehen, aber selbst ich spürte, dass mein dunkler Blick mein Grinsen als genauso aufgesetzt und sarkastisch enttarnte, wie es tief in meinem Herzen aufblühte. „Stimmt schon, solltest du nicht. Da draußen.“ Beiläufig schielte ich in Richtung der dunklen Fenster zu meiner Linken, den eindrucksvoll beleuchteten Wolkenkratzern von Midtown Manhattan, die den Avengers Tower umgaben, uns umgaben, gleich hier oben, nahe der blinkenden Zierspitzen, des abendlich verdichtetem Großstadtdunst und der niemals sichtbaren Sterne. „Aber ich war gerade mit dabei, als ihr noch den Debattierklub gegeben habt, al so …“ Erwartungsvoll überdehnt ließ ich den letzten Vokal in der Luft stehen.
Peters Stirn wölbte sich in sichtlichem Unbehagen.
Nachdrücklich hob ich beide Brauen. „Tony hätte mich nicht reingelassen, wenn wir nicht darüber sprechen dürften. Die Zugangsprofile – die sind nicht so cool, wie er sie einem verkauft. Die sind vor allem dafür da. Damit FRIDAY Türsteher spielen kann, wenn er nicht möchte, dass du über die falschen Prototypen oder Aufbauten stolperst oder in irgendeine spontan gehaltene Avengers-Krisenkonferenz hereinplatzt. Tja, aber jetzt gerade bin ich hier.“ Halbherzig wies ich über meine Werkbank. „Permanenter VIP-Pass. Willkommen übrigens, im Behind-the-Scenes.“
Auch wenn ich ein wenig dick auftrug, um Peter in ausdrücklicher Sicherheit zu wiegen, war es die Wahrheit. Tony machte vor mir kein Geheimnis aus dem Großteil seiner Werkstattprojekte, mochten sie nun mit Iron Man zu tun haben oder nicht. Ich hatte bereits Induktionsgranaten mit noch völlig unveröffentlichter Nanopartikeltechnologie in den Händen gehalten. Ich hatte ihn monatelang an besagten Nanowerkstoffen forschen und basteln sehen, wie selbst an seinen allerneuesten Anzug-Modellen. Sogar den dutzenden Vorstufen, die den Stresstest nicht überstanden hatten.
Wenn ich etwas für mich behalten sollte, sagte Tony es mir.
Und wenn ich etwas erst gar nicht zu Gesicht bekommen sollte, sperrte er die Werkstatt für die Dauer seiner Arbeit und ließ mich auch das wissen.
„Im Ernst“, beharrte ich vage genervt, als Peter bloß sichtlich unüberzeugt den Blick abwandte. „Ich sehe ständig, woran er arbeitet. Er lässt mich fast immer rein, wenn er hier ist. Ist nicht so, als sei ich Fox News oder Hammer.“
„Schon klar.“ Sein Blick sprang zu mir zurück und begegnete dem meinem diese eine verhaltene Sekunde genug, um dem unterschwellig erweckten Frust in seiner Stimme ehrlichen Ausdruck zu verleihen.
„Tony hat dir also gesagt, dass du über das hier nicht mit mir sprechen darfst?“, wiederholte ich trocken. „Obwohl ich gleich hier drüben saß und ohnehin alles mitbekommen habe, worüber ihr eben diskutiert habt? Und obwohl er mich gerade noch eure Bauteile raussuchen lassen hat?“ Satt triezend schob ich das Kinn vor und nickte. „ Jupp , verdammt einleuchtend …“
Peter hob die Hände. „Ich würde gerne. Wirklich.“ Er stieß die Luft aus und legte resigniert das Werkzeug ab. „Keine Ahnung, warum er eben nichts gesagt hat, okay? Ich weiß nur … dass ich nicht mit dir über … na ja, über-“
„Dein Praktikum.“
„Ja, darüber soll ich nicht reden. Mit niemandem, nicht nur nicht mit dir, aber … eben auch nicht mit dir …“ Er brach unbefriedigt ab. „Das ist alles.“
Fast tat mir mein passiv-aggressiver Vorstoß leid, auch wenn es einzig und allein damit zu tun hatte, dass ich Peter nicht derart widerstandslos in die Ecke gedrängt sehen wollte. Ich wollte nichts von ihm sehen, das ich genauso bereits kannte oder mochte, gemocht hatte , ich wollte sein wahres Ich sehen, das mich getäuscht hatte, mich hintergangen und Tonys Interesse gekapert hatte; das Spider-Man kannte und Iron Man gleichzeitig so fest geködert hielt, dass dieser mit einem fünfzehn jährigen High Schooler im Sinne der Avengers zusammenarbeitete und ihn sogar zu seinem persönlichen Praktikanten ernannt hatte --- eine Position, wie es sie in Tony Starks Geschichte bislang nicht einmal gegeben haben dürfte.
Ich wollte ihn sehen.
Diesen Peter, der historische Volltreffer landete und Gelegenheiten nutzte.
Ich wollte ihn packen und an die Oberfläche zerren und ihn endlich erkennen .
Damit ich mir eingestehen konnte, dass er wirklich so gut war. Damit die Zweifel verpufften. Damit ich endlich aufhören konnte, darauf reinzufallen, ihm immer noch zu vertrauen, ihn zu mögen , selbst jetzt, da er hier stand und mich so dumm aussehen ließ, dass ich mich geradewegs fragte, was ich hier überhaupt suchte, in Tonys Werkstatt und Leben und --- in dem Teil davon, das ich mir selbst an der Midtown geschaffen hatte, naiv überzeugt, dass ich es wenigstens dort schaffen konnte, wieder zu mir finden; dort, wo alles mehr wie ich schien und weniger wie er.
„Er sagte, er möchte nicht, dass du noch tiefer in diesen Kram mit reingezogen wirst“, verriet Peter still, vermutlich weil ich ihn immer noch finster entzaubert anstarrte, Glut in meinem Magen wie in meinem Blick.
„Kein Ding.“ Kühl wandte ich mich ab. „FRIDAY. Woran arbeitet Dad mit Peter?“
„Ich fürchte, Mr. Stark hat dieses Projekt in der Tat als strengvertraulich markiert, Sola.“ Ich erstarrte mitten in der Bewegung. „Ich darf dir leider nichts Näheres hierzu sagen.“
Vager Schock durchfuhr mich. „Aber ich war schon die ganze Zeit hier ?“, wiederholte ich nochmals, diesmal direkt in die unbestimmte Leere gerichtet, die FRIDAY okkupierte.
„Vielleicht hielt er die geäußerten Inhalte ohne weitere Kontextualisierung für deine Ohren unbedenklich“, erwog die KI.
Ich brauchte eine Sekunde, um mich zu sammeln.
Dann schnappte ich mir wortlos meinen Block von meiner Werkbank, machte kehrt, ohne Peter noch einmal anzusehen, und durchquerte die Werkstatt in Richtung Ausgang.
Auf halbem Wege hinaus kam Tony mir entgegen. „Hey, wo willst du hin?“ Sacht überrascht verlangsamte er seine schlendernden Schritte. „Ich wollte dich gleich vor die EB-Anlage setzen und dich ins sechs- bis-siebenstellig kalte Wasser werfen.“
„Bin nicht in der Stimmung.“ Ohne ihn eines Blickes zu würdigen, stapfte ich geradewegs an ihm vorbei. „Bring erstmal dein Top-Secret-Projekt zu Ende.“
-/_\-
West- oder Ostküste? Für immer nur noch deinen Lieblingsfilm oder nie wieder? Silvester oder 4. Juli? Zombie- oder Dunkelelf-Apokalypse?
Mein Daumen stockte über dem Display, als meine gedankenlose Antwortwahl von einer ertappend tiefgründigen Frage durchbrochen wurde, wie ich sie in dem bisherigen „Würdest du eher“- Quiz anhaltender Nichtigkeiten gar nicht weiter erwartet hatte: Würdest du lieber eine peinliche Lüge oder eine peinliche Wahrheit über dich verbreitet sehen?
Ich ließ meinen Kopf in die Leere abseits meiner Couch zurückfallen. Mein Daumen blieb über den beiden Optionen schweben.
Gerade als ich zu dem Ergebnis kam, dass ich doch lieber eine der wohlbekannten BuzzFeed-Endlosabfragen nach Eissorten, Urlaubsländern, Superkräften und Pizzabelag vorzog, trat Tony durch meine Zimmertür und wie immer, wenn er es tat, machte er absolut kein Geheimnis daraus, dass er mich mit seiner extrovertierten Gegenwart beehrte.
„Wenn du nicht gerade dabei bist, in hysterische Ohnmacht zu fallen und das Ganze hier eine FRIDAY-induzierte Kreislaufrettungsaktion darstellt, gehört dieser ganze Apparat einmal umgedreht“, wies er knapp fingerkreisend von meinen über die Rückenlehne geschlungenen Beinen zu meinem lediglich halbherzig vom Erdboden abgeneigtem Kopf.
Missvergnügt ließ ich mein StarkPhone auf meinen Bauch plumpsen und den Kopf endgültig baumeln, sodass ich für einen Moment meinen flauschigen Teppich über meinen Scheitel kitzeln spürte, dann hievte ich mich mit knapp genervtem Stöhnen auf die Couch zurück und funkelte ihn an.
„Dir das Blut langsam in den frisch restaurierten Kopf sacken zu lassen und dabei längst abgesetzte Fastfood-Trends zu bewerten, ist ein interessanter Ausdruck von Scheiß-Drauf-Mentalität.“ Er ließ den Spott eine Sekunde sacken, wie um all seinen ikonischen TV-Augenblicken meiner Kindheit gerecht zu werden und mit mühelos unbekümmerter Herablassung vor mir zu glänzen, ehe er schon trocken irritiert die Brauen hob. „BuzzFeed-Küchenpsychologie statt superexklusives Elektronenstrahlschweißen? Wirklich?“
Genervt sah ich wieder auf mein StarkPhone und ließ mich auf die Sitzfläche zurückfallen. „Ich chille.“
Tony blieb unbeeindruckt. „Was ist los?“
„Hast du Peter irgendwo vergessen?“
„Er kommt klar.“ Seine konzentriert parierende Miene hielt sich gar nicht erst mit meinem garstig leisen Kommentar auf. „Okay, was sollte das gerade?“
Ich warf mein StarkPhone beiseite. „Hat er sich beschwert?“
„Nein, aber als ich vorhin zurückkam – du weißt schon, nachdem ich deinen eleganten Laufpass kassiert habe – sah er aus wie ein begossener Pudel mit akuter Verdauungsstörung und nicht wie der hyperaktive Junge aus Queens, der endlich eine monatealte fixe Idee aus dem System spülen und sie Iron Man als frischen, kreativen Einfall verkaufen konnte. Ich habe euch beide kaum zehn Minuten alleine gelassen. Es gibt nur eine Waffe, die in so kurzer Zeit so desaströse Wirkung zeigt.“ Tony hob beide Brauen, als ich grimmig herausfordernd schwieg. „Stark-Projektile haben eine überdurchschnittliche Präzision und Durchschlagskraft. Das liegt an der Herstellermarke, nicht am Modell.“
Dumpf verdrehte ich die Augen angesichts seiner wie so häufig dramatisch aufgesetzten Metapher, aber Tony ließ sich nicht beirren, vielmehr schien er tatsächlich den Plan zu verfolgen, es sich in meinen vier Wänden gemütlich zu machen, als er in ziellos begutachtendes Schlendern verfiel. „Okay, bloß ein kleiner Ratschlag, der es mit Sun Tsu locker aufnehmen kann. Pepper nannte es früher mein Routine-Briefing: Wir bringen keine Stark-Munition an den Verhandlungstisch, solange wir anschließend noch eine Verabredung zum Dinner haben.“ Mit locker verschränkten Armen hielt er inne. Seine Schultern stiegen halbherzig empor. „Wenn ich dann und wann drauf gehört hätte, würde Mums Flügel jetzt vielleicht nicht nur noch Good Vibrations für Seegurken spielen.“
Raue Emotion erhob sich in mir, doch wenn auch Reue darunter war, vermischte sie sich zu deutlich mit dem drückenden Gewicht der Nichtigkeit, das mich seit FRIDAYs Abfuhr unter ihrer fahlen, widerlich dichten Decke hielt.
Verwirrt löste Tony die Arme. „Ich dachte, es hat zwischen euch Klick gemacht?“
Ein verhalten dunkles Schnaufen entwich mir.
„Was ist das Problem?“
Mein Unterkiefer schob sich angespannt zur Seite. Ich schloss die Augen, setzte mich wieder auf und wandte mich ab.
Etwas in mir wusste, dass er mich an diesem Punkt nicht mehr von der Leine lassen würde, dafür musterte er mich bereits jetzt schon zu beharrlich.
„Ich wollte bloß wissen, woran ihr arbeitet“, schnaufte ich und sah stattdessen wieder hinaus ins dunstig glitzernde Manhattan, wenn auch bloß um das unausweichliche Blickduell abzukürzen, in das mich seine ungeduldige Analyse zu verwickeln drohte.
„Ist nichts Spannendes.“ Tony hielt diese eigenwillig unbeeindruckte Tonlage, die mir sagte, dass er mir mein Tatmotiv nicht eine Sekunde abkaufte. „Ausrüstungs-Updates.“
„Nicht für Iron Man“, ergänzte ich säuerlich.
„Nein.“ Er nickte mir mit unverändert unempfänglicher Miene zu. „Außerdem nicht dein Spielplatz. Alles die Breaking News von letzter Woche, die inzwischen irgendwo in diesem Investigativ-Reporter-Hirn sauber kategorisiert und unter Letzter Warnschuss archiviert sein sollten.“
„Also ist es vertraulich, weil es etwas für Spider-Man ist, während alle anderen Upgrades kein Problem sind, wenn du an ihnen arbeitest?“ Ich warf ihm einen sarkastischen Blick zu. „Schon klar, dass es für ihn ist“, kommentierte ich bitter, als sein Blick knapp unzufrieden erstarrte. „Ich kann eins und eins zusammenzählen. Peter ist --- dein Kontaktmann oder was auch immer.“ Ich grunzte. „Und ich habe nicht nach Spider-Man gefragt oder welche Einsätze ihr plant oder wer nun ein Avenger ist und wer nicht, ich wollte bloß wissen, woran ihr beide arbeitet . Du hast mir sogar die Nanopartikel gezeigt, den Handschuh, damals im Hotel, das war nicht Top-Secret-“
„Und ich habe noch zweihundert andere Dinge, die dich ganz bestimmt aus den Socken hauen werden“, unterbrach er mich entspannt überlegen. Er wies mit dem Daumen in Richtung Tür. „Jetzt gleich, wenn du willst. Solange das DODC nicht dazwischenfunkt, ist für heute nichts mehr geplant. Aber vorher stellen wir das Schützenfeuer ein, einverstanden? Oder du erklärst mir endlich, wieso wir auf Queens Vorzeigejungen feuern und vielleicht schicke ich Unterstützung.“
„Diese Metaphern sind echt viel uncooler, als du denkst.“
„Zu nah dran an der Wahrheit?“
„Für jemanden, der wirklich auf Freunde schießt, bestimmt.“
Tony erstarrte. Das flackernd kurze Abflauen seiner plakativen Überlegenheit ließ keinen Zweifel daran, dass meine unerwartet heftige Retourkutsche nicht nur mich kalt erwischte.
Ich bereute es sofort. Aber ich fand nicht den Mut, den Mund erneut zu öffnen, um es zurückzunehmen, denn da war immer noch dieser giftige Ball in meiner Magengrube, der es eigentlich nicht einmal ehrlich genug fand; nicht angesichts Clints fremdbestimmter Funkstille oder den Fahndungsberichten der Special Forces, die tagtäglich mit neuen Ideen in Tonys Voicemail landeten, Nat aus ihrem Kaninchenbau potentieller Safe-Häuser ans Tageslicht zu räuchern.
„Okay“, murmelte ich, „das war …“
„Ein Paradebeispiel“, beendete Tony blank.
Ich schluckte. „Vielleicht.“ Mein Blick kehrte zum granitgrauen Nachthimmel zwischen all den unregelmäßigen Lichtwaben bewohnter Betonstalaktiten vor meinem Fenster zurück. Abrupt atmete ich aus.
Unmotiviert herumrutschend begann ich es mir auf der Couch gemütlich zu machen, um meinen geplanten Verbleib für den restlichen Abend noch einmal stumm zwischen uns festzuhalten; leise hoffend, dass meine ungewollt persönliche Attacke ihn vielleicht davon überzeugte, mich in Ruhe und damit für eine Weile in meinem eigenen Saft schmoren zu lassen, bis ich den Anstand fand, mich zu entschuldigen.
Aber Tony verblieb an Ort und Stelle.
Und dann ging eine Wandlung durch ihn, als setze sich Erkenntnis in ihm ab. Sie durchweichte seinen Blick und ließ einen überraschend freudlosen wie unbesorgten Ausdruck auf seiner Miene zurückkehren. Einen Sekundenbruchteil sah er mich bloß weiter an, während ich vage finster zurückstierte.
„Du bist eifersüchtig.“
Peinlich ertappt verschärfte ich mein genervtes Funkeln. „Nein“, murmelte ich tödlich knapp.
Tonys Mundwinkel hoben sich, auch wenn er sichtlich dagegenhielt, als er seine just amüsierten Gesichtszüge wieder unter Kontrolle zwang. „Nein.“
Ich schluckte.
„Kein bisschen?“ Er kniff die Augen zusammen, als brauchten wir einander nichts vorzumachen. „Nicht mal … kurz? Irrational, nein, lächerlich kurz und beinahe? Nein? Ich bin beleidigt.“ Zwei Finger zu federnd weichen Geste geneigt, wies er auf sich. „ Ich wäre es. Jetzt, da ich darüber nachdenke, klare Sache.“
Ich öffnete den Mund, bekam keinen sinnvollen Ton raus und schloss ihn wieder.
Den Blick nickend abgewandt ließ er sich neben mir auf die Couch sacken. „Gibt aber keinen Grund dazu“, versicherte er unversehens.
„Es ist nur ---“, platzte es schwach aus mir, ehe ich gleich wieder abbrach.
„Nur?“
Ich stockte. „Ich bin gerade erst …“
„-auf den Plan getreten?“
„Ja, und ich --- wir --- also, wir hatten noch gar nicht so wirklich viel Zeit …“
„Miteinander.“ Er nickte langsam. „Wir beide haben viel aufzuholen. Ist es das?“
„Ja“, purzelte es widerstrebend aus mir. Ich presste mein rechtes Auge gegen meinen Handballen und rieb es lahm. Ich weiß nicht . „Ich will nur nicht …“
Dass du mich nicht mehr siehst.
Ich wollte nicht in Peters explodierendem Stern von Talent, Können und Wissen verbleichen. Ich wollte nicht, dass Tony mich zurückstellte, mein schwaches Funkeln mit dem seinen verglich, seine Erwartungen anpasste und klammheimlich, aber unaufhaltsam genau das aufgab, was er überhaupt erst in mir entzündet hatte.
Seine unbeirrte Zuversicht, ja, sein geradezu absurd gewaltiger Vorschuss an Vertrauen in mein Potential. Sein vermaledeites Cheerleading. Das alles bedeutete mir etwas.
„Er ist richtig gut“, gestand ich flau. „In echt allem .“
„Peter.“
„Ja. Und --- … Ihr könnt direkt neben mir irgendwelche Reaktionsgleichungen und atomaren Dichten besprechen, Radikalberechnungen und Spannungstensoren, Scherungen, Rheopaxie-“
„Rheop e xie.“
„ Ugh , okay! Was auch immer – ihr könnt das alles durch den Raum werfen und ich bin gut in Chemie, echt gut, okay?“
„Okay.“
„-und ich verstehe trotzdem so gar nichts , dass es überhaupt keinen Unterschied macht, ob ich es mitbekommen habe oder nicht.“ Meine Stimme beschleunigte sich und fiel in die beschämend heiseren Abgründe verletzten Stolzes. „Ich meine --- es stört dich offensichtlich nicht, wenn ich dabeisitze und alles mitanhöre, weil ich ohnehin nicht begreife, was überhaupt vor sich geht, und das --- anscheinend auch kein Geheimnis ist. Und, na ja, es ist wahr, aber --- auch echt scheiße.“
„Okay.“
Tony atmete aus, wie um anzusetzen, aber mein Ärger nahm schon Anlauf, entschlossen alles Gesagte sofort in die dichte Gaze schützenden Vorwurfs zu packen: „Du hättest mich auch einfach nicht reinlassen können, anstatt mich so dumm auflaufen zu lassen! Ich --- ich bin nicht dumm . Einfach normal und – und das weiß ich auch, okay? Ich werde demnächst keine sagenhafte Erfindung aus dem Ärmel schütteln oder irgendwelche Preise nach Hause holen. Keine Landesmeisterschaft, vielleicht höchstens irgendeinen kleinen Wettbewerb an der Midtown, wenn ich es echt rocke ... Jedenfalls nichts Großes , ganz bestimmt nicht, bevor ich aufs College gehe. Aber das heißt nicht, dass ich es nicht will , dass es mir nicht trotzdem gefällt und das alles echt mein Ding ist.“
Abrupt verfiel ich ins Schweigen.
Es war raus. Es war raus und ich konnte es nicht mehr leugnen.
Ich war ein Niemand, der bloß versuchte, jemand zu sein.
Ein Niemand, der jetzt seinen Nachnamen trug.
All meine Erfolge würden seine Banalitäten sein.
So einfach war es. So beschissen einfach unfair .
Tony schob sacht die Brauen zusammen, doch es war kein Ausdruck von Zweifel oder Frust, nicht einmal des Widerspruchs und es machte das Geständnis meiner Inkompetenz gleich nur noch beschämender.
Unter seiner Stille waberten eintausend Gedanken. Ich sah, wie er sie in Reih und Glied zu zwängen versuchte, um sie mir schonend beizubringen, kurz darauf scheiterte, einfach darauf pfiff und just improvisierte: „Klarer Fall von Hochstapler-Syndrom.“
Meine Miene entgleiste.
„Nein, hör --- hey , hör mir zu.“ Er hob die Hand, als ich mich von der Couch zu katapultieren versuchte, und blockierte meinen Fluchtweg. „Ich bestreite nicht, dass Peter auf einem ganz anderen Level mitspielt. Der Junge ist begabt. Und er ist auch nicht gerade erst in all diese Themen eingestiegen. Ist er dir voraus? In der einen oder anderen Sache um Längen. Aber ohne Chancen stößt man nicht an seine Grenzen. Und was dich angeht, sind wir da bereits dran. Deine Grenzen haben wir erforscht . Wir fordern sie heraus. Und bislang – Überraschung – ist es ein regelrechter Spaziergang.“
„Okay, was willst du mir damit sagen?“, unterbrach ich aufgewühlt. „Dass ich bloß früher hätte anfangen und nicht so lange Dynamos abknipsen sollen, dann wäre ich jetzt da, wo Peter schon ist? Denn das stimmt nicht , Tony. Es wird nicht schneller gehen oder besser, wenn ich erst --- aufgeholt habe.“
„Um Tempo geht es nicht.“
„Um was dann?“
„Darum dein Talent nicht wegzureden, als sei nichts dran.“
„Es ist nichts dran, es ist --- einfach Interesse, Spaß und okay , von allen Dingen das, was mir noch am Einfachsten fällt-“
„Es ist nicht nichts“, stellte er mit erhobener Hand klar, rieb sich dann auch schon sacht gepeinigt seinen anscheinend immer noch mitgenommenen Arm und begann aufzuzählen: „Mathematik. Physik. Chemie. Räumliches Vorstellungsvermögen. Naturwissenschaften im Allgemeinen. Das sind Dinge, die du draufhast. Und nicht nur das; es sind Zusammenhänge komplexer Systeme im Generellen. Management, Sola.“
„Oh, wow.“
„Nein, nicht, oh, wow. Oh, wow . Das war es, was ich gedacht habe, als FRIDAY ihre wöchentlichen Lehrberichte aus dem Homeschooling ausgeworfen hat: Da rührt der nächste CEO von Stark Industries in seinen Honey Loops, wenn ich es tatsächlich hinbekomme, dich vorher nicht versehentlich an einen Weißen Hai zu verfüttern oder von der nächsten Rebellion der Iron Legion zertrampeln zu lassen.“
„Das muss vor der Bosworth gewesen sein“, brummte ich.
„Die Bosworth hat bloß bestätigt, was ich schon wusste: Du bist ein Teenager. Und für diese Diagnose gibt es Eltern.“ Er setzte eine trockene Pause. „Und ehe ich als Idiot des Tages in die Annalen deines kleinen, selbstbemitleidenden Universums eingehe: Ich habe dich vorhin nicht in die Werkstatt gelassen, um dich vor einem anderen Teenager als minderbegabt oder ahnungslos auflaufen zu lassen, sondern weil ich dachte, dass mich dieses kleine genehmigte Get Together mitten im geschlossenen Vollzug nicht gleich so inkonsequent aussehen lässt, dass du nach Schulschluss einen bewaffneten Überfall auf das Raft auszuarbeiten beginnst.“
Wenig überzeugt schwieg ich.
„Was ist mit Harley?“
Ich gab einen verwirrt knappen Laut von mir. „Was?“
„Ist das ein Problem?“
„Was meinst du?“
„Wenn er hier ist, bei uns in der Werkstatt? Oder wenn er anruft und wieder zwei Dutzend Pitches in FRIDAYs Backlog ablädt-“
„Zur todsicheren Talentförderung“, zitierte ich widerwillig unterhalten.
Tony hob die Mundwinkel. „Jupp. Auch ein Problem?“
„Nein“, widersprach ich still irritiert. „Aber das ist … etwas anderes ...“
„Ist es?“ Zweifelnd hob Tony eine Braue. „Hartarbeitende, alleinerziehende Mutter lebt in bescheidenen Verhältnissen mit höchst talentiertem Kind --- oh, hier ist ein Unterschied: Bei dir funktioniert der Satz nur im Perfekt.“
Betroffen wie zugleich warm überrumpelt davon, dass er mich trotz allem als höchst talentiert bezeichnete, schluckte ich und vergaß darüber sogar, ihm die Anspielung auf Mums Vergangenheitsform übelzunehmen.
„Ah, da fällt mir noch etwas ein: Biostrukturell betrachtet, bin ich Ursache und zu guter Hälfte Grundbauplan deiner Existenz.“ Tony schwieg kurz, als er unser Verwandtschaftsverhältnis wie ein x-beliebiges Argument auf seine bloße genetische Komponente herunterspielte. „Macht mich … ein wenig ehrfürchtig, zugegeben. Sorgt aber auch dafür, dass sich unser Verhältnis ein wenig leidenschaftlicher gestaltet. Deine Existenz nehme ich persönlich. Lässt sich nicht aus der Ferne bewundern. Barton sagte hierzu vor einem Jahr – und jetzt wird es wirklich rührselig – das hier sei keine Romanze, hierbei ginge es nicht um Attraktivität oder Sympathien oder den passenden Vibe. Es sei nicht vergleichbar damit, wie ich Pepper liebe; nicht einmal, wie ich Mum geliebt habe. Allein zu wissen, dass es dich gibt , wird dafür sorgen, dass ich um dich bangen und kämpfen werde wie um mein eigenes Leben. Und täte ich es nicht, läge das ganz allein daran, dass ich mich selbst derart verachte, dass ich nicht einmal daran glaube, dass es eine jüngere, neuere, unbelastete Version von mir im nächsten Anlauf in dieser Welt noch einmal schaffen könnte.“
Vage überwältigt starrte ich ihn an.
„Harley und Peter verdienen diese Chance“, erklärte er unbewegt. „Aber du verdienst jede. Und du bekommst sie. Weil du ich bist und doch genau das richtige Maß nicht und --- na ja, ich bin fantastisch, was soll ich sagen …“ Ich stieß meine Ferse gegen sein Bein, fassungslos, dass er diesen Moment wirklich absichtlich ruinierte, aber Tony schmunzelte bloß, fing meinen Knöchel noch in der Kollision ab und schubste ihn sträflich zielgerichtet von der Couch. „Stell dir vor, zu was ich mit diesem nächsten überarbeiteten Code fähig sein werde.“
Mühelose Gewissheit ruhte unter aller Neckerei in seinen Worten.
Einen langen, plötzlich schier warmen Augenblick sahen wir uns weiter an, dann hob Tony die Schulter und erhob sich. „Soll heißen, sobald die Kinderkrankheiten behoben sind.“
Musik:
Everybody Wants to Be Famous - Superorganism