Nullnummer
Nullnummer
Kapitel 37: Nullnummer
„Das war leider völlig am Thema vorbei.“
Mr. Lieber sah mich kaum an, als er mit barmherzig gesenkter Stimme die zusammengeheftete Englischarbeit auf meinem Tisch ablegte. In den Reihen vor mir übertönte das allgemeine Papierrascheln, Seufzen, Witzeln und erleichterte Luftschnappen seine Worte, als er gemächlich zu MJ weitertrat, die ihre zurückgegebene Arbeit kaum zur Kenntnis nahm, als er sie mit knappem Lob unter ihrem aufgeschlagenen Buch ablegte, während ich noch taub verwirrt nach meiner eigenen griff.
Mein Herz stockte, als mein Blick auf die rot notierte Bewertung fiel.
F (57%)
Als habe jemand meinen Stuhl ruckartig unter mir weggezogen, spürte ich mein Innerstes für einen Sekundenbruchteil in rauschender Geschwindigkeit fallen. Mir wurde mulmig zumute, mir wurde heiß und dann wurde mir schlecht .
Eine ganze Woche hatten wir nun auf die Benotung unserer Englischarbeit gewartet und obwohl ich mir ganz sicher kein A ausgemalt hatte, war ich vergangenen Freitag doch mit dem verboten guten Gefühl ins Wochenende gegangen, mir keine weiteren Gedanken mehr darüber machen zu müssen, Tony zum Quartalszeugnis neben meiner sich längst abzeichnenden unterdurchschnittlichen Leistung in beiden Geschichtsfächern vielleicht auch noch meine recht maue Englischnote erklären zu müssen. Ich war mir sicher gewesen, dass diese Arbeit besser denn erhofft verlaufen war und sie meine unmittelbar bevorstehende erste Quartalsnote an der Midtown High nach den eher schwachen Essays der ersten Wochen nochmal herumreißen würde.
Direkt nach der Englischarbeit hatte ich meine klammheimliche Erleichterung bereits bei Daphne abgeladen und Pepper als auch Tony zufrieden versichert, dass es gut gelaufen war, ja, richtig befreiend.
Ich war gut gelaunt gewesen, hatte auf der Heimfahrt vor mich hin getippt und fast ein wenig gelächelt, vielleicht zum ersten Mal in dieser fürchterlich betäubenden Woche direkt nach Berlin. Und alle hatten genauso zufrieden gewirkt und mein kurzes stilles Glücksgefühl geteilt, ob es nun echter persönlicher Erleichterung oder dem lauen Mitgefühl angesichts des vorangegangenen katastrophalen Wochenendes mit Tonys Ausflug nach Sibirien und Clints Verhaftung zu verdanken gewesen war oder vielleicht gar meinem sichtlich angespannten Nervenkostüm aufgrund meines unverhandelbaren Hausarrests und Tonys bis zu diesem Zeitpunkt immer noch völlig unbeweglicher Disziplinarmiene.
Tags darauf hatte Tony seine spontane Idee eines Wavepools aufgebracht, für den er sich seitdem bereits durch mehrere Installationsfirmen gestöbert hatte, wie ich aus offen holographisch herumschwebenden Kostenvoranschlägen wusste. Nicht, dass ich das ebenfalls auf meinen eigentlich noch unbestätigten Erfolg in meiner mittelwichtigen Englischarbeit zurückführte. Es hatte eindeutig sehr viel mehr mit seinem Ego und dem absurden Schuldgefühl zu tun gehabt, mich nicht von Geburt an mit gewissen Blankochecks für Vergnügungen eingedeckt haben zu können. Aber ich war mir doch ein wenig sicher, dass es ihn zumindest wieder etwas aus der Reserve gelockt und für einen Moment von meiner meilenlangen Liste jüngst zu ahndender Vertrauensbrüche, Fehlbarkeiten und Verbrechen abgelenkt hatte. Schließlich hatte Tony schon paar Tage später, dieser anscheinend neu erwachten Zuckerbrot-Stimmung folgend, auch das Caretaker Protokoll aufgehoben, was mein Leben selbst im Ausgehverbot um ein Beträchtliches lebenswerter machte, da es seitdem zumindest keine lästige KI mehr gab, die mich den lieben langen Tag herumdiktierte, mir jede winzige Entscheidung vorwegnahm oder in Frage stellte und jeden kleinsten Vorfall hemmungslos an oberster Stelle verpetzte.
Und wäre das Caretaker Protokoll noch aktiv, würde FRIDAY wohl genau in diesen Sekunden aus allen cloudbasierten Wolken fallen, ihre gesamten prüfungsvorbereitenden Qualifikationen in Quarantäne schieben und bei Tony zum Debuggen hinterlegen.
Denn ich war durchgefallen.
Irgendwie hatte ich trotz aller Mühen und Vorbereitung nicht einmal die 60%-Hürde gerissen.
Eine Premiere der miserabelsten Sorte; eine schulische Nullnummer, die sich gewaschen hatte und die mir in dieser Art nicht einmal in meiner schlimmsten Zeit an der Bosworth gelungen war. Noch absolut nie und nirgends .
Ein F .
Ein --- F .
Sogar Mum wäre bestürzt.
Eine meiner Herzklappen begann zu ploppen.
Ich starrte auf das Papier, meine Finger urplötzlich taub im Autopilotengriff, dann keifte Betty zu meiner Linken auf, weil Seymour ihr ihre Arbeit von hinten unterm Arm wegriss und ich schnappte aus meinem Strudel blanken Schocks, zumindest weit genug, um meine Gesichtszüge wieder zu fassen und schnell um mich zu sehen.
Ned strahlte das Lächeln des bescheidenen Meisters. Er hatte ganz eindeutig eine Glanzleistung vollbracht, seine Augen schimmerten vor still pulsierendem Stolz. Peter schien unbewegt, weder überrascht, noch enttäuscht. Immerhin entspannt. Genug, um Ned mit dem Ellbogen anzustoßen und mit neckenden Worten zu gratulieren. Flash schien derweil ein Reel zu drehen, ebenfalls ganz eindeutig mit einem C einem übleren Ausgang entronnen, geradezu stolz auf sein Beinahe-D, auch wenn Mr. Liebers wenig überzeugte Miene angesichts seiner Reaktion diese Benotung in eben dieser Sekunde bereits zu bedauern schien.
Niemand wirkte mehr als vielleicht ein wenig enttäuscht. Wirklich niemand sah drein, als sei sein ganzer Körper in Eiswasser getränkt worden und sähe nun der abschreckend bibbernden Drapierung am Ortseingang entgegen.
Mein Blick sprang auf meine Arbeit zurück, unfähig zu begreifen, wie es ein F sein konnte.
Es war ein Fehler. Musste es sein. Mr. Lieber hatte sich verrechnet.
Abrupt schob ich die Aufgabenseiten auseinander.
Mein Blick begann still und angespannt zu fahnden, die notierten Punkte zusammenzurechnen. Der Multiple Choice-Abschnitt gab mir recht. Ich hatte nicht die Gesamtpunktzahl geholt, aber es bestätigte das schwer drückende Gefühl, völlig zu Unrecht als Totalversager gebrandmarkt worden zu sein. Bis auf zwei lächerlich liegen gelassenen Punkten, hatte ich alles korrekt beantwortet.
Bei den Kurzfragen sah es schon etwas mauer aus. Eine Frage hatte mir nur einen von fünf möglichen Punkten eingebracht, aber dafür hatte ich in den beiden anderen so gut wie alle abgestaubt.
Mein Verdacht begann zu pulsieren, bestätigt in seinem Frust und sacht kitzelnd in dem ausgebrochenen Induktionsbrand ungeduldiger Hoffnung. Dann sprang mein Blick zum essentiellen Essay hinab, dem Hauptteil, und schlagartig wurde es in meinem Inneren wieder bleich und taub und besiegt still.
Sprache & Grammatik 16/20
Struktur & Organisation 15/20
Argumentation 05/20
Themenbezug 00/20
Thema verfehlt. Nicht Gatsby war Fokus der Analyse! Aufgabenstellung bitte vollständig lesen!!
Unter meiner Englischarbeit lag ein Briefumschlag, unpersönlich adressiert an meine gesetzlichen Vertreter. Mein Magen zog sich noch eine unangenehme Note enger zusammen. Ich wusste es nicht sicher, aber ich konnte mir vorstellen, was er beinhaltete. In meiner alten Junior High hatte ich bereits ähnliche Umschläge häufig genug an Mitschüler zur Kenntnisnahme an ihre Eltern ausgehändigt gesehen, die in einem Fach durchzufallen drohten.
Den Rest der Englischstunde registrierte ich kaum.
Obwohl ich mitschrieb und vorgab jeder Antwort meiner Mitschüler mit voller Aufmerksamkeit zu lauschen, zog alles wie in weiter Ferne an mir vorbei. Es hätte auch eine Fernsehsendung auf niedrigster Lautstärke sein können, die irgendwo im Hintergrund meiner sich aus den giftigen Fasern des nur träge verbleichenden Schocks still aufbauenden Panik weiterlief.
Zumindest schien Mr. Lieber die Nachsicht zu besitzen, mich nicht weiter zu behelligen und mein amateurhaftes Schauspiel konzentrierter Stille als reine Hochstapelei zu entblößen, denn er rief mich nicht mehr auf, bis es zum Ende der Stunde klingelte und wir die Klasse in Richtung Selbstlernphase und dem beinahe eröffneten letzten Oktober-Wochenende verließen.
„Ich benötige die unterschriebene Kenntnisnahme bis Montagmorgen vor Schulbeginn, Miss Stark Waters“, informierte er mich rücksichtsvoll gesenkt im Vorbeigehen. „Geben Sie den Rückschein einfach vor Unterrichtsbeginn im Sekretariat ab. Mrs. Salzer vermerkt den Eingang.“
Ich nickte wortlos, obwohl ich weinen wollte.
Montag war Halloween. Ich hatte es fast geschafft, hatte das Ende meines Hausarrests fast erreicht. Trotz des völligen Debakels nach der Captain America-Kampagne Anfang dieser Woche hatte ich mich irgendwie auch durch diese frustrierenden allerletzten Yards gekämpft und nun --- das .
Vielleicht waren mir die drohenden Tränen doch etwas zu deutlich anzusehen oder aber schlechtes Gewissen überfiel ihn, denn Mr. Lieber blieb stehen und setzte nach: „Bitte seien Sie nicht zu enttäuscht. Es war eine halbwegs vernünftige Analyse, nur hat sie die völlig falsche Figur behandelt. Ich kann es nicht oft genug wiederholen, Sie müssen die Aufgabenstellung vollständig lesen, anstatt nach den ersten drei Worten bereits zu Schussfolgerungen zu springen. Ich sehe so etwas wirklich nicht das erste Mal, aber es ist jedes Mal ein vollkommen zu vermeidendes Ärgernis.“
Er schüttelte müde den Kopf, während ich erneut starr nickend seinem Blick auswich, dann schien er sich plötzlich seiner vergessenen Baumwolljacke zu entsinnen und glücklicherweise damit auch den Faden zu verlieren und machte kehrt. Ich verließ das Klassenzimmer, floh vor einer weiteren niederschmetternden Konfrontation, nur um direkt in eine kleine ausharrende Gruppe rund um Ned, Betty, Peter und MJ zu treten.
Wieso MJ da war, erschloss sich mir, als ich mich unversehens wieder erinnerte, ihr in unserer vorangegangenen gemeinsamen Ethikstunde angeboten zu haben, nach dem Unterricht für ihre Fotostrecke „Backstory“ zur Verfügung zu stehen, kaum dass ich zufällig aufgeschnappt hatte, dass sie noch ein Model für ihr neuestes Wahlfach-Projekt benötigte. Da ich lediglich abgewandt an verschiedenen Locations des Schulgebäudes zu sehen sein würde, hatte ich es eigentlich für keine große Sache gehalten. Dank Erins frühsommerlichem Medientraining hatte ich ohnehin ein kleines professionelles Shooting-Tutorial hinter mir, um Auftritte in der Öffentlichkeit auch als Tonys gelegentlich prominent platziertes Anhängsel zu meistern, und von daher machte es wirklich keinen Unterschied, ob MJ nun den hundertsten Schnappschuss des Tages von mir machte oder nicht, nachdem die Paparazzi die Gehwege vor der Midtown High zurzeit sowieso unverändert wie die waschechte Met Gala belagerten, um Tonys gesammelten Erziehungsschlagzeilen der Woche zu einem erhofft aufregenden und rührenden Finale zu führen.
Jetzt graute es mir davor.
Anders als der Rest mochte MJ Mr. Liebers Kommentar bei der Rückgabe meiner Englischarbeit aufgeschnappt haben, schließlich hatte er direkt zwischen uns gestanden.
Und ich wollte wirklich nicht darüber reden. Mit niemandem.
Am allerwenigsten mit Tony.
Fuck .
Vor allem nicht nach Mittwochabend; nach unserer aufgebrochenen Diskussion über mein Talent und fehlendem Genie und seinem unbewegten Beharren, dass ich mich unter Wert verkaufte.
Ich hatte heute nicht einfach nur nichts Nennenswertes zustande gebracht, nein , mit dieser Arbeit hatte ich absoluten Bodensatz geliefert.
Dass ich nicht bis Weihnachten die Biophysik revolutionieren würde, mochte er vielleicht mit Humor sehen und die Frage nach meinem Talent als reines Perspektivproblem deklarieren. Aber dass ich soeben fleißig dabei war auch diesen Neustart an der Midtown in den waschechten Treibsand zu setzen, war eine vollkommen andere Hausnummer von Unfähigkeit.
An einem F gab es nichts schön zu reden.
Erst recht nicht vor Tony Stark, dem Da Vinci unserer Zeit.
„Wie lief es?“ Ned strahlte immer noch, doch er schien der Illusion zu unterliegen, dass ich meine Minderbegabung in Englischer Literatur bislang nur für die allgemeine Spannungskurve vorgetäuscht hatte, denn er schien ganz eindeutig ein ähnlich prächtiges Ergebnis zu erwarten.
Da war sie wieder; die Erwartung, die der Name allein schürte und die nicht einmal von der drückenden Beweislast der Enttäuschungen verdrängt werden konnte, die ich längst lieferte.
Mein Atem blieb widerstrebend in meiner Kehle haften, als ich just nach einer Antwort fahndete, die mich nicht zwang, gleich hier und jetzt zu gestehen, dass eine ehrliche Offenlegung in weniger als zehn Minuten Presseschlagzeilen schreiben würde, die mich zweifellos bis Schuljahresende verfolgen würden.
„Bei mir lief es prima“, erklärte MJ vollkommen emotionslos, ehe ich noch einen Ton herausbekam. „Nicht, dass jemand gefragt hätte.“
Neds Miene fuhr erwischt zu ihr herum. „Das ist super, MJ! Das freut uns, ehrlich.“ Es klang ehrlich. Und ein klein wenig erwischt. „Ich meine … Du liest echt viel.“
„Sogar beim Runden laufen“, ergänzte Peter, wie um Ned den Rücken zu decken und unser aller Interesse an ihrer Person unter Beweis zu stellen.
Betty hob die Mundwinkel zu einem angestrengt tolerantem Lächeln. „Stimmt.“
„Ja, das ist --- also, das ist eine Passion “, bescheinigte Ned MJ ernst, während Peter mich beiläufig im Deckmantel allgemeiner Bemühung beäugte. „Das ist groß.“
„Eigentlich tue ich nur so“, beschied MJ ihm blank. „Damit keinem auffällt, dass niemand mit mir spricht.“
Ned verstummte.
Nach einem Moment irritierter Stille, in der alle – einschließlich mir – der überforderten Frage gegenüberstanden, ob sie uns aufzog oder es tatsächlich ernst meinte, nickte ich ihr zu. „Wollen wir …“
„Klar.“
Wir setzten uns den Flur hinab in Bewegung, während Ned Peter noch ansah, als sortierten sich sämtliche Naturgesetze um ihn herum neu. „Sie tut nur so?“, sah ich ihn blass schockiert wispern. Sichtlich überfragt hob Peter die Schultern.
„Danke“, murmelte ich heiser.
MJ sah mich an, ohne die Miene zu verziehen und so aufmerksam, als lauerte sie auf mein Urteil.
Dann lächelte sie. Nur ganz beiläufig und ein kleines bisschen draufgängerisch.
Aber sie tat es.
-/_\-
Die verbliebene halbe Stunde verflog schneller, als mir lieb war.
MJ und ich drehten eine kleine Runde über das Schulgelände. Mir erschloss sich nicht ganz die Logik, nach der sie innehielt und spontane Schnappschüsse meiner hier und da orientierungslos auf ihr Go wartenden Gestalt machte, aber sie schien durchaus zu wissen, was sie tat, denn ehe ich überhaupt registriert hatte, dass sie ihre kleine Analogkamera gezückt und die Linse auf mich gerichtet hatte, schien das Foto bereits im Kasten.
Auf dem Football-Feld, auf dem die Cheerleader gerade ihr Training in rhythmischer Akrobatik und einstimmigen Schlachtrufen bestritten, blies der heftig aufkommende Wind all unsere Haare durcheinander. Ich bezweifelte, dass MJ mehr als ein Wirrwarr von Armen und wild tanzender Strähnen von mir eingefangen hatte, aber spätestens, als wir die auf der Straße zum Schulhauptgebäude geduldig ausharrende Traube wartender Paparazzi durchquerten, die alle erfreut nach mir riefen, um meine Aufmerksamkeit in ihre Richtung zu locken, rumorte mein Magen längst wieder, als sei er bis zum Rand gefüllt mit Schmetterlingen und sich munter windenden Blutegeln.
Ich zwang meine Mundwinkel zu einem kurzen Lächeln in die eine oder andere Kamera, einfach um den Anschein eines gewöhnlichen Freitagnachmittags zu erwecken, der niemanden von ihnen mit einem sonderlich großen Honorar versorgen würde.
Zurück im Hauptkorridor verabschiedete ich mich schließlich von MJ und wünschte ihr ein schönes Wochenende, während um uns herum pulsierende Freitagsstimmung die Flure aufwirbelte, und trottete wenig motiviert zu meinem eigenen Spind hinüber.
Wie seit Beginn dieser Woche bereits gewohnt lagen erneut ein paar kurze, teils krakelig notierte boshafte Namenstaufen und verkappte Verwünschungen auf Papierschnipsel wie auch ein paar glitzernde Captain-America-Sticker zum Abziehen darin, die ich mit vage taubem Gefühl einfach von meinen Sachen herunter und tiefer in meinen Spind zurück wischte. Abwesend nickte ich Jason zum Abschied, der gerade seinen eigenen Spind schloss, mit flinker Fingergun im Vorbeigehen auf mich wies und sich bestens gelaunt ins Wochenende verabschiedete, als jäh mein StarkPhone in meiner Hosentasche zu vibrieren begann.
Es war ein Anruf von Elijah. Ohne zu zögern, hob ich ab. „Hey, Meg …“
„Stark.”
Ein winzig kurzes Lächeln hob meine Mundwinkel, angesichts seiner gewohnt unaufgeregt gehaltenen Stimme, hinter der sich so viel verbarg, dass ich Monate gebraucht hatte, um es als Faszination zu entschlüsseln.
„Musst du noch was erledigen?“ Elijah besaß meinen Stundenplan, deshalb wusste ich, dass er mit seinem Anruf bis zum Ende meiner Selbstlernphase gewartet hatte.
„Nein, packe gerade ein.“
„Cool … also, nur kurz: Ken meldet sich später bei dir. Halloween bei Wince ist gecancelt. Seine Eltern geben kurzfristig irgendeinen Empfang, das Haus ist deshalb Montagabend Sperrzone. Wir planen um. Es findet irgendwo anders in kleinerer Runde statt, vielleicht bei mir. Ist noch nicht ganz klar. Keine richtige Party, die ist abgeblasen, aber wir hängen den Abend zumindest gemeinsam ab. Eve, Ken und Wince sind dabei. Dax, Rumes und Ko vermutlich auch. Hana überlegt es sich noch, sie ist irgendwo anders eingeladen, aber wenn es dort lahm sein sollte, kommt sie nach.“
Vielleicht währte meine Pause ein Ticken zu lang, denn als ich endlich ein kleines Ausatmen hervorbrachte, spürte ich Elijah am anderen Ende die Stirn runzeln. „Alles klar?“
„Hm.“ Mein StarkPhone vibrierte sachte in meiner Hand zum Zeichen einer eingegangenen Nachricht. Ziemlich wahrscheinlich Happy, der sich wunderte, wieso ich ihn warten ließ. „Hab Englisch zurückbekommen“, gestand ich tonlos.
Ich spürte Elijah auf seine ganz eigene Art ernüchtern, als er umgehend begriff. „Wie schlimm?“
„Richtig.“
„Shit …“
Ich blinzelte fest. „ Hm .“
„Shit, okay …“, murmelte er. „Was jetzt?“
„Keine Ahnung. Ich muss es ihm vor Montag zeigen … Ich hab einen Brief, den er zusätzlich unterschreiben muss, den ich Montagmorgen abgeben muss. Keine Ahnung, was drinsteht. Irgend so ein Rückschein. Und – na ja, wenn ich es nicht tue oder hinauszögere, bin ich … richtig am Arsch ... also, keine Option.“
„Das heißt nicht, dass du nicht kommen kannst.“
„ Hmpf , klar ...“ Ich ließ meine Stirn erledigt an das kühle Metall des Nachbarspinds sinken, während die verbliebenen Schülergruppen im Korridor um mich herum endgültig ausdünnten.
Mein StarkPhone vibrierte erneut. Ich ignorierte es.
„Es ist ein F“, wisperte ich. „Ich hatte noch nie ein F, Jazz. Es ist unfair. Das fühlt sich --- so verdammt scheiße an. Ich hab keine Ahnung, was ich überhaupt sagen soll. Es --- es ist, als hätte ich gar nicht dafür gelernt oder als hätte ich einfach nur Mist geschrieben. Und ich hab ihnen auch noch gesagt, es sei echt gut gelaufen …“ Meine Schläfen begannen sich zu verspannen, als ich mir in den Nacken griff. „Er wird sauer sein“, raunte ich. „Ich bin nur hierher gewechselt, damit es wieder besser läuft, wieder irgendwie normal wird wie vorher. Aber das ist es nicht. Ich meine --- wenn es zumindest noch ein D wäre, wäre es zwar echt kacke und absolut der Reinfall, aber irgendwie noch --- ich weiß nicht, etwas , aber so …“ Meine Stimme zurrte sich in meiner Kehle fest.
Ich hätte auch einfach gar nichts schreiben können und es wäre genauso viel bei rumgekommen.
Elijah schien meine Gedanken zu lesen. „Du hast gelernt. Du hast dich vorbereitet.“
„ Ja .“ Meine Stimme stieg in ihre winzig hoffnungslose Spitze.
„Und genau das sagst du ihm, Stark. Wenn er es nicht weiß.“
Ich schluckte schwer. Dann bemerkte ich aus dem Augenwinkel Happy, der gerade am Treppenabsatz von der Fluraufsicht abgefangen wurde, während er schon erklärend zu mir hinüberwies. Abrupt hob ich meinen Kopf vom Spind. „ Umm , ich muss auflegen. Melde mich später nochmal.“
„‘kay. Bleib cool. Das wird. Liebe dich.“
Ich stockte. „Ich dich auch.“ Rasch legte ich auf, ehe ich mir bewusstwerden konnte, wie instinktiv ich es erwidert hatte, sammelte meine restlichen Sachen aus dem Spind und schlug die Tür zu, gerade als Happy mich erreichte und ehe er noch einen zufälligen Blick auf das langsam wachsende Konfetti der Gehässigkeit darin werfen konnte.
„Ich hab dreimal geschrieben“, informierte er mich freudlos. „Eine kurze Antwort wäre nett gewesen. Dann müsste ich nicht hier reinmarschieren und dich daran erinnern, dass es mein Job ist zu reagieren, wenn du es nicht tust.“
„Jupp, sorry …“ Leise nervös sortierte ich meinen Rucksack. „Bin soweit. Hab noch telefoniert … Hätte FRI dir ruhig ausrichten können …“
„Hab sie nicht gefragt.“ Happy sah immer noch missmutig, aber unfreiwillig gnädiger gestimmt drein. „Na dann.“ Er nickte in Richtung Ausgang. „Telefonieren lässt sich auch im Wagen.“
-/_\-
Tony war nicht daheim, als ich zurückkehrte.
FRIDAY erinnerte mich, dass er derzeit in Washington mit Regierungsvertretern in einer Leitungsstabsitzung zur notwendigen Standorterweiterungen des DODC saß, was im Klartext bedeutete, dass ich vor dem späten Abend gar nicht mit seiner Rückkehr zu rechnen brauchte.
Ich hatte es auf dem Schirm gehabt, es dann aber wieder vergessen, da ich Tony seit vorgestern ohnehin so gut wie gar nicht zu Gesicht bekommen hatte. Das SI-Quartalsmeeting hatte seinen halben letzten Nachmittag gekapert, ehe am frühen Abend dann auch noch Außenminister Ross dazwischen gegrätscht war und die Fernsehnachrichten mit Berichterstattungen über den vermeintlichen Absturz einer Raumstation in Osteuropa überflutet worden waren, welche sich kurze Zeit später als stratosphärisch hoovernde Geheimbasis des Roten Raums im besten James-Bond-Bösewicht-Stil herausgestellt hatte – oder zumindest der klammheimlich weiter operierenden Überbleibsel des altsowjetischen Prestige-Agentenlabors.
Irgendwie schien das alles auch etwas mit Nat zu tun gehabt zu haben, denn für ein paar Stunden waren Schlagzeilen ihrer vermeintlichen Festnahme durch die Special Forces an der Absturzstelle durch die Berichtblöcke gegeistert, ehe diese Meldung schon wenig später wieder vom US-Außenministerium dementiert worden war.
Ich hatte den Abend vor CNN verbracht, vage angespannt und dann wieder verboten erleichtert, als immer offensichtlicher geworden war, dass sie weder geschnappt, noch erschossen worden war, noch kurz davorstand, der anscheinend eskalierenden Situation rund um das nun offengelegte, schockierend genial strukturierte Netzwerk hunderter weiterer global operierender Black Widows zum Opfer zu fallen. Dass Nat nach wie vor Teil davon gewesen sein sollte, glaubte ich keine Minute – weigerte mich – auch wenn sich sogenannte Geheimdienstexperten in ausgiebigen Theorien um ihre vermutete jahrelange russische Doppelspionage unter SHIELD und den Avengers ergingen oder aber ihre potentielle Rückkehr in den Roten Raum im Zuge ihrer internationalen Verfolgung nach Leipzig diskutierten.
Was auch immer in Wahrheit geschehen sein mochte, es klang nach Arbeit.
Einer ungeheuren Menge davon.
Auch für Tony – ob nun als Iron Man oder Kopf der lediglich auf dem Papier noch existenten Avengers.
Es war genau die Art von Bedrohung, die nach wie vor im überbordenden Schatten ferner Zivilisationen und außer Kontrolle geratener Superindividuen lauerte und die nichts mit der Bedrohung durch Aliens zu tun hatte, die ziemlich bald wieder mit einer noch größeren Armada an unser Sonnensystem anklopfen mochten, um uns im zweiten Versuch nun doch zu unterwerfen.
Stumm hatte ich die Nachrichten verfolgt und darauf gewartet, dass Tony mit der nüchternen Nachricht heimkehrte, dass Nat wie gewohnt entkommen und längst wieder unauffindbar war und sich die jeweiligen Nachrichten- und Geheimdienste um die weitere Identifizierung der Netzwerkbeteiligten kümmern würden, weil langwierige Ermittlungsoperationen dieser Art eine Nummer zu klein für Iron Man waren.
Und genauso war es geschehen, auch wenn ich sein kurzes Vorbeischneien an meinem Bett gegen drei Uhr nachts nur weitestgehend komatös zur Kenntnis genommen hatte; halb schlafend und deshalb so leicht zu überzeugen, dass ich ihm vermutlich so ziemlich jede wild zusammengewürfelte Story abgekauft hätte, die er mir in der kurzen, warmen Nähe seiner lebendigen und noch immer nach kostspielig herb-fruchtigem Rasierwasser duftenden Silhouette im nächtlich diamantenem Zwielicht New Yorks präsentiert hätte.
Heute Morgen dann, vor der Schule, war er längst wieder fort gewesen. Rüber nach Upstate ins Hauptquartier oder wohin auch immer es ihn derart prompt nach seiner Morgendusche gezogen hatte. Denn im Anzug und mit halbwegs genesener Physis war für ihn so ziemlich alles wieder nur einen kurzen Mach 5-Sprung entfernt. Selbst ein Flug nach Europa im rekonstruierten Mark 46 kostete ihn – wenn es denn darauf ankam und er aus allen Schubdüsen feuern ließ – höchstens eine halbe Stunde, wie ich nun aus bester schlechter Erfahrung wusste.
Während ich also im Unterricht saß, trieb Tony sich strenggenommen an manchen Tagen überall herum.
Und wenn er heimkehrte, brachte er alle Probleme der Welt mit sich. Sie hafteten an ihm wie die giftigen Widerhaken einer portugiesischen Galeere, vergraben in den unzähligen Windungen seines Hirns und unerreichbar verriegelt für mich, die meist lediglich die munter wechselnden Bullet Points auf FRIDAYs Agenda zu Gesicht bekam. Ein Wundbrand, eine gereizte, nässelnde Stelle, die ihren Raum einnahm und ihn durch alle Entscheidungen steuerte , selbst wenn Tony vorgab bloßen spontanen Launen folgend seinen Tag zu bestreiten – wie mir nicht zuletzt das Sokovia Abkommen und seine gegenwärtige Allianz mit Außenminister Ross bitterlich klar bewiesen.
Oder Pepper.
Wie ein Kind, das in Brennnessel gefallen war und einfach nicht aufhören konnte, sich zu reiben und zu kratzen, um den Schmerz wenigstens kurz zu kontrollieren.
So ähnlich ging es mir jetzt auch.
Eine Weile stierte ich in den Kühlschrank und erwog etwas zu Abend zu essen, auch wenn mein Magen sich mehr denn je in den Panic Room verzogen und alle Schotten geschlossen zu haben schien. Daheim zu sein und mein Geständnis nun doch nicht ablegen zu können, versetzte meinen ganzen Stoffwechsel in einen übernervösen Energiesparmodus.
Das SI-Restaurant hatte noch geöffnet, aber ich ließ mir von FRIDAY nicht einmal die Tageskarte vorlesen, um meinen geschwächten Appetit irgendwie anzukurbeln, noch zog ich irgendeinen meiner liebsten Lieferdienste zurate. Stattdessen griff ich mir den nächstbesten vergessenen Nougat-Pudding, stellte mich an die Kücheninsel in der bleiernen Stille unseres Penthouses und löffelte ein wenig darin, bis ich die größere Hälfte davon einfach mit dem Becher wegwarf und grübelnd auf unsere frisch polierte Marmorarbeitsfläche stierte.
Immer noch hatte ich nicht die geringste Ahnung, wie ich Tony in ein paar Stunden erklären würde, dass meine abgelieferte Englischarbeit gleichbedeutend mit einem benutzten Taschentuch gewesen sein sollte.
Meine Kehle zog sich wieder zusammen, trotz Elijahs Versicherung.
Wen interessierte es, dass ich mich vorbereitet hatte, wenn ich ganz eindeutig nicht einmal zwei Namen in einer Aufgabenstellung auseinanderhalten konnte? Oder nicht einmal im Laufe meiner Analyse zur Sicherheit noch einmal einen Blick auf diese geworfen hatte?
Wann war ich während der Englischarbeit in den Autopiloten getreten und hatte ihn einfach machen lassen? Wo war ich gewesen?
Fragen, die Tony mir stellen würde, auf die eine oder andere Weise.
Die ich mir stellte und deren Antwort ich eigentlich auch kannte.
Ich war abgelenkt gewesen, trotz aller nervöser Konzentration im Griff dieser unverändert betäubenden Gedanken --- an Leipzig, an Clint, an Rhodey und --- Tony . Der Einsamkeit. Diesem schauerlichen Gefühl der Endgültigkeit. Mum . Meinen ermordeten Großeltern, legendär auf dem Papier und doch bloße Phantome meiner Existenz. Dem Ende. Dem Kehrwert . Dem Ende von fast allem, das vorher kurze und versichernde Gültigkeit besessen hatte und nun eigentlich nur noch aus Tony bestand, dessen Geduld – auch mit mir – spätestens seit Leipzig seinen Endpunkt erreicht hatte; der langsam aber sicher genug davon hatte, sich meine immergleichen Ausreden anzuhören, ohne dass sich irgendetwas besserte , das spürte ich, das wusste ich, das hatte jeder Zoll seiner Mimik offenbart, der vorige Woche ein allerletztes Mal das Gesamtbild meiner Spielregeln heruntergebetet und unterzeichnet und zugleich keinerlei Zweifel daran gelassen hatte, dass er von nun an neue glasklare Register aufzog, sollte auch diese letzte diplomatisch unterbreitete Klarstellung nicht endlich bei mir fruchten.
Der Pudding stieg gärend meine Speiseröhre wieder empor.
Ich wollte es ihm nicht sagen.
Das Kind in mir wollte sich verkriechen und auf ein Vergessen warten.
Ich wollte es nicht einmal vor mir selbst eingestehen, dieses F, dieses --- blanke, bodenlos enttäuschende Ergebnis all meiner Mühen um Besserung und Normalität seit meinem Entkommen aus Stanes Todeskapsel.
Mein Herz wurde schwer.
So sehr, als habe Mr. Lieber die Schablone dieses verurteilenden Buchstabens genommen und ihn geradewegs auf meine Rippen tätowiert.
-/_\-
Erwartungsvolle Blicke begegneten mir, als ich aus dem Aufzug auf die lichtdurchfluteten Geschäftsetagen von SI hinaustrat.
So selten, wie ich wirklich hier herunterkam, blieb es auch nach gut einem halben Jahr als Tonys der Öffentlichkeit preisgegebener Nachwuchs immer noch ein wenig überwältigend, mich der hochprofessionellen und doch verhohlen neugierigen Aufmerksamkeit all dieser Menschen auszuliefern, die es bis in die begehrtesten Etagen von SI geschafft hatten und mich stets binnen Sekundenbruchteilen als Tochter ihres weltbekannten Hauptanteileigners identifizierten und einstimmig in ihr allerbestes zuvorkommendes Selbst wechselten, als erwarteten sie mich schon nächste Woche als ihren nächsten CEO auf dem neuesten Forbes-Cover aufploppen zu sehen.
Ohne Tony oder Pepper fehlte das Ablenkmanöver herrschender Mächte. Und obwohl es mir inzwischen relativ leicht fiel, die Unmenge freundlichen Lächelns und kurzer Grüße zu erwidern, die rund um mich herum aufblühte, entartete es heute zu einem regelrechten Kraftakt, der mich meine Schritte in Richtung Peppers Geschäftsbüro prompt beschleunigen ließ.
Ich spürte, wie meine gehobenen Mundwinkel bereits unter der Anspannung falscher Unbekümmertheit wegbrachen, als ich den großen Bildschirm mit der aktuellen CNN-Berichterstattung zum Sturz des Roten Raums passierte, der Peppers Warte- und Empfangsbereich zierte, auf dessen gut gepolsterten Sitzgelegenheiten derzeit zum Glück nur zwei Kerle in granitgrauem Anzug aus Happys Spezialkader von Security-Personal campierten. Beide sahen kaum zu mir auf, sodass sie mich schon von weitem als einen ihrer Prio-1-Schutzbefohlenen und keinen potentiellen Karrierekiller identifiziert haben mussten.
Trotz allem ein wenig verunsichert von ihrer Gegenwart, die von laufenden Geschäftstreffen mit SI-Außenstehenden sprach, entschleunigte ich meine Schritte, als ich plötzlich auch schon Erin in die Arme lief, als führe sie einen geheimen Alarm mit sich, der jeden potentiellen terminlichen Störenfried ausfindig machte, ehe dieser die dicht gestaffelte Agenda ihres CEOs zerschießen konnte.
„Hi, Sola. Pepper wird sich freuen.“
Verblüfft, wie sie mir derart vorbereitet begegnen konnte, obwohl ich gerade eben erst mehr aus ruheloser Überforderung heraus entschieden hatte, Pepper aufzusuchen, hielt ich inne.
„FRIDAY hat mich informiert, dass du herunterkommst“, zerstäubte Erin die Magie ihres perfekten Empfangs, vielleicht weil ich ein wenig zu ertappt dreinsah. „Sie ist gerade aus einem Termin raus. Komm, ich bringe dich zu ihr.“
Erin wartete gar nicht auf meine Reaktion, stattdessen machte sie schon wieder kehrt und führte mich zielsicher um eine kurze Reihe kleiner glasumfasster Besprechungsräume in Peppers Geschäftsbüro hinüber, als habe ich mich nicht einfach ohne die geringste Vorwarnung in ihre sorgfältig ausgeklügelte Agenda gedrängt, sondern als sei ich die ganze Zeit fester Bestandteil ihrer Tagesplanung gewesen.
„Hat sie kurz Zeit?“, erkundigte ich mich still, wohlwissend, dass ich diese Frage bereits mit FRI hätte abklären, anstatt einfach im schnellen Impuls in den Lift treten sollen.
„Ein paar Minuten, ja. Wenn ihr kurz sprechen wollt, kann ich den nächsten Termin noch um ein paar Augenblicke vertrösten. Ich biete ihnen einen kleinen Spaziergang über die Terrasse an. Bei halbwegs trockenem Wetter wie heute funktioniert das immer. Keiner lässt sich den direkten Blick hoch zur Landeplattform entgehen, bloß weil es ein bisschen zugig ist.“
Ich entdeckte Pepper, als sie gerade mit ihrem Gesprächspartner aus dem mit eleganten Sesseln und Tunnelkamin ausstaffierten Nebenraum trat, in dem sie schon vor Monaten mit Tony ihr Interview für Business Insiders gegeben hatte. Sie trug ein ihre Figur schmeichelndes, bronzefarbenes Businesskleid aus mattem Samt, ganz ohne Ärmel, ihr erdbeerblondes Haar in einen perfekten kleinen Knoten gelegt, schimmernd wie Sand in abendlicher Sonne. Ihr Tablet lag noch im Arm, einzelne Strähnen ihres Ponys überkreuzt, als sei sie in die kurze Brise des nahen Ausgangs zur Terrasse geraten, aber ansonsten unerschütterlich, geerdet, wundervoll und kompetent, im Auftritt wie im Wesen, fähig jedwede Lösung zu erarbeiten, die es erforderte, zu einem einträglichen Ergebnis für SI zu finden. Eine Frau, die Stanes wahnsinnigen unternehmensinternen Amoklauf miterlebt hatte, die während des Explosionshagels feindseliger Drohnen der Stark Expo von 2010 mit angesehen hatte, wie ihre harte Öffentlichkeitsarbeit in buchstäbliche Flammen und panisch fliehenden Besucherscharen aufgegangen war, die bei der Bombardierung von Malibu Point mitten im Gebäude gewesen und von Tonys Feinden entführt und mit gefährlich mutierenden Substanzen infiziert worden war, die sie in einen menschlichen Sprengsatz verwandelt hatten. Die so viele Gründe besaß nicht wie ein Fels in der Brandung dieses Unternehmens auszuharren und es dennoch meisterte, als sei in ihrer Laufbahn nie etwas auch nur ansatzweise Erschütterndes geschehen.
Mein Herz zog sich fester zusammen. Ich schluckte.
Hierher zu kommen, um ihr mein Versagen zu beichten, damit sie mich heute Abend nicht mit Tony alleine ließ, war ein schier kindischer Impuls, zugegeben. Sie immerzu in diese Rolle zurückzudrängen, würde nichts zwischen ihnen beiden richten, noch schien es wirklich fair angesichts ihres aktuellen Rückzugs. Aber ich brauchte ihre Stimme der Vernunft im Rücken, wenn ich mich einmal mehr als Tonys zuverlässigste Schmiede problematischer Enttäuschungen herausstellte.
Ich wollte ihre Beziehungspause nicht sabotieren. Wirklich nicht. Ich wollte, dass sie wieder zueinander fanden.
Dass Pepper sich für uns entschied. Für Tony. Trotz schlimmster Befürchtungen, trotz seines öffentlich zelebrierten Treueschwurs an den Fortbestand der zerfallenen Avengers, trotz seiner Risikobereitschaft und eigensinniger Entscheidung und Iron Man und seiner Besessenheit, die ganze Welt zu einem sicheren Ort zu machen, bloß weil er es konnte und es wusste und es hasste und es liebte. Trotz --- mir .
Und das hier würde nicht dabei helfen. Nur mir.
Aber ----
Sie ist die Einzige, auf die er hört. Vielleicht, weil sie der einzige Mensch auf diesem Planeten ist, der ihn wirklich durchschaut.
Pepper lächelte, reichte dem Mann ihre Hand und erwiderte etwas mit knappem Nicken, die Augen fest und ehrlich auf sein Gesicht gerichtet. Dann bemerkte sie mich und die Freude auf ihrem Gesicht wechselte in etwas Herzlicheres, so unverändert unaufgeregt es blieb. „Sola. Was für eine schöne Überraschung.“
Es brauchte nicht mehr als ein kurz beiläufiges Lächeln und schon nahm Erin sich ihres Besuchers an, während Pepper mir einen liebevoll kurzen Wangenkuss zuwehte und gleich darauf einen schnell prüfenden Blick erwachsener Zuneigung über mich streifen ließ. „Du siehst müde aus. Wie war die Schule?“
Ich nickte knapp und hob die Achseln, bemüht mir nichts anmerken zu lassen, in der Hoffnung, dass es fürs Erste eine ausreichend mehrdeutige Reaktion blieb, die nicht zu viele Fragen aufwarf. Es schien in der Tat unverdächtig, denn während sie mit einem Auge und flinker Hand noch schnell etwas über ihr Tablet auf den Weg brachte, setzte sie schon wieder an: „Tony ist nicht da?“
„Er ist in D.C.“
„Richtig.“ Ihre Miene trübte sich etwas ein, als bereite ihr das DODC nicht weniger Migräne als irgendein anderes seiner zum Beruf erkorenen Hobbys, dann schenkte sie mir schon wieder ein Lächeln und setzte sich unaufgeregt, aber zielsicher in Bewegung. Weil mir immer noch jede Idee fehlte, wie ich sie ernsthaft um einen Moment bitten konnte, sich meine gravierende schulische Pleite anzuhören, anstatt sich ihrem straffen Zeitplan an diesem anscheinend dicht durchgetakteten Freitagnachmittag zu widmen, der SI-Aktien segeln und florieren ließ, tat ich es ihr gleich.
Beiläufig wandte sie den Kopf. „Hast du schon gegessen?“
Ich verneinte.
Pepper schien mein stilles Hadern nicht zu bemerken. „Erin kann dich gleich mitnehmen. Sie wollte sich etwas holen. Oder wir essen in anderthalb Stunden zusammen. Ich habe leider erst noch einen Termin mit Vertretern von HighStage Incorporated.“ Erneut ließ sie ihren Blick fahndend über ihr transparentes Tablet streifen, dann sah sie seufzend zu mir zurück. „Sie haben ein Auge auf SI-Antriebssysteme und Schubturbinen für neuartige Tragebühnen im Baugewerbe geworfen. Außerdem auch für Eventplattformen im Unterhaltungssektor. Anscheinend schwebt ihnen etwas im Stil der Helicarrier vor, aber ausschließlich auf Zivilanwendungen ausgerichtet.“
„Klingt … praktisch.“
„Sie halten gleich ihre Präsentation, danach entscheiden wir, ob wir eine Zusammenarbeit in Betracht ziehen oder nicht.“ Sie schmunzelte, auch wenn ihre Miene sachlich erwägend blieb. „SI-Technik zukünftig noch etwas stärker in den gebäudetechnischen Bereich, vor allem den Hochbau, zu rücken, wäre tatsächlich interessant. Wenn die Präsentation vielversprechend verläuft und der Background-Check unauffällig bleibt, wäre dies sicher ein guter Ansatz.“
„So wie bei Hammer und Union Allied?“
Pepper schien belustigt. „Du hast davon gehört?“
„Die Werbespots laufen gerade überall …“
„Hm, so ähnlich. Hammer konzentriert sich im Moment mehr auf bauintegrierte Home-Security.“ Sie senkte die Stimme. „Ihre neuesten, noch unveröffentlichten Testberichte sehen im Übrigen wenig schmeichelhaft aus. Es gab ein Vorfall in New Jersey, bei dem eine gewerbliche Vermessungsdrohne fälschlicherweise vom System als bedrohlich eingestuft und abgewehrt wurde. Sie haben versucht, es unter den Teppich zu kehren, aber es hat natürlich trotzdem an den entscheidenden Stellen Alarmglocken schrillen lassen.“ Sie sah mich wieder an, diesmal etwas beiläufiger, als spüre sie meine nur halbe Aufmerksamkeit und niedergeschlagene Unruhe, die inzwischen wie ein Pürierstab an meinen Eingeweiden zerrte. „Du kannst mich begleiten, wenn du magst.“
Ich zögerte. „Zu dem Termin mit HighStage?“
„Ja. Wie wäre es? Es geht nicht allzu lange. Du setzt dich einfach dazu und siehst dir an, wie so eine Konzeptvorstellung abläuft. Und wenn es doch zu langweilig oder ausufernd werden sollte, gibst du mir ein Zeichen und wir legen eine kurze Pause ein. Dann klinkst du dich einfach wieder aus. Das ist kein Problem.“
Überfordert biss ich mir auf die Lippe. „Hm.“
Pepper hielt inne. „Das ist kein Muss“, versicherte sie sanft.
„Ich weiß“, beeilte ich mich zu sagen. Mein Magen sank. „Ich --- na ja, ich …“ Ich hab richtig reingeschissen.
„Es ist bloß ein Vorschlag, falls es dir oben gerade zu ruhig ist … Tony ist jetzt wieder viel unterwegs. Er hat das erste halbe Jahr einiges aufgeschoben, das ihn nun einholt, und es kollidiert, wie zu erwarten gewesen, mit der neuen Leitungsposition. Vision nimmt ihm das eine oder andere ab, aber es ist natürlich nicht dasselbe, wie als Steve den Großteil der Gefährdungsbewertung, Abstimmungen, Rekrutierung und Öffentlichkeitsarbeit erledigt hat …“ Sie wurde nachdenklich, als sie die Hand an die Türklinke des erreichten Konferenzraums legte und innehielt. „Tony hat die Avengers finanziert, hat hier und da seinen Einfluss spielen lassen, sie ausgestattet und seine Expertise geteilt, aber alles Militärische und Organisatorische hat er weitestgehend Steve überlassen. Mit dem DODC, SI, unseren Stiftungen, all den wissenschaftlichen Gipfeln und laufenden Projekten hatte er wirklich genug zu tun. Und nun bleibt all das zusätzlich an ihm hängen. Ganz zu schweigen von der gravierenden Unterbesetzung. Er wird jetzt oft außer Haus sein, Sola, aus geschäftlichen Gründen, öffentlichkeitswirksam, aber auch … im Einsatz.“ Sie seufzte, dann setzte sie neu an, als versuche sie wieder ein wenig Licht ins Trübe zu bringen: „Ab nächste Woche ist das kein großes Problem mehr. Dann schnappst du dir Happy und triffst einfach ein paar Freunde, wenn dir die Decke auf den Kopf fällt. Und bis dahin sind es ja nur noch zwei Tage …“ Zu meiner Erleichterung ließ sie ihren Blick kurz zu dem laufenden CNN-Bericht auf dem fernen Bildschirm herüberschweifen, denn mein Magen zog sich jäh so unglücklich zusammen, dass ich mich rapide blasser werden spürte.
Nichts in mir glaubte noch daran, dass ich ab Montag wieder auf freiem Fuß sein würde.
Als wurde sich Pepper angesichts Natasha Romanoffs kurz eingeblendeter Nahaufnahme gleich noch bewusster, wie ruhelos ich mich fühlte, sah sie beherzt wieder zu mir zurück. „So ein Meeting ist eine großartige Ablenkung. Es ist wirklich kein Problem. Niemand wird sich daran stören, wenn du mich begleitest.“
Ich nickte sacht. „Ja, umm … ich denke … na ja, ich denke, ich gehe noch ein wenig an den Schießstand oder so …“
Ich hatte Clints Bogen seit Berlin nicht mehr angerührt und etwas mied ihn immer noch in Sorge und Schmerz angesichts seiner ominösen Worte des Abschieds bei seinem vorerst letzten Anruf, aber mich für anderthalb Stunden in ein Meeting zu setzen, ohne mir irgendetwas anmerken zu lassen, würde mir nicht gelingen, das wusste ich. Ich würde heute nicht auch noch vor potentiellen Geschäftspartnern in Tränen ausbrechen und der ganzen Welt mitteilen, dass ich in High-School-Englisch durchgefallen war. Nope .
Pepper konnte nicht wissen, dass Bogenschießen im Moment bloß wie Benzin auf meinen Herzbrand wirkte, denn seit sie nicht mehr bei uns wohnte, wusste sie kaum noch, wie ich meine Nachmittage daheim derzeit wirklich verbrachte, weshalb meine Ausrede glücklicherweise ohne die leiseste überraschte Rückfrage zog.
„In Ordnung.“ Sie lächelte sanft. „Ich gebe Bescheid, wenn ich fertig bin, ja? Dann essen wir gemeinsam einen Happen zu Abend.“
Bedrückt nickte ich, während ich meinen Fingernagel in meinem berührungstauben Ringfinger drückte, bis es ziepte. „Ja … cool.“
„Okay …“ Liebevoll kurz drückte sie meinen Arm und öffnete die Tür. „Dann bis gleich.“
-/_\-
Eine kleine Auswahl griechischer Speisen stand bereits in ihrer Besprechungsecke aufgetischt, als Pepper mich zwei Stunden später in ihr Geschäftsbüro zurückrief.
Der appetitliche Geruch nach warmem Feta, Zitronen und Oliven sorgte jedoch nicht dafür, dass sich die laue Übelkeit legte, die sich längst in mir eingenistet hatte.
Das Empire State Building strahlte heute bis zur Zierspitze in glutwarmem Orange vor einem dunstschwarzen Nachthimmel, was ein wenig an ein nicht allzu weit entfernt dahinloderndes Festfeuer erinnerte, obwohl es im Glanz der indirekten goldenen Abendbeleuchtung von Peppers ausladendem Büro mehr zu einer extravaganten Randbemerkung verkam.
Während ich mich mit dichtem Magen Bissen für Bissen durch meine eigentlich recht schmackhafte Pita arbeitete und Pepper die Bestandteile ihres üppigen Salats mit ihrer Gabel in geübt rasantem Tempo formvollendet aufzupicken und zu verschlingen begann, ließ sie mich wissen, dass einige hochkarätige Labels und Designer ihr ausdrückliches Interesse bekundet hatten, mich zur diesjährigen Charity Gala von Stark Industries an Heiligabend einzukleiden.
„Abgesehen von Klassikern wie Givenchy oder Armani, sind auch ein paar zurzeit sehr angesagte frische Labels dabei: Rachel Roy, Luke Jacobson, Zelinsky …“ Ohne innezuhalten, fuhr sie damit fort ihre kleinen gegrillten Tomaten aufzuspießen und irgendwie gelang es ihr, sie dabei nicht in winzig heiße Geysire zu verwandeln, die durch den halben Raum sprühten. „FRIDAY stellt dir einen Überblick aktueller Abendkollektionen und Haute Couture zusammen. Das macht es etwas kompakter zu sichten. Ich schlage vor, sobald du weißt, welche Labels für dich infrage kommen, wählen wir zwei oder drei von ihnen zu einem ersten Fitting aus, um dann eine finale Entscheidung zu treffen – zumindest, was den Designer betrifft ... Am besten siehst du dir heute oder morgen einmal an, welche Labels dir prinzipiell schonmal gefallen.“
Ich zögerte. „Jetzt schon? Es sind noch zwei Monate bis zur Gala …“
„Acht Wochen. Und ja, das scheint noch fern, aber eigentlich sind wir sogar recht spät dran. Als Gastgeber besitzen wir das erste Zugriffsrecht bei so ziemlich allen Labels, was bedeutet, dass du dir keine Sorgen wegen der Auswahl machen musst. Tony ist High-End-Kunde und jedes Label wird es gerne sehen, wenn du es auswählst. Sie werden sicherstellen, dass es zu keiner Dopplung kommt, selbst wenn jemand anderes deine Wahl in seiner Vorauswahl bereits ins Auge gefasst haben sollte. Aber es ist wichtig, dass wir noch ausreichend Zeit für Anpassungen oder kurzfristige Änderungen einkalkulieren.“
Ich musterte sie mit summenden Magen, gar nicht fähig ihr allzu genau zu folgen, so sehr ich auch wollte, dann nickte ich still.
Über die gewaltige Charity-Veranstaltung voller Prominenz mitsamt ihrer vielgeschauten Live-Übertragung nachzudenken oder auch nur über den heutigen Abend hinaus , war ein Kraftakt. Jeder Gedanke graute neben der bohrenden Schwere meines ausstehenden Geständnisses aus.
Pepper schien meine maue Reaktion anscheinend für früh keimendes Lampenfieber zu halten, denn sie fuhr gleich etwas rücksichtsvoller fort: „Dieses Jahr fliegst du nicht unter dem Radar, du begleitest Tony. Es wird viel mehr Aufmerksamkeit auf dir liegen als voriges Jahr. Nicht nur von Seiten der Presse. Das liegt … nun ja, in der Natur der Sache. Es wird dein erster wirklich großer Auftritt neben Tony. Das ist aufregend. Das wissen wir, Sola. Aber wir alle geben Acht darauf, dass der Ansturm auf dich nicht außer Kontrolle gerät. Und falls doch zieht Tony die entsprechenden Konsequenzen.“ Sie zögerte, ohne meine unfreiwillig noch etwas blasser werdende Miene zu registrieren, dann schlug sie schon wieder einen unbewegt zuversichtlichen Ton an: „Es ist nur wichtig, dass du dich an diesem Abend wohlfühlst. In deiner Haut und deinem Outfit. Es wird auch so schon … überwältigend genug. Das ist es immer.“
„Klar“, bestätigte ich still.
„Letztes Jahr lief es ganz wunderbar, Liebes“, versicherte sie. „Das wird dieses Jahr nicht anders sein. Wenn überhaupt wirst du es jetzt im zweiten Anlauf vermutlich sogar noch etwas mehr genießen können. Ganz ohne Versteckspiel.“ Oder den ganzen Schock . Letzteres sprach sie nicht aus, aber ich sah es in ihren Augen. „Du und Tony habt euch eingespielt. Ihr tapst nicht mehr wie zwei verwilderte Streuner umeinander herum. Ihr versteht euch jetzt ohne viele Worte, im Guten wie im Schlechten. Du kennst seine Eigenarten, zumindest die meisten davon … Und er die deinen. Ihr vertraut einander. Das macht es sehr viel leichter, so einen Abend zu bewältigen.“
Er liebt dich und du ihn.
Und ihr wisst es.
Ich blinzelte fest. „Hm, ja …“
„Und ein Outfit zu finden, das dir richtig gut gefällt, in dem du atmen kannst und das vor den Kameras funktioniert, ist das sehr viel kleinere Problem, glaub mir.“ Sie schenkte mir ein Lächeln.
Diesmal erwiderte ich es, so gut ich vermochte.
Während ich noch in meinem verbliebenen Salat herumstocherte und irgendwie mit der Sprache herauszurücken versuchte, legte Pepper ihr Besteck beiseite. Sie tat es behutsam, sodass ich für einen Moment glaubte, dass ich ihre unfehlbaren Instinkte mit meiner verdächtigen Zurückhaltung letztendlich doch auf eine Weise geweckt hatte, die über die simple Erklärung reinen Missbehagens aufgrund der Situation rund um Tony, Nat und das Raft hinausging, und irgendwie blockierte es meinen erst halb gefassten Entschluss, ihr von meinem F zu erzählen, ehe ich es Tony mitteilte, nur noch mehr .
Aber dann überraschte sie mich. „Tony und ich werden Montagabend auswärts verbringen“, informierte Pepper mich bedächtig.
Ich merkte auf.
„Du verbringst Halloween mit Freunden“, fuhr sie überlegt fort, „also scheint es ein guter Zeitpunkt, um uns ein wenig zusammenzusetzen und zu reden.“
„Du meinst …“ Mein Hals zog sich böse hoffnungsvoll zusammen. „Wie ein Date, ja?“
Pepper schmunzelte, wenn auch deutlich nachdenklicher, als mir lieb war. „Ein wenig. Wir schauen erstmal, was die letzten Wochen mit uns gemacht haben und wie es jetzt weitergeht … Was der Trend gerade sagt, ob sich bereits irgendeine Entscheidung eingestellt hat oder ...“ Sie fuhr sich sacht über die Stirn und schloss kurz die Augen. „Nein … nein, es ist kein Date. Tut mir leid. Es ist mehr ein Versuch …“ Ich beobachtete sie fest, ihr zerrissen grübelndes, kurz unglückliches Gesicht. „Ein erster Versuch, zu einem Konsens zu finden. Ich denke nicht, dass wir schon so weit sind. Deutschland hat gewisse Fragen für uns beantwortet, die wir uns jetzt nicht länger stellen müssen, wie ich fürchte. Aber …“ Sie seufzte und lächelte befangen, ihr Gesicht noch immer halb von ihrer Hand bedeckt und so müde, dass ich die Versuchung, einfach zu uns heimzukehren, für einen Moment sich in ihrer gesamten Haltung aufbäumen sah. „Ich schätze, es schadet nicht, sich auszutauschen“, endete sie sanft, „als eine Art Bestandsaufnahme.“ Sie setzte eine Pause. „Auch wenn ich keinen Zweifel habe, dass dein Vater es in ein Date verwandelt, sobald er den Motor startet.“
Wir schmunzelten beide mit still grübelndem Blick auf die chaotischen Reste unseres verbliebenen Essens.
Mein Entschluss, mich Pepper anzuvertrauen, rutschte endgültig ab und verschwand in den Tiefen meines schwer gewordenen Herzschlags.
-/_\-
Als Tony endlich heimkehrte, trat er derart geschäftig aus unserem Lift, dass es nicht den Anschein erweckte, dass er sich bereits im Feierabend befand.
Auf der Rundcouch zusammengesunken, eine flaumig weiche Decke halbherzig um meine Waden geschlungen, spürte ich meinen gesamten Körper prompt aus seinem unruhigen Standby in die widerwillige Vorbereitung des nahenden Armageddons verfallen und riss meinen Blick von der x-beliebigen Freitagabendshow voller kalifornischer Reality-Stars los, die sich soeben dramenreich über die frisch wirksam gewordene Registrierungspflicht für Superindividuen echauffierten, zu denen sie anscheinend etwaige Beauty-Influencer fest hinzuzählten, auch wenn sich mir die Gründe hierfür nicht wirklich erschlossen, da gut die Hälfte ihrer leidenschaftlich gestenreichen Auseinandersetzung völlig an mir vorbeigezogen war.
Während Tonys Finger noch geschwind über die kleine Hologrammanzeige seiner vermeintlichen Armbanduhr flogen und dabei etwaige Felder wieder ins digitale Nirvana wischten, warf er mir lediglich ein unbewegt kurzes „Hi“ zu.
Verdächtig still erwiderte ich es, ehe mit sachtem Pingen auch schon wieder ein Anruf auf seinem StarkPhone einging. Den Blick halb darauf geheftet, setzte er sich wieder in Bewegung, sah kurz zu mir herüber und wies auf mich. „Alles in Ordnung?“
Ich nickte stumm in lahmem Reflex.
Tony behielt mich einen Sekundenbruchteil länger im Blick, nahm aber ab, schritt an der Couch vorbei und sprach auch schon wieder nüchtern versiert drauflos, anscheinend nach wie vor tief in irgendwelche Angelegenheiten rund um das DODC verstrickt. Ich schnappte ein paar Schlagworte auf (Räumungsunterstützung, Gefahrentransporte und autonome Frachtflüge, die alle von erfolgreich genehmigten Abnahmen und Anträgen des heutigen Tages sprachen), ehe er schon wieder die Treppe hinauf entschwand.
Mein Herz blieb kurz in seinem falschen Gang gefangen, ehe es wirr irritiert seine Energie wieder herabfuhr.
Ich sah zurück auf den Fernseher, zehn geschlagene Minuten, in denen ich nicht mehr als zusammenhangslose Worte und Bildabfolgen registrierte, dann bat ich FRIDAY ihn abzuschalten, knibbelte gedankenverloren und in rauer Stille an meinem sinnestauben Ringfinger herum, bis er so gerötet war, dass ich einen vagen Schmerz inmitten seiner sonst so tauben Leere wahrzunehmen begann, und hievte mich von der Couch.
Auf dem unentschlossen schleppenden Weg hinauf, lauschte ich in die Stille, doch Tony schien sein Telefonat entweder bereits wieder beendet oder die Tür zu seinem Privatbüro geschlossen zu haben, denn ich vernahm weder irgendeinen anhaltenden Schwall weiterer Worte, noch extrovertiert platzierte respiratorische Kommentare.
Mit unselig geballtem Magen hielt ich am oberen Absatz unserer Treppe und stierte einen weiteren Moment den in gedimmt rostwarmes Licht getauchten Flur hinab.
Wenn ich anklopfte, war die Katze aus dem Sack.
Dann musste ich es beichten, ob Tony nun überhaupt die Nerven hierfür besaß oder nicht.
Er würde mir ansehen, dass etwas nicht stimmte, er würde es wissen und dann wurde aus einem T-Minus- In-meiner-Hand blitzschnell ein T-Minus-Null.
Nach meinem Abendessen mit Pepper hatte mich ganz kurz ein Gedanke gestreift, eine Alternativlösung , die eigentlich schon seit ein paar unterbewussten Stunden vor sich hin gedieh und die für einen langen Augenblick jede Vernunft in mir zu überwältigen gedroht hatte, weil sie so verführerisch einfach erschienen war, jetzt da FRIDAY, aus dem Caretaker Protokoll entlassen, wieder ganz in meinem Team mitspielte.
Ich konnte es für mich behalten.
Tonys Kenntnisnahme auf dem Rückschein fingieren.
So, wie es bereits in der Junior High so viele vor mir getan hatten, als sei es das leichteste hinausgezögerte Problem der Welt, das sich schon mit der nächsten Arbeit oder ein paar besseren Essays vollständig ausradieren ließ.
Und ich brauchte nicht einmal FRI dazu. Es würde keinen auffälligen Suchverlauf nach seiner Originalunterschrift geben, über den er theoretisch doch irgendwann stolpern mochte, wenn ich ihm mal wieder einen Grund lieferte, seine KI von ihrem Ehrenkodex verschwörerischer Privatsphäre zu lösen, denn seine geschäftliche Unterschrift befand sich bereits ganz physisch in einer meiner Schubladen, auf dem Schulvertrag der Bosworth High, den Tony und Pepper mir letzte Weihnachten ausgehändigt hatten. Ich musste bloß eine dieser Seiten danebenlegen, ein wenig üben und … erledigt war es.
Einmal da, war die Versuchung so schwer abzuschütteln gewesen, wie es die siedende Aufregung in meinem Magen angesichts des bloßen Gedankens, Tonys Unterschrift zu fälschen, gar nicht hätte vermuten lassen. Und obwohl alles an dieser vermeintlichen Lösung absolut widersinnig blieb, überschwemmte mich die Woge dieses Gedankens nun ein zweites Mal noch so viel eindringlicher, dass es mich alle Entschlossenheit kostete, mich ebenfalls zu erinnern, dass dieser Plan gewaltige, unabwehrbare Enterhaken besaß: Das Quartalszeugnis stand bereits fest, Tony würde wie alle Eltern noch dieses Wochenende eine E-Mail mit Zugriff auf das Onlineportal der Midtown High erhalten, in dem er besagte Leistungsübersicht für mich abrufen konnte, wie Ned mir erläutert hatte, und dies bedeutete, dass ich in den nächsten achtundvierzig Stunden ohnehin aufflog, sofern er denn auch nur einen flüchtigen Blick hineinwarf, denn meine Quartalsnote in Englisch musste nun endgültig im unterstem Segment herumdümpeln.
Ein D, wenn ich es halbwegs richtig einschätzte, das Tony hinterfragen und schlimmstenfalls direkt bei Mr. Lieber reklamieren würde, wenn es keinerlei rechnerischen Sinn mit meinen zahlreichen zurückliegenden Versicherungen ergab, gleich welche Ausrede ich mir hierfür noch aus den Fingern sog.
Und das bereits vorausgesetzt der eigentlich recht naiven Annahme, dass sämtliche Einzelbewertungen für den interessierten Leser nicht ohnehin direkt mit aufgeschlüsselt wurden.
Wenn ich die verhauene Arbeit vor Tony verheimlichte, mich dabei krimineller Techniken bediente und die ganze Sache aufflog und das so elendig kurz nach unserem haarklein protokollierten Gespräch des Ich-habe-die-Schnauze-voll-und-jetzt-nochmal-für-Dumme -Segments steckte ich in der wahren Frappuccino-Version von Schwierigkeiten.
Nein …
Ich musste es ihm sagen. Aber … Aber nicht zwingend noch heute, schätzte ich, endgültig ins kindisch feige Abseits gedrängt. Nicht während irgendein Leitungsstab des DODC ihn belagerte, weil anscheinend mehr Alien- und High-Tech-Kampfmittel und kalifornische Wunderspritzen im Dreiviertelstundentakt rund um den Globus aufploppten, als ein Standort allein dafür Verantwortung übernehmen wollte.
Nicht wie die verfaulte, wurmlöchrige Kirsche auf der ohnehin leicht säuerlichen Sahne.
Morgen nach dem Frühstück, entschied ich mit sinkendem Magen. Bevor Tony über mein Zeugnis stolperte und eine weitere trocken unlustige Erziehungskrise durchlebte, aber immer noch nach einer kleinen Portion erholsamen Schlafs und dem Grünkohl-Spirulina-Smoothie seines Vertrauens. Ausgeschlafen und mit ein paar mehr Antioxidantien im Blut ließ sich auch auf meiner Seite sicher jede grimmige Stille gespickt mit eiskalt bloßstellendem Sarkasmus besser verdauen.
Ich bog in mein Zimmer ab, duschte und trocknete mir die Haare, bat FRIDAY meine Fenster abzublenden und alles in den Schlafmodus zu versetzen und ging ins Bett.
In halber Dunkelheit lag ich schließlich da. Ich schloss die Augen, rollte mich zur Seite und lauschte meinem eigenen Atem, bis ich sie wieder öffnete, mein StarkPhone gedimmt aufleuchten sah und danach griff.
Elijah fragte, wie es mit Tony gelaufen war und ob ich sprechen wollte.
Ohne zu antworten, schob ich das StarkPhone unter mein Kopfkissen und stierte wiederholt in die Dunkelheit. Mit jeder dahinkriechenden Minute schien meine Bettdecke schwerer und wärmer zu werden. Unruhig strampelte ich mich wieder daraus frei, begann wiederholt auf meinem kleinen, sinnestauben Finger zu kauen und bat FRI schlussendlich, die Sicht aus meinem Fenster wieder freizugeben.
Das funkelnde Zwielicht von New York floss in mein Zimmer zurück und mit ihm all seine tiefen und gierigen frühnächtlichen Schatten, doch das klamme Loch in mir drin wurde nur größer und begann zu raunen.
Ich hatte ein F geschrieben. Mein allererstes.
Etwas, das ich tief in mir drin, wenn ich ganz ehrlich mit mir war, schlicht für unmöglich gehalten hatte. Immer. Einfach abwegig .
Ich strich mir zwei saure Tränen aus den Augenwinkeln, wälzte mich ein wenig zur Seite und verfing mich in der Frage, wie ich von jetzt an jemals sicher sein konnte, dass es nicht wieder geschah. Ich hatte gelernt, mich vorbereitet, es anders als an der Bosworth wirklich und gerade trotz allem gut hinzubekommen versucht, in der leisen Hoffnung, dass vielleicht sogar etwas mehr als ein C daraus wurde. Ein B, vielleicht.
Die neue Trendkurve.
Ha . Ich schluckte.
Schwer.
Und dann stieg ich just wieder aus dem Bett. Verhalten bat ich FRI das Licht wieder einzuschalten, wanderte aus meinem Zimmer und dann weiter den Flur hinab. Sein Büro war verlassen, aber überall brannte noch Licht, auch in seinem Schlafzimmer, was mir jäh erleichtert sagte, dass Tony noch hellwach sein musste und da.
Seine Tür stand sacht angelehnt, weshalb ich dumpfes Klopfen und Öffnen vereinte, als ich mich still nach ihm erkundigte.
Er schien gerade aus der Dusche zu kommen, denn außer einer Pyjamahose trug er nichts, als er lau stutzig geworden um die Ecke trat. Das einzige sichtbare Überbleibsel seines entfernten Arc-Reaktors nach seiner Herz-Operation, eine konzentrisch runde Narbe gleich in der Mitte seiner Brust, schien frisch gerötet, vermutlich der gerade genossenen heißen Dusche zu verdanken. Bloß ein Handtuch lag um seine Schultern und seine dunklen Haare schimmerten noch vor Nässe, als er abwesend kurz mit diesem hindurch rubbelte und es gleich wieder auf seine Schulter zurückfallen ließ. „FRI sagte, du bist schon im Bett.“
Nicht ganz sicher, wie ich ansetzen sollte, hielt ich eine Sekunde lediglich beklommen seinen Blick, während mein Herz sich prompt in kraftlosen Brei verwandelte. „Ich muss dir etwas sagen, über heute ...“
„Jupp“, unterbrach er. „Gib mir einen Moment. Ich mach mich kurz fertig.“
Stumm nickte ich.
Er verschwand zurück in Richtung seines Ankleidezimmers. „Fünf Minuten“, ließ er mich wissen. „Bin gleich soweit. Ich rufe dich.“
Nervös nickte ich erneut, obwohl er es gar nicht mehr sah, dann machte ich unentschlossen kehrt und schlurfte zurück in mein Zimmer.
Obwohl selbst jetzt noch eine ganz leise, irrationale Stimme in meinem Hinterkopf darum bettelte, es einfach auszusitzen und unter den Teppich zu kehren, hob ich meinen Rucksack vom Boden, kramte meine Englischarbeit und Mr. Liebers Schreiben hervor und legte beides zusammen auf meinen Schreibtisch. Den Umschlag platzierte ich auf das anklagend rot notierte F mitsamt Prozentzahl, einfach um es nicht zu sehen, es wenigstens noch ein paar Augenblicke zu leugnen, ließ mich dann auf meinen Schreibtischstuhl sacken und knetete meinen linken Unterarm.
Während ich etwaige Gesprächseinstiege in Gedanken neu zu verproben begann, die eigentlich bereits den halben Tag erfolglos durch meinen Kopf gesprudelt waren, ließ FRIDAY mich wissen, dass ich zu Tony runterkommen konnte, falls ich immer noch reden wollte.
Er hockte barfuß vor dem Kamin, als ich die Stufen in den Wohnbereich wieder hinab schlurfte, meine Englischarbeit und den Umschlag klamm in meiner Hand umgriffen.
Das sachte erste Knacken eines Feuers und die reduzierte Abendbeleuchtung sanken mit so extravagant kreierter atmosphärischer Wärme auf mich nieder, dass ich nicht wusste, ob es meiner insgeheimen Sorge die Kanten abschliff oder es mir plötzlich nicht irgendwie noch überfordernder erschien, tatsächlich hier zu sein, in Tony Starks Penthouse, fünfzehn elend komplizierte Monate später und irgendwie keinen Tag stolzer.
Mein Milliardär von Vater erhob sich derweil entspannt aus der Hocke und wandte sich zu mir um, ein kleines, munteres Kaminfeuer neben sich, das langsam auf den ersten größeren Holzscheit übergriff. „Pepper schrieb vorhin, etwas sei im Busch. Du bist seltsam. Sie hat recht. Das übersteigt das gewohnte Bad-Pokerface-Level.“
Sein Blick flackerte eine Sekunde zu dem Papier in meinen Händen hinab, dann wies er bloß mit knappem Kopfnicken zur Couch hinüber und ließ sich unmissverständlich einladend zur Seite gewandt darauf nieder, sodass sich mir gar nicht erst die Frage stellte, wie viel prophylaktische Pufferzone ich auf den Weiten unserer Rundcouch zwischen uns platzieren sollte.
Befangen sank ich neben ihn.
In seinem Rücken schimmerte eines seiner frühesten Iron-Man-Helme im Kaminfeuerlicht. Seine eigenen Augen gewappnet, beinahe ahnungsvoll . Angesichts dieser still musternden Miene, die so vieles bedeuten mochte, wurde mir unwillkürlich noch flauer.
„Wir haben Englisch zurückbekommen“, begann ich mau.
„Das da ist demnach keine Fanpost.“
Meine Finger begannen das Papier zu massieren. „Ich weiß, ich sagte, ich hatte ein gutes Gefühl --- das hatte ich auch, wirklich .“ Schwach brach ich ab, schluckte und setzte nervös weiter an: „Ich hab hierfür gelernt. FRIDAY kann es bestätigen. Ich war noch im Caretaker Protokoll; sie hätte dir Bescheid gegeben, wenn ich es nicht getan hätte. Und – na ja, eigentlich lief es gar nicht so schlecht … Mr. Lieber sagte, es sei gar nicht übel gewesen, eine halbwegs vernünftige Analyse, das sagte er direkt nach der Stunde, nur …“ Erneut brach mir vor wummernder Enttäuschung die Stimme weg.
„Okay.“ Tony öffnete die Hand. „Ende der Spannungskurve, zeig her.“
Eine Sekunde vermochte ich es nicht, dann ließ ich alles in seine Hand sinken und legte die meinen zusammen. „Es ist ein F“, wisperte ich.
Obwohl Tony meine Englischarbeit bereits auffaltete, blieb sein Blick einen Moment länger auf mir liegen, ehe er ihn schließlich vollkommen unlesbar auf die Vorderseite hinabsinken ließ. Ich sah ihn einen Moment bloß auf das niederschmetternde Ergebnis starren, ehe seine Pupillen auch schon fokussiert die Aufgaben und Zeilen hinabzufliegen begannen, sacht irritiert von meiner nicht sonderlich glanzvollen, aber auch keineswegs völlig unterirdischen Leistung, ganz wie ich es selbst gewesen war, bis er eine weitere der zusammengehefteten Seiten umschlug und auf meine Analyse und damit dem unerklärlichen Debakel stieß.
„Ich hab die Aufgabe nicht richtig gelesen“, brach es mager aus mir hervor. „Ich hab die Figur vertauscht --- nicht, weil … Also, ich wusste, wer wer ist. Aber irgendwie dachte ich einfach, es hätte anders gelautet. Und --- keine Ahnung, anscheinend hab ich nicht nochmal drüber gelesen, sonst wäre es mir vermutlich aufgefallen ... Aber – Dad, ich war mir so sicher, ich hätte schwören können, dass es dort exakt so geschrieben stand, und ich wusste sofort, was ich schreiben musste, ich hab einfach losgelegt und es gab einfach überhaupt keinen Grund nochmal draufzusehen ... Jedenfalls ist deswegen einfach das komplette Thema verfehlt und deswegen …“ Ich rutschte auf der Stelle, brach ab und setzte noch heiserer wieder an: „Ich hab es schon nachgerechnet-“
„Es stimmt.“
„Ja …“ Nur noch getroffener angesichts der Tatsache, dass es ihm gelungen war, meine Arbeit binnen Sekunden auf ihre Details zu durchforsten und zugleich bereits alle Punkte und Bewertungsparameter zielsicher zu addieren, vernahm ich mich kaum selbst mehr.
Tony tauschte die Englischarbeit gegen den Umschlag und öffnete ihn.
Hin und her gerissen, nicht zu offensichtlich seine Post zu lesen und gleichzeitig unfähig, es nicht wenigstens zu versuchen, schielte ich auf Mr. Liebers Schreiben, ehe Tony umblätterte, einen knappen Blick auf den Rückschein warf und dann auch auf einen zweiten, offensichtlich zur Vereinbarung von Maßnahmen, der sich Aufbauschein nannte und den Mr. Lieber mit der Reihe recht schwacher vorangegangener Hausaufgaben und Essays in seinem Fach begründete, die die verhauene Englischarbeit nicht recht ausgleichen konnten, meine Gesamtleistung für dieses Quartal leider beträchtlich drückten und auch keine gute Prognose für das nächste lieferten.
Darunter eine kurze Liste anzukreuzender Maßnahmen und Vertiefungsoptionen, von freiwilligen Einzelprojekten und Sondermaterialien über eine nachmittägliche staatlich finanzierte Gruppennachhilfe bis hin zu wöchentlichen Sitzungen mit Vertrauenslehrer Mr. Flannigan, sowie einer Antwortoption, die explizit keine der gelisteten gesonderten Maßnahmen wünschte.
Mein Magen sank. „Sie waren nicht so schwach“, ergänzte ich leise. „Es war meistens ein C. Sonst hätte ich etwas gesagt, wirklich .“
Tony legte das Schreiben mitsamt aller Scheine neben sich. „Okay.“
Mein Magen schien nur noch ein dichter Kloß, als habe mich jemand gepackt, vor eine CNN-Kamera gezerrt und gezwungen meine Zusammenarbeit mit den Zehn Ringen zu bekennen, um aus mir die größte Enttäuschung in Tonys Leben zu machen.
Und dann, nach einem Moment, in dem er mich kurz abwägend betrachtete, wiederholte er es einfach, diesmal geradezu unbewegt. Er zuckte mit den Achseln. „Okay.“
Irritiert heftete sich mein Blick auf seine wenig erschütterte Miene, doch es geschah nichts, Tony verschränkte bloß unbeteiligt die Arme und musterte mich.
„Okay … du bist … sauer …“, riss ich widerstrebend am Pflaster.
Pikiert schob er die Brauen zusammen, ehe er schon ernsthaft verwirrt die Stirn runzelte.
„Bin ich jetzt happy?“, gab er zurück. „Nein. Bist du aber auch nicht. Richtig?“
Vielleicht war es sein unaufgeregter Ton, aber plötzlich quollen sämtliche zurückgehaltenen Tränen mit Nachdruck in mir empor.
Tony öffnete den Arm und sofort sank ich gegen ihn und schluchzte still auf. Der Duft seines Duschgels hing in seiner Kleidung, eine Mischung aus Olive und Shea-Butter. Es roch so gut, dass mir gleich ein wenig leichter ums Herz wurde.
Schweigend rieb ich mir die Nase und wartete darauf, dass der wild perlende Strom nachließ.
Ich vernahm, wie er, seinen Kopf grübelnd an den meinen gelehnt, mit seiner freien Hand erneut vage raschelnd durch die Papiere blätterte, während ich, endlich in seine Seite gelehnt, die satte Enttäuschung und Traurigkeit entweichen ließ, die seit Stunden gegen meinen Brustkorb drückte.
Als ich mich schlussendlich wieder von ihm löste und von ihm abrückte, knetete Tony wortlos meinen Nacken, erhob sich und schritt zur Küche, wo er eine Weile vor sich hin werkelte, während ich mit angezogenen Beinen weiter dasaß und in den Kamin starrte, mein Blick nur noch sporadisch von der Englischarbeit angezogen, die immer noch exakt dort auf der Couch lag, wo Tony sie zurückgelassen hatte.
Als ein Glas Wasser direkt vor meinem Gesicht auftauchte, stieg ich aus meiner Katharsis.
„Trink“, wies er mich an.
Ich nahm es entgegen, registrierte aber zeitgleich die dampfende Tasse Kakao, die er zusätzlich vor mir auf dem Couchtisch abstellte, ehe er sich wieder neben mir niederließ, die Schläfe wähnend gegen seinen Handballen gestützt, und seinen Blick auf mich zurückheftete.
„Kann ich loslegen?“
Ich schluckte, dann hob ich mager die Schultern, nicht wirklich in der Position, seiner ruhigen Rhetorik in die Parade zu fahren, und nickte.
„Gut. Drei --- nein, sagen wir, vier Dinge. Zuerst: Telekommunikation. Ein eigentlich ziemlich praktisches Konzept, hat hin und wieder seine Vorteile. Beispielsweise, wenn ich unterwegs bin und du gerade einen totalen Reinfall hinter dir hast und das wirklich dringend loswerden musst. Stell es dir vor wie eine Art Seelsorge auf Knopfdruck-“
„Du warst-“
„In einer Leitungsstabssitzung, ja. Macht keinen Unterschied. Es gibt auch so etwas wie Pausen. Du pingst mich an und ich rufe sobald möglich zurück. Nicht, weil du mir alles sofort ausrichten musst oder das hier nicht prinzipiell genauso gut funktioniert hätte, bloß – na ja – weil du dir damit zumindest den Thriller-Nachmittag ersparen hättest können, in dem ich zu einem immer größeren Endgegner mutiert bin.“
Mein Magen wummerte sachte fort. „Letztes Mal warst du sauer“, raunte ich, „und da war es kein F .“
Tony rollte unberührt mit den Augen. „Letztes Mal hast du dich aus dem Unterricht geschlichen, mit niemandem über irgendetwas gesprochen und von der wilden Klassenperformance haben wir bloß erfahren, weil es dir vorher noch gelungen ist, einen schulinternen Großeinsatz mit Fahndungsdrohnen auszulösen. Diesmal … war es eine Lappalie, Sola, okay?“
Frische Tränen pressten gegen mein Lid. „Ich bin --- das ist nicht --- Ich bin durch gefallen.“
Tony hob die Schultern. „In einer Arbeit, einem Test . Nicht für das Quartal oder in der Jahresabschlussprüfung.“ Seine Brauen schwangen sich empor. „Ist das ärgerlich? Sicher. Du hast gelernt, du hast etwas investiert und es hat absolut nicht geklappt. Aber nicht, weil du keine Ahnung hattest, was du da eigentlich tust, sondern weil du dich verlesen, dich geirrt hast, fünf Tage nach Berlin und Leipzig und ---“ Er brach in seinem lau ansteigenden Wortschwall ab und atmete aus. Zum ersten Mal trat etwas wie bittere Unzufriedenheit in seine Miene. „Es ist hausgemacht, okay?“, setzte er neu an. „Ich habe dich quer über den Ozean an einen Kampfschauplatz verfrachtet, Freunde haben sich als das Gegenteil herausgestellt, Menschen, denen ich jederzeit dein Leben anvertraut hätte, es habe , sitzen in Haft oder werden international gesucht, da steht Presse vor deiner Schule, die den lieben langen Tag nichts anderes beschäftigt, als Kapital aus deiner Existenz zu schlagen, und der Mann, der mit dem Mörder deiner Großeltern geflohen ist, winkt in deinem Sportunterricht munter aus dem Fernseher und sagt dir, dass du die Zähne zusammenbeißen sollst.“ Tony öffnete geschlagen die Arme. „Alles steht auf dem Kopf, das ist mir bewusst . Ausgerechnet, als gerade ein wenig Ruhe reinkam, ist hier gleich die nächste Tretmiene hochgegangen. Und bevor du irgendetwas davon sacken lassen konntest, musstest du schon wieder Gatsby analysieren.“
Ich schwieg, mein brav geleertes Wasserglas in meinem Schoß.
„Ich sage nicht, dass das hier kein Thema ist“, stellte Tony sanft ernst klar. „Aber es ist ein Symptom. Und zu behaupten, du hättest dich einfach besser konzentrieren sollen, wäre --- einfach nicht fair.“
Ich schluckte. „Aber es ist nicht bloß die Arbeit …“, brach es leise aus mir.
„Die Essays?“
„Hm.“
„Ein C ist kein Drama.“
„Aber jetzt ist es insgesamt nur ein D. Und --- an der Midtown sollte es besser werden, stattdessen hat es sich verschlimmert … Ich meine, ich --- ich hatte noch nie ein F, Dad. Ich ---“
Tony schwieg. „Gut, ich werde dich nicht anlügen. Weiß ich, wie es ist ein F nach Hause zu bringen? Nein. Ich lag nie unter neunzig Prozent. Ich war nicht einmal wirklich in der High School, ich bin mehr durchgeschossen, ein paar Aufnahmetests hier und da, Privatunterricht, Abschlussprüfungen, ich war schneller am MIT, als Jarvis meine Koffer packen konnte … Aber ich bin auch nicht die Benchmark, Sola.“ Er schwieg knapp. „Weiß ich, wie es ist, etwas zu investieren und zu verlieren ? Das – absolut. Es ist kein Weltuntergang, solange du es nicht dazu machst.“
„Es ist nicht bloß Englisch“, gestand ich just weiter.
„Soll heißen?“
„Geschichte.“ Ich rollte still mit den Augen und schloss sie gleich wieder. „Beide Kurse. Die Tests waren mies. Die Hausaufgaben etwas besser, aber … es wird eher ein schwaches C, bei beiden.“
Neds bereitwillig geteilten Notizen allein war es zu verdanken, dass ich wenigstens dort nicht noch tiefer abgerutscht war.
„Okay …“ Tony rieb sich knapp den Hinterkopf, müde in Stimme wie Worten. „Hier die weitere Kursrichtung: Erstmal stellen wir sicher, dass du die Cs hältst und in Englisch zurück in den grünen Bereich kommst.“
Ich nickte still.
„Nicht damit.“ Er machte eine lustlos abwinkende Geste in Richtung des Aufbauscheins. „Ein paar regelmäßige Trainings wie damals im Homeschooling, von denen wir wissen, dass sie funktionieren. FRIDAY stellt sie diesmal anhand eures Lehrplans zusammen. Du erledigst sie, wenn Luft da ist. Wenn etwas überfällig ist, sagen wir, zehn Tage, gibt sie mir Bescheid. Dann schauen wir, woran es liegt und wie es besser läuft.“ Er atmete aus, ich spürte, dass er zögerte, während er einen beiläufigen Blick zurück auf meine Arbeit warf. „Nächstes Halbjahr versuchen wir dich dann zurück auf ein stabiles B zu heben.“
Ich schluckte, diesmal etwas herber. „Hm.“
Tony musterte mich. Etwas Undurchsichtiges sammelte sich in seinem Blick. „FRIDAY, der aktuell vertretene GPA am MIT liegt wo genau?“
Mein Herz machte etwas Seltsames, als versuchte es zeitgleich in meinen Magen zu kriechen und an mein Brustbein zu kommen.
Ich hatte mir so sehr den Kopf über das F an sich und seine Auswirkungen auf meine Quartalsnote und Tonys Reaktion zerbrochen, dass ich noch gar nicht weiter gedacht hatte, realisierte ich mit schroffer Überraschung. Mein GPA, der bei allen College-Bewerbung mit zugrunde gelegt wurde und sich aus den Quartalsnoten aller High School-Jahre zusammensetzte, würde direkt mit meiner Englischnote sinken …
„Er bewegt sich bei immatrikulierten Studenten aktuell zwischen 3,7 bis 4,0, Boss. Talentförderprogramme ausgenommen.“
Tonys Stimme sank auf ein still wähnendes Maß. „Wo liegt Sola?“
„3,4 – das aktuell abgeschlossene Quartal bereits berücksichtigt. Die entsprechenden Noten wurden heute Nachmittag in ihrer Schulakte hinterlegt. Ich habe mir erlaubt, für die Berechnung schon einmal hineinzusehen.“
„Lieber um Vergebung bitten, als um Erlaubnis zu fragen?“ Er hob eine Braue. „Klingt wie etwas, das ich nicht bekräftigen sollte.“
„Es wird bereits vorgelebt, Boss.“
Tony hob die Mundwinkel, als sei die Tatsache, dass seine KI sich fröhlich frei durch meine High School-Noten-Server hackte, wie er selbst es ihr beigebracht hatte, bloß ein amüsanter Charakterzug, dann wurde er wieder ernst. „Wie viel Zeit haben wir?“
„Reguläre College-Bewerbungen gehen Anfang des Senior-Jahres raus“, antwortete sie bedacht. „Damit wird der GPA zum Ende des letzten Quartals des Junior-Jahres für die Bewerbung entscheidend.“
Mein Herzschlag zog an, als ich prompt zu rechnen begann. Fünf High-School Quartale lagen bereits hinter mir. Sieben verblieben, ehe meine Bewerbungsnote laut FRIDAY eigentlich auch schon geschrieben war. Komplette Überforderung griff um mich. „Das-“
„Ist nicht so dramatisch, wie es klingt“, unterbrach Tony grübelnd.
„Ich bekomme kein A in Englisch und beiden Geschichtskursen hin“, sackte es aus mir, während ich noch überlastet mein bislang eher oberflächliches GPA-Wissen über mich hereindonnern spürte. „Ein A … wird in 4,0 umgewandelt, ein B in 3,0, also --- also muss ich doch … Ich müsste ab jetzt immer bei 3,8 liegen, um die letzten Quartale auszugleichen und insgesamt wenigstens auf 3,7 zu kommen. Das bedeutet --- überhaupt kein C mehr. Maximal zwei oder drei B und sonst alles A.“ Mein Herz begann zu schlingern. „Das ist unmöglich.“
„Das ist nicht ganz korrekt, Sola“, hakte FRIDAY sanft ein. „Du lagst im ersten High-School-Halbjahr in sämtlichen Fächern über 86 Prozent und damit ausschließlich in den Bereichen A und B“, beschied sie mir zuversichtlich.
„Aber das war-“ Im Homeschooling.
„Atme durch, Pokerface, sie hat recht“, widersprach Tony ruhig. „Deine naturwissenschaftlichen und mathematischen Hauptfächer werden an der Midtown höher gewichtet.“
Nicht wirklich beruhigt stockte ich. „Okay?“
„Ein A in diesen Fächern wird mit 5,0, nicht 4,0 gewertet“, stellte er klar. „Einer der Gründe, wieso es die beste Alternative zur Bosworth war. Es bereitet dich auf das MIT vor, weil es den Fokus konsequent auf deine Stärken legt. Du hast fünf naturwissenschaftliche Hauptfächer mit höherer Gewichtung im Gegensatz zu vorher zwei normal gewichteten. Damit kannst du dir ein C pro Quartal in Geschichte oder Literatur erlauben, Sola. Zwei, wenn du in anderen Fächer nochmal zulegst.“
Es klang immer noch wie etwas Utopisches; etwas, das nichts mehr mit der jetzigen Version meines Ichs übereinging, das verlernt hatte unproblematisch und zuverlässig zu sein.
„Du hast es drauf“, beschied Tony mir ungeschminkt, als erinnere er sich meiner mehr als zweifelnden Worte von Mittwochabend. „FRIDAY hat es auf dem Papier. Du hast das erste Halbjahr pariert als sei nichts, mit dem Autounfall im Rücken, mit allem , ganz ohne spezielle Gewichtung.“
„Ja, aber es war daheim“, raunte ich, „nicht an einer echten High School.“
„Richtig, daheim mit der vielleicht aufmerksamsten und penibelsten Lehrkraft auf diesem Planeten. FRIDAY hat dich jede Sekunde deines Unterrichts im Blick gehabt. Sie konnte nichts übersehen, nicht den kleinsten Patzer, und sie ist zu dem Ergebnis gekommen, dass es stimmt . Dass du es draufhast. Ein Top-Tier-College, keine unrealistische Anstrengung, sondern eine gut portionierte Ambition, die dein Potential hergibt. Das MIT spielt nicht außerhalb deiner Liga. Was ich vorgestern sagte, meinte ich. Diese Englischarbeit ist Murks, Sola, aber sie ist keine Absage oder irgendein Irrtumsbeweis. Sie ist ein Warnschuss – an uns beide. Und wir haben ihn gerade vernommen.“ Er senkte die Stimme. „Es ist nur wichtig, dass du es auch willst.“
„ Ja ! Ich-“
„Gut, klasse , denn solange das der Fall ist und wir wieder Ruhe hier reinbekommen, bekommen wir das hin, Sola“, versicherte er prompt. „Diese Arbeit und dieses ganze letzte Jahr wird dich nicht das MIT kosten. Das wird es nur, wenn wir hier nicht zusammenarbeiten. Und das tun wir gerade, korrekt?“
„Ja“, krächzte ich.
Tonys Miene erweichte nur noch weiter. „Und wenn es nicht das ist, was du willst, ist es das eben nicht. Dann ändern wir den Plan. Finden das eigentliche Ziel.“
„Ich will es“, wiederholte ich eine ganze Nuance klarer. „Das MIT. Wirklich .“
„Verstanden.“
Er hob die Mundwinkel, während sein Blick dumpf erwägend auf die Vorderseite meiner Arbeit zurücksank, als wühlte er bereits in einer ganz anderen sich abzeichnenden Problematik, die er eigentlich gar nicht aufbringen wollte. „Wer weiß noch hiervon?“
„Von dem F? Nur Elijah.“
„In der Schule?“
Ich schüttelte den Kopf und begriff, dass seine Gedanken sich den potentiell anstehenden vernichtenden Schlagzeilen und ihren möglichen Whistleblowern zugewandt hatten. „Außer MJ hat es niemand mitbekommen …“
„MJ wer?“
„Michelle Jones. Sie … umm , ist cool.“ Ich schluckte. „Sie behält es für sich …“
Tony nickte schweigend, dann wies er schon zurück auf meine Tasse Kakao, die ich vollkommen vergessen hatte. Stumm tauschte ich das leere Glas gegen die noch warme, aber nicht mehr allzu heiße Tasse süßen Klischees, überkreuzte meine angezogenen Beine noch etwas enger und nippte verhalten daran. Der schwere Kloß in meiner Brust begann endlich zu schmelzen, während ich Tony dabei zusah, wie er sich einen bereitliegenden Kugelschreiber vom sauber arrangierten Vasendekor griff und kurzerhand seine Unterschrift und Kreuze rasch auf den Rückscheinen fürs Schulsekretariat verteilte.
Mein Magen entließ jede noch vage verbliebene Anspannung, als er den Kugelschreiber letztlich wieder auf den Papieren abwarf und sich unbeeindruckt neben mir in die Couch zurücksacken ließ.
„Funktioniert er?“
Dumpf hob ich die Achseln und nippte weiter. „Schon irgendwie.“
Tony schmunzelte müde. Wir schwiegen, dann ließ er den Kopf auf die Rückenlehne zurücksinken, hob jäh beide Brauen und wandte ihn in meine Richtung. „Genug Trübsal. Wie sieht Halloween aus? Wo sind die Adressdaten? Wieso hat Happy noch keine zwanzig Gefährdungsbereiche und polizeiliche Führungszeugnisse in meinem Postfach abgeladen?“
Ich senkte die Tasse. „Ist gecancelt.“
Seine linke Braue schob sich kritisch etwas mittiger.
„Wince‘ Eltern brauchen das Haus für irgendeinen Empfang. Er musste die Party absagen.“ Ich zögerte. „Ein paar wollen den Abend trotzdem zusammen abhängen, wissen aber noch nicht bei wem. Sie klären es gerade ... Also, wenn ich … umm , immer noch darf … dann ... sag ich Bescheid, sobald ich mehr weiß, und …“ Immer noch sacht verunsichert, brach ich ab.
Tony beobachtete mich in kurzer wähnender Stille. „Dachtest wirklich, dass ich dich fresse, hm?“
Mein Blick floh zurück zum Kaminfeuer, aber ich nickte dumpf, während eine diffuse Unzufriedenheit sich in seiner Miene niederließ und er einen weiteren Augenblick einfach ins Leere stierte.
Der Moment verging.
„Macht es hier“, schlug er just vor. Verwirrt blinzelte ich, als er sich schon zurück auf die Beine brachte und beiläufig mit dem Daumen in Richtung Lift wies. „Die Lounge ist frei. Pepper und ich sind sowieso aus. Wenn ihr irgendwo unterkommen wollt, lad sie ein.“
Blass überrumpelt setzte ich mich etwas aufrechter. „Im Ernst?“
Als jage er sein spontanes Angebot noch einmal durch die sichernde Schnellüberprüfung, hob er den Blick winzig knapp gen Decke. „Jupp.“
„Echt?“, wiederholte ich. „Ich kann sie einfach einladen? Hierher?“
„Gib FRI die Namen, sie meldet sie unten am Empfang an, dann lassen sie sie rauf.“ Tony wandte sich halb ab, sah aber zu mir zurück und hob die Achseln. „Soll nicht heißen, dass du hierbleiben musst, Happy fährt dich auch woanders hin. Ist bloß ein Vorschlag.“ Unbeteiligt öffnete er die Hände. „Überlegt es euch … Sturmfrei im Avengers Tower, Catering, VIP-Location und High-End-Sound inklusive. Klingt für mich verdächtig nach dem Ausschreibungsgewinner.“