Halloween
Halloween
Kapitel 38: Halloween
„Hab gehört, du bist wieder auf freiem Fuß.“ Ich wandte noch im Umblättern den Kopf, als sich Jason Ionello neben mir mit den Ellbogen voran auf den Mensatisch fallen ließ. „Falls du Lust hast, die meisten gehen heute zu Liz‘ Party.“
„Liz?“
„Liz Allan.“ Er hob die Schultern. „Sie war voriges Jahr noch an der Midtown. Hat wie du nach den Ferien die High School gewechselt … Hatte irgendetwas mit den Geschäften ihres Dads zu tun. Seymour hat ihr eben geschrieben und sie sagt, wir können noch Leute mitbringen. Ihr kennt euch nicht, aber --- hey, dann lernt man sich eben kennen. Alle werden ohnehin heute früher oder später dort sein.“
Gelangweilt sah MJ von ihrem Mathebuch auf. „Ich nicht.“
Jason hob die Brauen. „Schon was vor?“
„Nein.“
„Okay …“
„Bin nicht sicher.“ MJ runzelte die Stirn, ihre Miene blank vor trocken improvisierter Sozialstudie. „Ist es das? Okay?“
Er zuckte mit den Schultern und sah zu mir zurück. „Wie sieht’s aus?“
Entschuldigend verzog ich die Miene.
„Komm schon … Das wird Fun.“
„Glaub ich, aber ich bin verplant“, hob ich sanft die Achseln. „Ehrlich.“
Seine Miene sank in seichter Enttäuschung.
„Nächstes Mal?“
„Okay. Klar. Abgemacht.“ Er klickte befriedend mit der Zunge.
Als er sich erhob, zum Tisch von Seymour, Flash und Abe zurücksah und mit wieder deprimierter Miene mit dem Daumen nach unten wies, stieß Flash ein frustriert überzogenes „Neeein …“ aus, während Seymour und Abe bloß wieder still enttäuscht die Köpfe wandten.
Unwillig belustigt von Flashs Theatralik verdrehte ich die Augen, während MJ ihnen allen einen mehr als wertenden Blick zuwarf und sich betont unbewegt wieder den Mathehausaufgaben nebst fantasievoller Kürbis- und Geisterkritzelein widmete.
„Nicht einmal kurz? Für eine Stunde oder so?“, heulte Flash in unserem Rücken, kaum dass sich Jason wieder am Nebentisch niederließ. „Ach, komm schon. Ich hab allen auf Youtube gesagt, dass wir sie zur Party mitbringen. Dafür werde ich geroastet , Leute. --- Hey, Sola !“
Ich wandte den Kopf. „Hm?“
„Dafür schuldest du mir ein Reel. Ernsthaft.“
„Jupp. Kündige es am besten nicht zu früh an.“
Er heulte wiederholt auf, während Seymour und Abe prusteten.
Wir waren die Einzigen, die wirklich noch ernsthaft an irgendetwas arbeiteten. An den Nebentischen wurde entweder getextet, Kostümabstimmungen ein letztes Mal über den Haufen geworfen oder aber in fiebrig atemlosen Gesprächen verfeinert und wirklich überall Pläne für den allgemeinen Alkoholschmuggel oder nächtliche Mitfahrgelegenheiten getroffen.
Tatsächlich waren es nicht mehr viele, die überhaupt noch da waren. Die meisten unserer Klassenkameraden waren heute früher abgedampft, manche sogar schon vor unserer letzten Unterrichtsstunde, während unsere Lehrkräfte teils sichtlich fehlende Aufmerksamkeit vorgetäuscht hatten, um heute Nachmittag nicht auch noch massenweise Elterntelefonate führen zu müssen.
In mir glomm dieselbe Vorfreude, auch wenn ich wie die wenigen Verbliebenen um mich herum brav die Selbstlernphase vor Schulschluss absaß. Nur gelegentlich warf ich einen Blick auf mein StarkPhone, da ich seit gut einer halben Stunde mit Daphne schrieb, die heute wieder mit Jessy und Sid losziehen würde und im Moment vor der gleißenden Frage stand, wie sie sich an den letzten hartnäckig verbliebenen Paparazzi vor ihrer Tür vorbeischleichen konnte, die ihr Haus bereits seit Beginn letzter Woche dank des skandalösen Balmeda-Artikels im besten Einfallswinkel ihrer Linse behielten.
Anscheinend plante Daphne immer noch den arg abenteuerlichen Weg durchs Gestrüpp in den gegenüberliegenden Nachbargarten. Meine Bitte, sich nicht vor meinem Besuch in drei Tagen von ihren cholerischen Nachbarn erschießen zu lassen, nur weil sie nicht von Tonys engagierten Bodyguards und einer Karawane Übertragungswagen zur lokalen High School-Party gefahren werden wollte, traf auf die zufriedenstellende Versicherung, dass das Haus seit gut einem Monat leer stand, weil Mr. und Mrs. Colt tiefer in den Westen fortgezogen waren. Das hier sei keine zertifizierte Sola-Stark-Waters-toastet-sich-selbst-Aktion, sondern ausgeklüngeltes Chancenmanagement.
Ich solle lieber dafür sorgen, dass es heute Abend nicht bei mir eskalierte.
Immer noch keine Party, schrieb ich zurück. Nur die alte Bosworth-Gruppe, die vorbeikommt, um abzuhängen.
Daphne sandte mir prompt das Anchorman-GIF zurück, auf dem er sich unverändert ungläubig eine Zigarette anzündete.
Wir sprachen von Elijah, erinnerte ich sie. Der nächste Ex-Profi-Football-Präsident dieses Landes, der seinen Ruf manchmal geradezu mit seiner Seele verwechselte.
Ergo unliebsame Überraschungen ausgeschlossen, solange ich sie nicht selbst in Gang setzte.
Tatsächlich hatte es am Freitagabend nur meine kurze Nachricht gebraucht, das Angebot an Halloween zu mir in den Tower zu kommen, und sofort waren fast alle Feuer und Flamme gewesen. Selbst Eve und Hana, die sich wenig überraschend der Flut der Begeisterung respektvoll enthalten hatten, hatten letztlich zugesagt. So wenig ich ihrer beider Ausbleiben wohl auch bedauert hätte, sah ich ein, dass sie für Elijah und alle anderen dazugehörten. Schlussendlich war immer noch ich die Außenseiterin dieser Gruppe und nicht andersherum.
Auch wenn ich mich nun irgendwie schon ehrlich auf sie alle freute.
„Du unternimmst nichts?“, fragte ich MJ, während ich meine letzte Gleichung löste.
„Über siebentausend Tonnen Plastikmüll werden jährlich allein mit Kostümen, Masken und Einwegbechern an Halloween generiert.“ MJ hob den Blick von einer zahlenzermalmenden Jack-Lantern-Fratze zurück in mein Gesicht, eine dicke, gekringelte Locke so nah an ihrem rechten Auge, dass die Produktion meiner Tränenflüssigkeit schon vom bloßen Hinsehen eskalierte. „Vielleicht geh ich doch hin ...“, erklärte sie abwesend. „Als in Klarsichtfolie und Kürbisgirlanden erdrosselte Schildkröte ...“
Ich schniefte trocken belustigt.
Sie hob die Mundwinkel zu einem müd zufriedenen Grinsen, auch wenn ich spürte, dass sie mehr abgelenkt als eine Antwort gegeben hatte, denn ihr Blick sprang kurz beiseite.
„Also, wenn du magst …“, setzte ich unversehens an. „Es ist keine richtige Halloween-Party, wir hängen nur ein wenig ab, ganz ohne Einwegbecher und das Ganze – und wenn du nichts vorhast und irgendwie Lust hast, kannst du … na ja, gerne zu uns dazu kommen.“
Überrascht hielt sie inne.
„Die anderen kommen so gegen sieben.“ Ich stockte. „Es sind nur ein paar Freunde aus meiner vorherigen High School. Sie haben bestimmt nichts dagegen. Es war sowieso alles sehr spontan. Außerdem --- na ja, findet es bei mir statt, also … hab ich das Hausrecht, schätz ich …“
Etwas still Verunsichertes trat in MJs Blick und plötzlich schien sie fast weich und zurückhaltend.
Ich begriff nicht sofort, woran es lag.
„Also, ich würde mich freuen“, setzte ich schnell nach. „Ehrlich. Es wäre --- echt cool. Aber ist nur eine Idee.“
Obwohl immer noch etwas überrumpelt, nickte MJ jäh wieder sacht bemüht cool. „Ja, okay … Ähm . Ich komm dann also einfach … zum Avengers Tower?“
Es machte Klick.
Ich vernahm die laue Ungläubigkeit, die sie tapfer zu überspielen versuchte.
„Ja, ich meine ---“ Meine Gedanken übersprangen sich selbst. „Du kannst auch direkt mitkommen, wenn Happy mich gleich aufsammelt. Die anderen wohnen näher am Tower, also … brauchen sie auch nicht so lange. Und dann muss dich niemand nach Manhattan fahren. Ich kann dir etwas zum Umziehen geben, falls du etwas brauchst, das ist echt kein Problem. Du kannst sogar bei uns duschen. Abends fährt dich dann jemand heim oder holt dich ab, wie du eben magst --- oder du übernachtest einfach bei uns und wir fahren morgen früh zusammen zur Schule.“ Ich schluckte. „Wir haben Gästezimmer. Echt viele . Und du brauchst auch nichts von daheim zu holen, es ist alles da. Aber --- na ja, wenn du vorher noch nach Hause musst, ist das auch okay. Kein Stress.“
„Ähm, ja …“ MJ schien ein wenig Scheu vor Überwältigung, aber ich sah die Freude über meine Einladung, die gegen ihre Mimik drückte, als sie sich ungewohnt schüchtern die chaotische Strähne beiseite wischte und ihr Smartphone griff. „Ich ruf einfach schnell an und … frag nach … okay?“
Ich strahlte. „Klar. Cool.“
-/_\-
Der späte glutartige Sonnenschein der letzten Stunde begrüßte uns, als wir kurz darauf die Midtown High verließen und auf Happys wartenden Wagen am Straßenrand zuhielten.
Schwache, unsichtbare Staubteufel rissen golden und braun vertrocknete Blätter auf den Gehwegen empor. Der Laubregen schien heute aus diesem Grund von oben wie unten zu kommen, als wir uns durch die Paparazzi manövrierten, die mit eiligen Fragen nach meinem anstehenden Halloweenabend, der umstrittenen Captain-America-Bildungskampagne und nach Peppers und Tonys Beziehungsstatus um sich warfen. Ihr engagiertes Chaos ließ meine heimströmenden Mitschüler auch nach annähernd zwei Monaten an der Midtown High immer noch die Köpfe wenden und etwas in mir bezweifelte so langsam, dass sie sich je daran gewöhnen würden.
„Tut mir leid“, erklärte ich an MJ gewandt, als wir endlich im wundervoll schallschluckenden Auto saßen. „Es sind seit letzter Woche irgendwie … besonders viele …“
„Kein Problem“, versicherte sie schnell. Etwas zu schnell, um nicht von einer Woge ernsten Mitleids geformt zu sein.
„Alle angeschnallt?“ Happy schielte merklich appellierend in den Rückspiegel.
„Jupp.“ Ich nickte MJ schnell zu, die umgehend nach ihrem Anschnallgurt griff, innerlich anscheinend noch mit meiner soeben präsentierten Moses-Performance beschäftigt. „Kannst das Gaspedal ganz bis zum Boden durchdrücken“, foppte ich ihn.
Happy grummelte belustigt. „Du würdest Augen machen, Kind“, beschied er mir. „Alles schon erlebt.“
-/_\-
„Willkommen im Avengers Tower.“
Zur Abwechslung fiel es mir überhaupt nicht schwer MJs Miene zu lesen.
Schon seit wir inmitten aller absurd teuren Sportkarossen und Limousinen auf Tonys privatem Parkdeck aus dem Wagen gestiegen waren, spürte ich eine unabwendbare Überwältigung gegen die Fassade all ihrer tapfer gewappneten Erwartung drücken. Noch im Lift hatte ich FRIDAY gebeten, MJ im Tower einzuchecken oder was auch immer sie im Sicherheitssystem des Gebäudes tat, um ihr für den Rest des Tages entsprechende Gastrechte zur Verfügung zu stellen, was unsere Ankunft nicht unbedingt normaler gemacht und MJ lau skeptisch um sich hatte schielen lassen. Ihre Umhängetasche halbherzig geschultert, schien sie eindeutig mit der Frage beschäftigt, wie sie zu der Tatsache stand, dass ich mich mit einer KI unterhielt, als sei sie der wahre Machthabende an diesem an die hundertstöckigen Ort dokumentierten Größenwahns und Desasters, nur um mit FRIDAYs zufriedenen Willkommensworten bei unserer Ankunft im Penthouse in dieselbe kurz überwältigte Regungslosigkeit zu verfallen, die mich ebenso bei meiner allerersten Ankunft in Tony Starks Wohnzimmer überkommen hatte.
„Okay“, befand sie trocken, „das ist … beeindruckend.“
Ich schmunzelte.
Auch wenn sie es nicht aussprach, wusste ich, dass sie weder den sekundenschnellen Aufstieg in die obersten Stockwerke meinte, noch die weitläufige Wohnlounge mit ihrem Überschwang an maßgeschneiderten Sonderanfertigungen und eigenwilligem Dekor: von dem Blickfang unserer robusten Rundcouch, über den glänzenden Steinboden, der schwarz verglasten Treppe, bis hin zur kupferschimmernden Wandverkleidung und unserer exquisit ausgestatteten Küche. Denn auch jetzt noch war das Erste, was auch meine Aufmerksamkeit kaperte, das gleißende Rot, das sich in eben diesen Sekunden von sämtlichen Fassaden und Fenstern aller uns umgebenden Wolkenkratzer spiegelte, mit blendender Intensität unser Penthouse flutete, lilafarbene Wolken in den Himmel stanzte und New York City bis zum dunstig fernen Horizont in ein Meer bunter Farben tränkte.
Sonnenuntergänge im Avengers Tower waren etwas Außerweltliches. Oder wie ich es nannte, mein täglich kurzer Reminder, dass ich mich absolut niemals daran gewöhnen würde, wie unverschämt reich ich jetzt war.
„Tja, also … willkommen.“ Vage überfordert breitete ich die Arme, während ich meine Schritte auslaufen ließ, meinen Rucksack neben die Couch plumpsen ließ und kurz um mich spähte. „FRI?“
„Ja, Sola?“
„Ist Tony noch hier?“
„Nein, dein Vater ist schon unterwegs und sammelt Miss Potts von ihrem letzten Termin auf. Sie haben für heute eine Verabredung zum Dinner. Es wird spät werden und er lässt ausrichten, dass du dich an mich wenden kannst, wenn noch irgendwelche Wünsche für heute offengeblieben sind. Er hat seine Geschäftsperson und Zahlungsfreigabe für alles hinterlegt, was ihn nicht ins Gefängnis bringt.“
Mit MJs vage verhohlener Aufmerksamkeit im Rücken trat ich zur Küche hinüber und holte zwei Glasflaschen Cola aus dem Kühlschrank. „Okay … umm , ja, cool …“ Ich stockte. „Fragst du ihn, ob er etwas dagegen hat, wenn MJ heute bei uns übernachtet? Dann muss sie nicht so früh wieder los und das wäre … wirklich cool …“
Es wurde kurz still, aber nur ein paar Sekunden.
„Er lässt ausrichten, das geht klar.“
Ich strahlte ein wenig auf, dann drehte ich mich um, hob die Mundwinkel und schwenkte mit der Cola.
-/_\-
„Wenn du irgendetwas Bestimmtes zum Frühstück magst, sag es FRIDAY“, informierte ich sie, als wir uns meinem Zimmer näherten. „Sie sorgt dafür, dass morgen alles da ist.“
MJ nickte. „Ich esse … eigentlich alles …“
„ Uh-hm , dann warte ab, bist du einen von Dads Green-Health-Smoothies serviert bekommst“, brummte ich. „Ich weiß nicht, wie er es macht, aber manchmal schmecken sie, als habe er noch einen Schuss Sandkasten, Benzin und Rosenkohl reingeklatscht. Er sagt, das ist das Chlorophyll und ich reagiere empfindlich, weil meine Hormone gerade Kernsanierung betreiben, aber ich glaub, er ist einfach beschissen darin die richtigen Zutaten zu mixen.“
„Cornflakes sind klasse.“
Ich gluckste.
Kaum, dass wir den oberen Treppenabsatz erreichten und mein Zimmer betraten, spürte ich mich still werden und nahm es urplötzlich ganz durch MJs Augen wahr: Ausladend mit weitem Panoramablick über Manhattan, voller technischer Spielereien und kleinen Raumsystem-Panels und einer Ausstattung, die vermutlich einem kleinen, hochmodernen Apartment ohne Küche gleichkam.
Ihr Blick sprang von dem Bademantel mit hochoffiziellem Avengers-Logo, den ich heute Morgen in allgemeiner Montagslethargie einfach über meinen Schreibtischstuhl geworfen hatte, zu dem an die Wand gelehnten Surfboard mit seiner nagelneuen Lemon-Lavendel-Lackierung, das erst vergangenen Samstag geliefert worden war.
„Es ist neu“, erklärte ich schnell, weil ich spürte, dass seine absolute Makellosigkeit es bloß wie eine Attrappe aussehen ließ. „Ich muss es noch richtig einwachsen. Base Coat und Top Coat und all das … Das andere Board lasse ich in Malibu. Tony sagt, ich werde bald sowieso eine Ost- und Westküsten-Sammlung haben, weil ich irgendwann ganz spontan zwischen den Küsten switchen und mir dabei nicht jedes Mal mein Board auf den Rücken schnallen werde, wieso also das Unvermeidliche hinauszögern …“ Ich machte eine Pause. „Keine Ahnung, was er mit dem Küstenhopping meint, aber zu einem angebotenen Board sagt man niemals Nein. Altes Surfgesetz, behauptet Liam …“
„Wer?“
„Unser Surfcoach.“ Ich gluckste. „Ein paar der Locals nennen ihn den Grom-Pa. Nicht, weil er alt ist oder so, bloß weil er privaten Surfunterricht für Kids und Teenager gibt … Er hat Dev und mir die Basics beigebracht. Er ist ein bisschen crazy ... Aber schon auf die coole Art. Kalifornisch eben.“ Ich fuhr fort, da MJ wirklich interessiert schien: „Eigentlich macht er nicht viel mehr als zu surfen, uns ab und zu anzufeuern und uns vor Beef mit den Locals zu bewahren. Tony sagt, er verhindert, dass wir von Riffen, Haien oder einem genervten Top Dog mitten im Surf massakriert werden, aber das liegt daran, dass er grundsätzlich alles dramatisiert.“
MJ schmunzelte, dann wandte sie den Kopf und ihr Blick fiel auf mein Fotoregal zu ihrer Linken. Ihre lau überwältigte Befangenheit taute weiter ab, während sie über all die Gesichter in den digitalen Rahmen sah: Daphne und ich, zwölf Jahre alt, Hand in Hand balancierend auf einem Holzbalken im Mine Falls Park; Pepper und ich mit Sonnenhut und Cap auf unserem Katamaran auf Barbados; Jessy, Sid, Daphne und ich auf dem Parkplatz unserer Junior High mit einem schon halb ruinierten Diorama des Farmlebens zur Zeit der Pilgerväter; Harley und ich verschwitzt bis auf die Rippen beim Basketball, am Bildrand die leidigen ersten Ellbogen eintreffender Paparazzi, die uns bereits halb ablenkten; ein Foto von mir, Tony und Pepper hinter meinem Geburtstagskuchen in der Avengers Lounge, Rhodeys gestikulierendes Glas und Finger knapp im Bild … Außerdem das einzige gedruckte Bild: Jane und mein achtjähriges Ich mit dem riesigen, bunten Plüschbären zu unseren Füßen auf dem Jahrmarkt, 4. Juli 2009. Das Foto, das all die Jahre in ihrem Apartment gestanden und das ich von dort mitgenommen hatte, damit nicht alles von ihr in irgendeinem fernen Lager verschwand, bis ich mich endlich damit auseinanderzusetzen vermochte, was ich aus meinem früheren Leben behalten wollte und was wir an etwaige Wohltätigkeitsorganisationen spenden konnten.
„Ist das … deine Mum?“
Ich folgte MJs Blick zu ihrem Gesicht. Bloß das, ein zufriedenes Lächeln und die Strahlen der Sonne auf ihrer linken Schulter. Daneben wir beide, irgendwo in unserer Auffahrt, meine Hände und Füße wie ein kleiner Affe auf den ihren und meine Augen halb konzentriert auf meine Zehen gerichtet, während sie direkt in die Kamera lachte. Und daneben nochmal wir beide, Wange an Wange auf unserer durchgesessenen Couch, in einem halbernsten Selfie, das eines unserer letzten gewesen sein sollte. Meine Kehle füllte sich mit so vielen unterschiedlichen überreifen Emotionen, dass es vor dichter Liebe gegen mein Stammhirn presste.
Ich nickte.
„Sie sieht älter aus als auf den anderen Fotos“, setzte MJ vorsichtig an.
„Du meinst als auf denen von der Presse?“
„Hm.“
„Das waren fast alles bloß College-Fotos und irgendwelche Privataufnahmen von Bekannten um 2000 herum, die sie irgendwo ausgegraben haben. Wurden den Redaktionen nach unserer PK echt haufenweise zugespielt … Manchmal war es nicht einmal sie. Abgesehen von unserer eigenen Pressemitteilung haben wir aber nichts über sie rausgegeben, es war also eigentlich nie etwas wirklich Offizielles dabei.“ Ich schluckte. „Sie kontaktieren Tony heute noch, weil sie Biografien und Dokumentationen über Mum und mich veröffentlichen wollen … Erin lehnt sie alle ab, aber --- na ja, es hört nicht auf.“ Resigniert hob ich die Achseln.
MJ nickte still. „Klingt scheiße.“
„Jupp.“ Ich zögerte. „Ich bekomm jetzt nicht mehr viel davon mit. Dad hält es fern. Er lässt seine Anwälte und das PR-Team fast alles alleine klären. Ich krieg es meistens bloß nur noch mit, wenn solche Dinge irgendwie in den Medien landen, wie das Balmeda-Interview letzte Woche. Weil dann … na ja, weiß es jeder und dann stehen sie wieder vor der Schule und all das ...“
MJ beäugte mich einen stillen Moment, dann sah sie zum nächsten Rahmen weiter, der Tony und mich in schimmernder Festtagsgarderobe zeigte. Ihre Miene festigte sich wieder in dieser nüchternen Urteilsbereitschaft, die mich schon am ersten Tag in der Midtown High davon überzeugt hatte, dass ich sie mochte. „Das hier war die SI-Weihnachtsgala, oder?“
Ich nickte. „Letztes Jahr. Du hast es geschaut?“
„Jeder schaut es.“ MJs Augen sprangen schnell von Tonys Gesicht zu dem meinen und wieder zurück, als fühle sie sich plötzlich ein wenig ertappt. „Dad schaltet es meistens ein, während wir backen“, gestand sie. „Letztes Jahr war es direkt an Weihnachten, da haben wir es nebenher geschaut, während wir abends auf der Couch gelegen und gelesen haben.“
„So haben wir es auch immer gemacht.“ Ich lächelte. „Es nebenher geschaut …“
MJ hob die Mundwinkel. „Dad sagt jedes Mal: Schau einfach hin, wie gut wir es zusammen haben.“ Sie äffte ihn mit seicht tieferer, dramatisierter Stimme nach und ich lachte, auch wenn es in Mums Fall offensichtlich einen ganz anderen Grund als reinen eskapistischen Voyeurismus für das alljährliche Fernseh-Ritual gegeben hatte, wie ich inzwischen ahnte. Sie hatte nicht bloß die Abendkleider und Make-Ups, den Klatsch und die neuen Verlobungsringe mit mir verfolgt. Nein, sie hatte mich Weihnachten mit meinem Dad verbringen lassen, ohne dass ich einen Grund gehabt hatte, es irgendwie zu hinterfragen.
Mein Herz ballte sich in später Erkenntnis.
„Ist das Hawkeye?“ MJ klang verblüfft, aber nicht auf die leise ungläubige Art, einen waschechten Avenger in Zivilmontur zu erblicken, sondern auf die ganz leise verwirrte.
Ich blinzelte, dann folgte ich ihrem Blick. Clint in Shorts und T-Shirt, wir beide am Fuß einer Liege vor unserem Pool in Malibu Point, eine Schachtel frische Pistazien auf meinen Knien, seine Hand gerade gefüllt mit frischer Beute und seine Braue vage kritisch gehoben, auch wenn seine Lippen ein halbes Schmunzeln verbargen, während ich mit geneigtem Kopf übertrieben zufrieden in Coopers Kamera strahlte, ganz als habe ich den Deal meines Lebens geschlossen.
Weil ich es irgendwie hatte.
Zu diesem Zeitpunkt fest davon überzeugt gewesen war.
Endlich daran geglaubt hatte.
Der Trostpreis aller Trostpreise.
Tony. Pepper. Die Avengers. Clint .
Und nun saß er im Raft und ließ nichts mehr von sich hören, ob er es nun nicht wollte, nicht wagte oder konnte .
„Hat dein Dad nicht …“ MJ zögerte es auszusprechen, aber ich wusste, was ihr auf der Zunge lag. Hat Tony Stark nicht gegen ihn gekämpft? Bei seiner Festnahme geholfen?
„Ja.“ Meine Kehle zog sich zusammen. „Aber … das ist eine Avengers-Angelegenheit.“ Eine Kargheit, die beinahe wehtat, eroberte meine Stimmbänder. „Sie sagen beide, ich soll mich raushalten, also … tja-“ Bitter ließ ich die säuerliche Interjektion gegen meinen Gaumen klicken. „-mach ich das.“
Bislang hatte Tony nicht im Geringsten kommentiert, dass ich zwar unser Gruppenfoto von der Charity-Gala mit Steve, Sam und allen anderen damals gegenwärtigen Avengers durch ein Selfie mit Elijah ersetzt hatte, aber dass ich weder Clint, noch Nat von meiner Galerie verbannt hatte, ganz als sei nie etwas zwischen ihnen vorgefallen, als seien sie immer noch Teil meiner Familie und als habe es auch nie diesen enttäuschenden Anruf aus dem Raft gegeben, mit dem Clint unserer beider neuer Lage vor dem Gesichtspunkt seiner unbestimmten Inhaftierung sortiert hatte.
Vielleicht hatte er es bislang einfach nicht registriert, aber ich konnte mir nicht vorstellen, dass Tony mich ernsthaft darum bitten würde: Es abzuschalten, bloß weil Außenminister Ross und er übereingekommen waren, dass Clint nun international als gemeingefährlicher Schwerverbrecher gehandelt werden musste. Tony selbst hatte schließlich auch dafür gesorgt, dass ich ihm nach Leipzig hatte schreiben können und das trotz seiner da noch gärenden Wut auf Clints Verwicklungen mit Wanda und seinem, seines Erachtens nach, ungeheuerlichem Alleingang, all meine Traumata mit einem simplen Magie-Allrounder gegen unerwünschte mentale Wucherung zu behandeln.
Aber sollte Tony es aus irgendeinem Grund doch aufbringen ---
Mein Herz beschleunigte seinen Schlag.
MJ schien zu warten.
„ Umm , ja, wie auch immer …“, riss ich mich zusammen und löste mich von Clints Anblick. „Die anderen kommen erst in etwa einer Stunde. Soll ich --- soll ich uns bis dahin noch einen Pumpkin Spice Latte machen?“
MJ nickte. „Klar.“
-/_\-
Zurück in unserer Küche pantschte ich uns einen einigermaßen gelungenen Pumpkin Spice Latte dank der perfekten Kombi aus FRIDAYs schwarmintelligenten Theorie und MJs praxisversierter Skepsis zusammen, der uns am Ende beiderseits so anerkennend die Brauen heben und nicken ließ, als bescheinigten wir einander Starbucks nahenden Niedergang. Anschließend räumte ich alle verwendeten Utensilien in die Spüle, wischte die klebrigsten Stellen und Flecken von unserer Marmorplatte, damit Tony nicht gleich die Spurensicherung antanzen ließ, sobald er heute Abend aus dem Lift trat, und führte MJ in das meinem Zimmer am nächsten gelegene Gästezimmer, was auch gleich in einem Speed-Tutorial zur Handhabung von FRIDAY, unseres intelligenten Gebäudesystems und aller verfügbaren Panels und Screens ausartete, während um uns herum nach und nach alle Lichter von New York City aufleuchteten – heute vielerorts in schaurigstem Orange, Rot, Eisblau und Lila.
Die letzten Vorbereitungen der vielen Penthouse-Partys und Betriebsfeste schien in vollem Gange. Es ließ uns vor dem ungewöhnlichen Ausblick ausharren, ehe wir wie zwei herrlich spottende Götter auf ihrem Olymp über die unkenntlich fernen Silhouetten in den Fenstern zu spekulieren und absurde Geschichten über ihre Hintergründe zu spinnen begannen.
Am Ende bot ich MJ einfach an, in meinem Zimmer zu übernachten, sammelte mit ihrer merklich erleichterten Gestalt Handtücher, Bademantel, Zahnbürste und anderen notwendigen Kram aus dem Gästezimmer zusammen, damit wir nicht erst heute Abend danach suchen mussten, und brachten es in mein Zimmer zurück.
Dort sprang ich schnell unter die Dusche, um auch die letzten Turnhallenreste aus Coach Wilsons Stunde zu beseitigen, trocknete meine Haare und richtete meinen Pony, während MJ es mir gleichtat. Ich band meine Haare gerade lose zusammen und strich den Rest hinter meine Ohren, als sie sich ein frisches Fleetwood-Mac-T-Shirt von mir auslieh und mit FRIDAY über die Existenz von tatsächlicher Objektivität zu diskutieren begann.
Eine raue Zufriedenheit begann in mir zu schwellen, gerade als die KI mich nicht minder gut unterhalten informierte, dass es nach unserer kulturell begründeten Zeitrechnung bereits sieben war.
„Ist schon jemand da?“, erkundigte ich mich.
FRIDAY verneinte.
Gegen Viertel nach entschieden wir schonmal in die Lounge hinunter zu fahren, eine Playlist auszusuchen und Getränke bereitzustellen, auch wenn sich die ersten sicher erst frühestens um halb acht blicken lassen würden.
Ein wenig war ich nun doch nervös, auch wenn es vor allem kribbelnde Vorfreude war und bloß eine winzig kleine Portion laue Aufregung angesichts dessen, die meisten das erste Mal seit dem Spiel im MetLife Stadion wiederzusehen, bei dem ich mal wieder die Party mit meinem privaten Drama gesprengt und, wie um meinem Ruf treu zu bleiben, außerdem auch noch für eine waschechte landesweit übertragene Spielverzögerung gesorgt hatte.
Heute nicht. Heute bleibt alles cool und entspannt und niemand crasht irgendetwas , wiederholte ich mein stilles Gelöbnis gegen Daphnes mehr als pessimistische Wahrscheinlichkeitsrechnung.
„Sie sind alle von meiner vorherigen High School“, erklärte ich MJ rasch auf dem Weg hinunter, weil ich das Gefühl bekam, sie trotz allem ein wenig auf das vorbereiten zu müssen, was ihr gleich mit der luxusisolierten VIP-Kid-Bubble der Bosworth High bevorstand.
„Dieser Promis-und-Diplomaten-Privatschule mit taktischen Drohnen, Sondereinsatzkräften, Panic Rooms und schusssicheren Fenstern“, übersetzte sie knapp.
„Kaminzimmer inklusive.“
Urteilend hob MJ das Kinn. „Wirklich?“
„Jupp. Du kommst rein und es ist … wie … du weißt schon, wie Hogwarts, so ein richtig viktorianischer Zigarrenclub als Entree.“ Ich rollte mit den Augen. „Und das Schulleiterbüro ist quasi ein Miniatur-Filmset des Oval Office. Kein Scheiß.“
Sie gluckste. „À-la-carte-Menü?“
Trocken imitierte ich ihre Belustigung. „Fast. Richtig ausgebildete Köche.“ Just setzte ich wieder an: „Ich kenn sie alle eigentlich noch nicht so lange, erst seit diesem Jahr … Die meisten sind wirklich ganz cool, wenn man sich erst daran gewöhnt, dass sie alle … na ja, mit Chauffeuren, Privatjets und so ein Zeug aufgewachsen sind. Okay, Kora und Eve … na ja, wirst du sehen … Sie sind Snobs. Echt klassische Gatekeeper. Aber Eve ist Elijahs beste Freundin, also … versuch ich mit ihr klarzukommen. Meg ist im Übrigen Elijah. Eigentlich nennt ihn niemand Elijah … Also, wenn wir später von Meg sprechen oder Jazz, ist er gemeint … Dakota und Rumi sind etwas älter, jetzt Juniors, aber dagegen echt entspannt --- gut, schon irgendwie gaga, schätze ich, aber cool --- und Hana … na ja, sie kenne ich eigentlich nur vom letzten Spiel.“ Ich runzelte die Stirn. „Ihr Dad spielt auch für die Jets. Sie ist im Sommer aus Kapstadt hierher zurückgezogen und geht jetzt mit ihnen zur Schule.“ Wir traten in den Lift und ich bat FRIDAY uns in die Lounge zu bringen. „Vielleicht kommt sie gar nicht“, mutmaßte ich. „Sie wollte erst noch irgendeine Party woanders auschecken, glaub ich. Und sie kann die Avengers echt nicht ausstehen, was den Tower wahrscheinlich zur miesesten Chillout-Area in ganz New York für sie macht … Aber, was weiß ich, gestern sagte sie, sie kommt, also, vielleicht wirft sie erst noch ein paar Eier durch unsere Lobby, bevor sie dazukommt.“ Ich zuckte halbernst die Achseln, während MJ definitiv skeptisch gewappnet die Brauen runzelte.
„Es wird cool“, versicherte ich schnell.
„Hm.“
Ich hatte keine Zeit mir deswegen Sorgen zu machen, denn als sich die Lifttüren auch schon wieder vor uns öffneten, streifte mich ein waschechter Herzinfarkt.
Die Lounge lag in silberglitzerndem Clublicht da, doch es waren die vielen, verteilten, lilablauen und tiefroten, wandernden und Silhouetten formenden Lichtinstallationen, wie wir sie auch schon in umliegenden Wolkenkratzern vermutet hatten, die mich komplett aus dem Konzept brachten, ehe ich überhaupt erst den harten Kern meines Entsetzens zu realisieren begann, dessen breite Palette an Auslösern in Sekundenschnelle wie schieres Blitzlichtgewitter durch mein Bewusstsein prasselte.
Ach du --- scheiße ---
Direkt vor uns, auf Ebene des Lifts und Tonys Werkstatt, schien eine Art offene Garderobe aufgebaut, mit Spiegeln, Requisiten und zwei eleganten Kleiderstangen voll --- Mode, nein, Kostümen ? Eine Ebene tiefer neben der leuchtenden Bar und unserer Sitzlounge, eine gewaltige Büfettecke mit anscheinend exklusiv durchdesignten Halloween-Speisen und Snacks, angerichtet auf chirurgischen OP-Tischen oder etwas das erschreckend realistisch danach aussah, und --- einfach überall ---
Iron Man.
Besser gesagt, einige seiner Mark-Modelle.
Ich zählte drei --- nein , vier aktive Anzüge, die sich in der Lounge aufhielten. Zwei von ihnen, in schwarze, sensenmanngleiche Kutten gehüllt, harrten wie bereitstehende Butler zu beiden Seiten der Sitzlandschaft aus, kleine, ovale Tabletts in der rechten Hand balancierend, auf denen sich Gläser mit seltsam rauchender roter und dunkler Flüssigkeit befanden. Ein weiterer Anzug stapfte gerade unaufgeregt durch die Lounge, eine leuchtende Kürbislichterkette um den Torso gewickelt und eindeutig dabei irgendwelche kurzfristigen Dekor-Änderungen zu treffen. Der vierte wartete tatbereit in krumm aufgesetzter Strahlenschutzmaske vor einem Pizzaofen, den irgendjemand – höchstwahrscheinlich derselbe Verursacher dieses ganzen wahrgewordenen Albtraums – überzeugend detailliert als Mini-Kernreaktor verkleidet hatte.
Alle Anzüge wandten die Helme in unsere Richtung und irgendwo setzte eine Playlist mit She Wolf von Shakira im allerbesten Dolby-Surround-Sound ein.
Mir sackte die Kinnlade schief herab, doch erst als ich MJs stumm musternden Blick zu mir zurückkehren spürte, fand ich meine Sprache in wallendem Aufruhr wieder: „Ich schwöre, ich --- hab keine Ahnung--- was ---“ Meine Stimme machte einen rauen Satz: „FRIDAY, was ist das ?“
„Der Boss nennt es die Emergency-Response-Halloween-Ausstattung für mein Einfach-ein-Paar-Cheeseburger-und-das-passt-Kind “, antwortete sie so unbewegt, als wasche sie ihre charismatischen Algorithmen in Unschuld. „Er hat eine Nachricht für dich hinterlassen.“ Bevor ich überhaupt zu reagieren vermochte, ertönte Tonys Stimme über Shakiras betont atemlose Performance: „Anscheinend werde ich richtig gut hier drin.“ Zufriedenes Schnaufen. „Du hast FRIDAY entweder gesagt, dass du gar nichts für Montagabend brauchst oder bloß eine Pizza bestellst“, vermutete er. „Tja, ertappt. Anstatt deinen zementierten Panzer der Bescheidenheit in aufwendig langatmiger Prozedur mit meinen schlagenden Argumenten zu knacken, habe ich sie einfach gebeten, in diesem Fall das Halloween-für-VIPs-Protokoll auszuführen, Alkohol und 18+-Amüsements ausgeklammert. Gern geschehen.“ Er hielt kurz inne. „Lasst es minderjährigen-konform krachen.“
Ich wusste nicht, was ich tun sollte. Mein Kopf war leer.
MJ folgte mir aus dem Lift.
Es war zu spät, um aufzuräumen oder das nicht-bestellte Halloween-Party-Package auch nur runter zu tunen, dafür war es einfach zu viel . Tony --- oder besser gesagt FRIDAY, hatte alle frenetische Arbeit geleistet. Ich entdeckte laufend weitere Details, sogar einen unheimlichen, flackernden Neon-Wegweiser ins Horrorkino, der anscheinend in einen früheren taktischen Besprechungsraum wies, und es war wirklich nicht schwer, mir auszumalen, zu welchem Zweck sie die darin enthaltende Technik umfunktioniert hatte und wie groß das Ausmaß der Ummöblierung sich vermutlich auch dort gestaltete.
MJs Blick wanderte zu Tonys Anzügen. „Sind die … echt?“
„FRI“, begann ich tonlos. „Was machen die Anzüge hier?“
„Keine Sorge, Sola, alle Mark-Generationen befinden sich ausschließlich in sichernder Bereitschaft und nicht im aktiven Kampfmodus“, versicherte FRIDAY.
Meine Überforderung ließ meine Stimme weiter absacken. „Warum befinden sie sich überhaupt in Bereitschaft? In der Lounge ?“
„Mr. Stark befindet sich auswärts. Das ist Standardprotokoll, um ein schnelles Eingreifen im Falle einer aufkommenden Gefahrensituation im Avengers Tower zu gewährleisten. Normalerweise bekommst du sie nicht zu Gesicht, weil sie hierfür nicht ihren Hangar verlassen, aber sie sind im Halloween-für-VIPs-Protokoll als Butler und Sicherheitspersonal vorgesehen. Ein erfahrungsgemäß unterhaltsames Detail auf jeder Party. Mr. Stark hat dieses für den heutigen Abend nicht streichen lassen. Und ich kann beide Protokolle problemlos gleichzeitig ausführen.“
„Sie steuert sie?“, murmelte MJ und hob eine Braue.
„Ja, sie hat Zugriff auf die gesamte Iron Legion.“ Ich schluckte. „FRIDAY, kannst du sie bitte einfach wieder-“
„ Ohhh -kaaay! Totaler Slay !“
Kenzos begeisterte Stimme donnerte aus unserem Rücken und ließ mich zucken. Ich fuhr herum, als sich auch schon die erste Ladung meiner Gäste mit Kenzo, Dakota, Rumi und überraschenderweise auch Hana aus dem Lift in die Lounge ergoss.
„Sola, das ist der Wahnsinn!“ Kenzo ergriff mich von hinten und zog mich in eine kurze, derbe Umarmung, ließ mich genauso ruckartig wieder los, schritt drei Schritte tiefer in die Lounge und hob wie ein Sieger die Faust. „Richtiger Flex. Verdammt!“
„Hi, Eisbrecher!“ Merklich angeheitert schloss Dakota mich gleich darauf ebenfalls in die Arme, auch wenn ihre Umarmung etwas weniger erdrückend, dafür deutlich schwungvoller daherkam.
„Cooler Style“, schnippte Rumi im Vorbeigehen gegen den lockeren Hairbun in meinem Nacken, noch während Dakota uns beide auf der Stelle schwanken ließ.
„Seit diesem Sokovia-Scheiß glaub ich dir, dass Tony Stark dir ständig in den Arsch tritt“, versicherte Dakota, noch während sie mich wieder freigab, als habe sie es sich auf die Fahne geschrieben, es zur absolut ersten Klarstellung dieses Abends zu machen. „Richtiger Downer.“
„Das Abkommen ist eine verdammte Shitshow“, befand Hana ganz ohne die geringsten Grußworte. „Ändert gar nichts, wenn er immer noch so was veranstalten kann.“ Ihre Arme flogen abfällig in Richtung des nächsten Anzugs.
Kenzo hob die Hände. „Hey, du stehst in seinem Wohnzimmer.“
„Na ja, eigentlich ist es … die Avengers Lounge und wegen der Anzüge-“, begann ich, aber er unterbrach mich: „Wissen wir. Genau hier haben sie ihre hammer Partys gefeiert, bis diese ganze Ultron-Nummer abging.“ Begeistert trat er an das Geländer der oberen Ebene, ließ sein Blick über die komplett vor uns daliegende Lounge mitsamt allem atmosphärischem Halloween-Glam schweifen und schlug sich auf die Stirn. „Scheiße, wir hätten so viel mehr einladen sollen.“
„Wer ist sie?“ Beiläufig nickte Dakota zu MJ herüber.
„ Umm , richtig … Leute, das ist MJ, eine Freundin von der Midtown, sie ist heute dabei“, stellte ich rasch vor, während ich zu Kenzo herübersah, der soeben bereits hochinteressiert eine Jacke von der Garderobenstange pflückte, die so verflucht an Mick Jagger erinnerte, dass mich der unbestimmte Verdacht flutete, dass es womöglich gar keine Kostüme waren, sondern Originalstücke .
„Cool. Hi, MJ.“ Rumi drückte MJ ohne jegliche Vorwarnung an sich, die dies befangen erwiderte, kaum dass sie die kurze Überraschung überwand. „Ab jetzt stell ich dich vor, okay?“, entschied Rumi. „Sola ist cute, vor allem, wenn sie Scheiße baut, aber fünfzig Prozent der Zeit auch total Lost in Translation. Ich mach dich mit den anderen bekannt.“
„Klar, meinetwegen“, kam MJs unbewegte Antwort.
Rumi strahlte.
Dann traten auch schon Eve, Kora, Elijah und Wince aus dem Lift und meine Aufmerksamkeit schwenkte zu ihnen herüber, obwohl Kenzo begeistert einen Laborkittel hob, der anscheinend von Dr. Banner selbst war.
Mein Kopf schwirrte, während die Neuankömmlinge fröhlich aufgedreht willkommen geheißen wurden, Elijah mich mit knapp gehobener Braue küsste und Eve und Kora mich kurz, aber distanziert umarmten und mit unlesbarer Miene ihren Blick über das dargebotene – zugegeben atemraubende – Setting wandern ließen, ehe ich mich schon widerstrebend Tonys Vision dieses Abends ergab und Dakotas Ruf folgte, die mich aufgeregt zu sich an die verchromte Garderobenstange winkte. Mit begeistertem Zwinkern wies sie zu einem der Bügel und drückte mir zeitgleich eine lange, kupferrote Echthaarperücke in die Hand, ehe sie schon weiterstöberte.
An dem Bügel hing eine Notiz in einer kleinen faltbaren Karte, wie ich sie sonst nur von Blumensträußen mit Grußbotschaften kannte. Ich öffnete sie zwischen Daumen und Mittelfinger.
Tu mir den Gefallen.
Erst da realisierte ich, dass es eine vollständige Rekonstruktion des Kim-Possible-Outfits war, von Cargohose bis Handschuhe.
Ich stierte auf die diesmal sehr filmreife Perücke zurück und ließ sie in meinen Armen sacken, während alle anderen um uns herum entweder Einzelstücke ausprobierten, über das Ambiente diskutierten oder sich schon dem nächsten Mark-Modell näherten, um Tonys legendären Anzug hautnah unter die Lupe zu nehmen.
„Los, zieh es an“, gab mir Dakota im Vorbeigehen einen fröhlichen Schubs, ehe sie prompt zu Rumi weiterrief: „ Hey , der Titanic-Mantel und die Axt gehören mir!“
„Sie ist nicht echt.“
„Natürlich nicht. Ist eine Filmrequisite. Die sind fast immer Attrappen.“
„Ich würde den nicht anfassen“, bemerkte Hana einige Schritte weiter zu Wince, der vor Dr. Banners Laborkittel stand. „Nicht, wenn er wirklich von ihm ist.“
„Ist er“, versicherte ich ihnen. „Dr. Banner hat hier gearbeitet.“
Ich wusste, dass noch eine Menge von Banners Sachen irgendwo im Tower verstreut lagen, seit er nach der Katastrophe von Sokovia das Weite gesucht hatte. Auch wenn ich ihm nie begegnet war, war ich doch über die eine oder andere seiner Laborutensilien, Bücher und sogar eine seiner Brillen gestolpert. Tony hielt seine Besitztümer unverändert in seinem Quartier gelagert. Wenn ich selbst mal etwas fand und FRIDAY es mir als das seine bestätigen konnte, brachte ich es inzwischen direkt dort hin und legte es einfach zu allem anderen.
Sollte er jemals aus der Versenkung zurückkehren, würde er sicher froh sein, nicht erst sämtliche Winkel der Labore nach seinen Habseligkeiten absuchen zu müssen.
Und ich hoffte , dass er zurückkehrte. Nach Tonys letztem Kenntnisstand hatte Banner den entwendeten Quinjet direkt ins All hinausgesteuert, was in meinen Ohren definitiv nach einem Selbstmordmanöver klang und wohl auch alle fehlenden Lebenszeichen seitdem erklärte, so wenig ich diesen Gedanken jemals mit Tony zu teilen gedachte.
Ich wusste, dass er immer noch daran glaubte, ihn früher oder später ausfindig zu machen.
Und ich wusste, dass er ihn vermisste.
Jetzt vielleicht sogar mehr denn je.
„Der Hulk ist nicht ansteckend“, erwiderte Wince unbekümmert.
Hana rümpfte die Nase. „Woher willst du das wissen?“
„Es gibt ihn nur einmal, oder nicht?“
„Ah, du Genie. Was ist mit Blonsky und der Sache in Harlem?“
Er sah dumm aus der Wäsche. „Hat er seine Sachen angefasst?“
Kenzo rief nach mir, noch ehe ich klarstellen konnte, dass Tony den Kittel wie einen Gefahrenstoff behandeln und uns niemals zur Verfügung stellen würde, wenn irgendetwas an ihrer Vermutung dran wäre. Eve tat mir dafür den Gefallen darauf hinzuweisen, dass Banner hier gelebt hatte und damit potentiell alles an diesem Ort kontaminiert sein könnte, ehe sie und Kora auch schon in die Lounge hinunter pilgerten, um sich ein paar Cheeseburger, Cupcakes und andere Snacks zu schnappen, als sei es noch das Interessanteste, was meine Gastfreundschaft zu bieten hatte.
„Ist die von Tony?“, erkundigte sich Kenzo. Als er eine Sonnenbrille in lachsroter Tönung hob, atmete ich beherrscht aus. „Okay, niemand verkleidet sich heute als mein Dad, klar?“
Er hob beschwichtigend beide Hände, setzte sie aber trotzdem auf und zwinkerte mir zu.
MJ erschien neben mir. Ich hatte sie fast vergessen. Inzwischen trug sie einen schneeweißen Hoodie in Oversize, auf dem nichts anderes als „ Ich bin gar nicht da “ abgedruckt stand.
Stumm sah ich sie an, während Cherry Bomb einsetzte.
„Ist eigentlich ganz cool“, befand sie.
Musik:
She Wolf – Shakira