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Gastauftritt

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Gastauftritt

Kapitel 39: Gastauftritt

„Denkst du, sie lassen uns an die Bar?“

Die Beine hochgelegt, nickte Kenzo zum heute ungewöhnlich feurig illuminierten Tresen in meinem Rücken hinüber und schleckte sich die Reste seines Spinnennetz-Donuts von den Fingern. Ich musste mich nicht umwenden, um zu wissen, dass er Tonys umherwandelnden und Tabletts sortierenden Anzüge meinte.

„Ziemlich wahrscheinlich nicht.“

Kenzo zog die Mundwinkel herab.

Er trug immer noch Tonys lachsrote Sonnenbrille, aber da er nicht der Einzige in wildem Look war, konnte ich halbwegs darüber hinwegsehen, dass er sie bloß aufgesetzt behielt, um mir auf den Keks zu gehen. Wince hatte sich ein Rambo-Gedächtnis-Kopftuch umgebunden und arbeitete sich soeben durch eine Schüssel Nachos und pikantem Bohnendip, während Eve, Kora und Hana einander in Variationen von Knicklichterschmuck eindeckten und es dabei irgendwie meisterten, es trotzdem nach Klasse und Geschmack anstatt Disco und Rave aussehen zu lassen.

Die Titanic -Axt lehnte nach wie vor neben Dakotas Füßen, auch wenn sie inzwischen die Mick-Jagger-Jacke trug. Sie war groß und ihre Arme anscheinend länger als Kate Winslets, deshalb war der rosigweiße Titanic -Mantel schlussendlich doch an Rumi übergegangen, die nun mit ihren kastanienroten, kinnlangen Haaren in bauchfreiem Sweatshirt und Leggins den Vibe eines Horrorcomedy-Remakes verströmte, auch weil sie gerade vor dem als radioaktiv gekennzeichneten Pizza-Ofen dem aufmerksam reglosen Mark-41-Modell einen leidenschaftlichen Vortrag über den perfekten Gratin-Grad von Pizza zu halten schien, was dieser mit einem so prompten Nachflambieren per Repulsor beantwortete, dass es sie just zucken ließ.

Als sie zu uns zurückkehrte, sah sie verboten zufrieden aus und reichte mir die Hälfte ihrer noch brutzelnd heißen Pizza. Beinahe ließ ich das Stück in Koras ehemalige Snack-Schüssel fallen, in der wir zwischenzeitlich eine Menge Cornichons-Froschaugen und Servietten voller verschüttetem Granatapfel-Punsch entsorgt hatten, aber Elijah rettete es mit echten Spielerreflexen und einem gerade frei gewordenen Teller.

Ich bot MJ ein Stück meiner Pizza an. Sie riss es mit vorsichtigen Fingern ab, biss hinein und hob eine Braue. „Ist gut.“

Rumi zwinkerte ihr zu, was MJ mit so unverändert ungerührter Miene parierte, dass es sie etwas flüstern ließ, das Dakota mit einem trockenen Grunzen in ihren Chicken-and-Waffles-Spieß bestätigte.

„Keine Angst, wir lieben sie“, informierte mich Rumi ungezwungen, vielleicht weil ich etwas zu vorwurfsvoll zu ihnen beiden herüberstarrte. „Sie ist abgesegnet. Echtes Slide-Material.“ Sie hob den Daumen.

Wir hatten die Lautstärke der Musik auf eine angenehme Hintergrundbeschallung gesenkt, deshalb musste niemand mehr über die halbe Sitzlandschaft brüllen.

„Slide?“, erkundigte sich MJ kauend und sah knapp zu mir.

„Sie meinen den Upper East Slide …“

„Der beste Wintersport der Welt“, bescheinigte Kenzo ihr, als sei es ein Fakt, noch ehe ich Elijahs gewappnet gerunzelten Brauen mit einer keimend schwammigen Antwort gerecht werden konnte, die nicht zu viel über die recht illegalen Details beinhaltete. „Echtes Bosworth-Kulturgut.“

„Das stimmt nicht“, widersprach Eve, den Blick inzwischen halb inspizierend auf ihren Daumennagel auf ihrem Smartphone gerichtet, während Hana frustriert ein defektes Knicklicht schüttelte. „Wir sind nicht die Einzigen, die spielen.“

„Ja, aber wir sind der Top Dog“, beschied ihr Wince, ohne den Nachos in seiner Hand auch nur ansatzweise eine längere Gnadenfrist zu gewähren. „Die meisten Slides“, informierte er mit vollem Mund. „Die besten Locations. Collegiate und Spence und alle anderen packen jedes Mal ein, wenn sie irgendwo auftauchen.“

„Stimmt“, ergänzte Kenzo. „Zach behauptet, es gibt nichts Langweiligeres als einen Spence-Slide. Er hat fünfzehn Slides miterlebt, davon vier mit ihnen; er weiß, wovon er spricht. Sie lassen es fast immer in einer stinknormalen Eiskunstlaufhalle stattfinden, wenn sie überhaupt mal austragen und nicht bloß dazukommen.“

MJ hob eine Braue, ihren Blick merklich ahnungslos auf mich gerichtet.

Ich rollte bloß mit den Augen zum Zeichen, gar nicht weiter nachzuhaken.

„Der Slide ist überbewertet“, murmelte Eve und sofort brachen Kenzo, Wince, Dakota und Rumi in lautstarken Protest aus, der Hana grinsen und Elijah gewohnt resigniert neben mir in die Sitzpolster zurückfallen ließ.

Ich hatte mich immer noch nicht ganz daran gewöhnt, dass Eve ihre Haare nun auf Schulterlänge begrenzt hielt, was ihre kupferroten Locken irgendwie in Natasha-Romanoff-Territorium verfrachtete, auch wenn es ihr ohne Zweifel stand, weil es ihren vermeintlich sattsüßen, selbstbewussten Pupillen nur noch mehr Gravitas verlieh.

Ganz anders als mir, bewiesenermaßen, denn kaum, dass ich die kupferrote Langhaarperücke meiner Kim-Possible-Reinterpretation aufgesetzt hatte, hatte Rumi wie eine Raubkatze dreingeblickt, Dakota wertend die Stirn gerunzelt und sogar Elijah besorgniserregend unterhalten die Mundwinkel gehoben.

„Du siehst aus wie ein anderer Mensch“, hatte Kenzo ungläubig befunden.

„Cool“, hatte MJ erklärt, „aber auch … irgendwie beunruhigend.“

„Als hätten Arielle und Ian Malcolm in-vitro ein Kind gezeugt“, hatte Dakota trocken klargestellt.

„Wer ist Ian Malcolm?“, hatte jemand gefragt.

„Na, dieser Rock-Star-Mathematiker aus Jurassic Park …“

Und dann hatten alle gelacht, sich abgeklatscht und ihr schniefend und prustend recht gegeben. Aber als ich die Perücke wieder auszuziehen begonnen hatte, hatten sie allesamt energisch protestiert, also hatte ich sie anbehalten und stattdessen mit ihnen ein Gruppenfoto geschossen, das ich prompt auf meinem Instagram-Profil, als auch mit Pepper, Tony und Rhodey geteilt hatte.

Überhaupt hatten wir in dieser ersten halben Stunde eine Menge Fotos gemacht, viel zu viel gegessen und herumgealbert. Wirklich böse war ich Tony nicht mehr, sich so dreist in meinen Halloween-Abend eingemischt zu haben, obwohl eine leise Stimme in meinem Hinterkopf beharrte, dass ich es sein sollte .

Er machte es einem schwer, sauer zu bleiben, wie ein Border Collie, der zurückkehrte und einem selbstzufrieden einen ganzen herausgerissenen Magnolienstrauch vor den Füßen ablud, anstatt das geworfene Stöckchen.

Es war bemerkenswert und ein absoluter Partybrüller, aber gleichzeitig auch ein ökologisches Attentat, um das ich nie gebeten hatte.

„Stark beobachtet uns nicht mit ihnen, oder?“, erkundigte sich Hana, ihre Augen nach wie vor abweisend auf einen der gemächlich vorbeistapfenden Anzüge gerichtet, die Kenzo, Rumi und Wince immer noch ähnlich begeistert dreinsehen ließen wie Louis am Superheldentag in der Vorschulklasse.

„Das wäre creepy“, sagte Kora.

„Sie beobachten schon, was um sie herum passiert“, begann ich, als fast alle die Stirn runzelten. „Sonst könnten sie ja auch nicht selbstständig auf ihre Umgebung reagieren ... Aber es läuft alles über FRIDAY, sie analysiert laufend die Lage und bei Gefahr aktiviert sie … entsprechende Protokolle. Ich mein, klar, theoretisch kann Tony sehen, was sie sehen, aber dafür müsste er bei ihr aktiv einen Feed anfordern und meine Privatsphäre-Regelungen aussetzen und es ist nicht so, als … na ja, mache er das. Uns beobachten oder so.“ Ich rollte mein Stück Pizza sacht ein, weil mir heißer Käse und Fett an den Händen hinab zu rinnen begann.

„Ist er hier?“, erkundigte sich Elijah.

„Im Tower?“ Ich sah zu ihm. „Nein, er ist mit Pepper aus.“

Überrascht neigte Dakota den Kopf. „Ich dachte, das läuft nicht mehr?“

Elijah warf ihr einen betont unzufriedenen Blick zu.

„ Huh , sorry, wollte nicht uncool werden oder so“, beschwichtigte sie unmotiviert und setzte sich etwas auf. „Aber es gab diese offizielle Pressemitteilung vor zwei Wochen, da hieß es, dass sie Schluss gemacht haben, oder nicht?“

„Sie haben nicht Schluss gemacht“, korrigierte ich. „Sie legen gerade eine Pause ein.“

Rumi flippte sich eine Traube in den Mund. „Und heute gehen sie miteinander aus. Klingt für mich nach einem Revival.“ Sie sah zu mir. „Du magst sie, oder?“

„Sie ist toll“, versicherte ich.

Sie nickte zufrieden.

Anscheinend war es nicht zu überhören, wie ehrlich ich hoffte, dass sie recht behielt, denn niemand grub weiter.

„Also …, wenn er wirklich keinen Plan hat, was hier so abgeht …“ Wince setzte sich aus seiner hingefläzten Haltung auf, griff hinter seinen Loungesessel und wühlte in seiner Jacke. Einen Augenblick später richtete er sich grinsend mit einer klaren Flasche Borgnino wieder auf.

„Dein Ernst ?“ Rumi sprang begeistert auf.

„Wir waren gestern im Lager. Dad war beschäftigt, es gab durcheinander bei den Kisten, die rausgingen. Die neuen Lieferscheine für Nizza waren Mist. Dann gab es Theater bei den Reifefässern …“

Dakota prustete und erhob sich. „Gib her.“

Elijah schien drauf und dran Einspruch zu erheben, als Kenzo sich abrupt auf die Beine brachte, um mit Rumi ein paar Tassen Punsch und eisgekühltes Ginger Ale von der nächsten kuttentragenden Iron-Man-Servicekraft zu besorgen. „Schon okay“, hielt ich ihn unbewegt ab. „Außer uns ist niemand hier. Lass sie ruhig …“

Prompt umschlang Rumi mich von hinten und drückte einen festen Kuss in meine Perücke. „Weißt du, wenn sie dir zu cool ist, Meg, nehme ich sie.“

Halbernst stieß Elijah sie beiseite.

Während Dakota ein wenig Borgnino auf alle Gläser verteilte, die Rumi und Kenzo in Rekordtempo zu uns herüber verfrachteten, hielt ich einen langen Moment Elijahs bleibend zweifelnden Blick, ehe ich ihm leise versicherte, dass es wirklich in Ordnung war und heute niemand ins Raft überführt werden würde, was trotz des bitterbösen Beiklangs meiner Worte nur weitere Heiterkeit verbreitete.

Schlussendlich nahm er das von Eve gereichte Glas entgegen. Ich selbst lehnte sacht ab und bot mein Glas stattdessen MJ an, die es mit einem unbeteiligten Schulterzucken nahm und beiläufig dran roch.

„Du musst nicht …“, versicherte ich, als sie schon dran nippte und kurz nickte, den Blick erstaunlich studierend auf das Punschgemisch gerichtet. „Ist nicht schlecht“, befand sie. Sie behielt es in der Hand, als sie neben mir in die Sitzpolster zurücksank und ihr rechtes Bein in einen halb erwartungsbereiten Schneidersitz anzog.

Irgendwie hatte ich nicht erwartet, dass sie hochprozentigen Spirituosen zugeneigt war, geschweige denn, überhaupt schon damit in Kontakt getreten war, aber dann realisierte ich, dass MJ nie so recht allgemeinen Erwartungen folgte und plötzlich machte es einfach nur Sinn, sie so entspannt mit einem Glas verdünntem Borgnino dasitzen zu sehen, als sei sie dreißig Jahre alt und Mitglied eines seicht prätentiösen Bostoner Debattierklubs.

„Mach nicht zu viel rein“, warnte Hana, während Dakota weitere Gläser präparierte.

„Das ist kein Fusel, okay?“, nörgelte Wince. „Ein Borgnino geht sauber ins Blut.“

„Klar“, schnaufte sie, „aber er knallt auch sauber und ich will hier später ohne die Hilfe von denen da nach Hause kommen.“ Sie nickte zu Mark-41.

Kenzo lachte. „Also, ich würd’s feiern …“

Ich konnte mir ein zustimmendes Grinsen nicht verkneifen, während ich mir einen Punsch ganz ohne Borgnino-Umdrehungen sicherte, insgeheim jedoch durchaus daran zweifelnd, dass sich mein inzwischen doppelt und dreifach geknebeltes Aneurysma wirklich durch ein paar Promille zu einem weiteren cerebralen Massaker verleitet sehen würde.

Kenzo sah zu mir. „Können wir eigentlich die Werkstatt sehen?“

Ich schüttelte den Kopf. „FRIDAY beschränkt den Zugang. Tony müsste euch selbst reinlassen oder ein Zugangsprofil für euch anlegen, ansonsten blockiert die hintere Tür der Schleuse, sobald ihr mir folgt.“

„Schon ausprobiert?“

„So war es bei Dev, als sie noch nicht freigegeben war.“

Er zog enttäuscht die Mundwinkel hinab.

Im nächsten Moment übertönte FRIDAYs Stimme die Musik und ließ all meine Gäste überrumpelt aufblicken: „Eventuell willst du stattdessen einen kurzen Rundgang durch Mr. Starks private Exposition geben, Sola?“

„Beobachtet uns nicht, von wegen “, grunzte Hana.

Genervt sah ich zu ihr. „FRIDAY assistiert bloß.“

„Es war tatsächlich ein Vorschlag zur allgemeinen Unterhaltung“, stimmte FRIDAY zu, „und kein Versuch die alkoholbasierte Verfeinerung bereitgestellter nichtalkoholischer Getränke zu unterbinden.“

Rumi schnaufte Punsch aus.

„Rundgang klingt gut“, befand Kenzo leichthin und schwang sich auf die Beine, während Eve noch zweifelnd zu ihm aufsah. „Was genau gibt’s da zu sehen?“

-/_\-

Die Halle mit ihren Reihen von Vitrinen und silbergerahmten Art-Déco-Fenstern, die für gewöhnlich allesamt im goldwarmen Ambiente der Tagesbeleuchtung erstrahlten, lag heute in einer künstlich kalten Inszenierung aus blauem Spotlicht und unheilvoll langen Schatten da, die atmosphärisch noch davon unterstrichen wurde, dass es draußen tatsächlich zu regnen begonnen hatte und das schummrige Wasser, das das nachtdunkle Fensterglas hinabrann, das schaurige Zwielicht reflektierte.

Anders als in der Lounge lief hier keine Musik und als ich meine Freunde hineinführte, überkam mich beinahe selbst ein dumpfer Schauer beim Anblick der ersten Vitrine, die waschechte Exponate des Chitauri-Waffenarsenals beinhaltete.

Umgehend machte sich raunende Begeisterung breit.

Es dauerte nicht lange, dann hatten sich alle auf die vorderen Vitrinen verteilt und diskutierten beunruhigt gesenkt, was ganz klar der rauen Stille der Halle verschuldet war, auch wenn FRIDAY jede sich festigende Verwirrung mit gewohnt charmantem Infodumping auflöste, ohne dass ich vortreten und den lediglich amateurhaft informierten Insider mimen musste.

Schlussendlich hielt ich mich an MJ, die nicht weniger fasziniert, aber dafür ernsthaft und grübelnd schweigsam besagte Exponate und technischen Meilensteine in Augenschein nahm, während die anderen in einen steten Wechsel aus Japsen, Raunen und Kichern verfielen. Sogar Hana trottete ihnen hinterher, die Arme sacht verschränkt und doch unfähig, ihren Blick von den außerirdischen Objekten zu lösen, die um ein Haar ganz New York und vielleicht gar diesen Planeten dem Erdboden gleichgemacht hatten.

Das gelbe und grüne Licht ihres, wie auch Koras und Eves Knicklichtschmucks ließ mit jeder Bewegung optische Glühwürmchen im Glas der Vitrinen tanzen.

„Restaurierter Mark-2“, erklärte ich still, als wir kurz darauf die Chitauri hinter uns ließen und neben dem ersten Anzug innehielten, den Tony auf amerikanischem Boden konstruiert hatte. Ich wies mit dem Kopf zu einem nahestehenden, kleinen Podest mit unscheinbar grauem Metall hinüber. „Das da ist ein Teil von Mark-1.“

MJ zögerte. „Afghanistan?“, fragte sie unbehaglich. „Wo sie ihn zwingen wollten, dieses Raketensystem zu bauen?“

Ich nickte. Ein unsichtbares Gewicht legte sich über meinen Brustkorb, das mich an die verwirrt entkoppelten Minuten nach unserem Crash erinnerte, obwohl Tonys blutige Geiselnahme so weit zurück lag, dass sie mich glücklicherweise nie als das traumatisch persönliche Ereignis gestreift hatte, das es rückblickend gewesen wäre, wenn Mum --- wenn ihre Fassade damals nicht standgehalten und die Wahrheit vor ihrer siebenjährigen Tochter hervorgebrochen wäre.

Aber sie hatte es mich nicht wissen lassen. Niemanden . Auch da nicht, in diesen drei langen Monaten der Ungewissheit, in der Stark Industries und Obadiah Stane und die ganze Welt im Grunde nur noch darauf gewartet hatten, Tonys Nachruf verlesen zu dürfen, ehe er schockierend lebendig in dieser fernen fremden Wüste aufgesammelt worden und als sein neues, rechtschaffendes Ich, Iron Man, zurückgekehrt war.

„Ist der wirklich aus Asgard?“, erkundigte sich Eve ein paar Schritte weiter, den Blick auf einen kunstvollen und zugleich ausgesprochen robusten Gürtel gerichtet. Wir traten zu ihr hinüber, als ich knapp nickte. „Er ist von Thor. Angeblich magisch. Wie sein Hammer.“

Selbst Kora und Elijah stand die stille Überwältigung ins Gesicht geschrieben, als sie ihre Augen allesamt auf den Gürtel senkten.

„ Megingiard “, erklärte MJ unversehens.

Verwirrt sah ich zu ihr.

„So heißt er.“ Sie zögerte, als sei sie sich plötzlich selbst nicht ganz geheuer und machte einen stockenden Schritt zurück. „Laut nordischen Sagen verleiht er Kraft.“

„Kraft?“, erkundigte sich Wince. „So wie in …“ Er spannte seinen Bizeps und hob eine Braue.

Sie zuckte die Achseln. „Glaub schon.“

Dakota ging vage in die Knie und beugte sich näher heran, um die hineingestanzten Runen näher zu begutachten.

„Wieso ist er nicht in Asgard?“, erkundigte sich Elijah.

„Ich weiß nicht, was der Gürtel genau kann“, relativierte ich, auch wenn MJ in Sachen Mythologie eindeutig besser aufgestellt war als ich. „Dad war sich auch nicht sicher, aber er verwahrt ihn. Thor sagte, er holt ihn irgendwann wieder ab, aber bis dahin sei das hier ein guter Platz, ihn in Würde zu lagern, oder so ähnlich ...“

Fasziniert trat Rumi in meinen Rücken und legte ihr Kinn auf meiner Schulter ab, was dafür sorgte, dass die ungewohnt langen Haare meiner Perücke sacht festgeklemmt wurden. „Ich muss unbedingt einmal einen Asen treffen“, befand sie seufzend. „Wie ist das? Einem Gott gegenüber zu stehen?“

Ich hob die Schultern. „Keine Ahnung. Bin ihm noch nicht begegnet.“

„Thor hat sich das ganze Jahr nicht blicken lassen?“

Ich schüttelte den Kopf.

„Nicht einmal in Deutschland?“, erkundigte sich Wince verblüfft. „Als sie wegen des Abkommens aufeinander losgegangen sind?“

„Nope.“

„War vermutlich dann doch ein wenig zu viel Bürokratie für einen Gott“, witzelte Kenzo. Hana verzog die Miene, doch diesmal ging sie nicht näher darauf ein.

Rumi gab mich wieder frei.

Da sich inzwischen alle um mich versammelt hatten, führte ich sie ein Stück weiter in Richtung der Dunkelelfen-Exponate aus Greenwich. Visiere, die fast an venezianische Masken erinnerten und doch etwas bedrückend Heimsuchendes absonderten. Rau gearbeitete Brustplatten. Schwarze Waffen aus einem mir unbekannten Metall, die in ihrem Design ein wenig plump daherkamen wie verkohltes Treibgut am Strand, aber gleichzeitig doch irgendwie fremd und von einer nicht näher verständlichen Handwerkskunst erfüllt und damit insgesamt … angsteinflößend wie real .

Diesmal sagte niemand etwas, alle stierten nur auf diese Objekte einer Zivilisation, die gut ein Jahr nach New York, ohne dass wir erneut darauf vorbereitet gewesen wären, auf unserem Planeten erschienen war, um unser Universum in immerwährende universelle Finsternis zu stürzen.

Auch wenn der damalige Kampf in Greenwich so schnell vorbei gewesen war, dass die Nachrichten die Hintergründe der seltsamen Vorfälle und Kreaturen in Großbritannien erst im Nachgang wirklich für unsereins aufbereitet hatten, blieb es ein Beweis.

Der Beweis, dass Tony recht hatte. Dass wir klein und naiv und kurzsichtig waren, wenn wir davon ausgingen, dass dieser Planet und damit wir alle nicht früher oder später einfach annihiliert werden würden; wenn wir die Füße hochlegten und uns einredeten, dass niemand sonst den kleinen, hilflosen Happen namens Erde bemerken würde, der bereits zwei neugierige, hoch-technologisierte Raubtiere angelockt hatte.

Ein großer Schatten fiel jäh lautlos neben uns von der Decke und unsere ganze Gruppe machte einen erschrocken japsenden Satz beiseite. Mein Ellbogen rammte Elijah und Kora stieß gegen die panzerverglaste Vitrine.

„Hab gehört, hier steigt eine Party.“

Kaum, dass ich Spider-Man erkannte, vollführte mein Herz einen ungesunden Radschlag. Das aufgeschäumte Adrenalin verscheuchte jede falsche Scheu. Wie ein Schlag vor die Brust, der mich zurück auf das dröhnende und rauchende Flugfeld in Leipzig entsandte, schäumte es in mir auf. „ Scheiße !“, fuhr ich auf. „Das war echt nicht lustig.“

Der Rotmaskierte neigte den Kopf. „Eigentlich wollte ich Buh rufen, aber dann hätte es vielleicht Unfälle gegeben und das wäre uncool geworden.“

Ich atmete aus, ehe ich schon irritiert die Brauen zusammenzog. „Wieso klingst du so …“

„Bescheuert?“, endete MJ für mich. Ihre unerschrockene Konfrontationsgabe wurde langsam, aber sicher beängstigend.

„ Wir sind Anonymus … Nein, Spaß. Stimmenverzerrer. Ist neu. Muss noch ein wenig an der Klaviatur schrauben …“ Er wies auf seine rotmaskierte Kehle und dann auch schon auf mich zurück. „Cooles Outfit. Kim Possible, oder?“

„Ist das-“, setzte Kenzo hinter meinem linken Ohr schwer gesenkt an.

„Spider-Man, korrekt“, griff der Superheld vorweg und hob die Hand. „Hi. Bin’s wirklich. Kein Kindergeburtstags-Double, versprochen.“ Wie zum Beweis flippte er sich aus dem Stand auf die nächste Vitrine und ließ seine Beine baumeln. „Mr. Stark hat mich geschickt. Ich soll ein Hallo in die Runde werfen … ein paar Selfies und Autogramme geben ... Völlig ungefährlicher Cameo. Ihr wisst schon, Öffentlichkeitsarbeit und so weiter …“

Ich starrte ihn an.

„Also, wie legen wir los?“ Gut gelaunt sprang er wieder herab und klatschte in die Hände. „Gruppenfoto? Akrobatiknummer? Irgendwelche … Fragen? Oder --- hey , Leute, ich hab’s! Soll ich euch eine Hängematte aus Spinnenseide kleben? Die ist echt praktisch. Ich benutze sie andauernd. Und das ist wirklich gar nicht so eklig, wie es klingt.“

-/_\-

Die meisten machten Fotos, unterhielten sich mit ihm über Queens beste Street-Food-Läden oder stellten Fragen zu seinen Superkräften, während ich FRIDAY für ihre perfide Komplizenschaft rügte und Spider-Man lediglich verhalten beobachtete. Als MJ ihn schließlich mit scheinbar willkürlichen Fragen einzudecken begann, die an knallharten Investigativ-Journalismus erinnerten, und Hana ihn zum Sokovia-Abkommen konfrontierte, schien er sich unversehens eines anstehenden Überfalls in Lower Manhattan zu entsinnen und schwang sich kurzerhand wieder in die New Yorker Nacht davon.

Der Rest von uns kehrte in die Lounge zurück, wo Hana und Kenzo sich weiter in ihrem begonnenen Wortgefecht zu Spider-Mans Legitimität und Verbrecherstatus ergingen.

MJ schien inzwischen von Dakota in Beschlag genommen, die mit ihr irgendetwas auf ihrem Smartphone zoomte und studierte. Ich vermutete, dass es die gerade gemachten Aufnahmen von Spider-Man waren, die sie beide auf verdächtige Körpermerkmale oder Gerüchte untersuchten, da sie beide mit skeptisch gekniffener Stirn an ihrem Bildschirm hafteten, während wir anderen uns in aller Ruhe über die reichlich verbliebenen Snacks und Getränke hermachten und uns nach und nach wieder auf die Sessel und Couchen der Sitzlandschaft verteilten.

Ich bat FRIDAY gerade die Musik lauter zu machen und die Playlist zu wechseln, als Rumi sich mit verschwörerisch gesenkter Stimme zu mir vorbeugte und zu dem halb geleerten Glas in meiner Hand nickte: „Schmeckt’s?“

Verwirrt runzelte ich die Stirn.

„Du hast eben mein Glas genommen.“

„Nein, ich ---“ Dumpf protestierend sah ich in den nahezu geleerten Punsch zurück und stockte, als ich mir plötzlich der verdächtig blühenden Wärme in meinem Magen bewusstwurde. „Wirklich?“, murmelte ich und schielte über alle wild auf dem Couchtisch verteilten Gläser.

„Jupp.“ Sie grinste. „Ist nicht schlimm. Wir haben noch was …“

Während ich überrumpelt zu Elijah weitersah, der mir das Glas aus der Hand nahm, prüfend dran nippte und dunkel nickte, hob sie schon die Hand und brüllte über unsere Köpfe hinweg: „ Hey , Rambo, wirf den Borgnino rüber!“

Eine sacht bittere Schärfe lag unter der schweren Süße, wie ich nun auch realisierte, als ich selbst einen neuen Schluck nahm. „Sind das nicht einfach nur die Cranberrys?“

Elijah schnaufte verneinend und setzte das Glas zurück auf den Tisch, gerade als Rumi die nur noch zu einem Viertel gefüllte Flasche Borgnino aus der Luft fing und mich dabei instinktiv den Kopf einziehen ließ.

„Hey, pass auf“, brummte er.

Sie winkte ab und schob das Glas augenzwinkernd zu mir zurück, während sie ein anderes bereits mit einem frischen Schuss Alkohol aufmotzte. Nach kurzem Stocken nahm ich das begonnene Glas wieder auf.

„Was?“, erwiderte ich, als Elijah die Brauen zusammenschob. „Ich hab’s schon getrunken. Macht keinen Unterschied mehr …“

„Was ist mit …“ Er sah zu meiner Schläfe.

„Ist fast verödet“, brummte ich.

„Sagten sie nicht, es dauert noch mindestens ein Jahr, bis es so gut wie verödet sein wird?“

„Ja, aber es ist bis zur Oberkante stabilisiert mit Supercoils und sonst was“, stöhnte ich still. „Es passiert nichts, okay?“, summte ich und irgendwie war ich plötzlich auch ziemlich überzeugt davon. „FRI behält meine Werte sowieso im Blick …“

Es hatte keine Symptome einer sich anbahnenden wiederholten Ruptur mehr gegeben, schon seit Monaten nicht. Alle medizinischen Check-Ups waren ohne die geringsten Auffälligkeiten verlaufen. Das Aneurysma war gegenwärtig so stabil, wie es nur sein konnte, das hatte uns mein Ärzteteam versichert. Wenn ich einen Flug in der SUN-1 inmitten von Explosionen, Nervenzusammenbrüchen und Kerosindämpfen ohne platzende Hirnarterien überstanden hatte, würden diese paar Promille mich jedenfalls ganz sicher nicht umbringen, argumentierte die blühend sorgenfreie Wärme in meinen Fingerspitzen, meiner Magengrube und meinen Gedanken.

„Worüber sprecht ihr?“, erkundigte sich Kenzo und fiel neben uns auf die Couch.

„Nichts.“ Elijah ließ sich wieder zurücksinken und wandte den Blick ab.

Einer der Anzüge sah in meine Richtung und es nervte mich nur noch mehr.

„ Okay , was haltet ihr von einer Runde Medusa?“, verkündete Dakota.

MJ und Elijah schienen skeptisch, Kora vage gelangweilt und Eve so höflich gleichgültig, wie es nur sie vermochte, der Rest merkte jedoch auf.

„Kommt schon, bei so vielen wird es lustig!“

Unzufrieden sah Rumi auf die kläglichen Reste Borgnino in der Flasche zurück. „Denke nicht, dass das noch für alle reicht …“

„Na, dann gut, dass ich noch mehr hab!“ Mit einem gewieften Grinsen zog Dakota zwei unterschiedliche Flaschen hinter ihrem Rücken hervor.

Elijahs Miene verdüsterte sich. „Scheiße verdammt, wir sagten, wir bringen nichts mit.“

„Und ich sagte, sie hat nichts dagegen“ gab sie triumphierend zurück. „Entspann dich, Meg. Wir sind unter uns.“

„Unter uns und einer KI, die alles mitbekommt, was hier passiert“, erinnerte er knapp, während Eve unversehens unruhig aufsah. „Wenn Stark will, schickt er das alles an-“

„FRIDAY verpetzt uns nicht“, unterbrach ich prompt. „Im Ernst. So läuft das nicht.“

Ungerührt sah er zu mir. „Genauso ist es doch die ganzen letzten Wochen gelaufen.“

„Sie war im Caretaker Protokoll“, erinnerte ich ihn. „Aber das ist eine Ausnahme, wenn ich --- na ja, wenn ich richtig Mist baue wie in Berlin, dann aktiviert er es. Dann spielt sie Nanny, okay, ja . Aber er hat es letzte Woche beendet. Ich --- Passt auf.“ Ich atmete aus. „FRIDAY, wann informierst du Tony proaktiv, über das was hier geschieht?“

„Ohne deine explizite Anweisung, Sola, informiere ich Mr. Stark nur über eine bestehende Situation akuter Lebensgefahr; das beinhaltet tödliche oder schwere Verletzungen, akute Brandsignale, Strahlungsauffälligkeiten, Ausfall oder extreme, lebensgefährdende Abweichungen deiner biomedizinischen Echtzeitdaten, als auch das Eindringen feindlich gesinnter, bewaffneter Individuen in den Avengers Tower.“

„Sagst du ihm Bescheid, wenn wir hier weiter trinken?“, spezifizierte ich trocken.

„Nein, keine Sorge.“ Sie schmunzelte. „Auch wenn ich dazu angehalten bin, dir von besagtem Alkoholkonsum abzuraten, sofern du mich hierzu konsultierst, assistiere ich dir gerne dabei, deine getroffene Entscheidung zu einem maximal zufriedenstellenden Ergebnis zu führen.“

Bestätigt hob ich die Brauen und hielt Elijahs Blick. Er schien beruhigter, wenn auch nicht unbedingt zufriedener.

Kenzo gluckste. „Hat sie gerade gesagt, dass sie uns hilft, noch mehr Flaschen aufzutreiben?“

„Mir ist leider nicht gestattet, Sola Zugriff auf den Weinkeller oder die hauseigene Bar zu gewähren, Mr. Ogata“, reagierte FRIDAY. „Eine Bestellung bei einem entsprechenden Lieferanten in Solas Auftrag abzusetzen, widerspricht ebenfalls meiner durch Mr. Stark formulierten Direktive. In anderen Aspekten assistiere ich allerdings sehr gerne.“

„Zum Beispiel?“

„Ich kann Eimalbecher für das ausgewählte Spiel Medusa aus dem SI-Keller ordern. Mit den aktuellen Gläsern ist dies nach mir online zugänglichen Spielregeln nicht möglich.“

„Brauchen wir sie?“, erkundigte ich mich ahnungslos in die Runde.

„Na ja, die Becher werden normalerweise geflippt …“, begann Rumi.

„Das funktioniert auch mit Bierdeckeln“, versicherte Hana und richtete ihre gelbe Knicklichtkette um ihren Hals. „So haben wir es in Clifton gemacht. Wir könnten die da verwenden.“ Lustlos nickte sie zu einem kleinen ungenutzten Stapel hellgrauer Untersetzer mit Stark Industries-Logo an der Bar hinüber.

„FRI, wir brauchen keine Becher“, stimmte ich zu. „Nur … umm , gib kurz Bescheid, falls Dad hier auftaucht, ja?“

„Verstanden“, versicherte sie unverändert unterhalten. „Ich informiere dich, sollte Mr. Stark im Tower eintreffen, ehe die feuchtfröhliche Party beendet ist.“

Wince schniefte in sein Glas.

„Cool.“ Ich sah in die Runde. „Also, Medusa?“

-/_\-

Meine Wangen glühten sachte, als ich eine halbe Stunde später auf Klo ging, meine Hände wusch und gedankenverloren in den breiten Spiegel über dem Waschbecken stierte. Ein unfokussierter Schleier lag über meinen Augen, den ich schon viel zu oft auf Gartenpartys und Silvesterabenden in den Blicken Erwachsener bemerkt hatte, und aus irgendeinem Grund stimmte es mich fröhlich, anstatt mein lau schlechtes Gewissen zu wecken.

Beim Hinausgehen stieß ich fast mit Kora zusammen. Wir kicherten über den dummen Zufall. Die Tatsache, dass sogar Kora, die eigentlich kaum je eine nennenswert positive emotionale Regung zeigte, ein Lächeln auf den Lippen trug, brach für einen Moment meine gesamte Weltsicht aus den Angeln und erhob mich in schwerelosem Enthusiasmus.

Ich war fast zurück in der Lounge, jäh glücklich wie in zwei langen Monaten nicht mehr, als ich eine Gestalt bemerkte, die aus eine von Tonys Laboren trat.

Kurz erstarrte ich, dann realisierte ich, dass es bloß Peter war.

Er sah mich nicht sofort. Seine Aufmerksamkeit war auf die nahe Lounge und all die lachenden und prustenden Stimmen gerichtet, die trotz der Musik bis zu uns hinauf schallten. Er schulterte seinen Rucksack und schien auf irgendetwas zu warten, geradewegs zu lauschen , seine Haltung sacht verunsichert und irritiert, wenn ich seine seicht angezogenen Schultern auch nur ansatzweise zu lesen gelernt hatte.

Unversehens fuhr Peters Kopf zu mir herum.

„Wow“, bemerkte ich trocken. „Er lässt dich heute arbeiten?“

„Nein, hab … bloß was repariert. Hat etwas länger gedauert ...“ Er fuhr sich über den Hinterkopf, während seine Stimme peinlich berührt abdriftete und sein Blick über meine langen roten Haare und mein täuschend echtes Outfit sprang. „Du … umm , gibst eine Party?“

„Irgendwie schon, ja.“ Ich zuckte die Achseln. „Wann bist du reingekommen? Hab dich vorhin gar nicht gesehen.“

„Ist ein paar Stunden her …“

Meine Gedanken rotierten, umhüllt von Wärme und tausend winzigen Nichtigkeiten, die allesamt meine Aufmerksamkeit suchten. „Du warst früher weg, oder?“

„ Huh ?“

„Heute in der Schule. Du warst nicht bei Spanisch. Und später in Tech auch nicht ...“

„Ja, ich hatte noch was zu erledigen ...“ Er setzte schnell nach: „Nicht für Mr. Stark oder für’s Praktikum.“

„Außer sie fragen morgen in der Schule.“

Er gluckste. „Ja, außer … das.“

„Am Ende war sowieso fast niemand mehr da. Ich glaub nicht, dass Chakra die Anwesenheit heute überhaupt noch geprüft hat …“

„Okay, cool …“

„Spider-Man war vorhin hier“, informierte ich ihn. „Dad hat ihn vorbeigeschickt, warum auch immer. Er benutzt jetzt einen Stimmenverzerrer.“

„Oh, echt?“

„Du hattest nichts damit zu tun, oder?“

Er erstarrte.

„Nur, weil ---“ Tonys chronische Unzufriedenheit mit meinen Spider-Man-Faktenchecks kroch in mir empor und ich schüttelte den trockenen Humor rasch wieder ab: „Egal, vergiss es, sollte bloß ein Witz werden …“ Ich zögerte. „Wir spielen gerade Medusa. Willst du mitmachen?“

Peter zögerte. „Medusa?“

„Es ist bescheuert, aber eigentlich echt lustig. Alle schauen runter, jemand zählt bis drei und dann sehen alle gleichzeitig jemanden an und wenn die andere Person zurücksieht, müssen beide trinken und diesen Untersetzer einmal herumflippen.“ Ich zuckte die Schultern. „Bin eben rausgeflogen, aber MJ ist noch im Rennen. Sie ist so gut, das ist unheimlich, kein Witz.“

Peter schien unentschlossen.

„Du hast doch Feierabend, oder?“, erkundigte ich mich besorgt.

„Ja --- ja , umm , klar … bin … gerade auf dem Weg nach Hause …“ Er gestikulierte schwach in Richtung Lift und seine Stimme flachte ab, als er mir ein knapp bestätigendes Lächeln schenkte.

„Ich meine bloß, du bist schon hier“, argumentierte ich, plötzlich fast ein wenig verlegen, als ich begriff, dass er nach letzter Woche vielleicht wirklich keine Lust hatte, mit mir abzuhängen. Vage Scham kroch meinen Hals empor, direkt gefolgt von Stolz, der beharrte, dass Peter diese Konfrontation selbst herbeigeführt hatte, indem er ganz bewusst geschwiegen hatte, gelogen . Ich hob die Achseln. „Wir haben noch Pizza, Donuts und Burger und alles Mögliche. Dad hat echt voll übertrieben.“ Ich stockte. „Wir machen sowieso nicht mehr so lange … Du musst auch nicht bis zum Schluss bleiben oder so. Ich dachte nur einfach …“ Keine Ahnung, was ich dachte.

Peter zögerte. „Klar, okay, klingt cool.“

„Ehrlich?“

Er hob die Mundwinkel. „Ja.“

Befangen folgte er mir die Treppe zu den anderen hinab. Irgendjemand hatte alle Gläser neu befüllt. Anscheinend war die erste Runde Medusa beendet. Kora holte uns beide am unteren Treppenabsatz ein, gerade als sich alle Blicke neugierig auf Peters unentschlossene Gestalt richteten.

„ Umm , Leute, das ist Peter“, stellte ich vor. „Dads Praktikant. Er geht mit uns zur Schule. Ich hab vorgeschlagen, dass er noch ein wenig mit uns feiert, bevor er heimfährt. Er war gerade fertig, also … hat’s sich irgendwie angeboten …“

Imponiert hob Kenzo die Brauen. „Wie zum Teufel wird man Tony Starks Praktikant?“

Peter zögerte, doch ehe er sich wirklich gezwungen sah, eine Antwort zu geben, reagierte ich: „Ziemlich krasse Initiativbewerbung. Er … na ja, er hat’s echt drauf.“

Obwohl er nichts sagte, sprang sein Blick leise überrumpelt zu mir zurück.

„Was?“, brummte ich. „Ist doch wahr.“

„Alles klar, Wunderknabe, setz dich“, rief Dakota schon ungeduldig und wies gestikulierend auf den noch freien Sessel zu ihrer rechten.

Die meisten hatten es sich eindeutig wieder gemütlich gemacht. Unsere verwendeten Bierdeckel lagen zusammengeworfen in der Ecke, nur Wince zimmerte an einem bereits auf der zweiten Ebene akut instabilen Kartenhaus.

„Spielen wir nicht mehr?“, erkundigte ich mich, als Elijah meine raumsuchenden Beine beiläufig über die seinen zog, kaum, dass ich mich mit meinem frisch gefüllten Glas in die verbliebene Lücke zwischen ihn und der Armlehne sacken ließ.

„Kenzo hat gewonnen, wir spielen jetzt Ich hab noch nie …“, informierte mich Dakota und es klang wie eine einstimmig beschlossene Sache, also ließ ich mich bloß tiefer gegen die Armlehne sinken, neigte meine Beine in eine gemütlichere Haltung und nahm einen der verbliebenen Chicken-and-Waffles-Spieße von MJ entgegen, den sie mir über Elijah hinwegreichte.

Elijah musterte mich. Die stumme Frage in seinem Blick war eindeutig. Nickend versicherte ich still, dass ich kein Problem damit hatte, hob die Achseln, zog die Perücke ab, warf sie hinter die Couch und richtete meinen zerzausten Pony, während ich zwei von Tonys Anzügen aus dem Augenwinkel die ersten leergefressenen Platten und Gläser stapeln sah.

Was auch immer er von den Entwicklungen dieses Abends hielt, Elijahs freie Hand verblieb locker an meiner Wade und für einen Moment genoss ich einfach diese aufregend beiläufige Nähe und das spätabendliche Gebrabbel um mich herum. Irgendjemand hatte anscheinend die Musik abgestellt, denn eine angenehme, relaxte Stille lag nun über allem. Zu meiner Linken funkelte New York, dank der Schlieren des hinabrinnenden Regenwassers auf den endlosen Fenstern schummrig und gestochen scharf im Wechsel.

Alle sahen von einem zum anderen, während Peter sich wieder aus seiner Jacke schälte und das nachgereichte und frisch bis zum Rand gefüllte Glas leise dankend von Dakota entgegennahm.

„Alle kennen die Regeln?“, erkundigte sie sich in die Runde.

„Man nennt etwas, das man noch nie getan hat, und die anderen trinken, wenn sie es schonmal gemacht haben?“, versicherte ich mich.

„Richtig. Falls niemand trinkt, muss man selbst trinken. Das verhindert Bullshit wie Ich bin noch nie zum Jupiter geflogen ... Es sollte also am besten etwas sein, von dem man wirklich vermutet, dass es wenigstens einer in der Runde schon getan hat, klar?“

„Woher weißt du, dass ich nicht gerade auf dem Jupiter bin?“, witzelte Wince.

„Willkommen zurück auf der Erde, Rambo. Wir reden vom echten Jupiter, nicht deinem Möchtegern-Date mit Lucy.“

Zweifelnd sah Kenzo zu ihm. „ Bro , hast du dir echt ein Ticket gezogen?“

„Quatsch“, murmelte Wince. „Was für ein Tier bekäme das hier mit El hin?“ Wie auf Kommando fiel sein Bierdeckelhaus in sich zusammen. Seine Miene gefror.

Gelächter brach aus, sogar MJ gluckste vage. Rumi kicherte so heftig, dass ich plötzlich begriff, wie ungemein angetrunken sie längst war und wie sehr der Alkohol auch mich schniefen und glucksen ließ, lediglich Dakota, Elijah und Eve warfen Wince einen so wertend nüchternen Blick zu, dass er die Hände in unschuldiger Manier vom Tisch hob und sich in den Sessel zurückfallen ließ.

„Wir sind alle so am Arsch“, prustete Rumi und schob den Kopf in ihren Titanic-Mantel.

„Du schläfst bei mir“, erinnerte Dakota. „Was deinen expliziten Arsch rettet, weil niemand daheim ist.“

Begeistert reckte Rumi ihre Arme zu zwei glückseligen Peace-Zeichen.

Hana schüttelte den Kopf. „Okay, ich fang an“, erklärte sie, als sie sich im lustlosen Schneidersitz aufrichtete. „Ich hab noch nie mit einer Halbautomatik geschossen.“

„Alles klar, wir fangen so an“, murmelte Kenzo.

Stumm hob ich mein Glas an die Lippen und trank. Außer mir taten es nur Wince und Dakota.

Auf ein paar lau überraschte Blicke hin, einschließlich dem von Elijah, hob ich die Achseln. „Tony hat’s mir letzten Monat beigebracht. Für den Notfall.“

„Kleinkaliber?“

Ich nickte. „Halbautomatische Pistole. Eigenproduktion.“

Dumpfer Abscheu trat in Hanas Miene zutage. „Ich dachte, er produziert nicht mehr?“

„Nicht fürs Militär oder den Markt. SI hat die Rüstungssparte eingestellt. Aber genau genommen rüstet er immer noch das Avengers-Team aus, also …“

„Das wundert euch? Ehrlich? Dass Stark ihr beigebracht hat eine Waffe zu verwenden?“, beschwerte sich Kenzo. „Sie wurde in einem einzigen Jahr gefühlt zwanzig Mal entführt und er ist ein verfluchter Avenger. Scheiße, sogar ich hätte ihr eine Waffe besorgt-“

„Ich hab keine-“, begann ich, aber Kenzo sprach einfach weiter: „Was ist mit Meg ? Ihr geht doch jagen im Yellowstone, oder nicht? Du hattest ernsthaft noch keine Halbautomatik in der Hand?“

Elijah schüttelte lustlos den Kopf. „Ist ein Einzellader. Eigentlich jagt nur Dad und sogar das nur, wenn Onkel Steve dabei ist. Meistens fliegen wir hin, wenn Mum Ruhe braucht. Quelltherapie, Regeneration und Meditation, ihr wisst schon … Dad braucht es auch, hilft der Form.“

Dakota nickte voran. „Okay, Kora ist dran.“

Sie sann nach, dann seufzte sie. „Ich hab noch nie getan, als sei ich krank, um nicht zur Schule zu müssen.“

Fast alle tranken. Als ich es nicht tat, sah Eve mich an.

Ich hob eine Braue.

„Du warst schon im Unterricht, aber eigentlich ist es dasselbe. Aber egal.“

Überrumpelt richtete ich mich auf. „Ich hab nicht so getan . Ich war …“ Ich stockte. „Okay, nicht krank, aber auch nicht okay und-“

„Hey, chillt mal“, unterbrach Dakota. „Wir wissen es. Ihr hattet Beef, jetzt habt ihr euch gern, richtiger Romeo und Julia-Scheiß, Meg ist kurz davor sein Glas zu exen, weiter geht’s.“

Gern war definitiv ein Euphemismus, aber niemand von uns beiden widersprach, stattdessen wandten wir die Blicke einfach wieder voneinander ab.

Eve wäre allerdings nicht sie, wenn sie nicht mit blanker Unschuldsmiene weiter auszuteilen wüsste, denn als Dakota sie erinnerte, dass sie am Zug war, sah sie prompt in meine Richtung zurück und erklärte: „Ich bin noch nie zum Schulleiter geschickt worden.“

Kommentarlos machte ich einen besonders festen Schluck und mit mir Wince, der mir belustigt zuprostete. Elijah funkelte Eve an, was diese mit vollkommen selbstbewusster Unberührtheit beantwortete.

„Wir sind so ein langweiliger Haufen“, stöhnte Rumi.

„Sola ist dran.“

Ich schwieg, stierte in mein Glas, aber meine Gedanken rotierten in knetender Geschwindigkeit. „Keine Ahnung. Ich bin noch nie dem Präsidenten begegnet?“

Eve, Dakota und Kenzo tranken, wobei letzterer gleich darauf die Brauen hob. „Ernsthaft nicht?“

Ich schüttelte den Kopf.

Auf MJs stillem Stirnrunzeln hin, wies er erläuternd umher: „Senatorentochter, Abraham-Lincoln-Nachfahrin …“ Sein Daumen sprang zu sich selbst: „Diplomatenkind.“ Er wies zu mir weiter: „Und dein Dad hat vor zwei Wochen den Big Boss im Rosengarten gegeben.“

„Ja, er hat Ellis auf der Kurzwahltaste, aber deswegen haben wir uns noch nicht die Hand geschüttelt.“

„Elijah.“

Grübelnd ließ er den Kopf zurückfallen, dann richtete er ihn wieder auf. „Bin noch nie U-Bahn gefahren.“

MJ zog eine trocken beeindruckte Grimasse; vielleicht, da außer Peter tatsächlich nur Wince und ich mit ihr tranken. Ich konnte nicht anders, ich begann zu kichern, dann beugte sich Elijah plötzlich zu mir herab und küsste mich und ich vergaß meine Belustigung, denn es war sanft und fest und kurz und perfekt und völlig egal, dass er noch nie einen U-Bahn-Tunnel von innen gesehen hatte.

„ Hm . Ich bin noch nie Privatjet geflogen“, erklärte MJ kurzum und alle glucksten, während wirklich jeder in der Runde seinen obligatorischen Schluck machte, eingeschlossen Peter, der entschuldigend die Schultern hob, als sie mit sacht zusammengekniffenen Augen zu ihm herübersah.

„Tja, und ich bin noch nie im Eis eingebrochen“, verkündete Kenzo und schoss mich mit stummer Fingergun ab.

„Ernsthaft?“, brummte ich und trank schon wieder. „Das war scheiße.“

„Kann nichts dafür, dass du alles mitnimmst, was geht, Stark. Kannst du eigentlich noch geradeaus sehen?“

Ich zeigte ihm den Mittelfinger. „Jupp, sieht gut aus.“

Elijah grunzte ein Lachen.

Auch Rumi hatte getrunken, deshalb sahen alle anderen längst neugierig zu ihr herüber. „Bin mit sechs beim Eislaufen eingebrochen“, erklärte sie brummend und winkte schon ab. „Nur kurz. Unsere Nanny hat mich sofort rausgezogen. Es war auch nicht tief oder so … nur bis zum Bauch. Nicht wie bei Sol.“

Obwohl MJ und Peter neugierig zu mir herüberstierten, ließ ich mich nicht dazu durchringen, ihnen vom Slide und meinem unfreiwilligen Tauchgang im Central Park zu erzählen. Zu meiner Erleichterung griff auch niemand anderes es nochmal auf, stattdessen räusperte sich Wince auch schon betont dramatisch für seinen Einsatz, riss unser aller Aufmerksamkeit auf sich und erklärte, dass er noch absolut nie seinen besten Freund geküsst habe.

„Ernsthaft, Leute?“, schnaufte er, als keine Reaktion folgte. „Niemand?“

Schulterzuckend kippte er sein halbes Glas herunter, während Kenzo ihn mit einem neckenden Kussmund aufzog und dafür einen festen Tritt gegen die Waden erhielt.

Meine Gedanken sprangen zu Daphne. Beiläufig zog ich mein StarkPhone hervor, öffnete unseren Chat und schrieb ihr, dass meine Party noch keine Toten produziert hatte, ich sie liebte und Donnerstag kaum erwarten konnte, trotz Jane und diesem grauenhaften Jahrestag.

Meine Kehle wurde dicht, gerade als ich einen abwesenden Schluck meines Drinks nahm, weil Peter schulterzuckend erklärte, dass er noch nie Motorrad gefahren war.

„Nashua?“, erkundigte sich Rumi bei mir.

Ihre Augen schimmerten. Sie schien inzwischen leicht schläfrig.

Auch in mir setzte sich eine schwere Wärme. „Hm, nein, das war nach Jazz‘ Geburtstag. Nach der Sache mit … ihr wisst schon, dieser … umm , Entführungssache.“ Ich steckte mein StarkPhone wieder ein und sah auf. „Nat hat mich auf einem Bike zurück in den Tower gefahren.“

Kora runzelte die Stirn. „Nat?“

„Romanoff“, erinnerte Elijah. „Black Widow.“

Wince pfiff.

„Okay, Leute, diese Sache braucht echt mehr Spice , ich schlaf gleich ein“, entschied Dakota genervt.

„Ja?“ Kenzo schob sich empor. „Leg los. Dein Zug.“

„Wie wär’s damit: Also, ich hab meine Eltern noch nie beim Sex erwischt.“

Einstimmig würgende Geräusche ertönten, aber dennoch hoben sich um mich herum widerstrebend und sehr verhalten ein paar Gläser, darunter auch Elijah, unterstrichen von knapp sarkastischem Applaus der anderen.

„Ehrlich nicht, Stark?“

Angewidert verzog ich das Gesicht. „Nein.“

„Okay, ich bin dran“, verkündete Rumi ungeduldig. „Ihr wolltet Spice und ihr bekommt Spice.“

„ Dax wollte Spice-“

„Halt die Klappe, Meg, und haltet eure Gläser fest!“ Strahlend warf sie ihren Kopf in das Zierkissen der Couch zurück. „Ich war noch nie in jemanden in diesem Raum verliebt.“

Und dann trank sie und der ganze Raum brach in Protestrufe aus.

„Sie hat die Regeln vergessen.“ --- „Du kannst nicht selbst trinken, Rumes.“ --- „Scheiße, sie ist so betrunken …“ --- „Sie sollte echt aufhören. Ich sag’s nur.“

„Aber es war gelogen “, summte Rumi zufrieden. „Ich liebe euch alle.“

„Genau das ist doch --- … Ach, scheiß drauf.“ Dakota gab ihrem grinsenden Kopf einen liebevollen Stoß, dann setzte Rumi sich jäh abrupt wieder auf, als erinnere sie sich an einen Termin. „ Shit , wer hat noch getrunken? Ich hab’s verpasst.“

Alle schmissen sich weg vor Lachen.

„Meg und Sol, klar --- Wince?“ Ihr fiel die Kinnlade herab. „Im Ernst ? WER ? Komm schon! Raus damit! Wer ??“

Leise grinsend schüttelte er den Kopf. „Keine Chance.“

„Scheiße, du Idiot, raus damit, du musst es … rauslassen , ehrlich, es frisst dich auf, von innen, wie ein --- ein Chestburster ---“

Lachend schob Dakota Rumi erneut in ihre Sitzpolster zurück, damit sie den Mund hielt. „Peter hat übrigens getrunken, während ihr Irren durcheinander gebrüllt habt“, informierte sie uns. „Und falls er nicht erst seit ein paar Minuten heillos in uns alle verschossen ist wie Rumes, kennt er eigentlich nur zwei Leute in diesem Raum.“

„Ich --- nein, ich hab nicht-“ Schlagartig wurde Peter rot, während MJ und ich nahezu gleichzeitig überrumpelt zu ihm herübersahen. „Ich --- ich hab wirklich nicht getrunken.“

„Klar, Loverboy.“ Dakota sah in Rumis schwer angetrunken strahlende Miene zurück, während es in meinem Kopf unverändert überrumpelt ratterte. Peter sah nun bewusst beiseite und auch MJ sah nicht länger zu ihm herüber, noch zu mir.

„Noch eine Runde, so langsam wird’s echt lustig. Hana?“

„Von mir aus“, seufzte sie und sah von ihrem Smartphone auf. „Ich hatte noch nie etwas mit einem Mädchen.“ Rumi trank ihr Glas aus und sofort fasste Hana sie in einen angriffslustigen Blick: „Ich – wusste – es, Bitch.“

Rumi gackerte und versetzte ihr einen unkoordiniert ziellosen Schlag gegen die Hand.

„ Jeder wusste es“, verkündete Kenzo gelangweilt.

Wir machten weiter, während Hana ihr irgendwelche schnell aneinandergereihten, nun scharf gesenkten Worte zuflüsterte und Rumi damit nur noch mehr in Kichern versetzte.

Kora war nie auf der Stark Expo von 2010 gewesen. Erstaunlicherweise waren es aber Peter, Eve, Kenzo und Wince. Eve hatte in diesem Spiel noch nie gelogen. MJ schon.

Ich fragte mich, wann , besaß aber nicht mehr die mentalen Kapazitäten mir wirklich alle gestellten Aussagen nochmal ins Gedächtnis zu rufen.

Dankbar für die anhaltende Trinkpause, die mir die letzten auf mich zutreffenden Aussagen eingebracht hatten, eroberte ich meine Beine zurück, zog sie an mich und lehnte meinen Kopf gegen Elijah. Ich wurde müde, langsam beträchtlich, und während ich meinen Blick schweifen ließ, realisierte ich, dass sich eine verdächtige Trägheit über fast alle zu legen begonnen hatte. MJ wirkte sanft eingelullt in Hintergrundrauschen und Wärme, Rumi lag inzwischen halb ausgestreckt da und begutachtete das Material des Titanic -Mantels, als habe sie es soeben erst entdeckt, und Hana und Eve lehnten in ihren Sesseln, je ein Bein untergeklemmt und das nur noch halbvolle Glas halbherzig in ihrem Schoß ausbalanciert.

Urplötzlich war ich wieder am Zug. Also erklärte ich, dass ich noch nie einem Alien begegnet war und dies gut und gerne auch so bleiben konnte. Was vor zehn Jahren sicher noch eines von Dakotas absoluten Bullshit-Statements gewesen wäre, das mich mein eigenes Glas hätte leeren lassen, endete Halloween 2016 darin, dass Eve trank und alle, ausgenommen Elijah, überrascht, aber keineswegs schockiert aufmerkten.

„Chitauri?“, erkundigte sich Dakota still.

Eve hob die Schultern, als sei nichts dabei, und nickte kurz, obwohl offensichtlich sehr wohl etwas dabei war. Mehr ließ sie sich nicht entlocken. Als ich zu Elijah sah, bestätigte er es mit fast unsichtbarem Nicken. Er erlöste Eve von unserer aller dumpf überraschter Aufmerksamkeit, indem er weitermachte.

Mein Kopf trieb in Hitze, Schwerelosigkeit und vager begonnener Verwirrung dahin.

Als MJ wieder am Zug war, ließ sie sich Zeit. „Meine Eltern haben noch nie ihren Einfluss spielen lassen, damit ich nicht festgenommen werde.“

Es wurde still.

Mein Nachtspaziergang in Montauk flackerte in meinem Gedächtnis auf. Widerstrebend machte ich einen Schluck und unversehens tat es mir Dakota gleich. Alle Blicke richteten sich auf uns, nur schienen sie diesmal genauso dunkel verwirrt und überrascht wie bei Eve zuvor.

„Ernsthaft?“, raunte Rumi.

Dakota hob die Schultern. „Bin im August zu schnell gefahren. Ein Deputy hat’s gesehen und sich hinten drangesetzt. Ich bin nicht angehalten, war ohnehin fast Zuhause … Dachte irgendwie, es klappt vielleicht und er hat keinen Bock mehr, sobald er sieht, auf welchen Privatweg ich abbiege. Bescheuert, ich weiß. Aber er hat Gas gegeben und sich vor mich gesetzt und mich ausgebremst und aus dem Wagen gebrüllt. Dad fuhr zum Glück gerade raus und hat’s bemerkt und kam dazu, bevor er mich richtig einkassieren und… was weiß ich, aufs Revier bringen konnte.“ Nicht wirklich stolz hob sie eine Braue. „Lincoln Noe macht schon was her ... Ist nicht Stark“, lenkte sie just zu mir ab, „aber Lust auf diesen Papierkram haben sie dann anscheinend doch nicht, wenn sie ihren Namen drunter setzen sollen …“

Alle sahen zu mir weiter. „Ich hab nichts angestellt“, brummte ich abwehrend und strich mit dem Daumen über mein Glas. „War einfach nur … draußen und bin ein wenig rumgelaufen. Ostern in Montauk, als wir surfen waren. Es war nachts, deshalb dachten anscheinend irgendwelche Anwohner, ich hätte vielleicht mit dieser Einbruchserie zu tun, die da gerade lief. Ein Cop kam, hat mich festgehalten, hat mir nicht geglaubt, dass ich wirklich aus diesem Prestige-Milliardärs-Beach-Club sei, und weil er mich dann zur weiteren Klärung aufs Revier bringen wollte …“ Hab ich Clint angerufen und behauptet, er sei mein Dad. Ich stockte. „Na ja, am Ende kam Tony vorbei, um mich aufzusammeln, und sie haben es am Straßenrand geklärt. Ich hätte gar nicht mehr draußen sein dürfen, schätze ich, weiß also nicht, ob er nicht eigentlich mehr Dad einen Gefallen getan hat als mir … Auf dem Revier wäre es vermutlich entspannter gelaufen. Tony war echt pissed danach.“

„Sie ist badass “, beschied Dakota und wies bedeutsam zu MJ herüber, die das böse herausfordernde Statement platziert hatte.

„ Jaa , oder?“, stimmte Rumi gesenkt zu. „Heftige Krisenreporter-Vibes. Sie wird --- krass, wenn sie mal … Reportagen über Wakanda produziert oder so …“

Wir glucksten und schmunzelten, während MJ kaum eine Miene verzog und mit knallhart unbewegtem Blick in die Runde sah.

Kenzo legte beide Arme auf seine Knie und hob seicht die Hand. „Ich hab noch nie für Schlagzeilen auf CNN gesorgt.“

Schnaufend machte ich einen neuen Schluck, während Kenzo sich wieder zurückfallen ließ und die lachsrote Sonnenbrille mich gezielt foppend auf seinem Fingerknöchel springen ließ, dann beugte MJ sich vermeintlich unbeeindruckt vor und fixierte Peter. „Deine Hand hat gezuckt.“

„Hm?“

„Sah irgendwie aus, als wolltest du trinken.“

„Nein … Ich …“ Peter lachte nervös. „Was?“

„Sola“, brach FRIDAYs Stimme aus dem Nichts dazwischen. „Mr. Stark ist soeben im Avengers Tower eingetroffen.“

In der Lounge wurde es totenstill. Sogar die schwerelose, prickelnde Hitze in mir verstummte.

„Er ist hier ?“, fragte ich.

„Er hat soeben den Motor abgeschaltet und steigt jetzt aus dem Wagen.“

„Aber … es ist noch nicht einmal elf ?“

Ich sah zu Elijah. Und plötzlich waren alle um mich herum auf den Füßen.

Musik:

Cherry Bomb – The Runaways

Disturbia – Rihanna