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Tabula Rasa

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Tabula Rasa

Kapitel 4: Tabula Rasa

Bei den Bartons hing der Haussegen schief.

So viel entnahm ich jedenfalls dem Chat der Malibu 5 , die Daphne an unserem letzten gemeinsamen Tag als Gruppe ins Leben gerufen hatte, als ich schnell durch die vergangenen Aktivitäten scrollte, während Nat sich noch erwägend vor einem größeren Spiegel in einer sandfarbenen, gestanzten Lederjacke drehte, die es in ihre engere Auswahl geschafft hatte.

„Ich find’ sie gut“, sagte sie nach einem Moment entspannter und gutgelaunter Begutachtung und sortierte den zugehörigen Gürtel neu, als sei sie sich der kleinen, starrenden Grüppchen gar nicht bewusst, die sich hinter etwaigen Ständern und vor dem Schaufenster mehr schlecht als recht verbargen.

„Ja, sie ist cool“, stimmte ich zu, die Augen allerdings längst wieder auf den Chat geheftet, innerlich zerrissen zwischen Belustigung und Mitgefühl angesichts des sich dort abbildenden Dramas.

13:27 Uhr DevilTunes: @Bartons: Wie ist es? Ihr habt nichts geschrieben.

13:41 Uhr Coopid: Erschieß mich.

13:42 Uhr HarleyToHell: x’D

13:44 Uhr Hawkchick: Coup hat keine Ahnung. Es ist viel besser. Wir haben beide größere Zimmer. Und wir sind viel schneller in der Stadt.

13:44 Uhr Coopid: Wohl eher im Kaff.

13:45 Uhr DevilTunes: @Coup: So übel?

13:45 Uhr Coopid: @Dev: Es gibt hier GAR NICHTS. Vorher war es weit weg und lahm, jetzt ist es weit weg und tot. Der halbe Ort besteht aus vernagelten Bruchbuden und Trailern.

13:45 Uhr Hawkchick: Du bist ein Idiot.

13:45 Uhr Coopid: Halt den Mund.

13:45 Uhr Hawkchick: Dad sagt, der Ort erholt sich schon von der Krise. Es wird ganz viel neu gebaut. Sie planen sogar einen Adventure-Park. Der ist dann weniger als eine Stunde von uns entfernt.

13:46 Uhr Coopid: Er sagt das, damit du nicht heulst.

13:46 Uhr Hawkchick: Nein, er sagt das, damit DU nicht heulst.

°°°

13:49 Uhr Coopid: @Sola @Dev @Harley: Hat irgendwer ein Zimmer frei?

13:52 Uhr DevilTunes: Wenn ihr Louis nehmt.

13:53 Uhr HarleyToHell: In der Garage steht eine Couch.

13:53 Uhr HarleyToHell: @Sola: Bist du schon wieder gekidnappt?

13:53 Uhr DevilTunes: Ja. Wurde von BW ins Rockefeller C verschleppt.

13:53 Uhr HarleyToHell: LTD.

°°°

14:10 Uhr Coopid: Echt klasse, Lila. DANKE! Loser.

14:11 Uhr Hawkchick: Selbst schuld. Beleidige mich das nächste Mal leiser.

14:11 Uhr Coopid: @Dev: Deal.

„Hey, bin ich so langweilig?“

Rasch sah ich wieder auf und begegnete Nats neugierigem Blick.

„Nein.“ Ich schaltete das StarkPhone wieder ab. „Drama in Missouri.“

Gutmütig besorgt zerknautschte sie die Stirn. „Hm, hab schon gehört. Sie raufen sich. Aber das legt sich ... Es liegt an der Veränderung. Der Ortswechsel. Das kommt vor, weißt du ja. Coup wird sich schon eingewöhnen. Das tut er immer.“

Es stimmte vermutlich. Lila und Cooper hatten einen ähnlich plötzlichen und unverhofften Umzug hinter sich wie ich vor gut einem Jahr, gerade deshalb konnte ich es Cooper gut nachfühlen.

Aber ihre Mum lebt noch und ihr Dad liebt sie, seit sie auf der Welt sind, und sie sind alle noch zusammen. Und deshalb ist es trotzdem nicht dasselbe.

Ich schluckte.

Aufmerksam folgte ich Nat zu der nächsten Auslage, auf der ein paar frech bedruckte T-Shirts verteilt lagen. „Du hast jetzt übrigens dein eigenes Zimmer“, sagte sie, während ihre Augen die Shirts überflogen. „Und ein paar falsche Pässe und Ausweise für den Notfall.“

„W as ?“

„Auf der Farm.“ Nat lächelte. „Dein Zimmer liegt direkt gegenüber von meinem. Wir können sie jetzt also gleichzeitig überfallen-“

„Nicht das Zimmer“, unterbrach ich sie fassungslos. „Die --- die Pässe …“

„Oh.“ Sie atmete aus. „Ja, das war meine Idee.“

Schockiert blinzelte ich.

Sie zwinkerte mir zu, als sei nichts weiter dabei, und senkte die Stimme: „Hör mal, Tony weiß nichts hiervon. Und so soll es auch sein. Sie sind zu deinem Schutz gedacht und auch bloß für den Fall, dass wir dich schnell und wirkungsvoll von der Bildfläche verschwinden lassen müssen-“

Ich erstarrte und spürte das Blut aus meinem Gesicht weichen, als ich mir jäh wieder elend bewusstwurde, dass es, rein sachlich betrachtet, Tony selbst gewesen war, der mich an Zeke Stane ausgeliefert und den Standort der Barton Farm preisgegeben hatte. „Hat das mit Dr. Fanning zu tun?“

Nat biss sich sacht auf die Lippe. Sie wich aus. „Nicht direkt ...“ Ruhevoll führte sie mich weiter zu einer Auswahl verwaschener Jeans und gefalteter Hoodies. „Clint und Laura haben für ihr ganzes Rudel solche Vorkehrungen getroffen“, erklärte sie leise. „Damit sie jederzeit möglichst spurlos verschwinden und von neu anfangen können, falls es notwendig werden sollte. In einem solchen Fall hätten sie keine Zeit, dir erst noch die entscheidenden Papiere zu besorgen-“

„Aber --- was habe ich damit zu tun?“

Nat sah mich an. So sacht und liebevoll, wie sie den Kopf zur Seite sinken ließ, wusste ich, dass ich uns beiden nichts vorzumachen brauchte.

„Das ---“ Ich schluckte. „Ich bin jetzt hier . Und es ist doch kein Geheimnis mehr?“

Sie nickte. „Ja. Aber wir wissen nicht, was geschehen mag, richtig?“

Ich blinzelte. Diesmal antwortete ich nicht. Ich biss mir in die Innenseite meiner Wange und zwang mich, es mir nicht anmerken zu lassen, wie schnell ich begriff, wovon sie sprach, ehe ich verhalten nickte.

Obwohl ich mit Clint durchaus über die neue Farm gesprochen hatte, hatte er all das mit keinem Wort erwähnt. Auch wenn er in Malibu ein wenig Kleidung und sogar ein am Schießstand gewonnenes Stofftier vom Santa Monica Pier von mir zusammengepackt hatte, um sie zur neuen Farm mitzunehmen und dort zu lagern, hatte ich mir nicht sonderlich viel dabei gedacht.

Es war nichts Persönliches dabei gewesen. Keine Fotos und auch keine Technik.

Lediglich Kleidung für jede Jahreszeit und wenige Habseligkeiten, die eine unsichtbare Bedeutung für mich besaßen.

„Die Barton Farm ist immer noch dein Safe House“, fuhr Nat ruhig fort. „Ich habe Tony und Clint dabei geholfen, alle Vorkehrungen zu treffen. Sicher, ich weiß nicht alles, was sie abgesprochen haben, denn das wäre sehr unklug, aber ich weiß genug, um im Notfall agieren und unterstützen zu können. Und genauso müssen wir auch Vorkehrungen treffen, von denen Tony nichts weiß, richtig?“

Ich schluckte. „Wieso?“, fragte ich so kleinlaut, dass es mir fast im Halse stecken blieb.

„Sola, Fanning ist nicht der Grund hierfür. Wir haben dies bereits vorher angedacht. Aber er ist ein gutes Beispiel. Manchmal dürfen die Menschen, die uns lieben, am allerwenigsten wissen, was vor sich geht.“

„Du meinst, falls --- falls Tony wieder …“ Falls es wieder jemand in seinen Kopf schafft. Falls er wieder --- entführt und gefoltert wird und ---

Falls er tot ist.

Der Gedanke lähmte mich.

„Wir passen aufeinander auf. Das ist alles, worum es hierbei geht.“ Sie sah mich fest an. „Tony weiß nichts von diesen Pässen und den Vorbereitungen, aber ich bin sicher, dass er sehr gut weiß, dass wir uns für alle Eventualitäten rüsten; mehr noch, ich bin mir sicher, dass er sich sogar darauf verlässt .“ Sie hielt inne. „Er hat uns beide nicht grundlos hierfür ausgewählt.“

Ich erschauerte. Ja , er hatte zwei Top-Spione erwählt. Er hätte Happy darum bitten können, immerhin war er unser Sicherheits chef und mein persönlicher Leibwächter, oder Steve Rogers, der schon so viel profanere Unterstützung in Sachen meiner Sicherheit geleistet hatte, oder – allen voran – Rhodey, seinen besten Freund und Weggefährten seit Studientagen, Ex-Militärangehöriger und Avenger, aber er hatte die beiden Menschen gewählt, die es sich zum Beruf gemacht hatten, spurlos aufzutauchen und zu verschwinden, wann immer es erforderlich wurde.

Die beiden einzigen Menschen ihres Kalibers und ihrer Vergangenheit, denen er vertraute.

Leise atmete ich aus. Nat beobachtete mich.

„In diesem Szenario …“

„Es sind viele verschiedene Szenarien und es wird immer die letzte Lösung sein, okay?“

„Ja, aber …“ Ich stockte. Mir blieb ein wenig der Atem weg. Es war absurd mitten im Rockefeller Center zwischen Kleiderstangen und sorgloser Popmusik darüber zu sprechen, doch Nat ließ es wirken, als sei es vollkommen normal. Es war ruhig in der Boutique, keineswegs überfüllt. Ich bezweifelte, dass uns irgendjemand belauschen konnte, selbst wenn er es angesichts unserer bekannten Gesichter versuchte, und ich war mir sicher, dass sie selbst eine gekonnte Analyse unserer Lage getroffen hatte, ehe sie das Thema überhaupt angeschnitten hatte, trotzdem flutete es mich mit schwerem Unbehagen und Überforderung. „Wenn dieses Szenario eintrifft, dann --- dann bringt er mich einfach weg? Ohne, dass Tony oder Pepper es rechtzeitig erfahren? Ohne, dass sie --- irgendetwas wissen?“

Sie zögerte. „Das ist der Sinn dahinter, ja.“

„Und bringt er mich wieder zurück?“

Wieder zögerte sie. „Das hängt davon ab …“

„Ob Tony noch …“ Ich brachte es nicht über mich, es auszusprechen.

„Ja und nein.“ Beständig hielt sie meinen Blick. „Wie gesagt, es gibt viele denkbare Szenarien.“

Mein Brustkorb verengte sich. „Aber wenn ich nicht zurückkann, wohin --- … Clint sagte immer, dass ich zu ihm komme, wenn etwas geschieht.“ Ich hasste es, wie deutlich meine Stimme brach.

„Und daran hat sich nichts geändert.“ Sacht fasste Nat nach meinem Oberarm. „Es gibt die offizielle Option und es gibt diese, Sola. Es hängt davon ab, wie sich die Umstände gestalten sollten. Ob es notwendig wird, euch außer Gefahr zu bringen, oder ob es seinen geregelten, ganz offiziellen Gang nehmen kann. Für beides ist nun vorgesorgt. In dieser zweiten Variante wird es nur so sein, als seist du schon immer sein Kind gewesen, verstehst du? Niemand wird wissen, wer ihr vorher wart. Und niemand wird wissen, wohin ihr verschwunden seid und wer ihr fortan sein werdet. Nicht einmal ich. Ihr werdet andere Namen haben und ein anderes Leben und ihr werdet es so lange führen, wie es erforderlich ist. Das heißt nicht immer für immer. Aber manchmal schon.“

Ihre grüne Iris blieb friedvoll auf mich gerichtet. Ich sah kein Anzeichen dafür, dass sie mir womöglich etwas Entscheidendes verschwieg. Eine dritte Option, zum Beispiel.

„Egal, wie es kommt – wir bleiben zusammen?“, fragte ich starr.

Sie nickte. „Das ist das Ziel“, versicherte sie mit vertrauensvoll vertiefter Stimme.

Ich schwieg und ließ ihre Worte sinken. Sie machten mir Angst, aber sie blieben auch von der sichtbaren Fürsorge erfüllt, die in jedem einzelnen Gedanken davon steckte.

„Du hast das alles nicht zufällig erwähnt“, sagte ich.

„Nein.“ Sie schmunzelte. „Ich bin beauftrag worden. Job hiermit erledigt.“ Leichtherzig salutierte sie mit zwei Fingern, dann richtete sie sich wieder auf und ließ ihren Blick demonstrativ durch die hübsche Boutique gleiten. Sie hob die sandfarbene Jacke an, die immer noch in ihrer Armbeuge hing. „Ich muss die bezahlen, aber ansonsten bin ich hier fertig. Wie sieht’s bei dir aus?“

Überrumpelt von dem ungehemmten Gesprächswechsel zurück in leichte, unbeschwerte Gefilde, nickte ich wirr. „Ja, klar.“

„Du nimmst das Shirt nicht?“

„Ähm. Nein. Passt schon.“

Fast fühlte es sich an, als habe dieses ganze Gespräch nie stattgefunden, als Nat achselzuckend zur Kasse schlenderte, einem kleinen Mädchen zuzwinkerte, das von einem Stand mit Modeschmuck zu ihr aufsah, ihre Jacke auf den Tresen legte und eine dunkle Kreditkarte zückte, die zweifellos auf die eine oder andere Weise auf den Namen Stark lief. Sie begann mit dem jungen Kassierer zu spaßen. Er lief rosa an und vertippte sich, dann rieb er sich rasch den Nacken, antwortete und begann von Neuem.

Nat sah zu dem Mädchen, das sie immer noch anstarrte. Sie lächelte.

Und plötzlich dachte ich wieder an Nick Fury und den Strauß Freesien, den er mir in Mums Laden gutgelaunt überreicht hatte.

-/_\-

Bei Paper Source und Moleskine sahen wir uns kurz darauf nach Schreibutensilien um. Nat zückte Peppers Liste obligatorischer Einkäufe auf ihrem Smartphone und dirigierte mich munter hindurch, doch schon nach einigen wenigen Minuten waren die schnöden Anforderungen der Midtown High soweit abgehakt und wir schmökerten uns durch hübsche, individualisierte Schreibblöcke, bunte Patches für Ordner und Schultaschen zum Abziehen oder zum Aufbügeln und etwaigen anderen Krimskrams, der mir nie in den Sinn gekommen wäre, der Nat aber so gut gefiel, dass ich zweimal hinsah.

Anschließend verbrachten wir noch ein wenig Zeit in anderen Boutiquen und Stores, einem hippen Schuhladen mit extravaganten Sneakers, probierten uns erst durch verschiedene Sorten Lipgloss und Lippenstift und dann durch Sushirittos und Rainbow Bagels, nahmen schließlich noch einen Pink Drink bei Starbucks auf die Hand, der herrlich nach eisgekühlter Erdbeere, Acai und Kokos schmeckte, und bummelten weiter die vielen Schaufenster des Rockefeller Plaza entlang. Nat kam auf mein Selbstverteidigungstraining zu sprechen und verriet mir, dass Rhodey und sie ein paar neue Ideen für mich hatten, dann fiel mein Blick auf eine gewaltige Werbetafel mit Jack Magnicontes perfekt in Szene gesetzten, loshechtenden Gestalt, die abgesehen von den New York Jets auch für ein neues Schuhmodell bei Nike warb, und unwissentlich begann ich an meinem empfindungstauben kleinen Finger zu knibbeln.

Er sah Elijah nicht sehr ähnlich. Die Züge seines Vaters waren viel länglicher, sein Hautton eine winzige Nuance heller und sein Haar vage rötlich, aber er hatte seinen unbeirrbaren Blick und schon jetzt zeichnete sich auch seine Statur in Elijah ab.

Dumpf wurde mir bewusst, dass ich ganz vergessen hatte, ihn nach unserer nächtlichen Ankunft noch einmal anzurufen oder ihm auch nur kurz zu schreiben.

Nicht, dass dieses Versäumnis nicht geradezu lächerlich unbedeutend neben meiner immer noch ausstehenden Schulwechselbeichte war, aber es verbesserte nicht gerade meine Karmapunkte.

Ich bemerkte erst, dass ich auffällig still geworden war, als Nat ebenfalls verstummte, mir meinen leeren Plastikbecher abnahm und auf dem Weg entlang der hübschen Brunnen und Granitbecken des Rockefeller Plaza in dem nächsten Mülleimer entsorgte. „Lust, noch eine Runde auf der Roller-Skate-Bahn zu drehen?“

Ich schmunzelte. „Im Ernst?“

„Na, wir sind doch schon hier.“ Vergnügt senkte sie die Stimme. „Als ich das erste Mal hier war, habe ich es Clint vorgeschlagen, aber er sagte, dass ich ihn nur auf eine Weise auf die Bahn bekomme – indem ich ihn aus dem Rockefeller schmeiße.“ Mein prustendes Auflachen ließ sie zustimmend summen. „Hm, alter Spießer, was? Hat mir das Herz gebrochen.“ Entschlossen beschleunigte sie ihre Schritte und nickte zu unseren Einkaufstüten herab. „Lass uns die Sachen kurz zum Wagen bringen, dann heizen wir den Langweilern dort drüben mal ein.“

Ich lachte erneut. Zwar konnte ich mir kaum vorstellen, was für ein Aufsehen wir beide auf der weltbekannten Rollschuhbahn erregen würden, nachdem wir schon im Rockefeller Center immer mal wieder abgelichtet und vereinzelt schüchtern um Fotos gebeten worden waren, aber die Aussicht mit Black Widow zu skaten klang wirklich zu unterhaltsam, um dem Ganzen nicht wenigstens eine Chance zu geben.

-/_\-

Es war ein Weilchen her, dass ich das letzte Mal auf Rollschuhen gelaufen war, doch schon nach der zweiten Runde hatte ich es halbwegs wieder raus und ich nahm Tempo auf.

Die große, graue Fläche war vermutlich so gut bevölkert wie die Eisbahn, die diesen weltbekannten Platz in den Wintermonaten bedeckte. Touristen und Schaulustige tummelten sich um die eingelassene Bucht und fotografierten, was sie vor die Linse bekamen. Ich selbst war zuvor nie hier gewesen, aber trotzdem realisierte ich, dass mich die beeindruckende Imposanz und Höhe der uns umgebenden Gebäude gar nicht mehr derartig in ihren Bann schlug wie noch vor Monaten.

Anscheinend war ich New Yorkerin geworden.

Wir drehten ein paar Runden und liefen ein wenig um die Wette, schwangen uns gegenseitig über die Fläche und ließen uns heiter ausrollen, dann zogen wir eine Weile bloß unsere entspannten Kreise, sahen gen den smogtrüben Himmel und philosophierten darüber, was wohl dahintersteckte, so viel Freude an etwas so Sinnlosem zu empfinden. Nat hielt ihre Arme locker hinter ihren Rücken zusammen, doch als mein StarkPhone brummte und ich es seicht taumelnd herauszog und einen raschen Blick darauf warf, nahm sie meine freie Hand und zog mich näher in Richtung Bande, was eine Kollision mit einem entgegenkommenden, mehr tölpelhaften Paar verhinderte. Mit einem sanften Ruck kamen wir zum Stehen.

Ihr Blick glitt beiläufig zu meiner Hand herab und zurück in mein Gesicht, als ich das StarkPhone schon wieder einsteckte.

„Was ist los?“

Ich schüttelte schnell den Kopf.

„Tony?“

„Hm?“

„Du hast angefressen ausgesehen, als ich heute Morgen dazukam. Womit hat er dich drangsaliert?“

Ich verzog das Gesicht. „Er hat ein paar Screenings mit den neuen Spezialisten vereinbart, um das weitere Prozedere zu klären; die endgültige Lösung, um mein Aneurysma ein für alle Mal und zeitnah zu veröden …“ Ich konnte nicht anders, als sein dramatisches Vokabular ein wenig nachzuäffen.

„Hm.“ Nat beobachtete mich. „Das ist doch gut, oder nicht?“

„Ja“, stimmte ich säuerlich zu, „aber er hat sich aufgeführt wie ein ---“ Ich biss mir auf die Zunge, denn beinahe entglitt es mir schon wieder, das Wort Idiot . Rasch zuckte ich mit den Schultern. „Er war schon mies gelaunt, als ich runterkam.“

„Ja? Wieso?“ Nat zeigte mit keiner Wimper, dass sie mein auffällig hinabgeschlucktes Fluchwort registriert hatte.

Ich verdrehte die Augen. „Was weiß ich. Sokovia oder so.“

Ihre Mundwinkel sanken in nachdenklicher Erwägung. Dann sah sie schon wieder auf und lächelte. „Hey, er stellt sich doch gar nicht so schlecht an, nicht? Er hat das schon ganz gut raus mit euch beiden. Und er liebt dich.“ Sie setzte eine sachte Pause. „Sehr.“

Ich zögerte. „Ja“, stimmte ich zu.

„Er sorgt sich. Tony ist da eigen. Er wird bloß herrisch, wenn es ihm ans Herz geht.“

Ich schmunzelte, in Gedanken bei unserer Autofahrt tags zuvor, die er so rigoros unterbrochen hatte, doch dann dachte ich wieder an Barbados und seine Debatte mit Pepper, von der ich eigentlich nichts hätte wissen dürfen. Wieder wurde ich mir ihrer beider Befürchtung bewusst, ihrer erwartungsbereiten, bedachten Vorsicht, wann immer meine Stimmung auch nur minimal kippte …

Als ich Nat schweigend musterte, war ich fast versucht, es ihr anzuvertrauen: Dass Tony sich in diesem einen Aspekt umsonst sorgte und dass Wanda mir längst geholfen hatte. Dass Clint und ich dieses gewaltige Geheimnis teilten und dass es mir seitdem so viel besser ging, als sie alle vermuteten. Aber alles, was ich erwiderte, war: „Ist schon okay. Ich bin nicht böse.“

„Na, manchmal kann er einem schon an die Nieren gehen-“

„So schlimm war es nicht. Eigentlich hat er gar nichts getan. Ich war bloß genervt.“ Ich rollte mit den Augen. „Er meint es gut.“

Ihre Mundwinkel hoben sich. „Ja.“

Auch Nat schien zu fahnden. Auch sie suchte nach Anzeichen. Das sah ich jetzt. Trotzdem bemerkte ich ebenfalls, wie sie sich wieder entspannte.

Wusste sie es? Hatte Clint sie eingeweiht? Oder war das hier ein weiterer heimlicher Auftrag, diesmal von Tony selbst: Bei mir nachzuhorchen und sicherzugehen, dass ich nicht wieder etwas Entscheidendes in mich hineinfraß?

„Wenn es nicht um Tony geht, worum geht es dann?“, fragte sie gelassen.

Verwirrt blinzelte ich.

Sie wies zurück auf mein StarkPhone. „Du hast nicht die ganze Zeit mit den kleinen zankenden Bartons gechattet.“

„Nein“, stimmte ich zu. „Ich …“ Ich seufzte und sah zu den dutzenden Fahnenmasten empor, die den Platz hoch über uns säumten.

„Ich hab’s raus.“ Selbstsicher richtete Nat sich auf, verschränkte locker die Arme und grinste verschmitzt. „Clint hatte recht. Er gefällt dir. Elijah.“ Ihr Grinsen vertiefte sich. „Es ist ein Jungs-Problem.“

Ertappt und auch ein wenig peinlich berührt stieß ich mit dem Stopper meines Rollschuhs gegen die Bande – nicht bloß, weil sie seinen Namen kannte, sondern auch, weil ihr anscheinend – anders als Tony – keineswegs entgangen war, was Clint im Zuge meiner haarscharfen Rettungsaktion so beiläufig hatte fallen lassen.

„Ihr seid jetzt zusammen, was?“

„Ja, irgendwie schon.“

„Süß.“ Sie nickte. „Was hat er angestellt?“

„Gar nichts.“ Ich schluckte. „ Ich habe den Mist gebaut.“

Ihre Miene sank in liebevollem Bedauern. Ehe ich mich versah, erzählte ich ihr schon alles. Wie wir uns zu Beginn in den Haaren gelegen hatten und wie er mich im Central Park aus dem Wasser gerettet und danach zu seinem Geburtstag eingeladen hatte, der dank Fake-Raffy und meiner eigenen naiven Idiotie fulminant schief für mich gelaufen war, wie sie mitunter am allerbesten wusste. Wie ich ihm von alldem berichtet hatte, als Tony so wütend auf mich gewesen war, dass er kaum ein Wort mit mir gewechselt hatte, und wie Elijah mir geholfen hatte --- mit allem , der Presse, den Menschen, der Bosworth, Tonys Persona, diesem ganzen neuen Leben, und wie er mich aus dem Nichts gefragt hatte, ob wir einander daten wollten, als sei es das gewöhnlichste auf der Welt. Nat schien gerührt und amüsiert und da sie fragte, gestand ich, dass wir uns geküsst hatten, ja, schon ein paar Mal und gemeinsam Zeit verbracht hatten, vor allem nach meiner Entführung, erst mit ein paar anderen Schülern bei ihm daheim und dann sogar bei einem Football-Spiel, zu dem er und sein Dad mich eingeladen hatten, kurz bevor ich dann mit Tony und Pepper an Mums Todestag nach Nashua gereist und anschließend nach Japan entschwunden war.

Seitdem hatten wir uns nicht mehr gesehen, aber wir hatten geschrieben und telefoniert – recht viel sogar. Es war unfassbar kompliziert gewesen, es heimlich zu halten, denn gleich mehrmals hatten Tony und Pepper sich erkundigt, was Daphne und Harley so trieben, denn natürlich hatten sie angenommen, dass es vorrangig sie beide gewesen waren, die mich so in Beschlag nahmen. Alles war prima gewesen, abgesehen von der Tatsache, dass ich Elijah darüber im Unklaren belassen hatte, dass ich drauf und dran war, die Bosworth zu verlassen.

Und schon übermorgen früh würde mir all dies um die Ohren fliegen, denn --- verdammt , ich hatte es vergeigt.

„Wieso hast du es ihm nicht gesagt?“ Nat klang aufmerksam. Es schien kein vorgegaukeltes Interesse, denn ihre Brauen zogen sich sacht zusammen. Wir hingen längst mit beiden Unterarmen über der Bande, während die Menschen in unserem Rücken zur etwaigen Hip-Hop-Interpreten über die Bahn surrten. „So, wie das alles klingt, wusste er bereits, dass es dir an der Bosworth nicht besonders gefällt.“

„Keine Ahnung.“ Hilflos zuckte ich die Schultern. „Ich --- Erst dachte ich, ich wollte es ihm nicht einfach schreiben, aber als wir dann telefoniert haben, hab ich es immer vor mir hergeschoben. Ich wollte ---“ Ich stockte. „Na ja, ich wollte, dass alles gut ist. Und ich wusste, wenn ich davon erzähle, wird ihm klar, dass wir uns nicht mehr so oft sehen werden und …“

„Du denkst, dass es ihm nicht reicht.“

„Na ja“, brach es schon aus mir, „es hat alles in der Bosworth begonnen, richtig? Wir sind uns da jeden Tag begegnet und konnten über alles sprechen und … Wenn ich jetzt weg bin, wird es ganz anders sein.“ Ich zögerte. Es erschien mir absurd, ausgerechnet Natasha Romanoff mein Herz auszuschütten, noch dazu auf einer Rollschuhbahn mitten im rauschenden Manhattan, aber urplötzlich schien es so einfach, fast noch mehr als an diesem Abend in Malibu mit Clint draußen vor dem Pool. Beinahe wie früher mit Jane. Meine Gedanken drängten ins Freie. „Ich weiß nicht einmal, wieso es überhaupt begonnen hat“, gestand ich. „Es war einfach eine Idee. Fast aus dem Nichts. Und vielleicht war es ja nur das – dass wir über all das geredet haben und uns ständig über den Weg gelaufen sind-“

„Und du glaubst nicht, dass es nicht auch ein wenig an dir lag?“ Sie neckte mich. Das sprach unmissverständlich aus ihrem Blick.

Erstickt lachte ich. „Ja --- ich meine, vielleicht. Hm .“

Ihre Augen strahlten vor Vergnügen. „Na, ich finde dich schon ganz putzig.“

Ich konnte nicht anders. Fast ein wenig befreit entließ ich die Luft, obwohl immer noch nicht viel geklärt war.

„Du sagtest, er ist seit heute wieder in der Stadt, richtig? Hier mein Vorschlag: Ich fahre dich jetzt zu ihm rüber und ihr beiden klärt das.“

Mein Magen machte einen Salto. „ Ugh --- also, ja.“ Ich druckste herum. „Das ist lieb, wirklich , aber … Wir sind doch eigentlich zum Shoppen hergekommen und ... Das musst du wirklich nicht.“

„Wir haben doch schon alles erledigt“, widersprach sie. Eine seicht konspirative Note lag in ihrer Stimme.

„Darf ich denn überhaupt?“

„Solange ich dich um zehn Uhr wieder abliefere und vorher nicht aus diesem Bundesstaat verschleppe, hält Tony die Füße still. Versprochen.“

Ich wusste nicht, was ich darauf erwidern sollte. Gleißende Feigheit brannte in mir.

„Sola, die Alternative wäre, dass du es ihn am Montag ganz alleine herausfinden lässt. Wenn sie dir lieber ist, gut. Aber wenn nicht, fahre ich dich hin und ihr beide könnt es jetzt gleich ganz in Ruhe klären.“ Nat behielt mich so herzlich auffordernd in ihrem Blick, dass ich meine Verzagtheit instinktiv davor die Waffen strecken spürte. Vielleicht war es die Heldin in ihr, das Idol ; die Frau aus dem Fernsehen meiner Kindheit, die Alien-Kampfschiffe mit scheinbar bloßen Händen eroberte. „Wie wär’s? Ich bleibe ein wenig zurück und gebe ihm trotzdem ein paar Gründe, sich seine Worte zweimal zu überlegen, ja?“

Knapp lachte ich auf und mit dem Laut fasste ich endlich Mut. Nicht viel, aber es genügte um matt zu nicken. „Okay. Ja.“

Entspannt skateten wir zum Ausgang der Bahn zurück, schnürten die bunten Schuhe auf, wechselten sie gegen unsere eigenen und gaben sie an den Verleih zurück.

Als wir die Rockefeller Plaza verließen, sah ich jäh eindringlich zu Nat empor. „Aber kein Wort zu Tony.“

Sie grinste. „Wo denkst du hin?“ Vergnügt drückte sie mich an sich. „Das hier ist jetzt unser neues, ganz exklusives Tratsch-Thema.“

-/_\-

Ich hatte gelogen, realisierte ich. Boston schlägt NYC jederzeit , hatte ich geschrieben.

Aber es stimmte nicht. Nicht jederzeit .

Nicht hierbei .

Seine Überraschung war Elijah anzusehen, als er mir die Tür öffnete. Doch nichts hätte mich darauf vorbereiten können, wie sehr mein eigenes Herz zu flattern begann, kaum dass ich ihm gegenüberstand.

Schon als Nat eine Straßenecke weiter einen freien Parkplatz hinter einem dürren, alten New Yorker Stadtbaum gefunden hatte, war ich vor aufkeimender Nervosität in Schweigen verfallen. Wir waren aus dem Wagen gestiegen und dann entspannten Schrittes um den Block gelaufen, gesäumt von einer Vielzahl eindrucksvoller Townhouses, die das Stadtbild dieses recht kostspieligen Teils der Upper East Side ausmachten. Unterwegs hatte Nat meine Aufregung zu mildern versucht und ein Argument in die Waagschale geworfen, das ich Elijah präsentieren konnte, das nur von allerbesten Absichten zeugen würde: Dass ich es ihm einfach persönlich hatte sagen wollen, von Angesicht zu Angesicht, und nur deshalb erst jetzt mit der Sprache herausrückte. Aber ich hatte ihrem Rat nur halb gelauscht, beunruhigt von meinem eigenen, jähen Mut und zugleich auch ein wenig zurückgeworfen an jenen Abend, an dem Jeremy Lax vorgegeben hatte, Raffy Hannah zu sein, und mich durch eben diese Straßen fortgelotst hatte. Die Entführung war als Teil von Zeke Stanes Infiltrationsstrategie zwar zu scheitern gedacht gewesen, wie ich inzwischen wusste und Jeremy Lax vermutlich nicht , aber dennoch bereiteten mir die Gedanken an jene tückischen Stunden vor vielen Wochen immer noch Unbehagen und beschleunigten meine Schritte.

Wir erreichten Elijahs Straße im plärrenden Lärm sich nähernder und wieder entfernender Sirenen.

Mein Herz pochte längst, als Nat wohlweislich am Bordstein zurückblieb und mir appellierend zunickte, ehe ich schon die steingrauen Stufen zu Elijahs Haustür emporstieg und klingelte. Aber dieses Pochen hatte schlagartig rein gar nichts mehr mit Eile oder Aufregung zu tun, als Elijah selbst die Tür öffnete und ich sah, wie sich sein erst verblüfftes Stocken umgehend in freudvolle Überraschung wandelte, die sogar seine sonst immer recht gefestigten Züge aufhellte.

„Sola.“

„Ähm, ja. Hi.“

Er ließ die Tür los. „Wow. Hi. Du hast gar nicht mehr geschrieben-“

Obwohl er instinktiv beiseitetrat, um mich durchzulassen, regte ich mich nicht. „Ja, war mehr ein spontaner Einfall.“ Rasch rieb ich mir eine Ecke meines Ponys aus der Schläfe und dann begann ich schon selbst ein wenig zu strahlen, denn da war es wieder, dieses Gefühl, dass das hier gar nicht so übel war. Nein, so überhaupt nicht . Ich druckste: „Wenn es gerade nicht passt, klar, kein Problem, aber --- na ja, ich muss dir etwas erzählen und es … Es ist schon irgendwie wichtig. Es drängt ein bisschen.“

„Klar.“ Seine Stirn sank in feste, dunkle Falten, als sei er längst wieder einer meiner hinterwäldlerischen Angewohnheiten auf der Spur, die ihn zumeist genauso herzlich verwirrten wie Tony. „Du brauchst dich nicht anzumelden. Dad ist da entspannt. Wenn wir gerade nicht da sind, lässt dich jemand anderes rein.“ Er zögerte und senkte ein wenig die Stimme. „Wegen dieser Entführungssache an meinem Geburtstag und dann neulich wieder möchte er nicht, dass du hier zu lange auf der Straße herumstehst. Im Haus weiß jeder, dass du-“

„ Uh , okay. Cool. Ich dachte nur, … ihr seid gerade erst heimgekommen und ich hatte gar nicht mehr geantwortet …“

Kaum, dass die Überraschung über mein unverhofftes Auftauchen zu schwinden begann, bemerkte ich, wie sein Blick sich von meinem Gesicht löste und dann auch schon schlagartig irritiert über meine Schulter sprang. Seine Brauen fielen beinahe ineinander. „Ist das --- Ist das Natasha Romanoff?“

Rasch sah ich ebenfalls zurück. Nat schmunzelte, als wir sie beide gleichzeitig in den Blick fassten. „Ähm, ja, sie hat mich … hergefahren.“ Ich grinste schnell, als er schon unverhohlen fassungslos angesichts meines extravaganten Chauffeurservice die Brauen hob und sacht ungläubig den Kopf schüttelte.

„Kann sie --- ähm, vielleicht mit reinkommen? Solange wir sprechen?“ Ich hob die Schultern. „Wäre doof, sie unterm Baum stehen zu lassen.“

Herb schnaufend ließ Elijah einen Lacher in seiner Brust versanden und erst da begriff ich, dass ich es irgendwie hatte klingen lassen, als spreche ich von meinem Fahrrad.

Oder meinem Labrador.

„Sicher, No-Name .“

Mein Herz hüpfte auf.

Oh, verdammt ... Ich schluckte, als ich realisierte, dass irgendetwas im Laufe der vergangenen Wochen geschehen war, das mich unbeholfen und durcheinander und fast ein wenig zurückhaltend in seiner Gegenwart machte. Echt klasse, Sola, unglaubliches Timing , foppte ich mich selbst.

Ich sah zu Nat und wies mit dem Kopf in Richtung Tür. Entspannt folgte sie uns und schloss im hellen Entree zu uns beiden auf.

„Du bist also Elijah“, begrüßte sie ihn, kaum dass er die Tür hinter uns schloss.

„Ja, richtig, Elijah Magniconte.“ Er zögerte, ehe er ihr die Hand reichte. „Echt cool, Sie kennenzulernen, Ma’am.“

„Ebenso cool dich kennenzulernen.“ Zufrieden schielte Nat zu mir herüber. „Sola hat viel von dir erzählt.“

Er stockte. „Ja?“

„Na, sicher doch.“ Sie ließ ihren Blick über seine einwandfrei gefasste Miene gleiten. „Ein richtiges Sport-Ass und trotzdem ein Überflieger in der Schule, hm? Nicht abgehoben. Beliebt und vernünftig …“

Seine Statur richtete sich ein Stück weit auf. Knapp sah er zu mir, während ich noch säuerlich begriff, dass Nat mit ein paar mehr Hintergedanken hierhergekommen war, als sie mich hatte wissen lassen.

„Ist eine ziemlich gute Mischung“, resümierte sie. „Behalte sie bei.“

Elijah schluckte. „Ich versuch’s, Miss Romanoff.“

Nat lächelte immer noch, aber ihre Pupillen regten sich nicht, blieben fest auf die seinen geheftet, und plötzlich wusste ich, was sie tat und wieso überhaupt sie sich dieser Sache so schnell angenommen hatte, kaum dass ich mit der Sprache herausgerückt war.

Tja, ich durfte eben nie vergessen, mit wem ich es zu tun hatte. Roller Skates und Rainbow Bagels hin oder her. Nat war nicht meine Freundin, sondern Clints. Und darüber hinaus war sie Tonys heimliche Verbündete, manchmal gar sein weiblicher Abguss .

Sie ist eine von ihnen.

Auch um sie für ihre Listigkeit abzustrafen, funkelte ich stumm zu ihr herüber, aber es vertiefte ihr lieblich wohlwollendes Lächeln nur. Das tue ich für dich, du süßer Dummkopf , schien es zu sagen.

Und – ja , verdammt – ich konnte ihr nicht böse sein. Ich liebte Nat.

Auch wenn sie meinen Freund anscheinend bereits vollumfänglich geheimdienstlich durchleuchtet und mich an der Nase herumgeführt hatte.

„Steht da ein waschechter Avenger in meinem Entree?“

Wir wandten den Kopf, als Jack Magnicontes entspannten Schritte auf der gewundenen Marmortreppe ertönten. Er trug Freizeitkleidung, ein lockeres T-Shirt und Baggyjeans und genau wie schon bei Tony und all den anderen Sagengestalten meines neuen Umfeldes zu Beginn unserer Bekanntschaft verwirrte es mich, ihm außerhalb aller Werbedeals und Spielberichterstattungen zu begegnen, insbesondere wenn er nicht einmal seine ikonische New York Jets-Spielerkluft oder irgendeinen gesponserten, absurd luxuriösen Designer-Anzug trug, wie ihn Tony ebenfalls gerne ausführte, sobald er vor eine Kamera trat.

Nein, dieser Mann hier war die Privatperson. Er war Elijahs Vater. Und nichts hätte mich darauf vorbereiten können, wie normal er mir erschien.

„Die legendäre Black Widow “, seufzte er.

„Nicht weniger legendär als Mr. Magnificent persönlich.“ Nat neigte den Kopf. „Und wirklich nur halb so beliebt.“

„Noch habe ich es nicht 10 Yards in das Feld eines interplanetaren Teams geschafft.“ Er reichte ihr die Hand. „ Ihre Kontrahenten muss ich mir erst verdienen. Es ist mir eine Ehre, Miss Romanoff.“

Nat zeigte sich geschmeichelt, aber irgendetwas sagte mir, dass sie es bloß als höflichen Smalltalk verbuchte. Elijahs Vater sah derweil schon zu mir weiter.

„Meine Güte, Sola, du bist braun geworden. War das die karibische oder die kalifornische Sonne?“ Er fasste nach meinem Oberarm, als er mich kurz und aufmerksam in Augenschein nahm. „Das müssen die Stark-Gene sein. Deine Mum war von der hellen Sorte.“

Nat blinzelte.

„Sola hat Jayda und mir neulich ein paar Fotos gezeigt, nachdem mein Sohn uns nach meinem letzten Charity-Spiel endlich bekannt gemacht hat“, erklärt Jack schon an sie gewandt. „Meine Frau war ganz mitgenommen von dieser ganzen Geschichte. Es ist schrecklich. Wirklich schlimm. Eine böse Tragödie. Man liest es online und sieht die Berichte, aber es ist etwas ganz anderes, es von Sola selbst zu hören. Als Eltern leidet man da unweigerlich mit.“ Auch weil seine Stimme in eine so satte, unaufgeregte Ruhe fiel, wie Elijah sie selbst oft anklingen ließ, erschien es mir nicht bloß eine Phrase, die er zum Besten gab, um Nat zu beeindrucken. Er sah mich wieder an. „Wir waren sehr froh zu hören, dass du einen guten Sommer hattest.“

„Danke, Sir. “ Meine Stimme klang belegt.

„Es war richtig von deinem Dad sich aus dem … nun, dem Business zurückzuziehen und sich Zeit hierfür zu nehmen, Sola. Ihr habt so viel davon aufzuholen. Die Welt hat ein paar tausend Jahre ohne Iron Man überstanden und sie wird ganz sicher nicht ausgerechnet in den nächsten drei ohne ihn untergehen.“

In matter Zustimmung hob ich die Mundwinkel, auch wenn ich mir auf gut der Hälfte seiner Worte keinerlei Reim zu machen vermochte. Ja, Tony hatte einige ungestörte Wochen mit mir verbracht, aber er war zwischenzeitlich auch in New York gewesen und ich wusste recht sicher, dass er dabei auch im Avengers Hauptquartier vorbeigesehen hatte.

Hatte es einen Einsatz gegeben, von dem ich nichts wusste?

Etwas in mir wurde nervöser.

Jack musterte mich einen Augenblick, dann nickte er Nat zu, die uns immer noch aufmerksam beobachtete. „Also gut, lassen wir die Kids mal allein. Auf einen Drink, Miss Romanoff? Unsere Haushälterin macht einen fantastischen Cosmopolitan, aber wir haben auch frisch gekühlte Himbeer-Limonade.“

„Oh, ich nehme ein Wasser. Und einen Espresso, wenn das okay ist.“

„Den brauche ich auch.“ Beide Erwachsenen setzten sich in Bewegung. „Übler Jetlag ... Jayda ist ins Bett gefallen, kaum, dass wir durch die Tür kamen …“

„Sie waren verreist?“

„Ja, Sydney und Seoul. Anstrengende Woche. Davor Italien. Wie ist es bei Ihnen? Wo verbringt ein Avenger seinen Sommer?“

„Für gewöhnlich? Immer in der Nähe des Kongresses.“ Nats charmant witzelnde Stimme verlor sich, als sie Jack durch den weiten Türbogen tiefer ins Haus folgte. „Was soll ich sagen, D.C. hat einiges zu bieten …“

-/_\-

Als Nat und sein Dad entschwanden, um uns ein wenig Privatsphäre zu lassen, führte mich Elijah in Richtung Terrasse, doch noch auf dem Weg hinaus fasste er mich sacht beim Ellbogen, verlangsamte unsere Schritte und senkte die Stimme: „Eve ist hier. Sie kam kurz vor dir herüber.“

Obwohl ich sacht stockte, ließ ich mir nicht anmerken, wie sehr mich diese Worte aus dem Konzept brachten und hinterrücks überfielen, jetzt da sich bereits alles für mein unausweichliches Geständnis zu wappnen begonnen hatte.

Mein Mut schwand.

Schweigend folgte ich ihm weiter hinaus auf die breite Terrassenfront.

„Ihr geht’s nicht besonders“, brummte er mir zu. „Ihr Dad geht ihr gerade ziemlich auf die Nerven ...“

Nicht nur ihr , dachte ich trocken, in Gedanken ganz bei Pepper, die sich die vergangenen Wochen mit etwaigen von Senator Boyntons geforderten verschärften Sicherheitsregularien für ansässige Industrie- und Tech-Unternehmen in New York City hatte herumschlagen dürfen, die – in Tonys Worten – einem geradezu peinlich manischem Rachefeldzug gegen ihn persönlich entsprangen, der von Boyntons eigenem lächerlichen Versagen im Extremis-Vorfall eigentlich nur weiter angeheizt worden war.

Ich hatte mir die Stimmung an den langen Konferenztischen der letzten Wochen gut vorstellen können. Auf der einen Seite Pepper Potts, CEO eines der mächtigsten Unternehmen der Welt, die es Boynton nach wie vor nicht verziehen hatte, dank seiner gravierenden Fehlinvestition um Haaresbreite in reinsten, biologischen Sprengstoff verwandelt worden zu sein, und auf der anderen besagter Senator, der es sich zur Herzensaufgabe gemacht hatte, ihr auch diesen Tag zu verderben, bloß um Tony zur Weißglut zu treiben.

„Ah“, sagte ich jedoch nur.

Das kleine Wiesenstück und die vielen Pflanzenbeete entlang der steinernen, mediterran anmutenden Hinterhofmauern schienen auch während der Abwesenheit der Magnicontes eingehend gepflegt worden zu sein, denn nichts deutete auf Vernachlässigung oder den kleinsten Wildwuchs.

Eve saß auf einer Liege am Pool im Halbschatten einer der beiden Bäume, mit denen Elijahs Garten aufwartete. Sie hielt sich abgewandt, ihre kupferroten Krausen fielen ihr über den Rücken und ihr Blick war lustlos auf das stille Wasser gerichtet.

Es stand in seltsamem Kontrast zu den Klängen, die die schwere Stadtluft bis in den Hinterhof trug.

Schon wieder waren in der Ferne Polizeisirenen und festes Hupen zu vernehmen. Irgendwo kreischte ein Eisengitter und in einem nahen Hinterhof begannen zwei Hunde tief und dröhnend zu kläffen.

New York ächzte vor Spätsommerunruhen.

Und auch mich stimmte Eves Anblick nicht gerade positiv, doch diesmal lag es gar nicht an unseren absolut fehlenden Sympathien, sondern daran, dass ich keinerlei Absichten oder Mut besaß, Elijah ausgerechnet vor ihrer meisterlich wertend verschnupfter Miene von meiner wiederholt fragwürdigen Geheimniskrämerei zu erzählen.

Als sie unsere herannahenden Schritte in ihrem Rücken vernahm, wandte sie den Kopf. Ich konnte sachte Überraschung angesichts meines Auftauchens in ihrem Gesicht lesen, ehe sie schon in resignierter Akzeptanz verkeimte. Da sie keinerlei Unmut preisgab, bemühte auch ich mich um einen weitestgehend neutralen Ausdruck und folgte Elijah die steinernen Stufen zum Pool herab.

„Sola ist wieder da“, bemerkte er, als ruiniere meine Gegenwart nicht bereits diesen unerwarteten Plottwist ihres Nachmittags.

Eve runzelte die Nase. „Ja, hi. Hab es schon auf Insta gesehen.“

„Wir waren heute Mittag am Rockefeller shoppen“, antwortete ich knapp auf Elijahs Blick und dann wieder an sie gewandt: „Wie geht’s so?“

„Bestens.“ Sie hielt inne. „Du pfeifst jetzt auf Paparazzi, was?“

Verunsichert zog ich die Brauen zusammen, doch sie zuckte schon die Achseln.

Eine Sekunde sahen wir uns nur an und ich begriff, dass wir beide gehofft hatten, diesen Moment mit Elijah alleine zu haben. Und ja, fast fühlte ich mich schuldig, so unverhofft hineingerätscht zu sein. Eve hatte ihn aufgesucht, kaum dass er eingetroffen war, vielleicht bereits seit Tagen auf seine Ankunft gewartet, weil sie seinen Rat und vielleicht auch seinen Trost brauchte. Dass wir einander nicht leiden konnten, bedeutete nicht, dass ich nicht wusste, wie nahe sie ihm stand. Er war ihr bester Freund und das schon seit Jahren . Er war ihre Zuflucht, ihr Rückhalt, der eine Mensch, auf den sie vertraute und auf den sie baute , wann immer es hart auf hart kam.

Der eine Mensch, vor dem sie keine Fassade aufziehen musste. Nie .

Sie waren gemeinsam gewachsen wie Kirschen. Wie Daphne und ich.

Vermutlich würde ich mich hassen, wenn ich nun an ihrer Stelle wäre. Aber Eve erhob sich bloß.

Etwas in mir wollte sich augenblicklich entschuldigen, doch ich widerstand dem Drang. Ich würde mich nicht dafür rechtfertigen, dass ich das, was Elijah und ich so holprig begonnen hatten, nicht zumindest zu erhalten versuchte .

Als sei sie ohnehin drauf und dran gewesen aufzubrechen, schüttelte sie ihre helle Stoffhose aus. „Tja“, sagte sie. „Ich schau dann nochmal bei Kora vorbei …“

Elijah war das stete Unbehagen zwischen uns beiden gewohnt und nahm es für gewöhnlich auch ganz kommentarlos hin, doch diesmal regte er sich.

„Schon okay“, setzte sie müde hinterher, ehe er noch etwas einwenden konnte. „Ich hatte es ihr sowieso versprochen und ich muss vor sieben wieder Zuhause sein …“

„ Eve .“ Sein Blick blieb ruhig und klar auf sie gerichtet. Etwas Nonverbales vollzog sich zwischen ihnen. Unentschlossen verschränkte sie die Arme.

Ich hatte sie noch nie so resigniert erlebt. Sie musste wirklich einen miesen Tag gehabt haben, wenn ihr nicht einmal mehr die Kraft für gehässig vorgegaukeltes Wohlwollen oder ein paar abschätzige Blicke blieb.

„Gib uns einfach einen Moment“, kam ich Elijah schon zur Hilfe, ehe ich ganz wusste, was ich tat. Nervös sah ich zu ihm. „Ich bleib ohnehin nicht lange. Ich wollte eigentlich nur kurz mit dir sprechen. Nat wartet und --- ich muss auch heim.“

Letzteres war gelogen, aber es kam mir recht glaubhaft über die Lippen. Elijah jedenfalls zog es nicht weiter in Zweifel, stattdessen sah er von mir zu Eve weiter und der Fokus seiner Sorge blieb unmissverständlich in seinem unbewegten Blick bestehen.

Eve sah knapp auf den Naturstein zu ihren Füßen hinab. „Nein, kein Ding. Wir sehen uns Montag.“ Ehe er noch gefasst protestieren konnte, drückte sie ihn schon, dann zögerte sie, sah zu mir und zog auch mich in eine unbehaglich schnelle Umarmung. Sie wandte sich bereits ab und schritt die Stufen zur Terrassentür empor, bevor ich wirklich reagieren konnte.

Elijah sah aus, als wolle er etwas Nachsetzen, tat es dann aber doch nicht. Perplex verfolgte ich, wie sie entschwand. Dass sie mich umarmt hatte, fühlte sich genauso falsch an, wie dass sie ihrem wie auch immer gearteten Ärger nicht in Form hochgestochener Klagen und verdrießlichem Seufzen Ausdruck verliehen hatte.

Unangenehm berührt schwieg ich.

„Was …“, begann ich, als klar wurde, dass Elijah nichts sagen würde.

Er schüttelte den Kopf. „Nicht so wichtig.“

„Sicher?“ Ich stockte. „Was ist mit ihrem Dad?“

Er schnaufte. „Nichts. Sie kann es einfach nicht mehr hören. Seit fünf Jahren --- … Sie hat es einfach satt.“ Elijah unterbrach sich merklich, als er schon wieder in mein Gesicht sah. „Vergiss es. Ich ruf sie später nochmal an.“ Er zögerte. „Worüber wolltest du-“

„Ich habe die Schule gewechselt“, platzte es aus mir.

Elijah starrte mich an.

Fest atmete ich aus. „Ich verlasse die Bosworth. Ich meine, nicht erst bald, sondern direkt. Ich gehe ab dem neuen Schuljahr – ab Montag – auf eine andere … - eine öffentliche High School. Es ist zwar immer noch etwas spezieller, aber bloß eine Magnetschule für Wissenschaften und Technologie; die Midtown High in … - in Queens.“ Meine Stimme brach vor flatternden Nerven in sich zusammen, deshalb holte ich erneut Luft und fuhr schon wieder rascher fort: „Ich habe es auf der Bosworth gehasst, Elijah. Es stimmt, es ist besser geworden, aber es ist nicht … wie ich es mir vorgestellt habe. Ich vermisse einfach, wie es früher war.“ Seine Miene verdunkelte sich, deshalb setzte ich schnell und augenrollend hinterher: „Schon klar, Tony Stark ist mein Dad. Das ändert sich nicht. Aber ich will --- … Ich muss …  Ich will einfach noch einmal von vorne anfangen.“ Diesmal richtig . Betreten sah ich wieder in sein Gesicht. „Tut mir leid. Ich hätte schon früher mit der Sprache herausrücken sollen. Den ganzen Sommer haben wir so viel gesprochen und geschrieben und ich --- ich weiß nicht, wieso ich es nicht sofort getan habe. Vermutlich --- tja, bin ich einfach eine Idiotin.“

Er schwieg so lange, dass sich meine Kehle zuzuschnüren begann.

„Heißt das …“ Elijahs Miene verfinsterte sich endgültig. „Machst du gerade Schluss mit mir, Stark?“

Ich blinzelte. „Was?“

„Das ist abgefuckt.“

„ Was ?“ Diesmal blitzte meine Empörung hindurch. „Nein, ich dachte … Ich sagte doch -“

„War es die Nachricht?“ Er klang ungläubig. „Geht’s darum? Sag’s ruhig.“

Ärger wallte in mir auf. „Welche Nachricht?“

„Gestern, als ich geschrieben habe … na, als --- vergiss es .“ Er schnaufte aus, was auch immer er hatte sagen wollen. „Es geht hier nur um die Bosworth, ja?“

„Ja“, ächzte ich ratlos. „Worum sonst ?“

„Du sagtest, du willst noch einmal von vorne anfangen “, raunzte er jäh. „Was verflucht soll ich da denken?“

Auch wenn seine ganze Miene sich weiter verspannte und seine so viel größere Statur sich verhärtete, triggerte es mich, ihn so ungewöhnlich empört zu erleben, anstatt dass es mich beschämter werden ließ.

„Ich dachte, du hast jetzt die Nase voll von mir“, knurrte ich schon zurück, „weil ich einfach die Schule verlasse und erst so spät mit dieser ganzen Sache ankomme-“

„Seit ich dich kenne, baust du eine Scheiße nach der anderen, Sola. Wieso sollte das jetzt eine Rolle spielen?“ Obwohl er absolut verärgert schien, war es bloß seine Stimme, die sich dunkel vertiefte und in jähem Ernst und Verwirrung beschleunigte. Sein Körper blieb unbewegt. „Ich nenne dich No-Name , klar, aber es könnte doch nicht größerer Bullshit sein! Du bist seine Tochter . Auf eine öffentliche High School zu gehen, wird nicht leichter werden, sondern schwieriger.“

Protestbereit holte ich Luft.

Und dann war er plötzlich wieder so ernst und unaufgeregt gefasst, wie ich es von ihm gewohnt war: „Unser Leben funktioniert nicht wie das ihre. Sie werden nur deinen Dad in dir sehen, Sola.“

„Tja, so war es auch jetzt “, gab ich flapsig zurück.

„Und so ist es überall.“

Frustriert wandte ich den Blick ab.

„So bleibt es“, beharrte er. „Auch an der Midtown. Nur dort wird dich niemand verstehen. Das ist der Grund, warum es Orte wie die Bosworth gibt. Es hat nicht bloß mit Prestige und Paranoia zu tun.“ Er wandte ebenfalls den Kopf ab und unterdrückte ein beherztes Schnaufen.

Einen langen Moment sagte keiner von uns beiden mehr etwas. Um ihn nicht weiter anzugehen, biss ich die Zähne zusammen und stierte auf das sich vage kräuselnde Wasser des Pools. Hierbei hatte er unrecht, widersprach etwas in mir. Die Bosworth war es, die mich nie verstehen würde. Ich war nicht wie er, Elijah irrte sich, ich war ein Hybrid; ich kam aus einer anderen Welt, erst nachträglich in die seine geworfen. Und ja, ich wusste, dass es nicht leichter werden würde mit dem strahlenden Stark-Emblem auf meiner Brust, auch nicht an der Midtown High, aber diesmal wusste ich zumindest, wer ich war und wohin ich gehörte, wenn ich am Montag durch die Schultore schritt. Das hier war meine Chance, es noch einmal richtig anzugehen, an einer High School, wie ich sie verdiente.

Ich weiß, dass ich nicht mehr Sola Waters bin.

Elijah sah wieder zu mir. „Das mit uns läuft also?“

Ich löste meine nach wie vor verspannten Augenbrauen. „ Ja . Ich meine …“ Irritiert atmete ich aus. „Sind wir denn überhaupt --- irgendetwas?“

Er starrte mich an, als wolle er mir eine reinhauen. Dann verdrehte er die Augen, trat zu mir, legte beide Hände an meinen Nacken und küsste mich.

Alles in meiner Brust justierte sich neu.

Uh-huh … Jupp. Irgendetwas waren wir. Definitiv.

„Damit hättest du ruhig loslegen können“, brummte er, „statt mir Natasha Romanoff auf den Hals zu hetzen.“

Reuig und zugleich gleißend erleichtert verzog ich das Gesicht und schielte zur verlassenen Terrassentür hinauf. „Ja, das war unheimlich, oder?“, flüsterte ich.

„Total.“

Musik:

Empire State of Mind (Part II) Broken Down - Alicia Keys

Vacation's Over – Ramin Djawadi