Partykiller
Partykiller
Kapitel 40: Party Killer
„Wieso ist er schon zurück ?“, brach es aus mir. „Und wieso erwähnst du das erst jetzt ?“ Um ein Haar kippte ich Eve meinen noch reichlich verbliebenen Whiskey Ginger über, als ich mich wie der Rest von uns überstürzt auf die Füße brachte.
Meine Reaktion schien FRIDAY zu alarmieren, denn auch ihre Sprachausgabe beschleunigte sich: „Du hattest mich gebeten, dich zu informieren, sobald dein Vater in den Tower zurückkehrt-“
„Ja“, japste ich. „Sobald er aufbricht . Ich meine --- das meinte ich! Damit wir noch genug Zeit haben--- Scheiße , Shit, Shit …“ Völlig überfordert entließ ich den Atem, während sich alle um mich herum bereits hastig Flaschen und Gläser zu greifen begannen.
„Nein, wartet, okay, wartet! “, hielt ich Dakota und Kenzo zurück, als sie die Treppe hinauf in Richtung Bad lossprinteten. „Es gibt hier einen Abfluss --- glaub ich --- direkt unter der Bar …“
„Jo, cool und alles, aber du sagtest vorhin, die da haben den Bereich zur Nuklearzone erklärt …“, begann Kenzo und nickte zu den beiden Iron Man-Anzügen in meinem Rücken, die unser panisches Treiben mit klinisch emotionslosen Visieren verfolgten. „Also … Freiwillige vor, huh ?“
Prompt riss ich ihm Gläser und Tassen aus der Hand und spurtete hinter die immer noch in feurigem Höllenspektakel illuminierte Bar.
Das berstend laute Klirren von Glas in meinem Rücken ließ mich zucken. Beinahe fegte ich selbst zwei Gläser vom Tresen.
„Sorry! Sorry . Nichts passiert!“ Kora griff sich Servietten. Umgehend sank Eve gemeinsam mit ihr in die Knie, um die wild verstreuten Scherben ihres Glases zusammenzuschieben, als sich auch schon einer der Anzüge aus seiner Reglosigkeit löste, zielsicher zu ihnen herüber stapfte und sie beide einhellig erschrocken auf ihre Fersen zurückfallen ließ.
„Das ist FRIDAY! Sie hilft bloß!“, rief ich, während sich das klobige Mark-Modell von ihrer beider Reaktion gar nicht weiter beeindrucken ließ und alle verteilten Scherben auch schon mit kontrolliert entlassener Druckluft zu einem perfekten Haufen zusammen zu schieben begann. „Lasst ihn --- einfach machen …“
Plötzlich stand Peter neben mir. Die Brauen stumm drängend gehoben, sprach eine so wache Bereitschaft aus seiner Miene, dass es mich jäh daran zweifeln ließ, ob Dakota wirklich Whiskey in seinen Drink gemixt hatte. „Wo …“, setzte er an, während ich mit gerade geleerter Flasche bewaffnet auch schon wortlos zu dem kleinen, dunkelmarmorierten Becken unterhalb des Tresens wies, ehe uns eine Lawine weiterer Gläser überrollte.
Blindlings griffen wir zu und ehe ich mich versah, waren meine Hände so nass und klebrig, dass ich sie geradezu im Sekundentakt an meiner Kim-Possible-Cargohose abzureiben begann.
Während wir im irrwitzig eingespielten Stakkato sämtliche über den Tresen gepfefferten Getränke unter chaotischem Klirren und Gluckern in den Abfluss kippten und Wince sich unvermittelt eine Handvoll zerstoßenes Eis ins Gesicht zu reiben begann, wurde ich mir sacht auf der Stelle torkelnd sowohl meines seltsamen Leichtgewichts wie auch des verdächtig ausbleibenden Updates bewusst. „FRIDAY! Was ist los ?“, stieß ich ungeduldig aus. „Wo steckt er? Kommt er hierher?“
„Ich bin nicht sicher. Mr. Stark ist nochmal zum Wagen zurückgekehrt, um sein Sakko zu holen. Er schreibt gerade eine Nachricht.“ Ein kleines, motiviertes Japsen ging durch die Lounge. „Soll ich fragen-“
„ NEIN !“, schallte es einstimmig entsetzt aus allen Kehlen.
Wiederholt griff ich nach einem längst geleerten Glas und stieß es genervt von mir. Prompt trieb Dakota die anderen dazu an, die geleerten Gläser wieder vom Tresen zu schaffen, schleunigst mit Alibi-Getränken zu befüllen und Rumi wachzurütteln, die nach wie vor angetrunken auf der Couch lag und mit ihrem pinken Knicklicht in völlig vermurkstem Takt zu Rihannas Disturbia gegen ihr Knie schlug. MJ warf einen Haufen durchnässter Servietten in eben denselben Eiskübel ab, den Wince kurz zuvor mit bloßen Händen geleert hatte, und hob unaufgeregt den Daumen.
Kaum, dass Eve eines der Gläser anhob, verzog sie das Gesicht. „Vergesst es. Die riechen.“
„Shit.“
Schnell sah ich um mich, meine Sicht weich und unfokussiert vor alkoholisierter Aufregung, dann fiel mein Blick aufs Büfett. Ich rief Wince zu, uns eine der Servierplatten zu bringen. Kaum, dass er ein von Sirup-Resten und Teigkrümeln überzogenes Exemplar neben uns abwarf, nickte ich Peter, Eve, Dakota und Elijah zu. „Alles da drauf. Schnell .“
Scheppernd und klirrend legten sie los, während Hana und Kora Alibi-Getränke in frischen Gläsern gezielt chaotisch über den Tisch voller verbliebener Snacks und Bierdeckel zu verteilen begannen und MJ frei heraus erklärte, dass sie dies mit Abstand für den unterhaltsamsten Teil des heutigen Abends hielt.
Als mein Arm unter knallendem Scheppern unversehens gegen die Kante der dramatisch überladenen Servierplatte im toten Winkel meines verlorenen peripheren Sichtfelds stieß, blieb mir das Herz stehen.
Die gesamte fragil konstruierte Pyramide kippte Peter entgegen, doch irgendwie gelang es ihm die Platte in allerletzter Sekunde abzufangen und mit nahezu unwirklicher Präzision bis zum letzten Glas vor der Brust auszubalancieren, ohne dass sich unsere gesamte panisch erwirtschaftete Arbeit in eine berstende Lawine schier entlarvender Scherben verwandelte.
Eine lange Sekunde atmete niemand mehr, nicht einmal MJ, alle Blicke überwältigt auf Peter und den Berg Kristallglas geheftet, dann ---
„Oh, fuck “, raunte Kenzo. „Das war krass , Bro ...“
Elijah sprang als Erster aus unser aller geschockter Starre und griff zu. Gemeinsam hoben sie die Platte zurück auf den Tresen.
„Vielleicht-“, begann ich heiser, doch ehe ich noch ganz hoffnungsvolle Entwarnung geben konnte, schnitt FRIDAY schon dazwischen: „Sola, der Boss hat sich soeben erkundigt, ob die Party noch steigt. Ich nehme an, er macht sich gerade auf den Weg zu euch. Ihr habt voraussichtlich noch anderthalb Minuten.“
„Wo ist er?“
„Gerade verlässt er das Parkdeck in Richtung Aufzüge.“
„Schick unseren Lift ins Penthouse!“, befahl ich blindlings. „Mit Halt auf jeder Etage. Und hinunter --- fünf zufällige weitere Stopps, klar?“
FRIDAY schien im Missionsmodus, denn sie verfiel just in enthusiastisch verbalisierten Tatendrang. „Verstanden, Sola.“
„Was ist, wenn er einen anderen Aufzug nimmt?“, wandte Elijah ein.
„Nur unser privater Lift fährt bis in die obersten Etagen. Hausservice, Security und Reinigungskräfte nutzen ihn aber auch ... Damit bleiben uns noch ein paar Minuten.“
„Das nennt sich existenzialistische Verzweiflung“, ließ MJ ihn wissen. „Im Grunde mentale Palliativmedizin.“
Stöhnend wies ich den nächst verfügbaren Anzug an, die Servierplatte voller Gläser, so schnell es ging, zur Spülmaschine und damit außer Sichtweite zu bringen. Einhelliges Ausatmen zog durch die Lounge, als er schlussendlich unaufgeregt zielsicher mit der beladenen Platte um die Ecke verschwand.
Ehe ich mich versah, packte Dakota mein Kinn und drückte mir den Mund auf. „Nicht einatmen.“
Kaum, dass ich das kleine Spray in ihrer Hand registrierte, legte sich auch schon ein derart intensiver Schwall Minze über sämtliche meiner Geschmacksknospen, dass es mir just mit aller Macht den Magen umdrehte und ich kurz befürchtete, mich direkt über die waschechte Mick-Jagger-Jacke zu übergeben, die sie nach wie vor trug. Selbst Peter verzog das Gesicht, als ihn die Aromawolke ihres aggressiven Mundsprays streifte.
„Lass das.“ Elijah packte Dakotas Handgelenk, als sie mir völlig mitleidslos gleich noch ein paar eiskalte Tropfen Wasser zielsicher ins Gesicht flitschte, von denen mich einer direkt ins Auge traf. „Jeder sieht, dass sie getrunken hat. Oder Wince. Oder Rumi. Das alles bringt nichts ... Er checkt es sowieso.“
„Meg hat recht.“ Kenzo hob die Schultern. „Aber wo keine Leiche, da kein Verbrechen …“
Mein Blick sprang zu Peter weiter, der leise zustimmend die Schultern hob. „Mr. Stark weiß bestimmt, dass … na ja, dass auf solchen Partys getrunken wird“, begann er. „Und alle sind doch okay? Ich meine, ist es schlimm, wenn er es … irgendwie vermutet?“
„Ich darf nicht trinken“, brach es nervös aus mir. „Wirklich nicht, ich-“
„Klar, ich meinte nicht --- Ich meine, niemand darf es so wirklich “, ruderte er schnell zurück „nur eigentlich … wissen sie es ja doch und ...“ Sein Blick sprang in die Runde, merklich auf der Suche nach Zuspruch.
MJ nickte, obwohl ihre Gesichtszüge vage angespannt blieben.
„Schon klar, nur --- ich --- also, ich hab ein Aneurysma, okay?“, hörte ich mich Peter heiser gestehen.
Obwohl ausgenommen von MJ und Peter eigentlich alle davon wissen mussten, wurde es um mich herum still.
Das dumpfe Schuldgefühl, das bis vor wenigen Minuten noch völlig hinter meinem dahinsegelnden Bewusstsein zurückgeblieben war, holte mit jähem Schub auf. „Letzten Geburtstag hatte ich diese Hirnblutung …“, gestand ich und prompt ließen meine seltsam aufgeriebenen Nerven eine stille Hysterie in mir aufkeimen, die meine Stimmbänder nur weiter aufraute. „Es ist inzwischen stabilisiert und alles, klar, deshalb sollte nichts mehr passieren, nicht wirklich , aber --- na ja, bis es verödet ist, sollte ich nicht trinken, echt --- echt gar nicht … Wir haben darüber gesprochen und --- es ist so eine richtige Regel, wisst ihr?“ Ich brach ab.
Elija schluckte bedacht, als ich ihn jäh überfordert ansah.
Dann griff Wince meine Schulter. „Verschwinde aufs Klo.“
„Genial!“, stieß Dakota aus.
„Wahrscheinlich sagt er sowieso nur kurz Hallo und geht wieder“, stimmte Eve schulterzuckend zu, als sei sie der ganzen Debatte wirklich überdrüssig.
„Sie haben recht, du fliegst auf, sobald er dich sieht“, versicherte Dakota. „Dafür haben die ein Gespür. Aber den Rest von uns kennt er kaum, richtig? Wenn alle ganz ruhig bleiben und ich meine, echt cool und gechillt, und Rumi --- einfach mal die Fresse hält …“
Müde krächzend hob Rumi den Kopf von der Couch. „Hh-- ey …“
Einen Augenblick sahen wir uns alle bloß an, dann stießen sie mich auch schon aufgeregt in Richtung Treppe und stoben zurück zur Couch. Ich sah Kenzo geradezu siegessicher über die nächste Rückenlehne springen und Rumi noch schnell die getönte Sonnenbrille aufsetzen, doch kaum am oberen Treppenabsatz angekommen, taten sich die Lifttüren vor mir auf und entließen Tony.
Ich blieb stehen.
„Was soll die Schockstarre?“, empfing er mich prompt und ließ seine gleichmütig feierabendlichen Schritte direkt vor mir auslaufen. „Hat FRIDAY es mit den Jump-Scares übertrieben?“
Sein dunkles Sakko und pflaumenfarbenes Hemd saßen makellos, trotzdem hielten sich Spuren nonverbaler Frustration in seinem Hemdskragen und seinen dunklen Haaren, als sei er sich zuletzt mehrfach hindurchgefahren.
„Du …. uh-hm , bist zurück?“, murmelte ich.
„Wieso?“ Er neigte den Kopf. „Sollte gerade das Ouija-Bord ausgepackt werden? Oder … die satanische Pfeife?“
„Nein“, versicherte ich schnell. „Keine satanischen Rituale. Wieso --- ugh , was … was machst du hier?“
Die Nervosität schien meinen anscheinend deutlichen Alkoholpegel nur weiter aufzudrehen, denn Hitze begann von mir abzustrahlen wie von einer Motorhaube in kalifornischer Sonne, als Tony eine Hand neben mir auf die Balustrade ablegte und seinen Blick beiläufig zu meinen Freunden weiter unten hinabschweifen ließ.
Obwohl die laufende Musik ihre Gespräche hier oben zu einem beinahe gleichlauten Brei vereinte, konnte ich nicht anders als sie alle für ihre Inszenierung unverdächtig gechillten gemeinsamen Abhängens zu bewundern, insbesondere als Dakota, Kenzo und Wince jäh nach Luft schnappten, einander anstießen und Tony auch schon strahlend zuwinkten und nach ihm riefen. Er warf ihnen ein breites Lächeln zu.
„Das ist eine kriminelle Menge Minzaroma“, informierte er mich mit unverändert auf einen freundlich schmunzelnden Plauderton beschränkter Stimme. Unvermittelt sah er wieder zu meinen Freunden hinab. „Ihr … unterhaltet euch gut, ja?“
Glucksende Zustimmung schallte zurück.
„Können wir den neuen Handschuh sehen, Mr. Stark?“, setzte Kenzo hinterher.
Tony sah mich wieder an, seine Miene eine Meisterklasse geselligen Theaters. „Wie viel hat hier die Runde gemacht?“, erkundigte er sich gesenkt. „Eine Flasche?“
Ich starrte ihn bemüht verwirrt an, auch wenn es mehr in sehr lahmer Leugnung endete, da Hitze weiter unaufhaltsam mein Gesicht eroberte.
„Mehr, huh ?“ Seine Braue sprang mager beeindruckt empor. Knapp rieb er sich das Auge und ehe ich mich versah, löste er sich schon wieder von der Balustrade und begab sich in Richtung Treppe.
Mein Magen machte einen Satz.
„ Dad , nein, warte —“ Sofort heftete ich mich an seine Fersen, stolperte über meine eigenen Füße und fiel beinahe in ihn hinein, ohne dass er auch nur über die Schulter sah. Sein schlendernd unbeschwerter Trott trug uns in Windeseile die halbe Treppe hinunter. „ Okay , warte, kurz --- Da d , das ist echt --- richtig uncool …“
Erst, als er den Fuß der Treppe erreichte, ohne mein nervöses Japsen auch nur im Ansatz zu beachten, ließ ich mich resigniert zurückfallen.
Alle Augen richteten sich auf ihn.
Tiefenentspannt hielt Tony auf meine versammelten Freunde zu.
„Hey, Mr. Stark!“ Kenzo richtete sich auf. „Echt cool, Sie kennenzulernen, Mann .“
Tony reichte ihm die Hand. „Schon geschehen.“ Sein Blick sprang zu Wince, Dakota und Rumi weiter. „Diese Truppe kenne ich. Ihr seid der Suicide Squad aus dem Central Park.“
Sie alle erwiderten sein leutseliges Schmunzeln, als habe Iron Man nie ihren prestigeträchtigen illegalen Lieblingssport durch sein bloßes Erscheinen in seine rasch in alle Himmelsrichtungen fliehenden, halb betrunkenen Individuen vaporisiert und damit meinen allerersten und vermutlich einzigen Slide-Abend zu einer Lektion in Sachen nicht vorhandener Elterncoolness degradiert.
Lau argwöhnisch beobachtete ich, wie Tony zu einer schlendernden Runde eines vermeintlich spontanen Meet & Greets ansetzte und einem nach dem anderen von ihnen kurz die Hand reichte und hier und da ein paar Worte wechselte.
„Kann‘ich die Brille behalten?“, erkundigte sich Rumi, als er sich ihr zuwandte und wir unversehens einstimmig die Luft anhielten.
Tony zuckte die Achseln. „Von mir aus. Der Mantel muss zur Sammlung zurück oder ich lande auf Camerons Blacklist.“
Sie schenkte ihm ein trunkenes Grinsen. „Me e ega.“
Unbewegt sprang sein Blick weiter und traf Eve. „Weiß dein Dad, dass du hier bist?“
Sie antwortete nicht, auch wenn sie seinen bewusst foppenden Blick eine verräterisch bestätigende Sekunde zu lange hielt, was seine Mundwinkel hob und ihr einen leise hinterfragenden Seitenblick von Elijah einbrachte.
„Ich schüttele keine Hände“, erklärte Hana.
„Das respektiere ich.“ Tony sah weiter. „MJ, korrekt?“
Sie versuchte sich nichts anmerken zu lassen, ich sah es, trotzdem konnte ich MJs Stimme unter der sachten Aufregung nachgeben hören, plötzlich in Tony Starks waschechter Gegenwart zu stehen, als sie ungewohnt zurückhaltend seine Hand entgegennahm.
Ehe er noch auf die Idee kommen mochte, die wie auch immer clever positionierte Axt des unmissverständlich anstehenden erzieherischen Twists auf den nächsten sich mutig hervortuenden Ahnungslosen niedersausen zu lassen, trat ich schon neben ihn. „ Umm , okay, Dad, cool und alles ---“
Doch Tony legte bloß herzlich entspannt einen Arm um mich und sah zurück in die Runde. „Wie lief der Abend? War’s unterhaltsam?“
Bestätigung schlug ihm entgegen.
„Wie lief Ihr Abend, Mr. Stark?“, gab Rumi zurück und kassierte prompt Tritte gegen die Wade aus gleich zwei benachbarten Richtungen.
„Schaurig“, parierte er gekonnt. „Zwei Doppelgänger allein vor dem Entree. – Parker, falls du gegen deinen Willen festgehalten wirst, blinzle dreimal, ja?“
Peters überrumpelte Miene ließ meine Freunde glucksen, als Rumi auch schon ihr Glas umschmiss. „Shit, Leute … da war noch was drin …“ Sie sah absolut ertappt drein, während Elijah und Hana einen dunklen Blick wechselten und rasch ein paar verbliebene Servietten griffen.
Ihre bemüht nüchternen Fassaden einfach unter Tonys anhaltender Aufmerksamkeit derart konsequent wegbröckeln zu sehen, ließ mich auf der Stelle scharren.
Wie beiläufig zog sein Blick über unsere Umgebung und unversehens zu meiner unruhig wankenden Gestalt in seinem Arm zurück. „Was habt ihr getrieben?“
Ich schluckte. „Eigentlich bloß … gechillt …“
„Wow. Konsequent.“ Tony blinzelte nicht.
„Das Büfett und die Kostüme waren super“, ließ Dakota schnell vernehmen.
„Ja?“
„Ja, echt cool angerichtet, oder, Leute? Der Pizzaofen? Mega.“
„Alles da gewesen? Keine … Upgrade -Ideen?“
„Ja --- nein, totaler Slay.“
„ Slay , hm?“
Ich presste meine Finger durch den dichten Stoff seines Sakkos in seine Rippen, aber Tonys Lächeln wurde nur statischer.
„Danke, dass wir hierherkommen durften, Sir“, bemerkte Elijah, ohne ganz aufzusehen, während er den bräunlich verfärbten Haufen nasser Servietten zusammenschob. „Wissen wir sehr zu schätzen.“
„Kein Problem.“ Tony ließ mich los. „Jemand wollte gerade den Handschuh sehen?“
Meine innere Anspannung versackte in hohler Erleichterung, als er auch schon unter zustimmendem Jubel seine Armbanduhr unter seinem Ärmel hervorzog und sie, begleitet von nun ehrlich entgeisterten Ah s und Oh s, binnen Sekunden in das vollwertige Iron-Man-Bauteil inklusive strahlendem Repulsor transformierte, das erst vor wenigen Tagen weltweite Schlagzeilen geschrieben hatte.
Sofort waren Kenzo und Wince auf den Beinen und bei ihm, um die nanotechnologische Innovation aus leibhaftiger Nähe zu bestaunen. Binnen Sekunden gesellte sich auch der Rest meiner Freunde dazu, selbst Eve, Hana und Kora, die sich einen Moment stillschweigend ansahen, ehe sie sich widerstrebend neugierig von ihren Plätzen erhoben. Lediglich Peter und Elijah verblieben auf der Couch.
Während Peter das Geschehen um Tony mit abwesendem Schmunzeln verfolgte und zugleich eindeutig ganz anderen Gedanken nachhing, sah Elijah zu mir herüber.
Wortlos sank ich neben ihn, wenn auch diesmal mit einer Handbreit Abstand, und murmelte ein Danke.
Er hob einen Mundwinkel. „Hat er’s gecheckt?“, erkundigte er sich gesenkt.
Ich nickte und hob die Achseln, wie um zu unterstreichen, dass das nun mein Leben war, eine niemals endende Pechsträhne.
„Schätze, wir sehen uns dann in drei Wochen …“, murmelte ich.
Diesmal lachte er fast und dieses magere, resigniert belustigte Grummeln, das so ungewollt aus seinem Inneren aufstieg, ließ mich trotz aller Verdrossenheit ein wenig lächeln.
Während die anderen Tony weiterhin mit Fragen und japsenden Unsinn eindeckten und die beeindruckende Flexibilität des Handschuhs bewunderten, wanderte Peters Aufmerksamkeit stillschweigend zu uns herüber. Er konnte unsere gesenkten Worte nicht wirklich vernommen haben, aber er schien uns dennoch anzusehen, worüber wir sprachen, denn kaum, dass unsere Blicke sich begegneten, hob er leise anfragend die Schultern.
Müde bestätigend hob ich die Mundwinkel, dann ließ Tony seinen Handschuh auch schon mit knapp zelebrierendem Schlusswort wieder verschwinden, richtete seinen Ärmel und schritt um die Couch zu uns herum.
Ich wappnete mich, aber bevor ich mich aus meiner bereits halb schmollend zusammengesackten Haltung wieder aufrichten und das antiklimatische Ende meiner Party verkünden konnte, damit er es nicht mit entblößend direktem Pathos tat, beugte sich Tony schon zu mir herab, schlang einen Arm um mich und drückte mir einen schnellen Kuss hinters Ohr. „Wir sprechen morgen“, murmelte er so beiläufig, dass es vollkommen in seiner Geste unterging, ehe er sich schon wieder aufrichtete, uns noch einen absolut gechillten Ausklang wünschte und verschwand.
„Okay, jetzt kann ich’s sagen“, gestand Dakota nach einem Moment misstrauischer Stille. „Ich dachte echt, wir sind an diesem Punkt getoastet und well-done . Hat das gerade … funktioniert?“
„Ich meine --- er hat es gecheckt, oder??“, wandte Wince ein.
„Total.“
„Scheiße, ja.“
Kenzo lachte. „Rumi hat ihm lallend seine verfluchte Brille abgezogen. Wie zum Teufel soll er es nicht gecheckt haben?“
„Sie hat es ihm gesagt “, platzte es aus Hana. „ Shit, Leute, da war noch was drin . Dein Ernst?! Das war deine verdammte Coke!“
„Ich hat‘ keine Coke“, wehrte Rumi lethargisch ab. „Ihr habt’s vergessn …“
„Deine Alibi -Coke, Bitch.“
Dakota und Eve begannen zu kichern und dann brachen alle um mich herum in einstimmiges Glucksen, Lachen und Schnaufen aus. Den Blick auf mich gerichtet, zeichnete Kenzo mit herabgezogenen Mundwinkeln ein winziges Kreuz auf seine Brust.
-/_\-
„Brauchst du das hier?“
In meinem Zimmer war es längst dunkel, aber unsere Fenster noch nicht abgeblendet und deshalb war es dank Manhattans Lichtermeer nicht schwer, MJ neben mir auszumachen, als wir schlussendlich gähnend und wispernd in meinem Bett lagen und ich ein letztes Mal durch mein Inventar überschüssiger Kissen ging.
„ Umm , klar …“ Sie nahm die kleine Nackenrolle entgegen, eine Sekunde spürbar überfordert, was sie damit anstellen sollte, ehe sie es irgendwo in ihrem eigenen Berg Kissen unter sich vergrub.
„Wenn es zu viele sind, wirf sie vom Bett.“ Erledigt warf ich mich zurück in meinen eigenen Hügel einladender Flauschigkeit. Müdigkeit drückte längst auf mich wie ein Medizinball.
Neben mir griff sich MJ sanft die Iron-Man-Plüschfigur in unserer Mitte, betrachtete sie eine Sekunde, während ein halbes Lächeln über ihre Lippen wanderte, und wendete sie schließlich in meine Richtung. „Hast du die lange?“, erkundigte sie sich.
Matt gluckste ich. „Nein, Dad hat sie vor ein paar Wochen aus Europa mitgebracht. Ist … umm , irgendwie ein Insider ...“ Ich brach ab, als mich umgehend unsere neue Realität überrollte, in der Hawkeye-Merchandise keine Rolle mehr spielte, ihr neckender Kleinkrieg um meinen bevorzugten Superhelden zum Tabu-Thema verkommen zu sein schien und ich ernsthaft darum betete, dass die Frage nach Tony oder Clint niemals aufkam.
Denn die Antwort schien irgendwie längst gefallen.
Gefragt hatte keiner.
Stumm rollte ich mich auf die Seite und schob meine Hand unter meinen Kopf. MJ tat es mir gleich. Unsere Blicke direkt aufeinander gerichtet, schwiegen wir.
In meinem Kopf pochte es inzwischen sacht beharrlich. Während MJ sich im Bad bettfertig gemacht hatte, hatte ich es FRIDAY bereits pflichtschuldig gemeldet und obwohl sie versichert hatte, dass meine Werte unauffällig waren und sie meinen Schlaf im Blick behalten würde, fühlte ich mich nun doch seltsam lethargisch und irgendwie schuldig dumm.
Tony war uns bei unserer Rückkehr ins Penthouse nicht weiter aufgelauert oder begegnet.
Zugegeben, wir waren eigentlich mehr durch die Räumlichkeiten geschlichen, nachdem wir alle verabschiedet hatten und wieder hochgefahren waren, aber ob Tony uns nun bemerkt hatte oder nicht, er war nicht mehr aufgetaucht und hatte uns in Frieden passieren lassen, wofür ich dankbar war, denn die Vorstellung, vor MJ mit ihm in die Diskussion einzusteigen und eingestehen zu müssen, dass ich es innerhalb eines einzigen Tages bereits wieder vollbracht hatte, auf seinem so progressiv durchdesignten Erziehungskonzept einer beidseitig abgesegneten Charta herumzutrampeln, war nicht unbedingt die Art schaurigen Halloweens, die ich ihr und mir bereiten wollte.
Dass er gänzlich darauf verzichtet hatte, mich vor jedermann zu blamieren, rechnete ich ihm hoch an. Trotzdem hatte ich wirklich keine Lust darüber nachzudenken, welche Art vorwurfsvolles Missfallen garniert von schier freudlosen Monologen über meine nichtexistente Kooperationsbereitschaft zur Verhinderung meines plötzlichen Hirntods mich morgen seinerseits vermutlich noch erwartete.
Nur noch mehr besorgte mich allein, was MJ insgeheim von dem heutigen Abend hielt, der so gänzlich anders verlaufen war als alles, was ich versprochen hatte.
Ihre klaren braunen Augen musterten mich gedankenvoll, zwei dunkle Punkte in einer Silhouette gespenstisch silbernen Stadtlichts.
„Und … wie fandest du es?“, überwand ich mich leise zu fragen.
„… interessant?“
Ich fuhr mir über die Augen. „So schlimm?“
MJ zog das Kinn ein und gab sich kritisch. „Niemand hat Peter fertig gemacht“, befand sie. „Das war neu ...“
Ich gluckste und dann lächelte sie und plötzlich wusste ich, dass sie den Abend, so absurd, übertrieben und chaotisch er sich entgegen all meiner Versicherungen auch entwickelt hatte, durchaus auch genossen hatte. Vielleicht sogar mehr als ich selbst.
Vorsichtig kniff MJ die Brauen zusammen. „Er hat ein Geheimnis.“
„Peter?“
Sie nickte. „Er führt ein Doppelleben.“ Obwohl sie es wie den betont ernstgemeinten Zeugenbeitrag eines True-Crime-Podcasts klingen ließ, schien es eigentlich ein Test, denn ihr Blick tastete meine Miene im nächtlichen Zwielicht ab. „Er hat da … diese Sache am Laufen. Peter ist bloß die Fassade. Er versucht nicht aufzufallen, damit niemand herausbekommt, wer er wirklich ist und was er draufhat. Aber dein Dad hat es. Es herausbekommen. Deshalb das Praktikum.“
Ich grinste, widerwillig unterhalten, aber dann war da wieder die Enttäuschung, die Realität , die Erkenntnis, dass Peter nie die Wahrheit gesagt und gleich in diesen ersten Wochen an der Midtown High hinter meinem Rücken in Tonys Leben getreten war, einen Platz bei Stark Industries, unter den Stipendiaten der September Foundation und ganz nahe an den Avengers erobert hatte, und alles davon, ohne es mit einem einzigen Wort vor mir zu erwähnen, obwohl wir uns längst anzufreunden begonnen hatten, und mein Grinsen starb ein wenig.
Ich wollte ihm vergeben, realisierte ich. Er hatte niemandem wehgetan. Er hatte es nicht einmal böse gemeint, dieses Stillschweigen. Vermutlich hatte Tony es sogar zur Voraussetzung ihrer Zusammenarbeit gemacht, mir nicht zu sagen, dass er Spider-Man nicht nur bewunderte, sondern sogar persönlich kannte, und von nun an ihrer beider Mittelsmann spielte.
Peter verdiente das Praktikum, das Stipendium, er --- verdiente diese Chance .
Weh tat in alldem nur meine ganz eigene Wahrheit.
„Sein Geheimnis“, sagte MJ leise. „Es ist Spider-Man, oder?“
Ich zögerte, dann spürte ich mich stumm nicken.
Mit abwesendem Lächeln schob sie sich tiefer in die Kissen.
„Ich wusste es“, murmelte sie.
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Der frühe Morgen des ersten Novembers präsentierte sich von seiner wortwörtlich finstersten Seite.
Vor den Fenstern regnete es in Strömen und über der schwarzen, gelegentlich vor purpurnen Blitzen pulsierenden Wolkendecke siedelte immer noch schwere Nacht, die bis in die übermüdeten Knochen hinabgriff, als MJ und ich uns wenig motiviert aus dem Bett hievten.
Das weit entfernte Gewitter tobte stumm, denn die schallschluckende Architektur des Avengers Towers verbarg jedes noch so dumpfe Grollen und ließ uns mit einem geradezu gespenstisch stummen Wetterleuchten über Manhattan zurück, das es fast noch unwillkommener machte wirklich aufzustehen. Im Bad rieb ich mit Wasser mein Gesicht lebendig, lud eine überdurchschnittliche Menge Zahnpasta auf meine elektrische Bürste und ließ sie mit lahmer Motivation in beinahe hypnotischer Bewegung durch meinen Mund wandern, um den säuerlichen Nachgeschmack des vergangenen Abends loszuwerden, ehe wir uns schlussendlich jeder in ein halbwegs qualifiziertes Tagesoutfit schälten, das zumindest in meinem Fall hoffentlich genügend Grautöne beinhaltete, um heute weitestgehend unter Mr. Liebers und Mr. Cobbwells Radar potentieller Interaktionspartner zu verbleiben.
Mein Kurzzeitgedächtnis schien noch immer im Tiefschlaf, als wir uns hinunter zum Frühstück schleppten.
Zuerst vergaß ich meine Jacke und machte noch einmal kehrt. Dann realisierte ich, dass ich mein StarkPhone irgendwo im Bett zurückgelassen hatte und wühlte mich zehn gottlose Minuten durch chaotische Berge aus Kissen und Bettzeug, ehe mir aufging, dass ich FRIDAY einfach darum bitten konnte, mein StarkPhone pingen zu lassen. Und gerade, als ich endlich in meiner an diesem Morgen bewusst sehr minimalistisch gehaltenen Portion Cornflakes herumquirlte, die MJ mit wesentlich mehr Appetit und abwesendem Blick in das düstere Morgenpanorama verschlang, wurde mir jäh siedend heiß bewusst, dass das Englisch-Essay, an dem ich das gesamte Wochenende bis zur Perfektion herumgedoktert hatte, nach wie vor auf meinem Schreibtisch lag, von wo aus es mir heute ganz sicher keinen bedeutsamen Aufwärtstrend in Mr. Liebers Unterricht verschaffen würde.
Also entschuldigte ich mich wiederholt und trottete zum dritten Mal an diesem Morgen wieder die Treppe hinauf. Als ich mit dem leidigen Essay in der Hand zurückkehrte, stand Tony in pastellgrünem Sweatshirt hinter der Kücheninsel und unterhielt sich mit MJ, als sei er nie irgendwo anders gewesen.
„Ohne das Watson, richtig?“
MJ nickte, auch wenn ich nicht sagen konnte, worüber sie sprachen. Ihre Haare waren ein bewusst generiertes Desaster. Ein schiefer, kleiner Dutt auf einem Berg aus Locken und Krausen, die allesamt ihre klugen Augen umzingelten und mit dem etwas zu weiten ausgewaschen grauen Hoodie in anarchischer Verbindung standen, den ich ihr für heute geliehen hatte.
„Irgendwelche Allergien oder Unverträglichkeiten?“
„Nein, umm , keine.“
„Dann runter damit. Artischocken, Zitrone, alles dabei … Hilft mit dem Acetaldehyd.“ Er stellte einen beißend kurkumagelben Smoothie neben ihr ab, den sie dank meiner gestrigen Anekdoten merklich skeptisch beäugte, ehe ich schon neben sie trat, mein Essay in meinen Rucksack verstaute und zögerlich Tonys Blick begegnete.
Unbekümmert reichte er mir meine eigene Portion Smoothie mit dem winzigen Unterschied, dass sich der meine bereits in einen Mehrwegbecher befand. Verwirrt sah ich auf ihn hinab.
„To Go“, ließ er mich wissen. „Du trinkst ihn gleich im Wagen.“
„Ich kann ihn jetzt trinken …“ Wenig begeistert schob ich mich auf den Hocker neben MJ zurück. „Wir fahren erst in einer halben Stunde.“
„Jupp, was das angeht … Die Unterhaltung, die wir gestern übersprungen haben? Da sprinten wir jetzt gleich schnell durch.“ Er nickte zu meinem Rucksack. „Pack zusammen, den Moment brauchen wir.“
Mein Magen trudelte herab.
Mitleidig glückwünschend sah MJ aus dem Augenwinkel zu mir.
„Irgendwelche Einwände, wenn ich sie kurz mitnehme und ihre Schaltkreise wieder auf Vordermann bringe?“ Tonys bewusst unseren Blickwechsel foppende Frage blieb eindeutig rhetorischer Natur, denn er setzte sich bereits in Bewegung.
„Hängt davon ab“, antwortete MJ. „Wird es traumatisch?“
„Bloß die Standarddosis.“
Er nickte mich voran.
-/_\-
„Wieso jetzt ?“, stöhnte ich matt, kaum dass Tony mich außer Hör- und Sichtweite in den hintersten Teil unserer Wohnlounge dirigiert hatte und seine Schritte merklich improvisierend zwischen niedrigen Bücherregalen, Edelkommoden und Antik-Vasen auslaufen ließ.
„ Jetzt ist unser Sweetspot.“ Er sah um sich. „Besser ich ziehe jetzt gleich das Pflaster ab, anstatt dich die nächsten acht Stunden bis zum Ausschlag daran herumknibbeln zu lassen, weil du nicht weißt, ob dir heute Nachmittag eine Amputation oder doch nur sanftes Pusten droht.“ Unmotiviert drehte er auf der Ferse und sah mich an. „Spoiler-Warnung: Ich bin nicht in Massakrierlaune.“ Er hob zwei Nature-Magazine von der espressofarbenen Relaxliege und warf sie auf der nächsten Kommode ab. „Pusten werde ich aber auch nicht.“
„Es war nicht geplant“, sprudelte es sofort aus mir los. „Wir haben nicht vorgehabt-“
„Na, irgendjemand schon.“
„Okay, ja, Wince und Dakota haben ein paar Flaschen mitgebracht-“
„Was zu erwarten war. Nicht auf der Agenda.“
Tony sank auf die Liege, legte demonstrativ die Beine hoch und griff sich einen kleinen, milchgrauen Igelball von der nahen Ablage.
Ich schluckte. „Es war … irgendwie ein Versehen …“
Unmissverständlich urteilend hob er die Brauen und schob freudlos knapp die Zunge in die Wange. „Okay“, konstatierte er und der schlagartig finster pragmatische Unterton seiner Stimme ließ meinen Magen vor schierem Unbehagen wiederholt lostrudeln.
„Nein, ehrlich “, beschwor ich. „Ich wollte nichts trinken. Ich hab auch nicht. Nicht sofort. --- Du hast gesagt, es ist prinzipiell kein Thema, also dachte ich, es ist okay, alle anderen zu lassen, solange ich eben nicht mitmache … Aber dann hab ich irgendwie Rumis Glas erwischt, ich dachte es wäre meins, also das ohne Borgnino ---“
Tony schnaufte.
„ Dad , ehrlich, aus Versehen. Okay, es war bitterer als das andere Glas --- aber ich dachte … na ja, es wären diesmal einfach zu viel Cranberrys oder Granatäpfel oder --- keine Ahnung, vielleicht Ingwer drin. Ist ja nicht so, als könnte FRI wirklich abschmecken, was die Anzüge da zusammenmixen …“
Wenig unterhalten wies Tony vor sich auf die verbliebene freie Fläche neben seinen Beinen. „Hinsetzen.“
Ich zögerte, unsicher, ob mir die Aufforderung angesichts seines Gesichtsausdrucks wirklich gefiel, dann schlurfte ich widerstrebend näher und ließ mich neben ihn herabsacken, schmaler Sicherheitsabstand inklusive.
„Du hast nicht mehr mals das falsche Glas gegriffen“, entlarvte er prompt.
„Ich hatte schon fast ausgetrunken, als Rumi-“
„Es hat sich auch nicht von allein nachgefüllt.“
„Nachdem ich es getrunken hatte, war alles okay“, rechtfertigte ich halbherzig weiter, „keine Kopfschmerzen oder sonst irgendwas, es ist … einfach nichts Schlimmes passiert. Und dann hab ich eben mitgemacht, weil … na ja, sie haben alle gespielt und ich meine, es ist stabilisiert und du sagtest selbst, es ist eigentlich gar nicht mehr so wahrscheinlich, dass es bloß deswegen nochmal reißt … Es ist nur ein Restrisiko, das wir nicht eingehen brauchen, hast du gesagt.“ Ich brach ab, als ich realisierte, wie problematisch bekannt alles daran klang, und schluckte dicht. „Ich hab’s nicht drauf angelegt“, setzte ich schnell nach und wurde rot. „Wirklich nicht. Das war es nicht.“
Ausdruckslos reichte Tony mir den kleinen Stressball.
Kaum, dass ich ihn entgegennahm, begann ich ihn sanft zwischen meinen Handballen zu rollen, dankbar für den Widerstand der Noppen, der mich direkt etwas geregelter atmen ließ.
Vage herausfordernd nickte er mir zu. „Wie fest musst du zudrücken, um zu spüren, dass du etwas in der Hand hältst?“
Stille Scham brannte meine Ohren empor. „Es sind nur die beiden Finger …“
„Nächstes Mal ist es die Hand. Oder der Arm. Oder ganz einfach das Gesamtpaket.“
Entwaffnet ließ ich den Ball in meinen Schoß hinabsinken und sah beiseite.
„ Ziemlich wahrscheinlich“, endete er blank.
„Okay, kapiert …“
Aber Tony überging meine dumpf geraunte Kapitulation. „Dieses wirklich winzige Restrisiko?“, setzte er nach. „Wir wollten es streichen, nicht ignorieren.“ Seine Miene löste sich. „Okay, pass auf, ich spiel hier nicht den Sheriff. Nicht deswegen. Aber dieser Punkt war Teil von allem, vor zwei Wochen-“
„Ja“, stimmte ich sacht stöhnend zu. „Okay, verstanden, ich hab’s versaut.“
Seine Mundwinkel hoben sich in wenig überzeugtem Lächeln.
„Nur wenn ich jetzt weiter Hausarrest hab --- dann übermorgen nicht, okay? Bitte , Tony. Ich hab Dev schon über zwei Monate nicht mehr gesehen und --- ich hol den Tag nach, von mir aus doppelt, nur bitte lass uns Donnerstag trotzdem noch zu ihnen fahren, nach … nach allem.“ Ich brach ab, plötzlich viel zu erstickt, um Janes Grab und dieses wohlbekannte, drückende Etwas wirklich beim Namen zu nennen, das mit jeder darauf zusteuernden Stunde wieder mehr und mehr Gestalt in mir annahm und meinen Atem nur breiter und weiter zu zerlöchern begann.
Stille breitete sich zwischen uns aus, als Tony mit verschränkten Armen den Blick senkte und knapp in die Leere sah. „Ich hab nicht vor, die Arrestkeule zu schwingen“, ließ er mich wissen.
Meine Schultern lösten sich.
Er schob seine Beine von der Liege und rieb sich abwesend das Kinn. „Schon klar, ich hab gewisse Muster bewiesen, aber, hey, ich bin ziemlich gut darin, sie zu brechen, wenn man es am wenigsten erwartet.“ Er stand auf. „Wie auch immer, Tabula rasa. Ich hab nicht vor, hieraus das nächste Heimspiel zu machen. Oder einen weiteren Code Red. Erster Strike und so weiter … Kein Wort zu Rhodey, aber ich bin ein Freund von Ermessensspielräumen.“
Er schob die Hände in die Hosentaschen und bedachte mich mit derart verschonender Langeweile, dass es mich lau erleichtert seinen Blick halten ließ. In seinem Rücken floss der Regen immer noch als dichter, grauer Wasserfall vor New Yorks morgendlichem Novemberzwielicht die Fensterfassade hinab.
„Dieser ganze Monat war eine ziemlich deprimierende Angelegenheit“, gab er zu. „Egal, wie wir es betrachten, es lief mau bis niederschmetternd auf so ziemlich allen Kanälen. Ich versteh den generellen Vibe, okay? Also vibe ich mal kurz mit und behaupte, dass es im Anbetracht aller Umstände ein wenig viel verlangt gewesen ist, absolute Abstinenz bei dem sich erstbietenden Kompensationsangebot zu erwarten. Ihr habt getrunken. Ihr seid aufgeflogen. Wir haben dieses Gespräch geführt. Verwarnung ist rausgegangen. Akte geschlossen. Nicht auszuschließen, dass es sich wiederholt, aber dann – versehentlicher Erstkontakt passé – endet es in etwas weniger präsidentieller Thanksgiving-Laune. Notiert?“
„Jupp“, murmelte ich. „Unterstrichen.“
Schulmeisterlich zweifelnd verzog er die Lippen, doch es wirkte überlegt, als beschäftige ihn insgeheim etwas vollkommen anderes als mein längst bewiesener Hang zu kurzlebigen Einsichtsbekundungen.
„Eine Einschränkung“, setzte er nach. „Dr. Palmer schaut heute Nachmittag für einen Scan vorbei und stellt sicher, dass dort oben wirklich noch alles erdbebensicher ist. Bedeutet, heute nach der Schule, Termin beim Doktor.“
Meine Miene sank unwillig in sich zusammen.
„Kein Check-Up, keine weiteren Partys“, erinnerte er witzlos.
Ich schnaufte sacht, hob aber die Schultern und nickte. Sein beiläufiger Blick zur Uhr erinnerte mich an MJ. Ich brachte mich zurück auf die Beine und folgte ihm zu einer der niedrigen Edelkommoden.
„Wieso warst du gestern so früh zurück?“, erkundigte ich mich vorsichtig, als er die mittlere Schublade aufzog und mir zwischen zwei Finger geklemmt einen kleinen Blisterabschnitt Ibuprofen reichte, ohne es weiter zu kommentieren. „Du sagtest eigentlich, dass es spät wird, aber dann warst du schon vor elf zurück …“ Ich zögerte. „Habt ihr gestritten?“
Tony schob die Schublade in ihr Kommodenfach zurück. „Wir hatten eine kleine Meinungsverschiedenheit. Nichts Apokalyptisches. Nennen wir das Thema einfach einen Partykiller.“
Mein Herz zog sich zusammen. „Sie ist gegangen?“
„Jupp. Nicht schlimm. Hab’s verdient.“ Er gab sich unbewegt. „Hab sie vor vollendete Tatsachen gestellt, obwohl ich es eigentlich besser weiß und … wow, irgendwo da hänge ich noch. Höre nur ich das oder funktioniert die Konjunktion hier wirklich nicht? Wie auch immer … Der Klassiker.“
Ich schwieg.
Als Tony endlich zu mir sah, spürte ich meine Brust dieses unglückliche Stück enger werden, kaum dass ich plötzlich wieder realisierte, was ich ein paar hoffnungsvolle Tage lang fast zu leugnen begonnen hatte.
Er und Pepper traten auf der Stelle. Der Mittelweg, den sie suchten, existierte nicht.
Iron Man und die Avengers waren eine Einbahnstraße, auf die Tony schon vor Jahren abgebogen war und auf der er sich nur weiter und weiter entfernte.
„Macht ihr Schluss?“, fragte ich leise.
Er reagierte nicht sofort.
Den Blick in sich gekehrt schüttelte er knapp den Kopf.
Ich konnte nicht sagen, ob er mir wirklich antwortete oder letztlich bloß abschüttelte, was mehr und mehr nach einem weiteren Bestandteil längst vollendeter Tatsachen auszusehen begann.
Musik:
Somedays – Tess Parks
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Schlussbemerkung: Da Teil II von Kehrwert so umfassend wird, gibt es heute auch die erste Playlist aus Akt 2, die Kapitel 28 „Montagsblues“ bis Kapitel 40 „Party Killer“ begleitet:
Kehrwert – Side B: Oktober auf Spotify