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Gegenschein

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Gegenschein

Kapitel 41: Gegenschein

In der Mittagspause telefonierte ich mit Cooper.

Auch, wenn seit Jimmy Kimmels einendem Satirebeitrag zu bestehenden Erziehungskonzepten im Hause Stark, Balmeda und Barton etwas Leben in den Malibu 5 -Chat zurückgekehrt war und wir wieder laufend Insiderwitze und Memes miteinander teilten, hatten wir seit unserem heimlichen Telefonat inmitten der Ereignisse von Berlin nicht mehr richtig miteinander gesprochen.

Umso überraschter war ich, als er kurz nach halb eins anrief, als wir uns gerade auf den Weg in die Schulmensa machten. Ich bat MJ und Betty mir ein halbwegs genießbares Club-Sandwich zu sichern, schrieb Coup, dass ich in fünf Minuten zurückrufen würde, und scherte aus der einstimmig verkaterten Menge meiner völlig übernächtigten Klassenkameraden aus.

Draußen regnete es nach wie vor wie aus Kübeln.

Schon der Blick zu den tropfengesprenkelten, elendsgrauen Fenstern verriet mir, dass der Innenhof als auch das Footballfeld als sonst recht geeignete Rückzugsorte heute nur mit Sofortgewinnen in der Grippelotterie einhergingen. Ziellos lief ich durch den dicht belebten Hauptkorridor weiter, bis ich eine halbwegs ruhige Stelle nahe eines Treppenaufgangs entdeckte, mich mit der Situation zufriedengab und gegen die nichtssagend cremefarben gestrichene Wand sank, ohne dem kleinen verglasten Kasten mit aktuellen AG-Aushängen wirklich genauer in Augenschein zu nehmen.

Eine Weile hielt ich nach verdächtig herumlungernden Gruppen in meinem Umfeld Ausschau und schrieb Daphne. Dann – als ich halbwegs sicher war, dass niemand mich genauer beobachtete oder aufnahm – rief ich Cooper zurück, ganz ohne Hologramm oder Bild, um niemanden unnötig auf mich aufmerksam zu machen.

„Wie war die Party?“, erkundigte Cooper sich träge, aber ich verstand sofort, dass es bloß der Versuch war, nicht direkt mit der Tür ins Haus zu fallen.

„War cool.“ Ich zögerte, denn es blieb seltsam, ihm von Halloween zu erzählen, als sei dies nicht unser wirklich erstes Gespräch seit Clints Verhaftung und meine aus den Fugen geratene Party damit so absurd surreal und irrelevant, dass ich mich prompt ein wenig für meine gestrige Feierfreude schämte. „Tony hat mitbekommen, dass wir Borgnino dahatten, aber … kein Hausarrest, nichts, also … Glück gehabt, schätze ich.“

Er stimmte leise summend zu.

Ich schluckte. „Und ihr? Wart ihr für Süßes oder Saures draußen?“

„Nein, mach ich nicht mehr …“

„Lila auch nicht?“

„Sie wollte nicht. Hätte sowieso mit Mum zu Walmart rausfahren müssen …“

„Hm …“

„Sie veranstalten es auf dem Parkplatz.“

„Wieso?“

„Die meisten Farmen liegen zu weit draußen und voneinander entfernt, also kommen alle dort zusammen und laufen mit ihren Kindern von Kofferraum zu Kofferraum. Ist eher für die richtig Kleinen. Es gibt noch eine Art Jahrmarkt mit Maislabyrinth in der Nähe, sagte Mum, aber … keiner von uns wollte hin …“

Ich hatte nie allzu genau darüber nachgedacht, wie Halloween in ländlicheren Teilen der Staaten funktionierte. In Nashuas Nachbarschaft mit Mum oder Jane von einem dekorierten Haus zum nächsten zu ziehen, war nie eine große logistische Herausforderung gewesen, abgesehen vielleicht von unseren kurzen Kinderbeinen, die unsere Ausflüge meist ohnehin auf die heimische Straße begrenzt gehalten hatten.

„Mum hat mit Lila Kürbisbrot und Marshmallow-Auflauf gemacht“, fuhr er fort, wie um klarzumachen, dass sie nicht nur Trübsal geblasen hatten. Ein unbeteiligtes Schulterzucken lag in seiner Stimme. „Ich hab aufgepasst, dass Nathy im Wohnzimmer bleibt. Wollte eigentlich Minecraft spielen, aber er läuft ständig davon und räumt alles ab, wenn man nicht hinschaut. Und wenn man ihm etwas wegnimmt, was er nicht anfassen soll, schreit er die ganze Zeit mein , als wollte man ihm Funnel klauen … Eigentlich meint er ge mein, aber wenn man ihn korrigiert, beißt er bloß, deshalb lass ich’s ...“

Wir verfielen ins Schweigen.

„Coup?“, setzte ich belegt an.

„Dad ruft heute Nachmittag an“, kam er mir dunkel zuvor.

Ich stockte. Kaum, dass ich realisierte, dass Clint mit dem frisch eingetroffenen November wieder zwei neue Anrufe zustanden, erinnerte ich mich auch an seine bewusst abstandnehmenden Worte vor etwas mehr als einer Woche, die ich die meiste Zeit tapfer verdrängt hielt, und meine laue, kleine Hoffnung sackte noch in ihrem Aufbäumen lautlos wieder in sich zusammen.

„Dachte, ich sag’s dir. Falls wir ihm etwas ausrichten sollen … oder so …“

Mein Blick sank zu Boden auf das graue Linoleum.

„Er hat sie nicht streichen lassen“, erklärte ich just. „Meine Nummer. Tony hat sie nicht aus seiner genehmigten Liste streichen lassen. Dein Dad sagte --- als wir vorletzte Woche telefoniert haben, sagte er, dass wir erstmal nicht mehr sprechen werden, weil Tony sie auf die Sperrliste setzen lässt, sobald er von seinem Anruf erfährt, und das auch gut so sei, weil --- keine Ahnung, weil ich mehr Teenager sein und nicht mit Inhaftierten sprechen soll oder irgend so ein Bullshit … Aber dein Dad ist nicht --- na ja, der Mandarin, oder?!“

„Das soll ich ihm ausrichten?“, fragte Cooper lahm.

„Das mit dem Bullshit kannst du exakt so zitieren …“

„Okay. Ist dein Leben.“

„Was will er tun?“, brummte ich. „Mich zurückrufen?“

Cooper gluckste, aber eigentlich klang es mehr nach einem zynischen Schlucken. „Er wird sagen: Berühmte letzte Worte .“

„Klingt wirklich nach ihm …“ Ich schniefte und plötzlich wurde etwas in mir wieder unerträglich schwer. „Sie werden ihn nicht verlegen, oder?“

„Mum sagt, sie dürfen nicht.“

Es hatte nie wirklich zur Option gestanden. Eve und Elijah hatten recht gehabt: Tony hatte gelogen. Nur das Raft konnte Clints Sicherheit unter Gefangenen garantieren, die noch die eine oder andere offene Rechnung mit ihm besaßen.

Tony hatte das gewusst … und gelogen.

„Sein Anwalt sagt, er ist dort weniger gefährdet“, bestätigte Cooper tonlos. „Sie wollen jetzt erst einmal bessere Haftbedingungen erwirken und nachweisen, dass es sich bei ihm nicht um einen Terroristen oder ein gemeingefährliches Superindividuum handelt, damit er endlich vor Gericht kann und ein echtes Verfahren erhält. Mr. Murdock behauptet, er bekommt ihn unter Auflagen in ein paar Monaten oder Jahren da raus, es braucht nur etwas Zeit, gute Vereinbarungen und weniger Presse …“

Ich verlor Farbe. „Monate oder Jahre?“

„Momentan ist es wohl sinnlos, etwas zu versuchen.“ Falsche Regungslosigkeit sprach aus ihm. „Solange Captain America und seine Verbindungen zum Winter Soldier noch in allen Talkrunden Thema sind, verbrennen sie sich nur die Finger. Mr. Murdock hat Mum davon abgeraten, das Verfahren zu früh einzuleiten. Ich hab’s mitbekommen. Er sagt, wenn sie jetzt vor Gericht gehen, wird daraus ein Medienevent und Dad bleibt drin und dann für sehr viel länger, weil man ihn im Moment als Einzigen medienwirksam verurteilen kann .“

„Aber …“ Ich brach ab, denn etwas in mir begriff, worüber wir hier sprachen; was Clints Inhaftierung bedeutete; was es bedeutete, wenn Cooper von Jahren oder Monaten im Raft sprach; was es für ihn bedeutete, für Lila und Nathy ---

Meine Gedanken sprangen zu Tony und den gewaltigen vierzehn Jahren, die sich immer noch wie eine graue, beraubte Lücke in meinem Leben anfühlte.

Clint war schon immer viel unterwegs gewesen, erst seiner Arbeit bei SHIELD und dann den Avengers verschuldet. Lila und Coup hatten sich an einen Alltag ohne ihn gewöhnt; es war nichts, was sie nicht kannten . Sie waren damit aufgewachsen. Ihre Lücken waren mehr wie Baumringe. Tage, Wochen und Monate im Jahr, in denen er nicht erreichbar gewesen war, fernab unterwegs oder im Einsatz. Jede Kontaktaufnahme akribisch vorbereitet, gesichert und geplant, um wirklich niemanden auf die Fährte ihrer Existenz zu führen. Cooper hatte uns davon erzählt, in Malibu, während unseres kleinen nächtlichen Zirkels leiser Geständnisse auf den Klippen von Point Dume. Tage, Wochen und Monate, die Clints Ausstieg und seine permanente Rückkehr auf ihre Farm nun wiedergutzumachen bestimmt gewesen waren.

Eine Rechnung, die jetzt aber nicht länger aufging.

Meine Kehle schnürte sich zu und es lag nicht an der süßlichen Geruchswolke von nassen, dahinrottenden Müllsäcken, Abgasen und Petrichor, die durch eine offenstehende Tür aus einem nahen Seitengang zu mir herüberwehte, an der ein Mann der Gebäudeverwaltung soeben die Müllentsorgung im Hinterhof, zurückgezogen vor dem prasselnden Niederschlag, lautstark zu koordinieren versuchte.

Sehr viel weiter den Flur hinab diskutierten zwei Mädchen in Midtown-High-Schachclub-Jacken und rümpften die Nase, aber von ihnen abgesehen vertrieb der Gestank auch die letzten freiwilligen Exilanten unserer Schulmensa aus meiner Umgebung.

„Habt ihr Ärger bekommen?“, fragte ich still und ließ mich auf der Treppe nieder, seltsam dankbar für die diffuse Wolke aus Gestank, die mir meinen eigenen kleinen Raum verschaffte. „Weil ihr mir Bescheid gegeben habt?“

„Als Dad los ist?“ Cooper zögerte. „Nein …“ Er machte eine Pause. „Ich mein‘, sie haben es angesprochen … Wir sollen mit Mum sprechen und nicht hinter ihrem Rücken Aufklärung betreiben, du weißt schon, weil es SHIELD- und Avengers-Themen sind, eben … sensible Operationen. Wir haben Verhaltensregeln für Dads Einsätze, die sind wichtig, um uns abzuschirmen und ihn nicht in Gefahr zu bringen, unsere vereinbarten Ausfallsicherungen, die ganzen uralten Klassiker …“

Ich schob meine Fußspitzen zu einem angespannten V zusammen und schwieg.

„Sie sagten, dass wir nicht sauer auf dich sein dürfen“, fuhr Cooper fort, als zögerte er, es mir anzuvertrauen. „Egal, was du darüber sagst ... Es sei nicht deine Schuld. Dass du dort warst, habe nichts damit zu tun, dass Dad verhaftet wurde. Das wäre er ohnehin. Es ist nicht geschehen, weil du am Flughafen warst, sondern weil Dad selbst entschieden hat mitzumischen. Und, was Tony und das Abkommen angehen: Er hat bloß getan, was für euch am besten ist …“

„Das ist nicht wahr“, murmelte ich.

Cooper schwieg. „Wir haben Mum“, sagte er schließlich. „Du hast nur ihn. Tony muss kooperieren, er kann nicht einfach verschwinden oder ins Gefängnis gehen.“

„Das ist ---“ Ich brach ab, denn es stimmte , es stimmte so verflucht sehr, und meine Kehle begann zu schmerzen, aber ich ließ nicht locker: „Er sagte, er hat es nicht nur für mich getan, Coup. Er steht hinter diesem Abkommen. Er ist überzeugt davon und --- er hätte es auch ohne mich unterschrieben, er hat es mir nach Berlin gesagt . Er hätte Ross so oder so geholfen. Er sagt, dass sie Grenzen brauchen und das Abkommen sei ein Kompromiss, etwas worauf man weiter aufbauen kann, ohne die Avengers aufzugeben, und ich meine, vielleicht hat er recht, aber-“

„Ist doch vollkommen egal …“ Cooper seufzte genervt. „Sie haben am Flughafen sowieso nicht wegen des Abkommens gekämpft, sondern wegen des Winter Soldiers und dem Anschlag auf die UN … Dad hat Steve geglaubt, dass er nichts damit zu tun hatte, dein Dad nicht. Hinterher ist man immer schlauer.“

Ich schluckte. „Er ist trotzdem nicht unschuldig. Er ist ein Attentäter. Er hat gemordet.“

„Dad auch.“

„Das ist nicht dasselbe.“

Plötzlich klang Cooper bleiern. „Nein?“

Ich erstarrte. „ Nein , Coup. Er …“ Dumpf realisierte ich, dass ich genau wie er selbst nicht die geringste Ahnung hatte, was Clint getan hatte und was nicht. Wen oder was er in SHIELDs Namen getötet und zerstört hatte. Und dann erinnerte ich mich daran, was Tony mir auf unserem Flug ins Raft an den Kopf geworfen hatte: Dass Clint unter den Einfluss des Zepters auch für Loki gemordet hatte, seine eignen Teamkollegen ausgeschaltet, beinahe sogar Nat.

Er hätte niemals getan, was er getan hat , lag mir auf der Zunge, aber plötzlich war da ein so tiefer Spalt der Ungewissheit und grellen Überforderung, dass ich nicht mehr wirklich klar zu denken vermochte. Geschweige denn, Cooper zu beschwichtigen.

Fünf lange Sekunden sagten wir nichts mehr.

Die Tür zum Hinterhof schlug mit metallischem Knallen zu und der Mann von der Gebäudeverwaltung stapfte an mir vorbei, der Schirm seiner Midtown-High-Cap nass gesprenkelt und sein dunkelblauer Overall umgeben von einer urinartigen Duftwolke aus überreifen Okraschoten und nasser Erde. Kurz wandte er den Kopf in meine Richtung, eindeutig überrascht noch irgendjemanden auf den kaltgefegten Treppenstufen sitzen zu sehen, dann stapfte er bloß unbeteiligt weiter.

„Dein Dad hat gegen ihn gekämpft“, sagte Cooper dunkel und etwas daran klang, als läge irgendeine Art von Beweis darin, den ich nicht sah.

„Sie haben alle gegeneinander gekämpft. Es war --- verrückt. Ehrlich . Rhodey ist abgestürzt und … Es stand alles in Flammen.“

„Sie haben sie aufgehalten. Dein Dad und War Machine.“

„Bist du sauer?“ Meine Brust ballte sich. „Wenn ja, ist okay, echt … Ich …“ Ich stieß den Atem aus und senkte den Kopf. Unversehens brach dieses paradoxe Etwas aus mir hervor, das sich bereits seit Tagen und Wochen in mein stumm malträtiertes Bauchfell gekrallt hielt und gestern in der strahlenden Hitze betäubenden Borgninos nur weiter zu pulsieren begonnen hatte: „Ich bin es auch. Irgendwie … Ich meine, Tony versucht nicht einmal, ihm zu helfen. Er tut --- gar nichts. Stattdessen sieht er dabei zu, wie sie Nat jagen und … Als sie ihn am Flughafen verhaftet haben, hätte er es wenigstens versuchen können. Er hätte einfach nur behaupten müssen, dass Clint neutral geblieben ist, gar nicht mehr Teil des Teams war, oder --- keine Ahnung, dass er die Eskalation zwischen beiden Seiten verhindern wollte. Denn das wollte er, es ist nicht einmal gelogen. Er war vorher bei uns im Hotel, sie haben miteinander gesprochen …“

Und dann ist alles andere aufgeflogen und eskaliert. Tonys Entsetzen, der schiere Abscheu des Verrats in seinem Blick, der mir durch Mark und Bein gegangen war.

Meine Stimme sackte in ein raues Tal. „Tony musste ja nicht behaupten, dass sie auf derselben Seite standen, bloß … bloß etwas . Aber er hat einfach die GSG-9 gerufen und dabei zugesehen, wie sie sie alle verhaftet haben, sogar ihn …“

Und das war etwas, wie ich nun realisierte, das ich einfach nicht verstand. Nicht damals zwischen Löschschaum, Kerosinrauch und Blaulicht und auch jetzt nicht, über zwei Wochen später. Tony ließ nichts einfach geschehen. Wenn er den Dingen seinen Lauf ließ, dann bloß, weil sie ihm richtig erschienen, ihn nicht berührten oder schlicht und ergreifend nicht länger kümmerten.

Für eine Sekunde schien mein Herz bloß nur noch aus Quarz zu bestehen, salzbedeckt, spröde und voller rasiermesserscharfer Bruchkanten.

Er hat es zugelassen.

Die dünne Stelle hinter meinem Ohr stach, aber nicht vor Ärger, plötzlich war es einfach nur noch dieser dumpfe, stete Schmerz, der es schon die ganze Zeit gewesen war.

Als arbeite sich ein Riss mitten durch mein Leben.

Weil das die Kettenreaktion war, in der ich immer noch gefangen hing, seit dem Plätschern und Gurgeln in unserem schiefliegenden demolierten Wagen. Seitdem ich die Augen einfach wieder aufgeschlagen hatte. Ein Erdrutsch, der nie wirklich ganz zum Stillstand gekommen war und jeden Augenblick bereits die nächste Lawine auszulösen drohte, die alles um mich herum mit sich riss.

„Ich kapier’s …“, versicherte Cooper gesenkt. „Ich bin auch sauer. Dad hätte nicht gehen müssen. Er war ausgestiegen, er musste nicht einmal das Abkommen unterschreiben. Es war völlig egal, was er davon hält. Er hätte sich einfach raushalten können. Er sagte uns, er ist raus, aber dann ist er trotzdem hin. Ziemlich dumm, was?“

„Er hat es für Wanda getan.“

Cooper schnaufte knapp, als zucke er bloß resigniert mit den Achseln.

„Habt ihr irgendetwas von Nat gehört?“ Ich schluckte, plötzlich wieder so ahnungslos und isoliert, dass es wehtat. „Ist sie okay? “

Er zögerte. „Wir sollen nicht über sie sprechen“, gestand er verhalten. „Falls … du weißt schon …“

„Klar, okay … aber … du rufst doch über dein StarkPhone an?“ Frustriert fuhr ich mir über mein sanft pochendes rechtes Auge. „Tony sagt, die Verbindungen sind sicher, weil sie sich nur auf unseren privaten Satelliten bewegen. EDITH überwacht die Verschlüsselung. Sie ist Teil des Netzwerks, glaub ich. Die handelsüblichen Modelle laufen über SI-Satelliten, aber unsere Geräte haben ihren ganz eigenen abgegrenzten Verbund, auf den auch SI keinen Zugriff hat. Solange du nicht raus telefonierst, ist es sicher, ehrlich. Deswegen haben Dev und Harley ja auch eines der Modelle. Damit wir offen sprechen können und euch niemand einfach orten kann und Dad die zugehörigen Satellitenverbände notfalls auch zwischen uns und dem Teamkanal splitten kann …“

Cooper antwortete nicht, doch in seinem verhaltenen Schweigen fand ich meine Erklärung.

Es waren nicht Außenminister Ross oder die CIA, die ihm Sorge bereiteten.

Ich erstarrte. „Coup, er würde nicht …“, begann ich, brach aber just wieder ab, als ich mich an Harleys Theorie von Cold Triggern erinnerte, die FRIDAY in allen Chat- und Gesprächsprotokollen markierte, ohne irgendwo Alarm zu schlagen, die Tony jedoch bei begründetem Verdacht jederzeit wieder aufzurufen und zu durchsuchen vermochte.

Etwas, das sich bislang nicht wirklich bewiesen hatte, ich aber trotz allem für möglich hielt, schon weil ich mir nicht vorstellen konnte, dass Tony nach Zeke Stane und Dr. Fanning irgendetwas im Hinblick auf meine Sicherheit innerhalb und außerhalb des Avengers Towers noch wissentlich dem Zufall überließ. FRIDAY musste zuhören und zusehen, um einsatzbereit zu bleiben, wie ich erst gestern noch vor meinen eigenen Freunden verteidigt hatte. Wieso also nicht auch Informationen im Hintergrund clustern, die reine Gefahren potentiale bargen, solange Tony sie nur im bezeichnenden Notfall auswertete und sichtete?

Es klang so verteufelt nach ihm, dass ich wirklich kein bisschen daran zweifelte, dass Harley nicht bloß fantasierte.

Und darum hatte Cooper auch jeden Grund vorsichtig zu bleiben. Solange Tony Außenminister Ross in seiner Fahndung nach Nat unterstützte, blieb es zu riskant, irgendwelche Updates oder Versicherungen mit mir zu teilen, die sie ihnen womöglich auf Sonderwegen zukommen ließ.

Laura musste ihn gewarnt haben.

Aber es machte es nicht besser , es zu verstehen. Ich spürte, wie meine Körpertemperatur weiter absank, als gäbe sie sich leise geschlagen.

Einfach nichts war noch wie vorher. Selbst zwischen uns, Cooper und mir, hielt sich nun eine schmale, hauchdünne Wand der Vorsicht, die zuvor nicht dagewesen war.

Nicht einmal wir konnten uns noch alles anvertrauen.

-/_\-

„Alles okay?“

Mit sacht zusammengekniffenen Augen schob MJ mir ihr Tablett mit dem dürftigen Exemplar eines Club Sandwichs herüber, das es anscheinend durch meine mageren Anforderungen halbherziger Genießbarkeit geschafft hatte, als ich mich kurz darauf am Mensatisch niederließ.

Knapp nickend nahm ich es auf. Ich hatte kaum hineingebissen, da klingelte es prompt zum Ende der Pause.

Also schlang ich mein Sandwich im Eiltempo auf dem Weg in Richtung unseres Klassenzimmers für Wirtschaftslehre herunter, kaum dass MJ sich in Richtung Umweltkunde verabschiedete und Betty ohne Punkt und Komma von sämtlichen verpassten Eskapaden auf Liz Allans Party zu berichten begann, als sei sie Erin und habe den Gesellschaftsbericht nur für mich persönlich kuratiert und zusammengestellt.

Da ich mich darauf beschränkte zu nicken und an den passenden Stellen überrascht wertend dreinzusehen, glückte mein Versuch einer Turbomahlzeit weitestgehend, trotzdem sah ich mich gezwungen, das letzte Viertel meines labbrigen Sandwichs in den Mülleimer nahe Mrs. Scapettos Klassenzimmer zu werfen und schlussendlich mit unglücklich rumpelnden Magen neben Betty Platz zu nehmen, die umgehend im aufgeregten Flüsterton fortfuhr, mir von irgendjemandes irrwitzigen Sprühflaschentrick zu erzählen, der anscheinend zu einer explodierten Sprinkleranlage im Hause Allan geführt hatte.

Irgendwie sorgte es tatsächlich dafür, dass ich mich nur noch halb so schwierig fühlte.

Auf meiner Party war jedenfalls nichts in die Luft geflogen.

Draußen lief der Regen noch immer so ergiebig die Fenster hinab, dass wir das Klassenzimmer nicht einmal für Flash Thompsons Videovortrag über Variationen moderner Unternehmenskultur abzudunkeln brauchten.

Während Flash uns eine endlose Reihe HR-Werbevideos verschiedener NASDAQ- und Dow Jones-Unternehmen ansehen und Ähnlichkeiten und Unterschiede ihrer Strategien herausarbeiten ließ, beantwortete ich unter dem Tisch Kenzos, Dakotas und Rumis hereintrudelnden Nachrichten, die allesamt den gestrigen Abend feierten und sich zugleich nach meinem Gefangenenstatus erkundigten.

Daphne und Elijah hatte ich bereits Entwarnung gegeben, doch irgendetwas in mir wurde skeptischer je öfter ich versicherte, dass alles halb so wild gewesen war, Tony nicht einmal wirklich sauer und mir, abgesehen von einem medizinischen Check-Up-Termin heute Nachmittag, auch nichts weiter blühte.

Fast als realisierte ich so langsam, dass Tony heute Morgen zwar A gesagt hatte, ohne jedoch je beim folgerichtigen B angekommen zu sein.

Er hatte meinen Trinkverstoß gewissermaßen einfach fallen lassen; eine herzlich unmotivierte Verwarnung ausgesprochen und die ganze Sache dann auch schon schulterzuckend für bereinigt erklärt.

Und ja, es mochte irgendwie nach Tony Stark klingen , nach flatterhafter Exzentrik und raffiniert untergrabenen Erwartungen, aber etwas daran blieb untypisch desinteressiert, ganz egal, wie launisch ihn sein misslungener Abend mit Pepper hinterlassen hatte …

Gedankenverloren scrollte ich durch meinen Social Media-Feed.

In den Kommentaren unter meinem gestrig geposteten Gruppenfoto in Kostümen und Knicklichter-Glam stolperte ich über Harry Osborn:

ISwearImNormal Wie kommt man an Einladungen? *Lollipop-Emoji* *Jack-o'-Lantern-Emoji*

Seit ich seine Follower-Anfrage angenommen hatte, reagierte er auf nahezu jeden meiner Posts, ob er sie einfach nur likte oder mit kleinen Seitenhieben und Humor kommentierte; etwas, das auch Daphne nicht entgangen war. Sie hielt es für seinen Versuch, mit mir zu flirten, aber da Harry Osborn und ich nie auch nur ein reales Wort miteinander gewechselt hatten, sah ich es mehr als unseren eigenen, ganz stummen Insider seit meinem Burger-Auftritt im sterneträchtigen River .

Seicht belustigt hob ich die Mundwinkel und antwortete:

IronGirl_KPC Vitamin BFF.

Obwohl sie sich Mühe gab es zu überspielen, schielte Betty eindeutig auf meine über das transparente Display fliegenden Finger, also schaltete ich es wieder ab und packte es weg.

Bevor sich Flash dazu genötigt sah, endlich vor Mrs. Scapetto einzugestehen, seinen Vortrag blindlings improvisiert zu haben, endete die Stunde und wir trotteten zum entmutigenden Abschluss des Tages, Geschichte und Politik bei Mr. Cobbwell, der uns bereits mit aufgeschlagenem Gesetzesbuch empfing.

Immer noch vage befangen wegen meines sehr mauen Cs auf dem Quartalszeugnis, das ich in Runde zwei – wie mit Tony besprochen – auf zumindest etwas solidere Füße zu setzen gedachte, ließ ich mich trotz aller Katerstimmung widerstrebend in zweiter Reihe nieder.

Ich bereute es, kaum dass ich zur Tafel sah.

Einige meiner Mitschüler, allen voran Seymour und Flash, hatten ihn in den vergangenen Stunden angebettelt, trotzdem hatte ich nicht wirklich damit gerechnet, dass Cobbwell in nächster Zeit von seinem Lehrplan abweichen würde, bloß um die jüngsten Ereignisse rund um das heißdebattierte Sokovia Abkommen aufzuarbeiten. Ganz besonders nicht nach der Captain America-Kampagne und Tonys Einspruch vor gut einer Woche, diese zum weiteren Teil meines Unterrichts zu machen.

Die Tatsache, dass Morita das Schulpersonal wie versprochen für meine ganz persönlichen Verstrickungen mit dem herrschenden Medienfeuer sensibilisiert hatte, das immer noch auf Tony und die Avengers niederging, hatte mich irgendwie davon überzeugt, dass auch das Sokovia Abkommen als solches vorerst vorsichtig umschifft werden würde.

Doch damit hatte ich mich anscheinend verschätzt, denn das unliebsame Stichwort verließ Cobbwells Lippen, kaum dass er zu der kurzen Liste Schlagworte an der Tafel wies und auch schon zu seinem lethargisch ergründenden Redefluss ansetzte, der Betty und Ned unangemessen enthusiastisch ihre Kugelschreiber zücken ließ.

Widerstrebend schloss ich mich ihnen an.

Während ich angestrengt in meinen Block stierte und Daten, Namen und Orte niederschrieb, die mir allesamt etwas sagten und sich dabei fast schon unliebsam persönlich anfühlten, ohne dass ich die wahrhaftigen internationalen Zusammenhänge wirklich näher zu erläutern vermochte, wartete etwas in mir einfach darauf, dass das Unausweichliche eintrat, Cobbwell mich zu Wort rief und meine irrwitzige Inkompetenz und emotionale Instabilität endgültig vor aller Augen offenlegte.

Dass ich nichts sonderlich Fundiertes zu dem aktuellen Weltgeschehen beizutragen wusste, in dem mein eigener Vater eine nicht zu unterschätzende Schlüsselrolle spielte, prasselte in meinem Magen und als Tonys Name schließlich in beratender Funktion und Zusammenarbeit mit dem Außenministerium fiel und alle Blicke, wie abzusehen gewesen, voller aufgeriebener Erwartung zu mir herüberschielten, bereit sämtliche damit zusammenhängenden spektakulären Streitigkeiten und Eskalationen im Detail zu hinterfragen, begann mein Puls zunehmend zu hämmern.

Doch ehe mich die drückende Übelkeit noch wirklich überwältigen konnte, meldete sich Flash hörbar gelangweilt von Cobbwells anhaltend monotoner Litanei zu Wort: „Könnte Mr. Stark nicht einfach herkommen und von dem Abkommen selbst erzählen?“

„Nicht böse gemeint, aber er konnte es ja nicht einmal seinem eigenen Team erklären ...“ Wie um den kleinen platzierten Seitenhieb klar in spaßige Gefilde zu verorten, schielte Jason zu mir herüber und hob leise rechtfertigend beide Schultern.

Ich beherrschte meine ausdruckslos gelangweilte Miene, während ein paar meiner Mitschüler glucksten und schnauften.

„Im Ernst, Leute, wie cool wäre es?“, beharrte Flash. „Stark war bei der Ratifizierung dabei. Er hat die erste Unterschrift gesetzt. Er ist ein Genie , ein Avenger. Er ist Iron Man . Ich meine --- Sola kann ihn fragen, oder nicht? Er ist ihr Dad . Eltern kommen ständig hierher, um von ihrem Job zu erzählen. Und das --- das ist richtige Weltpolitik! Mr. Cobbwell sagte es selbst. Es wäre der Wahnsinn. Sie muss ihn nur fragen, richtig?“

Eine kleine Welle zustimmender Begeisterung brach um mich herum aus. Selbst Ned strahlte jäh so hoffnungsvoll auf, dass ich ihm nicht einmal böse sein konnte, sich von der niemals verebbenden Promi-Hysterie um meinen Vater mitreißen zu lassen.

„Nun, ich bin mir nicht sicher, ob das wirklich so einfach ist“, bemühte sich Mr. Cobbwell die umgehend entgleiste Aufregung zu dämpfen. Überfragt blinzelnd sah er zu mir, als wurde er sich eben jetzt erst bewusst, dass eine mehr als reale Verbindung zwischen mir und dem leibhaftigen Multimilliardär, Superhelden und politischen Akteur aus seinen Unterrichtsnotizen bestand. „Sola, denken Sie … ein solcher Besuch ließe sich vereinbaren?“

Angespannte Aufmerksamkeit brannte mich allseits nieder. „Na ja, er … er hat zurzeit ziemlich viele Termine, nicht nur in New York ... Er hat nicht besonders viel Luft oder so. Eigentlich ist er im Moment nicht viel daheim …“

„Wenn er Zeit für Parkers Robotik-Nachhilfe hat, kann er bestimmt auch etwas für uns freimachen“, warf Flash schon nörgelnd dazwischen. Die Jungs um ihn herum johlten.

Bitterleise sah Peter in seinen Block herab, warf seinen Kugelschreiber ab und ließ sich mit sacht verschränkten Armen in seinem Stuhl zurückfallen. „Sehr lustig …“

„Es müsste natürlich nicht noch diese Woche sein“, versicherte Mr. Cobbwell mir. „Ich halte es sogar für sinnvoll, wenn wir uns erst einmal durch die zugrundeliegende Thematik arbeiten, damit wir mit grundlegendem Verständnis für die Materie und einigen präzisen Schlüsselfragen in einen solchen Exkurs treten können. Aber es wäre … ein bemerkenswerter Austausch, da muss ich Mr. Thompson zustimmen ...“

Ich zögerte. „Ich kann gerne nachfragen, Sir.“

Meine Mitschüler brachen in Jubel aus.

-/_\-

Als ich nach Schulschluss meinen Spind öffnete, fiel mein Blick auf zwei neue Streifen Papier.

Bereits am Morgen hatten kleine, gehässige Nachrichten darin auf mich gewartet, wie sie ihren Weg nun seit gut einer Woche eigentlich täglich durch die Lüftungsschlitze in meinen Spind fanden. Um MJ nicht auf sie aufmerksam zu machen, hatte ich sie nur flüchtig betrachtet und dann auch schon beiläufig tiefer hineingewischt. Dass allerdings im Laufe des Tages nun weitere hinzugekommen waren, war eine neue Entwicklung. Und obwohl ich wie immer just meine Kiefer stärkte und mich unberührt wie abfällig gelangweilt gab, allein für den Fall, dass ich von ihren Autoren beobachtet wurde, spürte ich doch meinen bewusst zusammengehaltenen Stolz bei dem Gedanken bröckeln, dass die Aktion anscheinend nur weiter an Fahrt aufnahm, anstatt sich so langsam zu erledigen.

Ich bereute es immer, trotzdem nahm ich auch jetzt eine der feindseligen Grußbotschaften in die Hand und wendete sie auf die bekritzelte Seite. Kaum, dass ich die Nachricht entziffert hatte, begann es ruhelos in mir zu kneten:

Massenmörder + Registrierungszentren. It’s a Match!

Ich griff nach dem zweiten, der nur bestätigte, was ich längst im Verdacht hatte, denn auch dieser spann den bösen Seitenhieb auf Tonys Verschulden in der Katastrophe um Ultron und das Abkommen nur weiter, war aber eindeutig von jemand anderem mit etwas klarerer Handschrift notiert:

Fun Fact: Captain America haut Nazis auch in 2016 noch auf die Fresse!!!

Es waren mehrere. Eine Gruppe Mitschüler, die sich zwar nicht traute, mir ins Gesicht zu sagen, was sie von dem Zerfall der Avengers und Tonys Rolle darin hielten – vermutlich zu feige, es könnte ihn tatsächlich und waschecht auf den Plan rufen – die sich nun aber damit tröstete, mich solange mit Hassnachrichten und dummen Captain-America-Streichen zu drangsalieren, bis ich womöglich eine Szene machte, die ihrer aller Social Media auch diese Woche wieder viral gehen ließ.

Es war ein Fehler gewesen, irgendjemanden wissen zu lassen, was Steves Verrat mit mir machte, begriff ich, und ganz besonders, dass Tony die Schulkampagne vollständig aus meinem Unterricht hatte verbannen lassen, was sogar seine Runden durch die ohnehin heiß brodelnde Gerüchteküche amerikanischer Medien gemacht hatte.

Aber keiner von ihnen hatte eine realistische Ahnung, wie sehr es meinen Magen tatsächlich ausbrannte, auch nur an Steve zu denken. Wie auch? Niemand wusste, was er getan hatte --- was wirklich geschehen war --- wen er schützte und wieso und was er alles ruiniert hatte --- dass er Tony beinahe getötet hatte, nur um einen wahren Killer entkommen zu lassen …

Und es spielte auch keine Rolle.

Diese Gruppe wusste, dass es etwas mit mir machte, mir Steve wieder und wieder als ihren wirklichen Helden unter die Nase zu reiben.

Das allein genügte.

Denn es funktionierte .

Mein Kiefermuskel krampfte, als ich just meinen Rucksack packte und sämtliche herumfliegenden Zettel und Sticker aus meinem Spind in die Vordertasche stopfte, einfach, um sie nicht mehr überall zwischen meinen Büchern und Sachen zu finden.

Etwas in mir wollte sie die Toilette herabspülen, aber wenn ich dies tat, verlor ich den Überblick darüber, wie viele Leute involviert waren. Nur anhand der unterschiedlichen Handschriften behielt ich ein Gefühl dafür, wer und wie viele dahintersteckten und ob es gar jemand aus meinem eigenen Jahrgang war, was ich zwar immer noch für unwahrscheinlich hielt, aber auch nicht absolut ausschließen konnte.

Nein, ich musste sie sortieren . Vielleicht sogar FRIDAY bitten, mir dabei zu helfen, ihre Handschrift und Wortwahl zu untersuchen. Wenn ich erstmal wusste, nach wie vielen Personen ich Ausschau halten musste, vielleicht sogar, ob es wahrscheinlicher Jungen oder Mädchen waren, Neunt- oder Zwölftklässler, würde es sehr viel einfacher werden, sie trotz aller feiger Anonymität zu identifizieren.

Wie aus dem Nichts erschien Peter neben mir. Überrumpelt zuckte ich zusammen und presste meine Hand voller Papier abrupt in meine Vordertasche.

„Hey, umm … Happy hat gerade geschrieben. Er sagte, ich kann mitfahren, falls du-“

Einer der Schnipsel sprang vom Reißverschluss ab und fiel in leichtgewichtig unberechenbarer Spirale direkt vor seine Füße. Ehe ich den kurzen Schreck seines Auftauchens noch ganz verarbeitet hatte, beugte er sich mit hastiger Entschuldigung herab, um das Papier aufzuheben.

„Hör damit auf“, brummte ich.

Noch in den Knien stockend sah Peter lau überfahren zu mir auf. „Ich kann mit der U-Bahn fahren“, setzte er nach, „Mr. Stark sagte nur-“

„Ich meinte nicht mitzufahren. So zu schleichen .“

„Oh.“ Halbherzig zuckte er die Achseln. „War keine Absicht.“ Er hob eine Braue und schielte unversehens foppend zu mir hoch. „War aber auch nicht schwer.“

„Glückwunsch. Ich hab auf dem linken Auge kaum periphere Sehkraft. Also … keine große Leistung. Genau genommen sogar unfairer Wettbewerb.“

„Alles klar. Kein Anschleichen mehr von links. Rechts ist die Challenge.“ Er hob die Mundwinkel zu einem halb neckenden Grinsen, das mich widerstrebend zögern ließ, weil es mich just an gestern Abend und meine sacht trunkene, aber stumm implizierte Friedenspfeife erinnerte.

Doch kaum, dass er sich wieder aufrichtete und den Blick unweigerlich auf das Stück Papier warf, verlor sich seine laue Belustigung wieder.

Sofort schnappte ich es ihm aus der Hand. „Du kannst das nicht einfach lesen.“

„Klar, sorry …“ Aber er klang nur halb aufrichtig und eigentlich mehr dumpf überrascht, während er dabei zusah, wie ich das Papier wortlos in meinem Rucksack verschwinden ließ. Für eine Sekunde heftete sich sein tiefbrauner Blick auf die anderen Schnipsel und Sticker, dann schloss ich auch schon den Reißverschluss. Kaum, dass ich ihn wieder ansah, runzelte er die Stirn. „Vielleicht solltest du das einem der Lehrer oder Mr. Flannigan zeigen …“

Angespannt zuckte ich die Schultern. „Bringt nichts. Keine Ahnung, wer dahintersteckt.“

„Ich meine nur … Du kannst nichts dafür …“ Er zögerte. „Du hast gar nichts damit zu tun …“ Nervös schluckte er. „Selbst, wenn sie irgendwie recht damit hätten-“

„Jupp“, unterbrach ich, „sag das am besten auch gleich den Reportern und Demonstranten da draußen.“

Peter zögerte. „Okay, wenn schon keinem der Lehrer … Dann vielleicht Mr. Stark?“

Meine Brust zog sich zusammen.

„Er könnte mit Morita sprechen-“

„Kann er nicht, okay?“ Peter brach ab und sofort fühlte ich mich mies. „Es … es ist echt nicht so schlimm“, log ich und zog meine Jacke über. „Es sind einfach bloß ein paar dumme Nachrichten. Ich schmeiß sie weg … Tony hat genug zu tun. Ich hab das eben nicht bloß wegen Flash gesagt, er ist gerade wirklich ständig irgendwo. Und er musste letzte Woche schon Termine bei der UN absagen, nur um herzukommen … Wenn Morita ihn jetzt jede Woche anruft, gibt er mich zur Adoption frei.“

Peter wirkte wenig überzeugt, aber er nickte sacht.

„Das mit der Adoption war ein Witz“, stellte ich klar.

„Klar …“

Meine Stimme sank auf ein säuerliches Murmeln. „Er gibt mich nicht zur Adoption frei. Er behauptet vermutlich einfach, das Konzept High School funktioniert für uns nicht, und holt mich bis zum College ins Homeschooling zurück.“ Ich schloss meinen Spind. „Und das … ist kein Witz.“

-/_\-

Kaum, dass wir im Tower eintrafen, beorderte FRIDAY mich zu Dr. Palmer in die MedBay.

Obwohl die Neurospezialistin eindeutig unter Strom stand und so zielstrebig durch den Untersuchungsbereich rotierte, dass mir vom reinen Zusehen schwindelig wurde, verflog über eine halbe Stunde, bis sie mit sämtlichen Ergebnissen meiner Scans und Untersuchungen vollends zufrieden war und mich letztlich breit lächelnd entließ: „Alles in bester Ordnung. Kein Coil verrutscht. Sag deinem Dad, er kann DEFCON-4 wieder aufheben.“

Pflichtschuldig dankte ich ihr und sah anschließend in der Werkstatt vorbei.

Wie zu erwarten gewesen, waren Tony und Peter nach wie vor an ihrer mysteriösen Fluidstudie zugange, doch diesmal schien es fast, als habe Tony nur auf mein Auftauchen gewartet, denn kaum, dass ich Dr. Palmers einwandfreie Entwarnung überbrachte, überließ er Peter seiner Arbeit und bedeutete mir, ihm an eine Werkbank auf der anderen Seite des Raumes zu folgen, auf der er bereits Aufbauten und Werkzeuge für uns beide vorbereitet zu haben schien.

Etwas unentschlossen, ob es mir gefiel unsere etablierte Werkstattzeit in Peters Beisein fortzuführen, zögerte ich, gab dann aber nach, schon weil ich nicht sicher sagen konnte, wann Tony demnächst wieder genug Zeit hierfür finden würde, und sich etwas in mir ohnehin dagegen aufbäumte, den restlichen Abend schon wieder alleine im Penthouse zu verbringen.

Eine gute halbe Stunde lang tat ich nicht viel mehr, als seinen Händen dabei zuzusehen, wie sie Bildschirme okkupierten, Lupenleuchten neu ausrichteten, verbal gestikulierend hierhin und dorthin wanderten und mit gut einem Dutzend Werkzeugen, Materialien und Diagrammen in rauer Selbstverständlichkeit interagierten, während FRIDAY seine knappen Fragen und Erläuterungen in meine Richtung nur gelegentlich unterbrach, um ihn über etwaige unternommene Kontaktaufnahmen und Updates zu informieren.

Ich genoss unsere Handwerkszeit, ich tat es immer, doch irgendetwas fühlte sich diesmal nicht ganz richtig an, nicht nach Coopers Anruf, und es lag nicht an Tonys unaufgeregter Sachlichkeit, die eigentlich bloß von postfrustrierter Ruhe und Konzentration sprach.

Deshalb wunderte es mich auch nicht, dass Tony meine laue Apathie irgendwann nicht länger als reine Befangenheit vor Peter interpretierte und in seinen ureigenen foppenden Konfrontationsmodus wechselte: „Hey, ich weiß, dieser Was kümmert’s mich -Blick ist Teil des Looks, aber wenn ich das hier mache-“ Er öffnete die Mikrodüse und schob den Druckregler weiter hoch. „-machst du Der Wahnsinn! “

Am anderen Ende der Werkstatt hob Peter die Mundwinkel zu einem stillen Grinsen. Über seine eigene Versuchsreihe voller komplizierter Aufbauten gebeugt und von gut ein Dutzend Diagrammen und Berechnungstabellen umgeben, in denen so viel Bewegung herrschte, dass ich herzlich daran zweifelte, dass es Echtzeitergebnisse sein konnten, schien er eindeutig immer noch einen Funken Restaufmerksamkeit für meinen eigenen kleinen Aufbaukurs für Last-Minute-Einsteiger zu besitzen.

„Der Wahnsinn …“, beehrte ich Tony, die Schläfe unverändert teilnahmslos auf meiner Hand abgestützt.

Er seufzte. „Sieh dir die FEM-Simulation an. Und die Spektralanalyse.“ Kurzerhand griff er nach dem transparenten Display neben meiner Schulter und schob die bunt eingefärbten Simulationen dichter vor mich, als leide ich lediglich an einer tragisch spontanen Sehschwäche. Er wischte kommentarlos und schnell kreisend über diverse augenöffnende Punkte, die ich in der Geschwindigkeit seines beiläufigen Fingerzeigs nicht mehr als blank blinzelnd zur Kenntnis nahm, ehe ich mich angesichts seiner erwartungsvollen Miene gezwungen sah, mich endlich ein wenig mehr aus meiner lethargisch geneigten Haltung aufzusetzen und einen schwach konzentrierten Versuch zu starten, wahrhaft zu bewundern, was mein unverändert rotierender Verstand im Moment für irrelevant abstrakte Eindrücke hielt.

„Ja … okay.“

„Nicht cool genug?“ Wertend richtete Tony die Lupenleuchte. „Dein Jammer. Aber bevor wir über Tunneleffekte grübeln und das Turbulenzproblem lösen, graben wir uns erstmal aus dem Sandkasten, einverstanden?“

Der fehlende prognostizierte Phasenwechsel und jegliche Materialverformungen ließen mich – zugegeben – etwas kalt, trotz seines Beharrens, einem essentiell augenöffnenden Moment für MIT-Erstsemester beizuwohnen. Dennoch rutschte ich mit meinem Laborhocker dichter auf, als er mich wortlos anwies, seinem Blick durch das Vergrößerungsfenster der Lupenleuchte zu folgen.

Eine Weile folgte ich seiner feinen Ösenschraube mit den Augen, die hierhin und dorthin wies, seine betriebsame Stimme im Ohr, bis er mir schließlich ohne jegliche Vorwarnung seine Werkzeuge überließ und mich mit knappem Nicken aufforderte, die zweite Mikrodüse nach gleicher Logik vorzubereiten und zu platzieren.

Widerstrebend machte ich mich ans Werk.

Es lief mäßig.

Tony griff dreimal ein und korrigierte nicht bloß meine Berechnungen, sondern auch meine Ellbogen und mein Handgelenk um winzige Millimeter, bis die Mikrodüse irgendwann vernünftig angeschlossen war. Mein zweiter Versuch lief besser oder so zumindest glaubte ich, bis ich realisierte, dass Tony längst mehr meine müde abwesende Miene studierte als meine tatsächlichen Entscheidungen.

Sacht hinterfragend intensivierte er liebevoll kritisch unseren kurzen Blickkontakt, ohne es zu kommentieren, vielleicht um Peter diesmal nicht unnötig auf uns aufmerksam zu machen, der inzwischen wieder tief in Gedanken versunken hantierte.

Ich legte mein Einschlagwerkzeug ab.

„Ist es, was ich denke, was es ist?“, erkundigte er sich just.

Dunkel seufzte ich. „Es ist gar nichts.“

„Einspruch. Nicht-genehmigtes Ausweichmanöver.“ Trotz mager gehobener Brauen nahm er eine der Pinzetten wieder auf und gab sich abgelenkt. „Willst du mit jemandem reden?“, fragte er gesenkt. „Rhodey? Pepper? Samantha? Dr. FRIDAY in SENF-Gestalt?“

„Worüber?“, gab ich zurück. Es war nicht überraschend, aber unversehens tat es nur noch mehr weh, welche zwei Namen er bewusst nicht länger platzierte.

Tony musterte mich aus dem Augenwinkel. Uns beiden war mehr als klar, dass er von Jane sprach, ihrem sich übermorgen jährenden Todestag, und was es mit mir machte, mich der jähen Entfernung unseres letzten gemeinsamen Moments bewusst zu werden; dieser sterilen Leere, in der ich sie verlassen hatte und sie mich. Ganz anders als Mum. So real und doch genauso unwiederbringlich .

Das wirklich letzte Quäntchen Beweis, das ich gebraucht hatte, um zu begreifen, dass die Welt sie beide einfach von einem Moment auf den anderen hatte verschwinden lassen und mit ihnen jede Umarmung, jede Berührung, jeden Duft und jedes Wort.

Ich schwieg, denn ja , daran zu denken, staute meinen Kopf und sank wie Blei auf meine Glieder.

Wie nicht?

Und vielleicht tat ich es eben deshalb nicht – zu sehr daran denken; so konsequent und angestrengt, dass es beinahe einem routinierten mentalen Workout glich, das ich inzwischen ziemlich gut beherrschte. Donnerstag würde ich Daphne sehen, vielleicht sogar Jessy und Sid – das waren die Dinge, auf die ich mich konzentrierte, das Zodiakallicht, der lichte Gegenschein zu dem dunklen drückenden Gefühl, der den Fokus dieses Tages verschob, fort von aller bleiernen Unruhe des Vermissens und Schmerzes.

„Das ist es nicht“, wiederholte ich darum lau und wich Tonys sacht wiederkehrenden Musterung aus.

„Okay“, sagte er. „Was dann?“

Und da war es. Das Problem, das er nicht einmal sah .

Unversehens schnürte sich meine Kehle zusammen. Es tat weh, aber nicht so sehr, wie es der vage pochende Knoten in meiner Brust tat.

Unruhe ergriff mich, seltsam getrieben und doch unfähig Tony zu konfrontieren, nicht nach allem, was in Leipzig und Sibirien geschehen war, was einen kompletten Anzug wie auch unser Leben demoliert hatte und ihn Tage und Nächte später immer noch Tabletten schlucken ließ, von denen er vielleicht annahm, dass sie mir entgingen; nicht nach Steve und Barnes und --- all den Dingen, die ihn darin bestätigten, dass es so besser war und das hier die einzig vernünftige Antwort …

Und dann erinnerte ich mich auch an Peter, der nur wenige Fuß entfernt arbeitete und alles mitbekam, und die bitterglimmende Woge in meinem Inneren ebbte gerade noch rechtzeitig wieder ab und hinterließ nichts als schwache Benommenheit.

Ich schielte zu Peter hinüber, nur um festzustellen, dass er mich seinerseits verhalten beobachtete und meinen Blick stumm appellierend suchte, vermutlich, weil er annahm, dass meine Laune bloß mit den dämlichen Spind-Nachrichten zu tun hatte und er immer noch davon überzeugt schien, dass Tony einzuweihen eine weit bessere Idee darstellte, als das „Problem“ gar nicht erst als solches zu titulieren.

Tony entging unserer knapper Blickkontakt nicht. „Was ist hier los?“

Ich stieß den Atem aus. „Nichts“, stöhnte ich, „ernsthaft-“

„ Nuh-hu , falsche Antwort.“ Er brachte sich auf die Beine. „Mr. Parker?“

Peter zuckte. „… Mr. Stark?“

„Als ich vorhin fragte, wie es in der Schule war, hast du da irgendwie vergessen zu ergänzen, dass es da eine Kleinigkeit gab, die so überhaupt nicht Sie wissen schon, ziemlich unspektakulär lief?“

Gefangen zwischen unserer beider gebannter Blicke erstarrte Peter wie ein Rehkitz im Scheinwerferlicht. Selbst Dum-E tat es ihm gleich, denn das sanfte technische Schnurren seiner Gelenke verstummte. „Die Frage war rhetorisch, richtig?“, begann Peter nervös. „Ich soll nicht wirklich darauf antworten, wenn Sie nach der Schule oder Ähnliches fragen?“

Ausdruckslos starrte Tony ihn an.

„Denn, falls doch“, beeilte sich Peter nachzusetzen, während sein Blick unsicher zwischen uns beiden hin und her zuckelte. „Na ja, also, alle waren heute ziemlich hinüber … Sie wissen schon, wegen Halloween und der ganzen Partys, und Mr. Dell hat echt voll durchgepowert-“

„Wir nehmen in Politik das Sokovia Abkommen durch“, improvisierte ich knapp.

Umgehend lag Tonys kritischer Blick wieder auf mir.

„Mr. Cobbwell fragte, ob du zu uns in den Unterricht kommen und vielleicht selbst etwas dazu erzählen kannst.“ Ich sah ihm gerade so lange in die Augen, bis ich das Gefühl bekam, ein zweites Mal an diesem Tag bis auf die feinsten Strukturen meiner grauen Hirnsubstanz durchleuchtet zu werden, ehe ich schon wieder genervt beiseite sah und das Einschlagwerkzeug zur Hand nahm. „Ich habe versprochen zu fragen“, brummte ich, „aber ihnen auch gesagt, dass du gerade echt viel zu tun hast und vermutlich sowieso nichts draus wird. Also … wie auch immer …“

„Netter Versuch.“

„Es ist wahr“, beharrte ich prompt, streckte beide Arme von mir und wies mit dem Einschlagwerkzeug in Richtung Peter. „Los, frag ihn. Cobbwell hat mit dem Abkommen angefangen und dann wollten alle, dass du vorbeikommst und darüber sprichst. Peter war dabei, er kann es bestätigen.“

Nur allzu ironisch sah Tony zu ihm weiter, was Peter vage die Schultern heben und nicken ließ, nicht jedoch ohne dabei so verdächtig unzufrieden dreinzusehen, dass es mich verärgert die Lippen aufeinanderpressen ließ.

„FRIDAY sucht einen Termin raus.“ Tonys Kopf schnappte zu mir zurück. „Und jetzt den zensierten Part oder ihr beide habt den Rest der Woche genug Zeit, eine Version dieser Antwort zu verfassen, die mich überzeugt.“

Meine Miene versauerte. „Was soll das heißen?“

Ungeniert grub sich sein Blick in den meinen. „Es heißt genau das, wonach es klingt.“

„Weil ich nicht gut genug drauf bin?“ Ich schnaufte. „Du kannst Peter nicht mal verbieten rauszugehen, das ist Bullshit.“

„Oh, er weiß genau, wie ich das meine, versprochen.“ Tony blieb unbeirrt und Peters jäh beunruhigte Miene sagte mir, dass er keineswegs bluffte und tatsächlich etwas gegen ihn in der Hand hielt – seinen freien Zugang in die Werkstatt, vermutlich.

„Und nur, um klar zu bleiben“, ergänzte er freudlos. „Die Ziehungen in der Glückslotterie fanden bereits heute Morgen statt, der Laden ist zu.“

„Verstanden“, erklärte ich säuerlich. „Es gibt keinen Grund, okay?“

Unbeeindruckt schob er beide Hände in die Hosentaschen und hielt mühelos meiner verkrampft abwehrenden Miene stand. „FRIDAY, erinnere Sola, was wir nach der lustigen Drohnen-Fahndungsaktion an der Bosworth als Regel zu Zwischenfällen und Problemen in der Schule festgehalten und dann ganz neulich erst genau so noch einmal Wort für Wort abgesegnet haben-“

Beschämte Hitze stieg in meine Ohren. „Nicht nötig, okay !“, fuhr ich auf und pfefferte das schmale Einschlagwerkzeug unter metallischem Klackern wieder auf die Werkbank zurück. „Es ist kein Problem , ernsthaft, es sind einfach nur --- ein paar dämliche Zettel …“

„Zettel.“

„In ihrem Spind tauchen Nachrichten auf“, erklärte Peter und verschränkte verhalten die Arme, vielleicht weil er der wachsenden Anspannung zwischen uns überdrüssig wurde. „Ich hab nur eine gesehen, aber die war … ziemlich gemein und eigentlich gegen Sie gerichtet. Ich hab vorgeschlagen, sie soll es einem der Lehrer zeigen, aber sie sagte, es sei … kein Problem.“

Unangenehm bestätigt atmete Tony aus und sank gegen die Werkbank, seine Miene ein jähes Schlachtfeld aus Frust, Überdruss und düster bekräftigter Zweifel.

Mein Blick wurde feucht, ob vor Wut, Scham oder jäher Verwundbarkeit konnte ich nicht sagen. Ich funkelte Peter an und sah prompt wieder zu Tony. „ Er ist das Problem“, knurrte ich. „Er hat keine Ahnung, was Privatsphäre bedeutet.“

Still angepisst sah Peter wieder beiseite.

Tony tat nicht mehr, als mich zu mustern, bis seine Züge wieder so herzlich unbefriedigt und versiert wirkten, dass ich wusste, dass er über einer Lösung zu brüten begann. „Hast du die Nachrichten noch?“

Ich antwortete nicht.

„Sie hat sie in ihren Rucksack gepackt“, murmelte Peter.

Bitter fassungslos sprang mein Blick zu ihm zurück.

„Bring sie her.“ Tony stieß sich von der Werkbank ab. „Alle davon, okay? Ich will sie sehen.“

-/_\-

Leise surrende Stille herrschte in der Werkstatt, einzig unterbrochen von Dum-Es betriebsamer Überwachung von Peters Fluidstudie, als ich wenig später den armseligen Haufen Schnipsel betrachtete, aus dem sich Tony seit geraumen Minuten dunkel grübelnd bediente.

Inzwischen hielten wir uns um eine kleine verbliebene Freifläche an einer der Werkbänke im Eingangsbereich der Werkstatt versammelt. Obwohl Tony mit in die Hosentasche gegrabener Hand dastand und seinen Blick in ominösem Schweigen von Schnipsel zu Schnipsel wandern ließ, hatte ich nicht das Gefühl, dass sich irgendetwas Gutes daraus zusammenbraute. Mein Kinn auf mein angezogenes Knie platziert, schielte ich dann und wann finster zu Peter, der in dasselbe undefinierbare Schweigen gehüllt, seine Aufmerksamkeit schleichend von Tony zu den Schnipseln und wieder zu mir zurück wandern ließ, ohne seine seicht verschränkten Arme und geschlagen zurückgelehnte Sitzhaltung aufzugeben, die mich nur weiter davon überzeugte, dass ihn mein wütender Reflex eines Gegenangriffs zwar wirklich die Laune verdorben hatte, ihn jedoch nicht wie erhofft für den restlichen Abend aus meinem Leben vergraulen würde.

Tja, was Loyalitäten anging, die hatten sich wiederholt geklärt, denn – Überraschung – wenn Peter zwischen unserer vor gut vierundzwanzig Stunden lose gekitteten Freundschaft und seinem Exklusiv-Praktikum bei Tony Stark zu wählen hatte, brauchte er anscheinend gar nicht erst zweimal zu überlegen.

Tony sah zu mir. „Wann hat das angefangen?“

Dumpf hob ich die Achseln. „Nach Deutschland … So richtig aber erst letzte Woche, als ich wegen des Captain-America-Videos aus Sport und dem Nachsitzen raus bin.“

Tony schnippte den Papierstreifen in seiner Hand zu den anderen zurück. Er landete auf seiner unbeschrifteten Seite, sodass ich die Nachricht entziffern konnte: Platz Zwei Starks berühmtester Unfälle .

Sofort blinzelte ich noch etwas fester.

„Am ersten Tag nach Deutschland war da ein Sticker an meinem Spind“, fuhr ich widerwillig fort. „Ich hab’s im Sekretariat gemeldet und sie haben es entfernt. Es gab noch ein paar blöde Kritzeleien auf der Toilette, aber das mit den Zetteln fing erst so richtig an, nachdem dich Morita letzte Woche wegen der Kampagne gerufen hat.“

„Irgendeine Idee, wer dahintersteckt?“

Ich schüttelte den Kopf. „Es sind mehrere ... Die Schrift ist nicht immer dieselbe ...“

Die dunkel grübelnde Kerbe zwischen seinen Brauen vertiefte sich, während sein Blick stillschweigend weiter die auf seiner Werkbank verteilten knittrigen Papierstreifen abgraste.

„Wenn sie es meldet“, bemerkte Peter langsam, „kann die Fluraufsicht den Spind im Blick behalten. Das machen sie manchmal. Letztes Jahr hat irgendein Genie Öl vor die Spinde im Hauptflur gegossen. Richtig viele sind gefallen. Einer hat sich den Arm gebrochen. Sie haben ihn dann aber ziemlich schnell erwischt. Vielleicht können sie über die Fluraufsicht oder die Videoüberwachung herausfinden, wer die Zettel einwirft …“

Obwohl alles daran ziemlich vernünftig klang, warf ich ihm einen wiederholt säuerlichen Blick zu. „Cool … Wie sieht es mit Flash aus? Hast du das auch schon gemeldet?“

Peter errötete. „Das ist nicht dasselbe.“

„Er beleidigt dich ununterbrochen.“

„Ja, aber das ist kein Geheimnis …“, murmelte er. „Er erzählt Mist, okay, ein paar Leute lachen und alle wissen es. Ziemlich sinnlos, etwas zu melden, das jeder sowieso bereits mitbekommt …“

„Er nennt dich Penis Parker. Und behauptet, dein SI-Praktikum sei irgendeine Charity-Nachhilfe für Unterbelichtete.“

„Er ist ein Idiot.“

Unverändert schweigend glitt Tonys Blick zwischen uns beiden hin und her.

Peter nickte zu den Schnipseln und Captain-America-Stickern herüber. „Das ist etwas anderes.“

Ich schnaubte dumpf.

„Du … na ja, du bist beliebt . Wenn du darüber sprichst, werden sie aufhören.“ Er fuhr sich über den Hinterkopf und seufzte unruhig. „So läuft das eben ...“

Ungläubig griff ich einen der Schnipsel und hob ihn in seine Richtung. „Beliebt?“

„Ja …“ Er wich meinem Blick aus. „Ich mein‘, du bist ein Star … irgendwie … du weißt schon, Iron Girl .“

Mein angezogenes Bein rutschte von dem Fußring meines Laborhockers zurück zu Boden. Ich hasste es, wie feucht meine Augen erneut wurden. „ Er ist der Star, okay?“, widersprach ich still erstickt. „Iron Man . Ich bin immer nur genauso beliebt, wie Tony Stark gerade im Kurs steht. Iron Girl ist eine Erfindung, ein dummer Stempel. Es ist nicht real, es --- es sagt bloß, was alle denken: Dass es niemanden interessiert, solange es nicht mit ihm zu tun hat.“

Herbe Stille legte sich über uns, als ich mir den Ärmel meines Sweaters nunmehr stumm über den Daumen stülpte und mir über die nassen Innenwinkel meiner Augen fuhr.

„Dieser Flash“, sagte Tony. „Könnte er hiermit zu tun haben?“

Bitter belustigt schnaufte ich in meinen Ärmel. Mein Prusten ließ ihn jedoch nur unbeirrt die Brauen heben.

„Unwahrscheinlich“, antwortete Peter lau. „Er ist ein riesiger Fan, Mr. Stark. Er spricht ständig über Sie, die Avengers … Spider-Man …“

Etwas in Tonys Miene zuckte in freudloser Belustigung.

„Wenn er von diesen Zetteln erfährt“, fuhr Peter leise murrend fort, „lädt er vermutlich nur wieder eines dieser bescheuerten Meinungsvideos auf Youtube hoch und nennt es eine Flashcalation gegen den solaren Shitstorm .“

Ich konnte nicht anders, auch meine Mundwinkel hoben sich ein bitter kleines Bisschen, denn es klang wirklich verflucht nach Flash Thompson. Trotzdem gefiel mir nicht, wie bedenklich konzentriert Tony mich nach wie vor aus dem Augenwinkel musterte.

„FRIDAY?“

„Ja, Boss?“

„Lass mir eine Auflistung aller Online-Kommentare und Nachrichten der letzten zwei Wochen zukommen, die an Solas Media-Firewalls gescheitert sind. Und überprüfe die Absender auf Übereinstimmungen mit eingeschriebenen Schülern, Angestellten und Lehrkräften der Midtown High.“

„Wird gemacht.“

„Und besorg mir das CCTV aus dem Hauptflur.“

Ich gefror.

Bereits entschieden sah er zu mir weiter. „Stell FRIDAY eine Liste der Tage und ungefähren Zeiten zur Verfügung, an denen diese Nachrichten in deinem Spind aufgetaucht sind. Damit können wir die Zeiträume besser eingrenzen, in denen sie eingeworfen wurden. FRIDAY wird das Material auf verdächtige Muster innerhalb dieser Bereiche überprüfen-“

„Okay, nein --- warte“, protestierte ich auf. „Du kannst nicht einfach Überwachungsvideos kapern und --- meinen Spind beobachten lassen-“

„Hochoffiziell? Doch. Doch, ich kann.“ Als überrasche er sich selbst, trat er einen Schritt zurück. „Kommt mit dem schicken neuen präsidentiellen Dekret. Diese neuen Freigabestufen und geheimdienstlichen Berechtigungen sind, ehrlich, gar nicht übel …“

Etwas Dichtes presste gegen mein Brustbein. „Gut, vielleicht , aber das ist nicht … richtig fair, es sind bloß ein paar Mitschüler, keine Hydra-Agenten oder Aliens , und es --- es bestätigt bloß, was sie sagen-“

„Fair? Sola, fair war es von Anfang an nicht.“ Ungeduldig schüttelte Tony den Kopf. „Sie zielen auf dich, weil du ein hübsch glänzendes Ziel abgibst, also machen wir ihnen besser klar, dass sie auf Vibranium feuern.“ Konsequent fing er meinen überforderten Blick ein und hielt ihn. „Sie halten sich für unsichtbar? Sind sie nicht. Beweisen wir es ihnen. Ziehen wir ihnen vor allen die Hosen aus.“

„Nicht so . Nicht mit Kamerahacks und Iron Man und-“

„Gut“, kapitulierte er unversehens. „Wie dann?“

„Einfach ---“ Ich atmete aus. „Ich kläre das, okay? Wenn es nicht aufhört, geh ich --- dann geh ich eben ins Sekretariat, wie Peter sagte, und melde es.“

„Solo-Job? Meinetwegen. Grundsolide Strategie. Aber lass uns Nägel mit Köpfen machen, ja?“ Tony nickte und plötzlich realisierte ich, dass er mich gegen mich selbst ausgespielt hatte. „Streichen wir das Wenn “, entschied er. „Gleich morgen früh.“

Ich funkelte ihn an. Er verzog keine Miene.

Beiläufig zog er einen verbliebenen Laborhocker unter der Werkbank hervor, rollte ihn vor mich und ließ sich handschlagbereit darauf nieder.

„Unsere Unterhaltung? Freitag?“, erinnerte er. „Wir haben ein Ziel, Sola.“

Das MIT und mein bislang eher ausbaufähiger Notenschnitt, der mich in ein paar Jahren – wenn denn überhaupt – nur sehr knapp ins Ziel einlaufen lassen würde, sofern ich in den kommenden Quartalen nicht endlich wieder nachlegte.

Ich schluckte. „Es sind einfach bloß ein paar dämliche Zettel.“

Nur waren sie es nicht .

Und ich konnte auch niemandem etwas vormachen.

Es waren Botschaften von draußen, von wütenden Protestbewegungen und leidenschaftlich hasserfüllten Online-Foren, die es bis in meine High School geschafft hatten. Die mich anstelle von ihm attackierten. Die mir sagten, was ich nicht hören wollte. Lügen , größtenteils, wie auch ein paar winzige, hässliche, unerträglich rationale … Tatsachen.

Sowohl Tony, als auch Peter beobachteten mich in unbeirrt ahnungsvollem Schweigen, als ich verhalten schnaufend ausatmete und den Blick zu Dum-E abschweifen ließ, der in der Ferne des hinteren Werkstattbereichs noch immer in urtypisch, aber seltsam tröstlich monotoner Bewegung Peters Reagenzproben im Spektrometer einlas und versiegelte.

„Ich kann mitkommen …“, hörte ich Peter sagen.

Widerstrebend sah ich zu ihm.

Vorsichtig hob er die Schultern. „Wir können es gemeinsam im Sekretariat melden.“

Ich spürte, wie ich seicht nickte.

„Guter Plan. Gefällt mir. Hat mein Go .“ Kurzentschlossen stieß Tony sich zurück auf die Beine und deutete im Vorbeigehen auf ihn. „Ich will nicht, dass das hier hässlich wird, capice ?“

Peter nickte. „ Capice …“

Musik:

brutal - Olivia Rodrigo