Nachbarschaftshilfe
Nachbarschaftshilfe
Kapitel 42: Nachbarschaftshilfe
Von hässlich konnte gar keine Rede sein.
Mein Besuch im Schulsekretariat entpuppte sich eher als langatmig, als ich am darauffolgenden Nachmittag schließlich widerstrebend Mrs. Salzers Herrschaftsbereich aufsuchte, wie eigentlich bereits für den frühen Morgen vereinbart gewesen.
Anders als Peter vielleicht annahm, lag es jedoch nicht an seiner spürbar stummen Unruhe, die meine Last-Minute-Verzögerungstaktik schlussendlich torpedierte, sondern vielmehr an Tonys Meisterleistung in Sachen elterlichen Psychoterrors.
Was noch um halb neun mit einer knappen Chat-Erkundigung danach begonnen hatte, wie es im Sekretariat gelaufen war, hatte sich eine ganze Weile als wiederkehrend passiv-aggressiv platziertes Fragezeichen gehalten, bis es schließlich pünktlich zur Mittagspause in einem simpel gestrickten, indirekten Befehl gemündet war:
12:30 Uhr IronDad: Das Solo-Missionsfenster schließt um 5. Danach übernimmt Iron Man.
Ruhelos genervt hatte ich endlich eine stumm brodelnde Antwort verfasst:
12:31 Uhr Ich: Es war heute nicht einmal etwas im Spind!
12:31 Uhr IronDad: s.o.
Schnaufend hatte ich mein StarkPhone auf den Mittagstisch abgeworfen und Peter gleich noch einmal wortlos angefunkelt, was unweigerlich MJs Aufmerksamkeit auf sich gezogen hatte, woraufhin Peter ihrem nüchtern analytischen Blick rasch in Richtung seiner durchweichten Meatball-Spaghetti ausgewichen war.
Sie überraschte uns beide, als sie schließlich fragte: „Es geht um diese Nachrichten, oder?“
Da ich nicht angenommen hatte, dass sie überhaupt von den Zetteln wusste, hatte ich bloß genickt und widerstrebend gegrummelt, dass ich Tony versprochen hatte, heute das Sekretariat zu informieren.
Ned wiederum sah hiernach bis zum Ende des Unterrichts weiter so abgehängt drein, dass ich begriff, dass Peter durchaus Dinge für sich behalten konnte, wenn er denn wollte .
Das Sekretariat war auch nach Unterrichtsende noch rappelvoll.
Ich hatte auf weniger Schüler gehofft, trotzdem gesellte ich mich in die ungeordnete Masse herumwuselnder Jugendlicher und ließ Peter wissen, dass ich zurechtkam. Ich wusste, dass er mit der U-Bahn zur Schule pendelte, und es sah wirklich nicht aus, als käme ich in der nächsten Viertelstunde irgendwie ans Ziel. Vermutlich kam seine Bahnlinie häufig genug, aber ich stellte es mir dennoch nur halb so lustig vor, am nahen Hochbahnviadukt im unangenehm feuchtkalten Novemberwind auf die nächste überfüllte Bahn zu warten, wie im mit Premium-Sitzheizung versehenen neuesten Audi-A8-Modell den stockenden Verkehr zurück nach Manhattan zu erdulden.
Peter blieb trotzdem.
Ein vage schlechtes Gewissen setzte sich in mir fest.
Nach allem war ich es, die alles verzögert hatte und sich nun ganz auf ihren exklusiven Fahrservice ausruhte, den ich im Übrigen ohnehin auf sieben Uhr vertröstet hatte, weil mich nach Tonys morgendlichem Fragezeichen-Bombing wirklich nicht allzu viel reizte, direkt nach Hause zurückzukehren.
Nicht, dass ich bisher irgendwelche Pläne für den Nachmittag hatte … Tatsächlich schien es der erste Nachmittag seit --- nun ja, seit ewig , der wie ein blankes Blatt Papier vor mir lag, ohne dass ich mich dabei daheim befand und damit die verwendbare Farbpalette bereits klar vordefiniert schien.
Plötzlich nicht einmal sicher, wie viele Nachmittage dieser Art es überhaupt gegeben hatte, seit ich Nashua verlassen hatte, versank ich in kurze Dissoziation.
Als ich wieder zu mir kam, sah ich Peter und MJ unverändert vor dem Sekretariat im Korridor ausharren. Sie standen nahe der Wand, sprachen sporadisch miteinander und sahen beiläufig um sich, wann immer Mitschüler an ihnen vorbeiliefen, was mir verriet, dass sie sich ziemlich wahrscheinlich über meine unbeabsichtigt dekadente Halloweenparty oder aber unsere gestrige Diskussion mit Tony über die boshaften Zettel und ihre Herkunft unterhielten.
Ihren missvergnügten Mienen nach zu schließen, vermutete ich letzteres.
Als ich endlich an die Reihe kam, zögerte ich die kleine Sammlung gehässiger Botschaften tatsächlich vor meinen immer noch im Sekretariat herumschwirrenden Mitschülern auszupacken, also informierte ich Mrs. Salzer lediglich kurz, dass es um weitere Probleme mit meinem Spind ging. Zum Glück verstand sie meine ominös umschriebene Beschwerde, denn wir hielten kurz einvernehmlichen Blickkontakt, ehe sie mich auch schon bat, auf einen der Stühle nahe Moritas Büro Platz zu nehmen, während ihre Kollegin sich um das verbliebene ungeduldige Nachmittagsgewusel kümmerte.
Als sich das Sekretariat endlich leerte, winkte sie mich wieder zu sich.
„Mr. Morita und Mr. Flannigan befinden sich beide in Elterngesprächen“, erklärte sie mir. „Es wird leider noch eine Weile dauern, falls sich überhaupt ein Moment findet ... “ Sie seufzte. „In der Woche nach dem Quartalszeugnis ist hier immer die Hölle los ... Wir können aber gemeinsam ins Nebenbüro gehen, das ist gerade frei. Dann erzählst du mir, worum es geht, und ich gebe es heute noch an sie beide weiter. Morgen früh schaust du dann direkt im Sekretariat vorbei. Ich kümmere mich darum, dass einer von beiden für ein kurzes Gespräch verfügbar ist.“ Sie zögerte, während sie etwas auf ihrem Bildschirm überflog. „Oh, ich sehe gerade, du wurdest für morgen freigestellt.“
Ich nickte verhalten. „Wir sind in Nashua. Meine Tante …“ Ich hielt inne. „Es ist der Jahrestag.“
Mrs. Salzer musterte mich aus unbeirrbar resoluten Augen. „In Ordnung, Herzchen. Freitagmorgen. Das bekomme ich geregelt. Notfalls verschieben wir ein paar weniger dringende Gespräche.“ Sie gab ihrer Kollegin mit knappem Nicken ein Signal und griff sich ihren Laptop. „Komm bitte kurz mit. Ich schreib alles auf.“
-/_\-
„Ihr seid noch hier?“
Vage verblüfft ließ ich meine Schritte auslaufen, als ich endlich das Sekretariat verließ und auf Peter, MJ und Ned stieß, die in losem Dreieck beieinanderstanden.
„Wir haben es ihm gesagt“, gestand MJ geradeheraus und sah Ned aus dem Augenwinkel an. „Er fragte, ob du die Schule verlässt. Er sah aus, als müsse er auf die Krankenstation.“
„ Nah “, widersprach dieser peinlich berührt. „Das war bloß … die Spaghetti. Liegt irgendwie komisch im Magen. Bei euch nicht?“
MJs hielt ihren krummen Seitenblick. „ Uh-hu …“
Peter suchte meinen Blick. In seiner lau besorgten Miene lag unterschwellige Nervosität, die sich auch dadurch zeigte, dass er Neds schnelle Ausrede nicht einmal mit instinktiver Zustimmung unterfütterte. „Wie lief‘s?“, erkundigte er sich.
Gleichgültig hob ich die Schultern. „Ich soll Freitag nochmal vorbeikommen. Morita und Flannigan sind gerade beide in irgendwelchen Elternterminen.“
MJs Stirn sank in verwirrte Runzeln. „Warum hat es so lange gedauert?“
„Ich habe Mrs. Salzer die Zettel gezeigt. Sie hat alles notiert. Sie sagte, sie richtet es ihnen aus.“
„Ist … zumindest etwas, oder nicht?“, befand Peter vorsichtig.
Ich nickte einfach, um das Thema zu beenden. Nicht, dass es irgendwie gelöst schien, aber zumindest konnte ich Tony nun situationsbedingt bis Freitag vertrösten, ehe er FRIDAY mit Gesichtserkennung und FBI-Software auf die Sicherheitsüberwachung meiner High School losließ und es ganz flapsig eine Frage der nationalen Sicherheit nannte.
Einen Moment scharrten wir alle auf der Stelle, während unsere Blicke in die lose versammelte Runde wanderten.
Befangen richtete Peter seinen Rucksack. Er hob die Achseln. „Irgendwer Lust, auf ein paar echt gute Sandwiches?“
-/_\-
„Sagtest du nicht, Delmar’s sei ganz in der Nähe?“, erkundigte ich mich, als wir die zigste Kreuzung inmitten von Queens unruhigem Nachmittagsverkehr überquerten und uns an entgegengesetzt dahineilenden Passanten vorbeimanövrierten, die Einkäufe und Take-Away-Tüten mit sich trugen oder aber auf direktem Wege zum jeweiligen Schichtdienst in zielstrebigen Slalom an uns vorbeimarschierten.
Beide Daumen entspannt unter seine Rucksackträger geschoben, zerknitterte Peter die Stirn. „Sagte ich?“
„Ja.“ Ich zögerte. „Vor ein paar Wochen, glaub ich, als Happy spät dran war und du mit mir gewartet hast. Wir wollten dich absetzen. Du sagtest, es sei gleich um die Ecke.“
„Es ist ein paar Blocks entfernt, aber nicht richtig weit.“ Peter hob die Schultern. „Normalerweise fahre ich mit der U-Bahn.“
Ich hatte nichts gegen den Fußmarsch.
Es tat gut, einen Schritt vor den nächsten zu setzen. Schon vor gut einer Meile schien eine steife Härte aus meiner Muskulatur gewichen. Neds zufriedenes Geplapper und MJs staubtrockenen Reaktionen, der lebendige Stadtverkehr, die abgelenkten Menschen, die mich bloß als weiteren Passanten registrierten, der ruppige Wind in meinen Haaren, Peters und meine sacht auftauende Stille … Trotz aller Abgase fühlte es sich befreiend an, mochte ich auch eine entschieden zu lockere Sherpa-Jeansjacke tragen, wie mir schleichend bewusstwurde, denn meine Nieren protestierten sachte unter jedem vorbeifegenden Windstoß, als sei das hochwertige Designerfutter in ihrem Inneren nichts weiter als schicke Effekthascherei.
„Mit der Bahn geht es viel schneller“, versicherte Ned gut aufgelegt, als handelte es sich dabei um einen noch weitestgehend unbekannten Transportweg, den mir zu erläutern, er sich ehrenvoll berufen fühlte. „Und wenn man früh genug fährt, ist es auch gar nicht voll.“
Angesichts Elijahs jüngstem Geständnis nahm ich es ihm nicht übel. Anscheinend gab es Menschen in dieser Stadt, die noch nie einen Schritt in den New Yorker Untergrund gesetzt hatten. Und, zugegeben, Tonys hartes Verbot machte es von außen betrachtet auch gar nicht unwahrscheinlich, dass ich dazugehörte. Und so wäre es wohl auch, hätte es da nicht in der Vergangenheit bereits mein kurzes New York-Wochenende mit Mum oder diese kleine Eskapade meiner Flucht zurück nach Boston vor gut einem Jahr gegeben. Beides nur schnelllebige Eindrücke, übermalt von Aufregung, hellen Emotionen und leiser Überforderung, aber dennoch ausreichend einprägsam.
New York Citys U-Bahnsystem war beängstigend, wenn man sich dieser Stadt fremd oder in ihr verloren fühlte.
„Kommt ihr beide öfter hierher?“
MJs gewohnt unberührtem Ton ließ sich nicht entnehmen, ob sie die Jungs bloß aufzog oder sich ganz aus Prinzip ein Urteil bildete.
Peter sah zu einem nahen U-Bahn-Schild an einem grünlackierten Treppenaufgang, der direkt zum stählernen Hochbahnviadukt über unseren Köpfen führte. „Ned steigt hier manchmal auch aus.“
Anscheinend wohnten sie in der Nähe und nicht allzu weit voneinander entfernt; teilten ähnlich wie Daphne und ich dereinst einen Schulweg. Umgehend beneidete ich sie drum.
Über unseren Köpfen fuhr die Bahn schrill und rappelnd in der Station ein. Die Sonne stand tief und spiegelte sich rot und rostig in den Stahlträgern. Es roch nach nassem Metall, Straßenverkehr und feuchtem Altpapier. Irgendwo am Bahnsteig über uns stritten Männer, denn ihre aufgebrachten Stimmen drangen sogar durch den Stadtlärm.
Wir erreichten Delmar’s kleinen Eckladen. Ein Deli, der laut ausgeblichen roter Markise nicht nur rund um die Uhr die besten Sandwiches in Queens versprach, sondern darüber hinaus auch Eis, Zigaretten, Gemüse, Handykarten, Zigarren, Lottoscheine und jeden anderen Krimskrams. Ich vermutete, dass die Werbeaufschrift des Stoffbezugs seit mindestens zehn Jahren nicht mehr ausgetauscht worden war, denn an der Eingangstür klebten zwanzig weitere Schilder mit allen Angeboten, die in jüngster Zeit hinzugekommen waren.
An der Gemüseauslage vor den Ladenfenstern unterhielten sich zwei ältere Frauen, die Peters schnellen Gruß tatsächlich mit kurzem Lächeln erwiderten, was in New York City so einzigartig blieb, dass MJ und ich einen knappen Blick wechselten.
Das Ladeninnere war trotz seiner kleinen Verkaufsfläche gut besucht. Überall zwischen den Regalen schienen New Yorker kleine Tagesbesorgungen zu erledigen.
Peter hielt glücklich auf den Verkaufstresen zu. „Was geht ab, Mr. Delmar?“
Ein südländischer Herr mit graumeliertem Bart und beigem Polohemd kehrte aus der Hocke in aufrechte Haltung zurück und wandte den Kopf. „Schon wieder zurück, Mr. Parker?“
Verwirrt schielte Peter zu einer nahen Tischuhr, halb verdeckt von Bestellscheinen, folienverpackten Ciabatta-Broten und halbgeleerten Senftuben. „Es ist vor sechs.“
Mr. Delmar folgte seinem Blick. „ ¡Dios mío, ya es tan tarde! “ Murmelnd schob er den Karton zu seinen Füßen beiseite und sah flüchtig über unsere Runde. „Viel zu tun, viel zu tun …“ Er seufzte. „Nummer Fünf?“
Peter hob bestätigend die Achseln. „Mit Gurken.“
„Weiß ich doch.“ Der Ladenbesitzer wischte sich die Hände und sah zu uns weiter. „Für die Ladies?“
MJ blinzelte. „Was er sagte. Zum Mitnehmen, bitte.“
„Eingepackt, ja?“
Sie nickte.
„New York Club?“, improvisierte ich, als er zu mir weitersah.
Mr. Delmar nickte. „Kommt sofort.“
„Für mich nichts, danke.“ Entschuldigend legte Ned den Kopf zu Seite. „Meine Lola hat gekocht.“
Mr. Delmar winkte mit dem Geschirrtuch ab. „Guter Junge.“
Umgehend zog ein sanft stolzes Lächeln über Neds Miene, auch wenn er trotz allem kurz bedauernd die Fruchtgummi-Angebote beäugte.
Während der Ladenbesitzer sich abwandte und auf einer nahen Arbeitsfläche geübt Brotscheiben auszubreiten und den Grill zu regulieren begann, sah er knapp zu uns zurück. „Das macht zwölf Dollar.“
„Schon okay, ich mach das.“ Peter griff in seine Jackentasche und beförderte ein paar knittrige Dollarscheine heraus, während ich mein halb gezücktes StarkPhone unentschlossen wieder einsteckte.
Kaum, dass Mr. Delmar sich uns mit den eingewickelten Sandwiches wieder zuwandte und sie vor Peter ablegte, stockte er, fixierte etwas neben meiner Schulter und dann wieder mich und schob unversehens die buschigen Brauen zusammen. „ Ay … dios mío , du bist das Stark-Mädchen.“
Verhalten nickte ich.
Er strahlte auf. „Mr. Parker sagte, dass ihr zusammen zur Schule geht. Hab ihm nicht geglaubt. Dachte, der Junge veralbert mich. Aber dann stand es überall in der Zeitung, Stark wählt Queens , und seitdem jede Woche aufs Neue …“ Beiläufig wies er zu dem schmalen Magazinständer hinter uns, auf dem ich einen Schnappschuss von Tony und mir in einem Pulk von Paparazzi auf dem Cover eines lokalen Blatts entdeckte; anscheinend einer der vielen Artikel, der sich auf meinen Boykott der Captain-America-Schulkampagne und dem kleinen Eklat rund um Tonys bislang unbekannten Nanotech-Handschuh und seinen Einsatz gegen einen der Fotografen gestürzt hatte.
Mr. Delmar lachte auf. „Spider-Man war auch einmal hier“, informierte er mich erheitert und beugte sich etwas über den Tresen. „Gleich dort. Ist einfach kurz nach Mitternacht hereingeschwungen und hat ein paar Maskierte aufgehalten, bevor sie hier hereinspazieren und unsere Kassen plündern konnten. Hat danach sogar noch ein Sandwich gekauft. Sagte, es sind die besten der Stadt.“ Er sah zu Peter. „Netter Junge. Wie du, Mr. Parker. Hat auch die Nummer fünf gewählt.“
Ned sah Peter an und dann ganz schnell wieder beiseite.
Peter lächelte matt und scharrte auf der Stelle. Seine Finger spielten mit den Verschlüssen seiner Rucksackträger.
„Ist nun ein Avenger, sagte er“, fuhr Mr. Delmar fort und ließ es wie einen edlen, aber etwas bedauernswerten Ritterschlag klingen. „Spider-Man hatte immer die Nachbarschaft im Blick ... Hat alles etwas sicherer gemacht, seit er da war, wenn ihr mich fragt ... War gut für Queens.“
„Ich glaub, das ist nicht so richtig offiziell, diese Avenger-Sache“, wandte Peter schnell ein.
Er runzelte die Brauen. „Ah?“
„ Jaah , das ist mehr so …“ Peter zuckte betont die Achseln. „So eine Art Bereitschaft, wissen Sie?“
„Falls sie Verstärkung brauchen“, schlussfolgerte MJ und studierte seine merklich herumdrucksende Miene. „Sozusagen auf Honorarbasis. Macht sein eigenes Ding.“
„Genau --- Nein , ich meine … na ja, so eine Art Springer, richtig? Er ist nicht richtig raus, nur eben … spontan.“ Er sah aus dem Augenwinkel zu mir, dann zurück auf die frisch eingewickelten Sandwiches und schob die bereitliegenden Dollarscheine rasch weiter auf Mr. Delmar zu. „Hab ich zumindest aufgeschnappt ...“
Mr. Delmar blinzelte, dann wanderte sein Blick zu mir zurück, hielt mich fest und erneut zog ein breites Grinsen über sein bärtiges Gesicht, diesmal ahnungsvoll verschworen. „Ah, ja .“ Er richtete sich wieder vom Tresen auf. „Richtet Tony Stark aus, dass er ein Sandwich gut bei uns hat, ja?“
-/_\-
In der Ferne waren Manhattans Lichter vage zu erkennen.
Blaue Dämmerung breitete sich aus und weitete die Schatten. Der Spielplatz in Nähe von Mr. Delmar’s Deli war verlassen und nur ein paar Straßenlaternen der nahen Straße am Hochbahnviadukt verbreiteten genug Licht, als ich die letzten Bissen meines Sandwichs verschlang und Peter ein stummes Daumenhoch gab, das er ebenso zufrieden kauend mit einem stillem Lächeln beantwortete.
MJ und Ned hatten sich bereits verabschiedet. Es waren nur noch wir beide, bunte Miniatur-Klettergerüste und graue Fallschutzmatten zu unseren Füßen.
Ich knüllte mein Verpackungspapier, stopfte es in die Seitentasche meines Rucksacks, kaute zu Ende und ließ meine Beine baumeln, während sich das vage Verlangen in mir festsetzte, einfach vom Rand dieses höchsten und doch so niedrigen Kletterturms abzuspringen, um das Nachgeben des weichen Untergrunds durch meine Beine federn zu spüren.
Am nahen Basketballfeld hinter dem Schutzgitter dribbelten zwei Teenager weitestgehend schweigsam und warfen Körbe. Das erst regelmäßige und dann wieder abbrechende Titschen und Schlagen ihres Balls glich einer urbanen Melodie, die mich und meine Freunde einst ganze Sommerabende begleitet hatte. Es bereitete mir eine weitere Prise Heimweh nach Nashua und fütterte zugleich diese schmale Woge schwellender Euphorie, die mit der Gewissheit kam, schon morgen wieder dort zu sein, so fern und unvorstellbar es in diesen Sekunden auch schien, ja, endlich, nach Monaten, nein, gefühlten Jahren .
Der Wind hatte sich gelegt, deshalb schien es nicht mehr ganz so frisch. Trotzdem sah ich immer noch Laub fallen und im Licht der fernen Straßenlaterne seine schnellen, kurzen Schatten werfen.
„Wegen gestern …“, begann Peter.
„Ja, sorry.“ Ich schluckte. „Ich --- keine Ahnung, ich hab echt überreagiert, tut mir leid …“ Ich zog ein Knie an und umfasste es mit einer Hand. „Ehrlich, war nicht so gemeint.“
Eine weitere überfüllte Bahn ratterte hellbeleuchtet über das Viadukt.
Obwohl das weiße Rauschen der nahen Straße begleitet von schrill wiederkehrenden Gleisgeräuschen immer noch über allem lag, schien alles daran inzwischen seltsam deutlicher in den Hintergrund gerückt.
Peter zögerte. Sein eigenes sichtlich schlechtes Gewissen ließ ihn beiseite blicken. „Nein, das war uncool, ich hätte mich … einfach raushalten sollen.“ Seufzend hob er seine geknüllte Verpackung, warf sie irrwitzig beiläufig und präzise in den etwa zehn Fuß entfernten Mülleimer und hielt kurz gedankenversunken den Atem an. „Ich meine, das wollte ich, aber …“ Schwach rechtfertigend sah er mich wieder an. „Er hat es irgendwie gerochen, oder?“
„ Hm , das ist seine Superkraft.“ Mager hob ich die Brauen. „Nicht dieser Quatsch von Genie, Geld und Ego. Jupp, ist Teil des Gesamtpakets, aber Schwachstellen ... Ehrlich, da ist er wie einer dieser Drogenspürhunde am JFK. Er weiß einfach, dass es sie gibt, und wenn er erst loslegt, findet er alles .“
Peter seufzte. „Sorry.“
Ich bedachte ihn mit einem schiefen Blick von der Seite. „ Uh-hm .“ Knapp hob ich die Achseln. „Na ja, das Sandwich hat es schon irgendwie gerissen.“
„Hey, das war Kredit“, protestierte er neckend. „Vier Dollar sind vier Dollar. Den Geheimtipp gab’s gratis dazu.“
Ich erwiderte sein Schmunzeln. „Ich frage mich, wer mehr davon hat: Mr. Delmar oder ich?“
„Oh, er wird es der ganzen Nachbarschaft erzählen“, winkte Peter ab. „Vielleicht benennt er das Club Sandwich jetzt nach dir. Schätze, ich sollte fünf Dollar zurückverlangen. Du wirst ein Star. Kein Vergleich zu vorher. Ohne mich wäre nichts aus dieser kostenlosen Imagekampagne geworden.“
„Zehn Dollar, wenn du mir Freitag noch eines mit zur Schule bringst“, schlug ich dunkel vor. „Ned hat recht, mit den Spaghetti war irgendwas nicht in Ordnung … Ich glaub, sie haben noch gelebt.“
„Ja, wir vermuten Hexerei …“
„Klingt wahrscheinlich. Jemand sollte es melden.“
„Hat die Inquisition inzwischen eine Webadresse?“
„Jupp. Ihr Sitz ist gleich hier um die Ecke. Sie nennen sich jetzt UN.“
Seicht finster und etwas verhalten glucksten wir angesichts meines bitteren kleinen Seitenhiebs auf das Sokovia Abkommen.
Dann summte mein StarkPhone. Als ich es hervorzog, entdeckte ich eine Nachricht.
18:18 Uhr IronDad: Sitze mit Rhodey am Finetuning. Wird spät. Sag Happy Bescheid, wenn er irgendetwas für morgen einpacken soll, bevor er dich gleich aufsammelt. Er fährt dich ins HQ.
Meine Stirn sank in Runzeln.
Peter spiegelte meine Miene. „Alles klar?“
Ich nickte. „Anscheinend übernachten wir im Hauptquartier … Rhodey hat das neue Exoskelett getestet. Schätze, sie wollen es finalisieren, damit er endlich aus dem Rollstuhl rauskommt.“
Peters Blick sprang kurz zu Boden und kehrte zu mir zurück. „Klingt gut.“
Ich nickte, auch wenn mich die so viel längere Autofahrt raus nach Upstate nicht gerade lockte; ganz zu schweigen davon, dass wir morgen früh schon wieder nach Queens an den JFK zurückkehren würden. Mit Heli, vermutete ich, was die Entfernung zumindest auf eine sehr viel angenehmere gute halbe Stunde drückte, sofern Tony nicht noch andere Umwege vorschwebten …
„Wann holt Happy dich ab?“
„Gegen sieben.“ Ich tippte schnell. „Du musst nicht so lange mit mir abhängen, ehrlich.“
„Kein Problem. Ist … eigentlich ganz cool.“ Er ließ seinen Blick über das nahe Stahlgerüst des Hochbahnviadukts und den ruhelosen Verkehr streifen. „Du weißt schon, der ganze Sandwich-Fame, jetzt wird einfach jeder mit dir abhängen wollen …“
Ich lächelte schwach, ohne beim Tippen abzusetzen.
Eigentlich brauchte ich nichts, das nicht auch im Hauptquartier zur Verfügung stand. Mein Kleiderschrank war an beiden Orten umfangreich gefüllt, seit Tony es nach unserem Urlaub kurzerhand zu unserem inzwischen dritten Wohnsitz erklärt hatte, den Blumenstrauß für Janes Grab hatte er bereits in Boston in Auftrag gegeben und mein StarkPhone trug ich bei mir. Aber ich bat Happy trotzdem meinen wärmeren Parka und einen kleinen bereits halb gepackten Weekender aus meinem Zimmer zu holen, bevor er sich in den Wagen setzte und hierher aufmachte.
Die beiden dribbelnden Jungs verließen das Spielfeld, vermutlich auf dem Weg nach Hause. Die Ruhe in unserem Rücken, die ihrem Abzug folgte, ließ Peter sacht um sich blicken, als ich mein StarkPhone schlussendlich wieder in meine Jackentasche verschwinden ließ.
„MJ sagte, du kommst morgen nicht zur Schule?“, erkundigte er sich.
Zustimmend schüttelte ich den Kopf und schob mein angezogenes Bein wieder von der kleinen Plattform zurück in die baumelnde Leere. „Wir fliegen heim.“
Überrascht hob er eine Braue. „L.A.?“
Ich schniefte, widerwillig belustigt. „Nein, Nashua. Wir … gehen auf den Friedhof.“ Ich hob die Schultern, als sei nichts weiter dabei, aber mein lau ausweichender Blick sagte vermutlich alles, was ich nicht aussprach.
Erkenntnis trat in seine Miene. Er nickte stumm. Als er mich wieder ansah, runzelte er betroffen die Stirn. „Ist es … ein Jahr her?“
„Den Unfall hatten wir im Juli“, verneinte ich langsam. „Mum ist …“ Ich schluckte. „Sie ist eigentlich direkt danach gestorben. Ich lag im Koma. Hab es erst erfahren, als ich aufgewacht bin ... Da war sie schon beerdigt.“
Peter schwieg und stierte zu den dunklen Fallschutzmatten zu unseren Füßen.
„Vor einem Jahr mussten sie dann auch Janes lebenserhaltende Maßnahmen beenden. Wir waren ein paar Tage dort, damit ich --- umm , na ja, eben richtig Abschied nehmen konnte, anders als bei Mum …“
„Tut mir leid …“
Einen langen Moment schwieg ich, den Blick unfokussiert in die Ferne gerichtet, hinüber zur seltsam helleren Lichtkuppel in der Atmosphäre über Manhattan. „Fühlt sich eigentlich viel länger her an.“ Schwach hob ich die Achseln und sah jäh wieder auf das rote Plastikgerüst neben meinem Knie. „Schätze, seitdem ist einfach viel geschehen …“
Ein Polizeiwagen mit Sirene näherte sich, schoss vorbei und tränkte alles um uns herum für den Bruchteil eines Moments in rote und blaue Farben, ehe die vorangeschrittene Dunkelheit wieder über uns fiel und die Lichter New Yorks nah und fern schleichend weiter zunahmen. Kleine Neonschilder in den Ladenfenstern, wechselnde Signalampeln am Viadukt über unseren Köpfen, von kleinen Scheinwerfern bestrahlte Papierwerbetafeln, die in so harschem Kontrast zum digital wechselnden Farbenkino am Times Square standen, riesige Straßenlaternen, halb verbrannte Rücklichter und all die kleinen Apartments und Stadthäuser gerahmt von Feuerschutzleitern, die Queens Stadtbild wie ein unverwechselbares Portrait vollendeten.
„Früher war ich manchmal mit Onkel Ben hier.“
Ich sah zu Peter. Stumm wies er mit den Augen über den kleinen, uns umgebenden Spielplatz und zum nahen Basketballfeld hinüber. „Fühlt sich an, wie Erinnerungen aus einem anderen Leben, aber eigentlich war es einfach nur … davor …“
Ich nickte still, traute mich aber nicht, auch nach seinen Eltern zu fragen, den eigentlichen Phantomen. Es konnte keine gute Geschichte sein, ganz egal, wie sie aussah. Er lebte bei seiner Tante, schien sogar bei ihr und Onkel Ben aufgewachsen. Und plötzlich realisierte ich, wie sehr Peter wirklich verstand, was in mir vorging, wie viel er selbst bereits unwiederbringlich verloren hatte und wie unsäglich recht Tony damit hatte, wenn er sagte, dass er diese Chance verdiente, das SI-Praktikum, unsere Werkstatt, Spider-Man ...
Mein Gehirn tat etwas Seltsames. Es begann zu kitzeln.
Dann rieb Peter sich die Hände an der Hose ab und schmunzelte beschämt und das Gefühl eines fast gebildeten Gedankens entwischte wieder. „Wow, echt cooles Thema …“, murmelte er.
Ich verzog die Miene. „Ja, oder?“
Einträchtig niedergeschlagen lächelten wir.
-/_\-
Die braunen Backsteingebäude entlang des Hochbahnviadukts wirkten in der von Straßenlaternen und Schaufenstern durchnarbten Dunkelheit älter und deutlich weniger einladend als bei Tageslicht, als wir entschieden, noch einmal zu Mr. Delmar zurückzulaufen, um Mays spontanen Notruf nach frischen Eiern zu beantworten und saure Gummistripes für meine unverhältnismäßig längere Heimfahrt ins Hauptquartier zu besorgen.
Es waren etwas weniger Passanten unterwegs als noch vor Sonnenuntergang, auch wenn der Verkehr auf den Straßen unverändert vor sich hinströmte und Queens auch insgesamt noch so lebendig erschien, dass die hereingebrochene Dunkelheit fast ein wenig verfrüht wirkte.
Wir unterhielten uns gerade über Tonys und meinen vollzogenen Besuchsmarathon bei Nachwuchs-Programmen zur KI- und Robotics-Forschung in Japan, als wir an den traurigen Gerippen zwei kümmerlich entlaubter Stadt-Wildkirschen vorbeischritten und Peter aufmerkend den Kopf wandte. Trotzdem bemerkte ich den Mann, der an der Backsteinmauer im Schatten einer nahen Feuerschutzleiter lehnte, erst, als er sich neben uns von der Wand löste.
„Hey, jo --- habt ihr zwei Dollar?“
Peter sah beiseite. „Nein, sorry …“
Halbherzig heftete der Fremde sich an unsere Fersen. „Bloß ein bisschen Wechselgeld“, versuchte er es noch einmal. Widerstrebend warf ich einen Blick über die Schulter zu ihm zurück und bereute es auf der Stelle, denn es schien ihn nur zu motivieren. „Nichts dabei?“
Ich verneinte knapp.
Er trug eine Mütze, aber an seinen Ohren sahen ölig blonde Strähnen vorbei. „Leute … ‘seht nicht aus, als könntet ihr euch nicht ein wenig Candy leisten ...“
Er schien nachzugeben, denn seine Schritte brachen ab, aber dann fuhr Peter so unfassbar plötzlich herum, dass ich seine Bewegung in schierem Instinkt kopierte und einen unbewussten Schritt zurückmachte.
Mein Gehirn suchte seinen Fokus, einen Grund für sein alarmiertes Verhalten, bis mein Bewusstsein die rechte Hand des Unbekannten und den schmalen Lauf einer Pistole verarbeitete, halb von seiner dunklen Jacke verdeckt und im locker angewinkelten Arm so beiläufig auf mich gerichtet, dass es von außerhalb betrachtet keinerlei Aufmerksamkeit auf sich zog und dennoch schlagartig alles war, was ich zwischen den am Bordstein geparkten Autos, dunklem Backstein und Asphalt sah.
„Ist eine verdammt nice Jacke für keinen Dollar“, ließ er mich wissen, jede zappelige Bedürftigkeit schlagartig aus seiner Stimme verschwunden.
Meine Muskulatur verhärtete.
Niemand rührte sich.
Es war --- Raffy . Ein weiterer Doppelgänger. Mein Herz zog sich energisch zusammen. Nein , das ergab keinen Sinn. Aber als ich mich an Raffy Hannah zu erinnern versuchte, griff mein Kopf einfach ins Leere, unfähig einen wirklichen Vergleich herzustellen.
Das waren keine Sommersprossen, sondern winzige Eispickelnarben im Gesicht unseres Gegenübers, eroberte die Skepsis in meinem Inneren aggressiv Boden zurück, auch wenn alles andere in mir beharrte, dass es so war , dass er irgendwie mit Jeremy Lax und seiner Bande zu tun hatte, mein Verstand so eindringlich überzeugt, dass ich mich jäh auch erinnerte, weshalb : Schon bei ihrem Überfall an Elijahs Geburtstag hatte einer von ihnen Queens erwähnt, den Ort, an den sie mich hatten verschleppen wollen, ihr Unterschlupf, irgendjemandes Stimme in meinem Rücken, ein winziger Fetzen im allgemeinen Lärm der Unruhe und Schusswechsel meiner misslungenen Entführung …
„Wir haben nichts, ehrlich“, versuchte es Peter noch einmal, seinen Blick bedächtig auf das Gesicht des Mannes und dann wieder dem Lauf der Waffe gerichtet, seine Statur nicht weniger gespannt denn meine.
Unbeeindruckt sah der Fremde an ihm vorbei. „Auf der anderen Straßenseite ist ein Geldautomat.“
Ich schluckte.
„Du, Kumpel, läufst jetzt da rüber und holst mir meine Kohle, während ich auf dein Mädchen aufpasse“, befahl er. „Eintausend in Cash. Dann gehen alle wieder fröhlich auseinander und niemand endet mit einem hässlichen Loch im Bauch.“
Er weiß nicht, wer ich bin.
Irgendetwas in meinem Inneren schnappte aus einer Art mentalen Fatah Morgana.
Nein , Wandas Blockade, ich --- hatte eine Panikattacke, deshalb die wirre Logik. Irgendetwas in meinem Kopf steuerte wie im MetLife Stadion dagegen, erschuf irrationale Phantome und erklärte sie zur Wahrheit, um mich vor dem Kontrollverlust zu bewahren, der Überforderung, der lähmenden Panik , die es eigentlich war, die mein Nervensystem über nun schlafende Rezeptoren zu kapern versuchte.
Knapp nickte der Mann voran, sein Blick eindringlich auf Peter geheftet. „Los jetzt. Aber vorher das Smartphone raus und weg damit. Wenn ich das Gefühl bekomme, dass du irgendetwas anderes machst, als Mommys oder Daddys Konto zu plündern; wenn du irgendwen rufst, den falschen Knopf drückst oder auch nur diese hübsche Miene auf eine Weise verziehst, die mir nicht gefällt, geht es auf eine Beerdigung, kapiert?“
Peter regte sich nicht.
„ Hey , hast du zugehört, Mann? Ich knall sie ab.“ Er senkte die Stimme auf einen rauen Warnton. „Beweg dich, Kleiner. Smartphone raus.“
„Gib es ihm“, raunte ich.
Peter sah zu mir. Ich nickte starr. Ich sah seine Hand zu seiner Jackentasche wandern, gerade als ich meine Chance realisierte und zittrig die Stimme hob: „ Scheiße , wir haben gerade erst im Friday hierüber gesprochen!“
Peter stockte. „Im … Friday .“
„Ja, FRIDAY! Hörst du zu? !“ Ich verlieh meiner vor Aufregung holprigen Stimme noch eine kleine Spur mehr Kraft, gerade genug, dass es meine Worte hoffentlich durch Jeans und Lammfellimitat bis an mein StarkPhone herantrug: „Der Kerl hat eine Waffe! Er meint es ernst. Siehst du Spider-Man vielleicht irgendwo? Ich nicht. --- Besorg ihm das verdammte Geld, Peter.“
Stumm hielt er meinen Blick. Er wusste, was ich getan hatte und was unserem Gegenüber entging.
„Das --- wird einen Moment dauern“, erklärte er leise beunruhigt.
„Nicht lange“, widersprach ich mit flatterndem Herzen. „Fünf Minuten? Es --- ist gleich dort vorne.“
„Genug geredet!“, presste der Fremde. „Dein Smartphone. Weg damit .“
Peter zuckte sachte. Kaum, dass er in seine Jacke griff und ich den Blick des Mannes wachsam seine bedächtige Bewegung verfolgen sah, schaltete etwas in meinem tieferen Bewusstsein just noch einen Gang höher.
Mein Beben verstärkte sich, vor Anspannung wie vor Angst, aber --- ich wusste , was zu tun war. Ich sah meine Chance, den Moment, auf den ich dutzende Male von Rhodey gedrillt worden war; die Tatsache, dass er seine Waffe bloß amateurhaft mit der rechten Hand umfasst hielt, dass er mich nicht länger ansah und sie nun warnend klar in meine Richtung reckte, während er für den Augenblick bloß Peter fokussierte, den Finger vage am Abzug, aber seine Aufmerksamkeit inzwischen vollkommen von mir abgelenkt, zufrieden mit der Situation und meinem nervösen Zuspruch, unaufmerksam dank des sich bereits abzeichnenden Geldsegens ---
Meine Angst setzte aus. Erst war sie da, schnellte schier unkontrolliert in die Höhe, als reagiere meine Erkenntnis wie ein aggressiver Brandbeschleuniger, der meinen Puls überholte, und dann war sie plötzlich fort, einfach nie gewesen , in meinem Kopf nichts als kalte, jäh indifferente Ruhe, als halte mein Gehirn selbst urplötzlich den Atem an.
Ich tat es. Blitzschneller Ausfallschritt zu Seite, raus aus der Schusslinie, während beide meiner Hände noch in derselben Sekunde nach vorne schnellten, den Lauf seiner Waffe in einem einzigen Moment in entgegengesetzter Richtung ablenkten und sein Handgelenk dabei mit Nats bester Entwaffnungstechnik aus ihrem sicheren Griff hebelte und ich die Pistole – von einem Augenblick auf den anderen – an meiner eigenen Seite hielt.
Der Schock meiner Aktion ließ uns alle drei atemlos gefrieren.
Irgendwie befand sich Peter plötzlich zu meiner Linken. Er musste beiseite gehechtet sein, raus aus der sich schlagartig verschiebenden Schusslinie oder --- keine Ahnung , ich war nicht sicher, es ergab keinen Sinn, es war so schnell geschehen --- aber ich hielt die Waffe, ich hielt sie , unserem Räuber stand die blanke, beinahe existentielle Verwirrung ins Gesicht geschrieben, die seinen Blick schnell von mir, zu Peter und wieder zurückspringen ließ.
Atemlos japste ich: „Immer beide Hände ans Lenkrad, Arschloch.“
Ohne Vorwarnung scherte er zur Seite und spurtete schnell zwischen den geparkten Autos die Straße hinab davon, ein leise ungläubiges Fuck auf den Lippen.
Peter fuhr sich übers Gesicht. „Das war --- verrückt. Du hast sie ihm einfach-“ Seine Hände vollzogen eine vage sprachlose Pantomime. Kaum, dass sein Blick wieder dem meinen begegnete, wechselte seine Miene sprunghaft von atemloser Bewunderung in Besorgnis. „Alles okay?“
Ich schluckte. „ Hm , ja …“
Meine Hände zitterten, als ich die spürbar geladene Waffe widerstrebend vor mir zu Boden streckte. Sie war noch schwerer, als ich es in Erinnerung hatte, bis ich dumpf realisierte, dass sie doch etwas größer als das kleine Handtaschenmodell wirkte, mit dem mich Tony vor gut anderthalb Monaten am Schießstand hatte üben lassen.
Betäubung überspülte mich. Ich sicherte sie wie im Autopiloten, dann – plötzlich – erinnerte ich mich, was damit zu tun war, entfernte mit unverändert bebender Hand das Magazin, schob den Schlitten zurück, ließ die darin verbliebene Patrone herausfallen und drückte sicherheitshalber unter leerem Klicken dreimal in Richtung der nahen Kirschbaumwurzeln ab, bis ich endlich die Gewissheit verspürte, dass sie wirklich nicht länger geladen sein konnte.
Mein Magen rotierte unverändert weiter.
Außerdem summte etwas in meiner Jackentasche. Ich brauchte zwei Sekunden, bis ich begriff, dass es mein StarkPhone war und kein nervöser Tinnitus.
Widerstrebend löste ich eine Hand von der entladenen Pistole und zog es hervor.
Schwere Erleichterung flutete mich, als ich Tonys-ID sah.
„Mark 43 ist auf dem Weg“, informierte er mich, kaum dass ich abnahm.
„Er … er ist gerade weg.“
„Ich weiß, hab euch auf Satellit. FRIDAY hängt sich an ihn dran, bis das NYPD eintrifft.“ Er hielt knapp inne. „Seid ihr okay?“
Ich schluckte. „Ja, ich …“ Ich starrte auf die Halbautomatik in meiner Hand. Obwohl das Beben schwach abklang, fühlte es sich nicht weniger seltsam an, sie zu halten. „Sind okay“, murmelte ich. „Nichts passiert …“
„Gut. Happy ist zehn Minuten entfernt. Er ist gleich bei euch.“
„Wir … wir brauchen frische Eier. Ich meine --- Peter, seine Tante …“ Ich brach ab, schluckte fest und atmete gestaffelt aus, verwirrt von meinen eigenen Worten. Meine Augen blieben auf die schwere Pistole in meiner Hand geheftet. „Wir wollten sie holen … also müssen wir noch kurz zum Deli … und … na ja, sie … holen.“
„Kein Problem, Happy, Deli, Eier, in dieser Reihenfolge.“ Tony unterbrach seinen Atemzug eine winzige Spur zu heiter. „Gibst du ihn mir kurz?“
Vage benommen schielte ich zum nahen Straßenverkehr. „Er … ist noch nicht hier.“
„Peter, nicht Happy.“
„Oh“, machte ich still, „jupp, umm , klar …“
Schwach hob ich die Schultern und reichte ihm mein StarkPhone.