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Störfeuer

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Störfeuer

Kapitel 43: Störfeuer

Mein Nacken war steif, als ich am nächsten Morgen erwachte.

Es war bereits halb neun, trotzdem erfüllte das Morgenlicht nur so seicht und phantomgleich mein Zimmer im Hauptquartier, dass ich FRIDAY meine Deckenbeleuchtung sanft aktivieren und etwas mehr Kraft ins Tageslicht beisteuern bemerkte, kaum dass ich dumpf blinzelnd unter der Decke hervorrobbte, mich aus dem halb verdrehten Wulst meiner Kissen emporstemmte und einen schwachen Blick auf mein StarkPhone warf.

Neben einer Sprachnachricht von Daphne, die mich nochmal daran erinnerte, ihr zu schreiben, sobald wir vom Friedhof aufbrachen, fand ich auch eine Nachricht von Elijah, eine kurze aufbauende Voicemail von Pepper und eine gerade sieben Minuten junge Textnachricht von einem mir unbekannten Kontakt.

Als ich den Chat öffnete, identifizierte FRIDAY den Versender als Everett Ross, stellvertretender Einsatzleiter im JCTC in Berlin.

Dumpf verwirrt sprang mein Blick über die Nachricht.

08:23 Uhr Everett Ross: Es tut uns leid, Kleines. Wir lieben dich. HDD

Ich las es noch einmal, verwirrter denn zuvor, dann entschied ich, dass es nicht für mich bestimmt sein konnte und dass Everett Ross versehentlich in seine hinterlegten Kontaktdaten zu Tony statt in seinen eigenen Familienchat abgesprungen sein musste und schloss die Nachricht wieder.

Ich informierte FRIDAY über meinen verkrampften Nacken, damit sie es sicherheitshalber in meinem medizinischen Schmerztagebuch vermerkte, ließ mich anschließend eine ganze brütende Weile vom heißen Wasser meiner Dusche berieseln und dissoziierte, bis mein gestellter Wecker klingelte und mich abrupt aus dem rieselnden Nirvana riss. Ich zog mich an und band dreimal meine Haare zusammen, schier unzufriedener mit jedem Ergebnis, ehe ich das Haargummi einfach frustriert beiseite warf und sie chaotisch beließ, meine bereits gepackte Umhängetasche und meinen Parka griff und mein Zimmer auf der Suche nach Tony verließ.

Ich fand ihn außerhalb unseres Privatflügels auf der offiziellen Teamfläche, brutzelnde, halb verbrannte Pancakes schwingend.

Obwohl die Restaurierungsarbeiten auf dieser Etage weitestgehend beendet waren und Wandas Krater inzwischen auch auf den tieferen beseitigt schien, hingen noch ein paar milchig transparente Bauplanen von der Decke, die den Zugang zu den Konferenz- und Besprechungsräumen verkleideten.

Rhodey saß am Esstisch. Sein Rollstuhl der vergangenen zwei Wochen fehlte, dafür lehnten Krücken an der Tischkante. Sofort sprang mein Blick das neue Exoskelett hinab, das seine Beine umschloss. Drei kleine, blaue Arc-Reaktoren schimmerten entlang der schmalen, dunklen Schienenstruktur.

Ich spürte, wie sich eine winzige Verengung in meiner Brust sanft löste und von stiller Erleichterung erobert wurde. „Funktioniert es?“, erkundigte ich mich und ließ Tasche und Parka neben der Kücheninsel zu Boden fallen.

Rhodey hob beschwichtigend die Hände. „Ohne Stütze noch nicht perfekt, aber das ist Trainingssache. Wenn ich den Dreh erst raushabe und die Muskulatur nachrüstet, wird’s ein Klacks. Die Sensoren arbeiten fantastisch.“

Ich begann zu lächeln.

„Dank geht an den Chefkoch dort drüben. Wahnsinns-Ingenieur. Ob es den Leuten gefällt oder nicht, er hat’s drauf.“ Rhodey hob die Brauen. „Aber was die Pancakes angeht, muss er noch eine Schippe drauflegen.“

Wie auf Kommando grunzte Tony sacht. Ich schielte zur Pfanne, gerade als er sie vom Herd zog, ihren Inhalt frustriert beiseite kippte, sie kurzerhand in die Spüle warf und damit den gesamten Versuch schnurstracks aus unserer beider Sichtfeld eliminierte. „Gegrillte Sandwiches?“, entschied er. „Irgendwer Einspruch? Nein? Perfekt.“

Er wartete gar nicht erst ab, als er bereits den Tischgrill aktivierte und einen beiläufigen Blick zu mir herüberwarf.

Es stimmte, Tonys Pancakes gestalteten sich je nach Tagesform. Manchmal gerieten sie ausgezeichnet, dann wieder etwas sehr braun, da nicht ganz bei der Sache, aber eigentlich waren sie immer genießbar, deshalb überraschte mich der merklich verkokelte Geruch, der sich zwischen uns ausbreitete und von einem haarscharf vereitelten kulinarischen Desaster zeugte.

Ich schob es auf eine lange Nacht in der Werkstatt mit allen gedanklichen Nachwehen und Geistesblitzen, die ihn am Morgen im frischen Feldtest mit Rhodey noch eingeholt haben mochten, während er sich zugleich für den heutigen Tag und unseren Friedhofsbesuch zu rüsten versuchte. Dafür sprach auch, dass er mich eindeutig auf der Suche nach Anzeichen versteckten Unbehagens absuchte, während er abwesend Sandwiches belegte und teilnahmslose Ruhe vortäuschte.

Schweigend ließ ich mich auf dem äußersten Barhocker des erhöhten Küchentresens nieder. Als Tony meine laue Gegenmusterung registrierte, schenkte er mir ein kurzes Lächeln und richtete gedankenverloren den Kragen seines dunkelblauen Blousons.

Er trug legere Kleidung, ein simples T-Shirt in matten Tarnfarben, eine einfache dunkle Hose, nichts das bei unserem anstehenden Friedhofsbesuch auffallen dürfte, so wenig sich die Paparazzi auch täuschen ließen, die all unsere relevanten Familiendaten frei rezitieren konnten und vermutlich schon jetzt in Erwartung unseres Eintreffens um den Edgewood Cemetery verteilt auf der Lauer lagen.

Ich realisierte, dass es still geworden war.

„Wann fliegen wir?“, erkundigte ich mich.

Mein Daumen testete die Spannung der Kuppe meines kleinen Fingers.

„In einer halben Stunde.“ Tony sah zu mir. „Der Heli läuft gerade warm. Wird ein Direktflug. Es gibt ein Flugfeld für kleinmotorige Maschinen in Nashua, nordöstlich der New Hampshire Route 101A; sie haben noch massig Slots frei-“

„Boire Field?“

Er nickte. „Also, kleine Planänderung …“ Vermutlich sah er die überforderte Skepsis in meinem Blick, denn er setzte umgehend nach: „Dauert nicht länger als sonst auch. Wir sparen eine ganze Stunde Autofahrt aus Boston. Mit dem Heli sind wir länger in der Luft, aber dafür nach Landung praktisch am Ziel.“

Dumpf nickte ich. Von Boire Field bis zum Edgewood Cemetery benötigte man in der Tat vielleicht eine Handvoll Minuten. Ob wir die übrige Zeit in der Luft oder im Wagen verbrachten, war mir ziemlich egal.

Trotzdem benötigten wir einen Wagen. Und soweit ich wusste, stand zumindest das nächste Exemplar aus Tonys privatem Luxus-Fuhrpark unverändert in seinem Hangar am größten Flughafen Massachusetts. „Was ist mit dem Auto?“, fragte ich deshalb.

„Ich hab FRIDAY einen Mietwagen reservieren lassen.“

Mein Blick sank auf ein schmales, noch verschlossenes FedEx-Paket am anderen Ende des Tresens, gerade als er zu mir zurücksah. „Durchgeschlafen?“

Ich hob die Schultern. „Jupp …“

Nachdem ich am Abend zuvor aus Queens heimgekehrt war, hatte Tony mich am Eingang des Hauptgebäudes aufgegabelt, vermutlich um sich restlos davon zu überzeugen, dass es mir tatsächlich gut ging und ich ihm kein klaffendes Loch in irgendeiner meiner Gliedmaßen vorenthielt, aber schon die Fahrt raus nach Upstate unter Happys anhaltend aufmunterndem Geplapper hatten meinen taub nachspülenden Schreck über den misslungenen Straßenraub, in den Peter und ich geraten waren, in so dichte Müdigkeit verwandelt, dass ich Tonys Versicherung über die erfolgte Festnahme unseres Räubers nur stumm nickend zur Kenntnis genommen und mich anschließend beinahe sofort ins Bett verzogen hatte. Tony selbst war noch eine ganze Weile ziellos durch unseren Privatflügel gegeistert, ich hatte es am Rande des Schlummers registriert und ab und an seine Stimme im Gespräch mit FRIDAY vernommen, aber ich vermutete, dass er letztendlich zur Finalisierung von Rhodeys Exoskelett in die Werkstatt zurückgekehrt sein musste.

„Wie sieht’s aus?“, erkundigte er sich nun. „Ziept’s irgendwo? Tut was weh?“

Ich verneinte. Es war nicht gelogen, sogar mein Nacken hatte sich nach der heißen Dusche wieder gelockert. „Wir können los“, versicherte ich, urplötzlich vage angespannt und beunruhigt, dass er nur deshalb so beharrlich nachhakte, weil er annahm, dass ich ihm etwas verheimlichte. „Er hat bloß versucht, uns Angst zu machen. Es ist nichts passiert, ehrlich. Wir haben uns … eigentlich kaum berührt.“

Er nickte knapp.

„Hatte gehofft, dass der Ernstfall noch etwas auf sich warten lässt“, bemerkte Rhodey und seufzte still. „Du hast das klasse gemacht, Kleines. Ehrlich. Nat wäre stolz.“

„Sind wir alle“, setzte Tony prompt hinterher, wie um jedes potentielle Missverständnis auszuräumen. Er schloss den Grill, wischte sich die Hände und wandte sich mir zu. „Du hast ihn voll erwischt. Hat er nicht kommen sehen.“

Trotz leise verbliebener Unruhe eroberte ein schwaches Lächeln meine Lippen.

Tony erwiderte es, aber etwas in seinem grübelnden Blick vertrug sich nicht ganz mit seiner Miene. Er sah mir eine Sekunde zu lang in die Augen.

„Wir haben nicht alles mitbekommen“, fuhr Rhodey fort. „Wenn man von oben draufsieht, bekommt man nur einen Bruchteil des Ganzen mit ... Aber du warst schnell, du hast mit beiden Händen zugegriffen, bist zur Seite raus ... So etwas ist eine Sekundenentscheidung. Das ist keine leichte Sache, man kann keinen Rückzieher machen – wenn man es angeht, geht man all-in . Das erfordert Mut, Sola.“

Beipflichtend wies Tony auf mich. „Sie hat es durchgezogen.“

Rhodey hob beide Brauen. „Und wie.“

Trotz ihrer beider Zuspruch begann mein Instinkt zu rumoren.

Ein langer Augenblick verstrich, ohne dass irgendjemand etwas nachsetzte. Tony zog mir einen Kakao aus dem Vollautomaten, öffnete den Grill und verteilte die Sandwiches auf unsere Teller.

„Wie lief das ab?“, erkundigte er sich, kaum dass er mein deftig duftendes Sandwich vor mir absetzte.

Ich befühlte die heiße Kruste meines Frühstücks und sah leise verwirrt zu ihm auf. „Was meinst du?“

Dumpf zuckte er die Achseln. „Er ist euch aufgelauert …“

„Es war Zufall“, antwortete ich. „Er wusste nicht, wer ich bin. Er ist mir nicht gefolgt oder so …“

„ D’accord , klassischer Gelegenheitsraub. Zwei Teenager alleine unterwegs, auf der Straße nicht mehr viel los, Bankautomat in Sichtweite, einfach eine günstige Konstellation …“ Er zuckte wiederholt mit den Achseln. „Er hat die Waffe gezogen, euch festgenagelt, euch erklärt, wie der ganze Spaß abläuft … Was dann?“

Mein Blick wanderte zu Rhodey, der Tony verdächtig aufmerksam beobachtete. „Na ja, er war abgelenkt, gerade auf Peter konzentriert“, antwortete ich und rieb mir rasch ein paar heißere Sandwichkrümel von den Fingern. „Pete musste in die Jacke greifen, weil er ohne Handy zum Automaten sollte. Er hatte die Waffe in der Rechten, er hat sie nur mit einer Hand gehalten … und er hat sie etwas mehr ausgestreckt – vorher nicht, erst da – und … --- na ja, keine Ahnung, es war genau wie im Training.“ Ich zuckte mit den Achseln, fuhr fort an der krossen Ecke meines Sandwichs zu knibbeln und sah leise überfragt wieder zu Tony zurück. „Es sah nach dem richtigen Moment aus, also … hab ich’s gemacht.“

Die Männer wechselten einen verhaltenen Blick.

Es gefiel mir nicht, wie wenig Reaktion ich erntete.

„Was?“, erkundigte ich mich lau.

„Hör zu, niemand sagt, dass es nicht erforderlich war, nach ihr zu greifen“, begann Rhodey bedächtig. „Niemand außer dir war nah genug dran, geschweige denn dabei , um das zweifelsfrei zu bewerten.“

„Tatsächlich“, wandte Tony just ein. „Peter war’s.“ Bedeutungsvoll öffnete er die Hände und entließ den Atem. „Er sagte, es war der Hammer. Absolut filmreif. Er sagte aber auch, dass der Mann es auf läppische tausend Dollar abgesehen hatte und völlig bei Sinnen wirkte. FRI war informiert – was du im Übrigen bereits wunderbar gelöst hattest – Mark-43 und die SUN-1 haben noch in derselben Minute den Tower verlassen. Ich sage nicht, dass du nicht hättest agieren sollen“, wiederholte er, vielleicht weil meine Miene sich beunruhigt verhärtete. „Die Waffe war auf euch gerichtet, es war eine Momententscheidung, ist mir alles klar, Liebling. Du steckst nicht in Schwierigkeiten. Nur, lass es uns nochmal durchdenken, es --- einfach kurz gemeinsam aufarbeiten, ja? Hat sich das Risiko gerechnet und war es notwendig auf die bestenfalls fifty-fifty Chance eines im Affekt gelösten Schusses zu setzen? Oder wäre es klüger gewesen, überlegter , noch die paar verbliebenen Minuten mitzuspielen, bis beide Anzüge ohnehin eingetroffen wären? Ihm schlimmstenfalls einfach das Geld auszuhändigen?“

Tony ließ die Frage stehen wie eine ehrlich herausfordernde Problemstellung, dabei blieb die Antwort eindeutig, geradezu lächerlich offensichtlich, denn er hatte sie bereits gegeben .

„Du sagst also nicht, dass es falsch war, aber du sagst es“, spottete ich unvermittelt bitter.

Sein Blick verlor die behutsam taktierende Note und verwurzelte in Entschluss. „In Ordnung, von mir aus, Köder geschluckt. Wie sahen die Briefings hierzu aus?“

„Ich konnte nicht in Deckung gehen!“, protestierte ich auf der Stelle. „Er hatte die Waffe bereits auf mich gerichtet! Wie sollte ich-“

„Ist mir klar“, unterbrach Tony flapsig unbeeindruckt. „Nicht unsere Charta, dein Training. Was sagte Rhodey zu diesem Manöver?“

Ich verstummte. Rhodey als auch Nat hatten es immer nur als meinen letzten Kniff betitelt; eine Aktion, für den Fall, dass Hilfe zu lange brauchte, die Situation gefährlich aus dem Ruder geriet oder mein Überleben schier davon abhing.

Plan X. Niemals Plan A.

„Okay“, murmelte ich genervt. „Aber-“

Tony schüttelte den Kopf. „Okay was ?“

„Gelegenheit und Notwendigkeit“, brummte ich. „Ich hab nicht ---“ Vage überfordert brach ich ab, während sich meine Kehle langsam zuzuschnüren begann. „Er hatte die Waffe auf mich gerichtet! Ich dachte einfach --- … Es war genau, wie wir geübt hatten. Ich hab einfach reagiert.“

„Hey“, warf Rhodey schnell ein, wie um meinen aufwallenden Widerstand zu besänftigen, „niemand sagt, dass es ein Fehler war, es zu tun, Sola. Noch einmal: Wir waren nicht dabei.“

„Nein“, stimmte Tony zu. Seine Schultern lösten sich etwas, als er unverändert unbefriedigt den Kopf neigte. „Wir evaluieren.“

„Es war eine Momententscheidung“, stimmte Rhodey nochmals sorgfältiger zu. „Am Ende wirst du sie immer aus einem Instinkt heraus treffen, so ist es nun mal. Viel mehr Zeit bleibt dabei selten.“ Sein Blick wanderte leise bedeutend zu Tony. „Aber es ist wichtig diesen Instinkt zu schärfen.“

„Richtig“, bestätigte Tony in einstudierter Manier, ohne seinen nach wie vor still grabenden Blick von mir zu lösen.

Ich glaubte ihm kein Wort.

„Okay“, erwiderte ich säuerlich.

Der stille Moment, in dem er Rhodeys Worte sinken ließ, fühlte sich erzwungen an, beinahe kalkuliert, und mein Gefühl behielt Recht, denn als er unvermittelt wieder einatmete, schien er nicht länger in der Lage seinen eigentlichen Gedanken zurückzuhalten. „Denn das war es? Richtig? Instinkt. Nicht etwa … sagen wir, Impuls?“

Ich starrte ihn an.

„Nur ein Gedanke.“ Er zögerte mit mich eingehend taxierender Miene. „An diesem Punkt noch einmal die Münze zu werfen? Die Situation war so gut wie geklärt.“

„Ich hab ihm die Waffe abgenommen “, erinnerte ich nochmals, irgendwo in meinem tiefsten Inneren vage ertappt. „Sie war geladen , Dad.“

„Er hätte sie nicht eingesetzt, Sola. Es gab keinen Grund. Er dachte, Peter macht sich auf den Weg zum Geldautomaten. Aber in der Sekunde, in der du zugegriffen hast, musste er reagieren und ob gewollt oder nicht, ein Schuss hätte sich lösen und einen von euch verletzen können.“ Er atmete aus, nur um mittendrin innezuhalten und etwas ungeduldiger hinterherzusetzen: „Okay, die Voraussetzungen sahen klasse aus, fantastischer Blick fürs Detail, 100 Prozent in der B-Note. Aber : Es gibt nie eine Garantie, dass dieser Stunt tatsächlich funktioniert und man die Waffe am Ende in den Händen hält. Selbst wenn es gelingt, kann alles danach immer noch grandios in die Hose gehen. Dein Gegenüber geht in den Gegenangriff, zückt eine weitere Waffe, die Situation gerät außer Kontrolle-“

„Nichts davon ist passiert -“

„Ändert nichts an der Tatsache: Es war der Overkill, Sola, FRIDAY war längst informiert, die Situation in wenigen Sekunden ohnehin geklärt, er wollte euer Geld , nicht euer Leben.“

Ich presste den Atem hervor, als es unversehens bei mir Klick machte. „Du suchst einfach nach einem Grund, mich nicht rauszulassen. Schon wieder .“

Tonys Miene versteinerte.

„Heute ist der Tag“, begann er nach einem totenstillen Moment, „deshalb werde ich tun, als hätte ich das gerade nicht gehört.“ Urplötzlich klang er so unheimlich gefasst, dass mein Blick sich prompt mit nasser Reue füllte: „Aber, um es ein für alle Mal auszutarieren: Die vorangegangenen zwei Wochen hast du in Einzelhaft zugebracht, weil du dich an einen aktiven Kriegsschauplatz begeben hast und das absichtlich, kalkuliert und über sämtliche Stopp-Rufe hinweg.“ Er hielt inne und starrte mir steinern in die Augen. „Also, ja . Es gibt mir jede Berechtigung auch diese Aktion zu hinterfragen.“

Fest schluckend löste ich meinen Blick von dem seinen.

Ich hatte nicht die vorangegangenen zwei Wochen gemeint, sondern all die Monate vor unserer Übereinkunft in Japan, in denen ich ohne Bodyguard nicht einmal die Straße zwischen der Bosworth High und dem Bryant Park hatte passieren dürfen, aber mein Hals war zu dicht, zu überfahren von seinem urplötzlich so radikal gekippten Ton, um etwas zu erwidern. Er schien es auch gar nicht zu erwarten, denn just nickte er wieder zu meinem Teller herab und wandte sich Rhodey zu, der uns beide nur noch taktvoll aus dem Augenwinkel beobachtete.

„Was ist mit der Waffe?“, erkundigte er sich, als Tony stillschweigend die heißverklebten Reste meines Sandwichs aus dem Grill zu friemeln begann. „Könnte das NYPD interessieren …“

„Hat Happy auf dem Schirm. Er kümmert sich drum.“

Schlagartig wurde mir heiß und kalt zugleich.

Während Peter und ich nach dem Überfall auf Happy gewartet hatten, hatte ich die Pistole in meinen Rucksack gesteckt, einfach, weil ich sie nicht mehr hatte halten, geschweige denn von irgendjemanden mit ihr hatte abgelichtet werden wollen.

Es war Reflex gewesen, gedankenloser Autopilot, wie so vieles in den Minuten nachdem mir mein sogenannter Stunt gelungen war.

Im Auto dann war endgültig der raue Schauder der ganzen absurden Situation eingesetzt.

Tony ging eindeutig davon aus, dass ich Happy die Waffe übergeben hatte, kaum dass er uns von Queens Straßenrand aufgesammelt hatte, und nun, da ich darüber nachdachte, erschien es mir auch die einzig vernünftige Schlussfolgerung, schließlich war Happy mein Bodyguard und SIs Sicherheitschef und verantwortlich für --- eben genau diese Dinge. Aber ich hatte die Waffe nicht mehr in den Händen gehalten und er hatte nicht danach gefragt, viel zu beschäftigt damit, Peter abzusetzen und mich die gesamte Fahrt mit beiläufig dahinplätschernden Worten wieder aus meiner seichten Trance der Verarbeitung zu rütteln, anstatt durch irgendwelche Nachforschungen gleich noch tiefer hineinzutreiben; vielleicht nicht einmal im Bilde , dass ich irgendeine Waffe überhaupt bei mir trug.

Ich hatte sie schlicht und ergreifend --- vergessen .

So lächerlich unglaubwürdig es selbst in meinen Ohren klang.

Ich hatte sie in meinen Rucksack gepackt, um sie schnellstmöglich physisch außer Sichtweite zu bringen, um meine Nerven zu beruhigen, hatte sie damit anscheinend aber auch geradewegs aus meinem sich verwirbelnden Bewusstsein gebannt. Mein Gedächtnis hatte ihren Besitz bis in diesem Moment nicht einmal mehr aufgegriffen , als sei sie ebenso einfach aus meinem Leben verschwunden wie darin aufgetaucht.

Ich hatte nur wenige Fuß von ihr entfernt geschlafen, mein Rucksack gedankenlos neben meinem Schreibtisch abgeladen, unterbewusst leugnend, dass es sie überhaupt gab .

Sie lag immer noch in meinem Zimmer.

Aber all das konnte ich nun unmöglich zugeben, da Tony eigentlich nur auf den letzten klaren Beweis meiner wiederholt bewiesenen Gedankenlosigkeit, Idiotie und selbstmörderischen Tendenzen lauerte, um den Sack zuzumachen, den er so vermeintlich offenhielt, dass er es als schützende Plane verkaufte.

Nein. Ich konnte nichts davon jetzt aufbringen, weder die Tatwaffe in meinem Zimmer, die ich Tony nicht einmal bei meiner Ankunft im Hauptquartier ausgehändigt hatte, noch die Tatsache, dass ich erneut von Phantomgedanken und falschen Erinnerungen erfüllt gewesen war, kaum dass sich ihr Lauf auf mich gerichtet hatte.

Ich würde ihn nicht auch noch darin bestätigen , dass ich unzurechnungsfähig schien und – wie von ihm ständig befürchtet – keinen Nachmittag in der Stadt verbringen konnte, ohne in irgendwie geartete Schwierigkeiten zu geraten.

Ich konnte nichts für diese verdammte Pechsträhne.

Und ich würde ganz sicher nicht mein Leben nach ihr richten.

Wie um mich jedoch vor der tatsächlichen Entscheidung eines verhaltenen Geständnisses zu bewahren, begann just in diesem Moment sein neben dem FedEx-Paket platziertes StarkPhone zu vibrieren. Die Stirn gerunzelt, schritt Tony herüber und warf einen abwesenden Blick drauf.

„Ich geh da kurz dran.“

Rhodey nickte.

Mit still bedeutendem Blick zu meinem Sandwich und nur noch lauwarmem Kakao verschwand Tony durch die nächste milchverglaste Tür.

Schweigend aß ich weiter.

Rhodey hievte sich auf die Beine, griff sich seine Krücken und schritt langsam mit konzentriert platzierten Schritten zu mir herüber. Ich beobachtete sein Vorankommen, bis er sicher neben mir hielt, beide Hilfskrücken in einer Hand zusammenlegte und mit der anderen unterstützend den Tresen der Kücheninsel griff, um seinen Stand zu stabilisieren.

„Es ist wichtig, dass du auf deinen Instinkt hörst, Sola“, erklärte er. „Solange du das getan hast, hast du nichts falsch gemacht.“ Er drückte kurz meine Schulter und deutete unversehens skeptisch auf mein Sandwich. „Ist es genießbar?“

Ich hob die Achseln in sarkastischer Manier. „Geschmolzener Cheddar in krosser Sandwich-Kritik mit frisch frustriertem Topping? Schmeckt fantastisch. Echte Fusion-Küche.“

„Deshalb der Kakao“, versicherte er belustigt. „Der kommt von Herzen. Hilft beim Runterspülen.“

Ich schenkte ihm ein mageres Lächeln.

Als Tony zurückkehrte, stoppte er noch im Türrahmen, eine Hand an der Klinke, sein StarkPhone nach wie vor in der anderen, deshalb wusste ich sofort, dass etwas vorgefallen war. „Das war das JCTC“, informierte er Rhodey. „Sie haben Romanoff.“

Ein paar kleine Härchen in meinem Nacken stellten sich auf. Ich ließ mein Sandwich sinken.

„Sie ist vor etwa einer Stunde mit erhobenen Händen in ihre Cafeteria geschlendert. Sagte, sie sei vorbeigekommen, um Ross Fragen zu beantworten.“

Herzlich zweifelnd runzelte Rhodey die Stirn. „Sie hat sich gestellt?“

„Unwahrscheinlich“, stimmte Tony zu. „Sie wollen, dass wir das Interview mitverfolgen. Sie bringen sie gerade in den Verhörraum und schalten uns gleich dazu.“ Er sah zu mir weiter. „Tut mir leid, Bambina, Abflug verschiebt sich auf Mittag.“

In Ermangelung eines sinnvollen Gegenarguments nickte ich schwach.

„Bleibt immer noch genug Zeit für alles“, versicherte er. „Daphne ist vor vier nicht daheim. Wir können zum Edgewood und zu Grandpa Waters und werden immer noch bei ihr Zuhause sein, bevor sie aus der Schule zurück ist.“

Ich nickte erneut, diesmal etwas überforderter, in Gedanken bei Daphne und Nashua und Janes Grab wie auch bei Nat und der harten Kollision all meiner widersprüchlich aufwallenden Empfindungen, aber Tonys Blick lag längst wieder auf Rhodey, der sich soeben neben ihm durch die Tür manövrierte.

Knapp sah er zu mir zurück. „Ich sammle dich auf, wenn wir so weit sind. “

„Okay“, murmelte ich.

Geräuschlos fiel die Tür hinter ihnen zu und ließ mich mit meinem lauwarmen Kakao und halb gegessenen Sandwich allein.

-/_\-

08:23 Uhr Everett Ross: Es tut uns leid, Kleines. Wir lieben dich. HDD

Ich öffnete die Nachricht vom Morgen und schloss sie gleich wieder, bestimmt dutzende Male, während ich auf der cognacfarbenen Récamiere lag und dem seichten Zug der Lüftung lauschte.

Es tut uns leid, Kleines. Wir lieben dich.

Etwas in mir tat weh, ganz gleich, wie oft ich die Worte anstarrte, jetzt da ich wusste, woher sie wirklich kamen.

HDD.

Es hatte ein wenig gebraucht, das Rätsel zu entschlüsseln, doch nun, da ich urplötzlich eins und eins zusammengezählt hatte, ruderte mein Verstand im freien Fall.

Hot Donut Delivery.

Woher auch immer Nat von dem albernen Nicknamen wusste, mit dem ich sie in meinen Kontakten abgespeichert hielt, ob ich ihn ihr jemals gezeigt hatte oder sie es selbst in Erfahrung gebracht hatte, sie hatte ihn sich anscheinend gemerkt und es war ihr überdies irgendwie gelungen, mir eine sichere Nachricht über Everett Ross Handy zuzuspielen, die es damit unbemerkt an FRIDAYs filternden Spürhundnase vorbeigeschafft hatte.

Aber es war nichts weiter als eine Entschuldigung.

Besonders der Plural tat etwas mit meinen Gedärmen, das sich sowohl fürchtete wie auch dagegen wütete. Denn eigentlich war es offensichtlich, worauf Nat anspielte, jetzt da ich wusste, dass sie es war. Sie wusste, welchen Tag es traf, einen anderen Grund gab es schlicht nicht, wieso sie das Risiko überhaupt auf sich nahm, mir ausgerechnet heute eine Nachricht zukommen zu lassen nach Wochen gleißender Funkstille. Ihr war bewusst, dass es Janes Todestag war, die Nacht vor genau einem Jahr, in der Tony mich nach Boston geflogen hatte, wir Stunden an ihrem längst hirntoten Körper verweilt waren, nur um schlussendlich ihre lebenserhaltenden Maßnahmen zu beenden und sie gehen zu lassen --- und damit wusste Nat auch , dass es nicht irgendein Tag war, nicht für mich, dass wir Pläne hatten, dass es mich nach Nashua zog, und selbst wenn nicht , der denkbar schlechteste Zeitpunkt, Tonys Aufmerksamkeit zu spalten, zu rauben ---

Sie hatte sich freiwillig gestellt. Ausgerechnet heute.

Und wenn es wahr war, schlimm genug , würde man sie nun genauso im Raft inhaftieren wie Clint, Sam und alle anderen.

Aber falls nicht --- falls es alles nur eine Farce war, falls der Plural in ihrer Botschaft irgendeine Bedeutung besaß, über eine bloße Beileidsbekundung zum Todestag hinweg ---

Steve .

Ich schaltete das Display ab und schloss fest die Augen.

Mir wurde übel.

Tony und Rhodey waren vor etwa einer halben Stunde auf die Teamfläche zurückgekehrt. Während Tony sich finster einen Kaffee gemacht und zugleich in unzufrieden knappen Handgriffen seiner unterschwellig gereiften Frustration beiläufig Raum verschafft hatte, hatte Rhodey ihre laufende Unterhaltung trotz meiner nahebei launisch hingefläzten Gestalt nur mäßig gesenkt fortgeführt: „Wenn es nicht sie wäre, würde ich lachen. Aber es ist Nat. Ich bin nicht sicher, wer hier in Wahrheit wen befragt.“

„Wenn sie sich nach Needle erkundigt, sind sie an irgendwelchen Unterhändlern dran“, befand Tony. „Die Frage ist, wieso sie sich festnehmen lässt, um mit Agent Ross darüber zu plaudern. Wenn sie Informationen von uns bräuchte, hätte sie nicht in Berlin angeklopft.“

„Wäre sie gleich hier vorbeispaziert, hättest du sie hochgehen lassen.“

„Vor einer Woche? Sichere Sache. Heute? Ein Rehabilitationspatient und ein Android in der akuten Phase seiner allerersten Sinnkrise. Frei ins Russische übersetzt: offenes Haus.“

Rhodey schwieg.

„Es gab die vergangenen Tage auffällige Bewegungen in der Grenzregion“, gab er nachdenklich zu erwägen. „Wir wissen, dass etwas dran ist, zwischen Afghanistan und Tadschikistan passiert irgendetwas ...“ Mager schüttelte er den Kopf und schwieg kurz. „Das Zeug lag in ganz Manhattan verstreut. Ihr habt nie und nimmer alles sichergestellt.“

„Haben wir nicht. Wir finden es noch immer am laufenden Band in Gartenlauben, Hinterhöfen, Autowerkstätten ... Wer genug bietet, bekommt, was er braucht, wo immer er es braucht.“

„Wenn sie in Farkhor tatsächlich an diesem Sprengsatz basteln und ihnen inzwischen genug modifiziertes Chitauri-Arsenal zur Verfügung steht, hat Nat nicht ganz unrecht“, gestand Rhodey. „Dafür brauchen sie ein größeres Team. Das ist kein Zwei-Mann-Job, nicht einmal für Cap.“

Tony spähte zu Boden, dunkel und unlesbar.

„Könnte der Grund sein …“ Unentschlossen hob Rhodey die Achseln. Er spähte zu mir, als erinnere er sich unversehens wieder, dass ich da war. Rasch sah ich auf mein StarkPhone zurück und gab vor ihre Unterhaltung nicht allzu genau zu verfolgen. „Wenn das JCTC an Bord ist, wird die UN die betroffenen Regierungen aufgrund der Gefahrenlage um ihr Einsatz-Okay bitten“, schlussfolgerte er etwas gedämpfter, „laufende Fahndung hin oder her.“

Tony nickte, aber es wirkte zu abwesend und zu verhalten, um gedanklich nicht bereits drei Schritte entfernt zu sein.

Seufzend stemmte Rhodey die Handballen stabilisierend gegen die Küchentheke. „Bleibt also die Frage, welches Regime mitspielt und ob wir Steve unterstützen oder selbst übernehmen, falls es besagtes Go gibt …“

Mit harter Brust hatte ich in ihrer beider kurz brütenden Stille auf mein StarkPhone gestarrt. Schließlich hatte Tony mit einem beiläufig platzierten Hey meine Aufmerksamkeit auf sich gezogen, mich wissen lassen, dass wir in fünfzehn Minuten abhoben, und war mit dem schmalen FedEx-Paket unterm Arm in Richtung seines Büros entschwunden.

Es tut uns leid, Kleines.

Etwas in mir pochte, während ich meine Tasche und meinen Parka aufsammelte, zur Récamiere trug, darauf ablud und mit meinem StarkPhone in der Hand aufbruchsbereit ausharrte.

Auf CNN war nichts von Nats Festnahme zu lesen. Auch nicht auf WHiH World.

Nervöse Taubheit breitete sich in mir aus. Die Minuten krochen dahin. Gerade als ich mich zurück auf die Récamiere sinken ließ, kehrte Tony mit eigener Jacke unterm Arm und seinem StarkPhone bewaffnet zurück.

Prompt erhob ich mich wieder und griff nach meiner Tasche.

„Alles dabei?“, fragte er.

Ich nickte.

Er sah über die Schulter. Irgendetwas in seiner Miene wirkte ferner denn je. „Dann los.“

Ohne innezuhalten schritt er voran, warf Rhodey einen schnellen nonverbalen Abschiedswink zu und hielt mir einladend die milchverglaste Tür auf. Stumm erleichtert folgte ich ihm auf den Flur, gerade als Rhodey uns mit lauter Stimme zurückrief und mehr schlecht als recht nachsetzte.

„FRIDAY meldet einen Ausbruch aus dem Raft!“, informierte er seicht außer Atem, kaum dass er den Türrahmen erreichte, „Secretary Ross versucht dich seit einer geschlagenen Viertelstunde zu erreichen!“ Rhodey ernüchterte. „Aber das weißt du bereits …“

Bleierne Bestätigung rann durch mein Nervensystem, als Tony den Kopf wandte und nur widerwillig pausierend meine Schulter griff, wie um seine Schritte gleich wieder aufzunehmen. „Der Marshals Service weiß Bescheid“, bestätigte er. „Er kümmert sich darum.“

„Warte --- was ? Okay, hey, ich weiß, das ist ein echt ungünstiger Zeitpunkt-“ Rhodey folgte uns nur noch beherzter, vielleicht wandte sich Tony deshalb nicht vollends ab, sah stattdessen bloß betont kurz in undeutbare Leere und letztlich unwillig zu ihm zurück und ließ meine Schulter wieder los. „Ich kapier’s“, beschwor Rhodey, „ mieses Timing, aber Nats Festnahme und dieser Ausbruch hängen zusammen, es sind unsere Leute, die da gerade das halbe Gefängnispersonal ausgeknockt haben und aus einer maximal gesicherten Einrichtung getürmt sind … So sehr ich die Jungs vom Marshals Service respektiere, Wanda macht aus ihnen in weniger als einer Minute eine lustige Teeparty, die Unterhosen für Präsident Ellis strickt, während Barton ihnen in aller Ruhe ihre eigenen Handschellen anlegt.“

„Ich dachte, es ist gar nicht möglich dort auszubrechen!“, platzte es schwach aus mir. „Ich dachte, das ist ---“ Eve Boyntons satt informierte Stimme vibrierte in mir nach. „--- sie sind genau der Grund, weshalb sie das Raft überhaupt gebaut haben. Damit sie nicht entkommen-“

„Wir wussten, dass etwas an der Sache in Berlin faul war. Jetzt wissen wir was .“ Drängend sah Rhodey zu Tony zurück, ohne auf meinen Einwand zu reagieren. „FRIDAY sagt, es wurde ein Quinjet gesichtet. Steve hat einen Weg gefunden, sie dort rauszuholen. Jemand musste nur dafür sorgen, dass das Raft zur richtigen Zeit auftaucht. Was auch immer Nat sonst noch im JCTC getrieben hat, es war jedenfalls keine Kapitulation. Sie brauchten ein gesichertes Zeitfenster, eines das sie kontrollieren, einen kurzfristig anberaumten Gefangenentransport, der die Festung außerplanmäßig an die Oberfläche holt. Deshalb die Auslieferung. Sie hat bloß den Köder beim Angeln nach dem großen Weißen gespielt.“

Das StarkPhone in Tonys Hand begann zu summen.

Mit pochendem Herzen sah ich darauf hinab.

„FRIDAY überprüft den Luftraum und die Protokolle ihrer Zugangssysteme“, erwiderte er. „Vision kann rausfliegen und vor Ort eine Analyse der Einrichtung durchführen-“

„ Nein , hör zu, du machst dich jetzt nicht vom Acker“, unterbrach Rhodey ihn abrupt. „Das geht schief, Tony. Böse . Wenn wir nicht persönlich unterstützen und das sofort, kriegen sie uns wegen Beihilfe dran und dann haben Stern, Boynton und Ross exakt, was sie brauchen, um Ellis seine Entscheidung noch einmal überdenken zu lassen. Er wird das Dekret zurückziehen und dem Laden hier endgültig das Licht abdrehen.“ Ungeduldig und mit einer unmissverständlichen Spur Nachdruck wies er auf das summende StarkPhone. „Geh da ran, ernsthaft .“

Die Stirn vage gekniffen, sah Tony beiseite. Er entließ den Atem, warf einen angestrengt arbeitenden Blick zurück auf sein StarkPhone und unversehens still resignierend zu mir weiter.

„Du sagtest nur bis zum Mittag, dann fliegen wir“, erinnerte ich rau vor kalter Ahnung. „Du sagtest wir fliegen .“

„Ich weiß …“

Er presste die Kiefer aufeinander, aber er sah mir nicht länger in die Augen.

Ich vernahm nicht, was er hinterhersetzte, als er sich mit angespanntem Blick abwandte, denn in mir drin begann es schlagartig zu rauschen, kaum dass er sein StarkPhone zum Ohr hob und sich rasch ein paar knappe Schritte zum nächsten dekorativen Bergpalmenkübel entfernte.

Meine Aufmerksamkeit schnappte zu Rhodey zurück, als dieser begütigend meine Schulter ergriff. „Ich bin noch nicht in der Lage, irgendwo Unterstützung zu leisten, Sola. Das ist scheiße, keine Frage, aber ihr müsst euren Ausflug auf wann anders verschieben.“

Mein Rückgrat vibrierte. Abrupt schüttelte ich seine Berührung ab. „Es ist kein Ausflug -“

Rhodey holte knapp Luft und bedeutete mit der von mir zurückgewiesenen Hand Kapitulation. „Ihr Jahrestag, ich weiß …“ Behutsam sortierende Strenge eroberte seinen Ton, vielleicht weil ich ihn unverändert feindselig anfunkelte: „Tut mir leid, das ist bitter, ich weiß. Keinem gefällt das gerade. Niemand versucht dich von Nashua fernzuhalten, okay? Es ist Pech, ganz schlechtes Timing. Ich bin sicher, sie würde es verstehen, Sola.“

Meine Sicht verschwamm, als ich den Riemen meiner Umhängetasche in meiner Faust knüllte. Hitze vermengte sich mit dem jähen Getöse meiner Gedanken. „Bullshit-“

„ Hey , egal, wie frustrierend das gerade ist-“

„Es ist immer irgendetwas. Da ist immer ein Anruf, immer ein Notfall, immer irgendein beschissener Grund, warum es schon wieder nicht klappt-“

„Im Moment bleibt uns keine Alternative. Tony hat dieses Amt angenommen. Der Präsident selbst ist unseren Bedingungen zur Fortführung dieser Initiative nachgekommen. Tony kann jetzt nicht einfach Vision um eine kurze Tatortbegehung bitten und seinen eigenen Nachmittag in aller Ruhe in New Hampshire verbringen. Es steht zu viel auf dem Spiel. Wenn er nicht reagiert, wenn er nicht zu seinem Wort steht , beerdigt er diese Sache ein für alle Mal.“

Ich verstummte, die Kiefer aufeinandergepresst, weil es nichts gab, was ich darauf entgegnen konnte, das mich nicht nur noch mehr wie eine uneinsichtige Fünfjährige dastehen ließ, die trotz hereingebrochenen Unwetters ihr versprochenes Eis einforderte.

Nur waren es Janes Grabstein und der wichtigste verbliebene Mensch in meinem Leben und keine verfluchten Streusel, auf die ich verzichten sollte. Und dieses Unwetter, dem Tony nun wiederholt nachjagen würde --- es riss Leute mit sich und für immer von mir fort.

Wenn Rhodey ihn überzeugte, würde er in seinen Anzug steigen, und wenn es Tony gelang, Steve tatsächlich aufzuspüren, was ich ihm zutraute , schon weil es uns diesen Tag kostete, würde er sich ihnen erneut in den Weg stellen, diesmal vollkommen in der Unterzahl und doch unverändert entschlossen, feindselig, frustriert und --- … Jetzt da ihn keinerlei Freundschaft oder Mitgefühl gegenüber Steve zurückhielt, nicht einmal gegenüber Clint , würde, was zuletzt im blutigen Desaster geendet war ---

„Sola“, beschwor Rhodey.

Abrupt wandte ich den Blick hinaus zu den blätterregnenden Blutpflaumen und dem nahen, kreisrunden Landeplatz, auf dem unser Helikopter soeben seine ursprünglich warmlaufende Rotorbewegung beendete, was auch meine letzten Hoffnungen beerdigte.

Tony hatte sich bereits entschieden.

Ich sah bewusst an ihm vorbei, als er sich uns nach einigen knappen Zusicherungen wieder näherte. Vielleicht setzte er deshalb nicht umgehend an und betrachtete mich lediglich einen langen Augenblick aus unglückselig entschiedenen Augen, ehe er sich knapp seufzend Rhodey zuwandte. „Vision und ich fliegen raus und koordinieren uns mit Ross Leuten. Falls unsere Satelliten etwas finden, hängen wir uns dran …“ Er zögerte merklich und sah widerstrebend aus dem Augenwinkel zu mir zurück. „Bleibst du bei ihr?“

„Ich brauch keinen beschissenen Babysitter“, raunte ich, während erste, eiskalte Tränen mein Kinn hinabperlten, packte meine Jacke und Tasche noch etwas fester und schob mich abrupt an Tony vorbei.

„Weißt du“, warf Rhodey mir halbherzig nach, „ich bin schon mit deinem Dad fertig geworden, als er in deinem Alter war.“

Schwungvoll stieß ich durch die milchverglaste Tür zurück auf die Teamfläche und marschierte hindurch.

-/_\-

„Es hat mit dieser Sache im Raft zu tun, oder?“, wisperte Jessy. „Diesen toten U.S. Marshals?“

Obwohl ich nur ihre rechte Gesichtshälfte sah, die sich kurz zu Daphne ins Bild schob, konnte ich trotzdem die innige Faszination in ihren Augen aufblitzen sehen, die schon immer von Gerüchten rund um Tony Stark genährt worden war. An ihrem bunten Ohrring klebte vertrockneter Leim und in ihren Krausen hingen ein paar winzige Holzspäne, die sie mit den Fingern wieder heraus zu friemeln versuchte, als sie Sid auch schon einen wiederholt genervten Blick zuwarf und ihn anknurrte, nicht in ihre Richtung zu schaben.

„Woher weiß sie davon?“, raunte ich dunkel und stemmte mich etwas vom beheizten Boden meines Bads empor, sodass meine Schulterblätter wieder gegen die hängende Kloschüssel zum Ruhen kamen.

Daphne schenkte mir bloß einen trockenen Blick. „Ich sagte doch, sie stalkt ihn auf einem ganz neuen Level.“

„Es ist nirgends in den Nachrichten“, widersprach ich und wischte zum wiederholten Male geradezu genervt eine meiner nachlaufenden Tränen beiseite, die einfach nicht aufhörten unabänderlich aus meinen Augenwinkeln zu tropfen und die schwarzen, makellos polierten Badfliesen um mich herum mit salzigen Maserungen zu sprenkeln.

„Sie hat in irgendwelchen Foren etwas über verletzte Marshals aufgeschnappt“, setzte Daphne zur halbherzigen Erklärung an. „Irgendwelche Funkübertragungen am Long Island Sound ...“ Sacht schulterzuckend sah sie zu Jessy zurück. „Du sagtest Verletzte, nicht Tote .“

Jessy zog eine verschwörerische Miene. „Könnte sich inzwischen geändert haben … Außerdem benutze ich Tor, Sis. Diesen Tea serviert man nicht auf LiveJournal.“ Erwartungsvoll beugte sie sich näher. „Also, habe ich recht? Sol bestätigt?“

Halb von Sids Schaukelstuhl und halb von ihrem eigenen Handarbeits-Restaurierungsprojekt verdeckt war es eigentlich vor allem bloß dem allgemeinen Lärm meißelnder, schleifender und sägender Schüler um Daphne herum zu verdanken, dass bislang kein Lehrer auf ihr bereits Minuten andauerndes Telefonat oder ihre seitdem vollkommen monoton polierende Farce aufmerksam geworden war. Und da Daphne bloß mit einem Kopfhörer im Ohr telefonierte, blieb Jessy ganz auf meine mimische Antwort und sie als Mittelsfrau angewiesen.

Ich nickte abwesend in die Kamera.

„Geht es um Maximoff und den Rest von ihnen?“, wisperte Jessy aufgeregt weiter. „Sid hat nicht alle Einsatzcodes erkannt. Da war echt viel internes Zeug dabei. Aber es klang, als sei etwas mega schiefgelaufen.“

„Jupp“, murmelte Daphne, „sie sind ausgebrochen.“

Jessys Mund öffnete sich in stumm fassungsloser Bestätigung. „ Alle ? Aus dem verdammten Raft?“

Daphne nickte und neigte den Blick. „Halt die Klappe, okay?“

„Oh, absolut, yes , Ma’am .“

Ein sanftes Klopfen an meine Zimmertür ließ mich dunkel erstarren. Stur rührte ich mich keinen Zoll vom Boden und schwieg und wie schon beim Versuch vor gut einer halben Stunde gab Rhodey wenige Augenblicke darauf wieder auf.

„Ich hab hier ein Marmeladensandwich“, informierte er mich resigniert. „Ich stell es vor die Tür. Nur … falls du willst …“

Meine Brust wurde eng. Angestrengt stierte ich durch die gläserne, perfekt polierte Duschwand, auf die kleinen perfekt gerollten Handtücher in der symmetrisch perfekt positionierten Ablagenische, bis sich diese in einen dunklen Spalt verkehrte und die kleinen Handtuchzylinder regelrecht darin zu schweben begannen. Für einen unendlich langen Herzschlag war es alles, was ich wollte, dieses schattige, treibende Nirvana .

Als ich Daphne wieder wahrnahm, realisierte ich, dass auch sie verstummt war. Ihre hellen Augen verhärteten in Unruhe, meinem eigenen feuchten und zugleich leeren Gesichtsausdruck verschuldet.

Sie schob die Brauen zusammen. „Wann anders ist vielleicht gar nicht übel“, bemerkte sie still und zuckte mit den Achseln. „Hier lagern gerade ganze Filmstudios. Erst Dads dummes Enthüllungsinterview, jetzt der Jahrestag … Mum sagt, die ersten Übertragungswagen haben Stühle auf unserer Straße abgestellt. Irgendjemand hat ihnen bestätigt, dass ihr für heute angeblich einen Wagen gemietet habt. Sie gehen fest davon aus, dass ihr kommt. Ich wette, am Edgewood Cemetery ist es nicht anders … Wäre ohnehin nicht sonderlich lustig geworden.“

Ich nickte stumm.

Und dann realisierte ich, was sie gesagt hatte, und fühlte mich nur noch leerer.

Sie hatte es nicht so gemeint, ich wusste es. Sie sprach von meinem Besuch an Janes Grab und den Aasgeiern, die bereits dort und an jedem Ort meiner Kindheit bloß auf das perfekte elende Bild warteten. Das Blitzlichtgewitter vor ihrer Tür, vor jeder Tür. Ich --- wusste es einfach. Sie war bloß genauso müde wie ich, genauso ausgelaugt von der Unplanbarkeit und Distanz, die uns schon wieder seit Monaten auf Abstand hielt, am Ende mit der Geduld, den Nerven, dem Warten, dem Hoffen, dem Rechtfertigen und … Fantasieren .

Denn das taten wir immer noch. Wir fantasierten uns von Termin zu Termin, zerrten von ein paar wenigen Tagen Beisammensein in einem ganzen elend langen Jahr, das uns weiter und weiter auseinandertrieb.

Und ich liebte sie, dichter und fester als irgendjemanden sonst, der noch existierte; nur wusste ich mit jedem Tag weniger weshalb .

Es war das leiseste Symptom von Verlust.

Und es war unheilbar.

„Sie werden gehen“, hörte ich mich langsam sagen. „Sie können nicht zurück. Außenminister Ross lässt sie gleich wieder festnehmen, wenn sie hierbleiben.“

Tony wird es.

Daphne runzelte die Stirn. „Sie müssen untertauchen, ja …“

Ich schluckte schwer. „Nicht nur sie . Coup, Lila …“, ließ ich sie wissen. „Sie haben Dokumente, Pässe mit anderen Identitäten.“ Überraschtes Begreifen löste sich in Daphnes Miene. „Nat weiß davon. Clint kann nicht mehr heim und --- Laura und er haben für diesen Fall vorgesorgt, sie haben es mir selbst gesagt.“ Meine Finger, aggressiv eingeschlossen zwischen meinen Knien, wurden taub. „Als er mich aus dem Raft angerufen hat, sagte er, dass sie es erstmal diplomatisch versuchen, aber dass sie immer noch ihren Exitplan haben, wenn es nicht anders geht …“ Belegt brach ich ab, kaum dass ich an Cooper dachte und seine ernüchternde Prognose für Clints Prozess, die schieren Monate und Jahre, die er laut ihres Anwalts hinter Gittern verbringen würde, ehe sich überhaupt irgendetwas bewegen mochte.

Es tut uns leid, Kleines. Wir lieben dich.

Ich würde Clint nie wieder sehen, denn nun war er fort. Falls sie entkamen, endgültig unerreichbar.

Im Grunde ---

Daphne verlor ihre Konturen wie auch das StarkPhone in meiner Hand, als ich gedämpft endete: „Es wird einfach sein, als sei er tot.“

-/_\-

„Sie hat es stehen lassen.“

Tonys Stimme hallte abgewandt durch meine Zimmertür, als mich das seichte Schaben von Geschirr aus einer anhaltend gedankenversunkenen Trance holte und Rhodey merklich unmotiviert aus Richtung Küche erwiderte: „Gerät ganz nach dir. Stur wie Ihre Majestät persönlich.“

Ich hatte nicht gewusst, dass er überhaupt noch da war. Oder wie viel Zeit verflogen war.

Da es die vergangenen Stunden keinen weiteren Gesprächsversuch seinerseits gegeben hatte, war ich insgeheim davon ausgegangen, dass Rhodey meine stille Feindseligkeit schlussendlich als den Wink mit dem Zaunpfahl interpretiert hatte, der es war.

Anscheinend hatte er sich stattdessen jedoch lediglich auf die tonlose Beschattung seiner Zielperson verlegt.

Nicht, dass dies sonderlich spannend verlaufen sein konnte. Ich hatte mein Zimmer nicht verlassen, seit ich Jacke und Tasche wieder abgeworfen und Daphne kurzerhand angerufen hatte, um nicht in jäh aufwallender Emotion zu ertrinken.

Nicht einmal für ein Glas Wasser.

Meinen Körper schleichend zu dehydrieren, hatte sich aber zumindest insoweit als hilfreich erwiesen, dass es schlussendlich meine geradezu unbewusst fließenden Tränen ein für alle Mal hatte versiegen lassen, wenn schon nicht das sterbenslangsame, dunkle Pulsieren in meiner Brust, das sogar meinen Herzschlag in sich auffraß.

Es klopfte an die Tür.

Anders als Rhodey verzichtete Tony auf eine Einladung, denn schon in der nächsten Sekunde trat er unbeirrt und diese winzige Spur zu entspannt ein, um nicht bewusst herein zu platzen, biss unaufgeregt in das Marmeladensandwich, das er soeben von meiner Türschwelle gesammelt hatte, kaute fünf kurze einschätzende Sekunden, schluckte gemessen und wies schließlich mit dem verbliebenen Sandwich in lau shakespearescher Manier auf mich. „Gefiele Ihrer Hoheit wohl ein Schankfladen nach neuenglischer Art?“

Wortlos richtete ich meinen Blick auf mein StarkPhone zurück und wischte zum nächsten Foto.

Tony gab den kreativen Bestechungsversuch unbeschwerten Humors umgehend wieder auf, schluckte auch seinen Restbissen herab und stellte das restliche Sandwich im Vorbeiziehen unversehens desinteressiert auf meinem Schreibtisch ab.

Ich ignorierte ihn, wenn auch ohne irgendeine verbliebene feindselige Energie, als er auf mich zukam, sich kurzerhand und herzlich uneingeladen neben mir auf der Bettkante niederließ und mit seinem Gewicht die um mich geschlungene Kaschmirdecke schlagartig so viel fester herabzog, dass ich mich just etwas freier ruckeln musste, nur um nicht noch an Ort und Stelle stranguliert zu werden.

Seine Hand fiel auf mein Schulterblatt, wie um sich ein paar Sekunden für seine nächsten Worte zu verschaffen, einer Alternativstrategie, vielleicht weniger Spott und mehr aufmunternden Appell, doch es folgte nichts, denn als sein Blick das Bild auf meinem StarkPhone streifte, verlor sich diese Idee sichtbar unvermittelt wieder in seinen Augen. Die Stirn sacht gerunzelt, verblieb seine Hand in meinem Rücken und festigte ihre Berührung.

Ich wischte zum nächsten Foto. An Janes Stelle trat Mum.

Stumm betrachtete ich auch dieses, ließ meinen Blick ihr halb abgewandtes Gesicht entlang gleiten, folgte all den nur noch auf Pixel komprimierten Details, welche ich mich nie bewusst einzuprägen bemüht hatte, und schwieg, bis irgendetwas in meinem Innersten damit abschloss, und mich einfach zum nächsten Bild wischen ließ.

Tonys Daumen kreiste vage in meinem Rücken, wenn auch in spürbar stockendem Momentum gefangen. Sein Kopf sank zur Seite, den Blick unverändert auf mein Display geheftet, in Gedanken schier Meilen fort und tief versunken.

Dieses jäh kapitulierende Schweigen tat mehr mit mir als jede halbgare Entschuldigung.

Eine ganze Weile folgte er der elend langsamen Diashow in meiner Hand, dann fasste er jäh in mein Haar, beugte sich vor, setzte fest einen bestimmten Kuss darauf und versicherte: „Wir fliegen dieses Wochenende. Versprochen.“

Ich erwiderte nichts, als er sich wieder erhob.

Tony wandte sich zur Tür. Auffordernd sah er zu mir zurück. „Komm, genug Trübsal geblasen. Pizza ist da. Wir essen und fliegen heim.“

Als er hinaustrat, schaltete ich das Display ab, schloss die Augen und rührte mich nicht.

„Sola“, informierte mich FRIDAY schließlich. „Mr. Stark lässt ausrichten, ohne Abendessen schickt er dein Zimmer in die Steinzeit.“

„Ja?“, murmelte ich gleichgültig. „Schaltet er mir das Licht ab?“

„Sämtliche elektronischen Geräte und Vorrichtungen, von Raumthermostat bis mobile Endgeräte. Das beinhaltet auch die Raumbeleuchtung, ja.“

Freudlos hob ich die Mundwinkel.

Zehn Sekunden später fiel das Licht aus und ich lag in düsterem Zwielicht.

Der Hangar vor meinem Fenster erstrahlte vor den finsteren Silhouetten des dahinter liegenden Waldes; Flutlicht, das sich in Glastunneln und Fassaden brach und darin verlor, über allem nichts als sternenlose Dunkelheit.

Ich stierte in die künstliche Reglosigkeit.

Rhodey und Tony unterhielten sich leise vernehmlich in freudlos unaufgeregtem Ton, als ich letztlich schweigend aus meinem Zimmer trat. Schon auf dem kurzen, offenen Flur in Richtung Küche schnappte ich ihre Stimmen auf.

„Genau aus diesem Grund muss es hier sein“, erklärte Tony. „Alles andere funktioniert nicht.“

„Sie denkt, es ist ein Fehler.“

„Sie nannte es eine typische Kurzschlussreaktion.“

Rhodey schwieg. „Ich meine, … das könnte ein Problem werden, das weißt du, ja?“, gab er vorsichtig zu bedenken, gerade als ich die Küche erreichte. Seine Stimme sank. „Könnte mächtig nach hinten losgehen, es dauerhaft zu machen …“

Tony erwiderte nichts, den Blick schon wieder dunkel sinnend abgewandt.

Sie hatten am weiter entfernten Esstisch direkt am Fenster zur Terrasse Platz genommen, weshalb sie mich beide längst mit erwartungsvollem Schweigen empfingen, als ich bei ihnen ankam. Vom gewaltigen rückwärtigen See war in der Dunkelheit nichts zu sehen, die Fensterfassade in Rhodeys Rücken nicht viel mehr als eine zwei Etagen hohe Finsternis.

Auf dem Tisch stand ein gekühltes Glas Wasser, das in der Zimmerwärme bereits dank all des geschmolzenen Eises überzulaufen drohte, sowie zwei geöffnete Schachteln Pizza.

„Boston-Style“, ließ Rhodey mich wissen, als ich mich setzte.

Ich würdigte ihn keines Blickes.

Müde seufzte er. „Wir sprechen jetzt also nicht mehr, na prima …“

Willkürlich griff ich mir ein Stück Pizza, ohne den Belag näher zu inspizieren, und aß es robotisch auf. Obwohl ich seit dem Frühstück nicht mehr gegessen hatte, verspürte ich auch keine Lust meine anscheinend obligatorische Mahlzeit viel weiter auszubauen, aber Tony verfolgte mein stillschweigendes Tun aus dem Augenwinkel, während er Nachrichten im lustlosen Eiltempo auf seinem StarkPhone beantwortete, also griff ich mir noch ein zweites Stück und knabberte mehr gezwungen daran weiter.

Ich sah zu ihm, dann wieder auf die längst kalte Pizza und zurück.

„Habt ihr sie erwischt?“, fragte ich still.

„Nein ...“ Er schaltete das Display ab. „Falls Vision noch etwas findet, gehen wir dem nach, aber fürs Erste heißt es Sayonara.“

Musik:

Exit Music (For A Film) - Radiohead