Krisenherd
Krisenherd
Kapitel 44: Krisenherd
Am nächsten Morgen schwänzte ich die Schule.
Alle Nachrichtenseiten und Kanäle schienen regelrecht überschwemmt mit Mitteilungen über den gelungenen Raft-Gefangenenausbruch vom Vortag, kaum dass ich die Augen aufschlug und mich mit heiserer Kehle und dunkel pochender Magengrube bei FRIDAY nach neuen Entwicklungen erkundigte.
Sie versicherte mir, dass es keine nennenswerten Fortschritte gab, und öffnete schließlich CNN für mich.
Widerstrebend begab ich mich in den Kaninchenbau.
Die Welt sprach über die flüchtigen Avengers, die keine mehr waren, zumindest nicht nach Außenminister Ross abschätzig kurzen, aber merklich aufgebrachten Stellungnahme vom Vorabend. Und sie alle spekulierten einhellig über Tony Stark und der Außenseiterrolle, in der ihn diese neueste Entwicklung hinterließ, als seien Rhodey und Vision bloß eine Randnotiz in einem ansonsten desertierten Team, das jetzt nur noch auf dem Papier bestand und sich von seinem Hauptfinanzier in den fragwürdigen Untergrund abgespaltet zu haben schien.
Mit harter Brust wühlte ich mich durch Artikel und Diskussionen.
Wie immer schien einfach jeder Irrsinn dabei: Verschwörungstheorien rund um einen großangelegten Coup, in den Tony Stark in Wahrheit vollends involviert gewesen sei, um dem politischen Korsett des Sokovia Abkommens zu entkommen, für das er bloß eine überzeugende Farce vor den Vereinten Nationen aufzog, während er das flüchtige Team insgeheim weiter mit Quinjet-Technologie versorgte; staubernste Analysen seiner sehr weltlichen Motive und monetären Interessen als Rüstungs- und Tech-Milliardär; hunderte Blogposts und Medienberichte, die Iron Man wiederholt als simple medienwirksame Selbstinszenierung verschrien, aber darunter nichts und niemand, der auch nur einen begründeten Verdacht äußerte, wohin sich das restliche Team abgesetzt haben mochte.
Von zwischenzeitlich erfolgten Festnahmen oder laufenden Einsätzen nicht die geringste Spur.
Unverändert deprimiert in meine Kissen gegraben, scrollte ich weiter und erwog kurz, aber heftig Jessy einfach über ihre Darknet-Kontakte von der Leine zu lassen, um Tonys potentiellen für mich persönlich kreierten Informationsfiltern zu entwischen, während sich mein Bewusstsein mehr und mehr in dumpf bestätigter Leere verlor.
Irgendwann schnitt FRIDAY dazwischen: „Sola, es ist spät. Du solltest jetzt besser aufstehen.“ Sie klang zuversichtlich energetisch, als berge der Tag wirklich das Potential ganz fantastisch zu werden, wenn ich es nur richtig anging. „Zur Erinnerung: Du wolltest heute noch für ein vertrauliches Gespräch mit Mr. Flannigan und Mr. Morita im Sekretariat vorbeisehen, um die anonymen Spind-Einwürfe zu besprechen. Angesichts der aktuellen Verkehrssituation könnte es schwierig werden, rechtzeitig einzutreffen-“
„Ich bleib daheim“, unterbrach ich sie tonlos.
FRIDAY erhob keinen Einspruch. „Verstanden“, bestätigte sie. „Ich informiere den Boss.“
-/_\-
Fest davon überzeugt, Tony jede Sekunde in freudlos ungeduldigem Trott in mein Zimmer spazieren und mich ganz unbeeindruckt aus dem Bett jagen zu sehen, harrte ich der Dinge.
Aber nichts geschah. Stille umgab mich.
Das warm gedimmte Licht und die nicht länger abgeblendete, aber immer noch milchig eingetrübte Fensterfront vor meinem Bett erschufen die Illusion eines Raumes, der nicht länger in Manhattans Himmel thronte, sondern sich vielmehr an jedem beliebigen Ort befinden mochte, abgeschnitten von der Welt. Ich legte mein StarkPhone beiseite, rollte mich fester zusammen und stierte schwer brütend gegen das undurchsichtige Glas.
„Was hat er gesagt?“, fragte ich schließlich.
„Mr. Stark hat sich erkundigt, was dir fehlt“, sickerte FRIDAYs ewig hilfsbereite Stimme umgehend durch die Stille. „Ich sagte ihm, dass deine Körpertemperatur und Blutdruckwerte keine Auffälligkeiten zeigen, es keine kürzlichen Einträge in deinem medizinischen Schmerztagebuch gibt und ich bislang auch keine der gängigen Erkältungssymptome wie Husten oder Schnupfen beobachten kann und dass es sich von daher um eine andere Art Unwohlsein handeln muss. Er nahm es zur Kenntnis und bat mich Mr. Hogan und das Schulsekretariat zu informieren.“
Leise skeptisch schwieg ich. „Sonst nichts?“
„Es war ein recht kurzes Gespräch. Dein Vater wirkte ziemlich vertieft in sein Dossier.“
Verwirrt hob ich den Kopf. „Wo ist er?“, erkundigte ich mich verhalten.
„Er befindet sich auf den Geschäftsetagen.“
Ich stockte. „Bei Pepper?“
„In ihrem Geschäftsbüro, ja, allerdings befindet sich Ms. Potts heute weitestgehend außer Haus. Es haben sich ein paar überfällige Projektberichte und Portfolios angesammelt, die Mr. Stark in Augenschein nehmen soll, ehe der Vorstand heute Abend über die weitere Finanzierung und Fortführung diverser Kooperationsverträge entscheidet. Dein Vater wollte sich möglichst früh darum kümmern, für den Fall, dass er aufgrund dringlicherer Avengers-Themen später nicht länger abkömmlich sein sollte. Er wartet außerdem auf einen Rückruf von Außenminister Ross.“
Stirnrunzelnd ließ ich mich zurück in mein Kissen sinken. „Wie lange ist er schon unten?“
„Seit halb sechs.“ FRIDAY setzte diese gezielte, fast etwas zu menschliche Pause, die ein stilles Seufzen ersetzte. „Es war eine kurze Nacht.“
-/_\-
Meine nach wie vor milchig trüben Fenster fielen Tony zuerst ins Auge, als er wenige Stunden später in mein Zimmer geschlendert kam.
Ich sah seinen Blick kurz die lange, gewölbte Front entlangspringen, die zwar das vormittägliche Tageslicht, aber ansonsten nichts als ein paar vage Schemen der uns am nächsten befindlichen Wolkenkratzer hindurchließ, ehe er mich auf der fliederfarbenen Ottomane am Rande seines Blickfeldes ausfindig machte.
Im angespannt angezogenen Schneidersitz, nichts mehr als ein Buch in meinen Händen, fasste ich ihn meinerseits in den Blick.
„Lust, etwas zu spielen?“, schlug er vor. „Wii? Uno? Backgammon?“
Mit unverändert harter Brust starrte ich ihn an.
Sein lachsfarbenes Plisseehemd und betongrauer Givenchy-Anzug ließen seine Erkundigung eher nach kurzlebiger Spontanität als reell verfügbare Freizeit schmecken, allerdings hatte ich längst aufgegeben von Tonys perfekter Rasur und topgestylter Garderobe auf tiefergehende Pläne für den Tag zu schließen, als entspräche dies sauberer Mathematik, da er sich fast schon grundsätzlich in maßgeschneiderte Schale warf, sofern er seine Zeit nicht gerade ausschließlich daheim in seinen Laboren oder seiner Werkstatt zu verbringen gedachte. Sicher keine allzu absurde Angewohnheit, wenn Spontanität einer Gewohnheit entsprach und jeder Tag mindestens drei potentielle Begegnungen mit Presse, Konkurrenten und Aktionären beinhaltete, deren Bilder und Eindrücke binnen Sekunden um die Welt gingen, aber nach gut fünfzehn Monaten unter einem Dach wusste ich doch, dass es sehr viel mehr mit Tonys Tendenz, sich hin und wieder selbst zu schmeicheln, als irgendwelchen Kameras vor unserer Haustür zu tun hatte.
Immerhin hatte er Rot und Gold zu Iron Mans Farben gewählt, nur um es ganz stolz und unverblümt seine geschmackvolle Warntracht zu nennen.
„Wie wäre es mit Wahrheit oder Pflicht?“, entgegnete ich knapp.
Tony pausierte, wenn auch bloß diese schlagfertig fingierte Sekunde. „Fantastisch“, bestätigte er leichthin, als greife er meine Farce von Vorschlag blind für die kalte Ironie dahinter auf. „Wahrheit: Ich frage mich, warum ich dich grad eben von einem weiteren Tag bestem amerikanischem Bildungsangebot entschuldigt habe.“
„Ja, wieso eigentlich?“, murmelte ich zynisch.
Tony hob beide Brauen, was seine Stirn in herzlich müde Falten warf. Ihren fehlenden Ernst wertete ich als persönlichen Misserfolg. „War das vorhin gedacht, mich sauer zu machen?“, vergewisserte er sich. „Hat nämlich kein bisschen funktioniert.“
Ich sah zurück in mein Buch. „Cool.“
„Dass Ross‘ kleines Raft-Debakel gestern mit unserem spontan gecancelten Nashua-Trip zusammenfiel, werden sich die meisten Redaktionen dort draußen bereits zusammengereimt haben“, setzte er merklich unbeeindruckt hinterher. „Sie hätten dich heute vor der Schule gefressen. Besser gesagt, mich. Tatsächlich … tun sie es bereits.“
Grimmig beobachtete ich ihn über den Rand meines Buches hinweg.
„Du ersparst dir das Theater draußen“, tippte er. „Sitzt diese Runde aus. Kein Thema, volle Rückendeckung meinerseits.“ Er musterte mich und dann just wieder das signalrote Buchcover in meinen Händen. „Was ist das?“ Er nickte mir zu. „ Dark Matter ? FRI erwähnte nichts von einem Exkurs in Astrophysik.“
„Das ist Sci-Fi, keine Abhandlung.“
Tony umrundete mein Bett, bis er das Ende meiner Ottomane erreichte. „Worum geht’s?“
„Parallelwelten … die anderen Leben, die wir dort führen …“ Eine lange, dichte Sekunde stierte ich bloß auf die offenen Seiten des Romans, ohne sie wirklich zu sehen. „Harley hat’s geschickt.“ Knapp hob ich die Schultern. „Ich wollte es MJ geben. Sie liest so etwas hier an einem Tag. Meistens ist sie vor Schulschluss durch …“
Tony beobachtete mich, doch ich spürte, dass seine Aufmerksamkeit ganz und gar nicht auf dem Roman lag, dafür ruhte sein Blick zu intensiv. „Harley fand es gut?“
Gleich noch etwas verstimmter, weil er ganz unverhohlen Smalltalk vorgab, nur um mich mit Belanglosigkeiten und bestechender Aufmerksamkeit weich zu kneten, sah ich beiseite. „Er sagte, es sei meh . Aber er dachte, so eine Superpositionsschleuse wäre ein mega cooles nächstes Iron Man-Projekt, deshalb soll ich dir damit auf die Nerven gehen. Er denkt, du bekommst es locker bis zu meinem Geburtstag hin.“
Seine Mundwinkel hoben sich in geschmeicheltem Grinsen, ohne dass es seinen sinnenden Blick ganz erreichte.
Ohne etwas nachzusetzen, schluckte ich und stierte an ihm vorbei.
„Denkst du, es gibt sie?“, bemerkte ich unvermittelt. „Parallelwelten?“
Die unerwartete Resignation in meinem Ton ließ Tony eine Braue heben. „Hugh Everetts Viele-Welten-Interpretation? Nicht die übelste Theorie da draußen.“ Bedächtig verschränkte er die Arme, ohne dass sein maßgeschneiderter Anzug in Folge dessen auch nur eine einzige unvorteilhafte Beule warf. „Hat ein paar Jahre auf dem Buckel; unmöglich, einen stichfesten Beweis zu erbringen, aber … in sich stimmig. Solide.“ Er zuckte mit den Achseln. „Netter Kommentar zur Dekohärenz.“
„Also denkst du, es gibt sie? Diese Welten? Reale Welten?“ Ich beobachtete ihn. „In denen ich nicht existiere?“
„Dieser Auslegung nach? Im weitesten Sinne ...“ Vage gelangweilt hob er eine Schulter. „Eigentlich sind es Zustandsräume, nicht Orte , aber … reine Wortklauberei. Also ja, unendlich viele davon.“ Er nickte, als sei nichts dabei. „Du nicht, ich nicht … In denen keiner von uns existiert. Nie existiert hat. Nicht einmal New York, dieser Kontinent oder Planet.“
Ich erwiderte nichts.
„Wieso?“
„Welten, in denen Dinge nicht geschehen sind, der Rest aber schon?“, setzte ich fort, ohne auf seine Frage einzugehen.
Tonys Miene festigte sich, als habe ich ihm die Antwort geliefert. „Euer Autounfall.“
„Oder gestern.“
Etwas in der Atmosphäre gefasster Konversation kollabierte.
Vage gereizt löste sich seine Hand von seinem Arm und wanderte in den Nacken empor, als er sich schon abwandte, die Augen schloss und sich noch im selben Moment vorwurfsvoll wieder mir zuwandte. „Das wird es?“, vergewisserte er sich geradeheraus und öffnete sie wieder. „Du willst daraus eine richtige Sache machen? Wir streiten jetzt deswegen?“
Finster unentschlossen erwiderte ich nichts. Ich funkelte ihn an.
Tony seufzte strapaziert. „Wir fliegen morgen“, versicherte er just, als sei es Zeitverschwendung es überhaupt weiter aufzugreifen. „Es ist vertagt, es war nie vom Tisch.“
„Werden wir dann sehen …“, murmelte ich.
Der sacht provokante Unterton meiner Worte ließ ihn gefasst die Kiefer schließen.
Tony nickte, wie um seiner still angereicherten Frustration ein lösendes Momentum zu schaffen, dann schien er die bestimmte Zurückhaltung wieder in den Wind zu schießen und fixierte mich. „Nur, um es transparent zu halten“, kommentierte er freudlos direkt. „ Ich war es nicht, der gestern auf den Trichter gekommen ist, dass es nach fantastischem Wetter für einen großangelegten Gefängnisausbruch aussieht. Sie wussten, welchen Tag sie wählen, Sola. Es war kein Versehen, kein dummer Zufall, es tut ihnen nicht leid .“
Mein Herz flippte. Nats gestrige Nachricht hatte ich ihm gegenüber bislang mit keinem Wort erwähnt.
„Es war Taktik“, stellte er klar. „Pure Berechnung.“
Meine Daumen rutschten auf den aufgeschlagenen Buchseiten davon. Drückende, nagende Hitze schoss in meinem Magen empor, als ich mich abrupt auf die Füße brachte. „Das stimmt nicht! Clint würde diesen Tag nicht auswählen -“
„Barton vielleicht nicht“, stimmte er zu. „Romanoff? Rogers? Jede Wette.“
„Wieso sollten sie?“, hielt ich erstickt vor sich leise aufdrängender, hässlicher Erkenntnis dagegen. „Was hat Tante Janes Jahrestag mit --- irgendetwas davon zu tun?“
„Sie haben gepokert, Sola“, hob Tony entnervt an. „Sie haben darauf gesetzt, dass es uns beide auf dem falschen Fuß erwischt. Dass ich wegen allem, was im Vorfeld zwischen uns beiden lief, zögern oder gar nicht erst reagieren würde --- dass ich wegsehe, den Anrufbeantworter einschalte, Ross auflaufen lasse, meine Sachen packe, mit dir in den Heli steige und einfach auf familiären Notfall plädiere --- … Sie haben uns ausgespielt. Das hier einfach zu ihrem Werkzeug gemacht-“
„ Das hier ?“, ächzte ich. Meine Brust begann zu stechen.
„-in der Sekunde, in der Nat in Berlin aufgeschlagen ist, wussten wir, dass etwas faul war, aber anstatt sofort in den Anzug zu steigen und Steve noch vor Ort einzukassieren, habe ich Reise nach Jerusalem mit unserem verbliebenen Zeitfenster gespielt, weil ich dachte, dass sich das Problem vielleicht von selbst löst, wenn ich es nur hart genug ignoriere und mich stattdessen darauf konzentriere, dich wie versprochen nach Nashua zu bekommen.“
„Und vielleicht war es genau das , worum es Nat dabei ging!“, brach es aus mir, während ich Harleys Buch in jäh rauem Impuls auf die Ottomane pfefferte, sodass es in einem so elendig aufgefächert zerknittertem Zustand darauf zum Liegen kam, dass es Tony eine Sekunde missvergnügt innehalten ließ. „Sie haben dir einen Grund gegeben, nicht zu reagieren. Eine Erklärung, die niemand eine blöde Ausrede nennen würde! Es IST ihr Jahrestag gewesen – das beschissen beste Alibi, weil es die verfluchte Wahrheit gewesen wäre, Außenminister Ross und dem Präsidenten und ihnen allen zu sagen, dass es nicht geht, dass Vision als Unterstützung ausreichen muss, weil es gerade erst ein Jahr her ist und --- ich niemanden sonst mehr habe. Nat hat dir ein Alibi besorgt! Sie haben diesen Tag gewählt, damit du daheimbleibst und sich Leipzig und Sibirien nicht wiederholen !“ Meine Stimme schnellte in gequälte Höhe. „Nat ist nicht unser Feind. Sie ist-“
„Familie?“, schnitt Tony zielsicher dazwischen und ließ mich vollkommen erwischt verstummen. „ Wir sind Familie“, stellte er klar. „Pepper ist Familie. Happy. Rhodey .“
Mein Magen begann zu trudeln. „Bis sie es nicht mehr sind“, raunte ich leise anklagend.
„Mum und Dad waren Familie “, beharrte er. „Barnes hat sie umgebracht. Natasha hat sich disqualifiziert, als sie ihm geholfen hat zu entkommen.“
„Sie wusste es nicht“, bestritt ich.
„Nein?“ Sein jäher Ausdruck nistender, abgeschmackter Gewissheit ließ die Konturen meiner Überzeugung schwinden. „Na, dann hier die Eine-Millionen-Frage: Steve Rogers lag siebzig Jahre im Eis. SHIELD hat ihn vor knapp fünf Jahren aus der Arktis gegraben. Dasselbe SHIELD, das von Hydra durchsetzt war und Barnes in D.C. zum Morden von der Leine ließ. Dasselbe SHIELD, für das Natasha Romanoff fast ein Jahrzehnt lang aktiv war. Dasselbe SHIELD, das von Dad mitgegründet wurde – eine Tatsache, über die man mich im Übrigen auch erst lange nach Nat informiert hat, weil genau das das Spiel ist, in dem Fury und seine Schatten brillieren , wie wir beide-“ Tony lächelte bitter. „-wirklich am allerbesten wissen, hm? Woher, also, wusste es Steve ?“ In seine Mundwinkel drückte sich der Schatten freudlosen Lächelns, das mir eine schier unqualifizierte Meinung beschied. „Du hast keine Ahnung, wer sie wirklich ist“, versicherte er. „Oder irgendjemand von ihnen.“
In meiner Brust explodierte ein so winziger und doch blitzheißer Flecken Schmerz, dass ich eine lange Sekunde überhaupt nichts darauf zu erwidern vermochte.
„Du hast recht“, hörte ich mich unversehens rau bestätigen. „Der einzige Mensch, den ich wirklich kenne, lebt jetzt zweihundert Meilen von mir entfernt.“
Tony richtete sich auf. Ich hatte nicht bemerkt, dass er sich überhaupt auf meine Augenhöhe herabgesenkt hatte, bis er urplötzlich wieder Abstand nahm.
Etwas in seinem Rückzug und seiner schlagartig wieder so facettenlos gefassten Miene sagte mir, dass ich ihn geradewegs erwischt hatte.
Wir starrten einander an.
Unvermutet schob Tony die Brauen zusammen und reckte lau herausfordernd das Kinn. „Um Jane geht es hier gar nicht, habe ich recht?“
Der unbeeindruckte Vorwurf in seinem Ton stahl mir jede Oberhand, die ich auch nur für einen Sekundenbruchteil hinterrücks erkämpft zu haben schien, und spülte eine Flut empfindlich rohe Scham auf die bereits arbeitende still hilflose Wut in meinem Bauch, die jeden Gedanken der Zurückhaltung unversehens perforierte.
„Wäre es genauso gelaufen?“, erkundigte ich mich belegt vor Emotion. Mein Mund fühlte sich trocken an, als ich fest schluckte und die verbliebene halbgare Fassade fallen ließ. „Wenn ich in Missouri geblieben wäre, wäre Leipzig dann genauso ausgegangen? Hättest du sie alle festnehmen lassen? Auch Clint?“
Tony reagierte nicht sofort. Sein Blick wanderte über meine angestrengt regungslose Miene, ehe er unwillig ausatmete und jäh ermüdete Verwirrung vorgab: „Reden wir jetzt wieder über Parallelwelten?“
Mein Blick wurde hart. „Nein.“
Ein leise überdrüssiges Lachen löste sich. „Okay …“ Beiläufig setzte er sich in vermeintlich schlendernde Bewegung, fuhr mit der Hand unter sein Sakko und massierte sich die linke Schulter. Er sah zu mir zurück. „Barton trägt jetzt das Cool-Cap, was?“
Wiederholt schluckte ich.
„Hey, schon klar.“ Spottfröhlich hob er die Hände und blieb stehen. „Er ist nicht derjenige, der dir ununterbrochen die Laune verdirbt, indem er auf irgendwelchen Absprachen und Chartas herumreitet oder irgendwelche lästigen Check-ups organisiert oder ununterbrochen nachhakt, wenn irgendwas im Busch ist. Und im Moment auch nicht derjenige, der dir den entscheidenden demoralisierenden Monolog hält, wenn du dich in bester YOLO -Mentalität auf eine geladene Waffe stürzt, während sich Mark-43 und die SUN-1 bereits im Landeanflug befinden und die Wahrscheinlichkeit einer Eskalation eigentlich längst gegen Null läuft ---“
Meine Kehle schloss sich. „Nein“, widersprach ich. „Das ist nicht-“
Tony unterbrach sich mit einem ironisch knappen Lachen. „Was eigentlich ziemlich amüsant ist, denn wäre Clint Barton die vergangenen Wochen an meiner Stelle gewesen, hätte er – und das garantiere ich – nur halb so lange gefackelt. Seine Debriefings haben es in sich. Lange nicht so gesprächig wie die meinen-“
„Du hast zugelassen, dass sie ihn im Raft einsperren!“, brach es vehement aus mir. „Du hättest etwas sagen können, einfach irgendetwas behaupten , nur etwas , damit sie ihn nicht gleich mitnehmen und wegsperren. Er war bei uns im Hotel. Du hättest bloß sagen brauchen, dass er --- kompromissbereit war oder --- was weiß ich! Irgendetwas . Aber du wolltest , dass er verhaftet wird, wegen Rhodey, wegen Wanda-“
„Clint Barton saß aus gutem Grund hinter Gittern.“
Mein Magen machte einen Satz. „Das ist nicht wahr -“
„Er wurde nicht in Gewahrsam genommen, weil mir danach war, Sola. Er hat ihnen geholfen zu entkommen und gewusst, was er aufs Spiel setzt. Und wenn er frustriert ist, dann nur deshalb, weil es nicht aufgegangen ist wie erhofft --- und, um fair zu bleiben, nichts ist aufgegangen wie erhofft. Wir alle haben eingesteckt.“
„Und jetzt ist er weg !“
Tony verstummte.
Schweratmend drängte ich die Tränen zurück.
Er entließ den Atem. Als er unverhofft seufzend wieder zu mir aufschloss und den Arm ausstreckte, streifte ich seine Hand unwirsch schnaufend ab, ehe sie noch ganz meine Schulter berührte, verschränkte die Arme und wandte mich aufgewühlt von ihm ab.
Tony startete keinen zweiten Versuch, mich zu trösten oder zu umarmen. Stattdessen verblieb er an Ort und Stelle, schob seine zurückgewiesene Hand merklich befangen in die Hosentasche und schwieg.
Ehe er die jähe Stille meiner drückenden Verzweiflung durchbrechen konnte, tat es sein StarkPhone für ihn.
Das Summen war ohrenbetäubend. Widerstrebend hörte ich ihn danach greifen.
„Okay, Pokerface“, murmelte er gefasst. „Gib mir eine Minute, ja? Ich sag Ross, dass er sich gedulden muss. Bin sofort wieder da.“
Ich regte mich nicht; nicht einmal, als Tony merklich unbefriedigt davonschritt.
Kaum, dass er mein Zimmer verließ, griff ich mir mein eigenes StarkPhone vom Nachttisch, marschierte in meinen begehbaren Kleiderschrank, stieg in meine Boots, schnappte mir einen Parka und ein schwarzes Cap und stapfte hinaus.
-/_\-
„Sag Tony, ich bin an der Luft“, wies ich FRIDAY an, kaum dass die Lifttüren sich hinter mir schlossen. Nicht, weil mir unbedingt danach war, ihm noch irgendetwas mitzuteilen, sondern einfach, damit er mir aus lauter Missfallen über meinen Abgang keinen Strick daraus zu drehen vermochte, einfach abgehauen zu sein. „Und ich meine richtig draußen, nicht auf irgendeiner Terrasse …“
Der Lift setzte sich in Bewegung, doch erst auf halbem Weg hinab erinnerte ich mich plötzlich wieder an den akuten Medienrummel rund um den gestrigen Superhelden-Massenausbruch und die damit einhergehenden Reporterscharen, die sich zweifellos längst vor dem Avengers Tower in Hoffnung auf ein paar aktuelle Schnappschüsse versammelt hielten.
Mein Magen sank schneller als der Aufzug.
Ich befand mich auf dem direkten Weg ins Scheinwerferlicht.
Das Letzte, was ich jetzt brauchte, war einen Medienaufschrei, der den erst vorangegangene Woche eskalierten Gerüchten rund um meine breitgefächerten Schulprobleme noch weiter Benzin ins Feuer goss, indem man mich nun zur unverfrorenen Schulschwänzerin erklärte, als entwickelte ich mich in der Tat und für alle Welt sichtbar zu exakt der Problemteenagerin, die Senator Boynton und alle Gleichgesinnten bereits seit der Spielunterbrechung im MetLife-Stadion in mir zu sehen glaubten.
„FRI, gibt es noch einen anderen Weg aus dem Tower als direkt durch die Lobby?“, erkundigte ich mich nervös. „Irgendetwas ohne Presse?“
„Es gibt einen Lieferantenzugang. Der Zufahrtsbereich ist für Presse und Publikum gesperrt. Soll ich dich hinführen?“
„Jupp. Klingt gut.“ Ich setzte mein schwarzes Cap auf und zog den Reißverschluss meines Parkas bis zum Anschlag empor. Es verbarg mein Gesicht nicht komplett, aber über meinen Augen lag nun der Schatten meines Caps und mein Kinn versank in dem weichen Polstern meines Kragens, was meine Konturen weitestgehend verdeckte.
FRIDAY entließ mich im ersten Untergeschoss. Ich folgte ihren Anweisungen die mir weitestgehend fremden Flure hinab, während sie problemlos jede Sicherheitstür und jeden ID-verriegelten Zugang für mich freigab, mich bis zu einer schweren, metallischen Außentür navigierte und mich schlussendlich in eine breite, von hohen Müllcontainern gesäumte Gasse im Schatten unseres gewaltigen Towers und damit in ein herbstlich windiges New York entließ.
Tatsächlich entluden soeben Lieferanten aus einem sicher zwanzig Tonnen schweren Coca-Cola-Truck stapelweise Getränkekästen, während ein anderer Lastwagen mit einem Abrisscontainer voller staubiger Ladung Kalkstein des entfernt benachbarten Liggett Buildings aus unserer Zufahrtsgasse losrumpelte. In weiter Ferne über meinem Kopf vernahm ich das schrille Schneiden von Stahl und hämmernden Bauarbeiten. Dankbar für die zusätzliche Abschirmung, die der Lieferantenstau und der laufende Gebäudeabriss hinter dem Grand Central Terminal boten, bog ich im Rücken des Towers unbemerkt auf die Straße.
Auch wenn ich keinen direkten Blick zur hinter mir liegenden Ecke warf, um mein Glück nicht prompt wieder zu verspielen, vernahm ich dennoch den unruhigen Trubel der vor den Haupteingängen verweilenden Presseleute, der selbst durch den Verkehrslärm drang und mir eine gute Vorstellung von der dort reichlich versammelten Menge lieferte.
Ich beschleunigte meine Schritte, um noch etwas mehr Distanz zwischen uns zu bringen, bis ich im bunten Gewimmel der aus dem Grand Central Terminal strömenden Passanten unterging.
Der Himmel über Manhattan schien Leck geschlagen, denn alle paar Schritte landete ein einsamer, kühler Tropfen auf meinen Handrücken und Wangen. Überhaupt schien das Wetter irgendwo auf der Schwelle zwischen keiner Temperatur und Niesel zu balancieren.
Den ersten Abschnitt aus Wolkenkratzern durchquerte ich mit anonym gesenktem Blick, einfach um nicht weiter aufzufallen, aber es schien fast überflüssig.
Niemand beachtete mich.
Etwas entkrampfter, wenngleich ziellos dahinstapfend verlangsamte ich schließlich meine Schritte, zog einen meiner Wireless-Kopfhörer aus der Jackentasche und steckte ihn in mein rechtes Ohr. „FRI?“
„Ja, Sola?“
„Warst du es? Hast du es Tony gesagt?“
„Was genau, Sola?“
„Hast du ---“ Angespannt biss ich mir in die Zunge, urplötzlich zerrissen zwischen aufgewühlter Vorsicht und dem dumpf pochenden Gefühl, verraten worden zu sein. „Hast du Tony über Agent Ross Nachricht informiert? Gestern?“
„Nein, Sola.“
„Die --- Es tut uns leid -Nachricht?“, beharrte ich. „ HDD ?“
„Ich habe Mr. Stark über keine der dir zugesandten Nachrichten informiert.“
„Woher wusste er dann, was drinstand?“
„Ich bin nicht sicher.“ Sie schien ehrlich überfragt, denn intensivierte Aufmerksamkeit eroberte ihre Stimme. „Mr. Stark nimmt keinen Einblick in deine privaten Chat-Verläufe, solange du dies nicht gestattest oder keine akute Gefährdung vorliegt. Ich bin angewiesen, ihn eindringlich an seine eigengesetzten Auflagen zur Privatsphäre zu erinnern, sollte er dennoch Zugriff verlangen. Das ist bislang aber nicht vorgekommen. “ Ein beruhigend warmes Lächeln kehrte in ihre Stimme zurück. „Vielleicht hat es nur den Anschein erweckt, als habe er auf die von dir erwähnte Nachricht Bezug genommen?“
Ich schluckte. Verunsicherte Erleichterung holte mich ein, nur um gleich wieder von der Tatsache überrollt zu werden, dass es FRIDAY war, mit der ich sprach, Tonys eigens programmierter KI-Assistenz.
Meine Stimme verfinsterte sich lau: „Hat er dich angewiesen zu lügen, wenn ich nachfrage?“
„Das hat er nicht.“ FRIDAYs Stimme verblieb ihr überzeugend integres Selbst. „Ich besitze die Anweisung, weder dich, noch den Boss oder Ms. Potts willentlich zu täuschen oder zu belügen. Wenn du mich nach etwas fragst, das ich nicht offenlegen darf, teile ich dies mit und verweise an deinen Vater.“
Ich ließ nicht locker: „Wenn er dich also bitten würde, mich hierbei – nur bei dieser einen Sache – anzulügen, würdest du es nicht tun?“
„Ich würde ihn daran erinnern, dass es meinem vorgegebenen Verhaltenskodex widerspricht“, versicherte die KI sorgfältig. „Würde Mr. Stark dennoch darauf bestehen, würde ich es für den expliziten Sachverhalt halten, wie von ihm gewünscht.“ Mein Magen sank. „Allerdings würde ich eingestehen, dass es sich bei meiner Aussage um eine Unwahrheit gehandelt hat, sofern ich danach gefragt werde. Eine geäußerte Lüge oder willentliche Täuschung zu leugnen, widerspräche meiner moralischen Kalibrierung und würde eine sofortige Notabschaltung und Quarantäne meines Netzwerks zur Folge haben. Die Berechtigung mich anlassbedingt zur Täuschung anzuweisen, besitzt jedoch nur Mr. Stark und – in eingeschränkter Variante – Ms. Potts wie auch du selbst entsprechend des Partners-In-Crime Protokolls.“ Sie schmunzelte. „Das ist zum Beispiel hilfreich bei der Geheimhaltung von Geschenken und Überraschungen.“
Es gab also eine Grauzone.
Natürlich gab es sie.
Wenn Tony etwas erfahren wollte , würde er es auch. Und wenn er Dinge vor mir zu verbergen entschied, war ich die Letzte, die irgendetwas dagegen zu unternehmen vermochte.
„Weiß er, wo Clint und die anderen sich jetzt befinden?“, fragte ich angespannt, während ich meine Schritte widerstrebend in einem ungeduldigen Pulk von Passanten vor einer roten Fußgängerampel auslaufen ließ und meinen Blick vorsichtshalber von meinen Mitmenschen abwandte und den stockenden Verkehr der Madison Avenue hinabstierte.
„Ihr aktueller Standort ist ihm nicht bekannt, nein.“
Ich schob meine unruhig geballten Hände tiefer in meinen Parka. „War das gelogen?“
„Nein.“
Etwas befriedigter schluckte ich. „Hat er einen Verdacht?“
„Das hat er, aber er ist vage. Um ihn zu verifizieren, müsste der Boss den gestohlenen Quinjet lokalisieren, dessen Flugkennung und internen Identifikationsinstrumente allerdings bereits in Berlin deaktiviert wurden.“
„Und … das könnte er?“
„Es gibt eine Möglichkeit. Mr. Stark spart sich diese vorerst für einen geeigneteren Zeitpunkt auf, weil es vermutlich bloß ein einmaliger Erfolg wäre, der das Team umgehend für diese Schwachstelle sensibilisieren würde.“
Unversehens wieder so niedergeschlagen wie vor meinem bitteren Ausbruch in Tonys Gegenwart überquerte ich die Madison Avenue mit ihren gewaltigen Bauten aus Beton und Glas, die wie riesige silberne Schwertspitzen in den Himmel ragten. Dieselben Wolkenkratzer vom Boden aus zu betrachten, denen ich tagtäglich bloß auf Augenhöhe begegnete, blieb seltsam desorientierend. Nichts an diesen Bauten sah weit oben auch nur ansatzweise so gigantisch oder furchteinflößend aus, wie es jeder Schritt am Fuße dieser Kolosse tat.
Der Geruch von Pommes und Burgern in sich verdichtender Luftfeuchtigkeit und stehenden Abgasen streifte mich und unversehens begann mein Magen zu grummeln. Ich hatte nichts gefrühstückt und als ich nun einen kurzen Blick auf die Uhr warf, bemerkte ich, dass es bereits fast Zwölf war.
Nach Hause umkehren, würde ich deswegen jetzt aber ganz sicher nicht.
FRIDAY hatte nichts weiter erwähnt, doch ich bezweifelte, dass es Tonys unausgeschlafen konfrontative Laune sonderlich gemildert hatte, von mir mit meinem unerwartet abrupten und absichtlich provokanten Verschwinden den eleganteren Mittelfinger präsentiert bekommen zu haben, kaum dass er eben den entscheidenden Anruf abgewiesen hatte, für den er überhaupt erst so früh aus dem Bett gekommen war.
Ich glaubte nicht, dass er allzu oft derart abgeschmackt sitzengelassen wurde, und wenn doch, dann sicher nicht von jemanden, mit dem er auszukommen gezwungen blieb.
Entweder würde meine Rückkehr nun also bloß in weiterer sarkastisch ankreidender Auseinandersetzung entarten oder er würde mich stattdessen – und vielleicht noch schlimmer – bereits in viel zu besonnener, geradezu reflektierter Ruhe erwarten, nur um eines dieser ernst bestimmten Gespräche zu initiieren, in denen ich an irgendeinem Punkt immer zu heulen begann und sein Designerhemd ruinierte und absolut kein Fazit, zu dem wir finden mochten, irgendetwas an der Tatsache ändern würde, dass ich mich ein für alle Mal mit dem Gedanken zu arrangieren hatte, dass die Avengers nicht meine Baustelle waren, sondern die seine, dass sie von jetzt an auf verschiedenen Seiten standen und das mit verteufelt klarem Grund und Clint nachzutrauern alles war, was ich zu tun erlaubt sein würde.
Five Guys erschien mir da deutlich einladender.
Ich sah hinüber in das gutbesuchte Schnellrestaurant und dann weiter die Straße hinab zum Bryant Park, dessen halbkahlen Bäume bereits in Sichtweite standen.
Zur Bosworth High waren es nur ein paar wenige Minuten Fußweg.
Und sie hatten bald Mittagspause.
Der kurze Gedanke verwandelte sich in einen Entschluss.
Kurzerhand trat ich in den Fast-Food-Laden und harrte ein paar ungeduldige, nervenaufreibende Minuten in der lauten wie engen Warteschlange voller Touristen und Angestellter aus dem UN-Freiwilligenprogramm aus, ohne zu irgendwem näheren Blickkontakt herzustellen. An einem der neu installierten Self-Service-Screens bestellte ich so knapp und rasch ich konnte zwei Cheeseburger und Pommes, zahlte mit der Kreditkarte meines StarkPhones und machte schlussendlich mit der warmbeladenen Papiertüte kehrt, bevor mir jemand zu genau ins Gesicht sehen und mein in die Stirn gezogenes Cap als lausiges Promi-Verschleierungsmanöver anstatt gradlinig urbanen Chic enttarnen konnte.
Zurück im Strom der Passanten lief ich weiter bis zur nächsten Kreuzung, überquerte die wuselige Fifth Avenue mit ihrem Irrsinn an Läden und Boutiquen, verschmolz im anonymen Chaos einzelner sich zusammendrängender Menschentrauben und hielt auf den Bryant Park zu.
An einer etwas weniger bevölkerten Stelle im Schatten einiger braungefärbter Platanen ließ ich mich letztendlich an einem der überall im Park verteilten kleinen, grünlackierten Tische mit Klappstuhl nieder, die hohen Bogenfenster der New York Public Library im Rücken.
Das leicht anhaltende Tröpfeln bewahrte den Park glücklicherweise vor den Besucherfluten eines durchschnittlich trockenen Mittags, wie ich sie oft genug im kurzen Halbjahr meiner Zeit an der Bosworth hatte beobachten können.
Wie schon am frühen Morgen blieb eine Reaktion von Tonys Seite ganz und gar aus.
Keine kurz angebundene Nachricht oder Voicemail erwartete mich, als ich mein StarkPhone hervorzog.
Ich schrieb Elijah:
12:04 Uhr Ich: Bin im Bryant Park. Kannst du raus? Hab Essen dabei.
12:04 Uhr BigMeg: Geht klar. Bin gleich da.
12:05 Uhr Ich: Zwischen Karussell und NY Lib. Maximal unauffällig. Schwarze Jacke, schwarzes Cap, billige Papiertüte.
Er schickte mir ein Daumenhoch. Das dumpf belustigte Augenrollen brauchte er nicht mitzuliefern, das übernahm auch meine Fantasie.
„Schwach“, befand ich, meinen ersten Bissen Cheeseburger herabschluckend, als er kurz darauf in tannengrüner, gefütterter Cordjacke neben mir Platz nahm.
Verwirrt sah er an sich hinab. „Was ist damit?“
„Zu cool“, informierte ich ihn. „Wir fliegen auf.“
Er schnaufte widerwillig unterhalten, ganz genau wie in meiner Vorstellung, dann nickte er mir unverändert ernst zu. „Was machst du hier?“
Man sollte wirklich nicht meinen, dass er es war, der mir allabendlich Herzen und Tipps für meine neuesten Essay-Trainingssessions mit FRIDAY zusandte.
„Du meinst, wieso schwänze ich, um meinen Freund mit billigen Fast-Food-Burgern zu überraschen?“, erwiderte ich trocken.
Wenn Elijah eines konnte, dann aus einem felsenfest aufmerksamen Blick ein so resigniertes Verfinstern zu zaubern, dass ich immer noch darauf schwor, dass er in Wahrheit schon drei Jahrhunderte auf dieser Erde weilte. „Du schwänzt?“
„Keine Ahnung …“ Ausdruckslos hob ich die Schultern. „Bin daheim geblieben … Du weißt schon, wegen gestern und wegen des Ausbruchs …“ Meinen Blick auf meinen Cheeseburger geheftet, schwieg ich.
„Weiß er Bescheid?“
„Tony? Hm.“
„Also … hat er dich für heute abgemeldet?“, vergewisserte er sich.
Ich zuckte die Achseln. „Er sagte, die Presse wäre sowieso durchgedreht, weil sie wissen, dass wir gestern nicht am Grab waren“, erwiderte ich dunkel, unfähig die verbitterte Anspannung zu verbergen, die mich prompt wieder einholte, kaum dass ich auf Tonys betonte Nonchalance zu sprechen kam. „Sie haben vermutlich vor der Midtown auf Zehntausend-Dollar-Schnappschüsse für irgendeine neue dramatische Story gehofft, weil alle über den Ausbruch berichten und jeder weiß, dass das der Grund ist, weshalb wir nicht nach Nashua geflogen sind. Sie hätten mir bloß wieder Fragen zu Steve und Nat und der ganzen Raft-Sache gestellt; was ich mitbekommen habe und wie ich es finde und – keine Ahnung – wie verdammt beschissen der Tag gestern war, vermutlich ...“ Meine Stimme sank, als ich zu den schützenden, mehrere Fuß hohen Zäunen und Hecken als auch dem stets bewachten Zufahrtstor der Bosworth High hinübersah. „ Nicht nur die Presse. Auch alle anderen, deshalb …“ Nicht vollends ehrlich verstummte ich.
Meine Gedanken sprangen zu meinem Schulspind und den wirklich hässlichen Botschaften, die ich nach dem Wochenende ganz sicher wieder darin finden würde, befeuert von neuer boshafter Inspiration.
Und ich wollte nichts über Jane lesen. Oder Nashua.
Oder Clint .
Aber vielleicht würde zumindest jemand beim Einwerfen beobachtet werden, jetzt da ich das Sekretariat über die Vorfälle informiert hatte und die Fluraufsicht womöglich einen etwas genaueren Blick auf meine Spindgruppe behielt.
Oder vielleicht fiel zwischenzeitlich Peter oder MJ jemand Verdächtiges ins Auge.
Elijah griff sich die Five Guys -Papiertüte, fischte den zweiten Cheeseburger heraus und betrachtete ihn, als wisse er nicht recht, was damit zu tun sei.
„Ist okay“, versicherte ich. „Du wirst es überleben.“
Er warf mir einen bösen Blick zu. „Ich hab schon bei Five Guys gegessen, Stark.“
„Jupp, vermutlich die Special-VIP-Werbeversion vor zwanzig Sponsoren-Kameras“, zog ich ihn unbeirrt auf. „Das hier wurde schneller zubereitet, also, keine falschen Hoffnungen ...“
Kopfschüttelnd packte er seinen Burger aus. „Der Coach killt mich …“
Ich hob die Mundwinkel in müdem Grinsen, als er merklich bereitwillig hineinbiss und mich gleich noch etwas vorwurfsvoller taxierte. Dann griff er über den schmalen Tisch, sammelte wortlos etwas Ketchup aus meinen Haaren und wischte seinen Daumen achtlos an einem der knittrigen Papiertücher ab.
Ich ließ meinen Burger sinken. „Okay, vielleicht hattest du mit ein paar Dingen recht“, gestand ich, ohne Elijah wirklich anzusehen.
Etwas hielt mich davon ab, in meinem bedachten Eingeständnis weiter auszuholen, aber es war bloß ein unangenehmes Druckgefühl in meiner Brust und als es widerstrebend wich, begriff ich, dass es nichts weiter als mein Stolz war, der immer noch darum rang, es nicht zuzugeben, weder vor Elijah, noch wirklich vor mir selbst.
Wir schwiegen.
„Kommst du zurück?“, fragte er schließlich.
Hastig widersprach ich: „Nein-“ Ich ließ den Atem los. „Ich meine …“ Meine Stimme stockte. „Keine Ahnung --- nein, ich kann jetzt nicht schon wieder-…“ Wiederholt entließ ich die Luft, ohne ganz zu Ende zu sprechen. „Aber vielleicht hätte ich nicht … vielleicht hätte ich einfach- …“ Völlig überfragt brach ich ab und sortierte meine Finger bedächtig um meinen Burger neu, insgeheim überfordert, dass mich schlagartig das ernsthafte Verlangen überwältigte, alles zurückzudrehen und an eben den Ort zurückzukehren, der mir stets mehr wie ein Fünf-Sterne-Hochsicherheitsgefängnis voller exotisch verdrehter Denkweisen vorgekommen war. „Ich mag sie“, bekräftigte ich fest. „MJ. Und Peter. Und Ned. Und --- sie alle. Es ist nicht so, dass irgendwer richtig scheiße ist. Es ist nicht --- Na ja, es ist niemand Bestimmtes . Und, klar, Dad und die Avengers sind immer Thema und das wusste ich … nur …“ In Ermangelung einer Erklärung brach ich ab.
Elijah schwieg.
„Sie ist cool“, bemerkte er schließlich. „MJ.“
Ich sah ihn an.
Er hob die Schultern, als sei das Wesentliche damit gesagt.
Und das war es irgendwie auch.
Ich würde nicht die Fahne hissen. Noch nicht. Das wussten wir beide.
Und dass Elijah den Moment dieses Mal nicht weiter nutzte, um für die Bosworth und sie alle energisch in den Ring zu steigen und mich zur Rückkehr zu bewegen, erleichterte mich, so wenig es mich auch vor der dämmernden Wahrheit bewahrte, dass es nicht leicht werden würde, nie , dass es ganz gleich war, ob ich hinter acht Fuß hohen Sicherheitszäunen saß oder mir jeden einzelnen Tag einen Weg durch die immergleiche, immerlaute Traube Paparazzi bahnte. Ob Mrs. Ryland oder Mr. Harrington, Pasterio oder Morita, Eve Boynton oder Flash Thompson – niemand vergaß je und würde es je ganz außer Acht lassen, wer Tony Stark war, welche gleichbleibend irrwitzigen Kurswerte Stark Industries an der Börse erzielte oder welche polarisierende Schlagzeile Iron Man zuletzt geschrieben hatte.
Die Midtown High war und blieb das Beste, was ich daraus machen konnte, den Teil von mir am Leben zu erhalten, der nicht Stark hieß, so gewollt, so unfassbar stolz und so vollendet ich mich auch mit ihm fühlte.
Das kleine, viktorianische Kinderkarussell ferner in Elijahs Rücken begann sich zu drehen.
Ich beobachtete es, biss wieder in meinen Burger, kaute verhalten und schwieg.
Auf dem kreisrunden Tisch zwischen uns schlugen nach wie vor einzelne kalte Tropfen auf, aber sie verblieben so dick und einsam, dass es gefühlt auch bloß die letzten Überreste eines vorangegangenen Schauers hätten sein können, die sich allenthalben von den geneigten Wipfeln der Platanen lösten.
Das ungeduldige Hupen und Rauschen der um uns liegenden weltberühmten Manhattaner Straßen kehrte just in mein Bewusstsein zurück und entfaltete seinen lärmenden Sog.
Gedankenverloren wanderte mein Blick über die uns gegenüber thronende Reihe mächtiger Wolkenkratzer, die die kleine grüne Oase des Bryant Parks mit seinem weiten Rasen und Platanen geradezu übermächtig zu umzingeln schien: Von dem verschachtelten 500 Fifth Avenue-Gebäude, das sich wie eine gigantische Formation aus Stalagmiten aus dem Asphalt zu erheben schien, zu der eleganten, konkaven Fassade des Grace Buildings bis hin zu den schrägen Kanten und kristallinen Finessen der trotz allem seltsam statischen Form des Oscorp Towers, an dem meine Augen eine kurze Sekunde länger hängen blieben.
„Sie bauen morgen die Eislaufbahn und das Winter Village auf“, ließ Eijah mich wissen.
„Schon? Es sind noch fast zwei Monate bis Weihnachten.“
„Eigentlich immer um diese Zeit.“
Nach einer weiteren schweigenden Minute, in der wir bloß unseren restlichen Burger verspeisten und schlussendlich abwechselnd die letzten Pommes aus der fettdurchweichten Papiertüte fischten, vergewisserte ich mich: „War das eine Einladung?“
Er schüttelte den Kopf. „Wird voll.“
Vielsagend schnippte ich gegen die Unterseite meines Caps und er schmunzelte.
Elijahs Miene festigte sich wieder. „Ihr fliegt also morgen?“, erkundigte er sich.
„Hm …“ Verstimmt schob ich die Five Guys -Tüte von mir. „Ich glaub dran, wenn wir dort sind ...“
Er musterte mich. „Hattet ihr Stress?“
Ich nickte knapp und hob unbeteiligt die Achseln. „Eben gerade.“
Elijah wirkte nicht sonderlich überrascht.
Bitter stierte ich zu Boden. „Ich hab ihm gesagt, dass ich’s scheiße fand …“
„Dass ihr gestern nicht hin seid?“
Ich schluckte. „Er ist --- Er tut so, als sei nichts davon seine Schuld. Und … keine Ahnung, vielleicht hab ich es irgendwie aussehen lassen, als sei sie es.“ Mein Herz zog sich unwohl zusammen, auch wenn unverminderter Ärger in mir aufflammte. „Er ist sauer geworden, dabei habe ich gar nicht von Barnes oder Steve gesprochen, bloß davon, dass er so tut, als wären sie alle Schwerverbrecher, die nie wirklich --- Freunde waren … Und dann ging es gar nicht mehr bloß um gestern, er --- keine Ahnung, irgendwie ging es plötzlich um alles, um SHIELD und Hydra und Fury und alles, was er sagte, klang wahr, aber es war auch --- so scheiße …“ Schwer bitter brach ich ab.
Für eine Sekunde war es wie früher.
„Also bin ich raus.“
„Du bist abgehauen?“
Ich hob eine Schulter. „Er wurde angerufen. Er sagte, er kommt gleich zurück. Ich hatte es satt, hab mich angezogen und bin gegangen.“ Nüchtern setzte ich nach, kaum dass ich Elijah leise ausatmen sah: „Er weiß , dass ich raus bin. Ich hab FRI gesagt, sie soll es ihm sagen, als ich in den Aufzug bin.“
„Und das ändert was?“, zweifelte er.
„Ich darf bis sieben raus, solange ich Bescheid gebe.“
„Ich auch, No-Name“, widersprach Elijah. „Aber wenn Dad Stress schiebt und ich mittendrin einfach den Abflug mache, bevor die Sache geklärt ist, bräuchte ich ihm danach nicht mehr mit Chill kommen.“ Er sah beiseite und aus dem Augenwinkel wieder zu mir zurück. „Außerdem schiebt ihr alle vierundzwanzig Stunden Stress …“, setzte er nach. „In einer Stunde wärt ihr eh wieder okay gewesen.“
Vage vorwurfsvoll sah ich ihn an.
Er runzelte bloß herausfordernd die Stirn. „Wann war das letzte Mal, hm?“
Meine Gedanken sprangen zum gestrigen Frühstück im Hauptquartier. Genervt sah ich wieder beiseite, auch weil es mich prompt zu dem Problem der Waffe in meinem Zimmer weitertrug, die ich zwischenzeitlich in ein T-Shirt gewickelt in die hinterste Sockenschublade geschoben hatte, in Ermangelung einer zeitnahen besseren Idee vor unserem Rückflug in den Tower.
Dass sie nun im Hauptquartier lag, beruhigte mich etwas, da damit zumindest weiter von mir entfernt, aber ich wusste, dass ich schnell eine Lösung dafür finden musste, nun nachträglich mit der Sprache herauszurücken, wenn ich nicht sämtliche kommende Freizeit dieses Schuljahrs daheim zelebrieren wollte. Oder Schlimmeres.
Trotzdem erschien es jetzt gerade verlockender denn je, sie vorerst einfach zu vergessen, wo sie war und niemandem schadete.
Beinahe der beste Ausweg.
Denn … wenn es hart auf hart kam, konnte ich sie immer noch schwungvoll in den See entsorgen, wo sie gut und gerne die nächsten drei Jahrhunderte verbringen konnte, ohne dass Tony je erfuhr, dass ich sie nur zwei Stunden nach unserem Überfall in meinem Rucksack vergessen hatte wie irgendeinen x-beliebigen alten Nussriegel.
Von lau kriminellen Ideen gepeinigt verschränkte ich unbefriedigt die Arme.
„Devs Mum sagt, es sei normal“, bemerkte ich dumpf, als Elijah schwieg, ohne weiter darauf einzugehen. „Dass wir ständig diskutieren und uns in die Haare bekommen. Sie sagte, sie hat es fast erwartet. Es beweist angeblich, dass wir uns annähern und zusammenfinden und … aneinander abschleifen oder so etwas. Quasi die Turboversion von dem, was schon die letzten vierzehn Jahre hätte stattfinden sollen.“ Zweifelnd verzog ich die Miene. „Es klang nach etwas Gutem, als Dev es sagte. Richtig psychologisch.“
Elijah nickte und ließ ein zustimmend leises Schnaufen vernehmen.
„Keine Ahnung, ob es das ist …“ Mit lauem Unbehagen sah ich zu dem inzwischen wieder stillstehenden Karussell zurück, an dem ein etwa Dreijähriger soeben von einem der Pferde gehoben wurde und rege enttäuscht zu jammern begann.
Ich schluckte fest.
Neuerdings fühlte es sich eigentlich mehr an, als scharrten wir auf der Stelle – vielleicht vor freigelegtem Granit, an dem wir nicht mehr so einfach vorbeikamen. Als sei da ein schwellender Ofen, dicht unter unserer Mühe um Einigkeit, der einfach nicht auskühlte und hungrig jede neue, noch so winzige Unstimmigkeit verschlang, weil es ganz andere Werkzeuge benötigte, dieses zentrale Hindernis zwischen uns aus dem Weg zu räumen, dessen Umrisse sich gerade erst zu offenbaren begannen.
Aber vielleicht täuschte ich mich auch.
Vielleicht hatte Tony alles im Griff; vielleicht sah er die Dinge, wie sie waren ; vielleicht beschönigte er nicht, sondern bekräftigte bloß, wenn er versicherte, dass er wusste, was er tat; dass er alles wieder richten würde; dass das, was derzeit unaufhörlich auf uns niederdrückte und in unser Leben grätschte, schwinden würde; dass es irgendwie wieder wie vor Deutschland werden würde, nur ganz ohne die bösen Überraschungen, sicherer, verlässlicher, besser .
Und vermutlich war es unfair von mir, ihm allein die Schuld für etwas zu geben, das Clint ebenso bewusst in Kauf genommen hatte.
Nur schien nichts an alldem überzeugend genug, um das raue, bittere Gefühl zu mildern, das nach wie vor wisperte, dass er nur einen Satz hätte sagen brauchen, nur einen , als sie ihn vor mir festgenommen und abgeführt hatten, um --- es zu verhindern .
Elijah erhob sich. „Sehen wir uns nächste Woche?“
Unvermittelt begriff ich, wie lange wir schon beieinandersaßen und dass er in den Unterricht zurückmusste, weil seine Pause sich dem Ende neigte.
Umgehend kam ich meinerseits auf die Beine. „ Umm … klar.“
Er trat auf mich zu und küsste mich sacht. „Donnerstag bei Eve?“
Verständnislos blinzelte ich.
Elijah hob eine Braue. „Ihr Geburtstag?“
Es machte Klick. „Bin ich denn eingeladen?“, bemerkte ich trocken.
Vorwurfsvoll hielt er meinen Blick. „Sie schreibt dir später. Sie wollte es nur nicht gestern machen, während ihr am Friedhof gewesen wärt ...“
Prompt ein wenig beschämt schloss ich die Kiefer. „Okay, cool --- cool von ihr. Sag ihr … na ja, sag ihr, ich freu mich, auch wenn ich keinen Plan habe, was sie sich wünscht … außer vielleicht, dass mich Mark-44 spontan pulverisiert, schätze ich …“
Die Ernsthaftigkeit, mit der er keine Miene verzog, war unübertrefflich. „Sag es ihr selbst, No-Name.“
„Dass ich mich freue? Keine Chance. Glaubt sie mir nie.“
„Sie wollte, dass ich es dir sage, bevor sie schreibt, damit du es ernst nimmst.“
Betont bestätigt trat ich einen Schritt zurück. „Siehst du? Eine Wellenlänge.“
Langsam nickend wandte er sich von mir ab, ohne den ironisch warnenden Blick von mir zu lösen. „Schreib ihr etwas Nettes, Stark.“
„Zum Beispiel?“
„ Klare Sache, bin dabei, komme hundert Prozent .“
Er griff sich unseren Abfall, warf ihn in den nächsten Mülleimer, sah noch einmal zu mir zurück und bedeutete mir, ihm nachher zu schreiben.
Ich gab ihm ein müdes Daumenhoch und sah ihm nach, als er in einen leichtfüßigen Trab verfiel und zwischen Beeten, Bäumen und Passanten in Richtung Bosworth verschwand.
Zwei lange Minuten stand ich bloß da und sah weiter über die grüne Wiese des Bryant Parks, während zwei Polizeiwagen mit lautstarken Sirenen nahe des Oscorp Towers vorbeirauschten.
Dann schob ich die Hände in meine Jackentaschen und setzte mich in Bewegung, aber nicht zurück in Richtung Park Avenue, nicht nach Hause, sondern ziellos an dem grünen Kinderkarussell vorbei.
Und einfach weiter.
Musik:
Acute Schizophrenia Paranoia Blues – The Kinks
Under Pressure (Remastered 2011) - Queen