Frustkeim
Frustkeim
Kapitel 45: Frustkeim
Vor Peppers Apartment wuchsen Chinesische Hartriegel und Buchsbäume.
Chelsea war so viel grüner als ich erwartet hatte.
Obwohl gut zehnstöckige Townhouses aus rotem Backstein und ihre stählernen Fluchttreppen manch einen kompletten Straßenblock durchzogen, ohne den Blick auch nur auf eine winzige Gasse zu öffnen, zierten Bäume und Beete viele der schattigen Straßenfluchten.
Nicht anders als im Bryant Park, waren viele der Bäume inzwischen nur noch karg und vergilbt belaubt; ihre Äste und Zweige nichts weiter als elegant den Straßen und Wegen zugeneigte Gerippe mit einem Restbewuchs geschwächt in windigen Verkehrsturbulenzen tänzelnder Blätter. Und doch gab es genug Immergrün, um die kostspielige Illusion einer Vorstadt zu wahren.
Nicht, dass man wirklich vergaß, dass man sich in New York City befand.
Die High Line-Trasse war nur wenige Minuten entfernt. Hier und da türmten sich Berge schwarzer Müllsäcke am Straßenrand, die noch nicht abtransportiert worden waren, auf den Hauptstraßen pulsierte der Verkehr und in so ziemlich jede Blickrichtung sprießten kunstvolle Glasfassaden sehr viel modernerer Bauwerke aus dem Asphalt.
Doch es schien friedlich genug.
Lange nicht so chaotisch und überlaufen wie Midtown Manhattan.
Vielleicht fühlte ich mich deshalb wie ein Spion.
Die Hände in die Taschen meines Parkas geschoben nahm ich die so andersartige Backsteinfassade aus grauem Schieferstein in mich auf, soweit es der Schirm meines schwarzen Caps erlaubte.
Das Gebäude schien an die fünfundzwanzig Stockwerke hoch.
Und es sah verdorben exklusiv aus.
Das Eingangsvordach, ein schwarzer Baldachin, ragte bis auf den Gehweg und wies die Hausnummer in silbernen Ziffern aus. Die Türen schienen chromvergittert.
Ich hatte keine Lust, die Aufmerksamkeit des zweifellos vorhandenen Sicherheitspersonals auf mich zu ziehen. Ganz besonders nicht, weil Pepper somit von meinem spontanen Abstecher vor ihre neue Haustür Wind bekommen mochte und ich definitiv nicht wie der Stalker dastehen wollte, der hinter ihrem Rücken ihre neue Wohnsituation auskundschaftete, während sie in Geschäftsterminen glänzte. Aber irgendetwas ließ mich trotz allem zögern, so verdächtig es mich vermutlich auch wirken ließ, bloß dazustehen und das Gebäude derart gedankenversunken anzustarren, als erwöge ich insgeheim, mich von seinem Dach zu stürzen.
Es hatte zu Fuß nur knapp eine halbe Stunde vom Bryant Park hierher gebraucht.
Es war nicht weit von uns entfernt.
Und das machte es plötzlich noch viel realer.
Während sich etwas in mir zuletzt an das widersinnige Empfinden geklammert gehalten hatte, dass es eigentlich nicht anders war, als wenn Pepper geschäftlich unterwegs war und bloß nicht daheim schlief, weil sie anhaltend von Metropole zu Metropole tingelte, hatte ich ihre Beziehungspause mit Tony mehr wie ein tatsächlichen Freeze betrachten können: Ein Taschenuniversum, in dem sie immer noch täglich im Tower einkehrte und ihre Arbeit erledigte und mit mir sprach und telefonierte, aber nach dem letzten geschäftlichen Termin und ihrer allabendlichen Abfahrt in eine Art Stasis verfiel, in der ihr Leben pausierte, bis ihrer beider komplizierten Differenzen gelöst wären und ihr Leben bei uns fortgesetzt werden würde.
Dass dem nicht so war, zeigte dieses wunderschöne, viel zu luxuriöse Townhouse.
Sie lebte erst wenige Wochen hier, aber sie tat eben das .
Und es sah nicht aus, als lebte es sich hier sonderlich übel.
Nachdem Elijah mich im Bryant Park zurückgelassen hatte, um in den Unterricht zurückzukehren, war ich weitergelaufen und eine ganze Weile einfach ziellos der Sixth Avenue in Richtung Lower Manhattan gefolgt.
Der leise befürchtete Wolkenbruch war nicht eingetreten. Obwohl es weiter dann und wann zu tröpfeln begonnen hatte und zunehmend windiger geworden war, war es trocken genug geblieben, um mich mit jedem verstimmten Schritt weiter vom Avengers Tower fortzutragen.
Wenn Tony sauer über meinen Abgang oder meine lau bitteren Vorwürfe vom Vormittag war, dann anscheinend so sehr, dass er sich nach wie vor nicht zu einem bissigen Kommentar oder irgendwelchen Erkundigungen nach meinem Verbleib verleiten ließ.
Ziemlich sicher tat ich uns beiden hiermit ohnehin einen Gefallen.
Er konnte weiter Telefonate mit Außenminister Ross zur laufenden Großfahndung führen und sich zeitgleich herrlich den Kopf darüber zerbrechen, Nanopartikel effektiv in seinen Anzug integriert zu bekommen, während ich seine Worte und Beteuerungen bitter entschlossen auf die Probe stellte, mich frei in der Stadt bewegen zu dürfen, solange ich mich an unsere getroffenen Abmachungen hielt.
Dass er mich nicht zurückbeorderte, mochte demnach ein gutes Zeichen sein.
Ich glaubte nicht daran, insbesondere seit Elijahs ehrlich geäußerten Zweifel an meinem Modus Operandi, aber ich war entschlossen, fast schon voll Trotz, es eiskalt auf die Probe zu stellen.
Also schritt ich ziellos durch Manhattan.
Nicht sicher, wohin mich meine Füße trugen, als die Gebäude nach gut zwanzig Minuten meines sturen Streifzugs die Sixth Avenue hinab zunehmend kompakter und älter wurden, hatte ich mich kurzerhand bei FRIDAY schlaugemacht, die mich darüber informiert hatte, dass ich mich am östlichen Rande des Stadtteils Chelsea bewegte.
„Pepper wohnt jetzt hier, oder?“, hatte ich mich erinnert.
FRIDAY hatte bestätigt.
Meine Hände in die Jackentaschen gegraben, hatte ich gegrübelt, bis eine ungemütliche Neugier Besitz von mir ergriffen hatte. „Ist es weit?“
„Von deinem aktuellen Standort betrachtet? Nein, nicht mehr als zehn Minuten. Willst du vorbeisehen? Ich kann dich hinführen.“
Ich hatte zugestimmt.
Jetzt stand ich hier und bereute es.
Nicht sicher, was ich mir davon versprochen hatte, außer eine Art physischen Beweis, dass Pepper nicht aus der Welt war, ganz gleich, wie sehr es mir die letzten Wochen allabendlich so vorgekommen war, ließ ich die schwere Welle rauer, wiederkehrender Realisation über mich hinwegschwappen, die mich zugleich daran erinnerte, dass nichts daran von Bedeutung war, wenn Tony und sie wahrhaftig getrennte Wege einzuschlagen entschieden und unsere Leben sich endgültig aufsplitteten.
Meine Kiefer schlossen sich in wachsender Resignation, während ich abwesend das kleine, bronzefarbene Hinweisschild in Nähe der vergitterten Flügeltür betrachtete, das auf die exzellente Überwachungstechnik von Bishop Security hinwies.
„Sola?“, drang Peppers hörbar verblüffte Stimme an mein Ohr.
Erschrocken katapultierte ich aus meinen Gedanken.
Ich hatte bemerkt, dass eine dunkle Limousine in meinem Rücken gestoppt hatte, nicht jedoch, dass jemand ausgestiegen war.
Kaum, dass sie mich erkannte, fuhr ich widerstrebend herum und errötete.
Dass sie hier war, erwischte mich kalt, bis ich mich unversehens entsann, dass FRIDAY erst heute Morgen davon gesprochen hatte, dass sich Pepper bis zur abendlichen Vorstandssitzung außer Haus und somit nicht auf der Geschäftsetage befinden würde.
Ganz instinktiv war ich davon ausgegangen, dass es einfach bloß bedeutete, dass sie sich bei auswärtigen Geschäftsterminen befand, nicht dass sie privaten Erledigungen nachging.
Ich fühlte mich wie ein Idiot.
Ihrem Fahrer dankend schulterte Pepper ihre Handtasche und wandte sich mir zu. Nicht länger überrumpelt, aber immer noch eine Spur rätselnd überflog sie schnell meine Erscheinung.
Sie trug einen hellen Mantel. Ihr offen glattes, erdbeerrotes Haar tänzelte im Wind.
Als sei ich keineswegs ohne die geringste Ankündigung vor ihrem Haus erschienen, nickte sie milde in Richtung Tür. „Willst du mit hochkommen?“
Meine Kehle wurde dicht. Ich nickte.
-/_\-
„Unser Portier weiß, dass er dich reinlassen darf“, informierte sie mich, kaum dass wir aus dem Aufzug in ihr exquisites Apartment traten. „Du hättest nicht draußen warten müssen.“
„Schon okay“, erwiderte ich still, um gar nicht erst in die Bredouille zu kommen, ihr zu gestehen, dass ich sie gar nicht ernsthaft anzutreffen erwartet hatte.
„Es regnet“, befand sie sacht beharrend und sah knapp hinaus in den Wolkenbruch, der sich in eben diesem Augenblick in einem festen, rauen Schauer über New York City zu entladen begann und dem ich anscheinend gerade so entronnen war.
„Bis gerade eben nicht …“
Pepper nahm ihren Mantel ab und ließ ihre Handtasche auf ein gläsernen Beistelltisch sinken. „Hat Happy dich hergefahren?“
Stumm schüttelte ich den Kopf und nahm brav mein maskierendes Cap und meinen Parka ab, als sie mir bedeutete, meine Sachen einfach zu den ihren an die Garderobe zu hängen. Sie ging nicht weiter auf mein unerwartetes Erscheinen ein, auch wenn ich durchaus bemerkte, dass sie meine Miene ein weiteres Mal sacht taxierend überflog, während sie abwesend aus ihren Pumps stieg, ehe sie sich auch schon barfuß dem weit offen gestalteten Loftbereich ihres Apartments zuwandte und auf eine safranmarmorierte Kücheninsel vor einem langen Esstisch und einer hellen Sitzlandschaft aus geschmackvoll zusammengewürfelten Couchen, Sesseln und Sitzkissen zuhielt.
Ich folgte ihr auf verhaltenem Fuß.
Es roch angenehm, nach weißem Tee und Flieder, nicht zu stark, nur eine vage Nuance, vermutlich ein akkurat dosierter Raumduft, der womöglich sogar dem gesamten Gebäude sein ganz persönliches olfaktorisches High-Class-Branding verlieh.
Beiläufig und fast ein wenig befangen ließ ich meinen Blick über meine Umgebung springen, während Pepper zielsicher zwei Gläser aus ihren lautlos gleitenden Küchenschränken sammelte und in gedankenabwesender Ruhe mit frischem Zitronen-Basilikumwasser aus einer bereitstehenden Karaffe befüllte.
Schwer erblühte creme- und lachsfarbene Orchideen zierten Beistelltische. Ein transparentes SI-Tablet wie auch eine Sammlung Textil- und Fliesenvorschläge ruhten halb aufgefächert auf ihrer Couch, als habe sie gerade erst hindurchgeblättert und Farben mit Texturen verglichen.
Für gewöhnlich musste das Apartment lichtgeflutet sein, denn annähernd bodentiefe Sprossenfenster offenbarten einen weiten Blick auf die weltbekannten Fassaden von Midtown Manhattan. Der feste Regen machte es jedoch schwer allzu weit zu blicken und im Loft wurde es noch während ich dem Gedanken nachhing so düster, dass sich die Raumbeleuchtung unvermittelt in warmen Goldtönen aktivierte und sämtliche Lampenschirme just in eleganter Pracht um uns herum aufhellten.
Ich hob mein Glas und nippte an meinem Zitronen-Basilikumwasser.
„Was hast du angestellt?“, erkundigte sich Pepper ohne Umschweif und dabei doch so hörbar ohne Vorwurf, dass es genau die Mixtur nüchtern sensibler Kompetenz erschuf, die sie insgeheim so fantastisch machte.
„Gar nichts.“ Ich wich ihrem Blick aus.
„Hm“, machte sie und schloss sacht skeptisch die Lippen. „Das klang eher nach einer Frage.“
Unzufrieden entfernte ich mich in Richtung Sitzlandschaft.
Dass es Pepper so überhaupt nicht wunderte, weshalb ich mich in ihrem Apartment befand anstatt in der Schule, sagte mir, dass sie zumindest über diesen Teil meines Morgens unterrichtet war. Was zwar bedeutete, dass Tony und sie in irgendeiner Art zu meiner depressiv blaumachenden Laune kommuniziert hatten, das aber anscheinend noch bevor ich meinen angestauten Schmerz in herber Kritik auf Tony abgeladen und von ihm im Gegenzug mit selbstgerechter Frustration und zynischen Seitenhieben eingedeckt worden war.
„Ich bin bloß raus an die Luft“, erklärte ich und ließ mich auf die erstbeste Couch sacken.
„Du bist zu Fuß hierher?“
„Ich hab Elijah im Bryant Park getroffen. Sie hatten gerade Pause … Danach bin ich noch ein wenig herumgelaufen und dann war ich in Chelsea und dachte … keine Ahnung …“ Ohne sie recht anzusehen, schwieg ich. „Wir haben vorhin gestritten“, gestand ich verhalten, wie um die Sache einfach abzukürzen.
„Du und Tony?“, vergewisserte sie sich.
Ich nickte knapp. „Ich bin nicht abgehauen oder so … Er weiß Bescheid.“
Pepper zögerte. „Hat er es dir gesagt?“
Ich schnaufte still. „Jupp …“
Ihr Blick wurde noch mitfühlender, wenn auch keineswegs glücklicher, als ich düster nach der Sammlung Textilvorschläge griff und meine Finger über das aufgeschlagene cremeweiße Wildlederimitat wandern ließ.
„Hat er es erklärt?“
Ich brummte: „Er sagt, er ist nicht schuld.“
Sie runzelte die Stirn, als könne sie nicht ganz folgen und als ließe sie einen begonnenen Gedanken wieder fallen.
„Mir ist klar ---“ Ich stockte. „Schon klar, dass er es nicht so geplant hat. Aber er sagt es ständig. Er sagt, wir fliegen hin, und dann tun wir es doch nicht. Irgendetwas ist immer und selbst, wenn wir mal da sind, müssen wir aus irgendeinem Grund wieder los und ---“ Ich brach ab und presste vage die Kiefer aufeinander. „Es war nicht irgendein Tag“, setzte ich hörbar heiser von Neuem an. „Und es war seine Idee. Er sagte, wir fliegen nach Nashua und dann --- …“ Herb schluckte ich. „Jetzt sagt er, wir fliegen morgen, und okay, vielleicht tun wir es, aber vielleicht --- wer weiß, vielleicht fliegt das Raft in die Luft oder --- L.A. …“ Bitter sah ich beiseite.
Pepper musterte mich bedächtig. „Ihr habt wegen gestern gestritten, ja?“, vergewisserte sie sich.
Ich hob matt die Schultern, weil es eigentlich nicht die ganze Wahrheit war, bei Weitem nicht, aber ich jetzt lieber nicht auch noch über Clints Flucht und mein so fest schmerzendes Zwerchfell sprechen wollte, das immer noch jedes einzelne von Tonys uneinsichtigen Worten verdaute.
„Wegen … allem irgendwie“, wich ich aus und warf den Textilkatalog wieder beiseite.
Plötzlich realisierte ich, was ich tat.
Ich wollte ihr nicht noch mehr Gründe liefern, über ihre Probleme und Tonys selbstgefälligeren Launen nachzudenken.
Aber ich konnte nicht anders. Es trieb aus mir.
Als sie zu mir herüberschritt, setzte ich widerwillig nach: „Es war kein richtiger Streit. Nur … irgendwie doch. Er hat nicht --- … Er war nicht sauer auf mich, meine ich. Er war pissed, weil ich nicht so tun wollte, als … sei alles in Ordnung.“ Ich pausierte, als Pepper neben mir auf die Couch sank. „Er hat allem widersprochen, was ich gesagt hab“, fuhr ich gesenkter fort. „Er war … richtig gemein und hat --- all diese Dinge aufgezählt, anstatt einfach zuzugeben, dass er vielleicht --- auch irgendwie anders hätte reagieren können. Er hat gar nicht mehr aufgehört …“ Genervt brach ich ab.
„Ihr habt diskutiert“, hielt Pepper trocken fest.
Ich hob die Schultern.
Müde wissend hob sie die Brauen. „Das kann mindestens genauso frustrierend ablaufen. Insbesondere, wenn Tony nur noch auf Reserve läuft.“
Meinen Blick nach wie vor unzufrieden auf die abgeworfenen Textilexemplare gesenkt, schob ich sacht meinen Unterkiefer beiseite.
Pepper folgte meinem Blick. „Die Situation ist nicht ideal, Tony ist das bewusst“, befand sie unversehens überlegter. „Er wird überall gebraucht, er ist abwesend, wenn er es nicht sein sollte, er … jongliert.“ Sie legte den Kopf zu Seite und seufzte still. Ihr Blick kehrte zu mir zurück. „Natürlich könnte er die Avengers beerdigen und sich aus der Sache zurückziehen, sie Secretary Ross überlassen, aber es hätte Folgen, mit denen sich Tony nicht anfreunden kann.“
„Er denkt, etwas Schlimmes wird geschehen, oder?“, griff ich auf und meine Stimme verdunkelte sich. „Vor ein paar Wochen am Schießstand sagte er, es sei alles nur hypothetisch und dass ich mir keine Gedanken machen soll, aber dann sagt er wieder so Sachen, wie, dass ich nie wieder ein Auge zutun würde, wenn er mir von allem erzählen würde, was ihn beschäftigt, also --- ist da doch etwas. Etwas, von dem er weiß.“
Frustriert schloss ich den Mund.
„Er denkt, wir sollten für alle Eventualitäten vorbereitet sein“, konkretisierte Pepper bedacht. „Tony hat Verantwortung übernommen, Sola. Verantwortung, die er nicht ohne Weiteres einfach so wieder abstreifen kann, wenn Iron Man und dieses Team weiterexistieren sollen. Das DODC, die September Foundation, die UN, Stark Industries … Eine Baustelle schließt an die nächste. Das Superheldengeschäft ist konstantes Krisenmanagement. Iron Man wird in der Regel sofort gebraucht.“ Unzufrieden setzte sie eine Pause. „Unter diesen Bedingungen ist es nicht leicht, immer zuverlässig und präsent zu sein oder seine Versprechen zu halten ...“
Und dann wurde sie still, als verliere sie sich in einem Gedanken, der die Unlösbarkeit dieser Situation noch einmal unwiderlegbar unterstrich, so unzufrieden es sie auch zurückließ, und wiederholt beschlich mich das Gefühl, dass mehr hinter ihrer sorgfältigen Anteilnahme steckte, als sie wirklich sagte.
Stirnrunzelnd sah sie mich wieder an.
Ich ließ meine Finger erneut durch die Textilvorschläge wandern. Mein Kopf sank gegen die Couch und gerade so beiläufig an ihre Schulter, dass es nicht mehr als eine Geste müder Resignation blieb.
Gedankenversunken betrachtete sie mich.
„Wofür sind die?“, erkundigte ich mich grummelnd und befühlte ein pastellblaues Stück flaumig weiches Vlies.
„Sie sind Teil der Designvorschläge.“ Beiläufig ließ Pepper ihren Blick von den Textilien in meiner Hand über unsere nächste Umgebung gleiten. „Ich habe zwei Agenturen um Exposés für eine Neugestaltung dieses Apartments gebeten, allerdings noch nicht entschieden, welches mir gefällt.“
Niemand, der nicht länger an einem Ort zu wohnen gedachte, ließ sich kostspielige Inneneinrichtungskonzepte vorlegen, deshalb wusste ich eigentlich nur zu genau, was sie damit zugab, ohne es recht auszusprechen: Es bedeutete, sie richtete sich endgültig ein. Sie beabsichtigte, hier zu bleiben.
Sie plante nicht mehr zu uns in den Tower zurückzukehren. Nicht in naher Zukunft.
Und das war kein gutes Zeichen, es war schlecht, es sah so viel aussichtsloser aus als noch nach unserer Unterhaltung vor einer Woche, es bedeutete ---
Mein Herz zwickte.
Ich hatte immer noch keine Ahnung, was an Halloween tatsächlich zwischen ihr und Tony vorgefallen war, außer, dass es zu einer Uneinigkeit gekommen war, weil Tony von einem Entschluss nicht abzubringen gewesen war, der Pepper derart sprachlos zurückgelassen hatte, dass sie verfrüht das Restaurant verlassen hatte.
Und nun sah sie sich Konzepte an. Einrichtungsvorschläge und Ideen, um dieses Apartment in etwas zu verwandeln, das ganz das ihre war.
„Möchtest du sie dir ansehen?“, bot Pepper an. „Ich könnte eine zweite Meinung gebrauchen.“
Ich hob die Schultern und setzte mich wieder auf. Noch während sie die zugehörigen Exposés auf dem SI-Tablet öffnete und ich beiläufig nach den beiliegenden Fliesen- und Holzmosaiken griff, hörte ich mich unvermittelt ansetzen: „Dad sagte, er war Halloween so früh wieder zu Hause, weil euer Abend nicht gut lief. Er sagte, es war seine Schuld. Er hätte etwas erwähnt, was euer Dinner ruiniert hat ...“ Ich schluckte. „Worum ging es?“
Den Blick sanft resolut auf das Tablet gerichtet, schob Pepper die Brauen zusammen. „Ich fürchte, das muss Tony dir selbst sagen.“
Meine Ohren glühten auf. „Tut mir leid“, murmelte ich, „ich wollte nicht-“
„Braucht es nicht“, versicherte sie. „Du darfst fragen. Diese Sache sollte nur einfach von Tony kommen.“
Ohne weiter darauf einzugehen, nickte ich.
-/_\-
Ich blieb den restlichen Nachmittag.
Pepper und ich sahen uns die Konzepte an, ließen uns von meinem hologrammfähigen StarkPhone mit FRIDAYs Hilfe eine digitale Raumtour durch die engere Auswahl geben und verglichen etwaige Vorschläge für Kissen, Böden und Bezügen mithilfe der vorhandenen Textilkataloge.
Je länger ich mich in ihrem Apartment aufhielt, desto mehr verebbte das Gefühl schwellenden Unbehagens wieder und ließ mich in der kurzweiligen Erleichterung zurück, Zeit auf diese entspannt familiäre Art mit ihr zu verbringen, wie sie uns längst zur Gewohnheit geworden war und ich sie seit ihrem Auszug vor gut sieben Wochen ehrlich vermisste, weil kein abendlicher Schnellimbiss in ihrem Geschäftsbüro oder kurzer Videoanruf am Nachmittag dies so recht zu ersetzen vermochte.
Als wir schließlich auf Smokie’s zu sprechen kamen, dem exzellenten und doch noch immer etwas unter dem Radar der Allgemeinheit fliegenden Chicken Tacos-Laden direkt um ihre Ecke, auf den Elijah und sein Dad seit jeher schworen, bestellten wir dort kurzerhand unser Abendessen und ergänzten es um ein wenig Obst aus ihrem Kühlschrank.
Irgendwann sah Pepper auf die Uhr. Ich hatte es am Morgen aufgeschnappt, aber längst wieder vergessen, dass für heute Abend noch eine dringliche SI-Vorstandssitzung angesetzt war, der sie persönlich vorsaß, dementsprechend still enttäuscht blieb ich im Loft zurück, als sie sich kurz darauf in ihr Schlafzimmer entschuldigte, um sich für den späten Geschäftstermin fertig zu machen.
Plötzlich wieder im verstimmten Hier und Jetzt gestrandet, schrieb ich mit Daphne.
Trotz des gestrig wiederholten Totalreinfalls schienen sie keine besonders argen Zweifel an der Zuverlässigkeit von Tonys neuestem Kompromissvorschlag zu quälen, denn sie schien längst wieder überzeugt, dass wir uns in wenigen Stunden in Nashua sehen würden. Selbst mit dem Blick zur voranschreitenden Uhr hielt sich meine Zuversicht in frisch gezeichneten Grenzen, auch wenn ich angesichts ihrer hibbeligen Ideen für das anstehende Wochenende eine eigene magere Hoffnung aufkeimen spürte, die den gestrigen Tag langsam abzuschütteln begann und zumindest eine leise gespannte Aussicht darauf zuließ, Daphne wieder zu sehen, so wie auch alles andere, was seit gestern wieder so lautlos schmerzte und doch fehlte.
Der Regen schien weitergezogen, als ich durch die immer noch tropfengesprenkelten Fenster in die dunkle und doch strahlend funkelnd illuminierte New Yorker Metropole weitersah.
Peppers klickende Absätze näherten sich vom anderen Ende des Apartments.
Noch immer nicht recht bereit, nach Hause zurückzukehren und mich Tony oder unserer fruchtlosen Auseinandersetzung vom Morgen zu stellen, erhob ich mich von der Couch und schlurfte zur Garderobe.
Ihre Haare elegant hochgesteckt, mit sorgsam aufgefrischtem Make-Up und in einen geschmackvollen Zweiteiler aus puderblauer Hose und Blazer gekleidet, kehrte Pepper zielstrebig ins Loft zurück, griff sich ihre große Handtasche und sammelte ihr StarkPhone von der Kücheninsel.
Ich stieg in meine Schuhe, zog meinen Parka über und setzte mein Cap wieder auf. Das neu aufkeimende Widerstreben ballte sich weiter in mir zusammen.
„Der Wagen ist jeden Moment hier“, versicherte sie. „Ich habe Happy gerade informiert, dass du bei mir mitfahren kannst und er sich für heute nicht länger bereitzuhalten braucht.“
„Nicht nötig, ehrlich“, erklärte ich schnell. „Ich, umm … dachte, ich gehe einfach wieder zu Fuß, wie vorhin.“
Überrascht sah sie mich an.
Ich hob die Schultern. „Es ist nicht sehr weit, ehrlich.“
„Natürlich nicht“, stimmte sie zuversichtlich zu. „Aber du fährst mit mir, das ist gar kein Problem. Zu Fuß dauert es mindestens eine halbe Stunde. Es ist recht spät-“
„Viertel nach Sechs“, argumentierte ich. „Ich hab noch eine Dreiviertelstunde, bevor ich daheim sein muss.“
„Ich weiß. Nur …“ Ihr Blick glitt zum Fenster. „Es ist bereits dunkel. Das gefällt mir nicht, Sola. Nach Hause zu laufen, ist überhaupt nicht notwendig. Wir fahren zusammen, das ist völlig in Ordnung, du störst nicht, wirklich nicht. Der Wagen ist in ein paar Minuten da-“
„Aber ich darf noch raus“, betonte ich und dann etwas nervöser, weil ich das Gefühl bekam, ihre Argumentationskette unterbrechen zu müssen, ehe sie sich noch in ihrer ganzen bestechenden Vernunft entfaltete: „So haben wir es abgemacht. Ich kann bis sieben weg, solange ich Bescheid gebe, wo ich bin. Ich lasse FRI schon seit heute Morgen meinen Standort teilen. Dad weiß, wo ich bin. Außerdem ist es nicht wirklich dunkel. Wir sind mitten in Manhattan. So ziemlich alles hier ist beleuchtet und voller Menschen.“
Pepper wirkte nicht merklich überzeugt. „Ich denke nur, nach neulich Abend … nach dem Raubüberfall-“
„ Gerade nach neulich Abend“, bekräftigte ich, wenn auch etwas nervöser als gewollt. „Ich --- ich möchte laufen, ehrlich. Ich mache auch keinen Umweg, keine seltsamen Gassen oder so etwas, einfach zur Madison und von dort heim, versprochen.“
Still atmete Pepper aus.
„In Ordnung“, ergab sie sich endlich, nicht jedoch ohne prompt einen sanft mahnenden Ton anzuschlagen: „Aber du bist um sieben daheim. Und du gibst FRIDAY sofort Bescheid, sollte dir unterwegs irgendetwas auch nur ansatzweise ungewöhnlich vorkommen.“
Ich nickte. „Ich hab einen Kopfhörer im Ohr. Für FRI. Und mein Armband.“
Sie schien immer noch nicht vollends überzeugt, aber sie erwiderte mein Nicken und küsste zum Abschied meine Wange. „Keine Minute später“, wiederholte sie ernst. „Ich erfahre es.“
-/_\-
Auf den Gehwegen und Straßen war angesichts des begonnenen Freitagabends noch immer viel los.
Wann immer ich mich einer der großen Avenues näherte, schwoll der Trubel an. Die bunten Lichter der Werbetafeln und Schaufenster schienen sich in der feuchten Luft zu verweben und das stete Hupen und Rauschen des Verkehrs, der sich schwerfällig durch Manhattan schob, schien aus sämtlichen Himmelsrichtungen zu tönen, umwölkt von dem belebten Geschnatter der Passanten.
Der Asphalt schimmerte unter meinen Füßen. Es roch immer noch nach Regen.
Die Hände in meine Jackentaschen gegraben, trottete ich im Bummeltempo die 23te hinab. Ganze Gruppen von Menschen überholten mich, allesamt motivierter dem sich anbahnenden Schmuddelwetter zu entgehen als ich.
Ein kleiner Souvenirladen nahe des Flatiron Buildings bot billige Actionfiguren und Postkarten der Avengers an. Ich schritt zügig dran vorbei, ohne mir allzu genau anzusehen, welche roten und blauen Farben die Auslage unverändert dominierten, als seien all die Ereignisse des vergangenen Monats nichts weiter als Teil eines irrwitzigen Fiebertraums, aus dem ich einfach noch nicht recht erwacht war.
Polizeisirenen heulten in der Ferne und doch nah genug, um zu erkennen, dass sie in zwei unterschiedliche Richtungen unterwegs waren. Ich überquerte die Straße, verließ den lockeren Passantenstrom und bog in den Madison Square Park ein.
Das Empire State Building kehrte in Sichtweite, seine Spitze eine majestätische Lichtglocke aus Silber und Gold.
Für einen seltsamen Augenblick aufs Neue beeindruckt, ließ ich meine Schritte auslaufen und hielt in der Mitte des nass belaubten Weges.
Auch wenn der kleine Stadtpark aus nur wenigen Bäumen und Hecken bestand und mit seinen breiten, gepflasterten und aus allen Richtungen weithin sichtbaren Wegen kein wirkliches Unbehagen in mir weckte, waren die Baumkronen und Büsche doch noch spärlich begrünt genug, um nächtlich dunkle Schatten zu werfen. Ich sah mich um und taxierte die wenigen Mitmenschen in meinem direkten Radius, von denen keiner auffällig herumlungerte, ehe ich mich unbeobachtet genug fühlte, um beruhigt mein StarkPhone aus der Jackentasche zu holen und ein Foto zu machen.
Im selben Moment schrieb Tony:
18:34 Uhr IronDad: Soll dich jmd. einsammeln?
Statt ihm zu antworten, schoss ich drei Bilder des glitzernden Gebäudepanoramas und den von Straßenlaternen erhellten Sträuchern, die sie geradezu romantisch einrahmten, senkte mein StarkPhone wieder und inspizierte kurz meine Schnappschüsse.
Dann schlenderte ich einige Schritte weiter und nahm noch ein weiteres auf.
Mein StarkPhone begann zu summen. Tonys ID schob sich über mein Display.
Schlagartig beunruhigt sprang mein Blick zur Uhr, denn ich hatte getrödelt und definitiv nicht auf die Zeit geachtet, aber es war erst kurz nach halb sieben, und der sich still aufbäumende Schreck sackte so schnell wieder fort, wie er gekommen war.
Lau genervt nahm ich ab. „Jupp?“
„So ziemlich jedes Quäntchen Frischluft in Manhattan müsste inzwischen deine Lunge passiert haben“, zog er mich ohne jede Begrüßungsfloskel auf. Er klang unaufgeregt und irgendwie beschäftigt. „Zwischenstopp im Madison Square Park, hm?“
Stumm verdrehte ich die Augen, denn, nope , er tat nicht einmal so, als verfolge er meine Route nicht bereits beiläufig in der Liveübertragung, während er sich zugleich vermutlich mit irgendwelchen technischen Hologrammen oder dem nächsten Top-Secret-Dossier die Zeit vertrieb.
„Irgendetwas Hippes los dort?“
„Keine Ahnung, hab die Sechziger knapp verpasst.“
Dass der karge Biss in meiner Stimme bei ihm ankam, erkannte ich an der kurzen, wenn auch wenig geschmeichelten Pause, mit der er meine defensive Antwort prämierte. „Schätze, wenn es keinen Grund für den Zwischenstopp gibt, bist du in zwei Minuten auf der Madison, richtig?“
„Es interessiert dich sowieso nicht, was ich hier mache“, brummte ich.
„Wiederholst du das?“
„Nope.“
Ich legte auf.
Umgehend öffnete sich der Anruf wieder und Tonys ID kehrte auf mein Display zurück, als sei mein StarkPhone defekt.
„Alles klar, Sonnenschein“, verkündete er trocken, „du bist in zwanzig Minuten zurück oder ich sammele dich mit Mark-43 auf und liefere damit das Primetime-Material für den heutigen CNN-Abendblock.“
-/_\-
Nicht nur musste ich die verbliebenen neunzehn Blocks im Laufschritt zurücklegen, weil mich meine vorangegangene Trödelei einholte, nein, auch der Himmel beschloss mir einen letzten deftigen Dämpfer zu verpassen, denn von jetzt auf gleich öffnete er erneut sämtliche Schleusen und ließ einen solch prasselnden Regen auf New York City nieder, dass ich schon an der zweiten ewig roten und völlig überlaufenen Fußgängerampel der Madison Avenue das Gefühl bekam, meine abendliche Dusche bereits hinter mich gebracht zu haben.
Mit hart übereinander geschobenen Kiefern marschierte ich dahin.
Meine Jeans war bis zu den Knien durchnässt. Kaltes Wasser sammelte sich trotz meines dicken Kragens in meinem Nacken und sickerte die Rückseite meines Sweatshirts hinab. Die frisch niedertrommelnden Fluten rannen so beharrlich die Seiten meines Caps hinunter, dass ich es letztlich einfach auszog und kurzerhand meinen Frieden damit schloss, meinen klatschnassen Pony wild verteilt auf meine Stirn geklebt zu wissen.
Als ich das Grand Central Terminal schlussendlich mit sacht brennenden Waden erreichte und in seiner rückwärtigen Gasse, umgeben von dem süßlich aufkommenden Gestank durchnässter Abfälle, auf den Lieferanteneingang des Avengers Towers zuhielt, konnte ich nicht anders als laue Erleichterung zu verspüren, endlich daheim zu sein.
FRIDAY ließ mich ohne weitere Aufforderung ins Gebäude ein und dirigierte mich die Korridore des Untergeschosses zu den Aufzügen zurück.
Ich tropfte so sehr, dass ich im Lift eine kleine Pfütze hinterließ.
Gewappnet für jede mich erwartende missfällige Begrüßung erreichte ich unsere Wohnlounge.
Tony saß auf der Couch, sein StarkPhone am Ohr. Von Missfallen keine Spur. Er schien fokussiert. Kaum, dass ich aus dem Lift trat, richtete sich sein Blick auf mich und hielt mich fest.
Nicht gerade auffällig begeistert schloss ich zu ihm auf.
„Sie ist hier“, informierte er.
Pepper .
Meine Miene sackte in nervöse Rechtfertigung, als er mir auch schon ohne den geringsten Kommentar sein StarkPhone reichte und sich erhob. Rasch hob ich es an mein Ohr. „Ich bin zwei Minuten vor sieben durch die Tür, ehrlich“, beharrte ich, ehe sie noch irgendwie ansetzen konnte. „FRI kann’s bestätigen. Ich war um sieben im Tower.“
„Diesmal die ganz knappe Nummer, huh ?“
Ich erstarrte. Sachter Schwindel überkam mich.
Ohne auf meine klitschnasse Gestalt zu achten, sackte ich auf die Couch. „Clint?“
„Wir müssen über deinen Wortschatz sprechen.“
Harsche Wärme überschwappte mich, auch wenn mein Gedächtnis eine Sekunde brauchte, ehe ich mich an mein Telefonat mit Cooper und meine passiv aggressive Botschaft von Anfang der Woche zurückerinnerte.
Die winzige, konfrontierte Scham war nicht groß genug, nicht einmal ansatzweise , um die gigantische Überraschung zu übertünchen.
„Wie --- …“
Ehe ich noch eine wirklich kohärente Frage von mir zu geben vermochte, schnippte Tony gegen meine Schulter. Ich sah zu ihm auf.
Wortlos bedeutete er mir, ihm meine Jacke zu geben, also schälte ich mich lau überfordert aus meinem tropfenden Parka und meinen durchnässten Schuhen und Socken, reichte ihm das muffige Knäuel als unwillkommenes Gesamtpaket und grub meine klammen Zehen prompt in den cremefarbenen Flokati zu meinen Füßen. „Ich dachte, du bist fort?“, erkundigte ich mich schwach, kaum dass Tony sich angesichts meiner gedankenlos ausgehändigten Schmutzwäsche unter still wertendem Blick und knapp platziertem Augenrollen abwandte und in meinem Rücken entfernte.
„Ja, weißt du, Stark Junior, das hat der letzte Ausweg grundsätzlich so an sich …“ Clint gab sich unbewegt. „Solange sich andere Optionen bieten, kommt man liebend gerne nicht weiter auf ihn zurück.“
„Aber ihr seid gestern ausgebrochen …“
Meine angespannte Atemlosigkeit ließ ihn seufzen. „Scott und ich haben uns gestellt“, informierte er mich. „Wir haben einen Deal. Wir brechen die Flucht ab und stellen uns den Behörden, dafür stellen sie uns für eine Weile unter Hausarrest, anstatt uns wieder im Long Island Sound zu versenken. Was das im Detail bedeutet, wird noch von Nelson & Murdock ausgehandelt, aber vorerst können wir heim, solange wir unsere Nase schön brav aus allem weiteren Drama heraushalten.“
Meine Brust wurde weich, auch wenn mein Herz gleich noch etwas schneller zu schlagen begann. „Das heißt --- ihr verschwindet nicht? Ihr bleibt?“
„Sofern Ross schön brav seine Seite des Deals einhält.“ Er schien den Kopf zu wenden, denn seine sorglos trockene Stimme wandte sich jemand anderem zu: „Noch ein bisschen fester und die Damage Control finanziert mir ein neues Fußgelenk.“
Irgendjemand antwortete. Ich vernahm nicht, was weiter gesagt wurde, lediglich Clints kurze Erwiderung: „In Ordnung. Zehn Minuten?“
Sein Gegenüber schien zuzustimmen, denn Clint bedankte sich knapp, gerade als Tony wieder auftauchte, mit mühelosem Schlenker aus dem Handgelenk ein wohlig warmes Frotteehandtuch im Vorbeigehen um meine Schulter fallen ließ und sich, ohne innezuhalten, schon wieder weiter in Richtung seines Holotisches entfernte.
„Was passiert jetzt?“, erkundigte ich mich leise.
„Sie stellen gerade zwei Agents ab, um mich nach Missouri zu überführen und vor Ort alle technischen Erfordernisse zu implementieren, ehe sie die Zuständigkeit an das FBI und die örtlichen Behörden übergeben“, informierte mich Clint und stahl damit umgehend meine volle Aufmerksamkeit zurück.
„Das heißt, du fliegst heute noch heim?“
„Sieht so aus.“
Schwere Erleichterung wie auch eine unerklärlich laue Portion Enttäuschung schwellten zeitgleich in mir auf. „Ich hab noch deine Jacke“, bemerkte ich still. „Vom … Flughafen.“
„Kein Problem“, versicherte er. „Ich hol sie ein anderes Mal ab.“
Ich zögerte, denn ihm schien bewusst, dass wir nicht wirklich von seiner Jacke sprachen. Dass er sie ohnehin am Leipziger Flughafen zurückgelassen hätte, wenn ich nicht Hals über Kopf aus dem Ritz-Calton zu ihnen aufs Flugfeld getürmt wäre, war mir klar. Ich bezweifelte, dass er sie überhaupt von daheim mitgebracht hatte. Viel wahrscheinlicher war, dass er sie als Teil irgendeiner lokalen Ausrüstung vor Ort geborgen hatte. Strategisch deponierte Gepäckstücke und Dokumente für Augenblicke wie diese, in denen er unter dem Radar zu fliegen entschied. Ganz ähnlich dem Fluchtrucksack, den er fertig präpariert für mich bereithielt und der sogar falsche Pässe beinhaltete, wie Nat mich erst kurz vor dem Debakel in Lagos hatte wissen lassen.
„Du musst jetzt ständig dort bleiben, oder?“, vergewisserte ich mich widerstrebend. „In Missouri?“
„Vorerst, ja. Der Hausarrest gilt für unsere Farm, das gesamte Grundstück, das sind ein paar nette Hektar Wiese und Feld, aber ohne Grund und Genehmigung durch das FBI kein Freigang darüber hinaus. Du weißt schon, Fußfessel, Kontrollvisiten … das ganze hübsche Paket.“ Er schwieg kurz. „Eigentlich nicht viel anders, als wenn Tony seine Ausgangssperre verhängt und FRIDAY Wachdienst für dich verordnet … Lila und Coup wird’s gefallen.“
Ich schmunzelte matt, auch wenn sich ein winziger Knoten in meinem Magen neu zu formen begann.
Plötzlich wusste ich nicht mehr, was ich noch sagen sollte. Ich senkte den Blick, drückte meine Wange in das warme Handtuch auf meiner Schulter und wischte knapp die stille Träne beiseite, die sich unversehens aus meinem Augenwinkel drückte.
Mein Schweigen schien mich zu verraten. Als sei nach wie vor jemand mit ihm im Raum und als bemühe er sich um den Anklang von Privatsphäre, ließ Clint seine Stimme unversehens auf ein bedächtiges Minimum fallen: „Tut mir leid, dass ihr es gestern nicht nach Nashua geschafft habt, Sola.“
Ich schluckte dicht. „Nicht deine Schuld“, wisperte ich.
Wähnende Stille erhob sich. „Ihr holt es morgen nach“, versicherte er ernst. „Seht am Edgewood Cemetery vorbei, schaut nach ihren Gräbern und besucht Grandpa Waters, verbringt das Wochenende bei Dev … verwandelt Nashua zum neuen New Hampshire Hotspot für die kommenden fünf Monate …“
„Hm.“
„Quäl ihn nicht zu lange, ja? Das gestern lief schief. Sie dachten, Ross kommt nach dem Debakel in Leipzig nicht auf Tony zurück und Tony selbst würde angesichts des Datums von vornherein nicht tiefer in die Sache verwickelt erscheinen, sodass es euch keine weiteren Schwierigkeiten bereitet. Es war kein schlechter Plan, nur haben sie die Nachwehen von Tonys kleinem, politischem Tête-à-Tête unterschätzt. Ross wird ihn nicht so schnell von der Leine lassen. Dass die Avengers nun als privatisierte, von ihm persönlich geleitete Initiative bestehen bleibt, die sich zukünftig nur vor der UN und dem Präsidenten zu verantworten hat, lief ganz sicher nicht so, wie es sich Ross mit dem Sokovia Abkommen ausgemalt hat. Er dachte, das Außenministerium würde regulatorisch zwischengeschaltet, nicht dass Tony die Dinge zukünftig persönlich vor die Vollversammlung trägt. Tony hat ihn im letzten Viertel ausgespielt und exakt das eingestrichen, worauf er die ganze Zeit taktiert hat, und Ross weiß es.“
Es war das, was mir jeder sagte. Nur diesmal kam es von Clint.
Verstimmt biss ich mir in die Wange. „Ich weiß“, murmelte ich, auch wenn der kleine Frustball in mir dumpf weiterknetete. „Kapiert.“
„Tja, dann war’s das mit irgend so einem gutgemeinten Bullshit meinerseits.“
Dunkel genervt atmete ich aus. „Ich meinte es nicht so, den Teil mit dem Bullshit … oder, was auch immer Coup gesagt hat. Ich meinte bloß einfach, dass es … na ja, Blödsinn war. Du bist kein echter Schwerverbrecher, das meinte ich-“
„Schon klar, nicht alles, was ich sage, landet in der Gefällt mir-Kategorie“, unterbrach mich Clint unbewegt trocken. „Muss es auch nicht, Sola. Nennt sich der Erwachsenenbonus. Der gutgemeine Bullshit ist für euch Kids Pflichtprogramm.“
Widerwillig schloss ich die Kiefer.
„Falls Coup und Lila fragen: Wir hatten eine interessante Unterhaltung über wertschätzende Verständigung, die dich richtig beeindruckt hat.“
„Du fluchst selbst“, widersprach ich dunkel.
„Keine Sorge, knack einfach die einundzwanzig und du genießt alle Freiheiten.“
Meine Füße fühlten sich fast wieder warm an, als Clint schlussendlich auflegte und ich mich befangen von der Couch erhob, auch wenn meine Hose noch immer schwer durchnässt an meinen Beinen klebte.
Barfuß näherte ich mich Tony.
Seine Hände arbeiteten sich abwesend durch diverse Hologramme. Ich sah ihm an, dass er nicht ganz bei der Sache war. Als ich neben ihm hielt, schnippte er das rechte Design kurzerhand beiseite in einen digitalen Müllschlund, ließ beide Arme auf seine Oberschenkel zurückfallen und wandte den Kopf.
Ich gab ihm sein StarkPhone zurück. Da er keine Anstalten machte, es tatsächlich anzunehmen, legte ich es auf halbem Wege einfach vor ihm auf der Tischplatte ab und bedankte mich leise.
„Wofür?“, erkundigte er sich knapp.
Mein Magen ertrank in flauer Wärme. Vielsagend sah ich zu dem kleinen Display zurück.
„Oh. Damit hatte ich nichts zu tun.“ Gleichgültig fiel Tony in seinen Stuhl zurück. „Barton und Lang haben sich freiwillig gestellt“, versicherte er. „Ross hielt es für klüger, sie in Sichtweite zu halten. Sie sind per se ohnehin keine Superindividuen und Equipment lässt sich beschlagnahmen. Macht den Papierkram anscheinend nur halb so kompliziert.“
Mit vage geschürzten Lippen sah er auf die vor ihm schwebende technische Zeichnung zurück.
Verwirrung überrollte mich. „Aber ihr habt telefoniert“, widersprach ich. „Ihr habt gesprochen, als ich reinkam. Ich dachte …“
„Du dachtest, dieser Deal war meine Idee. Dass ich meine Finger im Spiel hatte.“
Ich schluckte, denn ja, das war es, was ich instinktiv angenommen hatte: Dass Tony nach heute Morgen letztlich doch aktiv geworden war, seinen Charme, seinen Einfluss und diverse Überzeugungskünste spielen lassen und diesen Kompromiss damit überhaupt erst ermöglicht hatte.
Damit Clint nicht in der Versenkung verschwand, damit er zurückzukehren vermochte und das nicht wieder ins Gefängnis, nicht ins Raft , sondern nach Hause, zu Cooper und Lila und Nathy und --- irgendwie auch zu mir .
Tony musterte mich, als zeichneten sich meine beharrlichen Zweifel geradewegs in meiner Miene ab. „Ross hat mich erst vor einer Stunde über den Deal informiert."
Dumpfe Leere machte sich in mir breit. Er spielte nicht bloß den Unbeteiligten. Das Ganze war tatsächlich ohne ihn über die Bühne gegangen.
„Ich habe Barton angerufen, stimmt“, setzte er gemessen hinterher, „um ein wenig Klarheit in die Sache zu bringen. Nichts ist geritzt, aber solange er sich an die etablierte Praxis hält und keine weiteren territorialen Rechte verletzt werden, betrachte ich unsere persönlichen Differenzen und familiären Arrangements als vorerst getrennte Angelegenheiten.“ Er setzte eine Pause. „Barton war meiner Meinung. Du bleibst die Schweiz. Wenn es um dich geht, gilt Waffenruhe.“
„Ich darf Kontakt halten“, übersetzte ich schal. „Trotz der Sache mit Wanda.“
Tony hob die Mundwinkel. „Kein Embargo“, bestätigte er.
Sein müde dunkles Lächeln wirkte mehr beflissen als echt, aber als er sich lau seufzend erhob und den Hinterkopf rieb, wechselte die unwillige Kompromissbereitschaft, die mich insgeheim eindeutig für meinen wortlosen Abgang vom Morgen strafte, unversehens in diesen entspannten Gleichmut, der sich in Ermangelung echter Motivation für Friedfertigkeit entschied.
„Sollen wir über das heute Morgen sprechen oder einigen wir uns darauf, dass wir beide überreagiert haben?“, kürzte er die Sache ab.
Ich nickte knapp.
Restlos einverstanden erwiderte er es. „Alles klar.“ Er nahm sein StarkPhone auf und ließ es in seiner Hosentasche verschwinden. „Rhodey lässt wissen, dass seinerseits alles in Butter ist. Also, falls es da nach gestern irgendwelche Ungewissheiten gegeben haben sollte: Er schwenkt die weiße Fahne. Er ist nicht sauer. Kein bisschen. Irgendwie eine Spaßbremse, schwer zu begeistern, hoffnungslos pessimistisch, aber … das ist er immer, hat nichts mit dir zu tun. Und, richtig, FRI sagte, es stehen noch irgendwelche Trainings aus-“
Düster scharrte ich auf der Stelle. „Hab ich auf dem Schirm.“
„Prima.“ Er schob die Hände in die Hosentaschen. „Sie hat außerdem alle Hausaufgaben der letzten zwei Tage zusammengetragen. Die Liste ist aufbereitet, falls du dich dransetzen willst. Kein Muss. Wenn du lieber noch ein Weilchen daliegen und an die Decke starren willst, auch gut. Ist ernst gemeint. Feel free .“
Während ich weiterhin mit dumpf verschränkten Armen auf ruhelosen Fersen ausharrte, ohne irgendetwas zu erwidern, zog Tony ein kleines Tablettenröhrchen aus seiner Tasche, kippte sich seinen Inhalt auf die Hand und sah beiläufig auf die Uhr. Ohne viel Aufhebens warf er sich die Tablette ein, schob sie kurz überlegt im Mund herum und sah schluckend zu mir zurück. „Ich hab für halb neun eine Massage gebucht“, warnte er wenig ernsthaft. „Falls es also noch etwas zu bereden oder zu klären gibt, raus damit, denn ich garantiere, ich falle danach ins Koma.“
Verhalten taxierte ich ihn. „Fliegen wir morgen?“
„Sagte ich.“
Meine Stimme verdunkelte. „Versprochen?“
Tony stockte, aber nur einen mageren Moment.
Er nickte. „Unbedingt.“
Musik:
Switch Me Off – Noga Erez