Kurzschluss
Kurzschluss
Kapitel 46: Kurzschluss
Tony sprach immer noch mit einem der Pfleger, als ich zu ihm herübersah.
Das Ahornlaub zu ihren Füßen strahlte in opulentem Rot, einzig durchbrochen von all den blassrosafarbenen Nuancen der verkehrt daliegenden Blätter.
Es war dieser letzte, sterbende Prunk des vorübergezogenen Indian Summers in New Hampshire, den ich verpasst hatte und der sich scheinbar der Geste halber noch einmal vor uns aufbäumte, als die Mittagssonne unversehens durch die graue Wolkendecke brach, wie um Tony Starks Gegenwart angemessen in Szene zu setzen, was mir für eine Sekunde doch unwirklich genug vorkam, um plötzlich dieses eigentlich längst überwundene Gefühl einer nicht-endenden Illusion in mir wachzurufen, das mich vor gut einem Jahr noch regelrecht durch die Tage hatte schlafwandeln lassen.
Aber so schien es nicht nur mir zu gehen.
Grandpas Pfleger wirkte auch ohne unterstreichendes Rampenlicht eindeutig nervös genug, um trotz aller Professionalität über seine eigenen Worte zu stolpern und angesichts Tonys statisch blankem Lächeln bloß in dieses kurz abwinkende, etwas zu flattrige Lachen zu verfallen, das in Tonys direktem Radius ständig aufkam, sobald wir uns in der Öffentlichkeit bewegten.
Kurz erwog ich ihn von Iron Mans milliardenschwerer Aufmerksamkeit und Star-Power zu erlösen, dann schrieb jedoch Daphne zurück und der schwach anteilnehmende Instinkt wurde von meiner aufschwellenden Vorfreude gegrillt.
Ich verblieb auf der Bank am Seeufer und bestätigte, dass wir uns nun jeden Moment zu ihr auf den Weg machen sollten. Prompt bekam ich zwei Partyhut-Smileys zurück.
Denn ja, bislang war alles wie geplant verlaufen.
Auch wenn ich mit einem begründet mulmigen Gefühl in den Tag gestartet war, hatte sich bereits eine erste große Anspannung in mir gelöst, kaum dass Happy uns tatsächlich vor den laufenden Turbinen unseres aufbruchsbereiten Privatjet abgesetzt hatte. Tony hatte sein Wort gehalten: Ohne Verzögerungen waren wir abgehoben, erst in Boston wieder aufgesetzt und von dort geradewegs Richtung Nashua aufgebrochen.
Alles in allem hatte es damit vom Avengers Tower bis an den Edgewood Cemetery nicht einmal zwei Stunden gedauert. Dennoch hatte ich bis zur letzten Minute mit einem Anruf oder einer Nachricht gerechnet, die uns just wieder umkehren lassen würde, und das, obwohl Tony jede Kontaktaufnahme ohne viel Aufhebens abgewimmelt hatte. Mir war seine wiederholt beiseite wischenden Geste über dem Bordcomputer nicht entgangen, so wenig er es hatte durchblicken lassen, betont und anhaltend gesprächig, wie nur er es angesichts meines verdächtig ruhelosen Schweigens bleiben konnte. Mir war bewusst gewesen, dass FRIDAY ohne Weiteres mit der Tür ins Haus fallen würde, sollte sich irgendwo ein wahrhaftiger Notfall abzeichnen, der Iron Mans Präsenz erforderte . Vielleicht hatte ich deshalb die gesamte Fahrt auf ihre unerwartet hereinbrechende Stimme mit einem so schnell absackenden Magen reagiert, dass sich dieser noch immer nur recht oberflächlich von der wiederholten Talfahrt erholt hatte.
Als wir Nashua schließlich erreicht und Tony den Motor vor den Toren des Edgewood Cemetery abgestellt hatte, war mir unsere Ankunft letztlich fast surreal vorgekommen.
Nicht viel mehr als ein lebhaft nostalgischer Traum.
Und dann hatte mich Gram gepackt.
Denn da waren wir, am Ort der Endgültigkeit.
Tony war mein innerer Tumult nicht entgangen. Seine Gesprächigkeit war umgehend versandet und hatte versierter Stille Platz gemacht, als er den Wagen verlassen und die fertigen Grabsträuße aus dem Kofferraum gesammelt hatte, deren strenger Duft nach Dahlien, Rosen und Rittersporn schon die gesamte Fahrt unser Auto okkupiert hatte.
Befangen war ich an die kalte Morgenluft herausgetreten und hatte die Autotür fast schon widerstrebend hinter mir zufallen lassen.
Dann hatten wir den Friedhof betreten.
Auf dem gesamten Weg zu ihren Gräbern hatte ich die kleine Statue aus Japan in meiner Jackentasche geknetet, die ich auf unserem kurzen Sommertrip über den Ozean gekauft hatte und eigentlich schon im September hierher hatte bringen wollen.
Entlang der brüchig asphaltierten Pfade war mir auch bewusst geworden, dass es tatsächlich das erste Mal war, dass wir ihren Friedhof bloß zu zweit besuchten, was die bedächtige Ruhe für einen Augenblick fast noch unheimlicher gemacht hatte. Bis wir bei ihren Gräbern angelangt waren, hatte ich mich darum fast ausschließlich auf den absolut fehlenden Tastsinn in meinem kleinen Finger fokussiert und die feinen Rillen der Mini-Pagode wiederholt zum Vergleich mit meinem Zeigefinger umstrichen.
Dann waren die ersten Paparazzi am Rande unseres Sichtfelds aufgetaucht, was – wie sowohl Erin, als auch Pepper mich vorab gewarnt hatten – dank der unvermeidbaren Tippgeber vom Logan International durchaus vorherzusehen gewesen war, und eine jähe, wohlbekannte Taubheit hatte sich in mir breit gemacht. Also hatte ich die kleine Pagode und meine Sträuße einfach auf den Grabsteinen abgelegt und war stumm an Tonys Seite zurückgekehrt, ziemlich geradewegs in seinen Arm.
Welchen Gedanken auch immer ich an sie beide hatte richten wollen, war vergessen gewesen.
Wir hatten einfach nur dagestanden, den Blick auf ihre Gräber gerichtet, welche unverändert von kleinen und großen Andenken fremder Menschen umgeben gewesen waren, darunter eine Vielzahl frischer Blumen, respektvoll aneinandergereiht in einem ordentlichen und doch bunten Teppich der Andacht, wie auch ein teils vergilbter und vor Wasserschäden fleckiger Stapel Umschläge mit meinem Namen drauf.
Irgendwann hatte Tony sacht knapp meinen Arm gedrückt. „Ich kann eine Runde drehen, falls …“
Stumm hatte ich den Kopf geschüttelt.
„Okay.“
Sein Arm hatte sich entspannt. Doch kaum, dass ich den Blick, ohne ein Wort zu sagen, vollständig seinem exquisit glattgewobenen Wollmantel zugewandt hatte, war die sanft wachsame Anspannung in seiner Statur wiederaufgelebt.
Mit angehaltener Luft hatte ich meine Miene in seine Seite geborgen.
„Hey …“ Tony hatte die Brauen zusammengeschoben. „Was ist los?”
Starr bebend hatte ich abrupt die Augen geschlossen.
„Nein, okay … hey, dafür sind wir hier …“, hatte er bekräftigt, kaum dass ihm aufgegangen war, dass ich angestrengt nicht in Tränen auszubrechen versuchte. „Spült alles wieder hoch, hm? Nicht schlimm, Pokerface … Ist bloß der Druckausgleich. Und, hey, wir lieben ein sauber platziertes Ventil, richtig? Verhindert, dass das ganze System implodiert … keine adiabatische Kompression, wo sie nicht hingehört … Ist wie beim Tiefseetauchen: Die Sicherheitsstopps sind lästig, keine Frage, aber so viel besser, als aus dem ganzen Kreislauf eine einzige finale Schaumparty zu machen, huh ?“
„Sie fotografieren uns“, hatte ich mit erstickend dichter Brust widersprochen. „Ich will nicht, dass alle sehen, wie ich --- wie ich hier stehe und --- immer noch heule ---“ Meine Stimme war auseinandergebrochen, kaum dass meine Sicht endgültig verschwommen war.
„Passiert nicht.“ Fest versichernd hatte Tony meinen Arm gedrückt. Er hatte absolut unbeirrt geklungen. „Wir kaufen die Fotos, ist keine große Sache. Das hier ist ein Familiengrab, nicht die Fifth Avenue. Mach dir keinen Kopf. Das erledige ich gleich.“
Selbst, wenn ich ihm nicht geglaubt hätte, hätte ich die Tränen nicht länger zurückhalten können. Also hatte ich ihnen schlussendlich freien Lauf gelassen und mir stumm die Wangen gewischt, ohne mich von Tonys abschirmenden Seite zu lösen. Denn auch wenn letztendlich nichts davon um die Welt gehen würde, hatte ich ausgerechnet in diesem Moment keine der blitzenden Kameralinsen ertragen wollen.
Zurück auf dem Parkplatz hatte er mich mit kurzem Fingerzeig an unserem Audi zurückgelassen und war geradewegs auf die sich aufgeregt sammelnde Traube Reporter zugeschritten. Ich war ihm nicht gefolgt, hatte bloß unruhig mit den Füßen gescharrt, die Wipfel der halbkahlen Ulmen begutachtet und hatte die Lage zwischen ihm und den Medienleuten verhalten verfolgt, während sich Tony ungewöhnlich geschäftlich und ohne großen Umschweif mit ihnen auszutauschen begonnen hatte.
Es hatte nicht lange gedauert. Schon wenige Augenblicke später war er zu mir zurückgekehrt. Die Paparazzi waren an Ort und Stelle verblieben und hatten fleißig weiter gefilmt und fotografiert, was mich minimal beunruhigt hatte, aber seine zufrieden versichernde Miene hatte mir verraten, dass alles geregelt worden war.
„Sie geben sie uns wirklich?“, hatte ich mich nervös erkundigt.
„Ja, ist geklärt.“
„Sie alle?“ Mit angespannt verschränkten Armen hatte ich zu ihnen zurückgespäht. „Sie geben sie einfach so her?“
„Ein paar Aufnahmen habe ich abgesegnet, aber keine Tränen, nichts Bewegendes. Den Rest lassen sie Erin zukommen. Sie kümmert sich um alles Weitere.“
„Wie viel musstest du bezahlen?“
„Nicht wichtig.“ Tony hatte abgewunken. „Wir haben die Exklusivrechte.“
Dank Erin wusste ich, dass schon ein seicht verschwommenes Foto von uns beiden ein paar hunderte bis tausende Dollar und Millionen Klicks ausmachte, solange es nur halbwegs interessant war. Ich wollte mir von daher nicht ausmalen, was ihn da das Exklusivrecht jedes einzelnen Schnappschusses meiner Tränen nach unseren wochenlangen Dauerschlagzeilen gekostet haben musste. Es war nicht unser erster Besuch an Mum und Janes Gräbern, ja; nichts, was nicht bereits schon diesen Sommer in irgendwelchen Boulevardblättern abgebildet worden war, aber die Medien lechzten unverändert nach emotionalem Familienmaterial von uns beiden, jetzt nur umso mehr, wie ich vermutete, da der Raft-Ausbruch und unser Nicht-Auftauchen in Nashua erst tags zuvor sich schon wieder als allerbeste Schlagzeilen erwiesen hatten.
Tonys Blick war kurz auf der Fahrertür in meinem Rücken zum Liegen gekommen, als balanciere er ein letztes Mal eine schon länger gehegte Idee aus, und dann wieder in mein Gesicht zurückgesprungen. „Bis zum Silver Lake dauert es etwa eine Viertelstunde.“
Zögernd hatte ich genickt. „Ich hab Dev gesagt, dass wir erst noch zu Gramps rausfahren, bevor wir zu ihnen kommen. Sie weiß Bescheid.“
„Was ich sagen will: Es ist nicht sehr weit.“ Wie um etwas Aussichtsreiches zu markieren, das ich vollkommen übersah, hatte Tony unterstreichend beide Brauen gehoben. „Dein Lernführerschein ist kalifornisch, aber das ist kein Thema, wir sind in New Hampshire, was bedeutet, dass du bloß einen Erwachsenen brauchst, der nicht allzu sehr an seinem Wagen und eigenen Leben hängt, damit du in diesem Bundesstaat schon übungshalber aufs Pedal drücken darfst.“
„ Live Free or Die “, hatte ich schulterzuckend mit unserem berühmtberüchtigten Staatenmotto bestätigt, in Gedanken bei Daphne, die seit einigen Wochen selbst mit ihren ersten Fahrten begonnen hatte. „Aber man muss mindestens fünfzehneinhalb sein, also …“
Tonys Brauen waren nur weiter angestiegen. Ein betontes Schmunzeln hatte seine Mundwinkel gehoben.
Und dann hatte es bei mir Klick gemacht. „Warte, wir haben heute den fünften … --- das heißt, ich bin alt genug.“
„Seit rund vierunddreißig Stunden. John Stark richtet seinen legendären Toast aus. Happy Half -Birthday.“ Leichthin hatte er mir den Autoschlüssel zugeworfen und war Richtung Beifahrerseite losgeschritten. „Ich hole nur schnell den leeren Eimer aus dem Kofferraum.“
„Lustig.“
„Pragmatisch“, korrigierte er. „Wird ein Kaltstart. Komplett anderer Wagen nach zwei Monaten Zwangspause … Ich habe kurz überlegt, hierfür in den Anzug zu steigen.“
Mit trockener Miene hatte ich schon die Fahrertür geöffnet, aber dann tatsächlich gezögert, denn ja, es war ganze zwei Monate her, dass ich hinter dem waschechten Lenkrad eines italienischen Zweitürers gesessen und uns den ikonischen Pacific Coast Highway entlang manövriert hatte.
Kaum, dass Tony lockeren Schrittes die Beifahrertür erreicht hatte, hatte er theatralisch tapfer eine Hand auf dem Autodach abgelegt. „Wie auch immer ... Ich bin Iron Man. Die Statistik sagt, ich werd‘s überleben.“
Zufrieden mit unserem Geplänkel und dem neu gelieferten Bildmaterial, hatten die Paparazzi in unserem Rücken leidenschaftlich weitergeknipst.
Nicht ganz sicher, ob Tony ihnen bewusst eine andere Story bot, um ihren Deal für uns abzusichern, hatte ich mich gezwungen, mich nicht von der ihm aufgeweckt beipflichtenden Meute verunsichern zu lassen und hatte mit vage kribbelndem Magen hinter dem Lenkrad Platz genommen. Kaum im Wagen, war ich fast umgehend in tunnelartige Konzentration verfallen, während ich den Fahrersitz für mich einzustellen begonnen hatte, während FRIDAY bereits die vollautomatisierte Ausrichtung der Spiegel und mein Lenkrad adjustiert hatte. Ich war ohne größeres peinliches Manöver zurückgesetzt, hatte uns sauber vom Friedhofsparkplatz auf die Hauptstraße gelenkt und war letztlich bis nach Hollis gefahren, was sich trotz des uns mit halbwegs respektvollem Abstand unausweichlich folgenden Reporterkonvois dennoch als sehr viel entspanntere Erfahrung erwiesen hatte als fast jede vorherige Übungsfahrt im Verkehrswahnsinn von L.A. und Malibu.
Ich wippte sacht mit den Knien.
Vielleicht ließ Tony mich auch nach Nashua zurückfahren.
Übel war ihm vorhin jedenfalls nicht geworden. Er hatte die halbe Fahrt die laufende Playlist bestimmt, Nachrichten gelesen und Neckereien mit FRIDAY ausgetauscht, was auf mich – entgegen seiner vorangegangenen, typisch dramatischen Worte – einen verteufelt unbekümmerten Eindruck gemacht hatte.
Ob es nun diese bis dato überzeugendste Demonstration seines Vertrauens in meine noch ungeschliffenen Fahrkünste blieb oder doch vielmehr an dem vielbeschworenen weltbesten, KI-basierten Unfallschutzsystem der Welt gelegen haben mochte, das uns dank FRIDAY auch in diesem seinen Wagen vor meinem sehr menschlichen Versagen schützte, so recht sah ich kein Argument, wieso er mich nicht gleich noch einmal ans Lenkrad lassen mochte.
Beiläufig bemerkte ich, dass der Pfleger sich soeben wieder den Hügelpfad zu dem kleinen Haus hinauf entfernte, in das mein Großvater vor etwa zehn Minuten für seinen täglichen Check-Up zurückbegleitet worden war.
Kurz zuvor hatten wir einen kleinen gemeinsamen Spaziergang am Seeufer gemacht.
Wie schon bei meinem letzten Besuch hatte es keinen wirklich klaren Moment gegeben, in dem Grandpa mich erkannt hatte, aber er war für seine Verhältnisse redselig gewesen, entspannt und agil, hatte sich bereitwillig in Tonys Ellbogen gehalten, um nicht zu fallen, und zugleich hin und wieder vage meinen Arm berührt.
Vielleicht hatte er doch eine gewisse Vertrautheit verspürt.
Die meiste Zeit hatten wir eigentlich nur still geschmunzelt, weil Grandpa so ehrlich zufrieden mit seinem Strom bunt gewürfelter Gedanken gewirkt hatte, für einen Augenblick fast wieder der Mann, der auch noch am späten Sonntagabend nach einem langen Acht-Staaten-Transport zu uns nach Hause gekommen war, um ein wenig mit Mum zu plaudern, als sähe er bloß bei einem alten Kumpel vorbei.
Inzwischen sah ich all die Unterschiede zu Tony, scharf kontrastiert wie durch ein Mikroskop.
Grandpa war immer bloß Gramps gewesen.
Ein wundervoller Mensch, der uns gern hatte, aber seine Kinder ganz nach New Hampshires ureigenem Motto großgezogen hatte: Bereit seine Gedanken zu teilen, wenn man ihn danach fragte, aber nie allzu involviert, nie reglementierend oder besorgt und nie auch nur ein vages bisschen formend , was ihn so deutlich von Tony und auch Clint unterschied, dass ich mich just fragte, ob Mum und Jane es überhaupt realisiert hatten: Dass sie mir vielleicht bloß so erfolgreich beigebracht hatten, meinen Vater nie zu suchen, weil sie gar nicht gesehen hatten, was es war, was auch sie missten.
Tonys navyblauer Tom-Ford Mantel stand in elegant scharfem Kontrast zu dem roten Meer aus Ahornblättern, als er zu meiner Bank am Seeufer zurückkehrte.
Die Hände in die Taschen gegraben, ließ er sich neben mir nieder.
Es war nicht kalt, knappe acht Grad, aber fast zu frisch, um einfach nur dazusitzen.
Ich packte mein StarkPhone weg. „Fahren wir nicht?“
„Sie haben vergessen, die Vollmachten vorzubereiten. Sie nehmen ihm erst noch Blut ab und machen anschließend alles fertig. Wir erledigen es jetzt, sonst muss ich morgen noch einmal hierher rausfahren.“
Daphnes Mum sah inzwischen regelmäßig bei meinem Großvater vorbei und hatte angeboten als Ansprechpartner vor Ort zu fungieren; ein Vorschlag, den Tony angenommen hatte, da wir viel zu selten in Nashua waren, als dass er die Anfragen des Pflegepersonals wirklich informiert beantworten hätte können. Fast immer drehten sich die Abstimmungen um Änderungen in den täglichen Betreuungsabläufen. Tony hatte Samantha zuletzt ohnehin immer öfter um den Gefallen einer Einschätzung gebeten, wenn er diese nicht gerade reflexartig an FRIDAY ausgelagert hatte.
Ich hielt es von daher für eine gute Lösung.
Ich vertraute Daphnes Mum vollkommen. Und Tony tat es anscheinend genug, um hier mitzugehen.
„Was haben sie gesagt?“, erkundigte ich mich. „Wie geht es ihm?“
„Die zerebrale Degeneration stagniert. So wie es momentan aussieht, könnte dieses Stadium noch eine Weile andauern … Es sind ähnliche Fälle bekannt, bei denen es vergleichbar lief. Unser Ärzteteam teilt die Einschätzung. Seine kognitiven Tests zeigen seit Monaten kaum Veränderungen. Das weist auf eine Plateauphase hin, sagte auch Dr. Palmer.“
„Er erinnert sich nicht“, widersprach ich zögernd. „Weder an Mum, noch an Jane oder mich. Letztes Jahr gab es zumindest … diese Momente, als er dachte, ich sei Mum oder uns irgendwie vermischt hat, aber heute hat er nicht einmal dich erkannt, dabei hat er es die letzten Male immer …“ Absurd, wie es blieb, dass mein Großvater sich klarer an seinen viel zu berühmten, ehemaligen CEO Tony Stark als an sein leibhaftiges Enkelkind entsann, so unkonventionell er seine Rolle als Vater und Großvater auch immer betrachtet hatte.
„Stimmt.“ Tony sah mich an und schenkte mir ein still aufmunterndes Lächeln. „Aber sein Kurzzeitgedächtnis hat sich etwas stabilisiert und seine Motorik ist nicht weiter angegriffen. Seine Prognose hat sich leicht verbessert. Er könnte noch gut vier Jahre packen, wenn es dabei bleibt.“
Ich nickte.
Ohne etwas nachzusetzen, sahen wir zurück zum Wasser.
Die strahlend rote Decke aus Ahornblättern um uns herum wisperte im Wind, während der Silver Lake so grau und fahl vor uns ausgebreitet lag, wie es sein Name versprach.
„Die Baugenehmigung wurde erteilt“, ließ Tony mich just wissen.
Verwirrt sah ich zu ihm zurück.
„Sie beginnen mit den Grabungen für die Fundamentlegung gleich nächste Woche, bevor die Temperaturen in den Keller fallen und das ganze Ufer zufriert. Bedeutet im Umkehrschluss, er wird bis Jahresende bereitstehen.“
„Der Wavepool?“ Freude durchsprudelte mich. „Ich bekomme ihn wirklich? Zu Weihnachten ?“
Tony schenkte mir sein bestes bestätigendes Grinsen, aber etwas in seinem Blick wappnete sich. „Das ist der Selling Point.“
Verwirrt stockte ich. „Wofür?“
„Das Hauptquartier, sozusagen.“
„Ja, okay“, gluckste ich dunkel und schnaubte sachte. „Ist angekommen. Ich sag nichts mehr, wenn wir dort sind.“
Tony zögerte.
Doch erst, als ich in seine abwartende Miene sah, realisierte ich, dass es gar kein trockener Seitenhieb auf unsere sich seit Monaten mehrenden Wochenendaufenthalte Upstate gewesen war, denn sein Blick blieb einen Bruchteil zu sorgfältig auf mir ruhen.
„Du sagtest, er ist ein Geschenk“, warnte ich lau.
Tony entließ den Atem. „Absolut. Das ist es.“
„Keine Haken“, wiederholte ich betont abpassend, ohne ihn aus den Augen zu lassen. „Einfach ein … irre teures Geschenk, weil du das kannst und so etwas eben einfach machst, weil du … na ja, irre viel Geld hast und … ziemlich cool bist, schätze ich. Also, was das Geschenke-Ranking angeht, klar. Und , na ja, das Dad-Ranking, das auch, jupp ...“
Tony hob die Mundwinkel in mildem, viel zu bescheidenem Schmunzeln. Er sagte nichts, senkte still den Blick und sah dann just wieder zu mir, ernst und doch fast etwas entmutigt, als verspürte er insgeheim dieselbe Unruhe, die unweigerlich auch von mir Besitz ergriff.
Ich schluckte.
Irgendetwas war im Busch.
„Es gibt keinen richtig guten Moment hierfür“, begann er in lau präpariertem Ton. „Also, machen wir es kurz und … Pflaster ab oder wie man sagt … Ich verkaufe den Tower. Wir beide verlassen Manhattan. Wir ziehen dauerhaft ins Hauptquartier.“
Etwas in meiner Magengrube löste sich.
Ich öffnete den Mund, wusste aber nichts zu sagen, bis mein Kopf die einzige Frage konzipierte, die seine Worte irgendwie wieder weit genug abstrahierte, um den summend überwältigenden Strom auszubremsen, der sich umgehend durch all meine just geschockten Hirnzellen ergoss.
Meine Stimme wurde schmal, nicht viel mehr als ein verwirrtes Stocken: „Wann?“
„Die Immobilie wird Ende des Jahres inseriert. Pepper hat die Vorstände gestern informiert.“
„Wann ziehen wir aus?“, schnitt ich flau dazwischen.
„Technisch? Nicht vor nächstem Frühjahr. Der Verkauf geht nicht sofort über die Bühne und die Verlagerung der SI-Etagen nach L.A. und ins Hauptquartier wird eine Weile brauchen.“ Meine Ohren begannen zu klingeln. „Auf kurz oder lang müssen wir alle Flächen von Geschäftsunterlagen, Exponaten und SI-patentierter Technik geräumt haben. Das Penthouse wird bis kurz vor Übergabe zur Verfügung stehen, unser Privatinventar verursacht den geringsten Aufwand, aber bis dahin wird es sich ohnehin nur noch um die Grundausstattung handeln. Bedeutet, ab dem kommenden Wochenende satteln wir beide um. Hauptquartier und Penthouse tauschen die Rollen. Upstate wird zum neuen Hauptwohnsitz, Manhattan die Option.“
Ich spürte, wie sämtliche Farbe mein Gesicht verließ. „Die ganze Woche?“
„Jupp, standardmäßig.“
„Aber was --- was ist mit der Schule? Ich muss nach Queens-“
„Da ändert sich nichts“, unterbrach er mich schnell versichernd. „Alles wie gehabt. Ab nächster Woche schlafen wir regulär Upstate statt in Manhattan, viel mehr steckt nicht dahinter.“
„Es dauert mindestens zwei Stunden vom Hauptquartier zur Schule“, fiel ich ihm nur beunruhigter ins Wort. „Zur Rush Hour noch länger. Es dauert --- echt ewig . Ich müsste --- schon um fünf aufstehen, um rechtzeitig in der Schule zu sein. Happy noch früher , er-“
„Ich weiß“, versicherte Tony. „Daran arbeite ich. Dafür gibt es eine Lösung. Das regele ich.“
Zwei Sekunden wusste ich nichts länger zu sagen.
Ich begriff nicht.
Überhaupt nicht.
„Aber wieso können wir nicht einfach … warten, bis der Tower wirklich verkauft ist?“
Tony atmete aus. Ich sah es konzentriert in ihm arbeiten.
Unversehens setzten sich die Puzzlestücke zusammen. Die Parkbank schien unter mir hinwegzugleiten, kaum dass meine Kehle sich dicht zu schließen begann. „Ist es wegen des Quartalszeugnis? Wegen letzter Woche? Wegen der Nachrichten im Spind?“
Als habe ich einen entscheidenden Punkt touchiert, kniff er sacht die Stirn.
„Ich will nicht wieder ins Homeschooling, Dad, wirklich nicht!“, platzte es sofort aus mir. „Ich --- okay, ich erledige alle Trainings und ich melde alles ans Sekretariat, versprochen . Das mit Englisch und Geschichte bekomme ich hin! Es waren erst zwei Monate --- und wir waren in Berlin und --- diese scheiß Kampagne --- ich krieg es jetzt hin, ehrlich-“
„Sola, ich versuche dich nicht ins Homeschooling zu verfrachten“, fuhr Tony just befriedend dazwischen. „Über all das haben wir gesprochen. Es ist kein Drama, wir arbeiten dran, das ist geklärt.“
Über unseren Köpfen begann eine Schwarzkopfmeise ihren unverwechselbaren „Hey-Sweetie“-Ruf zu zwitschern und harrte der Antwort.
Unzufrieden atmete Tony aus. „Es geht nicht um die Schule“, bestätigte er nochmals. „Die letzten drei Wochen haben einfach gezeigt, dass es so nicht auf Dauer funktioniert. Es wird schiefgehen.“
Ich schluckte fest. Da war es also, das B , auf das ich gewartet hatte.
„Ich wollte Halloween gar keine richtige Party, bloß ein wenig abhängen“, begann ich kraftlos von Neuem.
„Und ich sagte, Schwamm drüber, richtig?“, unterbrach er.
Überforderte Tränen sammelten sich in meinem Blick, als ich nickte, wie um ihn daran zu erinnern und nicht mich.
„Diese Dinge passieren“, versicherte Tony kurzerhand. „Du bist fünfzehn. Ich wäre überflüssig, hättest du alles von vorne bis hinten raus.“ Er entließ den Atem und stierte über den vor uns ausgebreiteten See. „Und darum geht es. Ich bin derjenige, der diese Sache geregelt bekommen muss. Im Moment verbringe ich aber die meiste Zeit im Hauptquartier, wenn ich nicht gerade irgendwo anders mit Repulsoren aufräume-“
„Du bist Iron Man“, rechtfertigte ich schwach in seinen eigenen Worten.
„Stimmt genau“, pflichtete er bei. „Keine Neuigkeit, bis Ultron eigentlich immer so gewesen. Nie etwas, über das ich mir Gedanken zu machen brauchte. Abgesehen von Pepper, gab es schlicht niemanden, den es tangiert hätte. Und Pep kommt ohne mich ganz fabelhaft zurecht, im Grunde viel besser als mit mir ... Nur geht diese Rechnung nicht länger auf. Ich kann nicht bis spät in die Nacht im Hauptquartier Satellitenverbände upgraden, die Registrierungsdossiers auf potentielle Kandidaten sichten und noch dazu das operative Avengers-Geschäft rund um den Globus am Laufen halten, nur um erst tief in der Nacht heimzufliegen, während du alleine auf der Couch sitzt und angestrengt ausbrütest, ob du mich nicht vielleicht doch anrufst, um mir endlich von der ziemlich verbockten Arbeit oder dem antiquierten Shitstorm in deinem Spind zu erzählen.“
Den Blick knapp gen Himmel gewandt, atmete er durch, ehe er mich wieder ansah, vielleicht, weil er realisierte, dass ich nichts sagte.
„Der Punkt ist, es wird nicht besser werden“, stellte er sanfter klar. „Bis auf absehbare Zeit bleibt es dabei. Ich werde die kommenden Wochen und Monate unterwegs sein, ständig , in Terminen rund um den Erdball. Aber zumindest die Zeit, die ich im Hauptquartier verbringe, wäre damit Zeit, die ich in direkter physischer Reichweite verbringe. Ich muss abends nicht erst heimkehren, weil ich bereits Zuhause bin; ich kann tagsüber spontan vorbeisehen, anstatt nur anzurufen; du hockst abends nicht alleine in irgendeinem Penthouse; du weißt, wo du mich findest, und selbst, wenn ich ein paar Tage unterwegs bin, ist in der Regel noch jemand vor Ort, Rhodey oder Vision … Sola, dieser Umzug sorgt dafür, dass es besser funktioniert – für uns beide.“
Bekräftigend kurz drückte er meine Schulter, strich ein paar Haare hinter mein Ohr zurück, die meinen unordentlichen Haarknoten im Nacken längst wieder verlassen hatten, und ließ seine Hand auf meine Schulter zurückfallen, ohne seinen Blick von mir zu lösen, als erwarte er nichts weniger als mein widerwillig absegnendes Urteil.
Ich fühlte mich taub.
Ich war es.
Der Tower war mein Zuhause. Das Zuhause, das sich gerade soweit gefestigt hatte, dass ich neuerdings zuerst nicht länger an unser altes Miethaus in Nashua dachte. Es war der Ort, der mir nicht länger fremd und extravagant und surreal erschien, so sehr er es auch blieb; der Ort, an dem Tony und ich Familie geworden waren; den ich mit uns verband ; den ich mit dem verband, was nach Mum gekommen war.
Ihn zu verlieren, bedeutete, auch das zu verlieren.
Die allerletzte, geknüpfte Verbindung. Den Anschluss.
Mein unmittelbares Danach .
Als hole jemand den Anker von demselben Grund ein, an dem ich sie zurückgelassen hatte, nur damit wir wahllos weitertrieben.
Und da war noch so viel mehr .
Ich hatte in New York City endlich Freunde gefunden. Ich hatte Elijah. Die Bosworth war wenige Minuten entfernt, wir lebten mitten in der Innenstadt, es war meine neue kleine Welt. Queens und die Midtown, im Vergleich zu Upstate fast ein Katzensprung von daheim entfernt, und mit ihnen, MJ, Peter und Ned. All meine neuerrungenen Freiheiten --- alles würde hiermit nur noch herausfordernder, ungewisser und komplizierter.
Das Hauptquartier lag weit vor New York Citys Toren und das mit vollkommener Absicht nach den fatalen Konsequenzen, die das Wurmloch und Ultrons Amoklauf für die zivile Bevölkerung von Manhattan gehabt hatten.
Es war eine Operationsbasis, beeindruckend und an und für sich atemberaubend, ja , aber nicht unser Zuhause , so viel Mühe Tony sich mit der Gestaltung unseres Privatflügels auch gegeben haben mochte, diesen Gedanken schleichend in mir zu pflanzen.
Nein, ich sah keine Verbesserung.
Ich wollte sie nicht, diese sogenannte Lösung. Nope .
Alles in mir ballte sich in purem Protest.
Ich wollte New York City nicht verlassen, egal, wie feingeistig Tony diese neue vermeintliche Notwendigkeit für mich aufhübschte, in die uns der Bruch der Avengers und Steve Rogers schockierender Seitenwechsel so irrwitzig plötzlich katapultiert hatte, dass Tony anscheinend gar keine andere Wahl blieb, als unser ganzes Leben nur noch weiter auf den Kopf zu stellen.
Ich wollte , dass die Dinge wieder wurden wie im Juni.
Nach Zeke Stane und Dr. Fanning und vor diesem ganzen Wahnsinn.
Starr fixierte ich das vor uns ruhende, grobkörnig sandige Ufer, die in der kühlen Brise zitternden Ahornblätter und die still plätschernden Regungen des Sees, während Schwarzkopfmeisen und Blauhäher um uns herum zwitscherten und riefen und aus einer nahen Unterkunft das tiefenwarme Echo einer Schallplatte von Sinatra zu vernehmen war.
Tonys Blick ruhte auf meinem Profil.
„Es ist Zuhause“, hörte ich mich mit karger Stimme festhalten.
„Eines davon.“
Kopfschüttelnd hob ich den Blick zurück in sein Gesicht und presste die Unterlippe gegen die starre Linie darüber, die sich zementiert aufzubauen begann. „In Upstate und Malibu waren wir immer nur vorübergehend. Wir leben in New York, im Tower .“
„Momentan, ja.“
„Nicht --- momentan .“ Ich starrte ihn an. „Schon die ganze Zeit. Seit ich --- seit Happy mich nach New York gebracht hat! Einfach --- von Anfang an.“
„Es wird eine Umstellung, ich weiß“, hob er prompt an. „Der Tower fällt mittelfristig weg und es ist der Ort, an dem wir bisher die meiste Zeit verbracht haben. Ich verstehe, Sola, das ändert sich von jetzt auf gleich und ist zum Kotzen. Aber, wie bereits gesagt, faktisch ändert sich gar nicht viel. Du gehst weiter zur Midtown High, verbringst deine Nachmittage wie bisher auch, ob im Hauptquartier, im Penthouse oder in der Stadt, alles nach altbekannten Regeln … Solange der Tower noch nicht verkauft ist, werden wir ohnehin anlassbedingt immer wieder noch dahin ausweichen. Die einzige Neuerung ist bloß die: Upstate wird zu unserer neuen Hauptadresse; der Ort, an dem wir abends ins Bett gehen und an dem wir zu finden sind, wenn wir nicht weiter verplant sind. Und übernachten wir doch in Manhattan, aus welchem Grund auch immer, ist das die neue Abweichung vom Standard, über die wir uns im Vorfeld austauschen.“
Der Schock in meinem Inneren ließ nicht nach, vielmehr begann er seine schillernd heißen Kanten auszufahren.
„Aber sobald der Tower verkauft ist-“
„Was noch Monate dauern wird“, versicherte Tony. „Bis dahin ist alles hieran das neue Normal.“
„Wieso --- verkaufst du?“, unterbrach ich. „Nur deswegen? Weil wir umziehen?“
„Die Entscheidung fiel spontan, aber es ist kein neuer Plan.“ Geduldig entließ er den Atem. „Seit wir das Hauptquartier in Upstate hochgezogen haben, war klar, dass wir den Avengers Tower irgendwann veräußern. Die Kosten bewegen sich auch ohne nennenswerte Energieausgaben immer noch im neunstelligen Bereich. Und ohne Team ist es nicht mehr als ein Prestigebau mit SI-Anhängen, die sich ebenso gut nach Upstate und L.A. verlagern lassen. Vermutlich wäre ich mit Pepper über kurz oder lang nach Malibu zurückgekehrt, wärst du nicht über Nacht auf den Plan getreten. Erst seit Weihnachten stand fest, dass wir unter diesen Umständen auch auf längere Sicht in New York bleiben.“
Zum selben Zeitpunkt, zu dem Tony meine Anmeldung an der Bosworth High in die Wege geleitet hatte, übersetzte mein Verstand. Damals hatten sie realisiert, dass eine Rückkehr nach Kalifornien vorerst nicht länger zur Option stand.
Und plötzlich begriff ich, was Halloween zwischen ihnen vorgefallen sein musste.
„Pepper ist deswegen früher gegangen, oder?“ Ich starrte ihn an. „Du hast ihr Montag bei eurem Dinner gesagt, dass du den Tower verkaufen wirst und wir beide nach Upstate ziehen. Es hat ihr nicht gefallen, oder?“
Unwillig sah Tony beiseite.
„Wieso?“, forderte ich prompt.
Er antwortete nicht.
Bestätigter Ärger flammte in mir auf. „Sie ist dagegen“, presste ich weiter. „Du sagtest, sie ist aufgestanden und gegangen, als du es ihr gesagt hast. Du --- hättest sie vor vollendete Tatsachen gestellt. Du hast nicht gesagt, was es war, aber so war es, oder? Es ist eine neue Idee. Ihr habt das nie geplant. Du hast es vor einer Woche entschieden---“ Aufgewühlt erhob ich mich von der Bank. „Sie hat es deine typische Kurzschlussreaktion genannt! Das hast du Rhodey gesagt, Donnerstag im Hauptquartier, als du vom Raft zurückgekehrt bist. Ihr habt hierüber gesprochen, oder? Dass wir ins Hauptquartier ziehen? Du hast ihm gesagt, was Pepper davon hält und --- er hat ihr recht gegeben! Er sagte, dass es keine gute Idee ist-“
Vage auf dem falschen Fuß erwischt heftete Tony widerstrebend seinen Blick auf mich zurück. „Er sagte-“
„Niemand hält es für eine gute Idee“, ließ ich ihn gar nicht erst ausreden.
„Pepper hält es für einen Fehler, weil sie wusste, dass es dich aufregt“, informierte er mich kurzerhand. „ Et voilà , du bist sauer. Punkt an sie.“ Enervierend gleichmütig ließ er sich gegen die Parkbank zurücksinken und wenig streitlustig die Schultern sacken. „Sie sagte, der Umzug ins Hauptquartier würde dich nur wieder aus einem Zuhause ins nächste verpflanzen und dich noch näher an die Avengers rücken.“ Widerwillig unterstreichend hob er die Brauen. „Und, hey , sie hat recht. Ist es die Ideallösung? Ganz sicher nicht. Es ist Pest oder Cholera, stimmt. Aber ich sage auch nicht, dass wir nicht vielleicht schon in ein paar Monaten wieder nach Manhattan zurückkehren, sobald dieser Engpass hinter uns liegt. Sobald Rhodey wieder mit einsteigt und wir vernünftig nachbesetzt haben, gibt es gar keinen Grund weiterhin dauerhaft in Upstate zu bleiben. Dann kehre ich auf die bisherige Springerposition im Einsatz zurück und wir überlegen, wohin es für uns beide endgültig geht. Aber bis dahin passen wir uns den Gegebenheiten an, Sola.“
Ein Blauhäher schrie auf und flog tief über uns hinweg.
Mit atemleerer Brust stand ich da und starrte Tonys herzlich überzeugte Miene an.
Ich wusste, dass es keinen Sinn hatte weiter zu argumentieren. Wenn Tony derart empathisch gewappnet in den Ring stieg, stand die Entscheidung gar nicht weiter aus. Das tat sie nie . Sie war gefällt. Die einzige Frage blieb, ob ich mich seinen Versicherungen ergab und diese Illusion einer geringeren Kleinigkeit kaufte , die er mir hier auftischte, oder nicht.
Tony würde es aussitzen, so oder so. Es zu unserer Realität machen.
Wir würden nach Upstate New York ziehen.
Raus aus Manhattan.
Fort von --- so ziemlich allem .
Der Gedanke rann durch meine Gedärme wie saure Milch.
Aus der Ferne näherte sich langsamen Schrittes ein Besucherpaar und eine ältere Patientin in arg gekrümmter Haltung. Ihre Gegenwart rüttelte mich auf.
Tony schien es ähnlich zu ergehen, denn er spähte knapp bemessend zu den uns gemächlich entgegenkommenden Mitmenschen hinüber, ehe er mich schon wieder ansah.
„Du kannst das nicht einfach entscheiden“, beschied ich ihm bitter erstickt, plötzlich vollkommen gleichgültig gegenüber jedem Paar beobachtender Augen. „Dass wir dorthin ziehen. Das kannst du nicht einfach --- entscheiden und fertig, nur weil du --- nicht jeden Tag in den Anzug steigen und wieder heimfliegen willst.“
Tony kniff Mundwinkel und Stirn in herzhaft zweifelnder Miene zusammen, als verließen meine Argumente unversehens jeden vernünftigen und nachvollziehbaren Boden.
„Ich will nicht nach Upstate.“ Ich begann den Kopf zu schütteln. „Du wirst die ganze Zeit unterwegs sein, es macht überhaupt gar keinen Unterschied , nur dass ich dann weiter weg sein werde --- von Jazz und MJ und allen anderen und --- einfach allem.“
„Sola, wenn ich morgen entscheiden würde, dass es für uns zurück nach Malibu geht, weil es unsere Lebenssituation schlicht und ergreifend verbessert, würde es nicht anders laufen“, erklärte er leichthin. „Ich will nicht der sein, der daraus diese große Sache macht, aber so funktioniert es. Wenn wir unseren Alltag nicht mehr gewuppt bekommen, ist es mein Job, die Schieflage zu korrigieren, bevor sie hässlich wird, und nicht erst, wenn das Kind bereits im Brunnen absäuft.“ Mein Innerstes sprang in einen aggressiven Salto. Er hob die Hände. „Und ich sage nicht, dass das geschieht. Malibu steht nicht zur Debatte. Kein Thema. Wir bleiben in New York. Aber … so läuft es eben.“
„Tut es nicht .“ Der knisternde Ärger in meinem Bauchraum begann meine Innereien abzuflämmen, auch wenn meine Stimme in bittere Kälte abrutschte. „Mum hätte vorher mit mir gesprochen .“
„Und genau das tun wir gerade“, bestätigte er. „Wir sprechen hierüber.“ Sein unverändert bagatellisierendes Lächeln machte mich so wütend, ich fand kaum mehr meine Stimme.
Ein harsches Lachen brach aus mir. „ Vorher ?! Eine Woche! Mum hätte es vor Monaten erwähnt, sie hätte es --- mir gesagt, sobald sie die Idee gehabt hätte, sie hätte darüber nachgedacht . Sie hätte es nicht einfach für uns entschieden ! Sie hätte mit mir gesprochen und es --- erklärt -“
Tony schnappte theatralisch nach Luft. „Was genau tue ich hier, denkst du?“
„Du --- rechtfertigst es bloß!“
Er hob beide Brauen. Kommentarlos erhob er sich von der Bank.
Mein Herz schlug nicht länger, es ploppte, als platze mit jedem einzelnen Schlag eine kleine, geschwollene Blutkammer in meiner Brust und lasse meinen Blutdruck widersinnig fallen.
„Hättet ihr umziehen müssen, wärt ihr es, Sola“, beteuerte Tony, als ich mit ruhelos zusammengepressten Kiefern den Blick abwandte und den See fixierte, unfähig weitere Kraft für meinen Ausbruch zu fassen. „Das hier verbessert unsere Situation, es ist kein Downgrade.“
„Für dich nicht, stimmt.“
Das angestrengt umstimmende Lächeln auf seiner Miene resignierte, zurück blieb nichts als unzufrieden finales Schweigen und das fast schon menschlich vokale Zwitschern der Schwarzkopfmeisen, das mich nur noch mehr an Mum, unseren Vorgarten und die allmorgendlichen „Hey Sweetie“-Rufe aus unserem Kirschbaum denken ließ, die sie neckend in ein leise fröhliches Bye Sweetie kopiert hatte, wann immer ich zur Junior High aufgebrochen war.
Mein Herz begann wehzutun, diesmal so richtig .
Laub schaufelte in unserem Rücken auf. Widerstrebend wandten wir den Blick.
Grandpas Pfleger kehrte den waldigen Hügelpfad hinab zu uns zurück, in seinen Händen ein Klemmbrett, ein schmaler Stapel Papiere und ein sichtlich gebrauchter Kugelschreiber.
Meine Füße trugen mich ferngesteuert von Tony fort, während ich aus kurzer Entfernung dabei zusah, wie er die gereichten Unterlagen entgegennahm, Formulare abzeichnete und ein paar abschließend kurze Worte wechselte.
Meine Hände waren kalt und der Grund unter meinen Schuhen schien plötzlich noch viel sandiger.
Fast, als bestünde das Ufer eigentlich nur aus Treibsand.
Musik:
Genesis - Christophe Beck
Moon River – Frank Ocean