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Mine Falls Park

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Mine Falls Park

Kapitel 47: Mine Falls Park

Auf unserer Fahrt zurück nach Nashua saß Tony am Steuer.

Kaum, dass wir den Silver Lake hinter uns ließen, fiel Stille über uns. Dass ich nichts sagte und ihn auch nicht länger ansah, schien ihm nicht geheuer, denn ich spürte seinen Blick wiederholt grübelnd zu mir herüberschweifen, so wenig er noch einen weiteren Versuch unternahm, mir unseren baldigen Umzug als wenig dramatische Anpassung zu verkaufen.

Während er die verbliebene Presse und Paparazzi mit FRIDAYs Hilfe und ein paar gewieften Manövern hinter uns zurückließ und sie schlussendlich auf halbem Wege Richtung Nashua abhängte, indem er unversehens auf eine abgelegenere Alternativroute wechselte, die ich in all den Jahren mit Jane und Mum nie genommen hatte, stierte ich mit unverändert aufeinandergepressten Kiefern aus dem Beifahrerfenster.

Bräunlich-gelb gefärbte Bäume, Sträucher und Büsche zogen an uns vorbei. Die neue Straße kaum breiter als eine Einbahnstraße; ein rissig asphaltierter Waldweg, klaustrophobisch umschlossen von Bäumen, schiefen Leitungsmasten und unheilvollem Wildwuchs, an dem hier und da ein alter, rostiger Briefkasten die kiesige Auffahrt zu einem Grundstück weit hinter Unkraut und Bäumen markierte.

Ich begann sie zu zählen, einfach um mich abzulenken.

Aber es gelang mir nur mäßig.

In meinem Magen gärte es weiter. Der bittere Geschmack in meinem Mund verdichtete sich, ohne dass der schmale Schock so recht abnahm, in den mich Tonys Ankündigung aus dem Nirgendwo geworfen hatte.

Eigentlich hätte ich es kommen sehen müssen.

Denn inzwischen sah ich ihn, den eigentlichen Grund.

Das , wofür der Avengers Tower stand und was nicht mehr war.

Was er repräsentiert hatte, existierte nicht länger. Es hatte es nie getan.

Das Team, für das dieses Monument stand, gab es nicht. Beinahe alles an ihrem modernen Mythos hatte sich binnen weniger Tagen und Wochen als schwache und zugleich fatale Fantasie herausgestellt.

Nicht einmal Pepper lebte noch bei uns und sie hatte den Tower maßgeblich mitentworfen. Es war ihr gemeinsames Projekt gewesen, sie hatten es mir erzählt, ihres und Tonys, Produkt einer Einigkeit, die nicht länger existierte.

Das zwischen ihnen war nicht länger nur eine Pause; nicht das, als was sie es mir nach dem MetLife-Spiel verkauft hatten.

Und Tony wusste es, so sehr er sich auch darüber ausschwieg.

Pepper zimmerte längst an ihrem Neustart. Sie richtete sich im Stadtteil Chelsea ein. Seit gestern war ich mir sicher. Was auch immer es brauchte, um es zwischen ihnen wieder zu kitten und sie als Konstante in unser Leben zurückzuholen, es würde nicht länger über Nacht geschehen.

Vielleicht nie wieder.

Denn auch diese Illusion war verpufft; diese schwammige Idee eines gelungenen Spagats zwischen Familie und Iron Man, bei dem niemand zu Schaden kam.

Tony verkaufte nicht, weil der Tower überflüssig geworden war.

Nein.

Er besaß dutzende Immobilien rund um den Globus, von denen er viele über Jahre nicht mehr zu Gesicht bekommen hatte, wie ich seit kurzer Weile wusste.

Nachdem Happy erst letzten Monat ganz beiläufig Tonys Villa in Dubai erwähnt und ihn damit so kurz überrascht innehalten lassen hatte, als sei es ihm verflucht nochmal entfallen , dass es sie gab , hatte ich mich heimlich bei FRIDAY erkundigt, wie viele Immobilien er eigentlich besaß.

Reagiert hatte sie mit einer Liste, die mich trotz aller nüchterner Erwartung dumpf schwindelig gemacht hatte. Die Hälfte dieser Gebäude hielt Tony bloß aus finanziellen oder familienhistorischen Gründen, darunter auch Eigentümer, die nach dem Tod seiner Eltern auf ihn übergegangen waren und an denen er teils nicht wirklich hing, die aber nicht veräußert werden konnten, solange sie nicht vollständig von allen SI-Spuren und Howard Starks hochgeheimer SHIELD-Arbeit bereinigt waren, wie FRIDAY mir erklärt hatte. Etwas, wofür Tony sich schlicht und ergreifend nie die Zeit genommen hatte oder wozu er sich nie recht hatte überwinden können. Eine Frage, die ich vielleicht vor Wochen noch gestellt hätte, die ich seit der Wahrheit über Barnes und ihren gewaltsamen Tod als auch Tonys schwer angespanntem Verhältnis zur Thematik aber lieber für mich behielt.

Andere Besitztümer wie ein atemberaubendes Anwesen an der französischen Küste und eine eigene Insel vor Mexiko waren wiederum erst vor kurzem von ihm erworben worden und hatten mir – trotz aller augenrollender Vermutung – still und leise die Schuhe ausgezogen.

Nein, Tony verkaufte den Avengers Tower nicht, weil er musste, sondern weil er es wollte .

Er verkaufte, um damit abzuschließen. Er schloss die Tore und beendete dieses vielleicht enttäuschendste seiner Kapitel: Das, in dem er für einen kurzen Moment an mehr geglaubt haben mochte, als bloß an sich selbst.

Ich grub die Hände fester in meinen Parka.

Tony schien es als kaschiertes Frösteln zu deuten. Kommentarlos aktivierte er meine Sitzheizung und dirigierte den Strom der Heizlüfter zu mir um.

Sein Blick sank zurück in die Ferne.

Kurz erwog ich, ihn zu konfrontieren, ihm all diese Gedanken und Beweise einfach vor die Füße zu werfen und zu offenbaren, dass ich den wahren Grund durchschaut hatte. Dann schnappte schwache Vernunft und grelle Verunsicherung wieder dazwischen und erinnerte mich, dass ich kein Stimmrecht in dieser Sache besaß, wenn auch aus ganz anderen Gründen, als Tony sie anführte, schließlich konnte ich ihm nicht vorschreiben , den Verkauf des vielleicht modernsten und ikonischsten Wolkenkratzers Manhattans zu canceln, nur weil wir uns als blutsverwandt herausgestellt hatten und ich neuerdings von seinem Wohlstand profitierte. Ich besaß absolut kein Anrecht auf den vermaledeiten Avengers Tower, noch darauf Tony Stark zu diktieren, wie er seine angesammelten Milliarden verwendete und platzierte und wie nicht .

Ein Eingeständnis vor mir selbst, das umgehend raue, machtlose Enttäuschung in meine Blutbahn pumpte und mein Schweigen zementierte.

Gerade, als wir das Ende der dicht beholzten Wright Road erreichten und wieder auf die wesentlich breitere Depot Road abbogen, rief Daphnes Mum an.

Tony nahm über den Bordcomputer ab. „Hi, Samantha, wir sind auf dem Weg.“

„Wie weit entfernt?“

„Zehn Minuten, vor … Runnells Bridge.“

„Das passt … Daphne dachte, Sola mag vielleicht in den Mine Falls. Sie waren früher ständig dort.“

Tony sah zu mir.

„Der Staudamm“, bemerkte ich so knapp und kehlig, dass er prompt seinen Blick wieder von mir löste.

„Jesiah kann die Kinder später aufsammeln und nach Hause fahren“, setzte sie nach, vielleicht, weil Tony nicht umgehend reagierte. „Er gibt heute keine Abendkurse, es würde für ihn passen. Falls nichts dagegenspricht …“

„Wo genau?“

„Am Torhaus. Zwischen dem Stellos Stadion und dem Police Department. Sola kennt es.“

Wieder sah er zu mir. Ich reagierte nicht weiter.

Tony atmete aus. „Geht klar, ich setze sie ab.“

Als er auflegte, sackte wiederholt Schweigen über uns. Ich sah ihn schlucken, langsam wie in unwilliger Akzeptanz meiner Funkstille.

Kaum, dass wir auf dem Bootsparkplatz hinter dem Skatepark hielten, löste ich meinen Gurt.

Vom Stadion hallten die kurzen Pfiffe eines Football-Trainings herüber, auf den Skateboard-Rampen schürften Rollen über Beton und ganz nahebei, fast schon irrsinnig vertraut, rauschte und gluckerte der Flussstaudamm meiner Kindheit.

Lau zweifelnd zog Tonys Blick über die welkenden, krummen Eschen am Flussufer und das trübe Wasser nahe des betonierten Bootsanlegers, ehe er wenig imponiert zu dem erdigen Pfad weiterglitt, der den Beginn des Wanderwegs in den bewaldeten Park markierte und von exakt derselben zwielichtigen Stadtwildnis wisperte, wie sie unsere Fahrt zurück vom Silver Lake bereits präsentiert hatte.

Es gefiel ihm nicht, mich ausgerechnet hier zurückzulassen, das begriff ich sofort, auch wenn er sich jeden Kommentar in angestrengt bedeckter Stille verkniff.

Gut .

Bitterlich schweigend griff ich nach dem schmalen, verchromten Türgriff.

„Armband bleibt dran“, erinnerte er, unverändert um einen lockerflockigen Unterton bemüht. „Verliert FRIDAY den Kontakt und wird hieraus ein Missing 411 , bin ich schneller in der Luft und mache eine Szene, als du die Vokale wiederfindest, klar?“

Drauf und dran die Tür hinter mir zuzuwerfen, stieg ich ruckartig aus, entschied mich im letzten Moment dagegen, ließ sie stattdessen sperrangelweit offenstehen und stapfte davon.

Sein säuerlich prompter Hey! -Ruf blieb von mir unbeantwortet.

Als Tony ausstieg, beschleunigte ich meine Schritte und brachte hastig genug Sicherheitsabstand zwischen uns, um noch einen kurzen, derb finsteren Blick über die Schulter hinterherzusetzen.

Mein Funkeln traf auf unleserliches Schweigen, als er den Wagen umrundete, meine Tür wenig beeindruckt zuwarf und zur Fahrerseite zurückkehrte, nicht jedoch ohne mir einen letzten innig wertenden Blick zuzuwerfen.

-/_\-

Daphne stieß beinahe die Thermoskanne um.

Kaum, dass ich sie auf einem der mit Graffiti besprühten Felsen am Flussufer entdeckte und sie mich herannahen bemerkte, sprang sie über die Steine, versetzte dem kleinen Aluminiumgefäß einen bedrohlich klingenden Stoß gegen die Felskante, spurtete auf mich zu und fiel mir glückschnaufend um den Hals. Mein linker Sneaker rutschte auf dem losen Ufergeröll unter mir weg und vermutlich nur unserer beider Surferbalance war es zu verdanken, dass es mir noch in letzter Sekunde gelang, uns beide zu stabilisieren. Zufrieden japsend drückten wir uns und murmelten unzählige sich wirr wiederholende Begrüßungen, nur um uns gleich wieder um den Hals zu fallen und glucksend die Luft abzupressen.

Einen taumelnd kurzen Augenblick schien alles wieder normal.

Ich vergaß den Avengers Tower. Ich vergaß Tony. Sogar ihre Gräber.

Alles daran verging wie ein Spuk.

Das Rauschen der Wasserfälle entlang der industriellen Staudammflanke war lauter und lebendiger als ich in Erinnerung hatte, als ich Daphnes buntem Boho-Mantel schlussendlich zu den in verblassendem Pink und Gelb und Eisblau besprayten und getaggten Felsen hinabfolgte.

Schon seit wir die ersten Nachmittage ohne Erwachsene alleine im Mine Falls Park hatten verbringen dürfen, war es zu unserem instinktiven Treffpunkt geworden. Genau hier hatten wir heimlich Hausaufgaben füreinander in den Fächern erledigt, die der andere nicht mochte, hatten kleinere Staudämme nach Vorbild des L-förmigen Originals aus Flusskieseln gebaut, Pläne geschmiedet, im Winter Eisschollen geschlagen und sie in lustigen Wettkämpfen in unseren Händen tauen lassen, bis sie zu schmerzen begonnen hatten, und viel zu oft miteinander grellbunte Silly Bandz in all ihren Formen und Farben getauscht oder einander geschenkt.

Zwei der bunten, wild verdrehten Silikonbänder ruhten auch jetzt noch an Daphnes Handgelenk. Ich kannte sie. Das eine senfgelb, im Urzustand die Silhouette eines Seepferdchens, für das ich irgendwann fast alle meine eigenen gesammelten Bänder eingetauscht hatte, um es ihr zum Geburtstag zu schenken, und das andere kirschrot in der Umrissform von Iron Man – ein geschwisterlicher Liebesbeweis von Louis von vor gut drei Jahren, den er dutzende Male in aufgebauschten Wutausbrüchen von Daphne zurückgefordert hatte, nur um sein Geschenk nie wirklich zurückzunehmen.

Direkt dazwischen platziert das Armband, das ich ihr vor knapp drei Wochen aus Berlin mitgebracht und per Brief zukommen lassen hatte, wie ich im selben Zuge bemerkte.

Froh, dass es ihr genauso sehr gefiel, wie ich gehofft hatte, spürte ich kurze Erleichterung durch mich hindurchstreifen, die mich unweigerlich auch daran erinnerte, dass es zuletzt ums Zehnfache schwieriger geworden war, mir dessen vollends sicher zu sein, jetzt da wir unsern Alltag fast ausschließlich nur noch in dicht komprimierter Dosis über Bildschirme und Chats miteinander teilten.

Ihre strahlend hellen Haare trug sie heute zusammengebunden auf ihrem Kopf in unordentlichem Dutt – auch das, eine neue Angewohnheit, die mir zuletzt schleichend aufgefallen war – deshalb flimmerten nur ein paar lose Strähnen in der kühlen Herbstbrise um sie herum, als sie sich nach der Thermoskanne bückte und sie aufhob.

„Mum hat Lou Kakao gemacht. Sie dachte, du willst vielleicht auch welchen ... zum Aufwärmen, nach dem Friedhof … du weißt schon …“

Ich nickte. „Ja, umm … Lieb von ihr.“

Lau verschworen hob sie die Mundwinkel und die irre Vertrautheit dieses Anblicks besänftigte umgehend wieder meine Nerven. „Sie hat ihn für dich gemacht. Das mit Lou sollte ich bloß sagen, damit du nicht denkst, dass du traurig sein musst .“

Ich schmunzelte vage, fast ein bisschen ertappt.

Noch während Daphne die Kanne aufzuschrauben begann, sackte sie auf einen der Felsen. Sie goss den dampfenden Kakao in den Deckel, nippte knapp testend daran, hob die Mundwinkel und reichte ihn mir weiter, kaum dass ich mich neben ihr auf dem kalten Stein niederließ.

Kleine Windböen schüttelten das verbliebene Laub über unseren Köpfen.

„Wie war’s?“, erkundigte sie sich etwas stiller und zog die Knie an.

„Am Edgewood?“ Ich schluckte. „Scheiße …“

„Sie waren da, huh ?“

Abwesend nickend hob ich die Schultern und nippte meinerseits an dem heißen, schokoladigen Gebräu. „Dad hat sie bezahlt, damit sie die Fotos nicht verkaufen.“

Daphne krümmte die Braue. „Wow, muss teuer gewesen sein.“

„Keine Ahnung. Bestimmt.“

Unzufrieden ließ ich meinen Blick gleiten und sah zu dem strudelnden Wasser an ihren angezogenen Beinen vorbei.

Hinterher zu setzen, dass es trotzdem eine Qual gewesen war, einfach nur dazustehen und zu akzeptieren, dass sie mir keinen Frieden ließen, nicht einmal am Grab meiner Familie, schien überflüssig. Daphne verstand, was in mir rumorte.

„Gute Idee“, wechselte ich lau das Thema. „Uns hier zu treffen.“

Zustimmend grinste sie. „Hiervon wissen sie nicht.“

„Noch nicht.“

„Jaah, aber selbst dann, wird‘s lustig“, hob sie die Schultern. „Vielleicht will ich sie hier wie auf Safari herumpirschen sehen? Vielleicht fällt einer ins Wasser … Das könnten wir zur Abwechslung teilen.“

„Oder sie klettern auf den Damm und fotografieren uns einfach von dort oben“, dämpfte ich prompt ihre irrational gute Laune.

„Dann ruft jemand die Cops.“

Amüsiert hob ich die Mundwinkel. „Jemand?“

Ihre Iris begann zu funkeln und es lag nicht an der mild hervortretenden Herbstsonne. „Irgendjemand, der weiß, dass es Privatgelände ist und das Revier super nah dran, zum Beispiel ...“

Glucksend schüttelte ich den Kopf. Ich ließ meinen Blick zum Damm zurückschweifen. „Wann wart ihr das letzte Mal oben?“

„Ist ein paar Wochen her.“

Leise herausfordernd verdrehte ich die Augen, nippte an dem Kakao und sah erwägend zum kleinen Flussdammgebäude mit seinen hydraulischen Turbinen und Generatoren weiter. Das einfache Drahtgittertor schien wie so oft nicht wirklich abgeschlossen. Und falls doch, gab es immer noch den Weg über die Sohlrampe. Der Wasserpegel war hoch. Nicht tief genug für einen vollkommen trockenen Weg über den Überlauf, aber zumindest für einen adrenalinkurzen Balanceakt durchs inzwischen sicher sehr kalte, knöchelstauende Wasser, das sich über die Oberkante der Rampe ergoss. Im Sommer eine kühlende Spaßaktion, war es nun im Herbst mit knapp fünf Grad Celsius über dem Nullpunkt eher ein ordentlicher Kältekick, aber lustig war es immer.

„Vergiss es“, verdarb Daphne meine Tagträumerei. „Wir machen es nicht mehr …“ Unzufrieden verzog sie die Miene. „Letztens wurden ein paar Leute verhaftet, nicht bloß heimgefahren. Richtig mit Polizeiakte, Kaution und Gerichtstermin, das ganze Programm …“

Überrascht sah ich sie wieder an. „Die Cops sind ihnen hinterher?“

„Sie waren noch da, als sie aufgetaucht sind … Ich glaub, sie hatten Bier dabei. Einer ist angeblich vom Steg auf den Wall runtergeklettert und fast runtergefallen. Danach gab es eine Elternversammlung in der Schule. Seitdem fahren sie hier auch wieder Streife.“ Daphne zögerte. „Es waren Seniors. Zwei von ihnen haben wegen der Sache ihre College-Zusage verloren und müssen sich jetzt irgendwo anders bewerben und die Fristen sind eigentlich überall bereits abgelaufen.“

„Shit …“

Daphne und ich waren in den vergangenen Jahren nie bei unseren semi-legalen Kletterpartien auf und über den Damm festgesetzt worden. Zwar hatten uns Mitarbeiter der Dammverwaltung ab und zu auf dem Steg oder niederen Wall entlang der Sohlrampe erwischt, aber wir waren immer so schnell wieder zurück in den Park abgehauen, dass keine der gerufenen Deputys sich jemals die Mühe gemacht hatte, uns tatsächlich nachzusetzen, um eine Verwarnung auszusprechen oder uns heimzufahren und für die ganze Nachbarschaft sichtbar unseren Eltern zu übergeben, wie es ein paar weniger glücklichen Mitschülern hin und wieder ergangen war.

Wirklich verhaftet worden war bislang niemand, der dort oben nicht auch randaliert oder gesprayt hätte. Dass sich irgendwer aus dem örtlichen Revier diese Mühe machte, war überraschend. Dafür war es schlicht zu zugänglich und seit Jahrzehnten als Mutprobe unter Jugendlichen der Gegend zu beliebt, als dass es irgendjemanden außerhalb der Dammverwaltung wirklich kümmerte. Und selbst diese drückte meistens beide Augen zu, sobald man sich verdünnisierte.

Nashua veränderte sich.

Natürlich tat es das. Alles veränderte sich.

Ständig.

Daphne begann in ihrem schmalen Rucksack zu wühlen. Wir waren beide still geworden. Als sie ein gefaltetes Papier hervorzog und widerstrebend auf den Knien positionierte, ließ ich die Aluminiumtasse Kakao unversehens sinken.

Es war ein Papierschiff, konstruiert aus einer anscheinend herausgerissenen Magazinseite und dicht in ihrer eigenen Handschrift beschriftet.

Nur war es mehr als nur das.

Für uns beide jedenfalls.

Etabliert hatte es sich nach unserem großen Streit; dem einen vor ein paar Jahren, der allen Beteiligten im Gedächtnis geblieben war. Nachdem Mum mich damals bei ihr aufgesammelt und mir versichert hatte, dass Daphne mich nicht über ihr anstehendes Wochenende belog und sie ihren Dad tatsächlich in Delaware besuchen würde, hatte ich mich zu gleichen Teilen scheußlich wie verraten gefühlt. Wir hatten uns nie zuvor in die Haare bekommen, nicht so heftig und real wie an diesem Tag. Selbst Mum hatte sich davon beunruhigt gezeigt, ich hatte es ihren ungewöhnlich konzentriert gewählten Reaktionen abgelesen. Sie war es, die vorgeschlagen hatte, dass ich Daphne einfach kurz nochmal anrief, sobald wir daheim waren, um mich zu entschuldigen und die Sache – dieses Missverständnis , was eigentlich einem viel tieferen Quell der Verunsicherung entsprungen war – zu begraben. Nach meinem bitteren vorgezogenen Aufbruch war ich jedoch zu feige gewesen und etwas in mir unverändert irrational sauer. Also hatte ich den ganzen restlichen Tag stattdessen eine Seite meines Collegeblocks mit Gedanken, sinnlosen Mustern und nur sehr halbherzigen Versöhnungsansätzen vollgekritzelt.

Als ich mich dann viele Tage später bei Daphne genau hier am Fluss entschuldigt hatte, hatte ich diese Seite mitgebracht, zu nervös und noch immer zu überfordert, um meine ganzen beschämten Gedanken wirklich spontan vorzubringen, auch wenn die Wut zu diesem Zeitpunkt längst vergoren war. Später hatten wir ein Papierschiff daraus gebastelt und es gemeinsam beim Kampf gegen die Stromschnellen und dem unausweichlichen Versinken beobachtet, versöhnt und doch irgendwie tiefgreifend verändert.

Seitdem war es zu unserem Ritual geworden. Wir bastelten Papierschiffe und brachten sie einander, wenn wir etwas zu beichten oder zu verzeihen hatten, manchmal nur aus reinem Witz oder halbernster Entschuldigung lange nach der eigentlichen Sache, aber dann und wann doch aus einem ganz und vollkommen ernstem Geständnis heraus.

Es war zu unserer Art geworden, einander zu sagen, dass es uns leidtat.

Dass wir uns immer noch liebten und hofften, der andere tue es genauso.

Ich schluckte. „Dev, was …“

„Deshalb sind wir eigentlich hier“, gestand sie still. „Wir haben es immer hier gemacht, also dachte ich, ich warte ab, bis du hier bist. Wäre irgendwie nicht dasselbe am Bildschirm, oder?“ Ihre Stimme versackte in unzufriedener Schuld. „Ich meine, es gibt sowieso nicht viel zu sagen, richtig? Er ist ein Arsch. Das wussten wir. Wir hätten einfach nicht mit ihm reden sollen. Tut mir leid.“

Lau beunruhigt schluckte ich nochmals. „Geht es um deinen Dad? Um diesen Artikel?“

„Seine dummen Interviews, die Paparazzi … Hätten wir nicht mit ihm gesprochen-“

„Er hätte es trotzdem getan“, unterbrach ich leise. „Ihr habt ihn nicht auf die Idee gebracht, Dev.“

„Aber ohne uns, hätte er nichts gewusst“, widersprach sie. „Er hat unsere StarkPhones gesehen. Lou hat über deinen Dad gesprochen; dass er wegen dir jetzt Iron Man persönlich kennt, vielleicht irgendwann noch andere Avengers trifft und dass Mum und ich so viele von ihnen schon getroffen haben, bei deinem Geburtstag … dass ich wochenlang mit Hawkeye in Malibu war, und --- er hat von der September Foundation erfahren, dass mein College komplett aus dem Stiftungsfonds finanziert werden wird-“

„Dev, das meiste, was er in dem Artikel behauptet hat, war Schwachsinn. Er hat es dargestellt, als hättet ihr wegen Tony keinen Kontakt mehr zu ihm. Als würde Dad euch bestechen oder unter Druck setzen, damit wir weiter befreundet sein können …“

„Ich weiß, aber es war nur so glaubwürdig, weil er diese ganzen Sachen wusste.“

„Niemand hat es geglaubt.“

Noch in der Sekunde, in der ich es sagte, wusste ich, dass ich uns beiden etwas vormachte.

Es gab tausende Menschen, die es ihm abgekauft hatten. Josh Balmeda war eine gute Woche lang von unzähligen Morgenshows zu Abendshows getingelt. Sogar Jimmy Kimmel hatte dem reißerischen Artikel einen ganzen unterhaltsamen und herzlich augenzwinkernden Monolog gewidmet, der noch dazu von so einer pikanten Note Superheldenkritik und unterhaltener Skepsis gegenüber Tonys skandalträchtiger Historie gewürzt gewesen war, dass ein kleiner Teil von Josh Balmedas Darstellung durchaus wahre Züge anzunehmen begonnen hatte, auch in meinem Kopf.

Es gab Menschen da draußen, die ihm jedes Wort glaubten.

Es gab sie, die Menschen, die Tony hassten, berechtigt oder nicht. Ich hatte sie kennengelernt.

Es gab sie überall . Von Malibus Stränden bis zum UN-Sicherheitsrat.

Und sicher, Josh Balmeda hatte ihnen nur eine weitere Quelle für ihr seit teils Jahrzehnten loderndes Feuer erschlossen. Er fächelte den Flammen mit Schmierblättern zu, um seine eigenen wenigen Minuten Berühmtheit zu genießen.

Aber all das war nicht Daphnes Schuld.

„Er hat sich diese Story erst ausgedacht, als er kapiert hat, dass es ihm nichts bringt, dass wir Kontakt zu euch haben, und ich nicht mit der Presse sprechen werde“, fuhr Daphne düster fort. „Nur zu den Bildern aus Malibu hätte er nichts groß erzählen können. Er wusste so viel wie jeder andere. So gut wie nichts. Diese bescheuerte Story konnte er sich nur zusammenreimen, weil wir Zeit mit ihm verbracht haben, als er hier aufgetaucht ist. Klar, ich hab aufgepasst, ich hab Coup, Nathy und Lila vor Dad nie erwähnt, so wie wir es mit Clint besprochen haben, damit niemand sonst erfährt, wer sie sind, aber wir hätten überhaupt nicht mit Dad sprechen sollen, ihn einfach direkt wieder abblitzen lassen sollen, als er hier aufgetaucht ist. Nur deshalb hatte er genug zu erzählen, Sol, und nur deswegen ist die Presse durchgedreht und euch überall hin gefolgt.“

„Euch auch“, erinnerte ich. „Sie belagern euch immer noch.“

„Ja, aber ihr hattet bereits Stress wegen der Sache in Deutschland und dem Abkommen und … dem Raft und allem, was passiert ist. Wir haben es noch schlimmer gemacht.“

„Wenn er es nicht ausgenutzt hätte, hätte es irgendjemand anderes getan. Du hast die Berichte nach D.C. gesehen, sie haben alles Mögliche über Dad behauptet …“ Ich nahm ihr beiläufig das Papierschiff aus der Hand, legte es zwischen meine Fingerspitzen und begann es sacht zu rotieren. „Sie schreiben ständig Mist, Dev. Selbst, wenn wir ihnen nichts liefern, stellen sie früher oder später Theorien auf und setzen Gerüchte in die Welt, sagt Erin. Dad ist zu berühmt. Die Menschen wollen von ihm lesen.“ Kurz setzte ich aus. „Ich mein‘, sieh dir Jessy an … Macht also gar keinen Unterschied. Es ist Tony, okay? Er ist es. Er gibt ihnen immer etwas zu diskutieren. Da wird sich nichts ändern. Er ist Iron Man. Ein Milliardär, der zufällig auch noch ein verdammtes Genie ist, jedes halbe Jahr einen neuen technischen Durchbruch feiert und eine waschechte Alien-Invasion verhindert hat?“ Angespannt entließ ich die Luft. „Sie werden nie aufhören, über ihn zu schreiben. Er wird nie aufhören, das zu sein, Dev.“

Daphne stierte geradeaus und schob ihre Beine über die Steine von sich. Sie nickte.

Nachdenklich beäugte ich das gefaltete Papier zwischen meinen Fingern. „Hast du einen Stift?“

Sie hob eine Achsel und hob ihren Rucksack wieder auf.

„Mum macht es irgendwie Angst …“, bemerkte sie, als sie mir einen schwarzen Filzstift reichte. „Sie wird jetzt überall auf Tony angesprochen, sogar bei Walmart. Letzte Woche, als die Fernsehteams vor unserem Haus standen, sagte sie, sie kann sich nicht vorstellen, wie es für dich sein muss. Irgendwie Alltag, klar, aber … na ja, sie macht sich Gedanken deswegen, glaub ich.“

„Wegen der Paparazzi?“

Daphne hob die Schultern. „Sie weiß von Happy und Erin. Aber ich glaub, sie checkt gerade erst richtig, was dieses Jahr bei dir los war. Theoretisch wusste sie es, ich hab ihr von allem erzählt und im Fernsehen wurde auch andauernd über euch berichtet, aber jetzt weiß sie selbst, wie es ist. Sie sagte gestern, dass das nicht Okay ist, dass sie dir überall auflauern und dich nicht einmal in Ruhe zur Schule gehen lassen.“

Daphne verstummte und verfolgte, wie ich dumpf schweigend meinen kleinen sauberen Schriftzug über die gefaltete Reling des Papierschiffs abschloss:

Tut mir leid, dass ich so oft absagen musste.

Still nahm sie mir Stift und Papierschiff aus der Hand und begann selbst zu schreiben:

Sorry, hab nur M&M’s dabei.

Prompt gab ich mich empört.

„Hab’s gerade gesehen“, gestand sie knapp. „Hab die falsche Tüte eingepackt. Die mit Cookie Dough ist noch zu Hause. Das ist Mum schuld. Es macht sie total irre, dass ihr heute bei uns übernachtet. Sie hat mich vorhin gezwungen, die Couch mit so einer Fusselrolle sauber zu machen. Du weißt schon, diese Klebestreifen, ein bisschen wie die, die Jessys Dad immer neben dem Schuppen gegen die Mücken hängen hat, nur eben … für Tierhaare und alles …“

„Ich glaub, die Bartons haben so etwas“, entsann ich mich vage. „Lag bei ihnen in der Schublade im Flur.“

Daphne runzelte die Stirn. „Coup hat nichts von Tieren erzählt.“

„Sie hatten keine. Zumindest nicht auf der alten Farm ...“

Sie hob die Schultern. „Jedenfalls hat Mum dieses Teil extra besorgt, um sicherzugehen, dass es nicht einmal einen Krümel irgendwo zwischen den Polstern gibt. Und Lou hat sie vorhin rausgeschickt, um die Veranda noch einmal mit dem Schlauch abzuspritzen, obwohl sie sie gestern erst sauber gemacht hat.“

Die mehr als offensichtliche Fehlstrategie, ausgerechnet Louis einen endlos geladenen Gartenschlauch zu überantworten, ließ mich fest glucksen.

Daphne bestätigte meinem Verdacht: „Wir haben jetzt Seeblick.“

„So schlimm?“

„Und wie.“ Ihre Mundwinkel hoben sich in dunkler Belustigung. „Keine Ahnung, wie lange Lou das Wasser laufen lassen hat … Da ist jetzt ein richtiger Schlammteich vor der Veranda. Ich dachte kurz, Mum wirft seine Switch rein, als sie es gesehen hat.“

Mein knappes Lachen ging im Rauschen der nahen Stromschnellen unter.

„Er hatte noch den genialen Einfall, es mit einem Eimer ab zu schippen, hat damit alles aber nur noch matschiger getreten. Jetzt sieht die ganze Wiese aus wie die Everglades. Richtig übel, ehrlich.“ Belustigt reichte sie mir Stift und Papierschiff zurück.

Ich begann einen etwas unproportionalen Alligator zu skizzieren, was sie fest lächeln ließ.

„Es gibt aber Pizza. Und wir haben frische Whoopie Pies. Mum hat sie selbst gemacht.“

Ich strahlte auf, denn ich hatte seit Monaten keinen wirklich guten Whoopie Pie mehr gehabt, wie ich ihn in New Hampshire früher eigentlich wöchentlich konsumiert hatte.

„Sie wollte sie erst kaufen.“

„Wieso das? Ihre sind richtig gut.“

„Lampenfieber, vergessen?“

„Sie kennt Tony“, wandte ich vage verwirrt ein. „Ihr wart an meinem Geburtstag bei uns. Und sie telefonieren ständig, wegen Gramps, wegen der Presse, wegen heute ...“

„Ja, aber Dads Aktion und dass Tony uns letzte Woche extra Security schicken musste, nur damit wir überhaupt noch irgendwohin gehen können, war ihr echt peinlich.“ Daphne zögerte. „Außerdem hat sie gesehen, wie ihr in New York lebt ... Mum räumt ständig auf, aber das hat sie echt beeindruckt. Sie flüstert , wenn sie sich erinnert, wie perfekt alles aussah.“

„Okay, ja, am Anfang haut es einen um ... Aber es ist alles maßgeschneidert und sonderangefertigt und durchkonzipiert. Und wir machen auch nicht selbst sauber, außer vielleicht mal in der Küche.“

„Hab ich ihr auch gesagt.“

„Es kommt eine richtige Service- Einheit , wenn wir nicht da sind. Fürs ganze Penthouse. Tony schiebt ständig etwas hin und her oder wischt etwas ab, aber das ist nur so ein Tick. Meistens denkt er dabei über etwas nach. Ich weiß, er tut so, als hasse er es, irgendwo Krümel oder Geschirr herumliegen zu sehen, aber im Labor ist manchmal die ganze Spüle voller Murks und es interessiert ihn nicht, bis Dum-E anfängt darin herumzuwühlen. Pepper musste sogar Werkzeuge aus dem Penthouse verbannen, weil er alles Mögliche herumliegen lässt, wenn er gerade im Workflow ist. Ist wie bei einer Katze, so eine Art Reflex. Zwei Minuten Putzzwang und dann vergisst er es wieder.“ Ich verdrehte die Augen. „Ehrlich, sag ihr, wir machen nicht einmal unsere Wäsche selbst. Wir werfen die Sachen einfach in den Schacht. Ein paar Etagen tiefer haben wir eine eigene Wäscherei. Sie falten und trocknen und bügeln alles und hängen es sogar zurück in die Schränke, auch für Gäste. Genau wie in Malibu. Rhodey bringt seine Anzüge manchmal extra mit, wenn er offizielle Termine hat, nur damit sie sie perfekt in Form bringen …“

Etwas Winziges in mir zwickte. Er hatte es, korrigierte mein Verstand. Vor Leipzig, als er noch fröhlich bei uns ein- und ausspaziert war.

Schlagartig kehrte der zähe Strudel Ärger und Unruhe zurück, der kurzzeitig von Daphnes Gegenwart und unserer heimischen Stelle an Nashuas ikonisch kleinem, energiespeiendem Wasserreservoir betäubt worden war. Der geplante Umzug nach Upstate, mit dem Tony mich gerade erst überfahren hatte, überrollte mich erneut.

Anscheinend spürte Daphne meinen Stimmungswechsel, denn ihre sacht amüsierte Miene fiel in eine verhalten aufmerksame Ruhe zurück.

„Dad verkauft den Tower“, hörte ich mich knapp bemerken.

Überrascht hob sie den Kopf.

„Wir ziehen um ... Er hat es mir eben gesagt.“

„Nach Malibu?“

„Raus nach Upstate.“

Nur noch verblüffter zog sie die Brauen zusammen. „Ihr zieht ins Hauptquartier?“

Ich nickte. „Schon nächstes Wochenende. Erstmal wir beide und irgendwann später dann auch SI.“

Vielleicht, weil sie spürte, welchen noch dampfenden Krater diese Aussicht in mir hinterließ, wurde sie still.

Ein vage bitteres Schnauben sackte aus meiner Kehle. „Das hat er letzte Woche beschlossen, Dev. Einfach so.“ Ich schluckte. „Er sagt, für mich ändert sich nichts. Dabei ändert sich … einfach alles.“

„Musst du auf eine andere Schule?“

Ich schüttelte den Kopf. „Er sagt, ich kann weiter zur Midtown. Das klappt. Keine Ahnung, wie. Vermutlich irgendeine Hybrid-Lösung oder so was, damit ich nicht jeden Tag vier Stunden unterwegs bin …“

„Immerhin“, bemerkte sie leise.

„Das ist scheiße, Dev“, widersprach ich mutlos.

Sie senkte den Blick auf die kleinen Kieselsteine und Felsspalten zu unseren Füßen, als wisse sie dies insgeheim genauso gut wie ich.

„Ich hab --- keine Ahnung, ich hab gerade angefangen, mich irgendwie zuhause zu fühlen und … dann ist dieser ganze Mist losgegangen und jetzt ...“ Ich brach ab. „Er verkauft bloß, weil alles schiefgelaufen ist. Mit den Avengers … Und mit Pepper. Ich weiß es, okay? Der Tower war ihr Ding. Sie haben ihn zusammen hochgezogen. Und dann nochmal , nach der Schlacht gegen die Chitauri. Er hat so viele Immobilien, überall auf der Welt, die er nie besucht; FRIDAY hat es mir gezeigt. Aber ausgerechnet den Tower verkauft er vollkommen spontan, obwohl es SIs wichtigster Standort an der Ostküste ist? Er verkauft ein autarkes Penthouse in Manhattan, nur zehn Minuten vom UNO-Hauptquartier entfernt, obwohl er jetzt ständig vor die UN geladen wird? Wirklich? Das ergibt keinen Sinn, Dev. Er verkauft den Tower bloß --- wegen der Sache in Sibirien! Wegen dem, was Steve getan hat, und Nat und … Peppers Apartment --- weil alles jetzt irgendwie --- vorbei ist.“

„Vielleicht.“ Daphne zögerte sacht. „Aber das ändert nichts, oder? Er verkauft ihn.“

Ich nickte und schüttelte den Kopf gleichzeitig, in wirr überzeugter, kurzzeitig überforderter Vehemenz, stierte dann bloß nur noch bitter machtlos zum Dammgebäude hinüber und schürzte die Unterlippe in dichtem Frust.

„Ich hab die Tür offenstehen lassen“, gestand ich nach einer langen Sekunde. „Als ich eben ausgestiegen bin.“

Dumpf, wenn auch eine Spur beunruhigt prustete sie. „Was …?“

„Keine Ahnung, ich dachte, das ärgert ihn ...“ Meine Stimme sank. „Sah aus, als hätt’s geklappt.“

Die kurze Genugtuung verflog, noch während ich es Revue passieren ließ und mir lau bewusstwurde, dass es eigentlich nichts anderes als frech gewesen war. Okay, ja, stolz machte es mich nicht, diesem kaltschnäuzig neuen Impuls nachgegeben zu haben, auch wenn irgendetwas in mir nach wie vor dazu drängte, Tony spüren zu lassen, was ich von dieser neuesten sogenannten Lösung hielt.

Diese kleine dreiste Aktion würde ihn jedenfalls ganz bestimmt nicht sämtliche Umzugspläne umschmeißen lassen. Dass er sich erstmal nicht weiter dazu geäußert und mich einfach ziehen lassen hatte, bedeutete gar nichts. Er mochte sich noch bald genug für meine freundliche Geste revanchieren.

Ich schluckte.

Vielleicht kostete es mich meinen Wavepool.

Ich glaubte es nicht. Nicht wirklich. Nicht … angesichts allem. Immerhin machte mein geplantes Weihnachtsgeschenk und die damit verbundene Aussicht, in Upstate zukünftig jederzeit aufs Surfboard steigen zu können, alles an diesem Umzug eine Spur schmackhafter für mich – oder so schien er zumindest zu hoffen.

Aber wir sprachen von Tony.

Er war erwiesenermaßen ausgezeichnet darin, sich immer noch einmal selbst zu überbieten.

Der Fels, auf dem wir saßen, war so kalt, ich verlor das Gefühl in meinem Hintern. Vielleicht ging es Daphne ebenso, denn unversehens griff sie mir das Papierschiff aus der Hand und nickte in Richtung Damm. „Ich hab niemanden gesehen. Du?“

Ich sah auf. „Am Dammgebäude? Nein.“

„Also … versuchen wir es drüben?“

Überrascht hob ich eine Braue. „Du willst doch drauf?“

Vage versucht und zugleich unbekümmert genug, um jeden Zweifel an ihrem auffällig spontanen Motivationswechsel für mich zu zerstäuben, hob sie die Schultern. „Nicht richtig drauf.“ Sie hob einen Mundwinkel. „Aber … kurz auf den Überlauf? Da kommen wir schnell wieder weg.“ Ihre brillanthelle Iris schimmerte auf. „Hat bisher immer geklappt, oder?“

Ich lächelte.

Hatte es.

-/_\-

Wir begnügten uns damit auf den äußersten, leicht erhöhten Rand des Überlaufs zu steigen, denn für ein bitterkaltes Fußbad war ich dann doch schon etwas zu lange im Freien und der Nachmittag zu frisch.

Das Reservoir war bis zur Oberkante gefüllt und das Wasser rauschte über die Kante in glattem Schleier die knapp zwei Meter lange Wasserrampe hinab.

Angekommen, sank ich in die Hocke und hielt drei lange Sekunden meine Finger hinein.

Es war genauso kalt, wie ich erwartet hatte. Ein wohlig rauer Schauer überkam mich, das Singen dutzender, tief eingefleischter Erinnerungen, die unvermutet bis in mein Bewusstsein hinaufsprudelten.

Als ich Daphne unversehens ein paar kalte Tropfen ins Gesicht schnippte, brach auch ihr stummglückliches Grienen. Sie japste auf.

Wir spaßten eine Weile rum, genossen den exklusiven Ausblick über die vielen kleinen Fälle des vor uns liegenden Flussbetts und ließen uns die zurückgebundenen Haare von der steten Windbrise zerwühlen, ehe wir das Papierschiff mit viel vorgegaukeltem Pathos zu Wasser ließen und seiner schnellen Reise die Sohlrampe hinab in die Strudel und Schnellen nachsalutierten.

Es hielt sich nur kurz an der Oberfläche und sank bereits an der ersten Felsbarriere, was einem historischen Reinfall gleichkam und zwischen uns umgehend eine Debatte über das verwendete Hochglanzmagazinpapier lostrat, das Daphne mir weiterhin – trotz der soeben bezeugten nautischen Katastrophe der MS Alligator Tears – als erstklassiges Marinematerial verkaufte.

„ Hey , was macht ihr da?“, bellte es plötzlich vom Aufsichtssteg und durchbrach unsere kleine Eskapade. „Habt ihr etwas an den Augen? Runter da! Betreten verboten !“

Unsere Blicke schossen empor.

„Shit.“ Daphne und ich sprangen zurück auf die Beine.

Abrupt griff ich ihren Ärmel. „Weg hier“, stieß ich sie hastig voran. „Lauf. Schnell, lauf .“

Wankend eilten wir über die Kante zurück, während der Mann der Dammverwaltung sich noch fluchend und schimpfend ein altes Walkie-Talkie griff und eindeutig irgendeine grunzend ungeduldige Meldung absetzte. Das nasse Laub auf dem Betonblock ließ meinen rechten Fuß schlittern und beinahe über die Kante der Sohlrampe ausbrechen und raubte mir für eine volle Sekunde das Gleichgewicht, während wir im Eiltempo über die wenige Zentimeter breite Überlaufkante aufs Ufer zuhielten, aber ich fing mich gerade noch an Daphnes Rucksack ab, ehe wir auch schon die wenigen Felsen hinabsprangen und den steilen Erdhügel direkt in den Wald hinaufspurteten.

Meine Schuhe verschlammten auf dem Weg empor fast vollständig, als wir erstickt schnaufend, glucksend und kichernd vor Stress unserem altbekannten Fluchtpfad dahinsprinteten und zwischen den halbkahlen Bäumen untertauchten.

„Denkst du, er hat die Cops gerufen?“, erkundigte ich mich seicht außer Atem, als wir irgendwann einen etwas entfernten Wanderweg erreichten und wieder in einen leichten Trab und von dort weiter in einen auslaufenden Schritt verfielen.

Daphne nickte. „Ich sagte ja, sie machen ernst …“

Vage murmelnd warf ich einen Blick über die Schulter zurück. „Shit ...“

Daphne packte mich am Ärmel und schob mich wieder vom Wanderweg herab und einen unserer alten Trampelpfade entlang zielversiert durchs Gestrüpp. Umgehend versackte mein Adrenalin wieder.

Meine Stimmung schoss katapultartig in die Höhe.

Wir schlenderten ungefähr eine Viertelstunde durchs Unterholz, folgten schließlich einer der Brücken ans andere Ufer zurück, sondierten nahe der Bootsparkplätze kurz die Lage, während wir uns an ein paar Felsen den gröbsten Schlamm von den Schuhsohlen kratzten, und spazierten schließlich merklich entspannter in Richtung Skatepark zurück, wo wir auf Jessy und Sid trafen, die uns bereits erwarteten.

Jessys Blick wanderte mein dreckiges Knie und meine erdverkrusteten Schuhe hinab, kaum dass wir einander mit so bemüht beherrschter Begeisterung wie möglich vor den spärlichen Skatern im Betonpark um den Hals fielen und uns drückten. „Bist du hingefallen?“, wunderte sie sich.

„So ähnlich.“

Daphne lenkte prompt vom Thema ab, also beließ ich es bei meiner schwammigen Antwort, während Jessy schon wieder quietschvergnügt ihrer Freude über meinen Besuch freien Lauf ließ und über dutzende Dinge gleichzeitig zu sprechen begann und Sid, temporärer Ruhepol unseres Quartetts, beiläufig sein Skateboard auf den Boden setzte, um jede längere Aufmerksamkeit der anderen Skater für unsere Gruppe zu zerstreuen.

Da ein paar ältere, am Drahtgitterzaun herumlungernde Jungs irgendwann wieder zu uns herüber stierten, begann Daphne schließlich ein wenig die ebenen Flächen entlang zu skaten, während wir drei uns an eine der Rampen auf den Boden setzten, die Beine baumeln ließen und uns intensiv auszutauschen begannen.

Das Rauschen und Klackern der vielen Rollen verschluckten dabei unsere Stimmen so gut, dass ich mir keinerlei Sorgen machte, dass uns irgendjemand näher vernahm.

Während Daphne sich in unserem Rücken in ein paar gelungenen Pirouetten versuchte, sprachen wir über Halloween und meine vage eskalierte Party, wie auch über unser aller zu Beginn der Woche eingegangenen Quartalszeugnisse, die für Daphne, Sid und Jessy recht überzeugend ausgefallen zu sein schienen und zu welchem ich mich größtenteils eher bedeckt hielt, nicht gewillt zu lange über meine sich lau festsetzenden Ausreißer nachzudenken, die Tony eindeutig mit dazu bewogen hatten, seinen vermaledeiten Umzugsplan in die Tat umzusetzen.

Schließlich wandte sich Jessy wieder dem frischen Drama rund um den Gefangenenausbruch aus dem Raft zu.

Sid trank unseren verbliebenen Kakao und machte ein paar beiläufige Gruppenselfies, dank seiner langen Arme nicht genötigt, sich großartig dafür zu rühren. Unterdessen erzählte ich ihnen – immer noch eher zweischneidig erleichtert – von Clints erst gestrig Abend geschlossenem Deal mit dem Außenministerium, der es nicht an die Öffentlichkeit geschafft hatte und wohl auch für eine Weile nicht schaffen würde, und parierte Jessys wild sprudelnden Fragen zu den verbliebenen flüchtigen Avengers und ihren Aussichten ihr zuliebe mit so viel widerstrebendem Detail wie möglich.

Dass die Stimmung zwischen mir und Tony sich gestern Abend zwar kurz erholt, aber dank seiner neuesten Pläne gerade erst wieder derb abgesackt war, behielt ich für mich. Daphne wusste bereits davon und Jessys und Sids Begeisterung für unseren Besuch war zu unbeschwert und zu echt, als dass ich sie mit der harschen Realität seiner weniger charmanten Eigenarten schon wieder dämpfen wollte – ganz davon abgesehen, dass ich nicht mit Jessy darüber zu debattieren gedachte, ob das waschechte Avengers Hauptquartier nicht ohnehin die verflucht beste Hausadresse der Welt darstellte.

Als das Thema schlussendlich von Elijah, seinem Dad und dem jüngst verschenkten Touchdown der New York Jets just zu Harry Osborns unverändert aufpoppenden Kommentaren unter meinen Instagram-Posts weiterdümpelte, erhob ich mich ausgekühlt zurück auf die Beine.

Die anderen folgten meinem Beispiel.

„Es gab da mal eine FBI-Untersuchung gegen Oscorp“, bemerkte Sid. „Schon vor einigen Jahren. Mums Ex war in der Task Force in Florida. Bei ihnen ist damals in den ausgelagerten Laboren in Homestead irgendetwas echt schiefgelaufen.“

Jessy hob die Brauen. „Davon wusste ich gar nichts.“

Er nickte. „Den damaligen Chefentwickler hat es übel erwischt. Dr. Connors, glaub ich. Fast alle Sicherheitsprotokolle wurden ignoriert. Da ging es um Biotech, irgendein experimentell induzierter Heilungsfaktor. Klang ähnlich wie Extremis.“

„Solche Ermittlungen sind normal, glaub ich ...“, gab ich zu und runzelte die Stirn. „Dad wird andauernd zu irgendwelchen Anhörungen vor den Senat gerufen. Das hat mit den Regierungsverträgen zu tun … Gegen SI hat das FBI auch schon ermittelt. Das letzte Mal, nach der Sache mit Ultron, wegen der herabregnenden Gebäudeteile ... Ein paar Passanten wurden damals verletzt.“ Schon wieder unliebsam an unseren angekündigten Umzug erinnert, schwand mein Gleichmut und verdunkelte meine Laune. „Deshalb hat er den Standort nach Upstate verlegt und das Hauptquartier hochgezogen. Die Stark Katastrophenhilfe hat Entschädigungen an die Betroffenen ausgezahlt und alle medizinischen und therapeutischen Kosten gedeckt. Im Gegenzug haben sie es als Betriebsunfall gewertet und die Ermittlungen gegen Dad und Dr. Banner eingestellt, sagte Pepper.“

„Gegen Hammer und Pym ermitteln sie auch ständig“, relativierte Jessy umgehend. „Das müssen sie bestimmt, wenn Laborprotokolle verletzt werden, oder? Na ja, wenn Fremdschäden entstehen oder jemand stirbt auf jeden Fall. Irgendwer muss dafür aufkommen.“

Mit uns einer Meinung hob Sid eine Schulter. „Oscorp hat es jedenfalls unter den Teppich gekehrt. Hat es nie über die lokalen Medien hinausgeschafft und die damaligen polizeilichen Untersuchungen haben nichts gefunden, für das man Osborn zur Rechenschaft ziehen konnte … Am Ende hieß es wohl, Connors hat auf eigene Faust gehandelt, aber sie konnten es nie zweifelsfrei aufklären.“

Sid griff sich sein Skateboard und versuchte sich an einer der niedrigen Rampen. Wenig geübt fiel er schon auf dem Rückweg hintenüber – wenn auch beeindruckend sauber – und übergab es mir schlussendlich für einen Sprung aus dem Stand, an den Daphne ihn just erinnerte und von dem sie überzeugt war, dass er mir binnen drei Versuchen gelingen würde – anscheinend Inhalt einer bereits laufenden Wette seit ein paar Tagen.

Also gab ich mir die Ehre, ließ Sid besagten Tricksprung präsentieren und versuchte mein fragwürdiges Glück.

Der erste Versuch war reine Blamage und resultierte in meinem haltlos rudernden Wiederaufsetzen, dem prompt ausbrechenden Skateboard und meinem fluchtartigen Sprung und Fall zurück auf den unerschütterlichen Beton, während Jessy gut unterhalten mit der Kamera draufhielt. Als Daphne das Board mit einem fest überzeugten Tritt zu mir zurückrollen ließ und ich mir dumpf belustigt die Wade rieb, streifte mein Blick unverhofft eine uniformierte Gestalt am Parkplatz, gleich hinter dem hohen Drahtgitterzaun des Skateparks.

Es war ein Cop.

Er hielt zwei vorbeistreifende Jungs auf und begann mit ihnen zu sprechen, als sich auch schon ein weiterer Polizist aus seinem Rücken dazugesellte, den ich zuvor aufgrund der erhöhten Rampe im Zentrum des Skateparks, die sich wie ein schmaler Berg zwischen uns erhob, gar nicht hatte bemerken können.

Shit.

Sofort vergaß ich die absurde Wette, stieß Daphne an und zupfte an ihrem bunten Boho-Mantel noch in derselben Sekunde, in der ich mir des verdammt einprägsamen Farbchaos darauf bewusst wurde. „Zieh das aus. Schnell! Dreh sie --- dreh sie um.“

Daphne blinzelte. „Was-“

„Da sind Cops am Parkplatz. Ich glaub, sie befragen Leute. Vielleicht hat der Kerl uns beschrieben.“ Mein Blick schoss zu den beiden Polizisten zurück und dann auch schon zum uns näheren Ausgang herüber, während sich Daphne schnell, aber geschickt dezent in Sids hagerem Schatten aus ihrem Mantel schälte und die gefütterte Seite nach außen kehrte. „Wir müssen wo anders hin“, ließ ich die anderen nervös wissen. „Aber --- unauffällig.“

„Warum?“, warf Jessy beunruhigt ein. „Was ist los?“

Daphne gab ein geständiges Glucksen von sich, während sie noch an ihren verkehrten Knöpfen friemelte. „Wir waren am Damm.“

„Ihr wart drauf ?“ Sie riss die Augen auf. „Hast du Sol nicht erzählt-“

„Doch, hab ich.“

„Wieso seid ihr dann-“

Ich stöhnte auf. „Es war nur ganz kurz, okay?“

„Wir waren nicht wirklich drauf“, legitimierte Daphne leichthin und fast glaubte ich es selbst. „Nur an der Sohlrampe. Da gibt es nicht einmal einen Zaun.“

Nach Jahren der Freundschaft erstaunlich immun geworden gegen ihre bestechend zuversichtliche Überzeugungsarbeit, blieb Sid unbeeindruckt. „Interessiert keinen, wenn sie euch verhaften und eure Fingerabdrücke nehmen.  Ihr seid bescheuert.“

Mein Herzschlag zog minimal an. „ Vielleicht , ja?“, stimmte ich zu und schluckte. „Können wir jetzt mal --- überlegen, wie wir hier wegkommen?“

Ich wollte nicht wirklich herausfinden, was es wohl für meine nächsten Besuche in Nashua bedeuten mochte, falls Tony mich heute vom Polizeirevier einsammeln und irgendwo an höherer Stelle meine Polizeiakte vorzeitig tilgen oder versiegeln lassen musste, nur weil Daphne und ich die etwas unterhaltsamere Jungfernfahrt für unser Papierschiff gewählt hatten.

Herzlich zweifelnd folgte Sid meinem Blick über die Schulter zu den beiden Cops herüber, die sich soeben dem ferneren Zugang zum Skatepark zuwandten. „Haben sie euch gesehen?“

„Nein, aber einer der Mitarbeiter.“

„Dann kennen sie mindestens eure Haarfarbe.“ Prompt sprangen seine Augen zu unseren verdreckten Schuhen hinab. „Ihr seid geliefert.“

Mein Magen sank, denn er hatte recht.

Unsere erdverkrusteten Sneakers ersparten so ziemlich jedes Geständnis.

Entgegen seiner Worte, bedeutete er Daphne stumm das Skateboard zu halten, zog sein Smartphone aus der Jackentasche und begann gleichmütig zu tippen.

„Was machst du?“, erkundigte ich mich heiser.

„Ich schreib Jesiah, er soll uns abholen. War so mit Devs Mum abgesprochen.“

Meine Nervosität spitzte sich zu. „Nein. Vom Judoclub hierher dauert es mindestens zehn Minuten. Und er muss noch alles abschließen. Bis er hier ist, haben sie uns längst gesehen, Sid. Wir müssen --- einfach gehen, okay?“

Noch während er unbewegt weitertextete, winkelte er in unauffälligem Fingerzeig den Daumen ab. „Ihr drei geht hier raus, ums Stadion herum. Nehmt das Board mit, damit es aussieht, als wärt ihr nur deswegen hier gewesen. Ich sag Jesiah, er soll uns dort aufsammeln.“ Er schielte zu den Cops, die sich soeben aufteilten und ihre Aufmerksamkeit erstmal den deutlich größeren Versammlungen Jugendlicher zuwandten, die nahe dem Eingang skateten und chillten. „Ich kenne einen von denen“, ließ er uns beiläufig wissen. „Das ist Brad Tyrell. Mums Ex hat die NFL mit ihm geschaut, als er kein Kabelfernseher hatte. Ich geh zu ihm rüber und sag kurz Hallo, vielleicht erinnert er sich.“

Erleichtert stockte ich. „Du lenkst ihn ab?“

Er nickte vage. „Ich nehme den Rucksack mit. Sie suchen hundert Pro nach zwei Teenagerinnen, platinblond und dunkelhaarig, mit Rucksack und buntem Native-Mantel.“ Er sah zu Jessy weiter und dann zu Dev. „Gib ihr die Mütze. Wenn sie ihre Haare bemerken, kommen sie trotzdem rüber.“

Jessy ließ sich nicht zweimal bitten. Ihre mauvefarbene Strickmütze wechselte prompt den Besitzer und Daphne stülpte sie sich mit derselben gleichbleibend unauffälligen Gelassenheit über, zu der ich angesichts meiner sturzflutartig hereinbrechenden Befürchtungen, was eine öffentliche Verhaftung mit unserer beider Chancen aufs MIT anrichten würde, längst nicht mehr fähig gewesen wäre.

Sorgsam strich sie sämtliche ihrer strahlend hellen, losen Strähnen unter die Mütze zurück, bis auch die letzte verschwunden war und Jessy zufrieden nickte.

Lau dankbar für mein eigenes mehr als unauffälliges Outfit scharrte ich auf der Stelle. „Okay, lasst uns gehen.“

Musik:

Buzzcut Season – Lorde