Imaginäre Farben
Imaginäre Farben
Kapitel 48: Imaginäre Farben
Jesiahs Blick streifte mich im Rückspiegel.
Es war bereits das dritte Mal, dass er dies tat, seit wir das Stellon Stadion hinter uns gelassen hatten und der Gründe gab es reichlich, wie ich ihm nicht verübeln konnte.
Auch wenn Sids schnell improvisierter Extraktionsplan so erstaunlich reibungslos geglückt war, dass ich mir im Nachhinein regelrecht paranoid vorkam, gaben wir vier definitiv ein seltsames Bild ab: Schon seit Minute eins unserer hastigen Invasion seines Wagens im Schatten der Stadiontribünen schielte Jessy mit gespannt zusammengekniffenen Augen aus dem Fenster, während Daphne trotz laufender Heizung, fast zweistelliger Plusgrade Außentemperatur und der dichten Besatzung des Hondas konsequent in ihren eindeutig auf Links gedrehten Mantel und ihrer geliehenen Strickmütze vermummt blieb und Sid leise schnaufend auf dem Beifahrersitz herumrutschte, als drängte es ihn zu gleichen Teilen auf die Toilette wie um den Block.
Als uns ausgerechnet auch noch die Kreuzung in direkter Sichtweite des Polizeireviers mit roter Ampel zum Halt zwang, überkam mich das Bedürfnis etwas zu sagen , einfach um von meinem eigenen nervösen Miniatur-Wrestling mit meinem sinnestauben Finger abzulenken, der inzwischen tomatenrot glühte.
Allerdings kam mir Daphne zuvor. „Wir haben nicht gekifft, Mr. Osceola“, versicherte sie geradeheraus. „Ehrenwort.“
Jesiah atmete aus. „Ah-ha …“
Genauso schlau wie vorher glitt sein Blick beiläufig zu Sid weiter, aber auch sein Stiefsohn hob bloß bestätigend die Achseln und rieb sich gleichmütig den Arm.
Obwohl ich nicht verstand, inwieweit dies alles elterlich beschwichtigend gewirkt haben mochte, ließ Jesiah etwas entspannter seine Hände das Lenkrad hinabgleiten.
Wir mochten uns ein ganzes Jahr nicht mehr zu Gesicht bekommen und noch dazu an Janes Beerdigung viel zu wenige Worte gewechselt haben, aber das schmälerte nicht die Tatsache, dass er Janes beruflicher Partner, Mitstreiter und einer ihrer engsten Freunde gewesen war. Er hatte unsere Familienfeiern besucht, ohne dass es eine Einladung gebraucht hatte, und früher auf mich aufgepasst, wenn Mum und Jane anderen Verpflichtungen nachgegangen waren und weder Devs Mum, noch Ross Hannah für sie hatten einspringen können.
Ich wusste, dass Sid Jesiah über mein neues Leben in New York auf dem Laufenden hielt und dass er sich dann und wann nach mir erkundigte, aber mir entging nicht, wie ungewohnt zurückhaltend er sich verhielt, auch wenn er mich neugierig musterte.
Als er wieder anfuhr und erneut zu mir zurücksah, räusperte ich mich.
„Danke, dass du ihre Gräber sauber hältst“, bemerkte ich still.
„Darum kümmern wir uns alle. Samantha, Ross, Joyce, Bella … Ist wirklich das Mindeste, womit wir helfen können. Die Leute meinen es gut, sie legen unheimlich viel ab, aber jemand muss darauf aufpassen, dass es nicht zu einer Müllhalde oder einem reinen Fan-Spot verkommt.“ Er zögerte, als versuche er die rechten Worte zu finden. „Das haben sie beide einfach verdient ... Sie waren wunderbare Menschen, deine Mum und deine Tante. Selbst nach über einem Jahr kann ich es immer noch nicht wirklich fassen …Wir vermissen sie alle.“
Ich schluckte, denn es stimmte . Sie verdienten jemanden, der nach ihnen sah, die unerträgliche Stille mit ein paar leisen Worten besänftigte und sich ihrer erinnerte und sie nicht einfach dort im fallenden Herbstlaub dem Vergessen überließ. „Danke, trotzdem“, wiederholte ich belegt und dann noch leiser: „Ich wäre gern öfter hier, ehrlich.“
Er nickte. „Ist nicht einfach, ich weiß.“
Jessy und Daphne sahen sich an und senkten nachdenklich die Blicke. Die Cops, denen wir eben gerade so durch die Lappen gegangen waren, schienen vergessen.
Ich zwang mich zu einem etwas lockererem Lächeln. „Wie läuft die Schule?“
„Gut, im Anbetracht der Umstände.“ Jesiah seufzte, aber er lächelte. „Ich musste die Anzahl der Kurse reduzieren. Als wir letztes Jahr wiedereröffnet haben, konnte ich sie nicht alle allein übernehmen, also haben wir erstmal wochenweise rotiert und jeder Kurs hat nur noch jede zweite Woche stattgefunden. Aber inzwischen konnte ich ein paar der Klassen zusammenlegen. Seit diesem Juni sind wir wieder ganz im alten Rhythmus …“
Ich schluckte. „Hast du …“
„Einen neuen Partner? Nein.“ Er zögerte. „Ich schaue, wie es läuft. Auf Dauer muss ich aber wohl einen zusätzlichen Judoka einstellen. Ohne zweiten Meister wird es schwierig. Im Moment habe ich niemanden, der einspringen kann, wenn ich mal ausfalle.“
Ich nickte, um zu signalisieren, dass ich das verstand, auch wenn die Neuigkeit, dass er gezwungen blieb, Janes Rolle früher oder später mit einem Nachfolger zu besetzen, unweigerlich zwickte.
„Hat Sid es dir schon erzählt?“, erkundigte er sich. „Im Eingangsbereich haben wir eine verglaste Collage, mit Bildern und Urkunden und Medaillen. Eine Art Gedenktafel. Wir hatten jede Menge Schüler, auch ehemalige, die uns Zeitungsartikel und Bilder von Jane gebracht haben … Es hat ein wenig gedauert alles vernünftig zusammenzutragen und zu arrangieren. Ross und Joyce haben geholfen.“
„Ich hab ihr die Fotos geschickt“, versicherte Sid leise.
„Es sah toll aus“, bestätigte ich. Ich schaffte es immer noch nicht ganz, die Details der hübsch zusammengetragenen Jahre ihrer Judoschule zu lange zu betrachten und durchzulesen, aber ich sah immer mal drauf, zuletzt zunehmend häufiger und länger. Es war einfacher, mich an die Kraft ihres Blickes und dieses kritisch kleinen, amüsierten Grübchens über ihrer Braue zu erinnern, wenn ich meine Tante im Zirkel ihrer ordentlich aufgereihten Anfängergruppe von Fünfjährigen sah.
„Ihr seid morgen noch hier, oder? Du kannst vorbeikommen und es dir vor Ort ansehen, wenn du magst.“ Jesiah blickte mir im Rückspiegel entgegen. „Ich trage dich nicht gleich für den nächsten Starterkurs ein, versprochen.“
Daphne gluckste. „Die wären auch arm dran, wenn sie dort auftaucht.“
Jesiah wandte den Kopf in meine Richtung, ehe er sich sacht übers Lenkrad vorbeugte und in die vorstädtische Lake Street mit all ihren schweren Kabelmasten, kahlgrünen Rasenflächen und Bungalows abbog. Er musste sich daran erinnern, dass ich nie besonderes Interesse am Kampfsport gezeigt hatte, obwohl ich manchmal fast täglich in ihrer Judoschule ein- und ausgegangen war, denn vage überrascht fragte er: „Hast du Kurse in Big Apple genommen?“
„ Umm , so ähnlich … Kein Judo. Krav Maga. Und … ein paar andere Sachen.“
„Private Trainingssessions mit Black Widow und War Machine“, präzisierte Jessy und hob müde einen Zeigefinger, wie um Jesiah in bester Reality-TV-Show-Manier den irrwitzigen Auswuchs der Angelegenheit zu unterbreiten. „Sie nimmt Kampfsport-Unterricht bei den Avengers .“
Jesiah blinzelte und gefror sacht. Seine unmissverständlich perplexe Reaktion erinnerte mich daran, dass dies seine eigene tägliche Lebensrealität in beinahe fantastische Gefilde überstieg und er sich trotz unseres auflockernden Austauschs dessen auch wieder abrupt bewusstwurde. Er brauchte einen Moment, um aus Jessys gewohnt wild anmutenden Worten in Gedanken eine mehr als ernsthafte Begebenheit zu konstruieren, die sich allein schon durch Tony Starks neue Präsenz in meinem Leben ergab, das bewies die knappe Stille.
„Es war Tonys Idee, nicht meine“, klammerte ich verhalten aus und zuckte die Schultern. „Es war seine Voraussetzung, wenn ich alleine unterwegs sein möchte, so wie gerade. Also, ohne Happy oder Security oder so. Wegen … der Risiken ...“ Jesiah nickte langsam. „Er sagte, ich muss zumindest wissen, wie ich mich im Notfall verhalten und in Sicherheit bringen kann, bis Unterstützung da ist“, setzte ich nach. „Deswegen haben Nat und Rhodey mit mir geübt und mir ein paar Sachen beigebracht … Und … naja, er hat recht, schätze ich. Gerade erst ist wieder etwas passiert. Diesmal hatte es nichts mit Iron Man zu tun, aber ich mein‘, ich hab diese Woche jemanden bei einem Raubüberfall entwaffnet, also …“
Sids Kopf fuhr herum und Jessy weitete die Augen. „Was --- echt?“
Auch Daphne zeigte sich verblüfft.
Ich nickte und hob eine Schulter, auch wenn ich ihren Blicken auswich. „Ja, umm , hab ich wegen dem Raft und allem gar nicht mehr erwähnt … Das war am Mittwoch nach der Schule. Ich war mit Freunden in Queens unterwegs. Die anderen sind schon heim, aber Peter und ich sind noch ein bisschen rumgelaufen, weil Happy noch nicht da war, und da war plötzlich dieser Kerl. Er hatte eine Waffe, aber er hat sie erst gezogen, als er direkt hinter uns war.“
Jessy raunte: „Auf der Straße?“
Ich nickte. „Es war schon dunkel, aber eigentlich immer noch genug los, nur eben nicht auf dem Bürgersteig. Er wollte, dass wir Geld für ihn abheben.“
Daphne starrte mich an. „Und du hast ihn entwaffnet ?“
Vage stolz nickte ich.
Jessy japste. „Hast du ihm so einen Natasha-Romanoff-Tritt verpasst?“
„Nein.“ Ich gluckste, wenn auch vage befangen, da mir aller hell beeindruckter wie zugleich leise schockierter Blicke bewusst. „Ich hab bloß … die Waffe gesichert. Sie ihm abgenommen. Mit so einem taktischen Handgriff, den sie mir beigebracht haben. Das ist höchstens SHIELD-Grundkurs, wenn überhaupt, aber das geht … echt schnell.“ Ich schluckte dicht, als mir schlagartig wieder einfiel, dass die Waffe noch immer in meinem Zimmer versteckt lag und ich keinen Plan hatte, wie ich diesen Fauxpas vor irgendwem zugeben sollte, ohne dass Tony mich nicht umgehend mit Worten auf Nanogröße reduzierte und die nächsten drei Jahrzehnte nur noch im Caretaker Protokoll aus dem Haus ließ. „Jupp. Aber, na ja, das mit dem Training läuft jetzt sowieso nicht mehr …“, wechselte ich unentschlossen das Thema.
Sie alle wussten, was in Leipzig mit Rhodey geschehen war, wie auch, dass sich Nat seitdem auf internationaler Flucht befand, und verstanden somit auch ohne nähere Erklärung, dass sich mein Selbstverteidigungstraining damit vorerst erledigt hatte.
„Es sind nicht mehr viele übrig, oder?“, sagte Jesiah langsam.
Ich merkte auf.
Er betrachtete mich im Rückspiegel. „Avengers, meine ich. Bereitet mir ein wenig Sorgen … Diese Dinge passieren immer häufiger. Tony Stark kann nicht überall gleichzeitig sein. Erst letzte Woche gab es in Philly dieses fliegende Artefakt, das angeblich einen ganzen Straßenblock ausgeknockt hat … Vier von ihnen liegen immer noch im Wachkoma. Oder der Raubüberfall in Virginia, Anfang letzten Monat … In den Nachrichten sagten sie, sie haben Alienwaffen verwendet, um sich den Weg zu den Tresoren freizuräumen. Wir brauchen die Avengers, ob es den Leuten gefällt oder nicht. Mit solchen Dingen wird kein normaler Cop fertig. Nicht einmal die Air Force.“
„Sie suchen gerade nach Kandidaten, um das Team wieder auszubauen“, versicherte ich leise.
„Kann mir vorstellen, dass es schwierig wird, einen echten Ersatz für einen Captain America zu finden ...“
Ich wusste nichts darauf zu erwidern.
Ich wollte nicht über Steve Rogers nachdenken, aber Jesiah hatte nicht ganz unrecht. Auch wenn es an sogenannten Superindividuen nicht zu mangeln schien – immerhin hatten sich gerade erst mit Spider-Man und Black Panther zwei weitere der Welt offenbart – bezweifelte ich ebenso, dass irgendeiner noch einmal das zu werden vermochte, was Steve Rogers stets vorgegeben hatte zu sein. Ein unbestrittener Held .
Er selbst hatte diesen Mythos zerstampft.
Niemand würde jemals wieder so naiv sein, vollends darauf zu vertrauen, dass jemand genauso groß und selbstlos sein mochte wie Captain America, nun da es sich als reine Täuschung entpuppt hatte.
Denn so war es.
Steve selbst war es gewesen, der aus ihnen allen Super individuen gemacht hatte.
Nicht das Sokovia Abkommen.
Nicht einmal Außenminister Ross.
Und schon gar nicht Tony, der für Kompromisse und Vernunft in dieser Sache plädiert hatte, um die aufgepeitschten Wogen des Misstrauens und Unmuts gegen sie alle zu glätten.
Steve hatte ihre Glorie kurzerhand zerschmettert, wie es nicht einmal Ultron gelungen war.
Und unser Leben damit im selben Zuge gleich mit.
-/_\-
Nicht anders als zu erwarten, empfing uns eine neugierige Ansammlung Paparazzi.
Daphne und ich dankten Jesiah und verabschiedeten uns von Jessy und Sid.
Der kurze Weg über den Bürgersteig durch den Trubel vor Daphnes Zuhause fühlte sich länger als ein paar wenige Schritte an, auch weil die lokalen Paparazzi sich viel zu übermütig zeigten, um dabei nicht inmitten der Suche nach dem perfekten Schnappschuss oder einer gewitzten Frage über die eigenen Kollegen zu stolpern.
Im Vergleich zu New Yorks und L.A.s zwar deutlich größeren und doch harpunenartig präzise agierenden Presseschar, die mir ständig überall hin folgte und doch selbst im Ellbogenkampf nur noch selten einmal meinen Bewegungsradius touchierte, seit Tony vor vielen Monaten mit einer Handvoll gepfefferter Klagen reagiert hatte, verursachte dieses wirklich kaum koordinierte Chaos ein kurz beklemmendes Déjà-vu an jene schier überwältigenden ersten Wochen im Scheinwerferlicht.
Wir beantworteten keine der Rufe oder Fragen, aber wir lächelten uns stumm an, während wir dicht eingehakt die lebendige Passage aus Kameras durchquerten, die uns mit ihrem Krawall aus Stimmen kurz jedes Gehör nahm.
Tonys Bostoner Audi stand direkt vor dem dunkelblau gestrichenen Garagentor in der Auffahrt. Ich nahm an, dass er unser Gepäck bereits ins Haus gebracht hatte, was sicher schon zuvor für ausreichend Aufregung gesorgt hatte, denn es verlieh Josh Balmedas Vorwürfen über Tonys Einflussnahme auf seine Kinder vermeintlich nur weitere Kraft. Dass wir das Wochenende bei ihnen verbrachten, würde mit dem neuen Bildmaterial in der einen oder anderen Redaktion gut zwei Wochen nach dem reißerischen Enthüllungsartikel für weitere bissige Spekulationen sorgen.
Sofort zwang ich mich, den Gedanken abzustreifen, schließlich freute ich mich tierisch, dass wir bei Daphne übernachteten und damit keine weitere Stunde dieses Wochenendes verschwendeten, aber die unschöne Gewissheit raunte nach.
Kaum, dass wir ins Haus traten, spürte ich mich fast ein wenig scheu werden.
Insgeheim ärgerte ich mich längst über mich selbst. Vorhin absichtlich die Autotür offen stehen gelassen zu haben, war im Nachhinein betrachtet völlig idiotisch von mir gewesen.
Ich hatte den verbliebenen Tag einfach nur noch in Ruhe mit Daphne verbringen und kein Wort mehr mit Tony wechseln wollen, stattdessen hatte ich dafür gesorgt, dass ich nun ziemlich sicher in Schwierigkeiten steckte und noch dazu gezwungen sein würde, mir binnen vierundzwanzig Stunden gleich noch einen weiteren von Tonys bewusst herunterspielenden Vorträgen anzuhören, wieso unser kurzfristiger Umzug ins Avengers Hauptquartier unser Leben insgesamt wieder aufpeppen würde.
Ich wollte nicht, dass der schmerzende Ball in meiner Brust platzte – nicht hier, nicht bei Daphne und nicht vor ihrer Mum. Aber er würde es, wenn Tony erneut von allem begann. Wenn er so lapidar von all den Gründen begann, wieso der Tower zu einem Problem wurde und wieso ich ihn jetzt gleich wieder loslassen musste, kaum dass ich mich wirklich daheim zu fühlen begonnen hatte, wie ich es hier in Nashua nicht länger konnte und auch nie wieder würde . Er würde platzen, wenn Tony erneut von seinem vollen Terminkalender der nächsten Wochen und all den Möglichkeiten für mich im Hauptquartier begann, von unserer neuen Situation --- oder davon, dass ich den Unterschied letztlich kaum bemerken würde, weil wir ohnehin bereits fast jedes Wochenende dort verbrachten, an diesem inzwischen so unheimlich unbelebten , imposanten Ort, an den uns Pepper ganz sicher nicht folgen würde, weil dieser allem entgegenstand, was sie Tony zuletzt zu vermitteln versucht hatte. Diesem Ort, an dem Steve und Sam und auch Nat es so scheinen lassen hatten, als seien sie für uns da. Nur war das alles gelogen, reine Scharade. Lügner .
Prompt schluckte ich gegen die raue Wut in meinem Bauch an. Sie versickerte nur leidlich.
Noch im Eingangsflur warfen wir unsere Jacken ab und stiegen aus unseren erdverkrusteten Sneakers.
Daphne schob sie beiläufig mit einem Fuß unter die nächste Kommode. Als ich fragend eine Braue hob, zuckte sie matt die Schultern. „Falls Mum fragt, sind wir durch den Garten gekommen.“
Sofort erinnerte ich mich an Louis unfreiwillige Reinterpretation der Everglades, die er bei seiner heutigen Gartenschlauchaktion hinterlassen hatte, und nickte knapp.
Wir trafen Samantha Balmeda in der Küche an. Von Tony blieb keine Spur, abgesehen von seinem glänzenden Abbild auf einer Ausgabe des Times Magazine, das seicht angestoßen und gewölbt auf dem Esstisch lag.
„Da seid ihr ja … Schön, dich zu sehen, Sola. Wie geht es dir?“ Halb erleichtert wischte sie sich die Hände und umarmte mich knapp. Die ernst mitfühlende Note in ihrem Ton und ihr gewohnt analytischer Blick manifestierten das winzige schlechte Gewissen in mir, sie mit Tony und ihrem Lampenfieber allein gelassen zu haben, wie auch wegen unseres Unsinns im Mine Falls Park soeben fast festgenommen worden zu sein. „Hattet ihr Spaß?“ Während ich schnell bestätigte, warf sie ihrer Tochter einen kurzen Blick zu, der mich zur vagen Atempause zwang. „Wieso habt ihr die Schuhe ausgezogen? Draußen ist es trocken, Daphne. Wir hatten darüber gesprochen.“
Daphne hob die Achseln. „Du hast mich vorhin mikroskopisch kleine Krümel aufsammeln lassen.“
„Rede keinen Unsinn.“ Still tadelnd blinzelte Samantha. „Habt ihr Jesiah gesagt, dass er mit Ash und Sid zum Essen dazu kommen kann?“
„Er sagte, sie kommen morgen zum Frühstück. Jessy kommt auch.“
Samantha nickte. Ein zufriedenes Lächeln hob ihre Mundwinkel. „Gut. Dann könnt ihr danach noch etwas unternehmen.“
Daphne nickte, stieg ungeduldig auf die Zehenspitzen und lehnte sich neben sie gegen die Küchentheke. „Wann essen wir?“
„In einer dreiviertel Stunde.“
Ihr Blick wanderte kurz und seicht unentschlossen zur Tür und sprang dann auch schon zur vorbereiteten Dessertplatte zurück.
Niemand schien in der Nähe. Im Haus war es ruhig.
Ich schielte auf den Flur.
Mein vage schlechtes Gewissen, das die Schuld immer noch bei Tony suchte, löste verwirrt seine Muskeln.
Vielleicht war er für einen kurzfristigen Einsatz in seinen Anzug gestiegen und weggeflogen oder hatte entschieden, dass er die Zeit auch anders verwenden konnte, als weiter meine unwillkommene Begleitung zu spielen.
So oder so wäre es nicht neu, dass Tony kurzerhand aus Nashua türmte, weil ich mich ihm gegenüber in kalter Entrüstung unverfroren gezeigt hatte oder man irgendwo anders nach Iron Man schrie. Zum ersten Mal registrierte ich etwas wie Erleichterung über diesen potentiellen Spontanabflug – wenn auch bloß, weil es bedeutete, dass ich ihm erstmal nicht weiter gegenübertreten musste.
Samantha jedoch zerstäubte meine Hoffnung.
„Dein Vater repariert gerade unseren Trockner“, ließ sie mich in einer Tonlage wissen, als sei sie selbst noch nicht recht sicher, ob es sie überwältigte oder vielmehr in Verlegenheit brachte.
Daphne zog eine staubtrockene Miene. „Das ist so ziemlich der teuerste Handwerker, den du engagieren konntest, Mum.“
„Ich weiß, es ist unangebracht.“ Sie seufzte. „Er hat es angeboten und ich …“ Samantha fuhr sich mit dem Handrücken über die Schläfe und winkte unser stilles Glucksen beiseite. „Ich sagte, das komme nicht in Frage, er sei unser Gast, aber er sagte, das sei kein Problem, das gehe ruck zuck und dann hat er schon nach dem Werkzeugkoffer gefragt. Ich musste Louis im ganzen Haus suchen lassen, weil ich nicht wusste, wo du ihn abgestellt hast. Ich hatte keine Ahnung.“ Peinlich berührt sackte ihre Hand auf ihr Schlüsselbein zurück. Sie senkte die Stimme auf ein besorgtes Flüstern. „Dein Bruder ist gerade bei ihm. Er ist ihm vorhin fast ins Bad gefolgt. Er ist völlig von der Rolle.“
„Mum, Iron Man übernachtet heute bei uns und Lou denkt, er updatet unseren Trockner gerade zu seinem persönlichen Transformer. Er wird nie wieder von etwas anderem reden.“
Ein wenig beunruhigt kniff Samantha die Stirn.
„Das mit dem Transformer war nicht ernst gemeint“ neckte Daphne schon weiter. „Die gibt es nicht wirklich. Er macht ihn höchstens zum Teil der Iron Legion. Aber ich glaub nicht, dass er einen Arc-Reaktor an unseren Trockner verschwendet. Es sei denn, du hast ihm auch von dem fehlenden Energiesparprogramm erzählt ...“
Kaum dass Samantha begriff, dass Daphne sie aufzog, kehrte Besonnenheit in ihre Miene zurück.
„Es ist kein Problem, Mrs. Balmeda“, versicherte ich. „Letztes Jahr hat er beinahe Lilas Laptop auseinandergenommen, als er ihn für sie signieren sollte ... Er hätte sich ihn sowieso angesehen. Er zeigt Lou gerade bestimmt ein paar Sachen ...“
Nur leidlich beruhigt griff Samantha sich einen bereitliegenden Portionierlöffel und tippte damit gegen Daphnes Arm. „Geht und seht nach, ob er Hilfe braucht. Ich will nicht, dass Tony Stark auf unserem Boden herumkriecht.“
Ihre Tochter nickte ernst. „Stattdessen sollen wir auf dem Boden herumkriechen.“
„Wenn es sein muss.“
-/_\-
Tony schien bereits fertig, als wir in die Waschküche traten.
Die Ärmel seines hellgrauen Sweatshirts unordentlich hochgeschoben, verschraubte er gerade die Abdeckung und unterhielt sich mit der Wand, wenn auch vermutlich eigentlich mehr mit Louis, der im Schneidersitz zu seinen Füßen hockte. „-immer dran denken, am Schluss die Erdung wiederherzustellen. Hey, Sportsfreund, das ist wichtig. Schreibst du das mit oder was wird das da unten?“
Louis hielt sein StarkPhone in der Hand und nickte entschlossen. Er strahlte aus jeder Pore.
Kaum, dass er uns auf der Türschwelle herumlungern sah, hob Tony ein Flusensieb vom Boden und warf es Daphne beiläufig zu, die es problemlos auffing. „Ihr braucht ein neues, das ist beschädigt.“ Er überbrückte die Distanz in zwei schlendernden Schritten und tippte an eine abgebrochene Stelle direkt am Schlussmechanismus. „Die Luftwege waren verstopft. Das Thermostat ist überhitzt und die Kabel angeschmort. Ich hab alles wieder freigemacht und die Bruchstellen beseitigt. Es sollte jetzt wieder laufen. Aber das Sieb müsst ihr ersetzen, sonst habt ihr in ein paar Monaten wieder das gleiche Problem.“
Daphne gab ihm ein Daumenhoch. Tony hob einen Mundwinkel zu einem müd schiefen Lächeln, warf einen kurzen Blick in meine Richtung und wandte sich angesichts meiner blank ausbleibenden Reaktion wieder dem Werkzeugkoffer zu. Als er zusammen zu räumen und Louis kleine Anweisungen zuzuwerfen begann, blieben seine Handgriffe unaufgeregt, aber abwesend.
Er wirkte nicht ernsthaft verärgert. Und falls er mir meinen frechen Abgang von vorhin doch übelnahm, hielt er seine fehlende Begeisterung darüber ziemlich überzeugend zurück, denn auch der zweite Blick, der mich seinerseits streifte, blieb leise abpassend und in Gedanken.
Frust und Widerstand hielten sich in meinem Bauchraum.
Ich entschuldigte mich auf die Toilette.
Auch beim Abendessen ignorierte ich Tony so gut es ging. Wir aßen Pizza, während Daphne und Louis den Tisch unterhielten und Samanthas Anspannung sich angesichts Tonys unaufdringlich charmanten Art endgültig zerlief.
Allen schien bewusst, dass ich nicht weiter an Janes Jahrestag oder dem hinter uns liegenden Friedhofsbesuch erinnert werden wollte und so plätscherte das Gespräch zwischen Louis‘ eifriger Begeisterung über alles, was Iron Man und die Avengers betraf, und verschiedenster Kleinstthemen hin und her. Ich erwischte mich immer wieder dabei zu glucksen, auch wenn meine Laune ausgebrannt blieb, weil ich den Gedanken an Tonys Entscheidung, den Avengers Tower zu verkaufen und unser Leben zukünftig in Upstate zu verbringen, nicht wirklich abgestreift bekam.
Er nahm meinen Boykott einfach hin und kommentierte es nicht weiter. Stattdessen gab er sich gesellig und kaschierte meine stumme Blockade mit Bravour.
Erst, als wir uns den Whoopie Pies zuwandten, klinkte er sich beiläufig aus dem laufenden Gespräch aus, nahm sein StarkPhone zur Hand und begann darauf eingegangene Mails oder vielleicht auch FRIDAYs Neuigkeiten zu überfliegen.
Es war nicht weiter dramatisch. Sogar Louis bemerkte es kaum, denn inzwischen bearbeitete er Samantha mit der Bitte, heute ausnahmsweise später ins Bett gehen zu dürfen, während Daphne dasselbe tat und darum feilschte, ein Open End für uns beide herauszuholen, wie es mir grundsätzlich vergönnt war.
Ohne mich einzumischen, verschlang ich meinen zweiten Whoopie Pie, schleckte mir den cremeverschmierten Daumen und erwartete das Urteil.
Samantha begann gerade zu zögern und Daphnes und Louis‘ Verhandlungen wurden just noch energischer, als Tony sein StarkPhone gänzlich kommentarlos neben meinen Ellbogen schob.
Sacht irritiert sah ich darauf hinab. Mein verputztes Abendessen sank in meinen Schoß.
Gerüchteküche um Sola Stark Waters
Mutprobe und Hausfriedensbruch mit Balmeda Tochter beim Heimbesuch
Bereits die ersten Zeilen verrieten, dass es sich um bloße Gerüchte angesichts der polizeilichen Beschreibung zweier Verdächtiger handelte, die heute Nachmittag auf dem Flussdamm des Mine Falls Park gesichtet und dem örtlichen Revier gemeldet worden waren, wobei ein Jugendlicher regelrecht beschwor, uns beide kurz nach dem Vorfall am nahegelegenen Skate Park beobachtet zu haben. Das Revier wies darauf hin, von unbegründeten Mutmaßungen infolge des jüngsten Medienrummels rund um Josh Balmeda und meinen aktuellen Besuch in der Stadt Abstand zu nehmen. „Es war nicht das Stark-Mädchen“, ließ auch die Dammverwaltung wissen. Der betreffende Augenzeuge habe dies bereits ausgeschlossen. Belastendes Videomaterial des bezeugten Vorfalls gab es keines. Die Onlineforen brodelten aber vor Gerüchten.
„Wurdet ihr fotografiert?“, erkundigte sich Tony gesenkt, kaum dass meine Augen ihren Schnellflug über den Textblock auf dem Display beendeten.
Er wusste, dass wir es gewesen waren, schließlich hatte er mich selbst am Damm abgesetzt.
Es zu leugnen, hatte keinen Zweck. Also schüttelte ich bloß den Kopf.
Tony musterte mich. Ich fühlte mich ein kleines bisschen kleiner werden, obwohl seine Miene nach wie vor kaum zu kategorisieren war und eigentlich – meiner inzwischen viele Monate reifen Erfahrung nach – weit davon entfernt, mich zu massakrieren.
Die verbliebene Antipathie drückte meinen Ton in die Heiserkeit. „Es war keine Presse dort.“
„Sonst irgendwer?“
„Nein.“ Mein Blick sackte auf das Display zurück, einfach um dem emotionalem Armdrücken in meinem Magen Abhilfe zu schaffen. „Sid hat vom Skate Park gepostet …“
Tony hob lau beide Brauen. Er nahm sein StarkPhone wieder auf und begann zu tippen – um FRIDAY das Netz nach eventuell belastenden Bildern vom Damm absuchen zu lassen und Erin und unsere Anwälte zu informieren, nahm ich an.
Trotz alkalischer Laune stimmte es mich doch unruhig genug, dass ich meine abgestützten Ellbogen unzufrieden umfasste. Meine Wange an meine eigene Schulter geschoben, um möglichst wenig Augenkontakt wiederaufzunehmen, setzte ich nach: „Ich kann ihm schreiben, dass er den Post löschen soll.“
Tony schüttelte den Kopf. „Nein.“
Dumme Idee , übersetzte ich für mich.
Inzwischen schien auch Daphne und ihre Mum unseren knappen Wortwechsel und Tonys missvergnügte Miene aufgefangen zu haben, denn ihre Debatte verlor sich und Louis griff sich das letzte Stück Pizza.
Ich sah Daphne an, dass sie bereits ahnte, was im Busch war. „Was ist los?“
Ich zuckte mit den Schultern. „Es ist online ...“
Ihre Miene blieb beeindruckend unbescholten, als Tony seinen Blick auch schon punktgenau in ihr Gesicht hob. „Kein Bildmaterial, nur Spekulation.“ Er legte sein StarkPhone wieder ab. „Euer Augenzeuge hat euch entlastet, nur deshalb hat noch kein Deputy vor versammelter Mannschaft angeklopft. Die Pressefotos waren zu gut ausgeleuchtet, nehme ich an.“
Samanthas Blick sprang zu Daphne zurück. „Welche Augenzeugen? Was ist geschehen?“
Ich schob meinen Teller befangen mit den Fingerspitzen an. „Wir waren am Damm.“
„Ja, Daphne sagte-“
„Sol meint, wir waren drauf.“
„Ihr wart dort oben? Daphne !“ Böse vorwurfsvoll fasste Samantha ihre Tochter ins Auge, die nun doch ein wenig betroffen dreinsah. „Nach der Elternversammlung in der Schule neulich hast du mir versprochen, dass ihr nicht auf diese dumme Idee kommt, da mitzumachen.“
„Du hast gesagt, wir sollen uns nicht zu dieser Mutprobe überreden lassen“, korrigierte Daphne mit irrwitzig sicherer Raison.
„Und du hast mir dein Wort gegeben, dass ich mir deswegen keine Sorgen zu machen brauche.“
„Weil es keine ist, Mum.“
„Was ist es nicht?“
„Keine Mutprobe. Wir waren schon drauf. Es ist ziemlich einfach.“
Tony gab einen dunkel imponierten Laut von sich, während Samantha ihren Atem unterbrach. „Ihr wart schon einmal drauf?“
„Wir machen es immer wieder mal. Schon seit Jahren, ehrlich.“
„Es ist nicht … so richtig erlaubt, okay“, setzte ich seicht gesenkt hinterher, „aber es ist … echt keine große Sache, alle machen es, und bislang haben sie es auch nicht so eng gesehen, solange man dort nicht gesprayt hat oder so … Das ist neu.“
„Maya wusste davon?“, vermutete Tony, als Samantha bloß ungläubig über unser ausgefuchstes Geständnis blinzelte.
Ich stockte. Dass er Mum so mir nichts, dir nichts aufgriff, erwischte mich irgendwie; nicht nur auf dem falschen Fuß, sondern auch in der Brust. Unwillig deutete ich ein Kopfschütteln an.
Er ging nicht weiter darauf ein. Mit halb gehobener Braue sah er zu Samantha. „Ist es gefährlich?“
„Nein“, erklärte ich schnell.
Während Samantha noch vage Einwand erhebend die Brauen zusammenschob, meldete sich ausgerechnet FRIDAY zu Wort: „Wenn ich hierzu meine Einschätzung teilen darf, Boss?“
„Nur zu.“
„Sich Zugang zum Staudamm zu verschaffen oder diesen als nicht qualifizierte Fachkraft zu überqueren, kann sich in der Tat als riskant erweisen“, schränkte sie schon ein. „Insbesondere, ihn an nicht vorgesehener Stelle zu erklimmen. Stellenweise beträgt der Höhenunterschied zwischen Aufsichtssteg und Flussbett im Mine Falls Park über sieben Meter-“
„Ja, auf dem Wall “, unterbrach ich sie vage säuerlich, kaum dass ich registrierte, wie sich Tonys bisher eher unbewegte Miene vage verdunkelte und just zuzumauern begann.
„Wir waren nur auf der Sohlrampe“, bestätigte Daphne. „Da geht es nicht steil abwärts, Mr. Stark.“
„Sie ist höchstens … keine Ahnung, acht Fuß hoch“, stimmte ich zu. „Da kann nichts passieren. Es gibt nicht einmal einen Zaun . Ich mein‘, sie ist dafür gedacht, dass es Tiere runter ins Flussbett schaffen, oder nicht?“ Louis und Daphne nickten im Takt. „Außerdem waren wir sowieso bloß an der Kante ... Wir sind nicht wirklich auf den Überlauf drauf, dafür hätten wir die Schuhe ausziehen müssen.“
„Es war zu kalt“, bestätigte Daphne.
Dass dies ausschließlich für heute galt, ließ ich bewusst unter den Tisch fallen.
Unzufrieden entließ Samantha den Atem, aber sie wirkte umgehend etwas besänftigt.
„Auch eine Überquerung der Sohlrampe im Mine Falls Park ist nicht ganz ungefährlich, Sola“, warf FRIDAY schon wieder gänzlich ungebeten in enervierend freundlichem Tonfall ein. „Ein Sturz oder Missgeschick kann auch dort zu schlimmen Verletzungen führen, abhängig von der Tagesströmung, den Witterungsbedingungen, strukturbedingten Felsformationen und der Beschaffenheit des Betons.“
„Jupp, wenn man sich richtig bescheuert anstellt“, brummte ich und schloss die Kiefer.
Manchmal ging sie mir wirklich auf den Senkel.
Tonys Miene löste sich wieder, auch wenn sein Blick sacht brütend von mir zu Samantha weiterstreifte.
Ein ganzes Stück vorwurfsvoller, da um die erste Überrumpelung befreiter, wandte sie sich wieder Daphne zu: „Hast du Sola von diesem Jungen erzählt, der beinahe gestürzt wäre? Oder davon, dass die Polizei diese Jugendlichen verhaftet hat und was mit ihren Collegezusagen geschehen ist? Denkst du, die Polizei lädt uns grundlos in die Schule, Daphne, und hält uns einen Vortrag über Hausfriedensbruch, Streifenfahrten und Lebensgefahren? Was hast du dir gedacht? Was, wenn diese Presseleute euch fotografiert hätten? Oder, wenn sie jemanden finden, der es hat -“
„Dev hat es mir gesagt“, unterbrach ich schnell, ehe Daphne noch zu ihrer eigenen Verteidigung ansetzen konnte. „Sie wollte es gar nicht machen, Mrs. Balmeda.“
Ihre Mum hielt inne.
„Ich hab sie überredet.“ Wenn jemand deswegen Ärger bekommen würde, dann ich . Daphne hatte es vorgeschlagen, ja , aber nur um mich nach der Sache mit dem Umzug aufzumuntern, das wusste ich. Sie hatte ihr Versprechen mir zuliebe gebrochen. Sie hatte es für mich getan und nicht, weil ihr ihr Wort plötzlich gleich gewesen war. „Ich hab sie überredet“, log ich unverhohlen. „Weil wir …“ Ich schluckte und sah niemanden an. „Na ja, weil wir es immer gemacht haben. Ich wollte rauf … einfach wie früher …“
Meine belegten Worte zeigten Wirkung, denn es wurde just auf diese Art still, die alle Anwesenden in Bedacht versetzte. Anscheinend hatte ich einen Nerv getroffen, denn für einen Augenblick sah niemand mehr in meine Richtung. Sogar Louis spielte mit seiner Serviette und blickte irgendwie getroffen aus der Wäsche.
„Das ist wahr“ bestätigte Daphne schließlich pathetisch. „Ich war schwach.“
Tonys Mundwinkel zuckten und Samantha erhob sich von ihrem Stuhl. „Du redest dich um Kopf und Kragen, Daphne.“
Prompt begannen sie erneut auf diese beherrschte Balmeda-Art zu diskutieren, aber nun schien es nur noch eine Debatte, die die Dichte der vorangegangenen Stille geradezu zärtlich vor mir auflöste. Ich nahm mein Glas zur Hand, wich jedem Blick aus und nippte an meiner Coke.
Nicht stolz drauf, mein Heimweh und meine Trauer vorgeschoben zu haben, nur um uns vor möglichen Konsequenzen zu bewahren, stierte ich auf den Tisch.
Tony erhob sich, warf mir einen knapp taxierenden Blick von der Seite zu und begann die Teller einzusammeln, vielleicht um sich einen Moment weitere Bedenkzeit zu verschaffen. Während Samantha auf Daphne einsprach und ihn gleichzeitig davon abzubringen versuchte, den Tisch abzuräumen, sprang Louis schon von seinem Stuhl und ging ihm schnurstracks am Geschirrspüler zur Hand, neben dem Tony vage grübelnd innehielt.
Ich war nicht sicher, was er dachte, da er gar nicht weiter auf die Angelegenheit einging, aber irgendetwas in seiner abwesenden Miene sagte mir, dass er in dieselbe träge Ernüchterung verfiel, die mir schon gestern Abend nach Clints Anruf begegnet war.
Stillschweigend kreuzte ich die Finger.
Hauptsache, ich verbrachte die nächste Woche, meine letzte vollkommene Woche in New York City, nicht daheim im Caretaker Protokoll.
Es warteten gleich zwei schulfreie Feiertage auf mich, die ich ganz bestimmt nicht zuhause verbringen wollte.
Außerdem hatte ich Elijah versprochen, bei Eves Geburtstag dabei zu sein.
Ich konnte nicht schon wieder absagen.
„Stecken wir in Schwierigkeiten?“, erkundigte sich Daphne fromm, als ihre Mum sich schlussendlich müde der Worte abwandte und sich zerstreut die Schläfe rieb. „Wir können versprechen, es sein zu lassen?“
Tony äußerte sich nicht sofort. Ich sah ihn innehalten und seinen Blick überlegt hierhin und dorthin fliegen, ehe er sich schon umwandte, Samantha ins Auge fasste und einen stillschweigenden Blick mit ihr wechselte.
Wenig streitlustig kehrte er zum Tisch zurück.
„Der Wall ist tabu“, ließ er uns wissen. „Und treibt ihr euch das nächste Mal am Damm herum, erkundigt ihr euch bei FRIDAY, ob das Betriebsgebäude besetzt ist und ob Polizeistreifen oder Presse-Vans in der Nähe sind.“ Daphne nickte. Er sah zu mir weiter. Da ich keine außerordentliche Reaktion zeigte, ließ er seinen Blick bloß auf mir ruhen, ehe er vermeintlich beiläufig nachsetzte: „FRIDAY, notier das.“
Unwillig fixierte ich den Knöchel meines Daumens.
„Das heißt die Sohlrampe …“, begann Daphne.
Sein Blick kehrte zu ihr zurück. „Unter den gerade genannten Bedingungen, Grauzone. Nicht, weil ich euch den Zero-Risk -Bluff abkaufe, rein historisch bedingt.“ Er ließ seine Hände in den Hosentaschen verschwinden. Diesmal sah er mich nicht an, ich spürte trotzdem, dass es klar an mich und mein mageres Geständnis aus Halbwahrheiten gerichtet gewesen war.
Er ahnte es, er wusste nur nicht, wie er es harmlos ausdrücken sollte, dass er mir ausgerechnet heute und so wenige Stunden nach unserem Friedhofsbesuch die trauernde Sentimentalität nicht vollends abkaufte, ohne dabei automatisch wie das größte Arschloch dazustehen.
Tja. Auch gut.
„Das gilt, was mich betrifft“, setzte Tony schon knapp hinterher, kaum dass er Daphne nach kurz abwesender Pause wieder ansah. „ Deine letzte Instanz steht dort drüben, Daenerys.“
Ein Lächeln hob ihre Lippen, als sie schon zu Samantha weitersah.
„Falls du möchtest, organisiere ich dir ein Armband“, erbot Tony, wie um die verbliebene Verstimmung mit lauem Humor zu lösen. „Wird ein Freundschaftspreis.“
Es funktionierte. Samantha schloss die Augen und nickte Daphne zu. „Na los, hoch mit euch, aufs Zimmer. Licht aus um halb zehn. Und darin versteckt sich keine Grauzone, Daphne. Sonst wird das eine Mutprobe.“
-/_\-
Bis auf das Licht unserer StarkPhones und der großen Deckenspirale aus LED-Lichtern über Daphnes Bett war es dunkel. Vor ihrem Fenster lag tiefe Nacht. Das warme, gelbe Licht tränkte die kleinen Kissen auf der Sitzbank davor in beigefarbene und nachtgraue Töne.
„Hast du es gesehen?“
Die Beine um ihre flauschige Tagesdecke geschlungen, schüttelte ich den Kopf. „ Nope .“
Daphne zog eine frustrierte Miene. „Ich auch nicht.“
„Na ja, es heißt imaginäre Farben“, schränkte ich mit in die Kissen gedrückter Wange ein und gähnte sachte. „Wir können uns einreden, es gesehen zu haben.“
Sie gluckste.
Niemand hatte mehr vorbeigesehen, seit Samantha Louis ins Bett gebracht, den Kopf kurz ins Zimmer geschoben und uns eine gute Nacht gewünscht hatte. Es war fast halb zehn, trotzdem drückte Daphne auf den Refresh-Button und startete das Video von neuem.
„Diesmal blinzeln wir nicht, okay?“
„Ich weiß nicht, ob ich auf das Kreuz oder einfach irgendwo auf das grüne Quadrat starren soll“ seufzte ich.
„Das Kreuz.“
„Aber das ist einfach nur Schwarz. Und sollten nicht die grünen Zapfen übersättigen? Vielleicht muss man mehr daneben starren und nicht zu sehr auf das Kreuz. Oder vielleicht … ist es einfach Murks.“
„Harley behauptet, das funktioniert.“
„Das heißt nicht, dass er es sich nicht einbildet “, erinnerte ich platt. „Er will , dass es funktioniert. Seine Note hängt davon ab, Dev. Wenn alle morgen auf seine Slides starren und es ihren grünen Zapfen danach genauso prächtig geht wie unseren, sehen sie einfach eine weiße Leinwand und Harley ist Toast. Ich mein‘, was wenn es sein Lehrer gar nicht sieht? Die ganze Idee ist bescheuert. Eine Malewitsch-Hommage in selbstleuchtendem Rot? Hört er überhaupt wie das klingt? Keiner weiß, wer dieser Malewitsch ist, aber jeder sieht, dass er diese drei Slides in fünf Minuten erstellt hat. Vielleicht war es sogar FRI . Sie schicken ihn zum Schulleiter und dann hat sich seine Thanksgiving-Exkursion für Überflieger nach Boston erledigt.“
Zumindest wäre ich dann nicht mehr die Einzige, die sich bereits im ersten Jahr an der High School durch reine Idiotie in Schwierigkeiten gebracht hätte und Harleys ewige Piesackerei hätte vermutlich ein Ende.
„Haben es die Bartons gesehen?“, erkundigte ich mich seufzend.
Daphne wechselte zurück in den Malibu 5 -Chat. „Noch keine Antwort.“
Ich schwieg.
Auch von Clint hatte ich bislang nichts mehr gehört. Seit unserem Telefonat gestern Abend hatte er nicht noch einmal geschrieben. Die Funkstille war nichts Außergewöhnliches, sagte ich mir. Es war kaum einen Tag her. Es war alles in Ordnung und ganz bestimmt exakt so gelaufen, wie er es angekündigt hatte. Er würde keine Jahrzehnte im Raft verbringen. Er hatte einen Deal abgeschlossen, um bei seiner Familie zu bleiben. Es gab keinen Grund, unter verdecktem Namen zu flüchten, wenn er seine Haftstrafe daheim absitzen konnte. Sie verschwanden nicht. Es hatte ehrlich geklungen. Er hatte --- mich noch nie belogen. Clint hätte nicht angerufen, wenn ihr Plan anders ausgesehen hätte. Er hätte mir keine Hoffnungen gemacht, nur um seinen Vorwand vor Tony oder vor irgendwelchen von Ross‘ Agenten zu stärken und auf diese Weise noch einmal zu ihnen ins Land zu gelangen. Niemals .
Angestrengt ging ich im Geiste noch einmal jedes einzelne gewechselte Wort durch, an das ich mich erinnerte, auf der Suche nach einer versteckten Botschaft, die ich übersehen haben mochte, aber da war nichts; nichts, das ich sah ; nichts, das nicht auch genau das bedeuten mochte, was gesagt worden war.
Und doch … Meine Unruhe blieb bestehen.
Stumm schaltete ich mein StarkPhone wieder ein, wechselte in unseren Chat und schrieb ihm:
21:28 Uhr Ich: Gut angekommen?
Vermutlich hatten die FBI-Leute den ganzen Tag damit zugebracht, das Gelände für seinen Hausarrest zu sichten und alle Vorkehrungen zu treffen. Vermutlich fanden die Bartons gerade erst endlich ein wenig Ruhe, sich über seine Rückkehr zu freuen.
„Noch einmal?“, erkundigte sich Daphne.
Ich nickte und ließ mein StarkPhone zurück auf die Bettdecke sinken.
Sie startete das Video und wieder stierten wir verbissen auf Harleys grünes Quadrat.
Als das Bild ins reine Weiß wechselte und ich den Moment nur verzögert mitbekam, da noch immer in Gedanken, schnappte Daphne freudenstrahlend nach Luft. „Es klappt!“
Überrumpelt hob ich den Kopf. „Echt?“
„Ja!“
„Und es ist … im Ernst eine Farbe, die du noch nie gesehen hast?“, bohrte ich skeptisch.
Aufgeregt warf sie ihr StarkPhone zur Seite. „Er hat recht. Es ist Rot . Nur --- irgendwie trotzdem heller als Weiß! Aber rot. Richtig kräftig.“
Ich hob die Mundwinkel. „Du verarscht mich, oder?“
Daphne lachte. „Nein, ehrlich.“
„Wie soll das aussehen? Rot, aber heller als weiß? Das ergibt keinen Sinn, Dev.“
„Nur, weil du es noch nicht gesehen hast!“, zog sie mich auf. „ Imaginär , schon vergessen?“
Ich warf ihr das nächste kleine Kissen ins Gesicht, das ich zu greifen bekam. „Wie hell genau war das?“
Sie grunzte.
-/_\-
Daphne schlief so schnell ein, kaum, dass wir unsere StarkPhones beiseitelegten, dass ich immer noch unentschlossen meine Beine arrangierte, als bereits ihre ersten leicht säuselnden Atemzüge zu vernehmen waren.
Es war wohlig warm unter ihrer Decke, mein Kopf nestete auf der gewohnten Seite und für einen Augenblick fühlte sich meine letzte Übernachtung unter ihrem Dach so viel näher als sechszehn lange Monate an, trotzdem überrollte mich eine Welle der Müdigkeit und Schwere nach der nächsten, ohne dass ich wirklich in den Schlaf fand.
Und dann wurde ich schleichend wieder wacher. Ich begann das sachte Klicken der Relais ihrer wärmenden Klimaanlage zu vernehmen und dann auch das vage Ticken des sich dehnenden Schachts, das entfernte Klickern von im Wind tänzelnden Ästen auf Fassadenpaneelen und eine etwa fünf Minuten laufende Dusche im angrenzenden Bad, deren kurz darauf anschließenden Schritte auf dem Flur ich trotz aller gedämpfter Akustik problemlos Tony zuzuordnen wusste.
Eine lange Weile stierte ich einfach an die warm glühende Spirale aus LED-Lichtern über Daphnes Bett.
Dass ich die Kiefer angespannt vor rotierenden Gedanken geschlossen hielt, realisierte ich allerdings erst, als Daphne unruhig träumend ihre Hand emporschob und dabei versehentlich mein Ohrläppchen streifte.
Ich zog mich etwas zurück, ohne sie dabei unnötig aufzuwecken, schlang die Bettdecke auf der Suche nach dem federweichen Gefühl der Sorglosigkeit bis an meine Wange und versuchte erneut einzuschlafen, aber meine Müdigkeit blieb ausgefranst.
Gegen halb zwölf warf ich einen kurzen Blick auf mein StarkPhone und bemerkte eine Nachricht.
Clint hatte geantwortet.
22:07 Uhr HawkBye: Alles nach Plan. Ich ruf nächste Woche an, dann erzähl ich von FBI-Haustouren und du von Parkourläufen beim Homecoming, Deal?
Mein kleines Schmunzeln verflüchtigte sich prompt wieder.
23:28 Uhr Ich: Du weißt davon?
Kaum, dass ich meine Rückfrage versandt hatte, öffnete ich wieder Harleys Videolink und starrte auf das giftgrüne Quadrat in dämlicher Hoffnung es möge mich, wenn schon nicht eine imaginäre Farbe sehen lassen, so doch zumindest so weit langweilen, dass mein Gehirn freiwillig bis zum nächsten Morgen auf Durchzug schaltete. Aber noch ehe das Quadrat verschwand, schrieb Clint schon wieder zurück:
23:30 Uhr HawkBye: Ich erfahre alles, Stark Jr.
Verhalten in die Bettdecke schnaufend zückte ich das wirklich beste hierfür geeignete und derzeit kursierende Meme.
23:32 Uhr Ich: [*Tony-Stark-Pressekonferenz-GIF:subtitled_Habe-ich-das-verbrochen?-Es-klingt-nach-mir.*]
Clint ging auf meine passiv bittere Geste nicht weiter ein. Vielleicht, weil wir beide wussten, dass der rege familiäre Austausch zwischen ihnen mit Leipzig ein abrupt permanentes Ende gefunden hatte. Stattdessen sandte er zur Verneinung bloß zwei verlinkte Subreddits zurück:
23:34 Uhr HawkBye: [Link: r/SolaStarkWaters] [Link: r/Nashua]
Ich brauchte nicht abzuspringen, denn ich hatte beim Abendessen bereits genug gesehen. Noch etwas unzufriedener begann ich wieder zu tippen:
23:35 Uhr Ich: Das sind keine Quellen, das sind Tee-Partys.
23:36 Uhr HawkBye: Nicht für den Hutmacher. Zeit für den Kaninchenbau, Alice.
Es war ein unverhohlener Wink mit dem Bettpfosten und so wechselte ich wahllos in meinen Chat mit Pepper, die sich immer mal wieder nach meinem Tag in Nashua erkundigt hatte und der ich bislang nur mit ein paar versichernden Ausflüchten über unseren Friedhofsbesuch, Gramps und meinen Nachmittag mit Daphne und den Anderen geantwortet hatte.
Erneut überkam mich diese seltsam dichte Leere, die sich genauso paradox anfühlte, wie Daphne das selbstleuchtende Rot beschrieben hatte, eine unmöglich gesättigte Resignation , die an Groll kratzte und doch nichts damit gemeinsam hatte, während ich einfach nur auf das herabgedimmte Display meines StarkPhones stierte. Es war eigentlich viel zu spät und trotzdem schrieb ich Pepper:
23:40 Uhr Ich: Er hat es mir gesagt.
Anschließend starrte ich einen langen Augenblick bloß auf meine Nachricht, ohne dass hüpfende Punkte von ihrer Gegenwart kündeten.
Ich hatte es den ganzen Tag in keiner meiner Nachrichten angedeutet. Pepper musste davon ausgehen, dass alles in Ordnung war und Tony sich die intuitive Pop-Up-Präsentation seiner gesetzten Umzugspläne demnach noch etwas länger verkniffen hatte.
Vermutlich schlief sie längst. Nachdenklich schaltete ich das StarkPhone wieder ab.
Neben mir entließ Daphne ein schlafendes Ächzen. Und dann ein weiteres.
Sacht hob ich den Kopf und sah zu ihr herüber.
Sie rollte sich herum und obwohl satt warmes Licht auf uns herabglomm, wirkte sie plötzlich auffällig bleich.
„Dev?“, raunte ich.
Sie atmete aus, fast ein Seufzen, nur irgendwie klang es so überhaupt nicht entspannt.
Ich näherte mich ihr. „Dev“, wisperte ich. „Hey, alles okay?“
Träge öffnete sie die Lider, blinzelte zwei Sekunden und verzog unversehens gewürgt die Miene. Noch in dem Augenblick, in dem sie es tat, wusste ich, sie würde sich erbrechen.
Rasant rutschte ich unter der Decke vom Bett, kickte dabei mein StarkPhone mit Tempo auf den Boden, griff mir reflexartig ein herumliegendes, kiwigelbes T-Shirt und warf mich Daphne wieder entgegen.
Ich schaffte es gerade so.
Das T-Shirt fing glücklicherweise alles auf, während wir beide es notgedrungen vor ihr aufgespannt hielten. Als sie die Miene letztlich herzhaft angewidert und geschafft verzog und halb bereit ihren Zeigefinger hob, brachte ich meine Beine zurück in Position.
„Bad“, raunte sie. „Jetzt.“
Stolpernd eilten wir los. Dort angekommen, sackte Daphne just wieder über die Kloschüssel und setzte ihr gequältes Würgen fort. Halbherzig spülte ich das verdreckte T-Shirt im Waschbecken aus, ließ es dann einfach klitschnass darin liegen, sackte neben ihr in die Hocke und sammelte hastig ihre Haare zusammen.
„Dev, was ist los?“
Sie schüttelte den Kopf. „Weiß nich‘--- richh‘ …“ Sie würgte. „… übbh -el.“
„Das T-Shirt, war es neu?“ Schuldbewusst schielte ich zum Waschbecken zurück. „Da ist noch ein Etikett dran …“
Sie gluckste leichenblass in die Kloschüssel. „H- hm . Jessys- shh ---liehen.“
„ Shit , tut mir leid.“
Matt zuckte sie mit den Achseln. Ich bemerkte das vage Zittern darin. Immer noch rang sie mit dem überwältigenden Würgereiz, auch wenn sie inzwischen mehr auf dem Boden saß, als über der Kloschüssel drapiert hing. Ihre Haare waren bis auf ein paar verklebte Strähnen sauber. Während ich mich noch überfordert nach einem Haargummi und Handtuch in Reichweite umsah und meinen Blick über die Anrichten wandern ließ, schob Daphnes Mum mit seicht verschlafenem Blick die halb offenstehende Badezimmertür weiter auf und trat aus dem dunklen Flur zu uns in den hell gefliesten Raum.
Sie schaltete das Deckenlicht ein.
„Was ist passiert?“
Ich hob die Schultern. „Keine Ahnung. Sie hat geschlafen und plötzlich …“
Ihre Mum sank neben uns und ließ eine Hand auf den Rücken ihrer Tochter sinken. „Dev? Wie schlimm?“
Daphne stöhnte ihr allerliebstes Codewort. „Dela- hghh -ware.“
Samantha runzelte die Stirn. „Okay …“ Still besänftigend fuhren ihre Fingerknöchel über Daphnes Wange, als diese nicht aus dem Würgen herauskam, und sprangen just zu ihrer Stirn weiter. „Du hast Fieber, Schatz.“
Ich ließ die Schultern sacken. „Sie ist krank?“
Samantha sah mich an und nickte still.
„Fühl --- mich gut.“ Daphne grunzte. „Gleich.“
„So schnell wird das nicht gehen“, widersprach ihre Mum mild. „Sola, wasch dir bitte die Hände, gründlich , und … kannst du vielleicht ein frisches Shirt aus ihrem Schrank holen? Und am besten auch ihren Bademantel. Ich denke, wir bleiben hier noch ein wenig … Der Bademantel ist-“
„Ich weiß“, nickte ich schnell.
Als ich aus ihrem Zimmer zurückkehrte, waren Daphnes Haare hochgebunden und ein kalter Waschlappen ruhte in ihrem Nacken. Ich händigte Samantha die Sachen aus, während Daphne – inzwischen schläfrig auf ihren Unterarm gelehnt – meinen Blick auffing und sichtlich geschafft einen Mundwinkel hob.
Ich erwiderte es.
„Ich bringe sie gleich ins Bett“, versicherte Samantha leise. „Du solltest jetzt besser auch schlafen ... Lass uns hoffen, dass es dich nicht auch erwischt.“ Fahrig strich sie sich über die Schläfe. „Richtig … Ich will nicht, dass sie dich ansteckt, falls noch nicht geschehen. Ihr beide braucht jetzt Ruhe. Ich weiß nur nicht, ob …“ Sie kniff sacht die Stirn. „Wir haben kein zweites Gästebett …“
„Ich kann auf der Couch im Wohnzimmer schlafen“, versicherte ich schnell.
Samantha sah nicht überzeugt aus. „Du wärst alleine im Erdgeschoss. Wer weiß, wer … Nein, das gefällt mir nicht. Jeder weiß, dass ihr heute hier seid. Frag deinen Vater bitte, ob es vielleicht in Ordnung wäre, wenn ihr euch das Gästebett teilt. Es ist groß genug für zwei.“
Meine Miene ernüchterte.
„Falls nicht, wecke ich Louis gleich auf und schicke ihn in mein Bett und du kannst-“
Schnell schüttelte ich den Kopf. „Nein, schon in Ordnung, das --- umm , haben wir schon gemacht ...“ Ich zuckte matt die Schultern. „Kein Problem, ich geh rüber.“
Sie lächelte.
-/_\-
Nicht wirklich überraschend war Tony noch auf, als ich nach knapp widerstrebendem Klopfen die Tür zum Gästezimmer öffnete. Etwas in mir hatte gehofft, die schiere Langeweile dieses Tages mochte ihn außerplanmäßig in eine gesunde Schlafroutine getrickst haben, dann hätte ich vielleicht hineinschleichen und mir jeden Wortwechsel ersparen können, aber sein Gehirn verbrannte eindeutig noch genug Kalorien, um sich bereits einen Haufen Striche durch einen Haufen noch ungeschriebener Rechnungen zu ersinnen.
Inzwischen trug er ein einfaches, ausgeblichenes Band-T-Shirt. Ich konnte nicht sagen, ob er darin zu schlafen beabsichtigte oder ob es nicht eher sein persönliches Feierabend-Outfit darstellte, denn auch wenn er mit entspannt vor sich ausgestreckten Beinen auf dem Bett saß, ließ er soeben im schwachen Licht der einfachen Nachttischlampe ein kleines technisches 3D-Hologramm zwischen den Fingern ausrotieren, das sein StarkPhone vor ihn projiziert hielt.
Er wandte den Kopf, kaum, dass ich mich in den Türrahmen schob.
Ich machte keine Anstalten weiter einzutreten. „Dev geht‘s nicht gut“, erklärte ich mit hohl distanzierter Stimme. „Ich schlafe unten auf der Couch. Irgendwas dagegen?“
Seine prompte Antwort klang absolut sorglos und imitierte meine bewusst platzierte falsche Beiläufigkeit: „So einiges.“
Missmutig hielt ich seinen Blick. Den Versuch war es wert gewesen.
Er nickte neben sich. „Hüpf rein.“
Wenig enthusiastisch trat ich ins Zimmer und schloss die Tür.
Mein Blick streifte unser abgestelltes Reisegepäck: Schlichte Sporttaschen und hochwertige Weekender, aber auch die in eisigem Blau leuchtenden Fugen des dahinterstehenden Koffers aus lackiertem Titan, die SUN-1.
Ohne Tony eines weiteren Blickes zu würdigen, schlurfte ich zum Bett, warf die Decke zurück, ließ mich neben ihm auf die erstaunlich neue und solide Matratze sacken und in die Kissen fallen. Mein eigenes StarkPhone gezückt, rutschte ich tiefer in die Federn und deckte mich zu; fest entschlossen, meinen stillschweigenden Boykott seiner Person vom Abendessen einfach wie gehabt fortzuführen. Tony beobachtete das Prozedere, auch wenn er seine Aufmerksamkeit weitestgehend bei seiner holografischen Denksportaufgabe behielt, was mir sagte, dass mein schweigender Protest ihn nicht sonderlich beunruhigte.
Weiter den Flur hinab lief die Klospülung. Vermutlich kehrte Daphne ins Bett zurück. Auch wenn es nicht vielversprechend ausgesehen hatte, hoffte ich immer noch, dass ihre Mum sich irrte und sie nicht ernsthaft krank war. Ich freute mich auf Jessy und Sid, aber ich wollte unseren zweiten und damit letzten Tag in Nashua nicht gleich wieder ohne sie verbringen. Wenn Daphne krank war – so richtig – und ihr Fieber oben blieb, würde dieser Besuch vermutlich sogar vorzeitig enden.
Ihre Mum wollte nicht, dass ich mich ansteckte. Und Tony würde auch kein großes Interesse daran zeigen, ein hartnäckiges Brechreizvirus für uns als Souvenir zu sichern.
Nein, wenn es Daphne morgen früh nicht besser ging, würden wir schon nach dem Frühstück zusammenpacken. Wir würden noch ein paar Stationen in der Stadt abklappern, vielleicht setzte er mich für eine Weile irgendwo ab, damit ich noch etwas Zeit mit Jessy und Sid verbringen konnte, und dann würden wir auch schon zurück nach Boston aufbrechen und heimfliegen.
Letzten Endes wären es bloß wenige Stunden, die verloren gingen, ja, aber sie waren alles, was ich noch von meiner Heimat hatte.
Wer wusste schon, wann sich das nächste Zeitfenster für Nashua öffnete … So wie es vergangene Woche im River und auch heute wieder geklungen hatte, bis Thanksgiving sicher nicht mehr, wenn überhaupt noch dieses Jahr.
Stattdessen würde es nun Upstate heißen. Standardmäßig .
Lange Minuten herrschte Stille. Während Tony weiter gedanklich vertieft an seinem neuesten Anzug-Upgrade werkelte und dabei Änderungen implementierte und just wieder verwarf, scrollte ich stur auf meinem StarkPhone vor mich hin, bis ich so ziemlich keine Ahnung mehr hatte, was ich da eigentlich ansah.
Unversehens schob sich Peppers Antwort ins Bild.
00:23 Uhr CayennEO: Kopf hoch. *Verband-Herz-Emoji* Es ist sicher nur vorübergehend. Upstate ist keine dauerhafte Lösung.
Ich wischte die Nachricht beiseite, ehe Tony sie vielleicht aus dem Augenwinkel zu Gesicht bekam, und stierte bitter unzufrieden ins Leere. Irgendwann schaltete ich das Display vollständig ab und sah gedankenversunken auf die nun transparent graue Fläche.
„Ich hab für diese Woche rückwirkend die Du-kommst-aus-dem-Gefängnis-frei-Karte ausgestellt, falls das … nicht schon klar gewesen sein sollte“, ergriff Tony völlig beiläufig das Wort und schnippte nachdenklich eine gerade erst modellierte Ringfassung beiseite. Sein linker Mundwinkel stieg in knapp mimisch wertender Neigung empor. „Sie hatte es in sich. Schon von Natur aus. Lief holprig an, hat ein paar wilde Schlenker genommen … auf den letzten Metern ist die Radachse gebrochen … Kein Grund, ausgerechnet jetzt das Qualitätssiegel auszupacken. Archivieren wir das Ganze. Nächstes Mal gehen wir mit mehr Vorbereitung rein, einverstanden?“ Er nickte mir knapp neckend zu, als ich unverändert geradeaus stierte. „Hey, Pokerface, das gerade war die Generalamnestie.“
Ich warf ihm nicht mehr als einen bitter gleichmütigen Blick zu.
Er war es selbst , der diese Woche überhaupt erst zu dem Reinfall gemacht hatte, der es nun war. Er hatte Pepper vor den Kopf gestoßen, anstatt sich mit ihr zu versöhnen; meine dummen Spindnachrichten überhaupt erst zu einem richtigen Problem erhoben, indem er mich nun dazu drängte, die Schulleitung zu involvieren, anstatt es einfach irgendwie auszusitzen; hatte mich für meine gelungenen Entwaffnung beim Raubüberfall kritisiert, als sei ich mit voller Absicht in eine Schusslinie gesprungen, und dann hatte er mich auch noch an Janes Todestag von jetzt auf gleich im Hauptquartier eingepfercht, war auf und davon und hatte nicht einmal im Nachgang eingestehen wollen, dass ich recht gehabt hatte --- Clint selbst hatte es bestätigt, er hatte es bestätigt , sie hatten diesen Ausbruchstag gewählt, um Tony eine glasklare Ausrede zu liefern, sich ohne Konsequenzen aus Ross‘ Verfolgungsjagd auszuklinken---
Und nun würden wir umziehen. Nach Upstate .
Ausgerechnet nach Upstate.
Mein Magen verhärtete.
„Dafür kann ich sowieso keinen Ärger bekommen“, antwortete ich herb gesenkt.
Tony kniff die Stirn. „Oh, nein?“
Mürrisch stierte ich geradeaus. „Nein.“
„Wie das?“
„Das war vorher.“
„Das eben vorhin? Hilf mir kurz auf die Sprünge. Vor … was genau nochmal?“
„Der Damm und dass wir dort draufsteigen.“ Ich schluckte bewusst, um meiner Stimme die unbewegte raue Textur zu erhalten. „Das war vor dir. Das machen wir schon lange. Dafür kann ich keinen Ärger bekommen.“
Er nickte knapp, als erwäge er meine repetitiv karge Antwort auf bestehende Kausalzusammenhänge, aber es war offensichtliche Theatralik, denn er schüttelte gleich wieder den Kopf. „Überzeugt mich nicht.“
„Damals hattest du kein Mitspracherecht“, präzisierte ich. „Du warst nicht da.“
Meine bittergesenkten Worte lösten einen unwohlen Moment vollkommener Stille aus.
Tony ließ nicht in sich blicken. „Sie wusste es nicht. Ich jetzt schon.“
Ich schob vage den Unterkiefer vor. „Sie hatte andere Regeln, okay?“
„Okay.“ Sacht lässig schnalzte er aus der Wange und warf mir einen gespielt desinteressierten Blick zu. Seine Kapitulation währte nur einen bewusst affektierten Moment. „Nur mal angenommen, sie hätte es erfahren – gerade eben – dann hätte sie …“ Er kniff die Augen zusammen. „… was genau gesagt?“
Meine Kiefer schlossen sich und der Kloß in meinem Hals schwoll schlagartig wieder an. Ohne zu antworten, starrte ich geradeaus.
„Volle Immunität, hm ?“ Erstaunlich wenig triumphal wandte sich Tony angesichts meiner herb überführten Stille wieder seinem technischen 3D-Modell zu. Er bewegte das holografische Design ein paar Mal, gab vor es zu untersuchen, rieb sich das Ohr und sah just wieder zu mir. „Okay, noch etwas“, begann er in unruhig besänftigendem Tonfall. „Ich wollte mich dafür entschuldigen. Jupp. Für die Sache mit dem Umzug und wie spontan die Sache vonstattengeht; wie sehr es nervt, schon klar-“
„Ach?“, erwiderte ich trocken.
„Lass mich ausreden. Ich wollte . Aber dann ist mir wieder eingefallen, warum wir diese Sache durchziehen und für wen.“
Mein Atem zementierte.
„Wir tun es für dich, Pokerface. Um diese Situation zu vereinfachen, um die Spannung – ganz einfach, die Distanz – rauszunehmen, überall dort, wo es geht, und das ohne etwas am Drumherum zu ändern. Wir wählen hier das Best-Case-Szenario. Ich will nicht sagen, ich verdiene Applaus, aber … vielleicht etwas Teamgeist. Etwas weniger Schwarzmalerei.“
Ich schluckte herb. „Ich will schlafen.“ Ohne weiteren Kommentar rollte ich mich zur Seite von ihm weg.
Tony entließ sacht den Atem. Er erhob keinen Einwand, stattdessen schaltete er friedfertig sein Hologramm ab, legte sein StarkPhone einfach beiseite und schaltete das Licht aus.
Er ergänzte nichts weiter, als er es sich vage seufzend bequem machte. Eine gewisse Ruhe lag darin, beinahe schon ausdauernde Geduld, die sich nicht so schnell von meiner passiven Untergangsstimmung entmutigen ließ.
Ich stierte an die Schemen der Zimmertür. Und plötzlich musste ich kein selbstleuchtendes Rot mehr gesehen haben, um zu begreifen, dass eine Sache genauso einleuchtend wie katastrophal widersinnig sein konnte. Solange sie in irgendjemandes Kopf stattfand, blieb sie nur eines und zwar ganz und gar real.
Musik:
Overcompensate (edit) – Twenty One Pilots