Starlett
Starlett
Kapitel 5: Starlett
„Denk dran“, sagte Happy, „falls du nach der Schule noch Zeit mit irgendwem verbringen willst, gibst du mir und – vor allem – deinem Dad Bescheid. Ansonsten sammele ich dich auf, sobald die Schule um ist.“
Er hielt sich mir seicht zugewandt, obwohl seine Hände immer noch locker am Steuer lagen.
Um uns herum wuselte es vor gerade eintreffenden Schülern, die die Gehwege überfluteten und sich auf den weißen Steintreppen zum großen Hauptgebäude der Midtown High drängten, vor denen wir geradewegs gehalten hatten.
Es war eine recht langwierige Anfahrt gewesen. Keineswegs mit den wenigen Minuten zur Bosworth High zu vergleichen, die sich nur ein paar wenige Blocks vom Avengers Tower entfernt befand. Der Verkehr aus Manhattan hinaus hatte durchgehend gestockt und gut vierzig Minuten lang hatten wir bloß den vielen Kurznews und den besten Tracks für Morgenmuffel gelauscht, die Happys Lieblingssender im Radio hergegeben hatte, bis wir endlich von der Interstate abgefahren und uns dem Viertel der Midtown High genähert hatten.
Obwohl ich es mir zuvor in den schwarzen, weißgeränderten Polstern unserer Limousine gemütlich gemacht hatte, war ich doch zu gespannt gewesen, um noch ein wenig vor mir hinzuschlummern, also hatte ich stattdessen den Anblick all der unbekannten Viertel und Blöcke in mich aufgenommen, die an uns vorbeigezogen waren, kaum dass wir den East River und seine letzten Reste Morgendunst hinter uns gelassen hatten. Irgendwann waren die gewaltigen Wolkenkratzer von Manhattan weiter und weiter in einen mehr bläulich verwaschenen Hintergrund gewichen und schließlich war es fast ländlich geworden. Weite Wiesen und Parks, mehrstöckige Backsteinbauten, gewaltige Lagerhallen und kleinere Vorstadthäuser hatten sich entlang der Straßen abgewechselt. Schließlich dann waren wir auf das überraschend ausgedehnte Schulgelände der Midtown High aufgefahren – einem großen Backsteingebäude, geziert von weißen Säulen und einem kleinen weißen Turm auf seinem Flachdach, inmitten einer Mulde kleiner grüner Hügel, an die ein betriebsames Stadtgebiet zu grenzen schien.
Nicht viele Geräusche drangen ins Wageninnere vor, trotzdem sah ich wie manche eintreffenden Schüler unverhofft strahlenden Blickes innehielten oder aber ihre Schritte beschleunigten, sich einander aus der Ferne mit in der Luft rudernden Armen willkommen hießen oder Dinge zuriefen und wild durcheinander sprachen.
Ein ganzer Sommer voller Ereignisse lag hinter jedem Einzelnen von ihnen, aber noch hatte das neue Schuljahr nicht begonnen.
Für den Moment schien alles möglich.
Für den Moment war es perfekt.
Alles stand auf Anfang. Nicht nur für mich.
Weitere Autos fuhren im Schritttempo an uns vorbei. Manche von ihnen hupten; zumeist ältere Schüler, die ihre Bekannten entdeckten oder ganz generell auf sich oder ihren brandneuen Wagen aufmerksam zu machen versuchten. Andere wiederum taten es etwas eindringlicher, weil ihnen Schüler vor die Motorhaube sprangen, die eilig die Straße zu überqueren versuchten, um noch eine Lücke vor dem dahinter eintreffenden Schulbus zu erwischen.
Ich richtete die Kapuze meines Hoodies, die sich in meinem Nacken knüllte. In mir flimmerte es vor nervöser Vorfreude.
„-Freigang besteht bis neunzehn Uhr und nur im abgesprochenen Umkreis“, spulte Happy nach wie vor unverfroren das neue Regelwerk ab. „Vermeide öffentliche Verkehrsmittel. Notfalls ist der Bus in Ordnung, aber nicht optimal. Alles Unterirdische ist tabu. Keine U-Bahn. Und kein Taxi.“ Er setzte eine nachdrückliche Pause, als halte er dies für die wahrscheinlichste Dummheit, die ich begehen mochte. „Wenn ihr irgendwohin möchtet, wohin ihr nicht gerade zu Fuß kommt, schreibst du mir am besten. Ich fahre euch dann, ist schließlich mein Job.“
Brav nickte ich, die Augen längst auf die vorbeischlendernden Gleichaltrigen gerichtet.
„Was tust du, wenn dir etwas seltsam vorkommt?“
„Ich gebe Bescheid.“
„Kleinere Auffälligkeiten gehen an mich oder FRIDAY. Große Fragezeichen geradewegs an deinen Dad.“ Er hob die Hand. „ Umgehend . Es ist völlig irrelevant, was er gerade treibt.“
„Jaah“, drängelte ich.
„Und was tust du, wenn trotz allem eine irgendwie geartete Katastrophe über dich hereinbricht?“
„Ich alarmiere FRI und suche Deckung, bis Tony oder die SUN-1 eintrifft.“
Schon am Vorabend war ich mit Tony und Pepper nach dem Abendessen alle Regeln, Vereinbarungen und Protokolle für meinen neuen Schulalltag ein letztes Mal durchgegangen. Obwohl es eine entspannte Unterhaltung gewesen war, war es unmissverständlich gewesen, wie wichtig es ihnen gewesen war sicherzustellen, dass meine neuen Bewegungsfreiheiten weiterhin mit meiner Sicherheit Hand in Hand gingen und dass sie jedes potentielle Missverständnis diesmal von vornherein aus dem Weg räumten.
Dass sich dieser Kompromiss gefunden hatte, bedeutete auch, dass ich mich nicht länger auf vermeintliche Ahnungslosigkeiten berufen durfte. Pepper und Tony hatten ein und denselben unaufgeregt sachlichen, überlegten Ton angeschlagen und das sagte mir genug. Wenn ich diesmal Mist baute, dann tat ich es in ihren Augen mit Berechnung – so viel hatte mir die geschlossene Rekapitulation unserer gesamten Spielregeln mehr oder weniger zu verstehen gegeben, ohne dass einer von beiden es wahrhaftig hatte aussprechen müssen.
Stellenweise war es mir vorgekommen, als breche ich auf mich allein gestellt zu einer einjährigen Weltreise auf und nicht bloß zu meinem ersten Schultag nach den Ferien.
Wir hatten genauso lange über mein Kopfschmerztagebuch und etwaige Notfallmedikation gesprochen wie über meine Verhaltensweisen angesichts verschiedenster möglicher Vorkommnisse, begonnen bei seichtem Unwohlsein über rüpelhafte Paparazzi und Kleinganoven bis hin zum intergalaktischen Zwischenfall. FRIDAY, Happy und die SUN-1 waren so oft als Stichwort meiner Weisungsgeber gefallen, dass ich schlussendlich sicher gewesen war, dass Tony jede Minute meines Schulalltags in Queens als Hochrisikoentwicklung wertete. Aber ich hatte mich nicht belustigt gezeigt, zumindest nicht offensichtlich; dafür waren mir meine neuesten Errungenschaften in Sachen Eigenständigkeit doch zu wertvoll gewesen. Also hatte ich keine Miene verzogen, brav jedes vereinbarte Verhaltensprotokoll rezitiert, mein Ja und Amen zu jeder Korrektur gegeben und jedem einzelnen musternden Blick mit Bravour standgehalten, denn auch jetzt noch war ich mir einhundert Prozent sicher, dass Tony keinerlei vergleichbare Bedenken oder Zurückhaltung zeigen würde, einen Großteil der neuen Rahmenbedingungen wieder zurückzudrehen, sofern er auch nur einen leisen Hauch alter, brandgefährlicher Leichtfertigkeit in mir aufwallen sah.
Und, ja, es ließ sich mit Fug und Recht behaupten, dass ich meinen Vertrauensvorschuss absolut verdient hatte. Manchen seiner Blicke standzuhalten, hatte wirklich das reinste Gewissen auf Erden erfordert. Tony konnte furchtbar examinierend dreinblicken, wenn er nach geistigen Hintertürchen fahndete. Es wunderte mich ernsthaft, dass die halbe Welt ihn als beispiellosen Verantwortungsallergiker erachtete, wenn er solche Blicke beherrschte.
Pepper hatte unsere finale Absprache aufmerksam verfolgt und zufrieden geseufzt, kaum dass wir es ohne die geringste Beanstandung meinerseits durch alle relevanten Punkte geschafft hatten, die Tony auf der protegierenden Seele brannten.
Schlussendlich hatte er sich hinter mir auf der Rückenlehne unserer Couch niedergelassen, ausgeatmet und mich endgültig aufmerksam in den Blick gefasst und diesmal hatte so viel Nachdenklichkeit und zugleich stillsiedende Zuneigung darin gelegen, dass ich unweigerlich geschluckt hatte. „Wenn etwas nicht in Ordnung sein sollte – ganz egal, was oder wie vermeintlich lächerlich“, hatte er ruhig nachgesetzt. „Wenn es Probleme gibt, mit den Lehrern, den Schülern, dem Hausmeister, wem oder was auch immer … Wenn du nicht klarkommst; das Gefühl bekommst, es ist zu viel oder zu wenig, oder … du keine Luft mehr bekommst, Sola …“ Seine Brauen waren kurz emporgewandert, als er eine bedeutsame Pause gesetzt hatte, in der sich alles in mir sacht verhakt hatte. „Völlig gleich weshalb , du sagst es uns. Du sprichst mit mir. Und wir beide lösen es als Team. Versprochen.“
Er blinzelte nicht; nicht einmal, als ich sacht beklommen nickte und er nachdrücklich den Kopf vorsinken ließ, damit er meine Miene nicht aus dem Blick verlor. Unweigerlich waren meine Augen ein wenig feuchter geworden. Als ich die Ergriffenheit beschämt daraus gerieben und betont gefasst wieder die Arme verschränkt hatte, hatte er kurz gelächelt.
„Kein Pokerface mehr“, hatte er wieder etwas beschwingter betont.
„Jupp.“
„ Dein Dad ist ein echter Superheld.“ Selbstzufrieden hatte er die Mundwinkel gehoben, auf mich gewiesen und war wieder aufgestanden. „Das ist ziemlich cool. Und ziemlich praktisch.“
Ich hatte die Augen verdreht und mit Pepper einen mild belustigten Blick gewechselt, aber mein Herz hatte kurz geholpert, denn ja – okay, ja – das war er.
Und es hatte rein gar nichts mit seinen Anzügen zu tun.
Als ich mich nun abschnallte und die Wagentür unseres Audis öffnete, kaum dass Happy mich endlich loswinkte, flutete es mich aus irgendeinem kindlichen Reflex mit jäher Euphorie und derselben Woge gleißenden Selbstvertrauens, die Tony zu verströmen pflegte.
„Guten Start, Kind.“
„Jupp“, flötete ich. „Bis später. Hab dich lieb. Bring für die Rückfahrt Cheeseburger mit, ja?“
Happy gluckste und schüttelte abwesend den Kopf. „Klar doch ...“, brummte er mir belustigt hinterher.
Ich strahlte ein letztes Mal zu ihm zurück und warf die Tür hinter mir zu, dann sah ich über die vielen unbekannten Jugendlichen und weiter zu den hohen Säulen des vielstöckigen Gebäudes hinauf, schulterte beschwingt meinen Rucksack und atmete aus.
Midtown High, ich komme.
-/_\-
Kaum jemand wandte den Kopf, als ich mich unters Volk mischte und den anderen die steinernen Stufen zu den Schultoren empor folgte.
Vom blauen Geländer blätterte vielerorts der Lack ab und gab das graue Eisen darunter preis. Es sah so wohlbekannt schäbig nebst zu den sandfarbenen Steinstufen aus, dass es mich unweigerlich grinsen ließ.
Als ich kurz zurücksah, registrierte ich, wie Happy den Motor anließ und bereits auf die sich von Autos und Schülerscharen stauend überfüllte Straße zurückkehrte. Beinahe sofort eroberte ein silberner Nissan hinter ihm die exklusive Haltefläche direkt vor den Schultoren und entließ zwei sich zankende Jungs, Zwillinge, dem äußeren Anschein nach, die etwas jünger und damit in ihrem ersten Jahr an der Senior High School sein mussten.
Neuankömmlinge wie ich.
Auf gegenüberliegender Seite der Straße führten Treppen, gesäumt von einer ordentlichen Backsteinmauer und schmiedeeisernen Gittern, hinab auf das schuleigene Footballfeld, hinter dem die nahe U-Bahnstation lag. Eine weitere Flut Schüler näherte sich von dort – angespült aus der jüngst angekommenen Bahn.
Mein Blick sackte auf die Uhrzeit auf der Anzeige meines StarkPhones.
Es war sieben vor acht. Wir hatten länger gebraucht als erwartet, auch wenn FRIDAY uns einen angemessenen Puffer eingerechnet hatte, wie sich wieder einmal bewies.
Ich wusste, dass meine Anonymität nicht mehr allzu lange währen konnte, denn es brauchte eigentlich nur einen einzigen erstaunten Ausruf, um einen Flächenbrand der Erkenntnis um mich herum zu entfachen. Außerdem musste ich mich vor Unterrichtsbeginn noch im Sekretariat melden, wie mich Pepper vor meinem Aufbruch informiert hatte, also heftete ich mich an eine kleine unaufmerksame Traube Jugendlicher, die sich bereits vor den Eingangstüren knubbelten, mischte mich unter und folgte ihnen ins Gebäude hinein.
Ein weiterer Treppenaufgang führte uns in den breiten Eingangskorridor, in dem sich alle anwesenden Stimmen zu einem einzigen geschäftigen Tosen vereinten. Schüler sammelten sich in Grüppchen, versperrten Zugänge und Buchten, riefen umher, warfen sich Sachen zu und schepperten mit den Spinden. Bloß eine einzige erwachsene Fluraufsicht in der größtenteils blauen Uniform der Midtown High – vielleicht der schuleigene Wachdienst – behielt sichtlich gelangweilt das unaufhaltsame Getümmel im Auge.
Ich sog alles in mich auf. Hellgeflieste Wände, quietschendes Linoleum, schlichte, quadratische Deckenstrukturen, eine endlose Reihe bohnengrauer Spinde, gelegentliche Banner der Midtown Tigers, allem Anschein nach das schuleigene Football-Team, und hier und da ein kleiner, klobiger Bildschirm, auf dem ein Willkommensprogramm zu laufen schien, das niemand auch nur mit der geringsten Aufmerksamkeit bedachte, obwohl die beiden Schülermoderatoren sich sichtlich in Professionalität versuchten.
Alles hieran schrie echte High School.
Beiläufig hielt ich Ausschau nach dem nächsten Gebäudeplan oder Wegweiser. Als jemand hinter mir aufschrie und ich den Kopf wandte, fiel mir stattdessen ein großes Wandbild direkt über der Eingangstür ins Auge, das nach dem aufwendigen Jahresendprojekt älterer Kunstschüler aussah, mit dem sich die Schule noch Jahre später brüstete und das verschiedenste Erfinder und andere bedeutende Persönlichkeiten der Wissenschaft, sowie ein paar ihrer Errungenschaften zeigte. Fast alle der dargestellten Personen konnte ich auf Anhieb einordnen, denn es waren wirklich kaum Überraschungen dabei, trotzdem stockte ich jäh, denn ein bekanntes Portrait erwischte mich ganz unvorbereitet, so sinnig platziert es auch bei ganz objektiver Betrachtung inmitten aller anderen schien.
Howard Stark.
Der Großvater, den ich nie kennengelernt hatte.
Und obwohl ich eigentlich immer noch so gut wie nichts über ihn wusste, was ich nicht selbst in der Schule gelernt hatte, ehe ich mir überhaupt darüber klar gewesen war, dass ich seine Gene in mir trug, weil Tony und ich bislang nie wirklich auf ihn zu sprechen gekommen waren, wie ich blinzelnd realisierte, sah ich ihn in all seinen Zügen.
Mein Großvater sah geradewegs auf mich herab. Mitten im Eingangsflur der Schule, die ich für den Neubeginn gewählt hatte.
Elijahs Worte hallten in mir wider. Rasch wandte ich mich ab und hielt weiter auf die große Trophäenwand zu, über der ein großer Schriftzug die Berufung der Midtown High zur Exzellenz propagierte.
Als sich die Blicke in meine Richtung langsam zu mehren begannen, festigte ich meine Haltung, behielt aber mein gelassenes Tempo bei und bog schon kurz darauf unaufgeregt in Richtung Sekretariat ab. Auf den mir entgegenkommenden Stufen hielten zwei Mädchen mitten auf dem Absatz.
„Ist das-“
Da ich spürte, dass sie mir überrumpelt nachsahen, wandte ich mich nicht nach ihnen um.
Es war schon beinahe acht Uhr, als ich das Sekretariat erreichte. Pünktlich würde ich es niemals in meinen Klassenraum schaffen, wo auch immer er sich befand, realisierte ich, kaum dass ich durch die Tür trat, denn auch hier tummelten sich Neuankömmlinge und Lehrer, die alle durcheinander sprachen. Gleich mehrere Telefone klingelten, während zwei Frauen zügig Formulare, Zettel und Mappen ausgaben und Bitten ins Nebenzimmer herüberriefen, die gelegentlich von einer männlichen Stimme beantwortet wurden.
„Ich nehme die Trikots mit, in Ordnung?“, hallte es aus meinem Rücken.
Eine der Frauen winkte. „Ja, Mr. Wilson, schaffen Sie die Kisten hier raus.“
„-und dann wurde er einfach wie eine Blechdose zerdrückt.“ Neben mir klatschte es. „Einfach so.“
„ Woah .“
„-wie kann es jetzt schon keine Seife mehr auf dem Mädchenklo geben? Ugh . Das ist so abartig. Hat hier niemand etwas von Hygienevorschriften im Bundesstaat New York gehört? Muss hier erst ein Virus mutieren, damit jemand einen Seifenspender aufstellt?“
„Ich versichere Ihnen, die Schulverwaltung kümmert sich darum. Bitte gehen Sie in Ihr Klassenzimmer. Die Klassenstunde dürfte bereits begonnen haben.“
Sacht schob ich mich weiter durch die in dem kleinen Sekretariat aufgestauten Schüler und Erwachsenen, um einen besseren Überblick zu bekommen und aus dem geschäftigen Gedrängel im Eingangsbereich zu weichen, durch das sich der Schulcoach nun mit einem gewaltigen Karton auf der Schulter schob und weitere eintreffende Schüler konsequent aus dem Weg kommandierte.
„-Mr. Ionello, bitte gedulden Sie sich. Mr. Morita ist noch in einem Telefonat. Er wird sich gleich mit Ihnen zu Ihrem Interview zusammensetzen.“ Ein schweres Seufzen. „Ich komme zu spät zu meiner Stunde. Himmel, bitte lassen Sie mich vorbei, meine Schüler warten. Danke vielmals. --- Mr. Leeds, was haben Sie hier verloren?“
„Ich soll die Neue abholen.“
„Nein, nein. Kommen Sie mit mir. Na los. Das Sekretariat kümmert sich darum.“
„Aber Mr. Morita sagte-“
Ich wandte den Kopf, während sich die beiden Stimmen in meinem Rücken verloren.
„Das hier ist die Spind-Nummer und die Anleitung, wie er einzurichten ist“, erläuterte eine der beiden Sekretärinnen derweil einem übel von Akne heimgesuchten Jungen. „Sachen, die nicht darin gelagert werden dürfen, stehen auf der beigefügten Liste. Sollte der Verdacht aufkommen, dass sich besagte Gegenstände oder Flüssigkeiten doch in einem Spind befinden, bricht die Fluraufsicht den Spind auf-“
Jemand vor mir wich aus dem Weg und endlich erreichte ich meinerseits den Empfangspult. Eine dunkelhaarige Frau mit zerzauster Wimperntusche sprach ins Telefon: „Mr. Flannigans neue Sprechzeiten finden Sie wie gewohnt am Aushangsbrett … --- Was soll das heißen, Sie müssen ihn sofort sprechen? Jetzt gleich? --- Nein, es wurde bislang kein zweiter Vertrauenslehrer eingestellt.“
„So, was kann ich für dich tun, Liebes?“
Perplex sah ich zu der gestressten, leicht ergrauten Blondine, die sich mir zuwandte und mich doch kaum ansah, da sie noch fahrig nach ihrem verschwundenen Kugelschreiber fahndete.
„Ich fange heute an der Midtown High an“, antwortete ich.
Sie holte Luft, beugte sich herab und klaubte den Stift vom Boden. „Für die Neuntklässler findet eine Empfangsveranstaltung in der Schulaula statt-“
„Nein, nicht als Freshman. Ich bin über den Sommer von einer anderen High School hierher gewechselt. In die zehnte Klasse. Man sagte mir, ich soll mich im Sekretariat melden, sobald ich eintreffe-“
„Ah.“ Sie aktivierte den Bildschirm ihres Computers. „Wie ist der Name?“
Immer noch sprachen um uns herum dutzende Menschen durcheinander, Stühle kratzten über den Boden und Schubladen wurden schwungvoll zugeworfen.
„Sola Stark Waters.“
„Wie war das?“ Sie blinzelte angestrengt.
„Stark Waters.“
Eine Tür auf dem Flur knallte. Die Dame beugte sich näher. „Stowers, ja?“
„Nein“, betonte ich beherzt, „ Stark Waters .“ Auf einen Schlag wurde es still um uns herum. Alle sahen zu mir. „Sola Stark Waters, Ma’am“, wiederholte ich etwas stiller, schneller . „Ähm, wo genau muss ich hin?“
-/_\-
Mit einem Raumplan und meiner eigenen Spind-Nummer und Verbotsliste bewaffnet, machte ich mich schon kurz darauf zu meiner eigenen Klassenstunde auf, die – der riesigen Wanduhr im Sekretariat nach zu schließen – bereits in vollem Gange war. Deshalb verschwendete ich gar nicht erst Zeit damit, auf die Suche nach meinem Spind zu gehen, und folgte stattdessen geradewegs der Weisung des Sekretariats weiter den Korridor im ersten Stock hinab.
Ich fand das Klassenzimmer auf Anhieb.
Ehe ich es jedoch noch ganz erreichte, öffnete sich schon die Tür und ein dunkelhaariger, korpulenter Junge mit philippinischem Teint trat heraus, den Blick auf einen Erwachsenen in seinem Rücken geheftet. „Ich sagte doch, Mr. Morita wollte, dass ich sie aufsammle und hierherbringe. Als Welcome-Buddy.“ Seine Stimme gluckste vor Fröhlichkeit. Es war dieselbe, die ich schon im Sekretariat aufgeschnappt hatte. „Andererseits sagte er nicht, wie sie heißt, also weiß ich eigentlich nicht wirklich , nach wem ich dort fragen soll-“
Der hochgewachsene Mann, der hinter ihm auf den Flur trat, trug eine Brille, einen kurzen Bart und schien abwesend, beinahe hibbelig, denn er hörte ihm gar nicht recht zu. „Ja, schau einfach schnell nach, Ned, vielleicht --- … Oh, da ist sie. Da ist sie!“
Kaum, dass sich sein Blick auf mich heftete, atmete er erfreut aus und reckte die Brust. Ein willkommen heißendes und trotz allem sympathisches Lächeln breitete sich auf seinem Gesicht aus. Er machte zwei Schritte auf mich zu, als er mich schon zügig in Richtung Klassenraum winkte. „Herzlich willkommen. Nur zu, herein in die Runde. Mein Name ist Roger Harrington, ich bin der Leiter dieser Stufe. Willkommen an der Midtown.“
Den Blick reglos starr auf mein Gesicht geheftet, harrte der Junge namens Ned Leeds mitten im Eingang aus. Dass er mich erkannt hatte und nun mit der eigenen inneren Ungläubigkeit rang, war nicht zu übersehen.
Mr. Harrington jedoch beachtete ihn gar nicht weiter, stattdessen dirigierte er mich schon ins Klassenzimmer, in dem gut zwei Dutzend teils gelangweilte und teils sacht aufgedrehte Teenager an ihren Tischen saßen. Manche lagen auf ihren Büchern aufgestützt und dämmerten vor sich hin, andere tippten angeregt in ihr Smartphone, geradezu angestachelt von Harringtons kurzweiliger Abwesenheit, wieder andere hielten sich einander zugewandt, lachten und sprachen so aufgeregt miteinander, als versuchten sie noch vor der allerersten richtigen Unterrichtsstunde des neuen Schuljahres ihren gesamten Sommer aufzuarbeiten.
Mr. Harrington holte Luft. „Wie bereits erwähnt, haben wir Zuwachs“, verkündete er feierlich und riss damit den Großteil der Aufmerksamkeit an die Tafel zurück. Er legte eine Hand in meinen Rücken, als ich vorne hielt, während Ned noch verhalten die Tür hinter uns schloss. „Das ist-“
Ein dunkelhaariger Junge im Poloshirt ließ sein Smartphone auf den Tisch klatschen. „Ja, leck mich. Das ist Sola Stark!“
Mr. Harrington seufzte. „Mr. Thompson, bitte. Contenance!”
Ich beobachtete, wie Ned zu seinem Platz zurückschlich. Immer noch schwer fassungslos warf er einem Jungen am Nebentisch einen beschwörenden Blick zu, der sich gerade erst überrumpelt von seinem Bücherwust erhoben hatte, als sei er zuvor in eine gelangweilte Tagträumerei gesunken, und nun ebenso fassungslos zurückstarrte. Ned formte lautlose Worte. Es war nicht schwer, sie zu entziffern, so nachdrücklich wie er sie soufflierte. Tony Starks Tochter .
Der Rest der Klasse sah mich an.
Ich lächelte.
„Sola, möchtest du uns vielleicht etwas von dir erzählen?“, schlug Mr. Harrington vor, sichtlich überwältigt von der jäh schweigenden, allumfassenden Aufmerksamkeit, die uns entgegenschlug.
„Ähm, klar.“ Ich räusperte mich. „Hi, ich bin Sola, komme ursprünglich aus Nashua, wo ich zur Junior High gegangen bin, und lebe jetzt seit etwas mehr als einem Jahr in New York-“
„Im Avengers Tower bei Tony Stark !“, warf der Junge im Polohemd schon irrsinnig begeistert ein.
„Flash, unterbrich sie nicht!“, fuhr ihn eine Blondine mit Perlenkette an. „Das weiß hier jeder.“
„Lass sie erzählen , Betty!“, schallte es von links.
„Ähm, ja“, setzte ich wieder an. „Stimmt. Ich lebe jetzt --- bei meinem Dad. Zuletzt war ich an der Bosworth High in Manhattan, einer privaten High School, habe mich aber entschieden, mein zehntes Jahr an der Midtown zu verbringen.“
„Fantastisch“, beschied mir Mr. Harrington. „Irgendwelche Hobbys, die du mit den anderen teilen möchtest?“
„ Uh . Sicher.“ Immer noch schlug mir geballte, unendlich gefesselte Aufmerksamkeit entgegen. „Na ja, ich surfe, ich schieße Bogen, zocke hin und wieder Videospiele, meist mit Freunden, und … ich schätze, ich bin ganz gut im Airhockey …“ Ich zuckte die Achseln. „In Nashua habe ich eine Weile in einer Fahrradwerkstatt ausgeholfen, kleinere Reparaturen erledigt und solche Dinge … und --- na ja, gelegentlich sehe ich meinem Dad in der Werkstatt zu. Er bringt mir gerade ein wenig was bei.“
„Und ein wenig was beibringen, ist das ganz richtige Stichwort! Das wollen wir natürlich auch.“
„Dürfen wir Fragen stellen?“, schallte es von weiter hinten von einem Mädchen mit dunklem Teint, das als Einzige eine vage Miene der Skepsis wahrte. Ihre buschigen Haare hingen ihr halb ins Gesicht und auf ihrer Tischkante baumelte ein aufgeschlagenes Buch, das sie momentan scheinbar nicht weiter beachtete, denn ihr linkes Handgelenk lag lustlos darübergebreitet.
„Nun, das hier ist natürlich kein Interview …“, wich Mr. Harrington schon peinlich berührt aus. „Aber … sicher, Michelle, eine Frage kann nicht schaden.“
„Sind höhere Ausgaben für schuleigene Videoüberwachungssysteme der Grund, weshalb der diesjährige Kurs für analoge Fotografie mit dem für digitale zusammengelegt wurde?“
Mr. Harrington schien perplex. „Nein, natürlich nicht. Wie-“
„Aber die Aufsicht auf den Schulfluren wurde ab diesem Schuljahr verschärft?“
„Nun, ja, das ist in der Tat der Fall. Und kommt jedem von uns zugute.“
Ihre Stimme blieb unfassbar trocken und unbewegt: „Also stimmen Sie zu, dass der fiktive Wert der Schülerschaft um ganze zwei zusätzliche Wachdienstleister angestiegen ist?“
„Ich denke …“ Mr. Harrington blinzelte. „Ich bin sicher, dass sich der Wert unserer aller Leben nicht finanziell beziffern lässt.“
„Oh.“ Ihre Miene fiel in unbeeindruckter Verblüffung in sich zusammen. „Ich nahm an, diese Schule sei versichert.“
Ohne weiter darauf einzugehen, wandte er sich schon rasch von ihr ab und sah wieder zu mir. „Nun, Sola, setz dich ruhig“, schlug er vor. „Wir haben deine Bücher gesammelt. Sie liegen --- ähm, hier, am Pult. Oh, und hier ist noch dein Stundenplan mit allen relevanten Namen und Räumen.“ Er nahm den Stapel auf, legte ein bedrucktes Blatt Papier darauf und drückte mir alles gesammelt in die Arme, während in der Klasse das erste verhohlene Getuschel losging. „Nur zu, es herrscht freie Platzwahl. Einfach niederlassen.“
Während ich meinen Blick schnell über die drei einzigen noch verfügbaren Tische schweifen ließ, sah Flash Thompson angeregt zwischen seinen beiden besetzten Nachbartischen hin und her, als hoffe er darauf, dass sich einer der beiden Jungen womöglich jählings in Luft auflöste.
Mein Blick heftete sich auf den freien Tisch neben Michelle, die mich immer noch aus dem Augenwinkel beobachtete. Ich verschwand zu ihr nach hinten und ließ mich an dem Platz nieder.
Als ich meinen Rucksack abstellte, sah ich zu ihr. „Michelle, richtig?“
„MJ.“
Ihre Stimme blieb trocken, doch etwas in ihrer beherrschten Miene sagte mir, dass sehr viel mehr Theater in all dem steckte, als wirklich der Wahrheit entsprach.
Sie hatte diesen Platz abseits aller anderen bewusst gewählt. Wieso, wusste ich nicht, aber es war ein guter Platz, um einen ersten Eindruck von allen zu gewinnen. Weit besser, als einer der beiden anderen in der ersten Reihe.
Während Mr. Harrington sich wieder der Tafel zuwandte und ein paar Namen und Raumnummern anschrieb, die anscheinend veränderte Räumlichkeiten und Ansprechpartner behandelten, schob ich meine Bücher beiseite und ließ meinen Blick auf meinen neuen Stundenplan sinken.
Jeder Schultag begann mit einer halben Stunde, in der die Klasse zusammenkam, damit die Anwesenheit überprüft und organisatorische Fragen geklärt werden konnten – das kannte ich bereits von früher aus der Junior High. Danach folgten an allen Wochentagen Hauptfächer wie Mathematik, Naturwissenschaften, Chemie, Technologie oder Physik, ehe der Tag dann kurz vor dem Mittagessen von Sport, Englisch oder einem der sozialwissenschaftlichen Fächer vermeintlich aufgelockert wurde, nur um sich am Nachmittag in jeweils eines der fünf Wahlfächer zu stürzen und dann erneut mit einem Hauptfach oder einem weiteren sozialwissenschaftlichen Fach nachzulegen und in einer verpflichtenden Selbststudiumsphase ab sechzehn Uhr zu münden, in der man anscheinend die Möglichkeit erhielt, alle ausstehenden Hausaufgaben und Projekte im Beisein von Lehrpersonal zu Ende zu führen, für Prüfungen zu lernen oder noch ein wenig anderweitigen Interessen nachzugehen – wie dem Schachclub, dem Orchester oder dem akademischen Zehnkampfteam beizutreten.
Was bedeutete, dass ich unter der Woche vermutlich selten vor halb sechs zu Hause sein würde.
Nichts davon überraschte mich. Der Plan war brechend voll und sah nach einer Unmenge an Arbeit aus, trotzdem spiegelte er das wider, was Tony mir vorab schmackhaft gemacht hatte: Einen Kompromiss zwischen echter High School und makelloser Ausbildung.
Als ich wieder aufsah, bemerkte ich, dass der Junge neben Ned Leeds mich beobachtete. Seine braunen Augen musterten mich sicher schon eine Weile, doch kaum, dass mein Blick dem seinen begegnete, sah er rasch wieder nach vorne und tat, als sei er ganz und gar von Harringtons fortwährendem organisatorischem Monolog gefesselt.
Ich schmunzelte.
Dann zückte ich mein StarkPhone, machte ein schnelles Foto von meinem Stundenplan und überließ es FRI damit anzustellen, was auch immer ihr vorschwebte.
Die Antwort ließ nicht lange auf sich warten.
08:27 Uhr IronDad: Glückwunsch. Spätestens übernächste Woche wirst du mich anflehen, dich wieder ins Homeschooling zu nehmen.
MJ beobachtete mich. Anders als Neds Sitznachbar gab sie nicht vor, etwas anderes zu tun.
Als ich belustigt zu ihr sah, hob sie vage die Mundwinkel. Es war der Ansatz eines Lächelns. Dann ernüchterte ihr Blick jäh wieder in meisterlicher Art und Weise und sie hob die Hand.
Mr. Harrington stockte. „Ja, bitte, Michelle?“
„Stimmt es, dass es auf dem Mädchenklo keine Seife gibt und handelt es sich dabei um weitere Sparmaßnahmen ab diesem Schuljahr?“
Die Klasse stöhnte.
-/_\-
Sofern Ned Leeds wirklich mein Welcome-Buddy war, bekam er gar keine Chance, noch einmal darauf zurückzukommen. Gleich eine ganze Traube äußerst mitteilsamer Mitschüler dirigierte mich durch den Tag.
In unserer ersten richtigen Unterrichtsstunde, Naturwissenschaften bei Mr. Harrington, in der dieser uns mit einem leidlich komprimierten Rückblick auf die Grundlagen der Genetik traktierte, die für das Verständnis der kommenden Thematik der Mutagenese integral sein würde, wie er mit überbordendem Enthusiasmus beschwor, hob Flash Thompson sein Smartphone in die Höhe und begann Selfies zu knipsen, auf denen zweifellos ich den integralen Bestandteil ausmachte.
Er war auch einer der Ersten, der aufsprang und sich erbot, mich mit dem Schulgebäude vertraut zu machen, kaum dass es zum Ende der Stunde klingelte, aber bei weitem nicht der Einzige.
Schon auf dem Weg zum Mathematikunterricht wurde ich von einer Flut Fragen überwältigt, die losbrach, kaum dass ich die allererste von ihnen knapp, aber ehrlich beantwortete und damit eine unsichtbare Aura der Unantastbarkeit zerstob. Es war nichts Neues dabei, ich hatte jede einzelne von ihnen schon gut ein dutzend Mal an der Bosworth oder für Jessy oder Harley beantwortet. Sie alle folgten dem klassischen Schema, begannen bei meinem Einzug im Avengers Tower, wanderten zu Tony, zu seiner Werkstatt, seinen Anzügen, seiner spektakulären Person, meinem unfassbaren Dasein und Alltag unter seinem Dach und breiteten sich von dort geradewegs in Richtung jedes anderen Avengers aus, dem ich potentiell begegnet war.
Anders als einst nahm ich all dies inzwischen sogar ziemlich gelassen auf. Ich hatte ein ganz gutes Gespür dafür entwickelt, was ich ansprechen konnte und was besser nicht. Erin und Pepper sei Dank. Ihre Fragen zu beantworten, stresste mich nicht mehr so sehr, wie es das noch vor ein paar Monaten getan hatte. Hin und wieder belustigte mich sogar ihrer aller Reaktionen angesichts meines leichtherzigen Nickens und Achselzuckens.
Ja, ich bekam mit, wenn er zu einer Mission aufbrach. Nein, ich durfte es nicht mitverfolgen, aber ja, ich wurde informiert, wie es lief. Ja, ich hielt mich ab und zu im neuen Hauptquartier auf. Unsinn, es war Privatgelände, da war kein militärischer Zugriff möglich. Der Senat schwafelte. Ja, ich hieß jetzt wirklich Stark. Ein Doppelname, ja. Nein, ich hatte keinen eigenen Anzug, aber ja, ich hatte seinen in Aktion gesehen. Oh ja, echt der Wahnsinn. --- Ja , Nat war so cool, wie sie aussah. Nein, Steve war umgänglich, ja, wirklich – doch , es stimmte, er war aus dem Eis geborgen worden, hatte Jahrzehnte darin verbracht, das war keine Propaganda. Ein Klon? Ha, ha , nein … Nein, ich hatte bislang keine Aliens gesehen. Aber es gab Exponate bei uns im Tower – ja, ziemlich cool …
Ähm , nein. Ich hatte keine besondere Technik bei mir. Nichts Exotischeres als ein StarkPhone.
Letzteres war gelogen.
Aber auch das gehörte dazu.
Mein StarkPhone entsprach ganz und gar nicht der Handelsversion, sondern Tonys, und von meinem Tech-Armband und seiner direkten Verbindung zu FRIDAY und der SUN-1 sollte wirklich zu meinem eigenen Besten niemand wissen.
Erst nach dem Matheunterricht richtete ich eilig meinen Spind ein, während Jason Ionello geradezu ergeben meinen Bücherstapel hielt und Betty Brant mich belagerte und sich Feuer und Flamme für ein Close-Up-Bericht in den Midtown News zeigte, für das sie mich wiederholt zu gewinnen versuchte. Vage entsann ich mich ihre innerschulische Sendung bereits bei meiner Ankunft auf einem der kleinen Fernsehmonitore in den Fluren laufen gesehen zu haben, aber etwas sagte mir, dass Betty mehr als bloß eine kurze einminütige Vorstellung meiner Person im Sinn hatte, denn sie ließ es mehr und mehr wie ein exklusives Interview à la Ellen DeGeneres klingen, je weiter sie ausholte.
„Wir heißen unsere neuen Mitschüler oft in diesem Format willkommen“, versicherte sie mir und hob schon beseelt die Faust. „ Know Your Tigers ! Richtig, Jason?“
Überrumpelt zuckte er und löste sich von meinem Anblick. „Oh, ja … Ein --- ein beliebtes Format.“
Sie funkelte ihn an.
Als sie wieder über die sinnvollsten Blumenbouquets nachzusinnen begann und meiner Brust damit unwissentlich einen klammen Stich versetzte, versicherte ich beiden rasch, dass ich auf jeden Fall darüber nachdenken würde, woraufhin Betty strahlend zu lächeln begann und Jason mir andächtig meine Bücher zurückreichte, die ich allesamt vollkommen würdelos mit meinem Rucksack in meinen Spind stopfte, ehe ich die Tür mit der gerade frischeingerichteten Zahlenkombination dahinter zuwarf.
Die halbe Klasse schien auf mich zu warten, als ich mich umwandte.
Also brachen wir gemeinsam zur Sporthalle auf.
Schon vor dem Eingang wartete ein ungeduldiger Coach Wilson auf uns und verteilte seine Lieferung blauer, schulwappenbesetzter Trikots und Hoodies und zugehöriger gelber Shorts, die ich ihn schon am Morgen im Sekretariat hatte aufsammeln sehen. Resolut drückte er jedem von uns ein Set in die Hand und da er vorher nicht nach meiner Größe fragte, ging ich davon aus, dass dieserart Dinge schon im Vorfeld von Pepper oder FRI übermittelt worden sein mussten.
MJ war die Einzige, die bereits ihre Sportkleidung trug, als wir die Umkleidekabine der Mädchen erreichten. Ein Knie angezogen und gegen die dünne, blaugestrichene Wand ihres Umkleidefachs gelehnt, hockte sie auf der Bank, las in ihrem sacht zerfledderten Buch und gab sich gelangweilt.
Ich nutzte den Moment, in dem alle anderen damit beschäftigt schienen, sich umzuziehen, ihre Haare zu richten und ihr Deo in der ganzen Raumluft zu verteilen und sah auf mein StarkPhone, auf dem sich bereits eine Vielzahl Nachrichten angesammelt hatten.
Daphne hatte mir schon gleich am Morgen ein Gruppenfoto im Team Irongirl von sich, Jessy und Sid vor dem Schuleingang geschickt, unter dem sie alle drei mir bestens gelaunt mit gehobenen Daumen einen guten Start an der Midtown wünschten. Ich beantwortete ihre Nachricht mit einem kurzen Status-Update, in dem ich ihnen versicherte, dass es kein Vergleich zur Bosworth war und ich die Entscheidung absolut nicht bereute, ehe ich Jessys etwas spätere Nachrichten überflog, in denen sie mich darauf hinwies, dass ich im Laufe des Vormittags bereits mehrfach in Social Media gepostet und geteilt worden war. Schnell überflog ich die Einträge, von denen die meisten flüchtige Aufnahmen auf dem Schulflur waren, eines mich im Gespräch mit Betty und Jason vor meinem Spind zeigte und eines die Verlinkung zu Flash Thompsons Selfie aus dem Unterricht bei Mr. Harrington schien:
Wenn du aus dem Sommer zurückkehrst und erfährst, dass deine lahme High School ein PlaceToBe geworden ist. #Flashed #IronGirl #StarkWaters #MidtownHigh #QueensRooocks
Dutzende Schüler berichteten in reiner Ekstase von ihrer Begeisterung, nun mit Sola Stark auf ein und dieselbe Schule zu gehen, informierte Jessy mich weiter.
Ich schickte ihr einen mitfühlenden Smiley, wohlwissend, dass er sie zu gleichen Teilen für ihren Fan-Neid aufziehen wie trösten würde.
Wie kannst du uns hängen lassen?! , erkundigte sich Kenzo derweil auf einem anderen Kanal. Ich schmunzelte, denn direkt dahinter war eine Einladung zur Start-of-the-Year -Party am Samstag bei ihm zu Hause gepfercht. Einen Augenblick freute es mich unbändig, dass auch er mir meine Flucht von der Bosworth nicht übelnahm, sondern mich sogar immer noch ganz ungezwungen dazuzählte, dann entsann ich mich wieder, dass Tony für Samstag die vermaledeiten Hirnscreenings für mein Aneurysma im Avengers Hauptquartier angesetzt hatte und säuerlich verzog ich das Gesicht.
Schnell schrieb ich Elijah eine Nachricht:
11:22 Uhr Ich: Das Samstag bei Ken klappt nicht. Ich habe Untersuchungen in Upstate. Wir sind bestimmt erst wieder spät abends zurück und Tony wird sie niemals abblasen. Er bekommt schon Endzeit-Laune, wenn ich ihn hierbei bloß falsch ansehe.
Seine Antwort erreichte mich binnen Sekunden.
11:22 Uhr BigMeg: Kein Problem. Ich sag’s ihm.
11:22 Uhr Ich: Verfluchte Screenings. Sorry. Echt.
11:22 Uhr BigMeg: Sola, das ist wichtig. Kenzo schmeißt sowieso eine Party nach der anderen.
Da der Rest in der Umkleide bereits nahezu fertig schien und nun immer wieder verhalten neugierig zu mir herüberschielte, schrieb ich ihm schnell, dass ich mich umziehen musste, wechselte in Windeseile in meine neue Sportkleidung, band meine Haare zusammen und schickte ihm ein schnelles Selfie in meinem neuen Schultrikot mit dem neckenden Hinweis, dass ich mich nun auf einer echten Schule befand.
Ich konnte mir sein belustigtes Schnaufen förmlich vorstellen.
11:26 Uhr BigMeg: Ok, ist ein Argument.
Mein Herz verdichtete sich ein wenig. Ich lächelte in mich hinein.
Schnell packte ich mein StarkPhone weg und folgte den anderen in die Sporthalle.
-/_\-
Fast sofort bereitete mir Coach Wilson einen Herzinfarkt, indem er mich zu sich rief.
„Stark Waters? Auf ein Wort.“
Die Sporthalle der Midtown High war groß genug, um sicherlich hin und wieder ihr eigenes kleines Basketballturnier zu geben, und so verteilte sich die Masse meiner Klassenkameraden etwas, während ich zu den Sitztribünen herüberwanderte, vor denen Wilson stand und mich eher unmotiviert heranwinkte, während alle anderen um uns herum in einen sachten Aufwärmtrott auf dem buchenholzfarbenen Laminat fielen, den er soeben angeordnet hatte.
An der hohen Wand über einem der Basketballkörbe prangte ein riesiges Graffiti, das die Midtown Tigers propagierte. Die darin enthaltene Raubkatze in Angriffsstellung schien zwar nichts mit Coach Wilsons ganz und gar unaufgeregtem Benehmen zu tun zu haben, aber ich fragte mich trotzdem, was ich angestellt hatte, um bereits aus der Herde herausgelöst worden zu sein, ehe ich noch ganz meine Beinmuskulatur gelockert hatte.
„Ja?“
Der Coach sah auf sein Klemmbrett. Er schien unzufrieden. „Ich habe hier einen ganzen Aufsatz stehen.“
Ich blinzelte. „Einen Aufsatz, Sir?“
Als bemerke er erst jetzt, dass ich mich für eine Art Rüge gewappnet hielt, zuckte er. „Oh, nicht für dich“, winkte er ab. „Zu deinem Sportunterricht.“ Abwesend rieb er sich die Nase unter seinem Brillengestell und überflog besagte Notiz. Der Boden vibrierte, als meine Klassenkameraden in langer Schlange an uns vorbeitrotteten. Es entging mir nicht, dass sie ein wenig Tempo verloren, zweifellos neugierig, was es zwischen uns zu besprechen gab.
Nun , ich war es nicht weniger.
Tatsächlich wurde mir heiß und kalt, als mich der absurde Verdacht streifte, dass Tony ihm einen irgendwie gearteten, personalisierten Trainingsplan für mich diktiert haben mochte.
Ned Leeds und sein bisheriger Sitznachbar waren hinter den anderen ein wenig zurückgefallen, deshalb passierten sie uns erst einen Moment später und wurden damit geradewegs Zeuge meiner bleichen, keimenden Bestürzung.
Peter Parker, klickte es in mir. So hatte Mr. Harrington ihn in der ersten Stunde genannt. Er hatte immens begeistert angesichts jeder seiner Antworten geschienen und ihn vorrangig bei den komplizierteren Fragestellungen zur genetischen Transkription zu Wort genommen, wie mir keineswegs entgangen war.
Peter musste ein Top-Performer der Klasse sein. Ein Nie-weniger-als-93%-Kandidat.
Im Moment jedoch gab er sich sichtlich Mühe betont weg zuhören, als Coach Wilson schon mit meiner gewaltigen Verwirrung aufräumte: „Tja, ich habe klare Anweisung erhalten … Bei dem geringsten Anzeichen von Kopfschmerzen, Nackenstarre, Desorientierung oder Schwindel klinkst du dich aus, verstanden?“
Oh . Darum ging’s.
Ernüchtert atmete ich aus. „Hm, klar.“
„Hier steht außerdem, dass du zwei gelähmte Finger hast-“
„Nicht gelähmt“, korrigierte ich auf der Stelle. „Bloß … taub.“ Ich strich über die beiden betroffenen Finger an meiner Außenhand. „Es ist nicht so schlimm. Ich spüre es, wenn ich sie überdehne. Sie sind nicht schmerz unempfindlich.“
„Kannst du damit werfen und fangen?“
Peinlich berührt nickte ich. „Ja, ich schieße auch Bogen. Das klappt.“
„Ah.“ Er blinzelte. „Prima.“ Er nickte, dann seufzte er, warf das Klemmbrett zurück auf die Tribüne, nahm sein Baseball-Cap ab und fuhr sich wortlos über die Glatze an seinem Hinterkopf, während er seinen Blick bereits wieder peu à peu über alle anderen schweifen ließ, als riefe er sich ihrer aller Namen zurück ins Gedächtnis.
Ich nahm es zum Zeichen, dass ich mich wieder hinzugesellen durfte. Erleichtert joggte ich los und heftete mich an Peter und Neds inzwischen entfernten Fersen. Fest entließ ich die Luft, machte einen tiefen Atemzug und fiel in denselben beherzten Rhythmus, den ich mir inzwischen als kurze Aufwärmeinheit vor dem Training mit Rhodey oder Nat angewöhnt hatte, um meine Muskulatur schnell auf Temperatur zu bringen.
Ich war keine begabte Läuferin, nicht einmal ansatzweise, aber ich war besser geworden, auch dank ein paar ihrer Atem- und Abrolltipps. Vor unserem letzten Training hatte ich mit Sam Wilson sogar eine kurze Runde über das Gelände des Hauptquartiers unternommen, ehe er seine tägliche Route am See entlang fortgesetzt und ich vollkommen überhitzt in die Trainingsräume zu Rhodey zurückgekehrt war. Davon abgesehen kam mir auch meine vom ausgiebigen Surfen weiter aufgebaute Beinmuskulatur und Ausdauer der vergangenen Wochen erstaunlich zugute.
Binnen weniger Augenblicke schloss ich zu den beiden weit abgeschlagenen Jungs auf.
„Welcome-Buddy, ja?“, fragte ich, als ich mich an Neds freie Seite hängte.
Er zuckte. „ Woah -- Hi.“
„Hi.“ Ich drosselte mein Tempo und fiel in ihren unaufgeregten Takt. „Nun? Wie kommt man an den Job?“
„Äh --- na ja …“ Ned hob die Schultern, dann schenkte er mir schlagartig ein unfassbar eroberndes Lächeln. „Schätze, man läuft den richtigen Menschen zum richtigen Zeitpunkt über den Weg.“
Peter verschluckte sich an einem Lachen.
-/_\-
„Hab ich das wirklich gesagt?“, klagte Ned wenig später auf dem Weg zum Mittagessen etwas weiter vor mir auf dem Schulflur. „Zu Sola Stark ? Hab ich wirklich diesen ultraflachen Jogger-Anmachspruch rausgehauen?“
Peter gluckste. „Jupp.“
Drei giggelnde Mädchen in ihrem Rücken verhinderten, dass sie mich bemerkten.
„Sie wird mich für einen Idioten halten …“
„Nein“, neckte Peter schon weiter. „Falsche Zeitform. Sie tut es.“ Seine Stimme schien entspannt, wenn auch eine Note sehr amüsiert.
Ned schien es ihm nicht übel zu nehmen. „Alter, das ist der Moment, in dem du eingreifen musst“, beharrte er. „Meine Neuronen sind explodiert , sie ist einfach neben mir aufgetaucht – du hättest mich aufhalten müssen!“
„Was?“ Peter lachte. „Woher hätte ich wissen sollen, dass du gleich den Romeo gibst?“
Ned schlug sich die Hand ins Gesicht; zumindest nahm ich das an, denn ich sah seinen Ellbogen verschwinden, während seine Stimme etwas unverständlicher wurde. „Das kam völlig falsch rüber. Ich wollte cool klingen.“
Peter gluckste immer noch. „Ach was.“
„Und sie hat einfach weiter getan, als sei ich normal und nicht total bescheuert--- …“ Tiefe Begeisterung kehrte in Neds Stimme zurück. „ Das war so cool, oder?“
Urplötzlich wandte Peter den Kopf, doch im selben Moment schob sich eine weitere Flut Schüler zwischen uns, die aus einem Seitenflur zur Schulmensa drängte, weshalb seine Pupillen an mir vorbeizogen, ohne mich wirklich zu entdecken. Dann wurde ich auch schon von drei älteren Mädchen angesprochen, die mich aufgeregt um ein gemeinsames Selfie baten und ganz und gar begeistert zu kichern begannen, als ich mich für ein paar strahlend gestellte Fotos dazugesellte. Während sie lachten und sich in Pose warfen, sah ich mit in die Kamera, eigentlich schon halb von Flash Thompson und seiner Brigade abgelenkt, die ebenfalls lärmend gesellig auf mich zuhielten.
Ich verabschiedete mich von den drei Mädels und ließ mich von ihnen weiter in die Mensa zu einem Tisch treiben, an dem bereits der Großteil unserer Stufe versammelt schien und an dem mich schon das nächste neugierige Kreuzfeuer an Fragen erwartete, über das ich ganz meine lauwarmen Mini-Burritos vergaß, während der restliche Teil der Mensa rege damit beschäftigt schien, beiläufige Fotos aus allen Ecken und Winkeln von unserem Tisch aufzunehmen.
Nach der Mittagspause teilten wir uns in unsere Wahlfächer auf und es wurde ruhiger.
Für mich stand montags Spanisch auf dem Plan und diesmal irrte ich nach meinem Besuch auf der Toilette eine Weile umher, ehe ich den zugehörigen Klassenraum fand, in dem sich überraschenderweise eine recht überschaubare Menge an Mitschülern niedergelassen hatte.
Da Peter Parker der Einzige unter ihnen war, der mir inzwischen auch namentlich bekannt war, wählte ich den noch freien Tisch zu seiner Rechten in einer der hinteren Reihen. Für eine Sekunde schien er ein wenig überrumpelt, von mir erkoren worden zu sein, aber er lächelte schnell, um seine Verblüffung zu überspielen, und sah rasch wieder zu einem afroamerikanischen Jungen, der ein paar Plätze vor ihm auf der Tischplatte saß und gerade von seiner Woche im Silicon Valley berichtete, die er anscheinend bei irgendeinem Programmierwettbewerb im Vorjahr gewonnen hatte.
Jäh dankbar für seine Zurückhaltung sowie die erzählerische Ablenkung, die der andere Junge bot, die mir zusammengenommen einen Moment der Erholung verschafften, ließ ich meinen nagelneuen, silbergrauen Collegeblock von Stark Industries nebst zu dem zerfledderten Spanisch-Lehrbuch auf meinen Tisch fallen und setzte mich einfach hin. Ich zog meinen Hoodie aus, warf ihn hinter mich über die Stuhllehne, richtete mein violettes T-Shirt mit seiner weißen Ballonschrift, die einen Hot Girl Summer verhieß, und sah aus dem Fenster über Queens grüne Hügel.
Das T-Shirt war in Malibu nach einem Tag am Santa Monica Pier aus Daphnes Wäsche versehentlich in die meine gewandert, worüber ich mich seitdem arglistig ausschwieg. Etwas von ihr bei mir zu haben, auch wenn wir wieder in zwei komplett unterschiedlichen Städten weilten und unser beider aufgesplitteter Leben nachgingen, erfüllte mich trotzdem mit der Versicherung ihrer Gegenwart. Ich würde es ihr schon noch zurückgeben, aber zunächst durfte es ruhig ein wenig von meinen Erlebnissen aufsaugen, hatte ich entschieden.
Peter sah zu mir. Ich löste meinen Blick wieder vom Fenster, doch ehe er etwas sagen konnte, trat schon unser Spanischlehrer durch die Tür und begrüßte uns alle mit empfindlich laut angesetzter Stimme.
Beinahe sofort begann an der Tafel erneut das altbekannte Spiel eines thematischen Ausblicks auf das neue Schuljahr und so erwischte ich mich dabei, wie ich, noch immer halb ausgehungert, gedanklich weiter und weiter abdriftete, während ich einen der hochwertigen Kugelschreiber auf dem Daumengelenk kreisen ließ, die Tony erst gestern Abend willkürlich aus einer Schublade in seinem privaten Büro gegriffen und mir noch im Vorbeigehen lustlos in die Hand gedrückt hatte, kaum dass ich ihn lau vorwurfsvoll darauf hingewiesen hatte, dass wir laut Pepper ausreichend Kugelschreiber besaßen und ich diese deshalb nicht noch zusätzlich mit Nat eingekauft hatte.
Dass sein Name fein, aber sichtbar entlang des Schafts eingraviert war, hatte ich leider erst im Unterricht bemerkt.
Die makellos symmetrische Aufreihung besagter personalisierter Kugelschreiber in samtenem Futter hatte ich selbst jetzt noch vor Augen, als ich den zweifellos völlig überteuerten Stift für meine gelangweilten Finger-Akrobatiken missbrauchte und mich fragte, ob er diesen Unsinn selbst in Auftrag gab oder es bloß ein Geburtstagsgeschenk eines entfernten Bekannten gewesen sein mochte, der sich nicht besser zu helfen gewusst hatte, als ihn mit schniekem Büromaterial zu beehren, das Tony leidlich jemals nutzte.
Plötzlich bemerkte ich, dass Peter mein Tun beobachtete und jede schwungvolle Wendung des Stifts verfolgte. Beinahe sofort stieß die beschwerte Spitze gegen meinen empfindungstauben Ringfinger, verlor ihre vortrefflich ausbalancierte Rotationsachse und fiel klackernd von meinem Daumen hinab auf mein Lehrbuch und von dort weiter an die Tischkante, an der ich den Stift gerade noch mit einem grobmotorischen Klatschen erwischte.
Unser Lehrer wandte nicht einmal den Kopf.
Er schwafelte immer noch in viel zu schnellem Spanisch vor sich hin und hielt alle paar Minuten demonstrativ irgendeine winzige Lektüre empor, die ich von meinem rückwärtigen Platz nicht einmal vage zu identifizieren vermochte.
Peter verkniff sich ein Grinsen.
Beiläufig stützte ich den Ellbogen auf die Tischkante, hob den Kugelschreiber zwischen Zeige- und Mittelfinger geklemmt herausfordernd an und neigte meinen Arm halb zu ihm herüber.
Seine Augen weiteten sich sachte. Er rührte sich nicht.
Ich setzte eine spielerisch mitfühlende Miene auf.
Seine Stirn sackte ein wenig in sich zusammen. Etwas in seinem Blick klarte geködert auf.
Ich ließ den Stift wippen.
Hm?
Gerade, als ich dachte, dass er darauf eingehen und das Duell eröffnen würde, wich er jäh aus und wandte den Blick ab. Sacht frustriert stockte ich. Dann wurden wir auch schon unterbrochen, denn urplötzlich bat unser Lehrer ihn, eines der hinteren Fenster zu öffnen.
Folgsam atmete Peter aus, erhob sich und tat wie geheißen. Ich ließ den Kugelschreiber wieder sinken und öffnete mein Spanischlehrbuch auf der gewünschten Seite, auf der sich mir unterschiedliche Satzvorschläge präsentierten, wie man sich jemand anderem umfassend vorstellen konnte.
Uhh . Nicht schon wieder …
Die Nachmittagssonne hatte den Raum aufgeheizt und auch das geöffnete Fenster brachte die restliche Stunde nicht sonderlich viel Erlösung, denn es schickte nur einen lauen Luftzug hindurch. Vielleicht wurde deshalb jeder einzelne von uns dazu verdammt, nun unsererseits einen ausschweifenden Monolog zu halten, bei dem jeder sein gesamtes bisheriges Leben in abgehaktem, bemitleidenswertem Spanisch ausrollte. Als ich an die Reihe kam, spürte ich schon wieder eine eindringliche Erwartung um mich greifen und so fasste ich mich kurz und wiederholte mehr oder weniger exakt, was ich bereits am Morgen in Mr. Harringtons Klassenstunde formuliert hatte, wenn auch diesmal in etwas weniger exzellenter Grammatik. Tony, den Autounfall, Mums Tod oder die Avengers erwähnte ich mit keinem Wort und als ich es schließlich an Peter weiterreichte, verlor die Klasse schon wieder ihr Interesse und versank zurück in ihre vorherige Nachmittagslethargie.
Niemand schien noch sonderlich motiviert, als wir kurz darauf in die Technologiestunde trotteten. Die dortige Lehrkraft nahm meine Anwesenheit zum Anlass noch einmal die hochgesteckten Ziele der Midtown High zum Ausdruck zu bringen, ehe sie schon in eine aufmerksame Befragung verfiel, die ich mehr zurückhaltend und verlegen über mich ergehen ließ, da sie diesmal ganz und gar ungeschminkt in den Mittelpunkt rückte, dass mein Vater Tony Stark war, während wir von einem seiner Geniestreiche zum nächsten als Beispiel jüngster, exzellenter Ingenieurskunst sprangen, die uns alle motivieren sollte.
Auch wenn ich nicht viel zu alldem sagen konnte, was über ein grundlegendes Allgemeinwissen rund um seine Errungenschaften hinausging, da ich zum einen oftmals wirklich nicht mehr wusste und zum anderen das, was ich doch wusste, nicht auszuplaudern und der Allgemeinheit preiszugeben gedachte, schien am Ende der Stunde trotz allem eine erneute Stufe der Begeisterung über meine Gegenwart erreicht. Ned strahlte in einem fort, Betty und ihre Freundinnen unterhielten sich angeregt und Flash stieß nach beinahe jeder meiner sachten Bestätigungen und Zusätze ein Pfeifen oder Johlen aus.
Ich war geschlaucht, aber erleichtert, als auch diese Stunde sich ihrem Ende neigte.
Es war immer ein zweischneidiges Schwert über Tony zu sprechen. So dicht es mein Herz mit allumfassendem Stolz füllte, rieb es doch auch über eine winzige, wunde Stelle, die mir ins Gedächtnis rief, was Elijah gesagt hatte: „Sie werden nur deinen Dad in dir sehen, Sola …“
So war es überall. So blieb es.
Nicht bloß für eine Schulstunde oder den Moment, sondern jeden einzelnen Tag aufs Neue. Weil es Milliarden Menschen auf diesem Planeten gab und sie nahezu alle eines gemeinsam hatten – ob sie ihn nun liebten oder hassten.
Sie alle kannten Iron Man .
-/_\-
„ Miss Stark Waters ! Miss Stark Waters !“
Es überraschte mich nicht, dass sich die Paparazzi bereits versammelt hielten, als ich das Schulgebäude am späten Nachmittag verließ. Die zahlreichen Social Media-Posts meiner Mitschüler hatten die Nachricht meines Starts an der Midtown High in alle Winde verstreut, deshalb war die Straße vor den Stufen des Schulgebäudes längst überlaufen mit Fotografen und Journalisten, die ihre Smartphones, Kameras und Mikrofone reckten, kaum dass ich aus der Tür trat.
Sämtliche Schüler, die das bittere Los gezogen hatten, das Gebäude zeitgleich mit mir zu verlassen, erstarrten angesichts des aufgestachelten Auflaufs, der uns draußen erwartete und umgehend eskalierte, während ich meine gefassten Schritte gleichbleibend und insgeheim konditioniert gewappnet weiter die Stufen hinab und auf die Paparazzi zu führte, die umgehend eine schmale Schneise für mich öffneten und vom rückwärtigen Straßenverkehr niedergehupt wurden, während ich mich schon nach Happy und unserem Wagen umsah.
Die Paparazzi waren vorsichtiger geworden, seitdem ein ganzes Team Anwälte sie bei jeder Berührung oder kurzweiligen Blockade sofort mit Anklagen der Belästigung, Körperverletzung, Kindesgefährdung und Freiheitsberaubung eindeckten. Tony und Erin ließen da spätestens seit meinem emotionalen Ausbruch am Broadway keinerlei Milde mehr walten und beehrten jeden noch so winzigen journalistischen Fauxpas, der sich in meinem Umfeld ereignete, mit solch juristischem Exzess. Und inzwischen schien sich damit auch endlich ein seicht erzieherischer Effekt in New Yorks übereifrigen Medienlandschaft niederzulassen, die bislang sehr viel weniger diplomatische Raffinesse und Zurückhaltung bewiesen hatte als Kaliforniens.
Was allerdings nicht bedeutete, dass es weniger Paparazzi geworden waren und es nicht immer noch meinen Puls beschleunigte, ihnen alleine gegenüber zu treten.
Im dichten Getümmel rudernder Arme, aus dem Verkehr stolpernder Fotografen und wandernder Mikrofone reichte mein Blick nicht arg weit, aber ich entdeckte Happy dennoch binnen Bruchteilen, denn er kam mir bereits zielstrebig entgegen.
„Sola“, erkundigte sich eine gestylte Blondine, auf die eine Kamera hielt, „wie war dein erster Tag an der Midtown High?“
Ich antwortete nicht, aber ich lächelte ihr mild im Vorbeigehen zu, wie Erin es empfohlen hatte, um meiner Zurückhaltung eine bescheidene statt einer ganz und gar abweisenden Note zu verleihen.
„Miss Stark Waters“, fuhr ein dunkelhaariger Mann mit weißen, vergilbten Strähnen dazwischen, „wieso haben Sie die High School gewechselt? Gab es Probleme auf der Bosworth High?“
Um mich herum wurde geknipst, was das Zeug hielt, auch wenn es zum Teil nur die vielen gehobenen Smartphones, einander stoßenden Ellbogen und zuckenden Daumen auf den Displays verrieten. Die anwesenden Fotoapparate waren weniger diskret. Sie blitzten und klickten. „Miss Stark Waters, wieso gab es bislang kein Statement zu Ihrem Schulwechsel?“ - „ Gibt es an der prestigeträchtigen Bosworth High Missstände, die Sie uns mitteilen wollen, die Mr. Pasterio verschweigt? “ - „Stimmt es, dass gleichaltrige Schüler der Bosworth High Sie einem lebensgefährlichen Schulstreich im Central Park unterzogen haben?“ – „ Wird Tony Stark die Bosworth High verklagen? “
„Tony Stark hat 177 Menschen auf dem Gewissen“, schallte es unverhofft erzürnt aus dem Hintergrund. „Wann widerfährt ihren Familien Gerechtigkeit?“
Ich stockte, während mir ein flimmernder Schauer ganz anderen Unbehagens den Rücken hinabwanderte, aber Happy erreichte mich bereits, fasste mich sacht und schirmend bei der Schulter und ließ die Journalisten noch weiter zurückweichen. Der Aktivist warf weiterhin mit Anklagen um sich, doch die Paparazzi waren in Bewegung und so schien er zurückzufallen. Seine Stimme verlor sich.
„Tut mir leid, Leute“, rief Happy über das Getöse. „Heute keine Interviews. Bleibt geschmeidig.“
Wir erreichten unsere Limousine.
„Wüsste gerne, woher diese verteufelt exakte Zahl kommt …“, brummte er in sich hinein, als er mir schon die hintere Wagentür öffnete und sich die Blicke der Schüler, die es an den Journalisten vorbeischafften, nun wiederholt eindringlich fasziniert in meinen Rücken bohrten. Weiter die Straße hinunter wurden inzwischen auch andere Personen aufs Geratewohl umlagert. „Ja, ich bin Flash Thompson“, vernahm ich meinen Mitschüler. „Der eine oder andere kennt mich vielleicht von Twitter oder YouTube. Sola und ich sind im selben Jahrgang-“
Das großartige Gefühl des gemeisterten Tages bekam zarte Risse. Schweigend stieg ich in den Wagen.
Gerade als Happy die Tür hinter mir ins lautlose Schloss fallen ließ, bemerkte ich die braune Papiertüte auf dem Nebensitz wie auch den köstlichen Geruch von Fett und Frittiertem.
Entzückt, dass er tatsächlich daran gedacht und es nicht bloß als Witz abgetan hatte, schob ich meinen Rucksack von mir runter in den Fußraum und griff mir den Cheeseburger und dann auch den Milchshake, der direkt dahinter in einem Pappgestell bereitstand. Ich hatte längst begierig die Burgerverpackung abgezogen und den ersten Biss gemacht, als Happy auf der Fahrerseite einstieg und zu mir herübersah. „Alles gut da hinten?“
Herzlich kauend hob ich den Daumen.
Er gluckste. „Was? Gab’s nichts zu essen dort drinnen?“
Ich verschluckte mich, hustete ab und griff nach dem Anschnallgurt, zu dem er schon wortlos herüberschielte, während ich noch belustigt zu Ende kaute. Er startete den Motor.
„Du bist der Beste“, versicherte ich ihm nochmals, als ich wenige Minuten später das leere Verpackungspapier zusammenknüllte und in die braune Papiertüte zurückwarf. Zufrieden nahm ich meinen Milchshake zur Hand, schlürfte kurz daran, ließ mich weiter den Sitz hinabrutschen, stemmte meine Knie entspannt gegen den leeren Vordersitz, fahndete nach meinem StarkPhone in meiner Hosentasche und spähte gegen das weiche Nachmittagslicht, das durch das Seitenfenster auf mich herabfiel. Inzwischen zog die dicht befahrene Interstate an uns vorbei. Es staute sich nicht so sehr wie am Morgen. Vielleicht kamen wir diesmal etwas schneller durch, erwog ich.
„Pass auf die Polster auf“, bemerkte Happy abwesend. „Ich war gerade erst in der Reinigung.“
Rasch sah ich um mich und entdeckte geradewegs einen kleinen Saucenfleck auf dem Sitzpolster unterhalb meines Oberschenkels. „Zu spät“, informierte ich.
Happy seufzte.
Prüfend rieb ich mit dem Daumen darüber und wischte das gesüßte Tomatenmark ab, bis das schwarze Polster fast wieder makellos schien, außer an der notorisch weißgerahmten äußersten Stelle der Sitzfläche. „Ist nicht so schlimm. Ist fast nicht zu sehen-“
„Großartig“, brummte er.
„Mich stört es nicht“, versuchte ich es mit bestechend frecher Geschäftslogik. „Und mich fährst du schließlich.“
„Das hier ist Tonys Wagen.“
Ich schnaufte. „Er hat zweihundert …“
„Lass mich ausreden. Das hier ist seiner. Hiermit fahre ich ihn, wenn er nicht selbst fahren kann oder will.“ Er sah zu mir herüber. „Du bist nicht meine einzige Verpflichtung, weißt du? Ich habe viele Aufgaben. Was glaubst du, was ich den ganzen Tag mache, während du dasitzt und brav von der Tafel abschreibst? Ich sitze nicht im Wagen und warte darauf, dass du wieder herauskommst. Ich kümmere mich um den Tower, um Sicherheitskonzepte, um unsere Flotte, den Hangar, um Pepper, um Tony-“
„Ich weiß, ich weiß.“ Ich schnalzte. „Er kommt klar.“
„ Er bezahlt mich. Und nur damit du es weißt, ich mache meinen Job gerne gut, danke der Nachfrage.“
Ich verzog das Gesicht. „Nun ja, im Moment-“
„Sprich es nicht aus.“
„-bin ich ein eher unzufriedener Kunde.“
„Oh, du bist kein Kunde, Kind, du bist eine Verantwortung“, korrigierte er mich schon mit sacht echauffiertem Unterton, der mich rege belustigte. „Hauptbestandteil meines Vertrages über die Dienstleistungen, die ich deinem Vater zur Verfügung stelle. Genau betrachtet, bist du ein Paket – hörst du mich? – ein Paket, das ich für ihn wohlbehalten von A nach B bringe-“
„ Und unzufrieden“, beharrte ich betont ernst.
„-und --- bitte was ? Was ist mit dem Cheeseburger, den du vor zwei Sekunden verschlungen hast? Was ist aus Du bist der Beste geworden?“ Beinahe lachte ich, doch ich behielt meine betont vorwurfsvolle Miene des zu Unrecht drangsalierten Kindes meisterlich bei. „Oh nein, ich möchte nicht, dass du mich so ansiehst, sonst fahre ich diese Wand hoch, hast du mich gehört? Hör auf damit.“ Er hob einen Zeigefinger und schielte in den Rückspiegel. „Das ist mein Ernst, Sola. Ich drücke diesen Knopf.“
Ich konnte nicht anders. Ich prustete.
-/_\-
Als FRIDAY mich wenig später im Penthouse aus dem Lift entließ, war ich immer noch amüsiert.
Es kam selten vor, dass Happy mir gegenüber erzieherische Anwandlungen zeigte, für gewöhnlich verwöhnte er mich eher nach Strich und Faden und ließ mir fast alles durchgehen. Ich hatte längst bemerkt, dass er sich in meiner Gegenwart nie grimmig oder genervt zeigte und wenn er es doch mal tat, war es immer gegen jemand ganz anderen gerichtet, der seinen Unmut auch verdiente, wie er ein jedes Mal unterstrich.
Umso lustiger, wenn es ihn dann doch einmal überkam.
Geschafft, aber fröhlich durchquerte ich unseren Wohnbereich.
Dass mich niemand zu Hause empfing, wunderte mich nicht. Es war zwar kurz vor sechs, aber Pepper verblieb meist sehr viel länger in den Geschäftsetagen oder beehrte etwaige Veranstaltungen und Institutionen im Namen von SI noch mit ihrem Besuch und Tony vergaß die Zeit ohnehin, sobald er in irgendeines seiner Projekte abtauchte – ich war mir nicht einmal sicher, ob er die Wochentage vorbeiziehen sah, wenn er sich in Test- und Entwicklungsphasen verlor. Davon abgesehen mochte auch er unterwegs sein – vielleicht gar in Upstate, wohin es ihn seit unserer Rückkehr aus Malibu ohnehin längst locken dürfte.
Zielsicher hielt ich deshalb geradewegs auf mein Zimmer zu, doch kaum, dass ich die Treppe erklommen hatte, drangen ganz unverhofft ihrer beider Stimmen an mein Ohr.
Die Tür zu Tonys Schlafzimmer stand offen.
„Ich --- … Ich weiß nicht, was ich denken soll.“
Es war Pepper.
Sie klang besorgt wie verärgert, regelrecht fassungslos, und die Geschwindigkeit ihrer Worte verriet mir unweigerlich, dass sie sich mitten in einer zunehmend aufbäumenden Uneinigkeit befanden. Unmissverständlicher Vorwurf lauerte in ihrem Ton: „Hältst du das für eine gute Idee? Ihr all das mit auf den Weg zu geben?“
Ich hielt inne.
„Es gefällt mir auch nicht. Kein bisschen.“ Tony reagierte so fest und direkt, dass es sich sofort nach vehementer Rechtfertigung anfühlte. „Aber sie haben recht. Es ist wichtig, dass sie damit umgehen kann. Bogen und Bites sind nicht das übliche Equipment, Pepper. Und kommt es hart auf hart, sollte sie zumindest eine Ahnung haben. Ehe sie sich noch selbst umbringt.“
„Sie ist fünfzehn, Tony.“ Pepper schüttelte den Kopf, ich war mir sicher, denn diesen bitter enttäuschten Ton schlug sie nur an, wenn sie grelle Unzufriedenheit mit Bewegung aufzuarbeiten versuchte. „Sie sollte sich mit ganz anderen Dingen beschäftigen.“
„ Das hier sorgt dafür, dass sie es kann .“
Ich bemerkte, dass ich den Atem anhielt, wohlwissend, dass sie über mich sprachen und dass keiner von beiden wusste, dass ich auf dem Flur vor ihrer Tür stand und jedes Wort mitbekam.
Es fühlte sich falsch an, aber ich konnte mich nicht regen, ganz genau wie in Barbados. Es war unmöglich wegzuhören --- oder sie zu unterbrechen, ehe ich nicht wusste, was diese Diskussion ausgelöst hatte.
„Wirklich?“ Pepper atmete aus. „Was kommt danach? Packt sie demnächst einfach gleich ein paar Kaliber mit zur Schule ein? Nur für den Fall?“ Ihre Stimme sprang durch alle Farben, von erzürnt bis trocken bis sarkastisch. „Sie wird von Rhodey und Natasha Romanoff im Nahkampf trainiert-“
„Selbstverteidigung“, korrigierte Tony. „Und es lässt alle Väter besser schlafen, nicht bloß mich.“
„- sie hat FRI und einen eigenen Anzug -“
„Eine Saving Unit“, bestritt Tony konsequent weiter. „Die SUN-1 ist nicht viel mehr als eine Rettungskapsel. Sie kann nicht hineinsteigen und davonfliegen und irgendwelche Geheimquartiere ausräuchern, wenn ihr danach ist. MISOTA ist vollkommen defensiv ausgelegt, keine multilaterale Assistenz-“
„-und sie macht keinen einzigen Schritt vor die Tür, der nicht von dir abgesegnet ist“, fuhr Pepper derweil ungerührt fort, als vernehme sie kein einziges seiner Worte. „Das alles sollte reichen.“ Wieder schüttelte sie den Kopf und diesmal sah ich es auch, denn sie lief an der halb geöffneten Tür vorbei. „Das alles sollte überhaupt nicht der Fall sein. Sie sollte zur Schule gehen, während Happy ein Auge auf sie behält. Nichts sonst. Sie sollte Freunde finden und sich endlich erholen dürfen. Von dem grauenhaften Unfall. Von diesem scheußlichen Aneurysma. Von Stane und Fanning ... --- Sie sollte nicht schon wieder auf das nächste Unheil lauern.“
Tonys Rücken schob sich in mein Sichtfeld, als er ihr langsam hinterher wanderte. Für einen Sekundenbruchteil erhaschte ich einen Blick auf seine angespannt unzufriedene Miene, die ruhelos einen zu fixierenden Punkt am Boden suchte, während er die Arme angestrengt verschränkt hielt. „Ich weiß, was du denkst“, erwiderte er. „Du denkst, das hier ist ein guter Moment.“
„ Ja “, beschwor sie schon. „Ja, Tony! Das ist er.“
Er schüttelte den Kopf. „ Uh-uh . Nein. Du weißt, was vor sich geht-“
„Und deshalb ist es vielleicht umso entscheidender eben jetzt aus dem Ring zu steigen. Sich endgültig aus dem Schussfeld zu nehmen. Sie würden es verstehen, Tony-“
„Es wäre ein Statement, Pepper. Es käme einem Schuldgeständnis gleich. Einem Kurswechsel.“ Er hob beide Arme. „Es würde all die Stanes und Boyntons dieser Welt bestätigen . Und es würde dem Team das letzte stabile Fundament entziehen, auf dem es noch steht. SHIELD existiert nicht mehr. Die Wahrheit ist doch, diese Initiative besteht bloß nur noch, weil wir sie zusammenhalten und ich dafür aufkomme.“
„Ein Kurswechsel ist per se nichts Schlechtes“, beharrte Pepper. Auch sie sprach wieder mit bemühter Räson. „So, wie die Dinge im Moment laufen, sitzt ihr auf einem Pulverfass. Das alles wird für das Team nicht gut ausgehen. Sie haben noch nicht einmal richtig angefangen. Das hier ist keine kurze Woge der Aufregung mehr. Ultron und Sokovia liegen über ein Jahr zurück und die Debatte ist gewaltiger denn je. Sie hat sich festgesetzt, sie hat die Ethikräte und Parlamente sämtlicher Nationen erreicht, die Wahlprogramme, die Gerichte . Und wenn ihr das nächste Mal auszieht und irgendjemand kommt dabei zu schaden, wird es Konsequenzen geben.“ Ihre Stimme sank in flammendem Ernst. „Sie werden dir nehmen, was du liebst. Und wenn sie es erst haben, bekommst du es nicht mehr zurück.“
Er schnalzte. „Anzüge lassen sich neu bauen.“
„Nicht im Gefängnis.“ Bitterwarnende Stille erhob sich. „Du hast den Ausstieg dutzende Male versucht, es hatte nie etwas mit den Entwicklungen im Kongress oder im UN-Rat zu tun“, begann Pepper von neuem und entließ die Luft. „Die halbe Welt hat gesehen, wie du vor über drei Jahren sämtliche Anzüge in die Luft gejagt hast – einfach, weil dir danach war. Niemand erwartet ernsthaft von dir, dass du mit deinen Aktionen moralische Statements setzt. Wenn du dich zurückziehst, dann tust du das für dich. Das war schon immer die öffentliche Wahrnehmung. Aber diesmal --- diesmal , Tony, ist es das einzig Richtige-“
„Ich kann nicht“, fuhr er dazwischen. „Okay? Ich kann es nicht.“ Er klang finster. „Wenn ich jetzt aussteige und das Unvermeidliche trifft ein, wären wir ausgeliefert. Ich kann kürzertreten, weiter in den Hintergrund, noch mehr Einsätze auslassen, sie den anderen überlassen , aber ich kann nicht die Augen verschließen, wenn ich weiß , was da draußen auf uns wartet, Pepper-“
„Wenn deine Tochter kein Grund ist, weiß ich nicht, welcher es je wäre“, entgegnete sie fest.
„Sie ist der Grund. Ihr beide. Ich habe es gesehen , Pepper. Auszusteigen ist keine Option. Wenn wir die Avengers verlieren, unseren Zugriff , haben wir nicht die leiseste Chance.“
„Und wie sehen ihre Chancen aus? Jetzt gerade?“
Sie musste ihn fixieren, denn für eine Sekunde regte sich nichts mehr.
Tony antwortete nicht.
Mir war schummrig, so leise atmete ich. Taub machte ich zwei Schritte rückwärts, stieß gegen die Wand, wenn auch glücklicherweise weitestgehend geräuschlos, und wankte weiter in mein Zimmer.
Mein Puls schlingerte, als ich bemüht leise die Tür hinter mir schloss.
Ich wusste nicht, wie lange ich Sinn aus dem Vernommenen zu machen versuchte, doch ganz gleich, wie oft ich es in Gedanken durchspielte, war alles, was sich mir daraus preisgab, unterschwellige Angst. Weil ihr Ursprung nicht einfach zu greifen war, sondern irgendwo zwischen all diesen Möglichkeiten und Szenarien nistete, die einander so deutlich entgegenstanden und gleichzeitig überlappten, dass ich nicht sah, wo der eine Schrecken begann und der andere endete.
Als es urplötzlich an die Tür klopfte, zuckte ich auf.
Tony schob den Kopf herein. „Hey, FRI sagte, du bist zurück.“ Ein beiläufiges Lächeln zog über sein Gesicht und nichts daran zeugte von irgendeiner Auseinandersetzung oder gar derselben eindringlichen Unruhe, die seine Stimme noch Minuten zuvor zersetzt hatte.
Schnell erwiderte ich es.
Tony hob beide Brauen. Mutmaßend wies er mit dem Zeigefinger in meine Richtung. „Versteckst du dich hier etwa? Bekomme ich gleich einen Anruf oder so etwas?“
Meine Mundwinkel verkrampften in ihrer unbeschwert gehobenen Position. „Nein, alles prima. War toll. Richtig gut.“
„Na dann.“ Er hob nochmals beide Brauen, aber ich zuckte bloß die Achseln. Tony nickte und schnaufte sanft amüsiert aus. „Okay …“
Er verließ die Tür.
Still saß ich zehn lange Sekunden da.
„FRI?“, wisperte ich. „Hast du es ihm gesagt?“
Die KI reagierte. „Was genau, Sola?“
Meine Stimme blieb ein fast unverständliches Flüstern. „Dass ich schon zurück war, als sie ---gestritten haben?“
„Mr. Stark fragte, wo du steckst. Ich sagte, du befindest dich in deinem Zimmer. Er fragte nicht nach dem Zeitpunkt deiner Ankunft, also habe ich ihn nicht darauf hingewiesen. Meine moralische Kalibrierung priorisiert stets Diskretion, auch gegenüber Mr. Stark, sofern keine direkte Gefahr im Verzug ist.“ Sie schmunzelte ein wenig. „Ich bin nicht Big Brother.“
Schnell drückte ich die Stelle zwischen meinen Augen, atmete aus und rieb mir mit den Handballen den Großteil meines Ponys aus der Schläfe. Es änderte nichts an meiner verbliebenen Beklommenheit oder dem sachten Stechen, das hinter meinem rechten Ohr eingesetzt hatte.
„FRI, ich habe leichte Kopfschmerzen“, informierte ich sie mehr pflichtschuldig. „Am Hinterkopf.“
„Kannst du etwas näher umschreiben?“
„Winzige Nadelstiche.“ Ich zögerte; horchte in mich hinein. „Stufe zwei --- nein, drei. Notiere zunehmend. Es wird stärker.“
Die KI bestätigte. „Verstanden. Es scheint unbedenklich, aber ich behalte es im Blick.“ Sie setzte eine Pause. „Soll ich Mr. Stark informieren?“
Ich antwortete nicht sofort.
„Nein. Schon okay.“
Musik:
I Can See Clearly Now - Johnny Nash
A Stark Contrast - Michael Giacchino