Induktion
Induktion
Kapitel 6: Induktion
15:20 Uhr HarleyToHell: Erste Schulwochen sind so unfassbar öde. Lust auf ein Spiel?
Ich saß gerade in meiner letzten Unterrichtsstunde des Tages, Geografie und Weltgeschichte bei Mrs. Carlyle, die mir regelrechte Flashbacks der Bosworth High bereitete, da sie dieselbe paradoxe Mischung aus diplomatischem Maklercharme und vornehmer, gemeisterte Strenge auffuhr, wie sie dort nahezu jede Lehrkraft mit Bravour beherrschte, als ich aus dem Augenwinkel Harleys Nachricht auf meinem StarkPhone aufleuchten sah.
Dahinter war ein Link zu einer Online-Partie Battleship gehängt.
Im Klassenraum war es dösig still. Es war Mittwochnachmittag, die große Euphorie des begonnenen Schuljahres hatte sich bei den meisten weitestgehend verflüchtigt, insbesondere seit die ersten Essays und Wochenarbeiten in Englisch und Chemie verteilt worden waren, während die Spätsommersonne immer noch lieblich durch das Klassenzimmerfenster fiel und nach dem Unterricht eigentlich mehr hinaus auf die Sportplätze und Straßen von Queens lockte, um das letzte gute Wetter des Jahres auszukosten, statt daheim am Schreibtisch oder in den frei zugänglichen Laboren der Schule zu versauern.
In North Carolina war das anscheinend ganz anders.
Ich schielte zu meiner Lehrerin, die an ihr Stehpult gelehnt dastand, mehr gen Decke stierte und dabei aufmerksam Bettys Ausführungen zur Dekolonisierung in Indien lauschte und zustimmende, lobende Laute von sich gab.
Verhalten tippte ich.
15:21 Uhr Ich: Kann ich nicht bringen …
15:21 Uhr HarleyToHell: Nur eine Runde.
15:22 Uhr Ich: Ich bin vorbestraft. Bosworth Super-GAU, vergessen? Muss an mein Image denken.
15:22 Uhr HarleyToHell: DER Zug ist längst abgefahren.
15:22 Uhr Ich: Wenn sie mir direkt in der ersten Woche mein Handy abnehmen und T persönlich UPS dafür spielen darf, ernennt er FRI wieder zur Super-Nanny. Nein, danke.
15:22 Uhr HarleyToHell: In der Zeit, in der du hier jammerst, hätten wir schon das halbe Spiel fertig.
Ich seufzte und warf einen schnellen Blick um mich. MJ las demonstrativ in ihrem Buch zu Krisenbewältigungsstrategien, ohne auch nur vage in Richtung Tafel zu sehen. Flash tippte ohne Unterbrechung in sein Smartphone und twitterte Nachrichten, bei denen ich in mindestens jeder dritten namentlich erwähnt wurde. Und auch ein Großteil der restlichen Klasse gab nicht einmal seichtes Interesse für Ghandis Unabhängigkeitsbemühungen vor. Selbst Ned stierte mit brav umgriffenen und auf seinem Block platzierten Kugelschreiber ins Leere und schien von einem aufregenderen Leben zu fabulieren.
Lediglich Peter Parker, den ich zu seiner gewaltigen Ahnungslosigkeit in der morgendlichen Chemiestunde dabei beobachtet hatte, wie er ganz heimlich unter seinem Tisch in einer geöffneten Schublade irgendwelche zähflüssigen Substanzen angerührt hatte, tat im Moment wieder, als sei er der Musterschüler par excellence, wie es die Midtown ohnehin jedem von uns ganz optimistisch auf die Brust schrieb.
Ich war nicht sicher, was es war, wozu er die Chemikalien dieser High School schon in der allerersten Woche missbrauchte, da ich nicht hatte identifizieren können, welche er im Vorfeld für seine kleine Breaking-Bad -Einlage abgezweigt hatte, aber ich besaß nun guten Grund zu der Annahme, dass er der heimliche Pillenlieferant dieser Schule sein musste oder aber geradewegs dabei, die allgemeine Slime-Flaute seit den 90er-Jahren ein für alle Mal mit einem gepfefferten Spind-Streich zu beenden, der sich zweifellos binnen weniger Wochen in einem inoffiziellen Wettbewerb verselbstständigen und der Fluraufsicht eine Heidenarbeit bereiten würde. Und ich wusste nicht, welche Option ich angesichts seiner recht unschuldigen Erscheinung unterhaltsamer fand.
Ich wandte mich wieder meinem Chat mit Harley zu.
15:27 Uhr Ich: Wie stellt man eigentlich Mollys her?
15:27 Uhr HarleyToHell: WTF ??!
15:27 Uhr HarleyToHell: Was sind Mollys?
15:27 Uhr Ich: Hör auf zu tun, als hättest du keinen Plan.
15:28 Uhr HarleyToHell: Hab ich nicht.
15:28 Uhr Ich: FRI spioniert nicht.
15:28 Uhr HarleyToHell: Trigger?
15:28 Uhr Ich: Nein. Nicht solche. Dev hat’s getestet.
15:34 Uhr HarleyToHell: [Link: ] Wofür brauchst du es?
15:34 Uhr Ich: Recherche. Hab vllt einen Heisenberg in der Klasse.
15:34 Uhr HarleyToHell: Ja, und einen Trottel. Lösch es später aus dem Verlauf und allen Cache-Ext, klar? Und Klappe. T findet es trotzdem, wenn er sucht. Dev irrt sich. FRI hat 100% Backlog-Protokolle. Cold Trigger – sie sammeln im Hintergrund ohne Meldung, damit er markierte Inhalte einsehen kann, falls er muss.
15:35 Uhr HarleyToHell: Jetzt starte endlich das Spiel.
Knapp sah ich wieder zu Mrs. Carlyle, die schon wieder irgendwelche Fachbegriffe an die Tafel schrieb und sie in ausschweifenden Worten kommentierte, dann öffnete ich Harleys ersten Link und begann meine Schiffe zu positionieren.
Wir spielten nicht eine Partie, sondern drei.
Ich verlor jede.
-/_\-
„Wie waren die ersten Tage zurück unter Normalsterblichen?“
Clint neckte mich, es war unmissverständlich, aber er klang trotz allem sacht abgelenkt, sodass ich mir sicher wurde, dass er sich einmal mehr in Multitasking versuchte. Ich konnte nicht heraushören, was er tat, während er mit mir sprach, weil ich im Moment nichts außer sachter Radiomusik aus dem Hintergrund vernahm, aber er war ganz offensichtlich nicht daheim, denn kurz vorher hatte ich auch auf seiner Seite der Leitung grimmiges Autohupen vernommen – und soweit ich im Bilde war, lag auch ihre neue Farm weitab vom Schuss und somit weit entfernt von dichterbefahrenen Straßen.
Er war unterwegs, so viel stand fest.
„Viel besser“, versicherte ich, während ich insgeheim auf winzige verräterische Hinweise zu seinem Aufenthaltsort lauschte. „Es ist eine richtige Schule. Endlich mal.“
Er lachte auf. „Lieber der einzige Star im Umkreis, was?“
Augenrollend sackte ich gegen die Autoscheibe und seufzte. „Es ist okay ... Klar, sie sind durchgedreht und dann kamen die Fragen. Und, na ja, ich werde ständig fotografiert und gepostet. Das ist anders als an der Bosworth. Aber ein wenig hat es sich schon beruhigt … Meistens drehen sie erst durch, wenn ich von euch zu erzählen beginne. Ich meine, ich verstehe es … Ihr seid ja der Wahnsinn. Ein paar von ihnen würden vermutlich ihre Organe verkaufen, nur um Tony oder Steve einmal zu treffen.“
Wir beide schmunzelten.
„Sie sind in Ordnung. Echt cool sogar.“ Ich zuckte die Achseln. „Ich fühl mich wohl …“
Das tat ich. Was die Midtown betraf.
Daheim jedoch war es seit der aufgeschnappten Diskussion zwischen Tony und Pepper etwas seltsamer, schließlich ahnte ich nun, was sie in meinem Beisein schon seit geraumer Weile bewusst unter den Teppich kehrten, um mich nicht weiter zu beunruhigen, musste aber zugleich dieselbe sorglose Fassade der Ahnungslosigkeit beibehalten.
Happy hatte die Wand zwischen Rücksitz und Fahrerseite hochgefahren, kaum dass ich Clints Anruf entgegengenommen und mit ihm zu sprechen begonnen hatte. Es verschaffte mir Privatsphäre und einmal mehr bewies sich, dass Happy in der Tat ein unheimlich penibles Gespür für meine Stimmung und meine Bedürfnisse besaß, wie eigentlich schon bereits seit unserem allerersten Tag in Nashua.
Ich hatte zwar nichts angedeutet, aber vielleicht war ihm doch eine verdächtige Nachdenklichkeit am Dienstagmorgen aufgefallen, denn bei unserer Ankunft an der Midtown hatte er mich regelrecht dazu animiert, nach der Schule ruhig etwas mit meinen Mitschülern oder gar auf eigene Faust zu unternehmen; meine neue Selbstständigkeit vielleicht sogar irgendwo in Manhattan auszukosten. Ich hatte zugestimmt, mich dann aber nach der Schule trotzdem direkt von ihm abholen und nach Hause zurückfahren lassen.
Nicht, weil ich keine Ideen oder gar Möglichkeiten gehabt hatte, mich den sich locker formenden Nachmittagscliquen anzuschließen, sondern, weil etwas in mir immer noch vage beunruhigt von alldem gewesen war, was ich zwischen Tony und Pepper aufgeschnappt hatte, und solch ein belangloser Ausflug mir urplötzlich fast rücksichtslos angesichts der Sorgen erschienen war, die die beiden sich ohnehin bereits wegen sehr viel ernsterer Entwicklungen machten.
„Und wie sehen ihre Chancen aus?“ , raunten Peppers Worte immer noch in mir nach. „Jetzt gerade?“
Sie ließen mich nicht recht los. Und auch jetzt noch versetzten sie mir einen sachten Stich.
Die lausige Wahrheit, die ich Happy nicht offenbaren konnte, war, dass ich es ihnen nicht unnötig schwer machen wollte; nicht nach allem, was sie bereits für mich getan hatten und was ich ihnen ohnehin bereits im ganzen Jahr abverlangt hatte. Erst recht nicht, wenn ihre Aufmerksamkeit nun andernorts gefordert wurde. Ich würde Gebrauch von meinen neuen Freiheiten machen, aber ich musste es ja nicht gleich kopflos tun, wenn es berechtigte Gründe gab, vorsichtig zu bleiben, nicht?
Denn, was da wirklich zwischen ihnen im Raum gestanden hatte, schockierte mich immer noch ein wenig: Dass Tony Iron Man hinter sich lassen musste, um mein Leben zu befrieden. Es war dasselbe verzwickte Gedankenspiel, dem Tony zu Beginn unseres Miteinanders erlegen war – dass unsere Leben nicht vereinbar waren, solange er als Superheld gebraucht wurde. Dass er es war, der mich unentwegt der Gefahr aussetzte, die ihn ganz natürlich heimsuchte, und dass es auf diese Weise keinen guten Ausgang für mich nehmen konnte.
Aber wir hatten es überwunden, zumindest hatte ich es geglaubt. Noch als ich im Avengers Hauptquartier wieder zu mir gekommen war, nach Stane und seinem Stratosphärenballon und dieser eiskalten, luftleeren Kapsel, die alles dieser Gefahr verkörpert hatte, war ich mir dessen sicherer gewesen denn je: Dass es Iron Man war, der unser aller Leben beschützte , nicht gefährdete. Dass mein Vater in ihm steckte und gar nicht von ihm zu lösen war.
Und nun war es ausgerechnet Pepper, die all dies in Zweifel zog; die ein Ende forderte.
Nicht, weil Stane oder Fanning mit ihren Schuldzuweisungen recht hatten. Und auch nicht, weil Tony ohnehin bereits mit sich haderte. Sondern weil auch sie eine Unvereinbarkeit sah zwischen meinem Wohlergehen und dem der ganzen Welt.
Sie hatte von Gefängnis gesprochen. Und er von einem Ende der Avengers.
Mir war nicht bewusst gewesen, wie kritisch die Lage war oder wie gewaltig der Druck, unter dem Tony und die anderen inzwischen standen. Natürlich hatte ich den generellen Aufruhr in den Medien verfolgt und durchaus aufgeschnappt, wie viele politische Anforderungen und Gespräche Tony in den vergangenen Monaten und Wochen wiederholt empfangen und auch gesucht hatte, aber ich hatte nicht begriffen, wie unfassbar ernst es längst geworden war. Wie bedrohlich . Oder dass es gar nicht zu seinem Alltag gehörte, unentwegt Telefonate mit frischgebackenen Außenministern zu führen.
Ein Pulverfass hatte Pepper es genannt. Eines, das bereits bei nächster Gelegenheit hochgehen und ungeahnte Konsequenzen entfalten konnte.
Vielleicht gar schon bei ihrem allernächsten Einsatz.
Sie bekommen es hin, sagte ich mir fest. Alles daran. Wenn nicht sie, wer sonst?
Ich knibbelte an meinem Tech-Armband. Und dann wanderten meine Gedanken doch weiter, zu den unheilvollen falschen Pässen und dem gepackten Notfallrucksack zurück, die allesamt bei Clint deponiert waren und von denen Tony nichts wusste.
„Aber wir wissen nicht, was geschehen mag, richtig?“ , hatte Nat auf meine Verwunderung erwidert.
Vielleicht wisst ihr es doch , stach es jäh in meiner Brust auf.
„Hm“, gab ich abwesend von mir, während Clint von Nathaniels neuesten, unersättlichen Leidenschaft für Kartoffelpüree und Wurfgeschosse jeglicher Beschaffenheit und Form berichtete, die ihnen allen schon kleinere Beulen und tränende Augen eingebracht hatten. Irgendetwas in mir fragte sich jäh, ob Clint es bewusst tat. Ob er mich bewusst auf dem Laufenden hielt, mich einbrachte und in mir das Gefühl heranzog dazuzugehören.
Ich wollte so etwas nicht denken, mich gar nicht erst in einer solchen Möglichkeit verlieren, aber plötzlich tat ich es doch. Ich erwog etwas, das schon in seiner Eventualität so wehtat, dass ich nicht glaubte, dass ich die potentielle Realität darin unbeschadet zu überstehen vermochte.
Was, wenn es nur das ist? Schon von Anfang an? Wenn er eigentlich immer nur seinen Job gemacht hat? Ein strategisch aufgebauter Exit-Plan, um mich aus dem Spiel zu nehmen, sobald es für Tony und die Avengers auf die eine oder andere Weise notwendig wurde.
Nick Furys Saat. Clint Barton, der Agent.
Nicht im Ruhestand, sondern im Dienst.
Nach wie vor.
Etwas finster Schmerzhaftes riss ruckartig an meinem Herzmuskel. Ich erwischte mich dabei, gar nicht mehr zu atmen, so überfahren von meinem eigenen Gedanken, diesem grausamen Dorn Zweifel, und zugleich entsetzt, es nicht – nicht wirklich – augenblicklich und restlos widerlegen zu können. Diese Möglichkeit, wie verschwindend gering sie auch sein mochte, existierte .
Dass Clint sich nur um mich sorgte, weil man es ihm genauso aufgetragen hatte.
„Ich merke schon, wir sind unfassbar gesprächig heute“, neckte er mich gerade mit bereits abschweifender Stimme, als richte er seine Aufmerksamkeit gleichzeitig auf etwas anderes, vielleicht in einiger Entfernung.
„Was machst du?“, hörte ich mich lasch fragen. „Jetzt gerade?“
„Warten.“ Clint seufzte. Seine Stimme bekam eine sattere Farbe, als er sie in ruhigem Ernst sinken ließ: „Ich sammle Lila und Coup auf. Ihnen gefällt die neue Schule nicht ganz so gut wie dir.“
„Oh.“ Ich schluckte. „Tut mir leid …“
„Ich dachte, es muntert sie vielleicht ein wenig auf, wenn ich sie überrasche, aber jetzt gerade glaube ich, dass es mich eher genauso deprimiert.“
Meine Zweifel zerliefen angesichts seines trockenen Humors. „Ist es so übel?“
„Also, wenn du mich fragst …“ Er zögerte, als erwäge er sämtliche Optionen, es jugendfrei und doch treffend genug zu formulieren. „Tja, sie sollten es einfach abreißen. Alles plattwalzen. Container sind übergangsweise gar nicht so schlecht.“
„Okay“, gluckste ich. „Du solltest ihnen auf jeden Fall Jahreskarten in diesem Adventure-Park besorgen, den sie da gerade bauen. Mindestens das bist du ihnen schuldig.“
„Hm.“
„Er wird doch gebaut, oder?“, bohrte ich.
„Bestimmt ...“ Er schien ein stilles Stoßgebet gen Himmel zu senden. „Sie verhandeln. Immerhin.“
„Das klang bei Lila etwas anders.“
„Wenn du das Ganze schön für dich behältst, bekommst du ebenfalls eine Karte, Stark Junior.“
„ Ugh , ich weiß nicht“, frotzelte ich. „Ich mag Disneyland.“
„Früher war es noch der Jahrmarkt, jetzt schon Disneyland. Ich wusste, dass Tony dich völlig verzieht.“
„Na, er verschleppt mich wenigstens nicht in die Einöde und schickt mich auf heruntergekommene Schulen, die die nächste Tornadosaison nicht überstehen.“
„Hier übersteht nichts die nächste Tornadosaison, Sola. Aber du hast auch nicht wirklich eine Vorstellung, was so ein Tornado anstellt, was?“
„Ja, ja, schon klar“, grummelte ich. „Erdbeben, Tornados … Es wird alles ein ganz böses Erwachen für mich.“
„Gut, dass du in Manhattan lebst. Da gibt es nur Regen, Abgase und gelegentlich mal eine halbgelungene Alien-Invasion.“
„Gar nicht wahr“, grunzte ich und blinzelte gegen das milde Sonnenlicht, das zwischen den vorbeiziehenden Wohnblöcken von Queens hindurchstach. „Wir haben hier auch Stürme, weißt du? Ziemlich heftige sogar.“
„Ja, schon gesehen, ganz böse Dinger – für Stadtmenschen“, zog er mich weiter auf. Er atmete aus. „Ah, na endlich, sie kommen raus.“ Eine Autotür wurde geöffnet. „Alles klar, Schatz, ich fang sie jetzt ein … Fenster verrammeln, wenn es wieder bei euch losgeht, in Ordnung?“
Belustigt schnaufte ich. „ Naah , für heute sehen die Vorhersagen gut aus.“
„Man weiß nie. Fliegt etwas Schleimiges vorbei, sicherheitshalber schonmal die Liegestühle reinholen und die Schirme zusammenklappen. Kann hässlich werden.“
Ich lachte. „Okay.“
„Ruf an, wenn etwas ist.“
„Mach ich.“ Ich schluckte. „Clint?“
„Ja?“
„Das, was Nat --- erwähnt hat … Was sie mir sagen sollte. In der Mall.“ Der Atem sprang aus meiner Kehle. „Es passiert nicht, oder?“
Am anderen Ende wurde es still.
Ich presste meine gesamte Aufregung wieder meinen Brustkorb hinab, damit sie mir nicht komplett die Stimme raubte. „Ich meine – klar, also, theoretisch könnte es das. Irgendwann. Okay. Aber --- Da ist nichts, was … was jetzt bald geschehen könnte, oder?“
„Sola, wieso fragst du?“ Bedächtiger Ernst ruhte in seiner Stimme und ich kannte ihn inzwischen gut genug, um darin auch ein wachsames Aufmerken zu erkennen, das meinen überrumpelnden Ausbruch nur zu gut zu deuten wusste.
„Keine Ahnung“, japste ich schnell. „Einfach so. Einfach ein Gedanke.“ Ich biss mir auf die Lippe. „Kein besonderer Grund. Einfach …“ Lautlose Tränen schwappten über mein Lid. „Es hat nichts mit dem zu tun, was gerade geschieht, oder?“
„Was geschieht gerade?“ Er schien die Stimme bewusst weiter herabzusenken. Vielleicht näherten sich Cooper und Lila. „Was meinst du, Sola? Was ist los?“
„Ich weiß nicht. Ich --- … Tut mir leid, ich hab einfach Angst bekommen. Das ist alles.“ Ich presste die Lider zusammen, kniff mir in die Wange und zählte bis drei. „Schon okay“, versicherte ich rasch. „Ich mache mir einfach Gedanken wegen dieser Sache. Mehr nicht.“
Im Hintergrund vernahm ich nun tatsächlich Cooper und dann auch Lila, aber ich hörte auch das dumpfe Geräusch sich öffnender Autotüren, was mir sagte, dass Clint ihnen wortlos bedeutet haben musste, schon einmal einzusteigen.
Er atmete aus. „Hey“, setzte er an, nun fast besänftigend ruhevoll. „Es soll dir keine Angst machen. Es ist nur wichtig, dass du es weißt, okay?“ Er stockte. „Das ist nichts, was jemals eintreten muss, Sola. Es ist wie ein Feuerlöscher. Man stellt ihn in die Ecke, weil es besser ist, ihn zu haben, als sich einfach darauf zu verlassen, dass es niemals brennen wird. Vermutlich wird es das nie. Die wenigsten Menschen werden ihn je benutzen. Aber einem paar von ihnen rettet es das Leben. Darum lohnt es sich zu wissen, dass man ihn hat, richtig?“
„Ich will nicht, dass du mein Feuerlöscher bist“, wisperte ich.
Er schwieg. Ich war mir nicht sicher, ob er verstand, was ich wirklich damit meinte und wenn ja, war ich mir nicht sicher, ob ich es auch wollte .
„Das bin ich nicht, Sola“, antwortete er langsam. „Ich bin nur derjenige, der weiß, wie man ihn verwendet. Aber er spielt keine Rolle – nicht solange es nicht wirklich schlimm zu brennen beginnt. Vergiss ihn, okay? Vergiss, dass es ihn gibt. Er ist da, das ist alles, was wichtig ist. Aber er kann ruhig verstauben, da wo er steht. Und das wird er auch. Bestimmt. Okay, Schatz?“
Und schon zog sich alles in mir in rüder Reue zusammen, für diesen dummen, absurden Moment, in dem ich irgendetwas anders hatte annehmen können, als dass er nicht all dies tat, weil er mich liebte.
„Kauf ihnen ein paar Cheeseburger“, sagte ich schnell. „Wenn es dort bei euch überhaupt so etwas gibt.“
Clint zögerte, dann ließ er sich merklich auf meinen frechen Seitenhieb ein, den ich bloß platziert hatte, um das Thema zu beenden, bevor ich noch vor schierer reuevoller Zuneigung losheulte.
„Gott, du wirst wirklich mehr und mehr zu ihm …“
Er seufzte, theatralisch wie trocken.
Ein stilles Lächeln sank zurück in seine Stimme. „Denk an die Englisch-Hausaufgaben, Stark Junior.“
Als er auflegte, strich ich mir rasch die verbliebenen Tränen aus dem Gesicht, gluckste mager und lächelte ebenfalls.
-/_\-
Als ich heimkehrte, fehlte von einem Erwachsenen, wie so oft, jede Spur.
Wo Pepper steckte, wusste ich. Sie hielt mich nahezu immer auf dem Laufenden, was ihre Tagesplanung betraf, ob nun ganz persönlich im morgendlichen Austausch beim Frühstück, per Textnachricht im Laufe unseres Tages oder ganz klassisch als Empfangsbericht über FRI, sobald ich ins Penthouse zurückkehrte.
Von meinem brillanten, überaus gefragten Vater ließ sich dasselbe nicht behaupten. Zumindest nicht, solange er mich nicht als Willkommensgruß geradewegs irgendwohin bestellte – und auch das in der Regel gänzlich über FRI.
„Werde ich heute nicht abkommandiert?“, erkundigte ich mich deshalb spotttriefend, kaum dass ich aus dem Lift trat und mit makellosem Schweigen belohnt wurde, während ich meinen Rucksack, mein vergilbtes Physikbuch, sowie meinen neuen Projektordner für Robotik mitsamt eines zerknautschten Blatt Papiers, das Mrs. Carlyles völlig utopisches Regelwerk für ihren Unterricht darlegte, schon abwesend im Vorbeigehen auf der Rundcouch abwarf. War ja nicht so, als sei irgendjemand hier, dem meine territoriale Eroberung missfallen mochte, nicht?
„Sag bloß, er hat das Abendessen schon organisiert?“, foppte ich weiter.
FRI bewies sich wie immer beeindruckend diplomatisch. „Wenn du von deinem Vater sprichst – nein, diese Entscheidung steht noch aus.“
„Hat er noch keinen Hunger?“
„Er scheint mir tief in seine Arbeit versunken. Soll ich das Übliche auf den Weg bringen – eine Auswahl an Speisen aus den heutigen Menüangeboten im Geschäftsrestaurant?“
Herzlich ideenlos bejahte ich.
Es kam nicht selten vor, dass uns die Gerichte und Salate der SI-Kantine einige Etagen tiefer versorgten, wie ich inzwischen wusste. Das Restaurant besaß hervorragend ausgebildete Köche und jeden Tag eine Vielzahl an angebotenen Speisen für seine Beschäftigten im Tower. Es schmeckte in nichts wie das Essen aus den Kantinen und Mensen, die ich bislang gekannt hatte; weder fad, noch jemals bis in seine Atome zerkocht. Ja, vielmehr war es oftmals sogar bestens abgeschmeckt. Alles wurde frisch zubereitet und ansprechend serviert. Vielleicht hatte ich deshalb so lange gar nicht begriffen, wer uns die meiste Zeit verköstigte, bis Pepper mich an einem späten Nachmittag heruntergerufen hatte, damit ich mich hinzugesellen konnte, während sie beim Essen mit Erin noch ein paar geschäftliche Punkte abgeklärt hatte, statt das Essen auf den bekannten Servierplatten zu uns nach oben schicken zu lassen.
„Er ist also immer noch unten?“, erkundigte ich mich nun, während ich schnell ein paar auf dem Küchentresen liegende Cracker aufsammelte und verspeiste und mit einem halben Glas Wasser aus dem Trinkhahn herunterspülte. „Hat er den ganzen Tag in der Werkstatt verbracht?“
Schon am vorigen Nachmittag war Tony für eine Modelltestreihe nach unten verschwunden und erst tief in der Nacht zurückgekehrt. Woran auch immer er im Moment tüftelte, es schien seine volle Aufmerksamkeit zu halten. Ein wenig war ich schon neugierig, also entschied ich, dass ich mich durchaus auch mal wieder einem meiner Übungsprojekte zuwenden und ihm gleichzeitig ein wenig über die Schulter schauen konnte.
Kurzentschlossen schritt ich wieder zum Lift.
FRI brachte mich ohne den geringsten Protest hinab auf die wissenschaftliche Ebene und auch am Eingang der Werkstatt wurde ich nicht direkt wieder davongejagt; die automatisierten Türen öffneten sich wie gewohnt ganz kommentarlos und ließen mich ein, was wohl bedeutete, dass ich trotz allen überbordenden Erfindungswahns und jeder potentiellen Geheimhaltung willkommen war. Es war ruhig im Inneren, bis auf das sachte Surren einiger vor sich hinarbeitender Geräte und ein fräsendes Geräusch etwas höherer und unbeständigerer Frequenz, das aus dem hinteren Bereich hallte und ganz eindeutig nur gelegentlich zum Einsatz kam.
Ich fand Tonys konzentriert niedergebeugt werkelnde Gestalt hinter einem modularen Magnetfeld, vor dem in einer filigranen Halterstruktur ein tischtennisballgroßes Objekt ruhte, das auf den ersten Blick auf mich wirkte wie das sorgfältig sezierte Auge eines Transformers.
Gleich mehrere feine Werkzeuge ruhten in seinen Händen sowie in denen der assistierenden robotischen Hilfen, die ihre Position wechselten und nacharbeiteten, wo immer er absetzte.
Tony sah nur beiläufig auf, als ich eintrat. „Hi. Schon zurück?“
„Schon ist gut. Es ist nach sechs.“
„Dafür, dass du so scharf auf freie Nachmittagsgestaltung warst, treibst du dich ziemlich viel in diesem Gebäude herum. Ich meine, ich verstehe es. Ist toll hier. Aber sollten Teenager nicht irgendeine andere revolutionäre Meinung vertreten? Sollte da nicht irgendein interner Alarm anspringen, der dir die Laune verdirbt, sobald du dich vor Mitternacht der Haustür näherst?“
Er ließ seine sichelförmige Ahle unterstreichend kreisen, ehe er sie schon flink und fingerfertig auf die gegabelte Seite herumdrehte und mit ihr weiterarbeitete.
„Ich dachte, ich darf nur bis sieben wegbleiben.“
„Das tägliche Standard- Go , ja.“ Er schnaufte sacht belustigt. „Du hast das mit dem Teenager-Ding noch nicht so raus, was?“
Abwesend lockerte er den Kragen seines Sweatshirts, dann wandte er sich schon dem nächsten ausstehenden Fertigungspunkt seiner bizarren Interpretation eines Fabergé-Eis zu; so unverändert und beeindruckend konzentriert, dass nicht das Geringste darauf deutete, dass er schon dutzende Stunden hiermit zubrachte.
Fünf lange Sekunden beobachtete ich ihn, ohne dass er ein einziges Mal blinzelte. Ich bekam trockene Augen vom bloßen Zuschauen. Seine rechte Hand bewegte sich zielstrebig und routiniert, bearbeitete einzelne Kontaktstellen, harrte aus, bis FRI ihm ein gelbes Farbsignal zurückspiegelte, dann setzte er eine winzige, silbrige Zylinderstruktur von einer beistehenden pechschwarzen Platte auf und die Roboterarme übernahmen den Rest. Das nächste Farbsignal strahlte auf. Diesmal war es blau.
Es mochte ein kaltes oder aber ein scharfes Signal symbolisieren – ich konnte es nicht näher eingrenzen, auch nach der zweiten Runde dieses transspezifischen Duetts.
„Du fragst nie, ob ich meine Hausaufgaben schon gemacht habe“, bemerkte ich, als ich schließlich weiter an ihm vorbei in Richtung meiner eigenen Werkbank schlenderte.
Für den Bruchteil einer Sekunde erstarrte er. „Sollte ich?“
Achselzuckend ließ ich mich auf meinen Hocker fallen. „Keine Ahnung.“
Ich sah um mich, erst über die sauberen Flächen meiner eigenen Werkbank, dann über die beleuchteten, polierten Vitrinen an der nächsten Wand, die ein paar ausgewählte Exemplare seiner Anzüge im besten Scheinwerferlicht zur Schau stellten, und von dort weiter zu meinen eigenen noch weitestgehend ungenutzten Regalen und Fächern.
Tony arbeitete schon wieder herzlich unbeeindruckt weiter. „Du erledigst sie auch so.“
Mehr wahllos zog ich eine meiner Werkstoff-Kisten näher heran, in Gedanken ganz bei dem Englisch-Essay, das übermorgen als erste Wochenarbeit des Schuljahres fällig war und das ich noch nicht einmal gedanklich begonnen hatte, wie Clint verboten gut im Gespür gehabt hatte.
Tony spähte auf und ließ sein Werkzeug wiederholt in meine Richtung schwingen. „Soll heißen, nicht immer sofort. Manchmal erst um zwei Uhr nachts, was – zu deiner Information – bislang wenig produktiv ausfiel.“ Betont unbewegt legte er die Mikrozange aus der Hand und wischte sich die Hand ab, während ich noch völlig überrumpelt mit der schweren Werkstoffkiste auf den Knien erstarrte. „Oh, und vor ein paar Monaten hast du FRI morgens beim Zähneputzen ganz nebenher in den letzten fünf Minuten deine Metrumanalyse diktiert“, fuhr er schon locker flockig fort. Sein Blick sprang zu mir herüber, als er sich betont beiläufig streckte. „ Die war sogar ganz passabel. Kein Meisterstreich, aber auch kein Totalausfall.“
„Woher … ---“ Ich spürte mich böse ertappt erröten, als ich schon entrüstet aufknurrte. „ FRI !“
„Keine Sorge“, winkt er entspannt ab, „sie verpetzt dich nicht. Das war Pepper. Sie hat dir ein paar Mal das Schultablet abgenommen, wenn du wieder vor geballtem Engagement darauf eingeschlafen bist. Das ist die frühere PA in ihr – kommt sie nicht gegen an. Ihr behagt diese Form Zeitmanagement nicht. Da bekommt sie Ausschlag.“ Er sank wieder auf seinen Hocker und ließ sich entspannt gegen die Tischkante zurückfallen; ein Ellbogen aufgestützt, den anderen Arm locker auf seinen Schenkel abgelegt, streckte er die Beine von sich und verzog die Miene in betontem Gleichmut. „Und, na ja, das Morgendiktat hast du versehentlich auf alle Screens im Penthouse geschickt. An diesem letzten Absatz hast du ziemlich lange gedoktert. Hab schon gedacht, ich muss Happy eine Viertelstunde später einbestellen.“
Hochrot sah ich schnell wieder über meine Auswahl Spulen, Schaumstoffe und Drähte.
Tony schenkte mir ein selbstgenügsames Grinsen, hob kurz vielsagend die Brauen, dann schwang er sich schon wieder seinem eigenen Werk zu.
Lustlos erhob ich mich und hievte die Werkstoffkiste vor mir auf den Tisch. „Was machst du da überhaupt?“
„Abgesehen davon, mein Kind mit exzellenter moderner Rhetorik zur begonnenen Selbstständigkeit zu beglückwünschen?“
Ich schnaubte aus tiefster Brust, als ich schon wieder zu ihm herüber schlenderte.
„Induktionsgranaten“, antwortete er.
Ich stockte. „Für den Anzug?“
„Auch.“ Er kratzte sich am Hals. „Reduzierte Größe, maximierte Wirkung und im Optimalfall wiederverwertbar. Praktisch für das gesamte Team.“
Da er nicht sonderlich besorgt schien, näherte ich mich weiter und hielt dicht an seiner Seite.
„Nanotechnik?“, erkundigte ich mich vorsichtig. „Wie in der Uhr, ich meine --- dem Handschuh?“
Er sah auf. Sein knappes, zufriedenes Nicken bestätigte meinen Verdacht.
Ich musterte das vor ihm liegende Werk ein wenig eingehender.
„Sie sind winzig “, befand ich mit skeptischem Blick auf drei makellose Exemplare, die bereits in einer Halterung ruhten und anscheinend andere, äußerlich nicht weiter differenzierbare Modelle der Testreihe darstellten. In meiner lausigen, von Hollywood eroberten Vorstellung waren es stets graue, ananasförmige Gebilde mit groben metallenen Sicherungshaken, die zumeist in den wirklich ungünstigsten Momenten gezogen wurden und damit den tödlichen Sprengsatz unwiderruflich aktivierten.
Nichts davon sah ich hier.
Ich runzelte die Stirn. „Sie sehen gar nicht aus wie … Granaten.“
Belustigt schniefte Tony, dann nahm er schon eine der fertigen Kugeln in die Hand und reichte sie mir. Perplex machte ich einen schnellen Schritt vor ihm zurück.
„Keine Angst“, versicherte er. „Außerhalb eines induzierenden Magnetfeldes sind sie absolut stabil.“
„Aber sie sind scharf ?“, presste ich nervös hervor. „Also geladen ? Mit --- mit Sprengstoff?“
Tony schmunzelte. „Komm her.“
Misstrauisch tat ich wie geheißen. Er nahm meinen lasch herabhängenden Arm und legte mir die winzige Granate in die Handkuhle. Sie war kalt und glatt. All die scheinbar mikroskopischen Einzelbauteile, aus denen sie bestand, bildeten eine absolut makellose Fläche, die, anders als das noch geöffnete Exemplar vor Tony, nicht die geringsten Rückschlüsse auf den komplizierten Zündaufbau in ihrem Inneren zuließ – oder gar die Nanopartikel, die vermutlich das eigentliche Wunder ihrer Wirkweise und Sprengfähigkeit beinhalteten.
Schleichend gewann meine Faszination über den Argwohn. Ich rollte sie herum und nahm sie zwischen Daumen und Zeigefinger.
Sie war völlig unscheinbar. Eine kleine, elegante Metallkugel.
Und dann fischte sie mir Tony auch schon wieder aus der Hand.
„Alles klar, kümmere dich um deine Kondensatoren oder hilf Dum-E bei seiner Slow-Motion-Show. Ich hab hier noch zu tun.“ Er scheuchte mich mit einem sachten Schubser beiseite und legte die Granate zurück in ihr Stativ. „Na los …“
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Es dauerte nicht lange, da wurde er von FRIDAY unterbrochen und diesmal war der Übeltäter nicht ganz so simpel abzuwimmeln wie ich.
„Boss?“, hallte ihre Stimme durch den Werkstattbereich.
Tony regte sich kaum. „Hm?“
„General Ross bittet um Ihren Rückruf. Umgehend.“
Ich schielte von meinen halbgefertigten Spulen zu seiner immer noch konzentriert vornübergebeugten Gestalt.
Etwas in seiner Stirn zuckte.
„Es betrifft Reparaturforderungen aus Mumbai“, informierte FRIDAY. „Und den vorgelegten Zweitentwurf des besprochenen Antrags zur UN-Konvention, den Sie in der ersten Fassung als planetaren Selbstmord bezeichnet haben. General Ross lädt sie ein, einen Blick auf das zu werfen, was die Großen ausbrüten, während Sie indische Fabrikhallen in die Luft sprengen und kanadische Angelboote mit gekaperten Wetterballons versenken. --- Bitte entschuldigen Sie, Mr. Stark. Er bat mich den exakten Wortlaut zu übermitteln.“
Meine Finger hielten den noch unverkleideten Kondensator in meiner Hand fest umschlungen, während ich mich bemüht abgelenkt und desinteressiert gab und zugleich jede einzelne Veränderung in seiner Mimik im Blick zu behalten versuchte.
Alles hieran klang nach dem, was Pepper in ihrer beider Debatte vor ein paar Tagen aufgegriffen hatte. Es schrie nach Politik und Schuldfragen und einer verstimmten Regierung, die sich gegen ihre Superhelden zu positionieren begann – ganz wie es ein merklich gewachsener Teil der Medien und diverse Aktivistengruppen schon seit geraumer Weile forderten. Und es gefiel mir gar nicht, dass ich beide von Thaddeus Ross erwähnten Vorfälle glasklar mit Zeke Stane und meiner eigenen Entführung in Verbindung zu setzen vermochte, die nun anscheinend sogar das US-Außenministerium beschäftigten.
Einen Augenblick stierte Tony nur geradeaus, dann legte er sein Werkzeug ab, fuhr sich kurz über die rechte Gesichtshälfte, wischte mit abfälliger Bewegung das neben ihm schwebende Datenhologramm ins Nichts beiseite und erhob sich. Wortlos verließ er die Werkstatt.
Er sah nicht einmal zu mir zurück.
Da ich mich nicht unbedingt geradewegs an seine Fersen heften und in einem sehr viel gezielterem Lauschangriff denn zuletzt versuchen wollte, werkelte ich widerwillig weiter.
Es gab keinen Grund, etwas zu befürchten, sagte ich mir. Wenn es Probleme gab, wirkliche Probleme, würden sie es mir sagen. Ich war mir sicher. Es war schließlich ihre Entscheidung. Sie waren --- … Tony war mein Dad und ich musste darauf vertrauen, dass er am besten wusste, um was ich mich sorgen sollte und um was nicht. Es war sein gutes Recht, oder nicht? Es war exakt das, was auch Mum schon vor ihm getan hatte, und es wäre nicht fair, ihm nicht dasselbe Urvertrauen auszusprechen, das sie immerzu von mir entgegengebracht bekommen hatte – und das trotz eines eindeutigen Phantoms als Vater.
Aber sie hat mich belogen , wisperte etwas sehr Leises in mir. Und heute weiß ich es. Und ich weiß auch wie oft, wie gut, wie sehr.
Und das tat weh. Ja, immer noch.
Als mein Kunststoff gegossen war und unter dem Abzug auszuhärten begann, drehte ich mich eine Weile auf meinem Hocker und schrieb ein paar Worte mit Elijah und dann auch mit Daphne, um mich auf andere Gedanken zu bringen, ehe ich eine grübelnde Runde durch den Werkstattbereich machte und schlussendlich wieder vor Tonys Tageswerk zum Halten kam.
Es reizte mich nicht wirklich hinaufzugehen und mein English-Essay anzufangen, auch wenn ich für heute genug abgeknipst, geschraubt und gewickelt hatte, also legte ich meine Arme auf die Werkbank, stützte mein Kinn auf meinen Ellbogen und besah mir die faszinierenden kleinen Granaten von Näherem. Ich bat FRI mir einzelne Bauteilbezeichnungen zu nennen, dann erkundigte ich mich nach den Materialien, der Funktion einzelner Strukturen, die Bedeutung der Lichtpunkte in den komplex verschalteten Mikrokammern – weiß stand für reaktiv , gelb für polarisiert , blau für nanoaktiv und damit zündfähig.
„Behalten sie ihre Form?“, erkundigte ich mich bei FRI. „Wenn sie in den Anzug integriert werden? Oder ist es wie mit dem Repulsor-Handschuh und sie verändern sich?“
„Die Aktivität der Nanopartikel beschränkt sich ganz auf den Zünd- und Sprengmechanismus.“
Ich zögerte. Etwas in mir wurde ein wenig bedächtiger. „Er hat sie also waffenfähig gemacht? Die Partikel?“
„Es ist die zweite Testreihe nach den erfolgreichen Kompatibilitätsversuchen mit dem Arc-Reaktor. Mr. Stark versucht sich ein Gesamtbild der Anwendungsbereiche dieser Technologie zu verschaffen.“
Ich schluckte.
177 , echote es in meinem Kopf. Ich wusste nicht einmal, woher diese Zahl kam und was sie bedeutete, ehe ich mich schaudernd entsann, dass es die war, die mir der Aktivist vor der Midtown High an den Kopf geworfen hatte. Tony Stark hat 177 Menschen auf dem Gewissen , hatte er gerufen und plötzlich zog sich etwas in mir zusammen. Denn …
Nein, es sind viel mehr.
Tony hatte Waffen gebaut, entsann ich mich. Er hatte sein Genie zu allererst in diese gesteckt wie sein Vater vor ihm. Er hatte sie entworfen und von Stark Industries fabrizieren lassen, Raketen und Bomben und so vieles, was dazu gehörte, und dann hatte er sie im großen Stil verkauft. Und irgendwo hatten sie immer Menschenleben beendet.
Vor Iron Man, ja . Aber ganz sicher mehr als bloß 177.
Unglaublich viel mehr.
„Er sagte, die Granaten bieten sich für das gesamte Team an …“, murmelte ich.
„Ja, ihre Funktionalität kann sehr unterschiedlich aussehen“, berichtete FRIDAY weiter, „abhängig von der Verschränkung der Partikel sowie dem darin verbauten zündungsfähigen Restmaterial. Die vor dir liegenden Exemplare sind Schockgranaten. Wenig Hitzebildung, mäßige Explosionsstärke, mäßiger Radius, hohe elektrische Interferenzbildung. Sie dienen dazu Individuen und elektronische Geräte außer Kraft zu setzen.“
Ich besah mir das geöffnete Gehäuse noch etwas eingehender, aber es blieb mir ein Rätsel, wie die einzelnen filigranen Kompartimente letztendlich miteinander interagierten. Als ich mich wieder aufrichtete, wischte mein Hoodie-Ärmel versehentlich die abgelegte Pinzette herüber an die äußerste Tischkante. Flink, aber unaufgeregt fing ich sie ab und schob sie zurück in die Tischmitte, bemerkte allerdings nicht, dass sich ein Ende meiner Kapuzenbänder in noch derselben Bewegung in der kleinen Halterstruktur der fertigen Granaten verfing.
Als ich mich wieder aufrichtete, zog ich die Halterung unkontrolliert mit mir.
Entsetzt bewahrte ich sie davor geradewegs mit Tonys noch unbeendeter Arbeit zu kollidieren, doch mein nun sehr viel hektischerer Reflex, kippte sie dabei etwas zu sehr in entgegengesetzte Richtung zurück und eine der Granaten rollte schlagartig heraus und diesmal bekam ich sie nicht zu fassen.
Sie fiel nicht herab, was mir im ersten Moment ein Segen erschien, stattdessen nahm sie die schwungvoll beschleunigende Route geradewegs über die von mir hinabgekippte Kante herüber, über die pechschwarze, angehobene Platte mit den winzigen Partikelzylindern, weiter auf das dahinterliegende unordentliche Werkzeugtablett, über Zangen und Drähte, machte dabei einen unvorhergesehenen Schlenker, der meinen letzten hastigen Stoppversuch klirrend und scheppernd vereitelte, und fiel von dort, angetrieben von meinem unbeabsichtigten zweiten Stoß, schon mitten auf das modulare Magnetfeld.
Ehe ich noch ganz begriff, was mich an dem bloßen Anblick schockgefrieren ließ wie ein Reh im Scheinwerferlicht, ertönte ein trommelfellerschütternder Rumms und alles um mich herum flog durch die Luft – zumindest schien es so, als ich rückwärts von den Beinen gerissen und zu Boden geworfen wurde, während das gesamte lose Leichtinventar auf der Werkbank in alle Himmelsrichtungen verteilt wurde und scheppernd, flatternd und klirrend um mich und den Tisch herum niederhagelte.
Drei Sekunden lang war ich vollkommen sinnestaub, bis auf einen hohen summenden Ton, der aus dem Inneren meines malträtierten Gehörgangs zu kommen schien. Den ohrenbetäubenden Alarmton, der in der gesamten Werkstatt losging, registrierte ich erst danach und auch das nur wie aus meilenweiter Ferne. Mein Gehör schien unter Wasser.
Eine der beiden verbliebenen Granaten rollte neben meinem Knie aus und stupste mich an.
Ich blinzelte, dann zuckte ich rüde zurück, aber sie blieb reglos, völlig unbeeindruckt von jeder vorherigen fulminanten Erschütterung.
Urplötzlich schoss eine pulvrige, kalte Wolke aus Schwaden und Dunst auf mich nieder und raubte mir jede weitere Sicht und den halben, noch verbliebenen Atem.
Ich begann zu husten und zu würgen.
Jemand stürmte herein. Dumpf vernahm ich schwere, beherzte Schritte und das Knirschen von winzigen Metallstücken, die rücksichtslos auf dem Boden zertreten wurden.
„ HEY ! Hey, hör auf. Schluss damit !”
Es war Tony.
Seine Gestalt sank neben mir durch den wabernden Dunst, während Dum-E über mir seinen völlig überambitionierten Löschversuch abbrach. Benommen starrte ich zu ihm auf, meine Muskeln und Glieder zu schlaff, um mich zu rühren, geradewegs totgestellt .
Auch mein Herzschlag schien immer noch starr ausgesetzt.
„Bist du okay? Sola, bist du okay ?“ Seine Hände wanderten um mich herum, fassten mich im Nacken und im Gesicht und besahen sich schon eindringlich meine ganze regungslose, zerzauste Gestalt. „Bist du verletzt?“
Absolut schockiert brach ich in Tränen aus. „Tut mir leid --- Ich … Ich -“
„Hast du Schmerzen?“ Als er auf Anhieb keine offensichtliche Verwundung zu entdecken vermochte, schob er meinen Kopf sacht, aber eingehend besorgt ein paar Mal hin und her, wischte hier und da meine Haare zur Seite und rieb sacht über meine Kopfhaut wie auf der Suche nach Blut. Dann sackte seine Aufmerksamkeit weiter hinab über meinen gesamten Torso bis zu meinem auffällig zitternden, rechten Arm. Er fasste nach ihm, wandte ihn behutsam und inspizierte auch ihn rasch auf der Suche nach Schnittwunden, Projektilen oder Fehlstellungen. „Tut dir irgendetwas weh? Sola?“
Die Tränen strömten nur so über mein Gesicht, während ich mager den Kopf schüttelte und schon zu der nächsten wirren Entschuldigung ansetzte. „Ich--- … Dad, ich …--- wollt nicht …--- tut mir leid .“
„Hey. Hey . Sieh mich an.“ Er stellte kurz und eingehend Blickkontakt mit mir her. „Du bist okay, ja? Alles gut? Ja? --- Ja?“
Sein Blick löste sich erst von mir, als er endlich von meinem mehrmaligen verzagten Nicken überzeugt schien. Knapp sah er über das um uns verteilte Chaos und ließ seinen Arm auf sein aufgestelltes Knie sinken.
Dum-E hielt sich immer noch über uns bereit, als sei es möglich, dass ich jeden Moment doch noch spontan in Flammen aufging. Das Summen seiner grobschlächtigen Motorik war das einzige Geräusch, das verblieben war. Der Alarmton war fort. FRIDAY musste ihn abgeschaltet haben.
Tony ließ seinen Blick wandern, dann entdeckte er die neben uns ruhende Granate und alles in seiner Miene verharrte kurz an ihrem Anblick, ehe er den Kopf schon wieder zu mir herumwandte. Als spüre er den nächsten Schwall reuevoller Bekundungen bereits in meiner Brust aufsteigen, berührte er kurz meinen Arm, meine Wange, und schüttelte den Kopf.
Ich konnte in seiner veränderten Miene keinerlei Emotionen mehr erkennen; seine Pupillen schimmerten, aber seine Miene war nun reglos blank. Unlesbar .
Während er mir vorsichtig auf die Beine half und jede meiner Bewegungen minutiös beobachtete, bis ich wieder sicher und aufrecht stand, blieben mein tränender Blick wie auch das schwere, dumpfe Hicksen in meiner Brust ungemildert bestehen.
Etwas desorientierter sah er sich erneut in dem zersprengten Chaos um – sein mehrtägiges größtenteils ruiniertes Werk, wie mir unweigerlich bewusstwurde.
Abwesend hob er eine der herumliegenden Mikrozangen vom Boden und fuhr sich mit der freien Hand über den Hinterkopf. Er hielt inne, ließ die Zange vage ruhelos gegen sein Bein tippen, dann wies er mit dem Kopf jäh in Richtung Ausgang. „Na los“, sagte er still, „geh und wasch dir das Zeug ab. Ich kümmere mich um … das hier.“
Kleinlaut nickte ich.
-/_\-
„Ah, gut, dass du da bist.“ Pepper wandte mir den Rücken zu, musste aber den Lift trotz allem vernommen haben, denn sie sprach schon, ehe ich noch zwei Schritte ins Penthouse machen konnte: „Das Abendessen ist gerade gebracht worden. --- Nimmst du bitte die Sachen von der Couch gleich mit nach oben? Ich bin gewohnt, in einem Haus voller wahllos herumliegender Screens und undefinierbarer Prototypen zu leben, aber das hier ist unsere chaosfreie Zone oder zumindest versuche ich sie deinem Vater als solche zu verkaufen-“ Pepper brach ab, kaum dass sie sich ganz aus ihrem geschäftigen Trott zu mir herumwandte. Ihre Stimme versackte in verblüffter Sorge. „Was ist los?“
Sie blinzelte zweimal, dann kam sie schon zügig auf mich zu, fasste mich bei beiden Armen, betrachtete mein staubüberzogenes Äußeres wie auch mein schrecklich deprimiertes Gesicht und blinzelte noch einmal fester. „Ist das Löschpulver?“ Sie hatte ein gutes Auge. „Gab es ein Feuer? Hast du gebrannt ?“
Ich schüttelte den Kopf. Meine Kehle schien verharzt.
„Was ist geschehen?“
„Ich --- Ich hab … einfach plötzlich festgehangen“, brach es schwach aus mir. „Ich wollte bloß verhindern, dass die Halterung gegen das Konstruktionsfeld stößt und etwas runterreißt, aber ich hab es irgendwie zu weit in die andere Richtung gekippt, sie --- sie ist rausgefallen, weggerollt und --- … und das Feld --- …“ Ich begann schon wieder zu weinen, wenn auch diesmal still und sehr viel weniger aufgewühlt, und hob instinktiv meinen Ärmelsaum an mein Gesicht. In letzter Sekunde hielt Pepper mich davon ab, mir die verbliebene Löschpulverschicht von Dum-Es mehr als freiwilligem Feuerwehreinsatz geradewegs ins Auge zu reiben. „Ich wollte es nicht zerstören“, beschwor ich elend. „Wirklich. Ich habe es nicht einmal angefasst. Ich hab FRI nur ein paar Fragen gestellt-“
„In der Werkstatt? Warst du bei Tony? Etwas ist in die Luft gegangen, ja?“ Pepper stockte. „War er dabei?“
„Er war --- weg“, hickste ich sacht und schluckte die dumpf wiederkehrende Aufregung wieder herab. „Er hatte einen Anruf von General Ross.“ Rasch hob ich wieder den Blick zurück in ihr Gesicht. „Ich hab es mir nur angesehen, wirklich -“
„War er böse? Hat Tony … Er war sauer deswegen, ja?“
Ich zuckte mager die Schultern und begann gleich noch fester zu weinen.
Ihre Stimme wurde ungemein behutsam. „Hat er etwas zu dir gesagt? Danach?“
„Dass --- dass ich mich waschen soll.“
Ihre Gesichtszüge entspannten sich wieder. Sacht biss sie sich auf die Lippe und senkte den Blick. Sie verkniff sich ein kleines Lächeln, realisierte ich, als sie mich wieder ansah.
Einerseits sichtlich gewillt, mich in den Arm zu nehmen, und gleichzeitig zurückgehalten von den Resten des Löschmittels in meinen Haaren und auf meiner Kleidung, harrte sie in liebevoller Musterung aus.
„Na ja, das klingt vernünftig“, versuchte sie es mild. „Dum-E hat es wieder etwas zu gut gemeint, nicht?“ In unaufgeregter Raison begann sie zu nicken. „Tony hat recht, du musst das Pulver loswerden. Leg die Kleidung in eine Tüte und verschließ sie, damit es sich nicht weiter verteilt. Wirf sie nicht in den Wäscheschacht; sie muss gesondert gereinigt werden, wenn du sie behalten willst. Und wasch es gut aus den Haaren und reib es dir nicht in die Augen. Spül am besten mehrmals durch.“ Sie atmete aus. „Ich halte uns das Essen warm. Er kommt bestimmt gleich hoch, dann sprechen wir noch einmal in Ruhe, in Ordnung?“
Ich nickte.
-/_\-
Als ich aus der Dusche trat, fühlte ich mich scheußlich.
Eigentlich wollte ich mich nur noch vor Scham verkriechen und nie wieder blicken lassen und so dauerte es ein wenig, bis ich mich überhaupt überwand, mein Zimmer tatsächlich zu verlassen und in unseren Wohnbereich zurückzukehren.
Unten angekommen, realisierte ich drei Dinge: Erstens – meine Kopfhaut begann zu jucken und ich wusste nicht, ob es von der ungewöhnlich intensiven Spülprozedur oder doch eher von zurückgebliebenen, hartnäckigen Löschmittelresten herrührte. Zweitens – ich hatte meine Schulsachen erneut liegen gelassen, denn sie stapelten sich immer noch genau dort, wo ich sie gedankenlos abgeworfen hatte. Und drittens – Tony war noch nicht zurück.
In unserem Kamin flackerte ein kleines, einladendes Feuer. Es war das erste seit einigen Monaten, lagen doch viele Wochen Sommer hinter uns. Ich fragte mich, ob Pepper es heute Abend auch angezündet hätte, wenn ich nicht die halbe Werkstatt gesprengt hätte, und ob es gezielt eine befriedende Wirkung entfalten sollte.
Als sie empfahl, dass ich mich schonmal setzen und zu essen beginnen sollte, schüttelte ich bloß betroffen den Kopf, trat einfach an den gerade servierten Tellern vorbei, hinab in die kreisrunde Teppicheinlassung und sank auf die Couch, wo ich mir ein kleines Kissen griff, die Beine anzog und schlussendlich den Fernseher einschaltete. Da Pepper mich zwar beobachtete, aber ansonsten schweigend Obst und Gemüse für ihren Salat schnitt und mich auch nicht weiter davon abhielt, mich mit mehr ziellosem Zappen abzulenken, blieb ich irgendwann in einem Spielfilm hängen, in dem eine Rettungsmission zur sterbenden Sonne auf ihrem Weg durchs All anscheinend weiter und weiter außer Kontrolle geriet. Ich war mir nicht sicher, ob die Hauptfigur sich alles bloß einbildete, insbesondere, da ich den Anfang des Geschehens verpasst hatte, aber ich wurde mir zunehmend sicherer, bis sich Pepper schließlich doch regte und mich einmal mehr auf Tonys fortbleibende Abwesenheit aufmerksam machte. Kaum, dass sie selbst aufgegessen und abgeräumt hatte, trat sie an mir vorbei, legte kurz eine Hand auf meine Schulter und bat mich noch einmal, erstmal zu essen; ich könne mir den Film anschließend vollständig ansehen, FRI wusste ihn sicherlich irgendwo abzurufen, das sei doch ohnehin schöner, vielleicht schaute Tony mit …
„Ich hab keinen Hunger“, murmelte ich. Ich schaltete weiter.
„Sei nicht albern.“ Sie tätschelte mich noch einmal beherzter und diesmal war es eine sanfte, aber bestimmte Aufforderung. „Du hast zuletzt in der Schule gegessen. Komm, er ist bestimmt gleich hier-“
Verhalten entzog ich ihr meine Schulter, richtete das Kissen unter meinem Kinn und kehrte zum Film zurück. Dort vollzog sich soeben ein dramatischer Brand im raumschiffeigenen Gewächshaus, also zappte ich mehr fluchtartig zu einer politischen Talkshow weiter, die über Graffiti-Sprühaktionen zu Protestzwecken debattierte.
Pepper seufzte. Sie schritt zur Kücheninsel zurück und fasste die Bowl, gerade als Tony tatsächlich aus dem Lift trat. Wortlos und mit noch immer unlesbarer Miene hielt er nach wenigen, lustlosen Schritten inne, sah von Pepper, die in auffälligem Schweigen die Reste ihres Salates wegräumte, zu mir, tragisch eingeigelt auf der Couch, und dann zu meinem immer noch unangerührten Abendessen am Tisch.
„Was ist los?“ Er klang überrascht.
„Sie denkt, du bist wütend.“ Pepper warf ihm einen bedeutungsvollen Blick zu, der ihn umgehend wieder zu mir herüberschauen ließ.
Tony blinzelte.
Ehe er etwas sagen konnte, krallte ich mich schon reflexartig fester in das Kissen auf meinem Schoß und sprudelte los: „Es tut mir leid. Ich wollte es nicht ruinieren --- oder anfassen. Hab ich auch nicht. Ehrlich. Ich hab --- ich hab FRI bloß ein paar Fragen gestellt; es mir angesehen; ohne es anzufassen, wirklich . Und dann bin ich irgendwie mit den Bändern hängen geblieben, die von meiner Kapuze, und --- ich weiß, ich sollte sie nach innen verstecken, aber ich hab’s vergessen und --- es ist alles … --- und sie war so schnell weg --- die --- die Granate --- und plötzlich-“
„Ja, ich weiß“ winkte er schon ab.
Tony kam zu mir herübergeschlendert und entließ ein sachtes Seufzen. „Hätte nicht passieren dürfen. Ich habe FRIDAY rekalibriert. Sie soll das Feld zukünftig automatisch runterfahren, wenn ich die Werkstatt verlasse und es nicht weiter genutzt wird.“ Er sah kurz zu Pepper, als er neben mir auf die Couch sackte. „Sie hat den Befehl zum Herunterfahren gegeben, als es passiert ist, aber die Granate war einen Bruchteil schneller als die Feldabschaltung. Es reichte immer noch, um zu zünden.“ Sein Blick sprang für einen Moment weiter, quer zum Kamin herüber. Er sah niemanden von uns beiden an, als er mehr in sich hineinmurmelte: „So gesehen, ein hervorragendes Testergebnis.“ Dann wandte er den Kopf schon wieder zu mir.
Elend beobachtete ich ihn.
Seine Musterung blieb kurz und bedächtig, dann strich er mir schon beherzt das Haar aus der ihm zugewandten Seite. „Ich bin nicht wütend. --- Nicht deswegen .“ Demonstrativ wies er auf den Berg aus Rucksack, Papier, Büchern und Ordnern neben ihm und sah bewusst vorwurfsvoll zu Pepper. „Wieso darf sie ihr Zeug herumliegen lassen?“
„Weil ihr Vater sie fast in die Luft gesprengt hat.“ Pepper atmete aus. „Es ist eine befristete Duldung und sie endet, sobald du sie davon überzeugt hast, dass du sie nicht enterben und auf die Straße setzen wirst, bloß weil ein wenig überteuertes Metall durch die Werkstatt geflogen ist.“
Warm unterhalten schmunzelte Tony. Als er mir wieder in die Augen sah, spürte ich, wie sich ein dichter Film Tränen erneut in den meinen zu sammeln begann.
„Es war ein Unfall, nichts weiter“, versicherte er schon entspannt. „Wenn überhaupt, mein Fehler.“
„Da haben wir es …“, summte Pepper zufrieden. Es war nicht wirklich ernst gemeint, ich registrierte den liebevollen Spott in ihrem Blick, als sie sich die Hände neben der Spüle abtrocknete und sich stillschweigend in Richtung Treppe aufmachte.
„Das ist gut“, setzte Tony ungezwungen fort. „Du stellt die Protokolle auf die Probe. Findest die Schwachstellen. Hat mir zwar eine kurze außerkörperliche Erfahrung beschert, als es geknallt hat und der Alarm losging, aber hey , du hast nicht gebrannt, nicht geblutet, nichts gebrochen … Besser hätte es kaum laufen können: Vater um zehn Jahre gealtert, Kind in Ordnung.“ Seine linke Braue zuckte empor. „Habe mir von Barton sagen lassen, das sei der einzig wahre Elternratgeber. Das echte Leben. Knallhart, aber absolut zuverlässig. Die Lektionen kommen schnell, sie sind unfassbar anschaulich und man stellt sie niemals in Frage. Was soll ich sagen, es stimmt. Quora ist nichts dagegen.“
Ganz gleich, wie sehr er darauf abzielte, mich mit dieser halbernsten, bewusst überzogenen Darstellung zu besänftigen, gelang es ihm doch nicht.
„Du hast zwei Tage daran gearbeitet“, widersprach ich. „Stundenlang.“ Ich sah ihn kaum an. „Und jetzt ist die Hälfte davon ruiniert.“
Seine Miene wandelte sich.
Der leise neckende Funke wich aus seinen Pupillen. Seine Mundwinkel blieben nach wie vor mild gehoben, aber um seine Augen fielen winzige Fältchen in eine sachte Anspannung, die mir verriet, dass ich nicht unrecht hatte.
Natürlich nicht. Denn es war die Wahrheit.
Ich hatte seine tagelange Arbeit in ein paar wenigen Sekunden zerstört .
„Ja, das ist Mist“, sagte er.
Ich strich mir die kullernden Tränen von den Wangen.
„Muss man mit klarkommen.“ Er schnalzte. Seine ganze Miene entspannte sich wieder und ich begriff, dass in seinem Ernst gar kein Vorwurf gelegen hatte, nur ehrliche Ernüchterung.
„Es war nicht umsonst, Sola. Ich habe die vergangenen Tage eine Menge Daten gesammelt. Es ging nicht darum, sie einfach bloß zusammenzusetzen. So etwas übernimmt die automatisierte Fertigung, wenn der Bauplan steht. Ich habe mit den Bauteilen experimentiert und Messungen durchgeführt. Und diese Ergebnisse sind nicht verloren.“ Er rieb sich die Braue. „Sicher, wenn ich sie in den Sprengtest schicken oder das Recycling weiter erproben möchte, muss ich das Ganze nochmal angehen oder zumindest vorher technisch aufbereiten, aber fürs Erste habe ich genug Messungen, die ich auswerten kann.“ Er schüttelte den Kopf. „Das ist Laboralltag, Sola. Etwas läuft nicht wie geplant, ein System fällt aus, ein Material ermüdet, unvorhergesehene Größen führen zu einem vorzeitigen Testende, Dinge fliegen in die Luft … Ja . Wer mit so etwas nicht umgehen kann, hat im Labor oder der Werkstatt nichts verloren. Rückschläge gehören dazu. Und selbst wenn es zweimal großartig läuft, läuft es beim dritten Versuch vielleicht wieder grottig. Hör zu, wenn ich nach jedem Fehlschlag, sei es nun eigenverschuldet oder nicht, entrüstet die Fahne gehisst hätte oder aus der Haut gefahren wäre, würde es keinen einzigen meiner Anzüge geben.“
Ich schluckte.
„Und wenn ich davon überzeugt gewesen wäre, dass es gefährlich werden würde, dich mit den Granaten allein zu lassen, hätte ich dich rausgeschickt oder den Bereich zur No-Go-Area erklärt, nicht wahr?“
Zustimmend zuckte ich die Schultern. „Schätze schon.“
„Du kannst drauf wetten.“
Immer noch ein wenig unglücklich nickte ich. „Okay.“
Als sei all das nicht weiter von Belang, griff er sich abwesend das zerknautschten Blatt Papier, das Mrs. Carlyles Regelwerk beinhaltete, überflog es und runzelte knapp die Stirn, dann warf er es wieder beiseite.
Ich kratzte mich am Kopf. Das Jucken war immer noch nicht richtig abgeklungen. Schon wieder fuhr Tonys Hand durch meine Haare und wischte sie hier und da in verschiedene Richtungen, während er sich ein letztes Mal meine nun sicher gerötete Kopfhaut besah.
Er seufzte. „Ich muss Dum-E einmotten.“
„Nein“, protestierte ich. „Er tut sein Bestes.“
„Er spielt sich auf.“
„Ist gar nicht wahr.“
„Du verteidigst ihn nur, weil er dich an Wall-E erinnert.“
„Und wenn schon?“, murrte ich, ein klein wenig ertappt.
„Siehst du, so ist er nicht. Überhaupt nicht.“ Demonstrativ ernüchtert ließ Tony sich in die Couch zurückfallen. „Würde er die letzte Pflanze auf Erden finden – er würde sie mit dem Feuerlöscher ermorden. Nur, um sicherzugehen.“
Ich gluckste.
Tony nickte. Er sah weiter zum Esstisch. „Lust auf kalte, durchweichte Gyōza?“
Musik:
Not All Heroes Wear Capes - Owl City