LNCrawler

Unlauterer Vorteil

Kehrwert — www.fanfiktion.de · All chapters

Unlauterer Vorteil

Kapitel 7: Unlauterer Vorteil

Vielleicht bildete ich es mir ein, aber meine Kopfhaut juckte auch am nächsten Morgen noch dank Dum-E’s Löschpulver.

Gleich in der Frühe war ich ein weiteres Mal unter die Dusche gesprungen und hatte meine Haare durchgespült und diesmal auch eine beruhigende Lotion einwirken lassen, die mir Pepper besorgt hatte, doch als wir uns nun mit der Klasse im Technikraum zur zweiten Unterrichtsstunde des Tages versammelten, wanderten meine Finger schon wieder über die gereizten Partien, während ich meine Haare noch mehr pflichtschuldig und unverhofft gewissenhaft zurückband.

Obwohl es die Schnüre meines Hoodies gewesen waren, die das gestrige Drama in Tonys Werkstatt verursacht hatten, und ich heute ein Crop-Top und ein College-Blouson trug, die wirklich keinen vergleichbaren Unfall auszulösen vermochten, war irgendetwas in mir immer noch von Beschämung erfüllt.

Denn eigentlich hatte ich es besser gewusst.

Wie oft hatte Tony die herumfliegenden Schnüre meiner geliebten Hoodies wortlos und mehr beiläufig nach innen gekehrt, wann immer ich mit ihm über etwaige Arbeiten gebeugt gestanden oder gewerkelt hatte? Er hatte es kaum jemals kommentiert, meist einfach kurzentschlossen Hand angelegt und die munter pendelnde Bedrohung mit einem schnellen Griff aus dem Weg geräumt, ehe ich sie überhaupt realisiert hatte, und er hatte auch nie angeordnet, meine Hoodies von seiner Werkstatt fernzuhalten, aber trotzdem überwältigte mich nun das Gefühl, eine grundeinfache Lektion missachtet und damit alles vergeigt zu haben.

Die unordentlichen Werkbänke voller abgenutztem Werkzeug und Utensilien der vor uns liegenden Gruppentische taten nun ihr Übriges, mich das gestrige Geschehen noch einmal geistig Revue passieren zu lassen. Ich dachte immer noch an die betäubende Explosion und den Hagel aus metallischen Kostbarkeiten, aufwändig hergestellten Nanopartikelzylindern und Gestänge, als Mr. Chakrabarty auf mich zutrat und mir leichthin einen Stapel Blätter in die Hand drückte.

Überrumpelt nahm ich sie entgegen, begriff dann, dass ich sie anscheinend in der Klasse verteilen sollte, und machte mich daran, meine pflichtschuldige Runde durch den Technikraum zu drehen, ohne mir den Kopf an irgendeiner Aufhängung oder unordentlich herabbaumelndem Werkzeug zu stoßen. Es war das Arbeitsprotokoll für eine frei wählbare Partnerarbeit, wie ich beim schnellen Überfliegen bemerkte, die schon Ende nächster Woche vorgestellt werden sollte.

„Es ist als kleiner Startschuss ins neue Schuljahr gedacht“, verkündete Mr. Chakrabarty. Seine krausen, grauen Haare standen wild und locker in sämtliche Richtungen. Ich hatte bereits aufgeschnappt, dass ihn manch einer bloß Meister Chakra nannte, war mir aber nicht sicher, ob es eine hänselnde Anspielung auf seine Hippie-Frisur oder doch ein mehr neckend bewundernder Ehrentitel mit popkulturellem Hintergrund war.

Während ich jedem sein zugehöriges Exemplar aushändigte, strahlten immer noch dutzende erfreute Mienen auf, sobald ich auch nur kurz Augenkontakt mit meinen Klassenkameraden herstellte oder gar ein paar Worte wechselte.

„Das Thema ist Queens Goes Green und damit weitgefächert“, intonierte Meister Chakra schon weiter. „Es sollte jeder etwas für sich zum weiteren Studium finden. Konstruiert für die erste Vorstellung eurer Thematik bitte noch nichts allzu Gewagtes. Startet am besten mit einem reduzierten Modell oder einer Teilkonstruktion. Ihr kennt den Leitspruch: Es muss nicht gleich ein Space-Shuttle sein, beginnt mit dem Triebwerk. Wir besehen uns eure Partnerarbeit Ende des Schuljahres dann nochmal, sodass ihr im laufenden Jahr mit wachsender Fachkenntnis Verbesserungen an euren Modellen vornehmen und sie weiter ausarbeiten könnt.“

„Parker, hast du gehört?“, rief Flash durch den Raum. „Das klingt nach deinem Konzept. Gleich zwei Chancen, die du vergeigen kannst.“

Peter sah nur knapp zu ihm herüber, aber ich sah, dass es ihn nicht kaltließ, denn sein Blick verdunkelte sich. Es war mir durchaus aufgefallen, dass Flash sich nicht nur gerne in den Vordergrund sämtlichen Geschehens brachte, sondern sich explizit auf Peter eingeschossen zu haben schien. Kaum ein Tag dieser ersten Schulwoche war vergangen, an dem er nicht einen irgendwie gearteten, meist gehässigen Seitenhieb in seine Richtung hatte verlauten lassen, ohne dass Peter diesen jemals mehr denn mit ein paar leisen, mehr in sich hinein gemurmelten Worten gekontert hätte. Ich wusste nicht, was zwischen den beiden Jungs vorgefallen war, ob überhaupt ein Grund für diese fortwährende Schikane existierte oder ob Flash es nicht einfach aus reiner Freude an der Sache tat, aber es schien mir offensichtlich, dass es sich um keine neue Entwicklung handelte, denn die restliche Stufe schien sich damit abgefunden zu haben und schenkte dem Ganzen kaum je Beachtung.

Ich erreichte die Gruppenwerkbank von Flash und seinen Freunden mit meinem Reststapel an Blanko-Protokollen gerade, als Meister Chakra uns aufforderte, uns im besten Falle zu Zweierteams zusammenzufinden.

„Stark, wie wär’s?“, erbot sich Flash enthusiastisch. Seine erwartungsvolle Begeisterung war so ehrlich, dass mir seine Niedertracht gegenüber Peter gleich noch schäbiger vorkam.

Unbewegt legte ich eines der Blätter vor ihm ab. „Sorry, Michelle und ich sind schon ein Team.“

Sein Lächeln versandete in Enttäuschung.

„Ja“, kommentierte MJ ein paar Tische weiter, „weil sie privilegiert genug ist, einfach zu bestimmen, wem sie den unlauteren Vorteil auferlegt.“ Ganz und gar freudlos schob sie eine klobige Zange vor sich an der Aufhängung beiseite.

Es stimmte, ich hatte nicht einmal zu ihr herübergesehen, um auch nur stumm bei ihr anzufragen, ob es denn überhaupt in ihrem Sinn war, ein Team mit mir zu bilden, aber ich ließ meine Worte so stehen, als sei nicht das Geringste daran zu beanstanden und als sei ich in der Tat so frei und ließ mich auch von ihrem trocken urteilenden Tonfall nicht sonderlich beeindrucken. Also griff ich mir das letzte verbliebene Blatt, beachtete Flash nicht weiter und schlenderte schon zu MJ herüber, insgeheim geradezu gewappnet, mit einer saupeinlichen Abfuhr belohnt zu werden, die mich noch dümmer dastehen ließ als Dum-E vor einer fehlenden Zugangsberechtigung.

Als ich jedoch neben sie trat, sah ich, dass sie meinen Namen bereits in die Spalte des Projektpartners eintrug. Ich lächelte.

„Wird das mit oder ohne Bindestrich geschrieben?“

Ihre buschigen Haare hingen ihr wie so häufig halb ins Gesicht, ihre Stimme wummerte vor Argwohn und ihre Miene verblieb missfällig gelangweilt.

„Ohne“, antwortete ich, als springe mein neuer Nachname den Menschen nicht nahezu täglich aus sämtlichen Boulevardshows und Social-Media-Trends entgegen.

MJ wusste genau, wie Stark Waters geschrieben wurde, da machte sie mir nichts vor; vermutlich wusste es sogar mein geistig umnebelter Großvater, so wenig er noch wusste, wer ich war … Aber mir gefiel trotzdem, dass sie vorgab, sich nicht weiter dafür zu interessieren, nur um mir klarzumachen, dass ihr meine Aufmerksamkeit angesichts meiner geballten Prominenz nicht geheuer genug waren, um mich einfach damit durchkommen zu lassen.

Ich verstand und ich zog mit und vielleicht war es eben das, was sie schlussendlich aufblicken ließ.

„Was ist der Plan?”, erkundigte ich mich.

Irgendetwas schwebte ihr bereits als Projektidee vor, das war ihrem mehr zurückhaltenden Mienenspiel anzusehen. Sie hatte es alleine angehen wollen, zumindest hatte es so für mich ausgesehen, denn während alle anderen sich besprochen hatten, hatte sie gar nicht erst nach einem Projektpartner Ausschau gehalten und sich stattdessen bereits den Werkzeugen und Materialien zugewandt. Ich hatte sie überrumpelt und diese sichtlich geläufige Routine der Solo-Arbeit durchkreuzt, doch wirklich böse erschien sie mir deshalb nicht. Mehr … auf der Hut.

Sie zuckte die Achseln. „Du warst in einer Fahrradwerkstatt unterwegs oder so, nicht?“

Überrascht erhellte sich meine Miene.

Ich wusste nicht weshalb, aber es machte mich unverhofft glücklich, dass es ausgerechnet das war, das ihr von mir im Gedächtnis geblieben war.

Und auch dieses Mal verstand ich auf der Stelle.

„E-Bikes?“, sagte ich. „Ja, das wäre cool ... Wir können eine Testreihe verschiedener Speichermedien für den Akku durchführen, parallel den Motor bauen und sogar ein fahrbares Modell konstruieren … Das würde alle aufgelisteten Aufgaben bis zum Ende des Schuljahres erfüllen.“ Ich rieb mir schon wieder beharrlich den Hinterkopf, während ich Peter und Ned am Nebentisch hinter dem Schutzschirm aus gelbem Plexiglas auffällig leise ausharren sah.

„Das kommt von den Silikonen“, sagte MJ, gerade als meine Gedanken zu den an der Midtown High potentiell vorhandenen und nicht vorhandenen Werkstoffen zurücksprangen und welche Möglichkeiten sie uns für unser Projekt boten.

Verwirrt und noch halb abgelenkt von den beiden offensichtlich lauschenden Jungs in ihrem Rücken blinzelte ich. „Was?“

„Die gereizte Kopfhaut. Das kommt von den Silikonen in den meisten Shampoos.“

Rasch ließ ich meine Hand wieder sinken. „ Umm , nein, das liegt eigentlich am Löschpulver. Ich wurde gestern von Dum-E …“ Dumpf atmete ich aus und begann von Neuem: „Unser Brandschutzsystem hat ein wenig überreagiert und, na ja, … ich habe eine volle Ladung davon abbekommen …“ Schnell zuckte ich die Achseln, damit sie nicht weiter nachhakte.

Unbeeindruckt richtete sie sich auf. „Dum-E?“

„Ja ... Das ist eine Art robotischer Assistent.“

„Euer Brandschutz?“

„Nein. Also, er passt bloß auf, wenn ich --- … Wir haben ein richtiges Brandschutzsystem, klar. Aber er hat einen Feuerlöscher. Für den Notfall.“

„Und du hast gestern gebrannt?“

„Nein. Nein. Ähm … --- Wie gesagt, er hat überreagiert. Mein Dad hat ihn schon lange. Er war einer der ersten robotischen Hilfen, die er konstruiert hat, als er noch am MIT war oder so …“

Zumindest hatte ich einen Zeitungsausschnitt gesehen, der mir dies suggeriert hatte. Ein Bild meines jugendlichen Vaters mit Dum-E an seiner Seite als Preisträger eines weiteren MIT Robot Design Awards. Konstruiert in der Werkstatt seines eigenen Vaters.

Tony Stark. Ein Genie, schon mit sechzehn.

„Jetzt ist Dum-E eigentlich nur noch da, um in der Werkstatt aufzuräumen …“, erklärte ich langsam. „Seine KI ist ziemlich überholt. Aber er ist ganz lustig.“

Ich mochte MJ, ja, ich mochte sie eigentlich sogar am liebsten von allen neuen Gesichtern der Midtown High, aber ich würde ihr ganz sicher nicht anvertrauen, dass ich Tony Starks Werkstatt nur wenige Stunden zuvor mithilfe eines millionenteuren Prototyps und mitsamt gleich mehrerer aufbereiteter Mikrozylinder hochgeheimer, vermutlich unbezahlbarer Nanopartikeltechnologie in die Luft gejagt hatte, bloß weil ich mich wie ein geläufiger Trottel in Laborgerätschaften verheddert und dann gleich noch den Mr. Bean gegeben hatte.

Verdammt , realisierte ich mit jäher, ganz frischer Beschämung. Ich konnte Tony nie wieder unter die Augen treten, ganz gleich, wie sehr er vorgab, es sei ein gewöhnlicher Laborunfall gewesen.

Ich hatte mich aufgeführt wie Baby-Godzilla.

MJ musterte mich, während ich mir betroffen durch den Pony fuhr, meinen Arm auf der Werkbank aufstützte und ausatmete.

„Hast du dir danach die Haare gewaschen?“, fragte sie.

„Klar.“ Ich rümpfte die Nase. „ Mehrmals .“

„Tja, dann …“ Sie zuckte die Achseln. „Silikone.“

Überrumpelt sah ich auf.

-/_\-

Wir entschieden am Nachmittag in der Selbstlernphase noch einmal zusammenzukommen, um unser Kleinprojekt weiter auf den Weg zu bringen, sodass für den Projekt-Pitch kommende Woche nicht mehr allzu viel zu tun sein würde, deshalb machte ich mich um vier Uhr zurück auf den Weg hinab in den Technikraum und war insgeheim sogar erleichtert über diese treffliche Ausrede, weshalb ich das morgig einzureichende Englisch-Essay noch ein bisschen weiter vor mir herschieben konnte, statt es nun endlich zu Papier zu bringen.

Auf dem Weg durch die nur mäßig bevölkerten Schulflure bemerkte ich Peter Parker einmal mehr aus den Chemieklassenräumen huschen.

Hola, Señor Escobar.

Er hatte seinen Rucksack gerade geschultert, als er schon jäh und beinahe ein wenig ertappt den Kopf in meine Richtung wandte, ehe ich mich noch ganz bemerkbar machen konnte.

„Wenn morgen etwas vom Ethanol fehlt, schuldest du mir eine Spanisch-Hausaufgabe“, ließ ich ihn wissen.

Peter errötete. „Da wird nichts fehlen.“

„Clever.“ Anerkennend nickte ich. „Du hast an die Füllstandslisten gedacht.“

Da mein Tonfall eindeutig belustigt blieb, lachte er nervös. Er erschien mir immer noch vage ertappt und blieb mir eine Antwort schuldig, die mir endlich sagte, was es war, was er dort in seiner Chemieschublade trieb. Verdächtig schuldbewusst rieb Peter sich den Nacken und sah schon wieder den Flur hinab. „Musst du auch …“ Er wies in Richtung Technikraum.

„Ja, wir wollten noch ein wenig an unserem E-Bike arbeiten.“ Ich beobachtete ihn, während wir nun langsam weiter den Korridor hinabschlenderten. „Was macht ihr?“

„Portable Solar-Ladestation.“ Seine Stimme beschleunigte sich in umgehender Begeisterung. „Die NASA nutzt sie schon auf ihren Missionen. Die Solarzellen, die sie da inzwischen verwenden, erbringen eine irrsinnige Leistung. Überhaupt kein Vergleich zu den Galliumindiumphosphid-Dioden von vor ein paar Jahren. Der nutzbare Spektralanteil hat sich um mehr als acht Prozent vergrößert und der Wärmeleitkoeffizient-“ Peter brach ab, als er meine vage überrumpelte Miene registrierte. „Na ja, es erfüllt das Thema.“

Er sah beiseite.

Ich krauste die Stirn. „Hat die Midtown Werkstoffe für solche Ladestationen?“, bemerkte ich skeptisch.

„Nicht alles, aber ich hab daheim ein wenig was angesammelt. Bauteile und Materialien, die ich hier und da gefunden und ausgebaut habe.“ Er zuckte die Achseln, plötzlich nicht mehr ungeheuer zuversichtlich, aber auch nicht unbedingt demotiviert. „Im schlimmsten Fall wird es eben nur eine solarbetriebene Anzeigetafel.“

„Ja, dachten wir uns auch“, witzelte ich. „Notfalls geht es auch ohne das E , notfalls wird es eben nur ein Bike.“

Wir glucksten.

Peter sah wieder zu mir. „Wie geht’s dem Kopf?“

Überrumpelt sah ich zurück.

Für eine gleißende Sekunde war ich davon überzeugt, dass er von meinem Aneurysma sprach, und alle meine Nackenhaare stellten sich auf.

Vielleicht lag es an einem geistigen Nachhall des Abends mit Fake-Raffy, an dem sein Verhalten und seine Worte schlagartig zu verdächtig und zu zufällig geworden waren, oder vielleicht war es Zeke Stane verschuldet, der dank Dr. Fanning viel zu gut über unser aller Schwachstellen im Bilde gewesen war, aber dann begriff ich, dass Peter von dem lebensgefährlichen Unfallschaden in meiner hirninternen Blutgefäßarchitektur überhaupt nichts wissen konnte, sofern er nicht Coach Wilsons Unterlagen durchforstet hatte, und dass er bloß … von meiner juckenden Kopfhaut sprach.

„Ich habe nicht gelauscht oder so“, stammelte er schon und hob die Hände, als sei ihm mein kurz aufgebäumter Schreck keineswegs entgangen. „Wir haben es einfach mitbekommen. Vorhin im Unterricht, als du und MJ … Ihr standet direkt hinter uns, als ihr darüber gesprochen habt. Das war keine Absicht oder so. Ehrlich.“

Ich entspannte mich wieder. „Ja, kein Ding“, murmelte ich schnell. „Ist ohnehin nicht so schlimm. Ich frag Tony später. Ist bestimmt nicht das erste Mal, dass Dum-E über jemanden hergefallen ist.“

Peter blinzelte so rege, dass ich sofort begriff, dass er sich bemühte, die so beiläufige Erwähnung von Tony Stark als meinen direkten Ansprechpartner zur Haarpflege wie eine geläufige Alltäglichkeit zu behandeln. Sofort fragte ich mich, wie er dreinschauen würde, wenn ich ganz am Rande erwähnte, dass er mir auch das Autofahren beibrachte, mir Softeis am Strand kaufte und Popcorn-Blockbuster mit mir ansah, die er in der Regel herzlich unterhalten am laufenden Band kommentierte, lobte und zerriss.

Oder aber, dass ich in einem einzigen Jahr so oft vor ihm geheult hatte, dass ich mir inzwischen fast sicher war, dass Tony der Rekordhalter dieses elenden Gutachtens sein musste, lange noch vor Mum.

Jupp, das klang nicht mehr so cool, was?

Peinlich . Absolut.

Im Technikraum waren sowohl MJ als auch Ned bereits zugegen und so teilten wir uns auf unsere jeweiligen Partner auf und versanken schon kurz darauf in nüchternes Debattieren, Hebeln und Schrauben. Nach einer guten halben Stunde schrieb ich Happy, dass er mich ein wenig später abholen sollte, da sich die offizielle Stunde der Selbstlernphase dem Ende näherte, aber wir noch knietief in unseren Arbeiten und Präsentationsnotizen steckten.

16:33 Uhr DowntownBuddy: Was heißt später? Fünf Minuten? Drei Stunden?

16:33 Uhr Ich: Halbe Stunde?

Er bestätigte.

„Sorry …“, bemerkte ich knapp in MJs Richtung, als sie verhalten zu mir herüberschielte, während sie unsere ersten Ideen für den Motor erstaunlich detailgetreu auf einem Block skizzierte. „Ich musste kurz Bescheid geben, damit ich etwas später abgeholt werde.“ Ich legte mein StarkPhone wieder beiseite. „Das sieht gut aus“, wies ich schon auf ihre Darstellung. „Viel besser als der Mist hier.“

Abfällig schob ich meine mehr mitleidig anzusehende Handskizze fort, die ich noch während unserer Entwurfs- und Recherchephase wieder und wieder überkritzelt hatte.

„Dein Fahrer“, begann sie vorsichtig. „Er kam mir bekannt vor. War er früher Tony Starks Bodyguard oder so?“

„Ähm, ja. Happy --- ich meine, Harold Hogan. Er kennt meinen Dad schon lange. Er hat inzwischen ein paar mehr Aufgaben bei uns. Er ist auch Sicherheitschef von SI. Aber im Moment fährt er mich oft, ja.“

Sie nickte und überflog betont aufmerksam ihre Skizze, während ich mich gegen die Werkbank sinken ließ und Ned und Peter wieder deutlich stiller werden spürte.

„Sie sind schon okay, die Fragen, wisst ihr?“, hörte ich mich urplötzlich sagen. „Ich versteh das. Ich bin selbst noch manchmal baff, wenn ich nach Hause komme, mir etwas aus dem Kühlschrank greife und plötzlich steht Tony Stark vor mir und fragt mich, ob ich … seine letzte Tüte Blaubeeren verspeist habe oder so etwas.“ Ich verdrehte die Augen. „Bis letztes Jahr kannte ich sie alle auch nur aus dem Fernsehen. Wenn ich in seine Werkstatt gehe und die Anzüge sehe, bleibt mir immer noch kurz das Herz stehen. Jedes Mal. Weil es real ist und das ist --- irre. Aber jetzt gehört es dazu. Zu mir. Es hat keinen Sinn, es totzuschweigen oder so, dass wir verwandt sind und ich ihn jeden Tag sehe. Denn so ist es.“ Ich hob matt die Achseln. „Deshalb fragt ruhig.“

Ned schien nicht lange mit sich zu hadern. Er reagierte sofort: „Nennst du ihn Tony, Mr. Stark oder Dad?“ Kurz blinzelte er, als käme ihm ein begründeter Verdacht. „ Oh . Oder musst du ihn Vater nennen? Und Sir ? So richtig förmlich und respektvoll?“

Ich gluckste. „Wenn ich ihn Sir nenne, lässt er vermutlich nach Steve Rogers rufen …“ Ich zögerte. „Ich sage Tony. Inzwischen auch Dad.“

Strahlend atmete er aus. „ Cool .“

„Na ja, wir haben uns nicht gekannt …“ Ich zögerte; wusste selbst nicht ganz, wieso ich weiter darauf einging, aber ich fuhr schon fort: „Also, vor einem Jahr, als er mich aus dem Krankenhaus abgeholt hat, da hatte man ihm und auch mir gerade erst Bescheid gegeben, dass er mein Vater ist, und man hat die Tests durchgeführt, diesen ganzen Kram, ihm das Sorgerecht übertragen und so … Jedenfalls sind wir uns da zum allerersten Mal begegnet und irgendwie hatte sich das Mr. Stark damit erledigt, versteht ihr, aber Dad hat noch nicht funktioniert. Er war Iron Man; der Star aus den Medien, bei dem ich plötzlich lebte. Also habe ich ihn ganz lange bloß Tony genannt. Inzwischen sage ich schon meistens Dad, aber Tony ist irgendwie haften geblieben.“ Ich lächelte. „Ich glaube, er hat aufgehört meine Dads zu zählen, das heißt etwas.“

Sie alle erwiderten mein Lächeln, sogar MJ.

Es war viel ruhiger als in der Mensa, wenn alle durcheinander sprachen und mich mit Fragen löcherten. Es war viel persönlicher, realisierte ich. Oder vielleicht --- wollte ich mich ihnen drei öffnen. Denjenigen, die sich bislang so mustergültig zurückgehalten hatten, dass ich fast daran glaubte, dass sie mich sahen, den Teenager wie sie, der sich unter all dem verbarg.

„Und du darfst in seine Werkstatt?“, erkundigte sich Ned weiter. „Dort, wo er seine Anzüge baut und den ganzen anderen Kram?“

Ich nickte.

„ So cool.“

„Ja“, stimmte ich grinsend zu. „Ziemlich.“

„Ist es wahr, dass sie neue Avengers rekrutieren?“, fragte Peter.

Es klang so unaufdringlich, dass ich keine Sekunde zögerte zu antworten: „Nicht aktiv. Nicht, dass ich wüsste.“ Ich runzelte die Stirn. „Sie haben Wanda, Sam und Rhodey aufgenommen, aber mehr um den Wegfall von Dr. Banner und Clint auszugleichen, denke ich ...“ Und um Wanda vor sich selbst zu schützen. Letzteres sprach ich nicht aus, auch wenn es sowohl Clint als auch Tony mehr oder weniger genauso formuliert hatten. Kurz sann ich weiter und überschlug die vergangenen Monate und alles, was ich darin aufgeschnappt hatte. „Nein, ich glaub nicht …“

Sie haben gerade ganz andere Probleme.

Ich schluckte.

Nun spürbar in Fahrt gebracht, sprang Ned derweil schon wieder einen Gedanken weiter. „Wenn Iron Man und Captain America unterschiedlicher Meinung sind – wer hat dann eigentlich das Sagen?“

Unverhofft überfragt zögerte ich. „ Ugh , ich weiß nicht. Meist diskutieren sie es miteinander aus, bis einer nachgibt, und wenn das nicht klappt, dann klären sie es mit den Anderen.“

Ich sah durchaus, woher Neds Frage rührte, denn ja, Steve und Tony waren häufig gegensätzlicher Meinung und das auch gelegentlich recht unverblümt, doch schon in dem kurzen Jahr, in dem ich sie miteinander erlebt hatte, war mir unweigerlich bewusst geworden, wie real auch ihre Freundschaft war. Tony zog unentwegt in meist theatralischer Art über Steve her, aber er respektierte ihn und er schätzte seine Meinung und sein Urteil wie das kaum eines Anderen. Er vertraute auf Steve so sehr, dass er ihn insgeheim sehr viel mehr als Anführer ihrer heldenhaften Unternehmung sah denn sich selbst.

Und Steve sah so oft bei uns im Tower vorbei, dass man nicht bloß von einem reinen Joberfordernis sprechen konnte. Sie lachten miteinander, wenn er da war. Sie sprachen über Pepper oder über Filme und Musik, die Steve noch nachzuholen hatte. Manchmal holten sie sie nach, ganz umgehend und in meist völlig gegensätzlicher Begeisterung. Oder Steve erschien mit einer neuesten Ausgabe von Cycle World , auf der Suche nach dringendem mechatronischem oder sammlerbegeistertem Rat, ohne jemals wirklich eines der Motorräder zu erwerben, während Tony belustigt durch die illustrierten Seiten blätterte und jede seiner knobelnden, ernsten Erwägungen mit unaufhaltsamer Argumentation belohnte.

Tony hatte Steve zu meinem Geburtstag eingeladen.

Nicht, weil ich ihn darum gebeten hatte, sondern, weil er ihn als Teil meiner Familie sah.

Und er hatte sich ihm ebenfalls anvertraut, was weniger lobenswerte Ereignisse zwischen uns anbelangte. Vermutlich auch da, um seinen moralischen Standpunkt einzuholen, ob dieser ihm nun gefiel oder nicht, und damit seine eigene Entrüstung in ein mich schützendes Verhältnis zu setzen.

Weil er wusste, dass Steve nicht zögerte, ihm vehement zu widersprechen.

Weil er wusste, dass Steve auch ihn vor sich selbst schützte.

„Sie sind ein Team“, sagte ich.

-/_\-

Pflichtschuldig verabschiedete ich mich von den Dreien, als wir wenig später das Hauptgebäude der Midtown High verließen und auf Happys wartenden Wagen zuhielten.

Happy stieg aus, als er mich den Bürgersteig hinab herannahen sah und fasste MJ, Peter und Ned kurz in den Blick, ehe er ihren betont unaufgeregt vorbeischlendernden Gestalten abwesend zunickte und seine Aufmerksamkeit schon auf mich richtete.

„Fleißig gewesen?“

„Jupp.“

„Ich soll dir ausrichten, die Werkstatt ist wieder freigegeben.“ Er gluckste sachte. „Hab gehört, du hast da gestern explosives Billard gespielt …“

Wortlos verdrehte ich bloß die Augen, denn ich wusste, dass die drei noch nicht vollkommen außer Hörweite waren. Kaum, dass ich im Wagen saß, überkam mich schon dasselbe flaue, schambehaftete Gefühl, das mich den ganzen Tag wieder und wieder übermannt hatte.

Tony war mir nicht böse, sagte ich mir, denn es war ein dummer Unfall gewesen und wirklich nicht mehr als das. Ich wiederholte es im Geiste, als änderte es irgendetwas an der Tatsache, dass ich seine tagelange Arbeit boykottiert und sicher aufwendig aufbereitetes, millionen-dollar-teures Material ruiniert hatte. Wenn ich einen seiner Sportwagen während unserer Übungsfahrten in Malibu mitten in eine Karambolage gefahren hätte, wäre der Schaden vermutlich immer noch geringer ausgefallen als hierbei. Aber, nun ja, es war ein Unfall gewesen …

Eine Weile lenkte ich mich auf meinem StarkPhone ab, atmete den unverändert eindringlichen Neuwagengeruch unserer makellosen Ledersitze ein und leitete Daphnes erste Übersicht über Wochenenden und Ferienzeiträumen an FRI weiter, in denen sich laut Daphnes Mum ein Treffen für uns in New York oder Nashua bewerkstelligen ließe. Der früheste Termin lag nach Halloween und damit noch Wochen in der Zukunft.

Ich knetete meinen tauben Finger mit dem Daumen. Erinnerungen an Nachmittage auf ihrer Veranda stiegen in mir auf. Letzte Stunden im Sonnenschein, in denen ich noch einmal kurz zu ihrem Haus herübergetrabt war, um zu quatschen oder Hausaufgaben abzuschreiben, während wir Louis und seine Freunde dabei beaufsichtigt hatten, nicht vom Trampolin zu fallen oder herumstreunenden Waschbären mit brüllenden Actionfiguren nachzujagen.

Ich hob den Blick nicht einmal vom Display, als ich mich jäh mitten auf der Interstate fragen hörte: „Fährst du mich zu Elijah?“

Einen aufmerksamen, wenn auch kurzen Moment stieg Happys Blick in den Rückspiegel zu mir herüber.

„Sicher.“ Er sah zurück auf die Straße, auch wenn er eine auffällige Pause setzte, die mich unweigerlich wissen ließ, dass er irgendetwas witterte – ob nun bezüglich meines untergründigen Fluchttriebs oder Elijah an sich. „Gibst du deinem Dad Bescheid?“

Es klang zu beiläufig und zu unaufgeregt, um nicht ein leiser Wink zu sein.

„Hab es FRI schon gesagt“, log ich schnell, während ich eine kurze Notiz an die KI absetzte und gleichzeitig vorgab, nicht mehr zu tun, als lustlos zu scrollen, weil alles schon die ganze Zeit exakt so geplant gewesen war.

Happy beobachtete mich. Er sagte nichts.

-/_\-

Unter Wasser war die Welt still.

Selbst in New York.

Kaum, dass ich zurück an die Wasseroberfläche durchbrach, kehrte das weiße, schwere Rauschen der Upper East Side zurück. Gelegentliches Hupen, klickende Signale von Ampeln, dumpfe Hörner entfernter Brücken und Fähren, das Schnaufen und Reißen von Umzugskartons aus einem nahen Apartment, hin und wieder das Scheppern von Gittertreppen, das grollende Donnern zugeworfener Containerdeckel und ein behäbiges Grummeln aus der Tiefe der vielzähligen U-Bahn-Tunnel unter uns, die Manhattan nahezu metertief durchhöhlten und die Happy als den natürlichen Ground Zero aller potentieller Seuchen und Superschurken identifiziert hatte, wenn ich seine täglichen, nie ausbleibenden Erinnerungsrufe an dieses mir innigst verbotene Transportmittel auch nur halbwegs richtig einordnete …

Ich hatte eine gute halbe Stunde damit zugebracht, all die feinen Unterschiede aus dem steten, uns umgebenden Rauschen herauszukristallisieren.

Meine Aufmerksamkeit schwelgte noch immer in diesem Spektrum von Geräuschen, vermengt in seinem unverwechselbaren, disharmonischen Großstadtlärm, während ich meine zigste schweigsame Runde durch Elijahs Pool schwamm, mich von dem dagegen so betäubend ruhigen Wasser tragen ließ und den wenigen hellen Laubblättern auf meiner Route auswich, die ein vorheriger kleiner Windstoß in den Pool getragen hatte.

Drei an der Zahl, schwammen sie mit mir ihre kräuselnden, langsamen Routen durchs Wasser, ganz der Strömung überantwortet, die meine Schwimmzüge und mein gelegentliches Abtauchen hinterließen.

Als ich eine weitere unaufgeregte Runde beendet hatte, ließ ich mich einen Augenblick treiben, fasste schlussendlich nach dem Beckenrand und sah zu Elijah herüber.

Noch immer saß er vornübergebeugt auf der nahen Liege, die Beine zu beiden Seiten auf dem Terrassenboden abgestellt und die Augen konzentriert auf das Tablet vor ihm gerichtet, sichtlich entschlossen diese eine Lektion noch zu Ende zu führen. Seine Pupillen wanderten beharrlich über die skizzierten Spielzüge, während er sich hin und wieder nachdenklich die Nase drückte oder die Ohrmuschel rieb. Dass ich innegehalten hatte und ihn beobachtete, schien er nicht zu bemerken.

Es war nur fair.

Ich wusste, dass er auch mich beobachtet hatte, als ich in demselben fliederfarbenen Bikini in den Pool gestiegen war, den ich nach dem Grillabend vor unserem Aufbruch nach Japan in seinem Keller zum Trocknen hinterlassen und damit indirekt bei ihm deponiert hatte.

Er hatte gegrinst, als ich ihn dabei erwischt hatte, ein klein wenig jedenfalls, und ich hatte es erwidert, ebenfalls ein klein wenig, ehe ich demonstrativ abgetaucht war und ihn damit gewohnt still belustigt den Kopf hatte schütteln lassen.

Eine Weile verblieb ich nun am Beckenrand, schwebte im Wasser und ließ meinen Blick durch den hübschen Hinterhof der Magnicontes gleiten, dann griff ich nach meinem StarkPhone, warf einen Blick auf die Uhr und seufzte still.

Happy würde in einer halben Stunde wieder hier sein.

Unbefriedigt zögerte ich, dann entsann ich mich jäh, was Tony erst gestern so amüsiert bemerkt hatte, als wir auf meine jüngste Nachmittagsgestaltung zu sprechen gekommen waren, und ehe ich mich versah, rief ich ihn schon an.

FRIDAY nahm ab.

„Mr. Stark befindet sich gerade in einer Konferenz“, informierte sie mich hilfsbereit. „Soll ich dich trotzdem zu ihm durchstellen oder kann ich ihm etwas ausrichten?“

„ Umm , darf ich vielleicht länger hierbleiben?“ Ich spähte zu Elijah, der angesichts meiner Stimme den Kopf hob. „So bis neun? Fragst du ihn? Danke.“

Die KI bestätigte. Ich legte wieder auf.

Es dauerte nur wenige Augenblicke, da leuchtete das Display meines Smartphones bereits mit einer Textnachricht auf.

Tony hatte mir ein Daumen hoch gesandt.

Für eine Sekunde malte ich es mir aus – er, gelangweilt an irgendeinem langen Sitzungstisch, die Beine überschlagen, die Aufmerksamkeit nur halb aufs Geschehen gerichtet und nicht mehr denn ein paar ungeduldige, saloppe Kommentare auf den Lippen, während er insgeheim darauf wartete, dass das dröge Elend sein Ende nahm, in das ihn höchstwahrscheinlich Pepper verteufelt geschickt hineinmanövriert hatte.

Es ließ mich schmunzeln, aber dann dachte ich wieder an die Tage intensiver, erfüllender Ingenieursarbeit, die ich ihn gestern in seiner ohnehin knapp bemessenen Zeit zurückgeworfen hatte, und mein Grinsen versandete wieder.

Ich ließ den Beckenrand los und schwamm weiter.

Schon kurze Zeit später verließ ich den Pool. Außerhalb des beheizten Wassers war es erstaunlich frisch geworden und meine Haut zog sich in der abgefallenen Abendtemperatur zusammen, als ich mir ein bereitliegendes, eingerolltes Frotteehandtuch auf einer der Liegen schnappte, es um meine Schultern schlang und zu Elijah herübertapste.

Meine nassen Füße hinterließen dunkle Abdrücke auf dem Naturstein. Ein wenig Poolwasser lief noch in kleinen Rinnsalen meine Waden hinab, als ich es mir schnell und geübt von den Schenkeln strich und meine Haare auswrang. Wortlos ließ ich mich vor ihm auf die Liege nieder, seine Knie so nah bei den meinen, dass ich ein Bein aufstellte, anzog und meine Wange dagegen legte, während ich meinen Blick schon auf die vielen kleinen taktischen Pfeile, Kreise und Kreuze sinken ließ, die auf seinem Tablet abgebildet waren und ihn Spielzüge näherbrachten, die ihn eines Tages im besten Fall zu einer beeindruckend frühen Meisterschaft führen würden.

So der Plan.

Sein Trainer glaubte sicher daran. So viel stand für mich fest, seit ich seinen Dad eine ganze halbe Stunde mit ihm über die bereits eintrudelnden ersten College-Angebote und Kontakte fachsimpeln erlebt hatte, während Elijah die Wagyu-Steaks auf dem Grill gewendet und Kenzo und Eve die anderen Gäste mit einer Bosworth High-Anekdote unterhalten hatten, die lange vor meiner Zeit geschehen war. Sie hatte mit illegal entsorgtem Baustellengut zu tun, das Wince in seiner ersten Woche in einer der Schulhecken entdeckt und fälschlicherweise so felsenfest überzeugt für Alien-Munition aus der Schlacht um New York gehalten hatte, dass die DODC angerückt und das ganze Gebiet rund um den Bryant Park unter zeitweilige Quarantäne gestellt hatte.

Als ich Tony das zugehörige Bild gezeigt hatte, hatte er es belustigt und viel zu zufrieden von FRI abspeichern lassen – für den Fall, dass er besagten Verantwortlichen einmal irgendwo hinzuzitieren durfte. Da war mir erst wieder in den Sinn gekommen, dass Tony der DODC in irgendeiner Form vorstand, ja, sie laut Rhodey überhaupt erst aus dem Boden gestampft hatte, und meine Realität hatte einen weiteren hauchdünnen Sprung bekommen, denn all dies schien zu groß, um tatsächlich in meinem Leben stattzufinden.

Ja, manchmal tat es das immer noch.

Elijahs Konzentration blieb in diesem neuesten Spielzug versunken, auch wenn er nicht sehr glücklich mit ihm schien. Vielleicht war er nicht überzeugt von diesem Stil oder vielleicht hatte er für sich bereits entschieden, dass es taktisch günstigere Wege gab, an sein Ziel zu gelangen. Oder vielleicht tat er sich einfach schwer mit diesem zigsten Schema, das er zu durchschauen versuchte.

Die Augen halb geschlossen und zugleich wähnend auf die skizzierten Spielzüge gerichtet, die mir nicht das Geringste sagten, ließ ich mein Handtuch schließlich wieder los, während meine schrumpeligen Hände schleichend ihre gepolsterte Glätte zurückerlangten.

Elijah regte sich nicht. Er schien vollends und unverändert konzentriert.

Trotzdem sank die eigenwillige Stille des Hinterhofs auf uns beide herab.

Mein Knie begann sich in meine aufgelegte Wange zu drücken. „Du hast recht“, sagte ich langsam, „ich baue eine Scheiße nach der anderen.“

Elijah löste die Augen von seinem Tablet.

Schwach zuckte ich die Schulter, schob meine feuchten Haare zurück und setzte mein Bein wieder neben der Liege ab. „Schätze, das habe ich von ihm.“ Ich sah beiseite. „Von Mum habe ich es jedenfalls nicht.“

Ich war unsicher, ob ich wirklich hierüber sprechen wollte oder vielleicht eigentlich doch nicht, aber dann wusste ich auch nicht, wieso ich überhaupt hiervon begonnen hatte, und ich spürte, dass Elijah mir eben diesen Zwiespalt mehr als deutlich ansah, doch anstatt etwas zu sagen, schaltete er bloß das Tablet ab und legte es abwesend neben sich. Ich rutschte instinktiv näher an ihn heran, nah genug, um meine Beine wieder anzuziehen und sie dann auch – nach kurzem Zögern – an die seinen zu lehnen. Doch anstatt ihn vorsichtig zu küssen, wozu diese neue, fast noch ungewohnte und nervös kitzelnde Nähe uns geradezu einzuladen schien, senkte ich schon wieder den Blick, sah auf das verdunkelte Display neben ihm und zerknitterte meine Stirn.

„Geht’s um den Wechsel?“ Er atmete aus. „Weißt du, als ich am Samstag sagte, dass es bloß schwieriger in Queens wird, meinte ich es so, aber das heißt nicht, dass ich es auch will , Sola. Wenn es gut läuft, ist das cool. Aber wenn es mies läuft, egal, verstanden? Mach dir nichts draus, hak es ab und komm zurück. Du musst niemandem etwas beweisen.“

„Es geht nicht um den Wechsel. Ich komm klar an der Midtown.“ Ich zögerte. „Ich meine, es war noch nicht einmal eine Woche; ich weiß nicht, wie es sich entwickeln wird, und noch sind alle sehr …“ Ich haderte mit den Worten.

„Überwältigt.“

Ich atmete aus. „Ja.“

Auch das letzte Tageslicht hatte begonnen, sich zu verflüchtigen, und fiel nun in eine satte, blaue Note am verbauten New Yorker Himmel, als all die kleinen, hübschen Laternen um uns herum ansprangen, die den Poolbereich der Magnicontes schmückten.

Elijah rieb sich das linke Auge. „Du kannst sie nur enttäuschen, Sola, weißt du?“

„Nein, es läuft gut“, beharrte ich. Ich finde Anschluss. Vielleicht sogar Freunde. „Ich hab ein gutes Gefühl, okay? Klar, es gibt diejenigen, die auf den Fame aus sind, die mich den ganzen Tag löchern und eigentlich nichts über mich wissen wollen, aber-“

„Ich hab die Tags gesehen, Sola. Die Posts und Videos. Irgendwann verfliegt der Zauber, erst recht, wenn sie erkennen, dass du nicht dieser Mensch bist – dieses Ideal , das sie von uns allen haben. Dass du wirklich nur wie sie bist, aber trotzdem privilegiert und unerreichbar darin. In dem Moment, in dem sie realisieren, dass sie nichts davon haben oder jemals haben werden, werden sie sich auf das von dir stürzen, das für sie nicht stimmt, nur um sich selbst besser zu fühlen. Irgendwann wirst du für jeden Fehler vor ihnen geradestehen, den irgendjemand Privilegiertes auf der Welt verzapft.“

„Sie sind nicht alle darauf aus, Tony oder die Avengers kennenzulernen.“ Ich stockte, denn obwohl mich seine Worte erneut ärgerten, sah ich die unbeeindruckte Ehrlichkeit in seinem Blick. Ich ahnte, dass er nicht unrecht hatte. Nicht vollends. Diese Gefahr lauerte am Horizont; dass die Stimmung kippte; dass ich niemanden rechtzeitig gut genug kennen lernen würde, um ihn von mir selbst zu überzeugen, ehe ihre Idealvorstellung von mir zusammenbrach; dass ich für immer zwischen zwei Welten wandeln mochte, unfähig irgendeiner von beiden wahrhaft anzugehören, ganz gleich, wie sehr ich mich darum bemühte.

Ich lebe in einer dritten. Ich bin das Kind eines Superhelden.

Und nicht einmal Elijah verstand, was dies bedeutete.

Ehe ich mich versah, erzählte ich ihm schon von dem Unfall in der Werkstatt.

Erst drei Atemzüge später, als es wieder still wurde, kam in mir die kitzelnde Erkenntnis auf, dass ich ihm nicht nur von meiner Unfähigkeit, sondern auch von den Induktionsgranaten erzählt hatte, Tonys neuestem streng vertraulichem Projekt. Ich hatte Nanopartikel nicht wortwörtlich erwähnt, aber ich hatte genug Fakten umschrieben, um eigentlich alles über sein neuestes Forschungsfeld zu verraten ... Eines, von dem nicht einmal Rhodey bislang allzu viel wusste und von dem auch niemand anderes etwas wissen sollte . Und doch – ohne eine winzige Sekunde zu zögern, hatte ich mich gedankenlos verplappert und damit nahezu alles darüber vor Elijah preisgegeben …

Etwas in mir fiel in einen kurzen, tauben Stillstand.

Wenn Elijah es ebenfalls realisierte, schien es ihn allerdings nicht weiter zu interessieren.

„Keine Ahnung, Sola, aber für mich klingt es wie ein Unfall“, erwiderte er bloß.

„Ich sage nicht, dass es keiner war.“

„Was dann?“

Ich entließ die Luft. „Es fühlt sich scheiße an. Ich weiß, wie viel Zeit er hineingesteckt hat und trotzdem tut er so, als sei es kein Problem. Er war sauer, das weiß ich. Wie denn nicht? Aber dann hat er getan, als hätte ich nichts falsch gemacht … Und das stimmt nicht. Ich meine ---“ Ich brach ab, aber nur einen Moment. „Du hast recht, ich kann nicht einmal nichts anstellen, wenn ich es wirklich versuche . Er muss inzwischen denken, dass ich einfach gar nichts raffe.“ Beschämung fraß sich in meine Kehle. „Das ist doch frustrierend? Dass ich --- ständig so dumm bin.“

Elijah grunzte einen Lacher.

„Ich meine, ich will ja nicht, dass er wirklich sauer auf mich ist oder so.“ Ich stockte. Wollte ich es? „Es ist nur einfach …“

Früher wäre er es gewesen.

Jetzt behandelte er mich wie Zucker.

Und eben das war auch der Grund, weshalb ich von nichts wusste, oder nicht? Weder von seiner Uneinigkeit mit Pepper bezüglich seines weiteren Vorgehens, noch von dem drohenden Aus der Avengers oder seiner Karriere als Iron Man, noch von den Dingen, die General Ross ihm derzeit an den Kopf warf und servierte. Tony hielt mich von alldem fern, nein , in bewusster Unkenntnis, weil er überzeugt davon war, dass ich nichts verkraftete. Nicht einmal mehr seine ehrliche, unkomplizierte Frustration.

Und vielleicht hatte er sogar recht.

„Du findest das lustig“, realisierte ich geradezu gekränkt, als Elijah betont keine Miene verzog. „Du findest es lustig, dass ich seine Arbeit ruiniert habe.“

„Nein“, widersprach er ruhig. „Aber es schadet nicht.“

Baff blinzelte ich. „Was?“

Er zuckte die Achseln, ganz unbewegt, dann küsste er mich ruhig und dann, weil ich trotz allem darauf einging, noch einmal länger und wiederholt und fast vergaß ich, was er gesagt hatte, denn seine Lippen waren viel weicher, wärmer und einladender als der ernste, unbewegte Blick, der kurz zuvor in seinen Augen gelegen hatte.

Wir hatten das nie zuvor getan und als wir es nun taten und einen Rhythmus aus kleinen Küssen und Atemzügen zu finden begannen, der mir gefiel, der sogar seine Hände an meine Taille führte, an meine chlorgetränkte, herabgekühlte Haut, behutsam wie an eine Skulptur aus Glas, stockte ich nicht einmal – ich rutschte noch ein Stück näher, bis wir uns tatsächlich berührten, auch unsere Arme und unser Oberkörper, nicht nur unser Atem und der gelegentliche Geschmack unserer Lippen.

„Du magst ihn nicht“, sackte es überrascht aus mir, als wir schließlich wieder innehielten.

Erst wusste ich nichts mit dieser Erkenntnis anzufangen, die da einfach aus meinem Mund purzelte, aber dann entsann ich mich einer unserer ersten Debatten, dereinst in der Bosworth High, über Sokovia und über Ultron, und urplötzlich rutschte etwas in meinem Inneren ab.

„Er hat schon etwas bewegt, Sola“, antwortete Elijah leise. „Er hat beeindruckende Sachen bewerkstelligt; wirklich fortschrittliche Technik entwickelt, klar …“ Er zögerte, als wöge er seine Worte ungewöhnlich sorgfältig ab. „Aber dein Dad ist das, was die meisten Milliardäre sind.“

„Was meinst du?“

„Schwierig eben.“

„Okay, ja …“, stimmte ich schon zu, „er ist manchmal ein wenig drüber-“

Elijah schniefte matt. „Er macht, was er will. Und weil er es cool macht, ist er ein Held.“

Mir klappte der Mund auf.

„Er hat diesen Planeten gerettet“, erwiderte ich überfahren und eine gute Spur ungläubig, kaum dass ich meine Stimme wiederfand. „Er tut es ständig .“

„Mag sein.“ Er wich meinem Blick aus. „Sola, ich muss ihn nicht mögen-“

„Nein“, stimmte ich schnell zu, aber etwas in mir zog sich weiter zusammen. „Nein, klar …“

„Ich sage nicht, dass es nicht stimmt, okay?“

„Hm.“ Ich schluckte.

Der Knoten in meiner Brust entspannte sich wieder etwas.

Still sahen wir uns an.

Elijah hatte sich nie groß an den Fragerunden zu Iron Man beteiligt, erkannte ich nun. Er hatte interessiert zugehört, sicher, aber er hatte – abgesehen vom StarkPhone oder SI – kaum über Tony gesprochen oder war sonderlich scharf darauf gewesen, das Thema auf ihn als Person zu lenken. Elijah hatte mich nie gefragt, ob er zu uns in den Tower kommen konnte oder wann er ihn kennen lernen würde. Wann wir einmal bei mir zusammenkommen würden. All diese Fragen hatten nie unter seinen Fingernägeln gebrannt.

Tony Stark interessierte Elijah nicht, begriff ich – außer, wenn es der Vater war, von dem ich sprach.

Denn alles, wonach er fragte, war nach mir.

Nach dem, was ich dachte.

Was mir widerfuhr.

Aus der regen Beklommenheit erhob sich jäh etwas Neues, etwas Warmes. Doch ehe ich ihm noch signalisieren konnte, dass ich schon ein wenig verstand, nein, mehr als das , trat sein Vater durch die Terrassentür zu uns hinaus.

„Genau aus diesem Grund sind Frauen vor dem Spiel verboten“ ließ er uns gutgelaunt wissen.

Peinlich berührt rückte ich ein Stück von Elijah ab und brachte damit wieder Luft zwischen unsere Beine und Knie. Ich errötete sachte, während Jack Magniconte zu uns herabschlenderte und neben unserer Liege zum Stehen kam.

Elijah fuhr sich übers Gesicht. „Dad …“

Er beachtete ihn nicht. „Wie geht’s, Sola? Wie läuft es an der neuen Schule?“

„Gut.“ Rasch lächelte ich und legte die Hände ineinander, urplötzlich unsicher, was ich sonst mit ihnen anstellen sollte. „Bei Ihnen, Sir?“

„Bestens.“ Locker stemmte er einen Arm in die Seite, dann nahm er Elijahs Tablet auf, schaltete es ein, betrachtete eine Sekunde den darauf abgebildeten taktischen Spielzug, der sich als weniger fesselnd entpuppt hatte denn meine Wenigkeit, und sah entspannt wieder zu mir. „Hat dir Jazz schon Bescheid gegeben? Die Loge ist reserviert. Das bedeutet, ihr seid nächsten Sonntag eingeladen.“ Er zwinkerte. „Wird ein großes Spiel, wir gegen die Patriots. Aber glaub nicht, dass sie eine Chance haben. Wenn es für dein Bostoner Herz zu traurig wird, stehen ein paar Chicken Tacos bereit. Die heilen jeden Schmerz. Werden direkt von Smokie's geliefert. Schon mal bei ihnen gewesen, in Chelsea? Falls nicht, der Geheimtipp. In der Regel eine Offenbarung, nicht wahr, Jazz? Die bekommen dich jedes Mal.“ Ich schmunzelte, während der Star-Footballer grinste und mit dem abgeschalteten Tablet knapp gegen Elijahs Schulter schlug.

„Wenn es das für dich einfacher macht, Sola, sammeln wir dich nächste Woche vor dem Spiel auf“, fuhr Jack schon wieder ernster fort. „Jayda bricht spät auf, sie ist vorher noch bei einer Behandlung, ihr könntet also gemeinsam fahren, dann muss sich deine Seite nicht um den Transport und alles kümmern. Was sagst du?“ Nickend musterte er mich. „Es wird viel los sein im Stadion, aber das kriegen wir hin. Ein Team von Bishop ist mit vor Ort.“

„Ja, ähm …“ Ich blinzelte. „Ich denke, Happy bringt mich dann zum Stadion. Das passt. Danke, Sir.“

Jack Magniconte nickte.

Wortlos erhob ich mich von der Liege, kehrte zum Pool zurück, klaubte mein StarkPhone vom Beckenrand auf und tippte eine kurze Notiz an FRIDAY mit der Bitte, Happy und Tony auf das Spiel aufmerksam zu machen und das Organisatorische abzuklären, während Jack und Elijah in meinem Rücken leise weitersprachen.

Nachdem ich die Magnicontes im Sommer schon einmal zu einem seiner Spiele begleitet hatte, nahm ich nicht an, dass irgendetwas dagegensprach, sie erneut zu begleiten, aber falls Tony in der Tat auf Happys Begleitung oder eine andere Art von Security setzen wollte, riskierte ich besser nicht, die ganze Thematik zu vergessen – insbesondere, nachdem ich dieses Wochenende ohnehin mit Hirnscreenings und fachsimpelnden Ärzten zubringen und dafür Kenzos Party verpassen würde.

Als ich mich ihnen wieder zuwandte, verschwand Jack gerade wieder ins Haus zurück.

Elijah sah zu mir, ein unlesbarer, friedvoller Ausdruck im Gesicht.

Schleichend begriff ich, dass ich immer noch im Bikini vor ihm stand, mitten im Zwielicht des nun blau leuchtenden Pools, dem diffusen Licht all der umliegenden Gebäude und den warmen Laternen direkt über mir im Baum. Ich errötete sacht, aber dann lächelte ich, ganz genauso wie vor ein paar Stunden, ein klein wenig.

Elijah schüttelte den Kopf. Aber er lächelte auch, ebenfalls ein klein wenig.

Und in dieser Sekunde wusste ich, dass das zwischen uns passte. Ich hatte es Mum am Grab bereits gestanden, aber nun war da wieder dieses Gefühl und es schien sicherer denn je.

Elijah musste kein Fan von Iron Man sein, sagte es.

Bloß von mir.

-/_\-

„Wieso sind deine Haare nass?“

Ich sah kaum von meinem StarkPhone auf, als wir die Upper East Side hinter uns ließen und Happy irritiert über die Schulter zu mir zurücksah.

„War draußen im Pool.“

„Bei den Temperaturen?“

„Er ist beheizt.“

Sein Blick sprang skeptisch von dem vor ihm liegenden blinkenden Verkehr zu mir zurück und einmal mehr beschlich mich der Verdacht, dass er irgendwie längst ahnte, was zwischen mir und Elijah vor sich ging. Dann schien ihm schon ein weiterer Gedanke aufzugehen und plötzlich sank seine Stirn in noch tiefer irritierte Falten. „ Was hattest du an?“

Lammfromm zuckte ich die Achseln. „Nichts.“

Bevor er ein vor uns liegendes Bremslicht übersehen mochte, prustete ich schon zufrieden angesichts seines Gesichtsausdrucks und kicherte. „Einen Bikini, Happy, was sonst?“

„Hey, komm mir nicht so …“ Vage erleichtert räusperte er sich. „Du hattest nichts dabei. Die Frage war berechtigt.“

„Keine Sorge, niemand hat versucht, mich zu ertränken.“

„ Das war nicht meine Sorge.“

Zwei Minuten schien er auf eine verräterische Reaktion meinerseits zu lauern, aber da ich wieder auf meinem StarkPhone scrollte und angeregt mit Daphne schrieb, die nach mehr Informationen zu meinen neuen Mitschülern lechzte und die ich gerade vor allem mit meiner fortschreitenden Detektivarbeit rund um Peter Parkers mysteriöses Doppelleben unterhielt, erfüllte sich diese Hoffnung nicht. Die Park Avenue war erstaunlich frei und wir kamen kaum ins Stocken, hatten kurzzeitig sogar eine grüne Welle, trotzdem ließ Happy den Blick schweifen, als befände sich eine ganze Kolonne von Lieferwagen vor uns. „Du warst also im Pool?“, setzte er etwas betonter nach.

„ Jaah .“ Ich verzog das Gesicht. „Werde ich jetzt immer verhört, wenn ich länger als bis sieben aus bin?“

Er grunzte. „Das hier ist kein Verhör …“

„Was dann?“, frotzelte ich. „Ein Interview? Ist das mit Erin abgestimmt?“

„Okay“, begann er. „Weißt du, was mir diese ganzen bissigen Antworten so als Profi sagen? Dass da etwas im Busch ist und ich das Ganze nach oben melden sollte, denn ich glaube, dort herrscht noch absolute Ahnungslosigkeit, was deine … deine Badeaktivitäten angeht.“

Geradezu herausfordernd hob ich meinen still belustigten Blick zurück in den Rückspiegel.

„Ich könnte es, okay?“, beharrte er bemüht würdevoll. „Aber ich werde es nicht tun. Aus gleich drei Gründen: Weil es meine Zuständigkeit verlässt. Weil ich ein weiches Herz habe. Und weil ich diese Poolparty ohnehin im Auge behalten werde, so oder so.“

Zufrieden warf Happy mir einen still gelobenden Blick zu, der mich vermutlich in meinem listig verheimlichenden Wesen tief erschüttern sollte, aber ich gluckste bloß.

„Okay, Bademeister“, antwortete ich nur.

-/_\-

Tony musste ebenfalls gerade erst nach Hause zurückgekehrt sein, denn als ich im Penthouse ankam, lag sein Sakko auf dem Hocker und sein Kopf steckte im Kühlschrank.

Vielleicht hatte ich doch insgeheim irgendwie gehofft, mich heute weitestgehend unsichtbar zu machen, denn obwohl er meine Ankunft zweifellos bemerkt haben musste, erwog ich eine kurze Sekunde trotzdem, mich einfach in seinem Rücken vorbei zu schleichen. Im nächsten Moment ging mir auf, wie absurd all dies war, ja, wie kindisch ich mich eigentlich schon den ganzen Tag aufführte, indem ich ihn mied, bloß weil ich nicht damit klarkam, dass er mir meine Tölpelhaftigkeit nicht weiter nachtrug. Der Drang verflog wieder.

„Hi“, sagte ich, als ich vor der Kücheninsel innehielt.

Tony schloss die Kühlschranktür. Ein seicht ernüchterter Zug spielte um seine Mundwinkel wie auch auf seiner sacht gerunzelten Stirn.

Vielleicht suchte er die letzten zwei köstlichen Paprika-Mozzarellataschen, die ich heute Morgen noch schnell für meine Fahrt nach Queens stibitzt hatte, aber ich beschloss, diese Thematik angesichts der Tatsache, dass er eindeutig ausgehungert aussah und sie auch eindeutig reserviert hatte, besser erst an meinem Sterbebett anzusprechen.

„Hey.“ Erwägend sprang sein Blick über die restliche Küchenzeile, dann griff er sich bloß einen Apfel aus einer nahen Schale und sah zu mir. „Guten Tag gehabt?“

„Ja, war cool …“

Der Apfel in seiner Hand blieb an seinem Ellbogen liegen, als er locker die Arme verschränkte und sich schon vage zufrieden gegen die Theke zurücksinken ließ. „Erste Woche fast um …“ Er nickte mir zu. „Und? Gibt’s schon eine Zwischenbilanz? Wie lautet das große Fazit?“

„Zur Midtown?“

Bestätigend hob Tony beide Brauen und biss in sein Obst.

Sein unaufgeregtes Kauen bewegte mich dazu, meinen Rucksack nun doch abzustellen. „Ich mag sie“, befand ich, als ich ihn auf dem noch freien Hocker ablegte, der nicht von seinem Sakko okkupiert wurde.

„Ja?“

Nachdenklich strich ich mir meine vom Chlorwasser verklebten Haare aus dem Gesicht. Meine Kopfhaut hatte sich beruhigt, registrierte ich. Ich bezweifelte allerdings, dass es lange dabei bleiben würde, wenn ich nicht bald unter die Dusche sprang und der drohenden Kettenreaktion des Chemiecocktails in meinen Haaren zuvorkam …

„Klar, sie ist weiter weg, aber das ist schon okay“, resümierte ich. „Na ja, sie ist insgesamt eben das, was ich wollte.“ Ich senkte die Stimme. „Normale Leute mit normalen Problemen.“

Schweigend kauend schmunzelte Tony.

„Es passt, denke ich.“

Er nickte. „Prima.“

Er nahm mich eine kurze Sekunde länger in Augenschein, dann richtete er sich wieder auf und atmete durch. „ Silver Lake hat heute angerufen“, informierte er mich. „Grandpa Waters geht’s soweit gut. In den vergangenen Wochen gab es keine nennenswerte Verschlechterung. Seine Betreuer sagen, er sei in einer stabilen Phase. Ich habe sie gebeten, uns weiterhin Updates zu liefern, damit wir auf dem Laufenden bleiben.“

Erleichtert nickte ich.

„Wegen des Spiels nächste Woche, das ich FRI eben gemeldet habe …“, begann ich nach einem Moment, in dem er bloß seinen Apfel aß, die Küche durchquerte und beiläufig vergessenes Besteck von einem Schneidebrett aufsammelte. „Denkst du, das klappt? Mr. Magniconte sagte, es sei im Hinblick auf Security alles geregelt. Wir sind wieder in einer VIP-Loge untergebracht. Du müsstest dir keine Gedanken machen, sagte er. Er hat das auf dem Schirm.“

Tony legte das kleine Küchenmesser und den Entkerner neben die Spüle. „Magniconte, hm? Hat es dir angetan, was? Football und der ganze Kram …“

Meine Ohren erwärmten sich, aber ehe ich mich deutlicher verraten konnte, bekam ich meine Miene schon wieder unter Kontrolle. „Hm ja, wir kommen dort alle zusammen“, wich ich aus. „Freunde aus der Bosworth und so. Eigentlich geht es gar nicht so sehr um das Spiel.“

Tony warf die Reste seines Apfels in den Abfallzerkleinerer und wusch sich die Hände.

„Nächsten Sonntag, richtig?“ Er grübelte kurz, dann winkte er ab. „Alles klar, wird geregelt. FRI?“

„Schon dabei, Boss.“

Mein zufriedenes Glühen sprach vermutlich Bände, denn er schniefte belustigt und wies schon wieder auf mich. „Richtig, ich soll dir von Pepper ausrichten, dass du etwas Schlichtes, aber Elegantes für das MIT benötigst.“ In kurzerhand entmystifizierender Geste spreizte er schon die Finger. „Es wird ein Kleid. Sie kümmert sich darum.“

Dass ich die beiden zu dem schon länger anvisierten Finanzierungsevent am MIT in zwei Wochen begleiten würde, kam vor allem daher, dass sie es für eine gute Gelegenheit hielten, mir schon einmal vorab ein Bild von besagter Prestige-Universität zu machen und dortige Entscheidungsträger zugleich mit mir bekannt zu machen. Ich war gerade im zweiten High School-Jahr und angesichts meines mehr als turbulenten ersten Jahres eigentlich auch recht froh, dass diese zukunftsträchtige Entscheidung noch in ausreichend weiter Ferne stand, trotzdem hing da bereits diese vage Idee in der Luft, dass ich eines Tages ebenfalls am MIT studieren mochte, schon seit Tony sie mir vor Monaten eröffnet und damit auch irgendwie meinen Ehrgeiz gepackt hatte.

Denn das war der Stark-Teil in meinem neuen Ich. Was auch immer ich tun wollte, es lag von nun an kaum etwas für mich außer Reichweite. Dafür sorgten sowohl Tonys Name wie auch sein milliardenschweres Vermögen.

Aber wie alles in diesem Universum kam nichts ohne seinen Preis.

„Wieso muss ich ein Abendkleid zu deiner Rede tragen?“, fragte ich. „Ich dachte, das Ganze findet in einem Hörsaal statt?“

„Korrekt“, bestätigte Tony, „nur beim abendlichen Bankett machen sich Jogginghose und Crop-Top nicht mehr ganz so gut; vor allem nicht, wenn man noch keinen nennenswerten Absolventenhut oder Nobelpreis vorzuweisen hat.“

Mein Unmut wuchs. „Es gibt ein Bankett?“

Pepper hatte eine Rede erwähnt, die Präsentation neuer Technologie von SI und die Bekanntgabe weitreichender Finanzierung universitärer Forschungsprojekte. Tony hatte mir derweil einen kleinen, ungezwungen Rundgang vorab auf dem Campus-Gelände in Aussicht gestellt. Ein bisschen Händeschütteln, ein bisschen Posieren, ein bisschen Lächeln … Nichts anderes als bei unserem Messebesuch in Japan.

Von einem offiziellen Bankett war nie die Rede gewesen.

„Ist akademische Sitte“, zuckte Tony die Schultern. „Was hier viel wichtiger ist …“ Er fasste sich an die Brust. „Ich bin Ehrengast. Ergo wird es ein Kleid. So ein schickes, das unsäglich viel kostet und Stark Industries -Erbe in jede vorhandene Kamera schreit. Kein Aufruf zum Modeboykott.“

„Hm, okay“, gab ich mich gespielt ernüchtert geschlagen. „Weil du es bist.“

Kurz spielte er den Verblüfften, dann grinsten wir uns an. Ich begriff, was er gesagt hatte, was er wirklich gesagt hatte, abgesehen von seinem gewohnten Seitenhieb auf meinen unkomplizierten Street-Style, und mein Lächeln setzte sich fest.

Meine Einwilligung zu seinem kleinen Schaulaufen schien tatsächlich das Schlusswort gewesen, denn Tony griff schon abwesend nach seinem StarkPhone. Demnach konnte ich nun guten Gewissens unter die Dusche springen und ---

Ernüchterung durchrollte mich, als ich schlagartig begriff, dass ich noch gar nicht alle Punkte von meiner To-Do-Liste gestrichen hatte.

Oh, richtig …

Missmutig verzog ich das Gesicht.

„Na ja, das mit dem MIT wird wohl nichts, wenn ich jetzt nicht endlich dieses Essay schreibe …“, bemerkte ich. Ich hob meinen Rucksack vom Hocker, als mich schon ein Gedanke streifte und ich vage hoffnungsvoll aufsah. „Denkst du, FRI könnte mal eine Ausnahme machen und …“

„Ich werde jetzt so tun, als hätte ich nichts von alldem vernommen und als wüsste ich nicht, dass es bereits fast zehn ist“, antwortete er, den Blick weiterhin betont auf sein StarkPhone gerichtet. „Und du wirst so tun, als hättest du nie etwas erwähnt und ein Essay zu Papier bringen, das zumindest das Wunder vollbringt, deinen Lehrer nicht schon in der ersten Woche zu demoralisieren, einverstanden?“

„Ähm … klar.“

Jeder Humor wich unvermittelt aus seiner Miene. Tony blinzelte. „Dass du mich gestern zu überfälligen Hausaufgaben und meiner Haltung hierzu konsultiert hast, ist ein dummer Zufall, habe ich recht?“ Sein Blick flog empor, direkt in meine überrumpelte Miene und sofort bereute ich es, das vermaledeite Essay überhaupt erwähnt zu haben. Er musterte mich. „Es ist nicht dazu gedacht gewesen, mich glauben zu lassen, dass du schon gestern Nachmittag wusstest, dass du heute hier stehen wirst, falls ich nicht nachhake? Und erst recht nicht, die Schuldfrage in genau diesem Augenblick mehr in meine Richtung zu verschieben, damit das Ganze hier aufgeht?“

Erwischt schluckte ich, denn ja , ich hatte gestern bereits gewusst, dass das Essay ausstand, und es auch ganz bewusst vor mir hergeschoben, aber ich hatte ganz sicher nicht beabsichtigt, es bis jetzt immer noch nicht geschrieben zu haben, und schon gar nicht, ihn arglistig in die Bredouille zu versetzen, mir nun mit unlauteren Mitteln zu helfen … Ein potentieller Schleichweg über FRIDAY war mir tatsächlich erst gerade in den Sinn gekommen.

Ich zwang mich seinem Blick nicht vollends auszuweichen. „Ich wollte es längst geschrieben haben“, versicherte ich schnell. „Eigentlich schon heute Nachmittag in der Schule … Es sind nur dreihundert Worte.“

„Gut.“

Er sah wieder hinab. Es war alles, was er sagte.

Widerwillig schulterte ich meinen Rucksack.

Aber …

Es war spät, murrte etwas in mir zerknirscht. Wirklich spät. Die Zeit im Pool hatte mich müde gemacht und ich musste morgen schon wieder früh raus, denn die Fahrt nach Queens dauerte, und dieses vermaledeite Essay würde mich nach meiner Dusche sicher noch eine gute Stunde beschäftigen, ehe ich auch nur daran denken konnte, mich aufs Ohr zu hauen.

Tony beobachtete mich aus dem Augenwinkel.

„Und FRI …“, versuchte ich es vorsichtig noch einmal.

Er sah unvermittelt auf. „… gibt mir Bescheid, falls du dringende extrinsische Motivation benötigst.“

Der spürbar dramatische Stimmungswechsel in seiner Miene ließ mich verstummen.

„Heißt“, erklärte Tony nun hörbar freudlos, „ich kann dir das Essay auch fristgerecht über meinem Knie diktieren.“

Binnen Sekundenbruchteilen lief ich hochrot an.

„Nein“, fiepte ich auf der Stelle. „Schon okay-“

„Wow, prima, denn für einen Augenblick dachte ich gerade, das hier wird ein Problem.“

„Nein. Ich schreib es – jetzt sofort.“ Eindringlich beschämte Hitze wanderte weiter meinen Hals herab. „Tut mir leid.“

Ich war mir nicht sicher, ob er es so gemeint hatte, ob er mein lustlos vertrödeltes Essay wirklich für einen solchen Affront gegen seine väterliche Integrität hielt, aber ich legte es definitiv nicht darauf an, es zu ergründen.

Sein Ton verlor sein kurzweilig unmissverständliches Machtwort wieder und kehrte in eine nüchterne Ruhe zurück. „Mach nicht zu lange. Um elf bist du im Bett, okay?“

Ich schluckte.

Tony zögerte, als er meine stille, aber mehr als zweifelnde Miene angesichts dieses vorgesetzten Zeitrahmens bemerkte. „Wenn du dann noch nicht fertig bist, lass es liegen“, murmelte er. „Ich sehe es mir an.“

„Okay, ja“, wisperte ich. „Danke.“

Insgeheim schwor ich mir jedoch, es bloß nicht darauf ankommen zu lassen.

Musik:

American Boy – Estelle

New York City - Lenny Kravitz