Hinterlassenschaften
Hinterlassenschaften
Kapitel 8: Hinterlassenschaften
„Sagte ich ja, halb so wild.“
Zufrieden schaltete Rhodey seine digitale Armbanduhr ab.
Ich hoffte, man sah mir an, was ich von seinem Statement hielt, denn es war heute schon das zweite Mal, dass man mir diese dreiste Lüge als vermeintlich erwiesene Tatsache servierte.
Etwas früher hatte Tony dieselben Worte gewählt, nachdem wir im medizinischen Konferenzraum drei elendige Stunden dem Fachsimpeln meines neuen Ärzteteams gelauscht hatten, das sich nach allen erforderlichen Screenings und Sinnestests nur in einem einzigen Punkt einig gewesen zu sein schien – und zwar dem, dass alle Voraussetzungen für einen erfolgreichen Eingriff erfüllt waren – sich aber anschließend in Bezug auf die Methodik der chirurgischen Verödung und möglichen nicht-invasiven Therapieformen meines beschädigten Hirngewebes derart fachmännisch mitleidlos in die Haare bekommen hatte, dass sich irgendwann alles in mir gegen einen Eingriff gesträubt und ich meine Aufmerksamkeit in stillem Protest gänzlich der vor uns ruhenden Snack- und Gebäckplatte zugewandt hatte, wie auch einer Flasche höchst ungesunder Cherry-Coke.
Tony hatte ihnen gelauscht, aber nicht viel kommentiert. Auch nicht meine munter knuspernde und krümelnde Fressorgie zu seiner Linken.
Er hatte trotzdem untrüglich zufrieden ausgesehen, als er seine FRIDAY-unterstützte Sonnenbrille abgesetzt, das Meeting für beendet erklärt und das Team gebeten hatte, die zwei vielversprechendsten Vorgehensweisen auszuarbeiten und ihm im Detail zukommen zu lassen. Wir beide würden sie uns ansehen und dann noch einmal zusammenkommen, um eine Entscheidung zum weiteren Vorgehen zu treffen. Diese Zusage hatte ihm zwar einen verteufelt missmutigen Blick meinerseits eingebracht, aber ansonsten nicht weiter beeindruckt.
Anschließend hatte er mir für den Rest des Tages den Freifahrtschein erteilt, als sei es nicht Samstagnachmittag und damit ohnehin der Tag gleißender, grenzenloser Selbstbestimmung, an dem ich für gewöhnlich tat und ließ, wonach mir der Sinn stand.
Kurzentschlossen hatte ich Rhodey im großen Aufenthaltsraum ausfindig gemacht, wirklich gewillt unter seiner Aufsicht auf ein paar Boxsäcke oder Kampfattrappen loszugehen, doch dieser hatte mich stattdessen mit einer ausgiebigen, viel zu langen Jogging-Session an der frischen Septemberluft belohnt, die zwischen sengender Hitze in der Sonne und pilzfeuchter Seeluft im Schatten der Bäume derart unberechenbar gewesen war, dass mir schon nach wenigen Laufmetern aus sämtlichen Poren der Schweiß ausgebrochen war.
Jetzt war ich platt, verschwitzt und missvergnügt.
Heilfroh, dass wir auch hinter diese menschenverachtende Angelegenheit einen Haken setzen konnten, ehe ich noch jeden Respekt für ihn verlor, folgte ich Rhodey aus dem letzten Trab in ein entspanntes Schlendertempo des Auslaufens. Ich atmete immer noch etwas angestrengt, als wir die hohen Lagerhallen mit dem verblichenen Schriftzug von Stark Industries passierten, die ein kleines Stück hinter dem Hangar lagen und damit zumindest die Nähe wohlbekannter Zivilisation und Sitzgelegenheiten ankündigten.
Die Blutpflaumen mit ihrem purpurfarbenen Laub wisperten sacht im Wind, als wir auf das in der Nachmittagssonne weiß strahlende Hauptgebäude des Avengers Hauptquartiers zuhielten.
„Aufwärmen gehört dazu“, bemerkte Rhodey lehrmeisterlich zufrieden.
„ Nope “, grunzte ich. „Das machen wir nie wieder.“
Er lachte. „Komm schon. Du hast es gepackt.“ Kameradschaftlich drückte er meine Seite. „Sei ruhig stolz.“
Ich rümpfte die Nase, obwohl er recht hatte, denn auch wenn ich es wahrhaftig nie wieder tun würde, versprochen und besiegelt , war es in der Tat die längste Distanz, die ich bislang in einer Session bewältigt hatte.
„Aber wir müssen noch weiter an deiner Technik feilen …“
„In Bezug auf Krav Maga oder --- was weiß ich, Kamikaze, vielleicht …“ Ich warf ihm einen betont schneidenden Blick zu. „Nicht hierbei.“
Rhodey brach in Lachen aus. „Glaub mir, in Kamikaze kann dir Tony viel mehr beibringen als ich.“
Vage verwirrt runzelte ich die Stirn.
„Kamikaze umschreibt einen selbstmörderischen Einsatz, Sola. Wenn du für eine Sache sehenden Auges in dein Verderben rennst.“ Er zuckte die Achseln. „Oder eben eine Atombombe in ein Wurmloch beförderst mit dir allein als Navigationssystem.“
„Ah.“ Ich sah beiseite. „Klingt immer noch besser als Joggen.“
Pflichtschuldig atmete er aus und ließ seine Schultern kreisen. „Erinnerst du dich, was dein Auftrag in dieser ganzen Sache war? Was wir festgelegt hatten, gleich zu Beginn?“
Ich seufzte und wiederholte ich Singsang der hundertsten Wiederholung: „Mein Ziel ist Flucht, nicht Sieg.“
„Und daran hat sich nichts geändert. Ich bringe dir bei Autonomie und Distanz herzustellen, Kind. Das bedeutet auch Joggen. Kamikaze überlassen wir besser deinem Vorgängermodell.“
Unsere Schritte verlangsamten sich und kamen fast zum Stillstand, als wir jäh das geöffnete Rolltor der zweiten Lagerhalle bemerkten, aus dem ein paar wohlbekannte Stimmen hallten.
„Er sagte Halle F, Abschnitt 6-10“, sagte Steve. „Wir sind hier richtig.“
„Siehst du, was ich sehe?“
Sam klang herzhaft trocken und scheinbar genauso missvergnügt wie ich.
„Er sagte nicht, dass es … aufgeräumt sei.“
Eindeutig von ihrer beider Stimmen angelockt, lenkte Rhodey seine Schritte geradewegs in die Lagerhalle und da er mir nicht bedeutetet zurückzubleiben, folgte ich ihm ganz selbstbewusst auf den Fersen, durchaus neugierig zu erfahren, was den beiden solche Enttäuschung bereitete.
Winzige Staubpartikel schwebten durch das hereinfallende Sonnenlicht. Von innen erinnerte die Lagerhalle vage an einen übergroßen Tresor, denn sie schien fast ausschließlich aus metallisch dunklen Wänden und zentimeterdicken Bodenplatten zu bestehen, mit Ausnahme einer schmalen, hochgelegenen Linie Fensterglas, die vermutlich viel mehr aus Panzer glas bestand und die gerade genug Tageslicht einließ, um Tagbeleuchtung überflüssig zu machen. Außerdem gab es noch eine hoch gelegene Gitterbrücke, nicht viel mehr als anderthalb Meter breit, die von einem Ende der Halle zum anderen führte und die einzig und allein über eine schmale, metallene Wendeltreppe zu erreichen war.
Direkt vor uns erhoben sich meterhohe Regalreihen, vollgestopft mit Kisten und Schachteln, Transportröhren und rohen Konstruktionen. Allerdings waren sie zugestellt, denn anscheinend waren nachträglich noch mehr Kisten ganz unsauber davor abgestellt und eingelagert worden. Reihen über Reihen von fachmännisch verschlossenen Werkstoff- und Tresorkisten direkt neben einfachen grauen, überquellenden Archivkartons, Paletten voller überholtem Waffenzubehör und absonderlicher Gerätschaften, sowie wahllos abgestelltem Gestänge und ausgebauten Getrieben und Motoren versperrten den Weg und die Sicht auf alles, was dahinter lag.
Direkt davor standen Steve und Sam. Beide hielten resigniert die Arme verschränkt.
Es war ein Bild für die Götter.
Zwei Superhelden, besiegt von Gerümpel.
Wie um meine amüsierte Interpretation des Geschehens gleich noch weiter zu untermauern, schüttelte Sam resigniert den Kopf. „Wir brauchen Wanda.“
Steve seufzte. „So schwer kann es nicht sein …“
„Keiner von uns beiden schafft es auch nur in die Nähe von Abschnitt 6-10, weil schon hier vorne Aladdins Wunderhöhle beginnt“, beharrte Sam. „Bevor wir drei Meter weit kommen, bricht dort vorne der Domino Day aus. Und wenn hier wirklich Starks alte Fabrikationen lagern, dann will ich nicht erleben, was so eine gewaltsame Umräumaktion alles aufwirbelt.“
„Was treibt ihr hier?“ Kaum, dass Rhodeys Stimme aus ihrem Rücken erschallte, wandten sie den Kopf in unsere Richtung.
Sam hob eine Braue. „Tonys ausgeklügelten Sinn für Ordnung bewundern.“
„Das Genie beherrscht nun mal das Chaos.“ Er grinste, vielleicht auch bloß, weil Sam ihn vollendet unamüsiert ansah, dann runzelte er die Stirn und ließ seinen Blick schweifen. „Das Zeug wurde noch nicht ausgelagert. Es soll auf ein anderes Gelände gebracht werden. Der Großteil stammt aus den Lagerhallen, die weichen mussten, als Tony vergangenes Jahr das Hauptgebäude aus dem Boden gestampft hat. In Rekordzeit, möchte ich anmerken.“ Seine Stirn glättete sich wieder. „Das hier ist die Howard-Halle. Ausschließlich Hinterlassenschaften von Senior, soweit ich informiert bin. Was sucht ihr hier?“
„Unterlagen.“ Steve spähte wieder über die weiten Regalreihen. „Baupläne. Protokolle. Inventarlisten. Alle verbliebenen Aufzeichnungen zu Rebirth. Wir rollen das Feld noch einmal von vorne auf und stellen sicher, dass uns keine geheimen Labore, Bunker oder potentiellen Mitwisser entgangen sind.“ Steve hielt inne. „Das mit dem Nitramin in Bergen gibt mir immer noch zu denken“, erläuterte er rasch. „Wir müssen einfach herausfinden, was Rumlow und andere über die genauen Prozeduren und Apparturen in Erfahrung bringen konnten …“
„Ja, verstehe.“ Rhodey schien nachzusinnen. „Ich hätte trotzdem angenommen, dass SHIELD hierzu bereits alles vorliegen hatte, immerhin hat Stark Senior den ganzen Verein überhaupt erst mit hochgezogen ...“
Der Blick, den Steve und Sam ihm zeitgleich zuwarfen, sprach Bände.
„Auch wieder wahr“, lenkte Rhodey achselzuckend ein. Als er meiner ahnungslos anfragenden Miene begegnete, schenkte er mir ein freudloses Lächeln. „Wir sprechen von deinem Großvater. Er wird ihnen nicht alles ausgehändigt haben.“
Steve zögerte. Etwas schien ihm auf der Zunge zu liegen, dann schluckte er jedoch nur und nickte lediglich. Sein Blick wanderte in die Ferne.
Ich erinnerte mich recht gut an ihren Einsatz in Bergen vor einigen Monaten, hatte ich dem Team damals doch, wenn auch mehr aus der Not geboren, vom Kontrollraum im Avengers Tower heraus den Zugang zu den erforderlichen Satellitenkarten und Strahlungswerten verschafft. Zwar hatten sie Rumlow nicht ausfindig machen können, aber Rhodey hatte mir im Nachgang verraten, dass sie dennoch einen ganzen Menschenhändlerring zerschlagen hatten, der unter anderem illegale Experimente an entführten Kindern durchgeführt hatte.
Etwas, von dem ich offiziell nichts wusste, weshalb ich mich nun zwang, eine wahrhaft unbescholtene Miene aufzusetzen, obwohl es mich eigentlich mit leiser Begeisterung flutete, noch viel mehr von dem zu erfahren, was Tony ansonsten vor mir verborgen hielt wie Schweizer Schokolade vor einem naiven Hundewelpen. Und dazu gehörten nicht nur etwaige Details über die Geschehnisse auf ihren Missionen oder die andauernden Aufklärungsbemühungen des Teams rund um Rumlow und anderer entflohener Hydra-Agenten, sondern auch – so absurd es mir erschien – jede winzige Erwähnung seines eigenen Vaters, Howard Stark.
Wäre ich seinem legendären Namen nicht ohnehin mein Leben lang in zahlreichen Dokumentationen und Schulbüchern begegnet, wüsste ich bis heute vermutlich nicht einmal, dass es ihn oder meine Großmutter Maria überhaupt gegeben hatte, so selten fanden sie Erwähnung in unserem Alltag.
Von selbst kam Tony nie auf sie zu sprechen. Und aktiv nach ihnen zu fragen, hatte ich mich bislang nicht überwinden können – vor allem, da ich von Pepper und diverser nachgeholter Zeitungsartikel wusste, dass Tony sie beide ebenfalls bei einem fatalen Autounfall verloren hatte, was meinem eigenen Schicksal so beängstigend glich, dass schon der Gedanke allein, darauf zu sprechen zu kommen, in mir ein déjà-vu-artiges Unwohlsein hervorrief. Auch wenn ich inzwischen nicht mehr jede einzelne Nacht um Mum und Jane weinte, bedeutete dies nicht, dass sich nicht alles in mir immer noch krampfhaft zusammenzog und verkümmerte, sobald ich meine Gedanken auf jene verhängnisvolle, gewittrige Nacht zurücklenkte.
Dass ich nun inmitten Howard Starks Hinterlassenschaften stand, erfüllte mich wiederum mit prickelnder Aufregung und Neugier, die zu verbergen mir alle Mühe bereitete.
Aus diesem Grund sammelte ich auch stets jeden Fetzen Information zu Tonys Eltern, den mir irgendjemand geistesabwesend zukommen ließ. Mal war es Rhodey, dann wieder Pepper oder Happy. Ich bohrte nie, denn ich wusste, dass es sie bloß dazu veranlassen würde, Tony auf diese Thematik anzusprechen, aber ich wurde in der Regel so viel aufmerksamer, dass sie von ganz allein hier und da noch einen Satz nachschoben, der alles ein wenig klarer für mich machte.
Dass Steve Rogers und Howard Stark sich während des zweiten Weltkrieges als junge Männer sogar persönlich gekannt und längere Zeit zusammengearbeitet hatten, wollte zum Beispiel nicht wirklich in meinen Verstand. Dank seiner Zeit im Eis schien Steve jünger als Tony, aber dass er eigentlich aus einer völlig anderen Ära stammte, machte mich ganz wirr, wenn ich diesen Gedanken hin und wieder wirklich zu Ende verfolgte und als real zu erfassen versuchte.
Manche Dinge ließen sich viel leichter aussprechen als denken.
Interessiert ließ ich meinen Blick schweifen und von einem auffälligen Objekt zum nächsten springen, ohne meine in alle Muskelfasern ausstrahlende Begeisterung zu offensichtlich zu zeigen.
Hierin steckte Historie, realisierte ich, so viele Sachen, die von dem Mann erzählten, der hinter dem großen Namen und den unzähligen Biografien steckte; dem Mann, der er wirklich gewesen war. Mehr Hinweise, als ich sie je zuvor geliefert bekommen hatte …
Sam musterte mich. Vielleicht machte ich meinen Job nicht so gut, wie ich hoffte.
Langsam trat ich ein paar Schritte vor und schlenderte die Berge aus Kisten, Mobiliar und Paletten ab, während die drei Männer weitersprachen. Das meiste waren große Werkstoff- oder Exportkisten. Manche leidlich verschlossen und vernagelt, andere von hochsichernden digitalen Verschlüssen geschützt. Hier und da spähte ich zwischen die vordersten Stapeltürme, warf einen langen Blick auf einen halb zerlegten Torpedo, der weit vorne stand, dann bemerkte ich einen schmalen Durchgang zwischen zwei Paletten, der vielversprechend genug aussah, und näherte mich diesem.
Sam reagierte. „Hey, Girls Day. Hiergeblieben.“
Überrascht aus dem Gespräch gerissen folgte Steve seinem Blick. „Sola …“
Es brauchte nicht mehr. Allein, wie er meinen Namen aussprach, ganz unaufgeregt und doch aufmerksam genug, ließ mich brav innehalten wie ein Kleinkind am verbotenen Rande des Spielplatzes.
„Ich kann den Anzug holen und einen Weg freiräumen“, schlug Rhodey vor.
„Wanda regelt das schneller“, entgegnete Sam. „Vision ist beschäftigt, aber für sie wird das hier nach den vergangenen Trainings ein Klacks. Glaubt mir, das alles freizuräumen dauert sonst Stunden.“
Obwohl er nicht widersprach, furchte Steve sacht besorgt die Stirn. „Das wird Tony nicht gefallen. Überhaupt nicht.“
„Tja, dann hätte er hier aufräumen sollen.“ Anders als Steve gab sich Sam keinerlei Mühe, seine Stimme vor mir zu senken. Er atmete aus. „Hört zu, ich bin es leid. Entweder sie gehört dazu oder sie tut es nicht-“
„Ja, ich weiß.“ Steves Blick sprang kurz zu mir herüber, wie um ein still versicherndes Schlusswort an sie beide zu setzen. Er schien unglücklich. „Ich regele das.“
Da ich immer noch vor dem vielversprechenden Durchgang ausharrte und sehr genau wusste, dass sie über Tonys unverändertem Groll und Misstrauen gegenüber Wanda diskutierten, die er ganz sicher nicht ohne eine ordentliche, ja, vielleicht gar böse Auseinandersetzung durch diese Lagerhalle voller militärwissenschaftlicher und familienhistorischer Dokumente der höchsten Geheimhaltungsklasse streifen lassen würde, beugte ich mich wieder ein wenig vor, um die vor mir liegenden Gegebenheiten weiter zu sondieren. „Ich passe hier durch“, informierte ich sie.
Die drei Männer merkten auf.
„Wenn da drin etwas zusammenbricht, bekommen wir dich nicht schnell genug raus“, widersprach Rhodey zögernd. „Es wurde alles gesichert, nehme ich an, aber wir müssen das Schicksal nicht herausfordern. Davon abgesehen-“
„Das geht. Wirklich. Für euch ist zu wenig Platz, aber ich komme durch.“ Ich nickte bereits. „Ich passe auf.“
Ehe noch jemand wiederholt Einspruch erheben konnte, schlängelte ich mich schon an der ersten Wand aus Kisten vorbei, stieg über eine kleine Hürde aus Titangestänge, beugte mich unter einem weiteren Gestell hindurch, zwängte mich zwischen zwei Wällen aus gewaltigen Exportkisten durch und war außer Sicht.
Direkt vor mir erhob sich eine zweite Wand aus eingelagertem Wirrwarr, doch es gab auch einen provisorisch schmalen Gang, der zu einer Seite der unzähligen Regalreihen führte, die scheinbar den eigentlichen geordneten Lagerraum darstellten.
Ein wenig verloren zwischen den meterhohen, eng beieinanderstehenden Wällen und Pyramiden anderweitigen Gerümpels und all der zerlegten Maschinen sah ich weiter um mich.
„Was braucht ihr?“, rief ich.
Obwohl ich so viel Luft holte, dass es eigentlich durch die mehrere Yards lange Halle hätte schallen müssen, verlor sich mein Ruf trotzdem beinahe in dem schalldämmenden Überfluss an mich umgebenden Lagerbestand.
„Sola, wir regeln das …“, vernahm ich Steve irgendwo aus meinem Rücken. Er musste sich den Kisten genähert haben, um mich besser zu verstehen. „Das ist schon in Ordnung. Komm wieder raus.“
„Aber ich bin gleich hier“, beharrte ich. „Direkt vor Abschnitt 1.“ Ich blinzelte, sah um mich, auf der Suche nach weiteren Hinweisschildern, Anzeigetafeln oder Beschriftungen, dann umrundete ich schlendernd ein paar Stahlkörbe voller silberner Plakat- und Transportröhren, wich weiterem Gestänge aus und näherte mich schon der ersten hohen Regalreihe.
Stark Expo 1943 , las ich in verblichenen Lettern auf gleich mehreren großen Holzkisten. Auf manchen waren zusätzliche Warnhinweise gesprüht. Vorsicht zerbrechlich! oder Vorsicht entflammbar! , darüber das alte Stark Industries Logo in den auffällig durchbrochenen Lettern damaliger Zeiten, die an Wanted -Plakate aus dem Wilden Westen erinnerten, aber keinerlei abschreckende Totenköpfe oder Strahlungssymbole, soweit ich sehen konnte, was mich in meinem Bestreben nur weiter bekräftigte.
Ich wandte mich wieder den vielen verschiedenen Körben mit Transportröhren zu. Auf manchen fehlte der Deckel. In ihrem Inneren ruhten eingerollte Blaupausen. Willkürlich zog ich hier und da ein Exemplar heraus.
Es schienen technische Zeichnungen von Getrieben, Maschinengelenken, Motoren, Zündvorrichtungen von Raketen … Bauteile einzelner Kampf- und Transportflugzeuge grauer Vorzeit.
Dass Steve bislang keinen zweiten Versuch unternommen hatte, mich wieder zurückzurufen, ermutigte mich. „Ihr sagtet Abschnitt 6-10, richtig?“, rief ich ins Leere und sah wieder auf, weiter den schatten- und lichtdurchzogenen, staubigen Schleichpfad hinab. „Dafür muss ich noch ein wenig weiter.“
„Tony bringt uns um, das ist euch klar, ja?“, drang Rhodeys ernüchterte Stimme aus der Ferne an mein Ohr, während gleichzeitig schwere Schritte auf metallischen Stufen erklangen.
Jemand stieg die Wendeltreppe zur Gitterbrücke hinauf. Ich hob den Blick zu dem kleinen, mir gerade noch sichtbaren Abschnitt der Brücke, die die Halle an der mir gegenüberliegenden Wand auf weiter Höhe durchzog.
Es war Sam. „Wo steckst du?“
Ich hob den Arm und ruderte damit durch die Luft. Kaum, dass er mich entdeckte, wies ich schon weiter den Lagerraum hinab. „Hier ist es nicht so vollgestellt wie vorne. Ich komme bis nach hinten durch.“
„In Ordnung“, rief er zurück. „Fass nichts an, was irgendwelche Warnhinweise trägt oder beschädigt aussieht, verstanden?“
„Klar ...“ Zufrieden schlängelte ich mich schon weiter.
„Sei vorsichtig, Sola“, hallte es von Steve. Dem Klang seiner Stimme nach zu urteilen, hatte er inzwischen ebenfalls die Wendeltreppe erklommen, um einen besseren Blick auf mich zu bekommen, auch wenn diese Mühe sich beinahe umgehend als überflüssig erwies, da ich keinen von beiden mehr sah, kaum dass ich hinter dem nächsten Wall aus schwarzen Truhen mit blinkenden elektronischen Schlössern verschwand.
Eine winzige Displayanzeige auf jeder einzelnen Truhe verwies darauf, dass alle Behältnisse eine Innentemperatur von -27 °C besaßen, und der Gedanke, dass sich darin Granaten oder anderes reaktionsfreudiges Material verbergen mochten, ließ mich meine Schritte sofort ein wenig beschleunigen.
Nach ein paar kleineren Hürden (Kartons, die ich beiseite hieven oder akrobatisch übersteigen musste, und einige feine Reste von Spinnenweben, die ich mir angewidert aus dem Gesicht wischte), erreichte ich den anvisierten Bereich der Halle.
„Ich bin da“, rief ich. „Hier beginnt Abschnitt 6.“
„Also gut …“ Sam schien die Brücke weitestgehend blind mit abgelaufen zu sein, denn er klang immer noch genauso weit entfernt wie zuvor, aber eindeutig positiv überrascht, mich nun tatsächlich aus der prognostizierten Position zu vernehmen. „Am besten schaust du nach-“
Steve fiel ihm leise, aber hörbar ins Wort.
Sam brach ab.
„Wonach?“, rief ich. „Was soll ich suchen?“
„Noch nichts. Fass nichts an, Sola. Warte kurz.“
Sie sprachen, ohne dass ich irgendetwas aus ihrem schnellen, gesenkten Austausch vernehmen konnte, der eindeutig nicht für meine Ohren bestimmt war. Widerwillig harrte ich aus, ließ meine Finger gegen ein verstaubtes Wellblech in meinem Rücken trippeln und meinen Blick schweifen; durchaus versucht, entgegen ihrer Worte in eine der umliegenden Kisten zu spinksen und meine prasselnde Neugier zu befriedigen, dann schien sich jedoch schon irgendeine Art Einigung vollzogen zu haben und Sam hob wieder die Stimme. „Okay, Sola. Sag uns einfach, was du siehst.“
Im Ernst?
„ Hm , alles klar. Haltet euch fest …“ Ich setzte eine trockene Pause. „Hier sind Kisten. Unfassbar viele Kisten .“
Von irgendwo schallte das sacht verdorbene Lachen von Rhodey.
Steve seufzte. „Sola.“
Es klang enttäuscht, aber diesmal ließ sich das Kind in mir nicht länger von dem naturgegebenen Instinkt leiten, Captain Americas Liste der Unartigen zu entgehen, denn irgendwie begann mir diese ganze Situation ihrer drei völlig gebundener Hände angesichts meiner eigenmächtigen Expedition ins Land der Ahnen reichlich zu gefallen.
„ Joa “, verkündete ich kurzerhand und schob einen weiteren schweren Karton unter sachtem Schnaufen und Ratschen beiseite. „Hier kommt jetzt mein Vorschlag.“ Ich atmete durch. „Ich sehe mir das hier genauer an und rufe euch zu, was drinnen zu sehen ist.“
„Nein. Das ist genug.“ Plötzlich schien Steves Ton, obwohl unverändert sachlich, geladen vor anordnender Resonanz. „Du kommst da jetzt raus und wir holen Wanda.“
Ich erstarrte.
Überrumpelt von seiner jäh so klaren Kehrtwende fuhr mein Blick die Wand aus Kisten empor, die mich vor seinem Blick verbarg.
„Was ist da hinten bei euch los?“, schallte es von Rhodey aus der Ferne. „Ich schwöre euch, wenn Tony hiervon erfährt …“
„Sola?“ Steve schien entschieden. „Hast du mich gehört?“
Ich stockte. „Ja.“
„Jetzt, verstanden?“
Verwirrt krauste ich die Stirn.
War er sauer ? Etwa wegen meines Sarkasmus bezüglich der Kisten?
Ich zögerte.
Was war gerade geschehen?
Sam griff ein, ehe jemand noch realisieren konnte, dass ich mich nicht regte. „Okay, warte mal, Steve, sie ist schon dort unten … Sie könnte zumindest vorsondieren und uns einen Überblick verschaffen. Herausfinden, ob es sich überhaupt lohnt, hier weiter umzuräumen und einen Weg freizuschlagen.“ Er hob die Stimme zurück in meine Richtung: „Sola, es reicht erstmal, wenn du uns vorliest, was an den Regalreihen oder Kisten angebracht steht, okay?“
Den Rückzugsbefehl noch klar im Ohr scharrte ich nun völlig hin- und hergerissen mit den Füßen. „Steve?“
„Mir gefällt das nicht“, hörte ich ihn sagen, aber es schien ganz und gar an Sam gewandt, denn es klang zu gefasst, zu abgeklärt . „Sie sollte nicht dort unten sein.“
„Ich bin vorsichtig“, rief ich schnell, wie um ihn von meiner absoluten Gewissenhaftigkeit zu überzeugen, die ich anscheinend in den vergangenen Minuten brachial eingebüßt hatte. „Wirklich.“ Ich schluckte. „Versprochen, Steve.“
Kurze, unentschlossene Stille kehrte ein. „Also gut.“ Er atmete aus. „Aber du öffnest nichts ohne unsere ausdrückliche Erlaubnis. Und wenn einer von uns beiden Halt ruft, Sola-“
„-hör ich sofort auf“, versicherte ich beherzt.
„In Ordnung.“
Umgehend wandte ich mich der ersten Regalreihe zu und erstarrte beinahe sofort, denn mit der dort ausgewiesenen Beschriftung konnte selbst ich etwas anfangen, auch wenn Geschichte nicht unbedingt meine größte Stärke war, wie meine bisherige Schullaufbahn bewies. Das hier wusste ich jedenfalls einzuordnen.
„Manhattan Projekt“, las ich laut vor. „Los Alamos.“
Der Ort, an dem die Atombombe erschaffen wurde.
Und es war nicht nur ein Regal, nicht einmal nur eine Reihe. Jede einzelne Kiste des gesamten sechsten Abschnitts schien dieselbe Klassifizierung zu tragen. Manche Archivkartons oder versiegelten Kisten trugen zusätzlich noch detailliertere Bezeichnungen; auf gleich mehreren fand ich einen Hinweis auf einen Teilchenbeschleuniger, dessen numerische Zuordnung sich zu verändern begann; andere waren nur mit Datum und Ort versehen, obskur in ihrem tatsächlichen Inhalt. Wieder andere trugen eindeutige Codewort-Bezeichnungen. Titel etwaiger Unterprojekte.
Steve und Sam beauftragten mich den Beginn des nächsten Abschnitts zu suchen. Ihre Stimmlage verriet dabei ab einem gewissen Punkt ein so deutliches Unbehagen, dass ich umgehend tat wie geheißen; wohlwissend, dass ich wirklich keinen genaueren Blick in diese Unterlagen werfen sollte, wenn es sie derart in Stress versetzte, mich hierin auch nur umherwandeln zu wissen.
Ich bog um die Ecke, in die nächste lange Zeile haushoher Regale, vergilbter Dokumentenkartons, weichen Sonnenlichts und trüber Schatten.
Das Manhattan Projekt brach ab. Eine lange Reihe Patronenkisten verschiedenster Kaliber trat an seine Stelle. Modellbezeichnungen von Automatikwaffen, die mir allesamt nicht das Geringste sagten. Erneut Kisten, bis zum Rand gefüllt mit Transportröhren und losen technischen Zeichnungen, teils mit verschiedenen numerischen Klassifikationen versehen.
Dann erreichte ich einen neuen Bereich.
„S.S.R.”, rief ich.
„Gut“, schallte es auf der Stelle von Steve zurück. „ Strategic Scientific Reserve . Das ist die Ecke, die wir suchen, Sola.”
Vorsichtig stieg ich über eine flache, breite Palette voll weiterer, industriell verpackter Kisten mit Munition, Schienen und Zielfernrohren, um weiter voranzukommen.
„Okay.“ Ich atmete aus, ließ kurz meinen Blick schweifen, um meinen ersten Eindruck noch einmal zu zementieren, und holte Luft: „Das hier ist anscheinend alles USAAF zugeordnet.“
„Air Force“, antwortete Sam. „Die kannst du auslassen.“
„Sicher?“, gab ich zweifelnd zurück. „Es ist richtig viel. Bestimmt hunderte Kisten.“
Er schmunzelte. „Ja, dein Großvater hat auch richtig viel für die Air Force getan, weißt du?“
Vorsichtig spähte ich so lautlos wie nur irgend möglich in ein paar Archivkartons mit eher losem Deckel und entdeckte in der Tat eine unsägliche Reihe Auftragsbeschreibungen, handgefertigter technischer Zeichnungen und Notizen zu verschiedensten Flugzeugmodellen, viele davon kampfeinsatzfähig, andere groß und klobig und unmissverständlich für den Großtransport bestimmt.
Ernüchtert biss ich mir auf die Unterlippe.
Ich zog weiter.
„Projekt P.E.G.A.S.U.S.?“, rief ich hoffnungsvoll. „ Tesserakt ?“
Für einen Moment schlug mir aufmerkende Stille entgegen.
„Habt ihr verstanden? Sagt euch das was?“
„Ja.“ Steve zögerte. „Das klingt gut. Such weiter.“
„ Obelisk “, warf ich ihnen zu.
Sie verneinten.
„ Midnight Oil .“
Wieder verneinten sie, diesmal vehement genug, um mir deutlich zu machen, dass sich das Unbehagen auf ihrer Seite schon wieder dramatisch mehrte und ich mich anscheinend erneut in eher unerfreulichen Gefilden der Stark-Geschichte zu bewegen begann, von denen nicht nur Tony mich fernzuhalten gedachte.
Ein flaues Gefühl begann sich in mir zu bilden.
Ein Teil von mir wollte wissen, was sich hinter all diesen Dingen verbarg, und suchte Gewissheit, aber ein anderer schreckte gerade genug zurück, um das rebellische Jucken in meinen Fingern im Zaum zu halten.
Irgendwann begannen sie wieder miteinander zu sprechen, während ich weiterhin Begriff nach Begriff in den Raum warf, ohne jemals auf Gold zu treffen. „War Rebirth nicht dabei?“, rief Sam, als wir beinahe das komplette Alphabet einmal rückwärts abgegangen waren und ich die vorletzte Regalreihe des Abschnitt 8 erreichte.
„Nein.“ Ich stierte zum Namensfeld der nächsten Reihe Archivkartons. „ Brooklyn ?“ Dann bemerkte ich schon die fast vollkommen ausgeblichene Zeile darüber und korrigierte mich: „Nein, Brooklyn Projekt .“
Die Männer diskutierten. Inzwischen befand sich auch Rhodey bei ihnen.
Trotz des klaren Verbots von Steves Seite hob ich den dunklen Kartondeckel etwas an, zückte mein StarkPhone und leuchtete ins Innere. „Hier steht noch etwas. Irgendetwas über ein Serum.“ Ich fischte nach der obersten der darin abliegenden Akten und ließ sie ziellos durch meine Finger blättern. „Hier ist auch ein Name. Erstine , glaube ich. Nein, wartet … Erskine .“
Einhellige Bestätigung brandete auf.
„Das muss es sein“, rief Sam. „Stark hat es umbenannt. Wie viel ist es, Sola?“
Ich schielte weiter, entdeckte einen zweiten Karton mit gleicher Beschriftung und dann noch eine kleine Schachtel dahinter. Sie sah nicht aus wie die restlichen grauen Archivkartons, die mich umgaben, sondern viel mehr wie versehentlich abgestellt und vergessen.
Ich zog sie vor, zögerte kurz und öffnete sie verstohlen.
Ein altes gerahmtes Bild in Schwarzweiß blickte mir entgegen. In der äußersten linken Ecke war das Glas ein wenig vergilbt und gesprungen. Abgebildet war eine Gruppe von Menschen, von denen ich gleich zwei sofort erkannte. Einer von ihnen war eindeutig der junge Howard Stark, dunkelhaarig und Tony in Haltung und Ausstrahlung so ähnlich, dass ich sogar einen Teil meiner eigenen Züge unweigerlich in ihm wieder entdeckte. Neben ihm stand eine Frau, tatsächlich die einzige weibliche Person auf der Fotografie. Mit wallend zurückgestecktem Haar und versiertem, selbstbewusstem Blick lächelte sie überzeugt in die Kamera. Und direkt daneben --- Steve.
Kaum einen Tag jünger denn heute.
Fasziniert stierte ich auf die Fotografie herab, bis das sacht schwankende Licht meines StarkPhones etwas anderes innerhalb der Schachtel dramatisch auffunkeln und glitzern ließ.
Es war ein Armband, rundum besetzt von anscheinend hochkarätigen, strahlenden Diamanten.
Verblüfft blinzelte ich auf das mehrgliedrige Schmuckstück herab, das auf einem Stück schwarzem Samtstoff ruhte, doch kaum, dass ich den Bilderrahmen wieder ablegen wollte, streiften meine Fingerspitzen an seiner Rückseite Papier und umgehend eroberte er meine Aufmerksamkeit zurück.
Ich wendete den Rahmen. Ein kleines, gestärktes Notizblatt hatte sich darin verfangen. Gerissen an einem Ende hing es mit seiner knittrigen Ecke in der Rahmenschiene fest.
Beiläufig zog ich es ab und entfaltete es mit einer Hand. Es schien aus einem Notizblock gerissen worden zu sein, denn das Logo des Carlton Hotel, Washington D.C., estd. 1988 war prunkvoll am unteren Rand verewigt.
Ansonsten stand nicht sonderlich viel darauf notiert, lediglich:
Vibranium Hyperakkumulator
Metallion?
Keinen blassen Schimmer, was dies bedeuten mochte, löste der Anblick dieser einfachen, kurzen, aus dem Leben gerissenen Notiz trotz allem etwas tief in meinem flimmernden Inneren aus, denn, ja --- das hier hatte ganz sicher mein Großvater zu Papier gebracht, irgendwo zwischen Tür und Angel vielleicht, oder nachdem ihn ein jäher Geistesblitz aus dem Schlaf gerissen hatte, ganz wie Tony so oft ...
„Hey, Nashua, gib ein Lebenszeichen von dir!“, schallte es jäh von oben. „Alles klar da hinten?“
Ich zuckte. „Jupp!“, rief ich zurück. Hastig sah ich um mich, entsann mich meines eigentlichen Auftrags und überflog schnell auch die restlichen Regalreihen. „Es sind nur zwei Kartons.“
„Okay.“ Die Männer schienen sich längst abgestimmt zu haben, denn Sam sprach schon weiter: „Hör zu, ich schicke dir jetzt gleich Redwing runter. Er wird sie aus der Halle transportieren, du musst sie dafür aber aus dem Regal holen. Schaffst du das?“
Prüfend zog ich an dem vorderen Exemplar der beiden. Der Karton war dicht bepackt, gehoben bekam ich ihn nicht lange, aber er befand sich im Regal genau auf Hüfthöhe. Wenn ich ihn weit genug herauszerrte, konnte ich ihn problemlos weiter hinab hieven.
„Ja, sollte gehen“, bestätigte ich zuversichtlich.
Die Drohne konnte nicht lange auf sich warten lassen, denn soweit ich wusste, steuerte Sam sie über ein eigenes Tech-Armband, darum machte ich mich auch schon ans Werk.
Ich hatte den ersten der beiden Kartons fast komplett herausgehoben, da registrierte ich am Rande meines neuerdings eingeschränkten peripheren Sichtfeldes eine eigentümliche Bewegung und ehe ich meine Instinkte noch ganz unter Kontrolle bekam, schrie ich schon auf und ließ ihn los. Mit schwerfälligem Rumms fiel er zu Boden.
„ Sola !“ Sam und Rhodey riefen durcheinander. „Was ist geschehen? Bist du okay ?“
Noch ehe ich meine Gedanken ausreichend sortiert bekam, rappelte und donnerte irgendetwas auf. Dann schlugen zwei weitere Kartons einige Meter entfernt zu Boden, Gestänge klirrte und ehe ich mich ganz versah, ehe ich noch ganz begriff , woher all diese Geräusche zeugten und wie ich sie ausgelöst haben mochte; völlig gefroren in der Schockstarre, anscheinend schon wieder eine verheerende Kettenreaktion in Gang gesetzt zu haben, erschien Steve vor mir, sein dunkles Hemd verstaubt und sein Blick alarmiert, und schier alles beruhigte sich wieder.
Gleißende Erleichterung sackte auf beider unserer Gesichter, als er mich unversehrt dastehend vorfand und ich begriff, dass Steve selbst der Urheber des Tumults gewesen schien, denn offensichtlich war er geradewegs von der Galerie auf das nächste Edelstahlregal herabgesprungen und von dort weiter die verbliebenen Regalgerüste quer zu mir herüber parkour-gehechtet, als sei so ein abwegiger Stunt nicht reinster, dümmster Selbstmord.
Wie ein echter Superheld eben.
„Alles in Ordnung?“, fragte er.
Ich nickte und wurde rosa.
„Was war los?“ Fahndend sah er über den von mir fallen gelassenen Karton. Sein Blick zog weiter, streifte den Bilderrahmen, den ich abgelegt hatte, stockte einen Moment und suchte. „Wieso hast du geschrien?“
Befangen hob ich die Schultern, wies ziellos vor mich und nuschelte: „Ähm --- da war eine … Spinne … direkt auf dem Karton … neben meiner Hand.“
Steve sah mich an. Eine Sekunde schien er völlig ratlos angesichts meines Geständnisses und meine Beschämung wandelte sich umgehend in stummen, funkelnden Vorwurf.
„Ziemlich eklig“, rechtfertigte ich. „Fett und --- haarig --- und schwarz.“
Er verkniff sich ein Lächeln, sah wieder auf den Karton herab und ging in die Knie. „Und wo ist sie jetzt?“, fragte er, während er entspannt zu mir heraufspähte. „Denn auf dem Karton ist sie nicht mehr.“
-/_\-
Erst, als Steve sich zweimal hoch und heilig davon überzeugt hatte, dass das monströse Vieh weder in meinen Haaren hockte, noch es sich irgendwo auf meinem Rücken heimisch gemacht hatte, gestattete ich ihm, seine Aufmerksamkeit Sams Drohne zuzuwenden, die uns zwischenzeitlich leise surrend erreicht hatte.
Ihm konnte nicht entgangen sein, dass ich entgegen seiner Anweisung in die umliegenden Kartons gespinkst hatte, aber er kommentierte es nicht, während ich dastand und Redwing dabei beobachtete, wie sie winzige Titanseile ausrollte und den ersten Karton schon nach wenigen Augenblicken der Befestigung in die Luft hob und Richtung Rolltor abtransportierte.
Dass Steve nun bei mir war, hatte den klaren Vorteil, dass ich mich nicht mehr selbst damit abplacken musste, die schweren Archivkisten für Redwing in Position zu bringen. Der Nachteil blieb, dass er mich jetzt im Auge hatte und sich damit auch sämtliche neugierigen Schlendereien erledigt hatten.
Da er mir nach wie vor nicht auf meinem engen Schleichweg zurück zu den Toren zu folgen vermochte, ohne dabei aufgrund seiner Größe und Statur den einen oder anderen Radau zu veranstalten, versprach Rhodey ihn in seinem Anzug vom nächstmöglichen Regal aufzusammeln. Und obwohl ich nur allzu gerne Zeuge des Ganzen geworden wäre – Captain America, der sich von War Machine durch die staubigen Lüfte tragen ließ – schickte mich Steve bereits wieder von dannen. Sicherlich auch, weil ich längst grinste wie ein Kleinkind vorm Weihnachtsbaum, kaum dass ihre kurze Absprache endete.
„Nimm genau denselben Weg zurück, wie du hergekommen bist“, bat Steve mich ernst, als er mich aus dem hindernisreichen Gang führte, einen schnellen Blick den Pfad hinabwarf, den ich mich schon zuvor durchgemogelt hatte und ihn anscheinend für nun ausreichend erprobt, wenn auch nicht außerordentlich zufriedenstellend befand.
„Ja, ja …“, drängelte ich und rieb mir schon wieder den prickelnden Hals. „Siehst du bitte nochmal nach? Ich glaub, da war gerade etwas an meinem Ohr.“ Er strich meinen wandernden Zopf beiseite, während ich mich beunruhigt verrenkte. „Ist da was? Es kribbelt.“
„Da ist nichts, Sola.“
„ Jaah , das sagst du jetzt einfach und gleich bin ich ganz allein und sie springt mir ins Gesicht- … Sie war riesengroß , Steve. Bitte , schau nochmal ---“
„Ich schaue. Da ist gar nichts, Sola. Nur deine Haare.“ Wie zum Beweis schüttelte er die Rückseite meines Sweatshirts einmal aus und strich darüber. „Siehst du? Nichts.“
„Ich kann nicht hinter meine Schulter sehen, nicht auf dieser Seite-“
„Ich weiß. Das meinte ich nicht.“ Steve blieb die Geduld in Person. „Da ist nichts. Keine Sorge, Sola. Sie ist längst weg.“
„Denkst du, sie war giftig?“ Ich erschauerte. „Eine schwarze Witwe, vielleicht?“
„Nein …“
„Aber woher willst du das wissen?“
„Du sagtest, sie war riesig und haarig, Sola.“
„Ich bin mir doch nicht sicher “, protestierte ich auf der Stelle, als läge dies für jedermann ersichtlich auf der Hand. „Außerdem könnte sie trotzdem giftig sein??“
Er sah mich an. „Wir sind in New York.“
Unzufrieden entschied ich, ihm da mal zu vertrauen.
„Keine unnötigen Umwege“, erinnerte Steve mich nochmals, als ich mich schließlich seufzend in Bewegung setzte.
Da war sie: Eine vage ernüchterte Note in seinem Ton, die verriet, dass er wusste, dass ich mich trotz aller gelobenden Worte nicht vollends an den Plan gehalten und doch ein wenig herumgeschnuppert hatte.
Sollte er Tony später sein Leid klagen, würde dieser ihn darüber informieren, dass dies zur Sola-Waters-Experience dazugehörte, und es zum Beweis mit einer wortreichen Statistik garnieren, die ganz genau auswies, wie selten solche gelobenden Worte meinerseits dem Realitätscheck bislang standgehalten hatten. Denn ja, meine Statistik sah übel aus und die letzten drei Parademonate hatten den Karren noch nicht so weit aus dem Dreck gezogen, dass ich einen solchen Vorwurf wirklich glaubhaft als unnötig hysterischen Rufmord von mir weisen konnte.
Aber, nun ja … Steve würde Tony nichts hiervon erzählen, denn er wusste , dass er mich gar nicht erst in der Howard Halle hätte umherspazieren lassen sollen, nicht wahr? Das hatte Steve schließlich bereits auf der Brücke durchblicken lassen – dass er sich durchaus darüber bewusst war, dass Tony mich von diesen Teilen unserer Familiengeschichte weitestgehend abgekapselt hielt.
Trotzdem war Steve mir willentlich in die Grauzonen der Moral gefolgt.
Und Komplizen verpfiffen einander nicht.
-/_\-
Oder so dachte ich.
Denn Steve Rogers, die Ratte, verriet mich, kaum dass wir wenige Stunden später allesamt zum Abendessen in der Lounge zusammenkamen.
„Eine schwache Entschuldigung, ich weiß“, vernahm ich ihn ruhig am anderen Ende des Esstisches beichten. „Es ist alles gut gegangen und Sola hat uns sehr geholfen, aber wir hätten sie nicht alleine hineingehen lassen dürfen. Ich hätte gar nicht meine Zustimmung hierzu geben sollen. Ganz gleich, ob vorsichtig oder nicht, es war kurzsichtig. Leichtsinnig . Es tut mir leid, Tony.“
Mein Vater schob vage die Brauen zusammen, ein mir durchaus bekanntes Indiz, dass ihm nicht gefiel, was er da vernahm und wie ich meinen Nachmittag unter der Aufsicht gleich dreier Avengers zugebracht hatte. Trotzdem nickte er und rollte schon knapp mit den Augen, als Steve Anstalten machte, weiter den Sünder zu mimen. „Schon klar“, beendete er. „Die Nannys heutzutage sind nicht mehr das, was sie mal waren.“
Beide Männer saßen trotz seines Geständnisses unverändert entspannt da und beobachteten beiläufig über ihre längst geleerten Teller hinweg das amüsierte Wortgeplänkel des restlichen Tisches, an dem wir uns gerade unterhaltsam laut über die gastronomische Perversion von Ananas in deftigen Gerichten in den Haaren lagen und mit Argumenten traktierten, die zum Großteil wiederholt von Visions sachlichem Faktencheck relativiert wurden, was alle paar Minuten zum triumphalen Aufschrei einer der beiden sich bekriegenden Parteien führte.
Ich war mir nicht mehr sicher, ob diese Debatte überhaupt einen baldigen, selbstgefälligen Mehrheitsentscheid versprach, insbesondere seitdem Rhodey kurz zuvor doch tatsächlich eine Kehrtwende von unserem geeinten Kurs hingelegt und das ganz und gar unverzeihliche Lager der Toleranz mit den lapidaren Worten eröffnet hatte, jeder möge einfach essen, was ihm gefiele und ihm patriotisch genug erscheine.
Ungläubig hatte ich meine Gabel fallen lassen. „Pizza Hawaii kommt nicht tatsächlich aus Hawaii!“
Als sei meine Aussage von nicht unerheblichem Wert für den Fortbestand der Menschheit, ging Vision schon wieder in sich. „Das ist korrekt“, bestätigte er. „Sam Panopoulos immigrierte in den Fünfzigern von Griechenland nach Kanada und kreierte dort nach allgemeinem Konsens die erste Pizza Hawaii.“
Als sei mir das bestens bekannt, nickte ich zufrieden in die Runde und sah schon wieder zu Nat und Wanda herüber, doch beide Frauen saßen nach wie vor mit unbeeindruckter Miene da. Langsam ließ Nat ihre Bierflasche kreisen und versicherte mir mit gelassenem Augenzwinkern, dass sie mich schon noch auf die dunkle Seite der Fusion-Küche bekehrt bekämen.
Ernüchtert nahm ich meine Gabel wieder auf und führte sie zurück in meine verbliebenen Spaghetti.
„-das sei der neue Deal“, vernahm ich Steve wieder. Er schien sich immer noch mit meinem viel zu gelassen zurückgelehnten Elternteil über unseren Nachmittag in der starkschen Grauzone zu unterhalten. „Genau genommen, hättest du ihr sogar explizit einen Freifahrtschein für den restlichen Tag erteilt.“
Anders als Steve hatte Tony meinen Blick bemerkt. „Das hat sie erwähnt, was?“
Unsere Pupillen blieben für einen Moment aufeinander gerichtet, in denen ich trotzig jede Verschleierung meines Lauschmanövers beendete, was seine Mundwinkel kurz amüsiert zucken ließ, während sein Blick unverändert taxierend blieb.
„Mehr noch, Tony.“ Nonchalant ließ er seinen Blick wieder zu Steve zurückspringen, der gerade bedächtig in seinen Worten stockte, was mich nur weiteren Verrat wittern ließ. „Sie sagte, du hättest vorab keine genaue Sperrzone auf dem Gelände definiert und FRI habe ebenfalls keine Einwände erhoben, deshalb sollten wir drei uns doch einfach entspannen. Bis neunzehn Uhr sei sie ein freier Mensch. Dazu gehöre auch, dass sie sich umsehen dürfe.“
Tonys Braue stieg in die Höhe.
Ich erstarrte und begann schnell wieder meine restlichen Spaghetti aufzuwickeln. So nüchtern besorgt, wie Steve all dies vortrug, erschienen meine saloppen Beschwichtigungsversuche sehr viel kecker, als ich sie in Erinnerung hatte, aber ich schob es gnadenlos auf den fehlenden drolligen Unterton, mit dem ich eigentlich alles hieran garniert hatte und den Steve nicht im Geringsten transportierte.
„Warte, ich hänge da noch. Das war kein trauriger Erstversuch modernen Slang zu imitieren, richtig?“, fragte Tony. „Das gerade war der O-Ton?“
„Sam hatte sie beiseite genommen, nachdem wir das Lager verlassen hatten“, erläuterte Steve schnell, als ginge ihm ebenfalls auf, dass er die ganze Situation wohl etwas klarer in Kontext rücken sollte. „Einfach, um Sola noch einmal dafür zu sensibilisieren, dass sie auf dem Gelände vorsichtig bleiben muss und nicht prinzipiell freier Zugang besteht, wenn mal ein Tor offensteht.“
Ja, hatte er , dachte ich, während ich meine Spaghetti unfreiwillig zerhackte und auch der Rest des Tisches ihr Gespräch aufzuschnappen begann. Aber erst, nachdem er mitgezogen ist und mich eure Arbeit erledigen lassen hat. Wie du auch.
Und außerdem war das nun wirklich nicht der Kontext, auf den es hier ankam .
Meine Miene verdunkelte sich.
Sam entging es nicht. Er warf mir einen amüsierten Blick zu. „Was, Baby-Stark?“, neckte er mich kauend. „Sind wir jetzt nicht mehr so entspannt?“
„Ja, schiebt ruhig die ganze Verantwortung auf mich“, gab ich unberührt zurück. „Sehr heldenhaft.“ Ich senkte die Stimme. „Anderseits, ist ja nicht so, als hätte ich nicht auch schon vorher euren Job gemacht …“
Der Tisch johlte auf, aber Steves Miene erweichte; vielleicht, weil ihm aufging, wie unkooperativ sein Bericht mich hatte aussehen lassen, obwohl das nun wirklich das Letzte war, was man mir heute hatte vorwerfen können.
„Ich sagte doch, dass du uns sehr geholfen hast, Sola“, hielt Steve noch einmal geduldig fest. „Und so meinte ich es auch.“
„ Hmpf “, machte ich nur und aß meine Spaghetti weiter.
Ich wollte mir gerade aus reiner Vergeltung auch noch die letzten zwei Brotsticks greifen, ehe Sam sie zu fassen bekam, der es eindeutig ebenfalls auf sie abgesehen hatte, als Tony sich erhob, die ersten Teller in meinem Rücken zur Spüle trug und jäh wie vom Blitz getroffen innehielt und nach meinem ausgestreckten Arm langte.
Überrumpelt protestierte ich auf, als er ihn aufrichtete, mein Ärmel herabrutschte und damit das strahlend funkelnde Armband freilegte, das ich in der Archivschachtel nebst zu den Kisten des Brooklyn Projekts gefunden hatte und das inzwischen an meinem Handgelenk ruhte.
Wortlos und alles andere als erfreut sah er zu Steve herüber.
„Ich schwöre, wir hatten abgesprochen, dass sie nichts berührt und uns bloß zuruft, was auf den Kisten und Reihen ausgewiesen steht.“ Steve sandte einen vollendet tadelnden Blick in meine Richtung. „Ich wusste nicht, dass sie etwas mitgehen lassen hat.“
Stolz auf meinen gelungenen Coup, den sie so gar nicht registriert hatten, und durchaus noch ein wenig angefressen von seiner vorherigen Schmutzkampagne zuckte ich nur halbherzig reumütig die Achseln.
Tony stellte die dreckigen Teller ab und griff nach den Verschlüssen des Armbands. Bevor er sie noch ganz zu fassen bekam, hatte ich meinen Arm schon wieder erfolgreich aus seiner Hand befreit. „ Hey , das brauche ich noch für das MIT!“
Er verlor ein wenig Farbe. „ Nope “, beschied er mir kurzangebunden. „Auf keinen Fall. Her damit.“
„Warum denn? Es ist perfekt. Wie sagtest du? Etwas, das unsäglich viel kostet und Stark Industries -Erbe in jede vorhandene Kamera schreit?“ Demonstrativ schüttelte ich die funkelnden Diamanten vor ihm aus. „Check und check, richtig?“
Tony ernüchterte. „Okay. Sehr lustig. Gib’s her.“
Schmollend sah ich zu ihm auf.
Er wiederholte seine Worte nicht, deutete bloß warnend auf mich.
„Warum?“, fragte ich trotzig. „Es ist ein Armband, kein … Granatenwerfer.“
„Nichts in dieser Lagerhalle ist nur ein Armband, Sola.“ Sam hatte die letzten zwei Brotsticks bereits an sich genommen und halb verspeist, was mich nur entschlossener machte, seinen Einwurf gekonnt zu ignorieren.
„Es ist ein Armband“, bestätigte Tony schon lustlos. „Und unter keinen Umständen lässt du dich damit vor irgendeiner irdischen Kamera blicken.“
Ich begann böse zu grinsen. „Wieso?“
Er maß mich mit Blicken.
Als es ihm schlussendlich zu dumm wurde, weil mein Grinsen nur breiter und breiter wurde, und er den Versuch wieder aufgab, es von mir einzufordern, überkam mich trotzdem der Verdacht, dass ich bloß gewonnen haben mochte, weil er nicht preisgeben wollte, was es wirklich mit dem Schmuckstück auf sich hatte, würde das doch bedeuten, tatsächlich einmal über seine Eltern zu reden.
Tony nahm die dreckigen Teller wieder auf und wandte sich ab. Nats Blick folgte ihm.
Anders als der Rest schien sie erkannt zu haben, was hinter all dem steckte. Tony registrierte es ebenfalls, doch er behielt seine betont blanke Miene bei und öffnete den Wasserhahn.
Drei lange Sekunden taten sie etwas, das ich ihn sonst nur mit Pepper vollbringen sah. Sie kommunizierten wortlos und das fließend .
Nat schmunzelte und sah wieder auf ihre Bierflasche herab.
Mit sacht reibenden Fingerspitzen verfolgte auch Wanda ihren Blickwechsel, während Steve und Rhodey bereits wieder über die geborgenen Archivkisten zu sprechen begannen. Als wir uns stillschweigend ansahen, lächelte sie. Ich erwiderte es, dann richtete ich das schimmernde Schmuckstück wie eine Trophäe und begann wieder breit zu grinsen.
Sam reichte mir die Hälfte seines verbliebenen Brotsticks. „Ehre, wem Ehre gebührt.“
-/_\-
Tony unterhielt sich immer noch mit Steve und Rhodey an der längst blitzblank gesäuberten Kücheninsel, als ich von meinem StarkPhone aufsah und registrierte, dass ich die einzige verbliebene Person am Esstisch war und vor den Fenstern längst eine eindringliche Dunkelheit herrschte, die zu gleichen Teilen der späten Uhrzeit wie einiger bedrohlich dichter Wolken zuzuschreiben war.
Elijahs Antworten kamen nur noch verzögert, denn Kenzos Party schien inzwischen in vollem Gange, und auch Daphne war nach einem recht kurzen Austausch zu den beruhigend positiven Ergebnissen meines Hirn-Screenings von Jessy und Sid zum Jahrmarkt eingesammelt worden und nicht mehr wirklich zu erreichen, deshalb schloss ich beide Chats und wurde mir wieder unangenehm deutlich meiner nach wie vor durchgeschwitzten Kleidung und aufbrandenden Langeweile bewusst.
Ich seufzte.
Anscheinend entwich es mir lauter denn beabsichtigt, denn die Männer unterbrachen ihr schon seit geraumer Weile ziellos dahinmäanderndes Gespräch und sahen zu mir herüber.
„Fahren wir bald?“ Ich legte mein StarkPhone ab. „Ich muss mal unter die Dusche.“
Rhodey blinzelte. „Wir haben genug Duschen im Haus. Du hättest jederzeit gehen können, Sola.“
„Hm, ja.“ Ich zuckte die Achseln und sah wieder zu Tony. „Aber ich will aus diesen Sachen raus … Und ich will ins Bett.“
Fragend sah Rhodey zu ihm weiter. „Sagtest du nicht, du hättest für morgen den Schießstand reserviert? Ihr bleibt doch über Nacht?“
Ich erstarrte. „Was?“
„Nicht was , sondern wie bitte , Madame“, belehrte mich Rhodey geduldvoll. Steve schmunzelte in seine Kaffeetasse. „Und ja, dein Dad hatte da etwas erwähnt.“
Die einzige Nacht, die ich bislang im Hauptquartier verbracht hatte, hatte ich vor einigen Monaten in einem Krankenzimmer der MedBay zugebracht, nachdem mich Clint und Tony bewusstlos und halbtot aus Stanes Kapsel am Stratosphärenballon über Chicago geborgen hatten. Die Aussicht in einem der hiesigen Trainingsräume zu duschen und anschließend auf irgendeiner Couch oder gar in einem Krankenbett zu nächtigen, versprach einen wahrlich unterirdischen Samstagabend und reizte mich nun wirklich so gar nicht.
„Ich wusste nicht, dass wir bleiben“, bekräftigte ich deshalb hart ernüchtert. „Ich hab gar nichts dabei.“
„Ist kein Problem“, spiegelte Tony entspannt zurück. Er stellte seine Tasse ab, löste sich von der Theke, an der er lehnte, setzte sich zielstrebig in Bewegung und bedeutete mir, ihm zu folgen.
Widerwillig erhob ich mich, griff mein StarkPhone, steckte es in meine Hosentasche und trottete ihm hinterher.
„Gute Nacht, Kind“, rief Rhodey mir zu.
„Schlaf gut“, ergänzte Steve.
Ich erwiderte ihren Gutenachtgruß, wenn auch etwas verdrossen, schließlich glomm nach wie vor ein durchaus belehrender Ton bei beiden hindurch, der mich massiv an der Ehrlichkeit ihrer Wünsche zweifeln ließ. Ich sah noch, wie sie sacht kopfschüttelnd einen Blick wechselten, einhellig die Brauen hoben und wieder zu sprechen begannen, dann folgte ich Tony schon misstrauisch schweigend durch die nächtlichen Flure des Hauptquartiers.
Wir befanden uns auf der privaten Ebene der Avengers mit all ihren Gemeinschaftsräumen und Quartieren, doch obwohl ich jäh annahm, dass es sicher noch ein paar unbezogene Quartiere mit entsprechend freien Betten gab, begrub Tony auch diesen Geistesblitz, indem wir schon durch eine schwere Sicherheitstür traten und auch diesen Teil des Gebäudes hinter uns ließen.
Der recht kurze, rundum verglaste Korridor, den wir durchquerten, offenbarte zu unserer Rechten einen weiten Blick über den nächtlichen See und auf eine nahende Gewitterfront und zu unserer Linken das hell ausgeleuchtete Gelände des langen Hangars und der zuführenden Straßen, wie auch einiger umliegender, kleinerer Lagerhallen und Gebäude. Die dunklen Baumwipfel des dahinterliegenden Waldes wippten.
Sachter Regen trommelte auf das abgerundete Panzerglas weit über uns.
Es schwemmte meine Unzufriedenheit nur weiter auf.
Das Argument, dass ich morgen noch Hausaufgaben zu erledigen hatte und es deshalb wirklich sinnvoll wäre, nach Hause zurückzukehren, statt im Hauptquartier zu übernachten, formte sich bereits auf meiner Zunge, dann entsann ich mich jedoch frustriert, dass Tony sehr wohl wusste, dass ich sämtliche ausstehenden Aufgaben bereits am Freitagnachmittag erledigt hatte, hatte ich ihn dies schließlich ganz bewusst wissen lassen. Nachdem mich das vermaledeite Englisch-Essay am Donnerstagabend fast in Teufels Küche gebracht hatte, war mir wichtig gewesen, Tony noch einmal zu signalisieren, dass ich diese ganze Angelegenheit rund um meinen Schulwechsel und meine Ausbildung ernst nahm und nicht bloß irgendwelche launischen Spielchen mit ihm trieb.
Ja, zugegeben, der Donnerstagabend war unglücklich gelaufen, nicht bloß, weil ich diese Sache auf die leichte Schulter genommen und dann völlig vergessen hatte und dies unter Hochdruck in letzter Sekunde hatte nacharbeiten müssen. Später im Bett hatte ich auch realisiert, dass etwas in mir schon den ganzen Tag fast ein wenig gewillt gewesen war, die auffällig gestiegene Elastizität in Tonys Geduldsspanne auf ihre Grenzen zu testen, insbesondere, nachdem ich mich immer noch für den Granatenunfall böse schuldig gefühlt hatte, und dass ich es ein wenig gebraucht hatte – dass Tony mich nicht wie einen traumatisierten Welpen behandelte, bei dem schon ein kurzes klares Wort zu neuen ausufernden Dramen führte. Dass er mich auch wieder mit meinem Versagen konfrontierte, nicht bloß meinem Verlust.
Und eben das hatte ich ihm am nächsten Morgen zurückgespiegelt. Es zumindest versucht , ohne dabei gleich eingestehen zu müssen, den sprichwörtlichen Bären hier und da probeweise, wenn auch mehr unbewusst gezwickt zu haben, um ihn auf eine generelle Regung zu überprüfen.
Ich hatte am Abend nicht nur das Essay wie geheißen rechtzeitig und vollumfänglich zu Papier gebracht, ich hatte mich auch bei ihm entschuldigt und noch einmal ruhig und erwachsen festgehalten, dass ich es nicht aus reiner Unlust hätte schleifen lassen dürfen und dass ich diesen Neustart an der Midtown wirklich ernst nahm und verstand, dass ich ihn hiermit enttäuscht hatte.
Ich verkrafte es , hatte ich ihm mit gewappnetem Blick signalisiert. Ich bin jetzt stärker, nicht schwächer.
Tony hatte sich da zuvor bereits betont gutgelaunt erkundigt, ob ich ausgeschlafen war, mich für das fertiggestellte Essay gelobt, als habe ich es nie sträflich schleifen lassen, und mir sogar die obligatorische morgendliche Befragung zu meinem verdächtig ereignislosen Schmerztagebuch erspart, die er so gut wie nie ausließ, wenn wir einen gemeinsamen Morgen verbrachten. Schon da hatte ich geahnt, dass er seine Reaktion vom Vorabend insgeheim bereute und dabei vor allem die unmissverständliche Klarheit, mit der er mich abgekanzelt hatte, ohne sich vorher endlos geduldig an die Auslöser meines Verhaltens heranzutasten.
Was mich einmal mehr darin bestätigt hatte, dass er wirklich dachte, dass ich seit Zeke Stane und seinem persönlichen Versagen in dieser Angelegenheit einfach zu kaputt war.
Er hatte mir zwar still und ernst zugehört, während ich das in meinen Augen sehr erwachsene und reife Schuldbekenntnis vorgetragen hatte, und etwas hatte mir gesagt, dass er mich auch verstanden hatte, aber dann hatte er sich schon wieder entspannt vom Herd gelöst, es nicht weiter weltbewegend genannt und längst erledigt und gelassen auf meinen Teller Blaubeer-Pancakes gewiesen, damit ich aufaß. Zu gleichen Teilen erleichtert wie enttäuscht, hatte ich genickt und sein bestes Lächeln erwidert, das so furchtbar ansteckend blieb, dass ich einfach nicht dagegen ankam.
Denn wie konnte ich ihm vorwerfen, dass er sich mehr um mich sorgte, als er mir nachtrug? Wie konnte ich ihm vorwerfen, dass er mich schonte, weil er mich liebte?
Oder um Harmonie zwischen uns rang nach allem, was hinter uns lag?
Ich sah zu ihm.
Tony begegnete meinem Blick, als wir das Ende des kurzen Durchgangs erreichten und vor einer weiteren milchverglasten Tür innehielten, die nur mit einem leisen Schnurren offenbarte, dass sie sich soeben automatisch entriegelte. Er ließ mir den Vortritt.
Kaum, dass ich hindurchtrat und die gesamte Raumbeleuchtung um mich herum hochfuhr, hielt ich überrumpelt inne. Unbeeindruckt schob er mich zwei Schritte weiter voran und schloss die Tür.
„Was ist das?“, fragte ich perplex, während mein Blick von der hellen Couchlandschaft, über ein gewaltiges Gemälde, einen gläsernen Esstisch mit rundgepolsterten Ledersesseln, zu einer dunklen Terrassenfront und dann schlussendlich der Kaminwand ganz zu meiner Rechten sprang, in der bereits ein vollkommen gasinduzierter, feiner Streifen Feuer flackerte.
„Unser Privatflügel.“
„Wir haben einen Privatflügel?“
„Dachtest du, ich ziehe das hier ohne Privatbereich hoch?“, gab Tony ungeniert zurück und spazierte schon weiter. „Alles brandneu. Der Innenausbau und die Ausstattung wurden fertiggestellt, als wir aus Barbados zurückgekehrt sind. Auf diesem Flügel lag keine Priorität, die Team-Quartiere und logistischen Flächen gingen vor, deshalb hat es hier ein wenig länger gedauert.“
„Wart ihr deshalb so beschäftigt? Ist Pepper deshalb nicht nach Malibu nachgekommen?“
„Nein, das … hatte mit dem Geschäft zu tun.“ Er sprang unvermittelt zum eigentlichen Thema zurück. „Den Bezug habe ich in Auftrag gegeben, als wir in Japan waren. Die Pläne für die Innenausstattung waren da bereits ausgearbeitet und das meiste Mobiliar ohnehin bereits angeliefert. Das lief reibungslos.“
Es sah gemütlich aus und trotzdem so weiträumig, edel wie luxuriös; eben ganz, wie ich es längst von meinem viel zu vermögenden und selbstzelebrierenden Elternteil gewohnt war. Und gleichzeitig unterschied es sich doch in seinem Stil irgendwie ausdrücklicher von Malibu Point oder unserem Penthouse.
Ich wusste nicht genau, wie ich es weniger urteilend umschreiben sollte, aber es fehlte der Hauch Arroganz, der all unseren anderen Wohnflächen dieses gewisse Etwas verlieh, dass Tony Stark für die restliche Welt am deutlichsten beschrieb.
Vielleicht hatte Pepper hieran noch deutlicher mitgewirkt, denn das Mobiliar war heller als im Penthouse und weniger extravagant als in Malibu Point, deutlich wohnlicher und dennoch eleganter, auch wenn hier und da nach wie vor ein paar dunklere, monarchischere Elemente all die weicheren und klassischen Noten durchbrachen.
Über unseren Köpfen hing eine Ansammlung warmer Lichtgloben, die neben und übereinander bis in die höhere Etage hinaufstieg. Viel konnte ich in der Schwärze hinter der weiten Fensterfront nicht erkennen, aber wir befanden uns immer noch im vierten Stock, auf dem auch die zentraleren Team-Quartiere lagen, nur jetzt ganz am Ende des Hauptgebäudes mit Blick Richtung See.
In der Ferne grollte es.
Ich folgte Tony an einer Zwischenwand mit Glasbegrenzung vorbei in eine große Küche mit hellgrauen Küchenzeilen, weiteren Sitzgelegenheiten und demselben derzeit finsteren Panorama.
Zwischen Küche und Wohnbereich bog ein kurzer, schmaler Flur ab. Da Tony direkt darauf zuhielt, wandte ich mich ebenfalls von dem unheilvollen Anblick des heraufziehenden Unwetters ab, das mir Monate zuvor noch kalten Angstschweiß bereitet hätte, und folgte ihm an einem in die Wand eingebetteten, kleineren Display vorbei zu der einzigen Tür am Ende des Flurs.
„Wir mussten ein wenig improvisieren“, informierte er mich. „Es war ursprünglich nur ein großes Hauptschlafzimmer mit Bad auf der höheren Etage eingeplant. Für Gäste gibt es eigene Quartiere in anderen Teilen des Gebäudes. Als wir die Baupläne finalisiert haben-“
„-hattest du noch nicht auf dem Schirm, dass es mich gibt“, endete ich.
„Erwischt.“ Tony öffnete die Tür. „Eigentlich war das hier als Entertainment-Bereich angedacht. Wir haben die Pläne umgeworfen, aus dem angrenzenden Raum einen begehbaren Kleiderschrank gemacht und die Badezimmertür aus dem Flur direkt ins Zimmer versetzen lassen. Hier unten gibt es keine Badewanne, die ist oben, aber eine große, bodengleiche Dusche und-“
Er brach ab, als er sich zu mir umwandte und mich vollkommen erstarrt dastehen sah.
„Das ist mein Bett“, wisperte ich.
Tony folgte meinem Blick. Das weiße Bett war niedlich drapiert, voller pastellfarbener Kissen – mehr als irgendein Mensch benötigte – und gleich zwei Lagen unterschiedlicher, sicherlich sterbenskuscheliger Decken. Es besaß auch eine viel höhere, deutlich hochwertigere Matratze, die den ganzen vertrauten Anblick für mich abstrahierte. Aber ich erkannte es dennoch. Es war mein Bett aus Nashua, das ich seit dem Tag meiner Abreise irgendwo weit entfernt eingelagert gewähnt hatte.
Violettes Licht erhellte den aufgetürmten Himmel und das wippende Meer aus Baumwipfeln hinter dem Hangar. Ein bedrohliches Grummeln erhob sich. Ehe ich es noch ganz registrieren konnte, trat Tony schon zum Fenster und zog ruhevoll entschieden sämtliche Vorhänge zu.
Mein Herz knetete, wenn auch noch etwas wirr befangen angesichts dieses Stück innigster Heimat, bei dessen Anblick ich nicht recht wusste, was ich empfand.
Friede. Freude. Schmerz . Heilsam, schroff wie glühend.
Ich bekam keinen Ton mehr heraus.
„Okay, pass auf, wir dachten, es gefällt dir, etwas von daheim zu haben, etwas Vertrautes …“ Tony brach ab und rieb sich rasch die Braue. „Alles klar, wir hätten vorher mit dir sprechen sollen. Kein Problem, Pokerface, du schläfst heute oben und gleich morgen kümmere ich mich darum, dass-“
„Nein“, unterbrach ich auf der Stelle und riss mich jählings zusammen. „Das ist --- es war einfach … --- es gefällt mir .“
Tony musterte mich. Ein lebendiger Wechsel aus Besorgnis zog durch seine Miene.
„Ehrlich“, versicherte ich schon und machte ein paar schnelle Schritte durch den Raum. „Es ist alles kleiner als Zuhause, aber eigentlich … mag ich das sowieso lieber.“ Ich setzte allen Nachdruck hinein, denn der Avengers Tower war mein Zuhause; das jedenfalls, das nun zählte . „Es ist … richtig schön.“ Ich stockte, ließ meinen Blick über die liebevoll ausgewählte Einrichtung springen, der gemütlichen Sitzecke, all den kleinen und großen Kissen, flauschigen Teppichen, der gerahmten Nostalgie-Plakate voller Surfsport und dem bereits vordekoriertem Bücherregal, inklusive kleinerer Niedlichkeiten und digitaler Bilderrahmen, die dank FRIDAY exakt meiner heimischen Galerie entsprachen, bis hinüber ins makellos glänzende, noch völlig unberührte Badezimmer. Dann bemühte ich mich auch schon um einen neckend vorwurfsvollen Ton, der hoffentlich jede verbliebene Sorge aus ihm spülte. „Na ja, schon seeehr Mädchen, aber-“
Ein naher Donnerschlag ließ mich zucken. Es lag mehr an meinen Nerven als an meinem Trauma, denn davon war dank Wanda nicht mehr viel übrig, aber Tony wusste das nicht.
Winzige, besorgte Kuhlen gruben sich augenblicklich in seine Stirn.
„Alles okay“, murmelte ich, als er sich schon in Bewegung setzte. „Hab mich bloß erschrocken ...“
Er nickte in Richtung Couch, drauf und dran eine der beiliegenden Decken zu greifen. „Setz dich hin, Sola.“
Wummernde Schuld breitete sich unvermittelt in mir aus. Schnell wich mein Blick beiseite, während ich schon vorgab den nahen Schreibtisch näher zu inspizieren, statt seinem wohlgemeinten Rat nachzukommen, denn urplötzlich fühlte ich mich furchtbar, sowohl dafür, ihn bezüglich dieser Sache weiter anzulügen, als auch dafür, ihn schon seit Monaten in der fortwährenden Sorge zu belassen, dass ich jederzeit in den nächsten traumatischen Rückfall stolpern mochte.
Aus dem Augenwinkel registrierte ich, dass er die Decke wieder losließ. Ich sah demonstrativ weiter um mich, warf einen Blick in den Kleiderschrank, der bereits mit einer kleinen Auswahl Outfits ausgestattet schien, und schielte schließlich zu ihm zurück.
„Wer hat das hier verbrochen?“
Tony schniefte, doch es war in seiner Gelassenheit nur noch mäßig überzeugend. Er musterte mich. „Okay, genug davon“, entschied er, als klar wurde, dass ich meine Deckung vorerst nicht fallen lassen würde. Wie um es mir gleichzutun, lockerte er schon seine Statur, atmete aus und wies beiläufig ins Bad herüber. „Dort ist die Dusche. Du sagtest, du wolltest ins Bett.“
„Jupp, sagte ich.“
„Tja, ich nehme dich beim Wort. Du hast vierzig Minuten. Punkt zehn schaltet FRI das Licht und sämtliche Displays aus.“
„Was?“ Völlig überrumpelt blinzelte ich. „Wieso so früh ? Es ist Samstag?“ Zehn Uhr untergrub selbst meine geltende Bettzeit unter der Woche. „Und woher kommt diese plötzliche Display-Diktatur?“, protestierte ich, in Gedanken ganz bei Elijah und Daphne, die beide noch aufregende Erzählungen und Fotos zu liefern versprachen.
Was bitte hatte ich verbrochen, dass er sich veranlasst sah, meinen doch recht verlorenen Samstag noch frustrierender zu gestalten? Heiße Erkenntnis durchzuckte mich. „Geht es hier etwa um die Howard Halle?“
Tony mimte Gelassenheit. „ Ach , du meinst die, die ab sofort Sperrzone für dich ist?“
Ich schnaubte. „Das war sie vorhin noch nicht, Dad.“
„Nein“, kommentierte er. „Aber wie sagtest du noch gleich zu Cap? Ganz einfach, weil deine Freiheiten ab neunzehn Uhr enden und ich ab da die Tyrannei über dein Leben beginne.“
„ Das habe ich nie gesagt.“
„Richtig. Du bist mein Kind. Du bist raffinierter. Du hast es bloß impliziert.“
Ich glaubte ihm nicht. Es war mein Abstecher in seine Vergangenheit, für den er mich hier klammheimlich abstrafte, und keineswegs die kleineren Spitzfindigkeiten gegenüber Steve, Rhodey und Sam, mit denen ich die schale Frustration meines Tages hier und da aufgearbeitet haben mochte.
Ich war mir so sicher, es pochte.
Restlos verstimmt verschwand ich in meinen neuesten begehbaren Kleiderschrank und schnappte mir wahllos Unterwäsche und Pyjama. „Feigling“, brummelte ich.
„Was war das gerade?“
„Ich sagte, fein .“