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Kleinkaliber

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Kleinkaliber

Kapitel 9: Kleinkaliber

Bei Gott und allen Asen – was stimmte nicht mit ihm?

Es brauchte all meine nüchterne Beherrschung, FRIDAY diese Analyse nicht tatsächlich fahren zu lassen, als sie sich am nächsten Morgen in Tonys Namen bei mir erkundigte, wie lange ich noch gedachte, restlos unproduktiv in den Federn zu liegen.

Ich war gerade erst in der behaglichen Wärme meines neuen alten Bettes zu mir gekommen, hatte mit entspannt unter den Kissen gegrabenem Arm ein paar wenige Nachrichten an Elijah und Daphne versandt und döste ansonsten wirklich noch mehr vor mich hin, als die KI mein friedlichstes Sonntagmorgenritual durchbrach. Noch keineswegs in der Stimmung, auf Tonys hyperaktiven Sarkasmus einzugehen, ignorierte ich sie einfach.

„Dein Vater lässt ausrichten, du sollst aufhören zu schmollen.“

„Da nimmt er sich wirklich zu wichtig“, grummelte ich mit geschlossenen Lidern. „Ich schmolle nicht, ich entspanne.“

„Ich fürchte, das steht laut Mr. Stark nicht auf eurer Tagesagenda. Du sollst dich bitte fertigmachen. Ihr habt noch etwas vor.“

Unverändert entspannt in die Kissen geschmiegt, öffnete ich hoffnungsvoll mein linkes Augenlid. „Fahren wir heim?“

„Nein, nicht vor heute Nachmittag.“

Ich rümpfte die Nase, rollte mich auf den Rücken und stierte einen Augenblick lang an die noch so fremde Decke dieses Zimmers, das sich seit gestern Abend in die inzwischen kleine Sammlung, die ich auf dieser Welt besaß und die jeder mir neidete, neu eingereiht hatte. Dann atmete ich aus, wandte den Kopf, warf einen langen Blick auf den nur mäßig belebten Hangar vor meinem Fenster, an dem sich irgendetwas sehr Unaufgeregtes tat, und erhob mich widerwillig aus dem Bett.

-/_\-

Tony schien nicht in der Stimmung, mich zu bedienen, denn als ich wenig später aus dem kurzen Flur in die offene Küche trat, schrieb er Mails im Stehen und sah beiläufig gleich zwei Nachrichtensender, CNN und WHiH World , die nahezu tonlos auf einem riesigen, mannsgroßen Displayfeld liefen, das ich am Abend zuvor irrtümlicherweise nur für eine weitere elegante Küchenschrankwand nebst zu den anderen Schränken und den beiden gewaltigen Kücheninseln gehalten hatte.

Von Frühstück keine Spur.

Auf den ersten Blick konnte ich nichts in den recht unterschiedlichen Berichterstattungen und Schlagzeilen erkennen, das irgendwelche Nerven in mir aufrieb oder eine eingetroffene Avengers-Situation mit übermenschlichen Kreaturen verhieß, also nahm ich an, dass Tony lediglich irgendwelche schleppenden Entwicklungen auf dem Finanzmarkt, im aktuellen Start-Up-Segment oder im Senat verfolgte, wie es sich für den brillanten Geschäftsmann seit Jugendtagen in ihm gehörte. Er tat dies oft, sobald FRIDAY etwas von Interesse für ihn identifizierte, das er ihr nicht eigenständig zu handhaben überantwortet hatte.

„Hey.“ Sein Tonfall blieb abgelenkt und zugleich bemerkenswert nonchalant. „Ausgeruht?“

Ich zog eine Grimasse.

Es stimmte, ich hatte zwölf Stunden geschlafen, aber das lag ganz sicher nicht an meiner Abendgestaltung. Ich hatte mich jedenfalls nicht bereits um zehn Uhr ins Bett verbannt.

Ratlos nahm ich all die nahezu gleich aussehenden Schrankmodule in Augenschein, die nicht gerade den Eindruck erweckten, dass sie mehr denn reine, wenngleich kostspielige Attrappen waren. „Wo genau gibt es hier etwas zu essen?“

Tony wies in meinen Rücken und ließ seinen Zeigefinger einmal quer über die ebenen Schränke wandern. „Sandwiches, Aufstrich, Cornflakes … Vollautomat, Entsafter, Toaster …“ Sein Daumen klappte zum Ende. „Kühlschrank, Obstfach, Gebäckschublade … Alles da.“

Zweifelnd trat ich auf die hellgraue Wand zu und ließ meine Hände betont suchend kreisen. „Hier?“ Aufs Geratewohl öffnete ich das erstbeste Modul. Tatsächlich offenbarte sich mir eine beleuchtete Bar mit besagten Küchengeräten, Tassen und Gläsern.

Vorwurfsvoll beließ ich die Wand geöffnet, um diesen nutzlosen Stealth-Modus einer Küche zu beenden, und arbeitete mich zum Fach mit den Sandwiches und Aufstrichen weiter vor, bis ich irgendwann alles zusammengesucht hatte, das man für ein paar einfache gegrillte Sandwiches benötigte.

Trotz gewaltig viel Arbeitsfläche balancierte ich alles schließlich auf meinen Armen zu Tony und der zweiten, noch breiteren Kücheninsel herüber und richtete mich dort ein.

Auf CNN zu meiner Linken war inzwischen Pepper zu sehen. Es schien die Aufzeichnung eines älteren Interviews, denn ihre Haare waren schulterlang und wirkten noch eine vage Spur röter denn heutzutage. Ehe ich jedoch die fließenden Meldungen am unteren Bildschirmrand ins Auge fassen und trotz heruntergefahrener Lautstärke herausfiltern konnte, worum es in dem Beitrag ging, trat Tony an mir vorbei zur Spüle, legte gedankenversunken einen Tablettenblister ab, griff sich ein Glas und füllte es mit Wasser.

„Das ist kein Ibuprofen“, erkannte ich und griff verwirrt nach der Verpackung. Die Tabletten waren klein, länglich und besaßen einen sacht violetten Stich. „Was ist das?“

Ehe ich den Blister noch ganz wenden und die Beschriftung am Boden inspizieren konnte, schnappte Tony ihn mir schon wieder wortlos aus der Hand und ließ ihn in seiner Hosentasche verschwinden.

Es war nicht das erste Mal seit unserer Rückkehr aus Malibu vor rund einer Woche, dass ich ihn Medikamente einnehmen sah. Und auch das letzte Mal war es an einem Morgen gewesen, wenn ich mich richtig entsann.

Ich stockte. Schale Besorgnis flutete mich. „Bist du krank?“

Tony hielt inne. Seine Brauen sanken angesichts meines hörbar beunruhigten Tons, dann verdrehte er schon knapp die Augen und trank sein Wasser aus. „Herz. Narbengewebe. Schon vergessen?“, erinnerte er mich salopp. „Mir geht’s gut, Pokerface.“

„Oh.“ Peinlich berührt stockte ich. „Okay.“

Der vage Knoten in meiner Brust löste sich wieder, auch wenn etwas in seinem Blick angestrengt gefasst blieb. Vielleicht registrierte er meine verbliebene Skepsis, denn Tony setzte sich schon wieder in Bewegung und holte Luft. „Aber, wo wir bereits dabei sind: Wir sollten definitiv über unseren gestrigen Termin mit deinem Ärzte-Team reden; dein Gefühl bei der Sache-“

„ Ugh , nein“, schnitt ich schon ab, ehe er die Behandlung meines Aneurysmas weiter aufgreifen und damit auch noch meinen Sonntag ruinieren konnte. Rasch griff ich mir das ungeöffnete Einmachglas Peperoni und den Cheddar. „Erstmal esse ich etwas.“

Seine Mundwinkel zuckten, unbeeindruckt wie amüsiert. „Einverstanden.“ Er tippte vor mein halbfertiges Sandwich. „Ich nehme das gleiche.“

Böse sah ich ihn an.

„Keine Sorge, wir sprechen heute nicht mehr darüber“, erbarmte er sich schon. Erleichtert wandte ich mich wieder dem Cheddar zu. „Aber früher oder später müssen wir es, Sola.“

„ Joa , dann wähle ich später.“ Ohne ganz aufzusehen, begann ich sein Sandwich auszulegen. „Später wie in sehr spät. Vorerst nicht datiert. Jupp?“

Er schenkte mir ein Lächeln. „ Nope .“

„Auch nicht für extra Peperoni?“

Liebevoll, wenngleich tadelnd wanderte sein Blick über meine Miene, während ich meine Hand mit den kleinen, grünen Schotenstücken über seinem Cheddar kreisen ließ.

„Das hier ist wichtig, Sola“, begann er nach einem Moment, in dem wir beide uns geduldig ausschwiegen und darauf warteten, dass der andere etwas sagte. „Du hast keine Lust auf diese ganze Sache. Kein Ding. Verstehe ich. Granatensplitter, Arc-Reaktor … Wie gesagt, habe ich alles durch. Aber dieses neue Team – das sind die Besten auf ihrem Gebiet, Sola. Und sie werden nicht nur dafür sorgen, dass wir beide uns nie wieder Gedanken über deine cerebrale Wildcard zu machen brauchen, sondern höchstwahrscheinlich auch das Hirngewebe therapieren, das durch die Blutung beschädigt wurde. Bedeutet, die verlorene Sensorik könnte in deine Finger zurückkehren und dein Sichtfeld könnte sich regenerieren. Diese Beeinträchtigungen sind nicht weiter dramatisch, du hattest Glück und du kommst klar, keine Frage – aber es ist etwas, das du wiederhaben kannst , Sola. Mit diesen Leuten ist es möglich. Und …“

Er hielt inne, holte sacht Luft; vielleicht, weil ich ihn immer noch nicht recht ansah, trotz aller suchenden Blicke. „Und was mit Fanning passiert ist“, setzte er leise wie ehern nach, „wird sich nicht wiederholen. Das lasse ich nicht zu, Liebling.“

Ein schuldvoll gerüsteter Schimmer sank in seine Pupillen, während er ein paar verbliebene Worte herabschluckte und mich weiter beobachtete.

„Ich weiß“, versicherte ich still. „Ich will jetzt nur nicht darüber nachdenken.“

Er nickte. „In Ordnung. Okay.“

-/_\-

Ich bereitete unsere Sandwiches zu Ende und warf sie auf den Grill, dann aßen wir sie, jeder in seine eigene Online-Aktivität versunken, und räumten beiläufig wieder ab. Während Tony noch Zwiesprache mit FRIDAY zum laufenden Stresstest von Rhodeys Anzug hielt, der anscheinend eine kleinere Funktionsauffälligkeit bei hoher Temperaturschwankung aufwies, schielte ich über das mir noch so fremde Terrain unseres Privatbereichs. Ich erwog, wie ich meinen restlichen Tag im Hauptquartier zubringen wollte – hier, abseits des restlichen Geschehens, aber dafür mit der Möglichkeit, in aller Ruhe mit Daphne zu chatten oder mit den Malibu 5 gemeinsam einen Film zu schauen, sofern ich sie denn alle dazu begeistert bekäme, oder doch wieder auf dem Gelände, wo ich den anderen bei ihrem täglichen Werk zusehen und mich gegebenenfalls dem einen oder anderen Avenger anschließen konnte, der gerade nichts Besseres zu tun hatte, als meinen Tourguide und Entertainer zu mimen.

Wenn ich hier im Privatflügel blieb, konnte ich allerdings auch Elijah anrufen und mich erkundigen, was ich auf Kenzos Party so verpasst hatte, befand ich und ließ meine Gedanken ganz unweigerlich zu unserem Nachmittag am Pool zurückschweifen, den kleinen leuchtenden Laternen und dem blauen Wasser, dem Gefühl seiner Lippen auf meinen, unseren Küssen, den längeren und kürzeren, seinen Händen an meiner Taille, meiner chlorgetränkten Haut, alles begleitet von einem so warmen Flattern in meiner Brust, dass es sich bei dem bloßen Gedanken an eine Wiederholung sogleich wieder einstellte. Ich schnappte aus dem Tagtraum, kaum dass sich Tony mir jäh zuwandte und schnippte. „- hey , Erde an Matilda!“

Ertappt errötete ich.

„Okay, ich möchte es gar nicht wissen“, kommentierte er. „Ich sagte, ich telefoniere kurz und dann-“

„-sagst du mir endlich, warum niemand wissen soll, dass ich das hier habe?“, schlug ich vor und hielt ihm schon das funkelnde, diamantenbesetzte Armband entgegen, das nach wie vor an meinem Handgelenk baumelte.

Genervt blinzelte er. „Genug, her damit.“ Er streckte die Hand aus.

„Wieso?“, intonierte ich.

Er hob die Brauen. „Wie wär’s damit? Eigentumsrecht.“

Ich ließ meinen Blick zurück auf die glitzernden Edelsteine sinken. „ Hmm , ja … Ich denke, es ist ein Erbstück.“

„Plausibler Gedankengang, prinzipiell nichts dran auszusetzen,“, stimmte Tony schon zu, „aber noch bin ich nicht eingeäschert. Sofern ich also nicht gleich zu Staub zerfalle, bleibt das hier Diebstahl in sechsstelliger Dollar-Höhe.“

„ Uh “, machte ich. „Die sind alle echt, oder?“ Fasziniert ließ ich meine Fingerspitzen über die vielen, geschliffenen Steinchen wandern, als er schon neben mich trat, locker die Arme verschränkte und seinerseits einen nachdenklichen Blick auf das funkelnde Armband warf. Obwohl er nur ein Poloshirt trug, strahlte Tony eine so rege Wärme ab, dass diese umgehend auf meine rechte Seite übersiedelte.

„Ich finde es gut“, schwindelte ich. „Du könntest es mir schenken?“

Tony sagte nichts, aber er sah beiseite, als habe er es mit einem niedlichen, unbelehrbaren Tölpel zu tun.

Umgehend witterte ich meine Chance und zwang meinen Puls gelassen zu bleiben, als ich schon Mut fasste, den stichelnden Humor abstreifte und bemüht beiläufig fragte: „Gehörte es deiner Mum?“

Einen Sekundenbruchteil weitete Tony die Augen. „Nein, das … ist eine von Dads Spezialanfertigungen.“

Verwirrt knitterte ich die Stirn. „ Huh ?“

„Weißt du, jetzt, da ich so darüber nachdenke …“ Er löste die Arme. „Behalte es.“ Urplötzlich beschwingt wandte er sich ab. „Eigentlich ist es perfekt. Wie du selbst sagtest: Hätte ich nicht besser hinbekommen können.“

Misstrauisch beobachtete ich ihn.

„Dad windet sich gerade dort unten, aber das ist schon in Ordnung. Hat er bloß sich selbst zu verdanken, nicht?“ Tony schenkte mir ein Lächeln, das, obwohl entspannt, so zynisch roch, dass ich meine Miene unweigerlich verfinstern spürte. „Immerhin“, resümierte er weiter, „hätte eines Morgens auch ein Korb vor seiner Tür stehen können.“

Raue Ahnung flutete mich, als er sein StarkPhone vom Esstisch einsammelte und weiterhin viel zu gesprächig fortfuhr: „Ich würde jetzt gerne argumentieren, dass so ein Armband dem damaligen Vaterschaftstest entsprach, einer bloßen Gedächtnisstütze, aber --- tja, machen wir uns nichts vor, gewisse Tests gab es schon da. Nein, Dad war einfach extravagant. Old School , würden manche sagen. Neurotisch, wenn du mich fragst.“ Wertend hob Tony die Brauen. „Wenn ich Geschenke aushändige, sind sie individuell und stehen nicht bereits vorgefertigt in einer Schmucktüte auf dem Weg hinaus bereit. Frag Pepper, sie hat die meisten in Auftrag gegeben-“

Meine Miene fiel auseinander, als ich entsetzt angesichts so viel ungebetener Details begriff.

„Was denn?“, gab er salopp zurück. „Du wolltest darüber sprechen, richtig?“

Vollkommen desillusioniert stierte ich wieder auf mein Handgelenk.

„Oh, keine Sorge, das ist nur das Backup-Exemplar.“ Er winkte entspannt. „Er hatte immer ein oder zwei im Vorrat. Falls es mal die Feiertage traf und keine Zeit blieb, beim Juwelier-“

„ Dad! “, protestierte ich.

Triumphal zufrieden angesichts meines entgeisterten Gesprächsabbruchs schmunzelte er.

Er hatte gewonnen. Schon wieder . Und wir beide wussten es.

Frustriert öffnete ich den Verschluss des bildschönen Armbands, zog es ab und ließ es in meine Hosentasche verschwinden, dann stierte ich demonstrativ hinaus auf den morgendlichen See, der sich hinter der riesigen Fenster- und Terrassenfront im weichsten Puderblau präsentierte, und sagte nichts mehr.

Tony inspizierte verhohlen meine Stille. „In Ordnung, du willst ein Familiengeheimnis hören? Etwas, das nicht in den Biopics und Wikis zu finden ist?“

Viel zu überrumpelt von der ungeschmückten Klarheit, mit der er meine bislang sehr verwinkelten Versuche enttarnte, mehr über seine Familie und Vergangenheit zu erfahren, antwortete ich nicht, aber meine Miene wies anscheinend dennoch helle Erwartung aus, denn er nickte schon und sah auf die Kücheninsel herab. „Also gut, hier ist eines“, verkündete er nach einem Augenblick, als fiele es ihm gerade ein, dabei wusste ich sofort, dass er es ganz sicher nicht zufällig wählte. „Mum sagte, er habe erst spät schwimmen gelernt. Da muss Dad schon in seinen Dreißigern gewesen sein.“

Ich blinzelte. „Er konnte nicht schwimmen?“

„Richtig.“ Tony setzte eine dichte Pause. „Er flog regelmäßig auf die Bahamas, aber mochte kein Wasser.“

Er ließ es stehen wie ein Verbrechen.

Ich schluckte.

Unvermittelt ließ er seinen Blick in meine Augen zurückspringen und obwohl ernst, lag vollendete Ruhe darin. „Du bist der komplette Gegenentwurf zu diesem Teil deines Stammbaums, Sola. Er würde nie verstehen, wieso du dort ins Wasser hinaus gehst und tust, was auch immer du da tust.“

„Die Welle rocken“, zitierte ich ihn.

„Genau.“ Er lächelte. „Aber wir beide wissen, es ist dein Mojo.“ Tony schien für eine Sekunde in einem Gedankengang auszuharren, den er eindeutig niemals mit mir zu teilen beabsichtigte, ehe er schon mit restloser Überzeugung nachsetzte: „Die Zeit, die du darauf verwendest, kann niemals verloren sein, Sola.“

Ein wenig verwirrt nickte ich.

Als sei damit nun wirklich alles gesagt, schwieg er. Ich wusste nicht recht, wieso er beschlossen hatte, genau dieses Detail mit mir zu teilen, noch verstand ich wirklich, woher diese unbedingte Klarstellung rührte, die ich nie angezweifelt hatte. Wenn er mir eines in den vergangenen Monaten wieder und wieder zu verstehen gegeben hatte, dann doch eben dies – dass ich meine weltlichen Träume von nun an verwirklichen konnte, klein wie groß; dass es das war, was er mir geben konnte und wollte , und – vor allem – dass es in alldem nicht darum ging, was ihm wichtig war, sondern mir .

Er atmete aus. „In Ordnung, lass uns über etwas anderes sprechen …“

Sein gefasster Tonfall ließ mich stocken.

Schnell warf er einen Blick auf sein StarkPhone, überflog etwas, vielleicht eine eingegangene Nachricht oder ein stummes Status-Update von FRI, dann sah er wieder zu mir. „Ich muss vorher nur kurz telefonieren. Pepper gefällt nicht wirklich, wie ich mit dieser Sache umzugehen gedenke, genau genommen, ist sie deswegen gerade sogar ziemlich eingeschnappt, aber ... Gib mir einen Moment.“

„Was gefällt ihr nicht?“

Er schritt schon aus der Küche. „Darüber sprechen wir gleich“, versicherte er, während er in Richtung Couchlandschaft wies und auf die Treppe zuhielt. „Warte hier. Bin gleich wieder da.“

-/_\-

Vage beunruhigt verließ ich die Küche, trat in den Wohnbereich herüber und ließ mich wie geheißen auf der hellen Couch gegenüber der inaktiven Gaskaminwand nieder.

Der Gedanke, dass Tony hinter mein Geheimnis rund um Wanda und mein magisch abgeklemmtes Trauma gekommen war, streifte mich mit kurzer, heller Unruhe, verlor sich aber fast sofort wieder. Irgendetwas in mir wusste einfach zu sicher, dass Tony keineswegs so ruhig und überlegt im Anschluss an so viel Geplänkel darauf zu sprechen kommen würde. Davon abgesehen, wusste ich beim besten Willen nicht, wie er es überhaupt in Erfahrung hätte bringen sollen.

Es geht um Elijah , ploppte schon ein neuer Verdacht in mir auf. Meine Brust flimmerte, während ich ertappte rote Flecken auf mein Gesicht zurückkehren spürte. Er hat aufgeschnappt, dass da etwas läuft. Womöglich hatte ihn jemand darauf gestoßen. Nat oder Happy oder Clint … Oder er hatte einfach nur mit Elijahs Dad zum kommenden Spiel telefoniert und die Thematik war dabei aufgekommen. Schließlich hatte ich vor Jack Magniconte nie klargestellt, dass ich Tony bislang eher im Unklaren darüber beließ, dass Elijah und ich neuerdings ein Paar waren. Jack mochte ihm gegenüber etwas angemerkt oder vielleicht auch bloß einen seiner unbefangenen Witze gemacht haben. Es brauchte vermutlich nicht viel, um Tony Stark die Scheuklappen in solcher Angelegenheit zu rauben.

Und potentiell undichte Stellen gab es genug.

Ich verzog die Miene. Ungemein peinliche Szenen aus Filmen und Erzählungen vom Schulhof streiften mich, in denen Elternteile in betont aufklärender Manier offenen Dialog über Hormone und die Entdeckung des eigenen Körpers und des anderen Geschlechts zu führen und in alldem zeitgleich ihre Tabus und Empfehlungen zu platzieren versuchten. Und, nein , ich wollte mir wirklich nicht vorstellen, noch wahrhaftig erleben, wie ein solches Gespräch mit Tony verlief.

Ugh, lass es nicht diese Art Gespräch werden.

Aber …

Auch das schien mir dann doch recht unwahrscheinlich.

Nein, Tony wäre unvermittelt auf Elijah zu sprechen gekommen und hätte den Einstieg vermutlich in einen triezenden Seitenhieb verpackt, um mich kalt zu erwischen und zugleich für meine Heimlichtuerei aufzuziehen, insbesondere, da ich ihm doch im Laufe dieses Morgens eine Vielzahl an besten Vorlagen geliefert hatte, denen er ganz sicher nicht hätte widerstehen können, um den Ball gekonnt in mein Feld zurückzuspielen.

Es ging nicht um etwas, das ich vor ihm verbarg, realisierte ich.

Ich stockte.

Iron Man , sprudelte es in mir auf und diesmal war ich mir schlagartig sicher. Beinahe sofort kehrten all die Dinge in mein Bewusstsein zurück, die ich zu Beginn der Woche in seiner beharrlichen Debatte mit Pepper recht unfreiwillig aufgeschnappt hatte. Pepper gefiel sein Umgang mit dieser Sache nicht, hatte er gesagt. Meine Brust zog sich zusammen, als mich auch schon eine schwer begründete Ahnung überkam, wie sehr es ihr nicht gefiel. Ich hatte sie schließlich gehört, ihre ausufernde Stimme, den flammenden Ernst darin, als sie von solch bitteren Aussichten in allem gesprochen hatte, was Iron Man und die Avengers umfasste, dass es für mich, seinem Kind, in jedem davon möglichen Szenario nur ein furchtbares Ende nehmen konnte.

Mein Herz begann zu kneten.

War es das? Würde Tony mir nun endlich gestehen, dass er Iron Man und die Avengers wählte und dass es deswegen keine Garantien für uns geben konnte? Dass er zukünftig nicht nur wieder das Risiko eingehen würde, in ihren spektakulären Kämpfen sein Leben zu verlieren, sondern nun auch im Gefängnis zu landen, sofern sich die Welt gegen ihre Superhelden zu kehren entschied? Dass er sich nicht länger aus dem Geschehen zurücknehmen konnte, noch wollte , wie er es anscheinend klammheimlich all die vergangenen Monate mir zuliebe getan hatte?

Und --- was würde ich antworten? Dass ich mir darüber im Klaren war und dass er das Richtige tat? Dass ich nichts anderes von ihm erwartete, es mit jeder Faser meines Herzens unterstützte, mit jedem strahlenden Atom heißen Abscheus für Stane und seinesgleichen, die Tony und die anderen rücksichtslose Mörder hießen, oder --- dass ich trotzdem so schreckliche Angst davor habe, etwas davon könnte wahrwerden, dass ich schon bei dem Gedanken jede Orientierung verliere?

Ehe ich meine plötzlich so aufgewühlten, widersprüchlichsten Emotionen noch ganz zu fassen bekam, kam Tony bereits wieder die Treppe herab.

Seine Schritte verlangsamten sich, als er mein Gesicht sah.

Ich blinzelte, zwang meine Miene in einen möglichst blanken Zustand zurück, doch es war zu spät, um ihn zu täuschen. Er trat auf mich zu und sank vor mir herab. „Hey, was soll diese Aufregung?“

Ich schüttelte den Kopf.

Als lasse er unser vorheriges Gespräch noch einmal Revue passieren, hielt er einen Sekundenbruchteil inne, seine dunklen Pupillen regungslos auf mich gerichtet und seine Miene in schnell erhebender Analyse gefroren. Als er nichts fand, mit dem sich meine bleiche Miene und mein ruheloser Blick erklären ließe, atmete er aus, ehe er schon kurz die Augen zusammenkniff und den Kopf meisterlich argwöhnend zur Seite kippte. „Hast du etwas angestellt?“

Ich stockte. Was?

„Wieder irgendein Essay vergessen? Noch etwas Anderes aus dem Lager mitgehen lassen? Redwing entführt? Caps Uniform eingesprayt? Okay, ich frage nur, weil das da gerade verdächtig beunruhigt aussah.“ Erwartungsvoll hob er beide Brauen. „Also – hast du?“

Vage brüskiert wich ich tiefer in die Couch zurück. „ Nein ?“

Tony hob die Hände. „Okay, okay.“ Er brachte sich zurück auf die Beine. „Ich sag es nur. Wäre ein guter Zeitpunkt. Besser früher damit raus als später …“

Eine Sekunde sprang es fast in meine Kehle; das Geständnis, seine Auseinandersetzung mit Pepper belauscht zu haben, sowohl daheim wie auch in Barbados, all diese Vorboten, die reines Unheil versprachen und die er vor mir verborgen hielt. Beinahe hörte ich mich fragen, fordern , dass er zugab, dass es übel um alles stand, was er aufgebaut hatte; um Iron Man und die Avengers, um ihn und Pepper, um uns , jede Zukunft, die da am Horizont wartete; dass er nichts garantieren konnte, dass ich ihn --- verlieren würde ---- wie Mum .

Aber ich sagte nichts davon. Stattdessen wartete ich darauf, dass er es tat.

Tony setzte sich. Er sann einen Augenblick nach, rieb sich kurz die rechte Gesichtshälfte, dann sah er mich wieder vollendet ernst an und ließ seine Finger unterhalb seines ikonischen Kinnbarts in seine Hand klappen. „Pass auf, worum es jetzt geht …“

Meine Arme wurden schwerer.

„Ich habe es vorab nicht angekündigt, weil ich nicht wollte, dass du dich verrückt machst. Es war diese Woche schon genug los, in das du dich erst eingrooven musstest. Die Midtown und das medizinische Gespräch gestern … dann der kleine Unfall in der Werkstatt … Aber ich werde das hier nicht aufschieben. Und auch, wenn Pepper nichts davon hält, sind Nat und die anderen derselben Meinung wie ich: Das hier ist notwendig. Ich kann dich nicht guten Gewissens allein vor die Tür lassen, wenn ich nicht sicher weiß, dass wir dir alles an die Hand gegeben haben, um im Ernstfall so reagieren zu können, dass du möglichst unversehrt wieder aus einer Geschichte herauskommst.“ Er machte eine pointierte Pause. „Du wirst heute lernen, mit einer Schusswaffe umzugehen, Sola.“

Perplex starrte ich ihn an.

Damit hatte ich nicht gerechnet.

„Du meinst …“

„Mit einer Handfeuerwaffe, ja. Einer Halbautomatik.“

Tony behielt mich sorgsam im Blick.

Ich sagte nichts.

„Hier geht es nicht darum, dich zu bewaffnen“, stellte er schon klar, „sondern dafür zu sorgen, dass du nicht völlig aufgeschmissen bist, sollte irgendwo einmal eine Waffe im Spiel sein und alle anderen Sicherheitssysteme versagen und keiner von uns rechtzeitig zur Stelle. Du wirst es ausprobieren, damit du weißt, was du tust, und dich nicht aus lauter Ahnungslosigkeit in Lebensgefahr bringst, solltest du in besagter Lage die Chance dazu bekommen und diese Chance die einzige sein. Kurz gesagt: Es geht darum, dass du überhaupt eine Chance hast.“

Er sprach von echten, tödlichen Waffen, wie ich sie unter anderem in Nats Fach im Quinjet zu Gesicht bekommen und wie sie auch Lax’ und Stanes Männer bei meiner Verfolgung verwendet hatten. Waffen mit Kugeln, mit Munition …

Jäh begriff ich, dass es eben das hier gewesen war, was Pepper vor einigen Tagen derart beunruhigt und aufgebracht hatte. Die Vorstellung, dass mein Kampftraining mit Nat und Rhodey, die SUN-1, FRIDAY, Happy und alle vorhandene Security nicht genug sein mochten, dass Tony mich sogar hierauf vorzubereiten gedachte. Einen Moment, in dem ich den Abzug drücken musste, um zu entkommen oder zu überleben. Ganz einfach, weil ich sein Kind war und dies auf meinem weiteren Weg lauern mochte.

Tony musterte mich nach wie vor. „Alles klar, was geht gerade in diesem Kopf vor sich?“, forderte er zu wissen.

Ich zögerte. „Ich weiß nicht.“

Bis auf das herkömmliche Luftgewehr, das mir Tante Jane dann und wann auf dem Jahrmarkt in die Hand gedrückt hatte, hatte ich noch nie eine Schusswaffe in der Hand gehalten. Und die Vorstellung, es nun zu erlernen, weil ich es musste und da draußen so viele bewaffnete Feindseligkeiten lauerten, dass Tony keinen anderen Weg sah, als mich darauf vorzubereiten, verschloss meinen Nacken in dichter Unruhe.

„Es wird nur ein kleiner Exkurs, Sola. Nichts Dramatisches. Ein wenig Sicherheitstraining und ein paar Schuss, um dir ein Gefühl dafür zu geben, wie es funktioniert. Das war’s. Und danach wird es – wenn es nach mir geht – nie wieder eine Rolle spielen.“

„Weil es FRIDAY und die SUN-1 gibt.“

Gefasst nickte er. „Ich habe noch andere Projekte in der Pipeline. Glaub mir, ich werde dieses Szenario auf eine Auftrittswahrscheinlichkeit drücken, die ausgeschrieben auf einem Blatt Papier nicht einmal mit einem Elektronenmikroskop zu entziffern sein wird.“

Er klang so entschlossen und sah so überzeugt aus, dass sich mein Nacken ganz unvermittelt wieder entspannte.

„Okay“, hörte ich mich leise erwidern. „Und wer bringt es mir bei? Nat?“

„Nein.“ Tony richtete sich auf. „Das hier übernehme ich.“

-/_\-

Nervös band ich mir die Haare zurück, während mein Blick durch die Waffenkammer des Avengers Hauptquartiers schweifte.

Ich hörte Tony immer noch in einem der geöffneten Fächer in meinem Rücken rumoren, da aber vor mir etwaige hochgesicherte Vitrinen mit Sichtfenster lagen, blieb mein Blick an der präsentierten Ansammlung verschiedenster Spezialanfertigungen hängen, die anscheinend nichts mit den klassischen Waffenmodellen zu tun hatten, die in den restlichen schmucklosen Schubfächern lagerten.

Ich hatte nicht einmal gewusst, dass das Team ein Waffenarsenal dieser Sorte besaß, setzten sie in der Regel doch auf ganz andere Stilmittel im Kampf, allerdings erschien es mir wenig überraschend, bedachte man, dass Tony zwar den Hauptzweig der Rüstungsmanufaktur von Stark Industries vor Jahren eingestellt haben mochte, aber deswegen natürlich noch lange nicht seine Kenntnisse, Ressourcen oder sein Genie dafür verloren hatte und das Team natürlich weiterhin mit bester Kampfmittel-Technologie versorgte, wie mir die Induktionsgranaten erst jüngst bewiesen hatten.

Die weißen Lichtpaneele über unseren Köpfen ließen den Raum so kühl wirken, wie es der Thematik zu entsprechen schien. Mir war nicht entgangen, dass neben der generellen Zugangseinschränkung in diesen Bereich auch ein Großteil der Fächer mit Zugriffspanels versehen war, die sich für Tony zwar allesamt dank FRIDAYs allgegenwärtigen Algorithmen öffneten, ehe er noch ganz nach ihnen griff, aber ganz sicher für jeden Außenstehenden Zugriffscodes oder Bio-Identifikation erforderten.

Schweigend knibbelte ich am unteren Saum meiner hightech-dünnen Schutzweste.

Ich hatte es nicht erwähnt, als Tony sie mir einige Minuten zuvor beiläufig in die Hand gedrückt hatte, aber es war dasselbe Modell, das ich schon auf meiner Flucht vor Zeke Stane getragen hatte, und ihr vertrauter Sitz ließ blass gewappnete Nervosität in mir aufbranden.

Ich hörte Tony das Fach schließen. Im nächsten Moment stand er schon wieder neben mir und legte eine dritte kleine, halbautomatische Pistole ab, die er, wie schon die beiden anderen, kurz zuvor schnell und gekonnt auf potentiell zurückgebliebene Ladung überprüfte, wie mir seine Handgriffe und das wohlbekannte Klicken verrieten, das selbst meine ahnungslose Gestalt einzuordnen wusste.

Vielleicht hatte ich das dritte Exemplar wieder auffällig gewappnet beäugt, denn er kniff mir leicht in die Schulter, als er sich schon wieder abwandte. „Keine Angst.“

„Hab ich nicht“, widersprach ich und ließ mit feuchten Händen meine Schutzweste los.

„Ein wenig Aufregung ist normal.“ Tony zog ein neues Fach auf, doch diesmal waren es keine Waffen, sondern zwei kleine, graue Behältnisse, die er herausnahm. Ich vermutete, dass sich Munition darin befand. Als er an den Tisch zurückkehrte, bestätigte er diesen Verdacht, indem er sie abwesend beiseite platzierte, als spielte sie vorerst keine Rolle. „Wir gehen das hier langsam an. Schritt für Schritt.“

Ich nickte.

„Sobald du eine Frage hast, stellst du sie. Es spielt keine Rolle, ob du etwas nicht verstehst, ich etwas noch einmal wiederholen soll oder ob du die Frage zu dumm findest, um sie mir überhaupt zu stellen. Das hier ist keine Aufnahmeprüfung, Sola. Ich habe das Sorgerecht angenommen, das alles ist längst in staubtrockenen Tüchern, du musst niemanden mit Coolness beeindrucken …“ Er schnalzte. „Ich bin ohnehin cool genug für uns beide.“ Er wies auf mich. „Du fühlst dich bei einer Sache unwohl, dann sagst du es mir. Wir können über alles reden. Ich bin hier und passe auf, dass dir nichts passiert, okay?“ Tony hob entspannt die Brauen, als ich wiederholt nickte. „Heißt im Klartext, das hier wird eine ganz spaßige, lockere Nummer. Abgesehen von den zweitausend Regeln, die ich gleich auf dich loslasse – die sind heilig. Aber, davon abgesehen, wird es ein Klacks.“

Nervös glucksend sank mein Blick auf die vor uns liegende Halbautomatik, nach der er bereits griff.

„Brauchen wir alle drei?“, erkundigte ich mich.

„Nein, ich habe bloß die Modelle mit dem geringsten Griffumfang und der kürzesten Distanz zum Abzug herausgesucht. Du sollst eine Vorstellung davon bekommen, wie ein optimaler Griff aussieht. Wir schauen gleich, welche dir am besten in der Hand liegt. Du hast kleine, putzige Baby-Hände; wahrscheinlich ist, dass die meisten Abzüge eher unkomfortabel für dich liegen, was wiederum darauf hinausläuft, dass du die Waffe nicht nach Lehrbuch halten kannst. Bei diesen drei Modellen sollte es gehen.“

Nachdenklich öffnete ich meine Handflächen und sah auf sie hinab. Ich hatte keine ungewöhnlich kleinen Hände für mein Alter, aber Tony hatte schon recht, sie waren winzig im Vergleich zu den seinen, ausgewachsen und männlich, und hatten immer noch etwas Kindliches an sich.

„Das ist im Notfall kein Hindernis, Sola“, fuhr er ruhig fort. „Du wirst eine Waffe abfeuern können, aber die Wahrscheinlichkeit dabei ein Ziel zu treffen, das nicht gerade direkt vor dir steht, ist geringer, weil du sie aufgrund des unzureichenden Griffs beim Abfeuern nicht sicher genug auf das Ziel fixiert halten kannst.“

„Und wie soll mir das dann helfen?“, fragte ich leise.

„Insoweit, dass sich besagte Person in dem Fall, für den wir hier üben, ziemlich zuverlässig nicht Yards von dir entfernt befinden wird, sondern höchstens wenige Fuß.“ Er zögerte. „Wir gehen von einer Situation aus, in der FRIs Notfallprotokolle versagt haben und die SUN-1 nicht zur Verfügung steht oder dich nicht rechtzeitig erreichen kann.“

„Ich wurde entführt oder werde von jemanden festgehalten“, hörte ich mich sagen. „Und ich … gelange an eine ihrer Waffen.“

Knapp nickte er.

Peppers Sorge und ihre empörte Warnung hallten jäh in mir nach. Sie hatte recht, ich lauerte bereits auf das nächste Unheil.

„Okay“, murmelte ich. Ich sagte es einfach, weil ich nicht weiter darüber nachdenken wollte. Tony schien es genauso zu gehen, denn er kam schon wieder auf die vor uns liegenden Waffen zurück. „Das sind die kleineren, handlicheren Modelle, Serie Ladykiller.“

„SI hat diese Dinger nach einem Longdrink benannt? Ähm, ich meine, Cocktail?“

„Nicht nur die, es gab noch die Serie Firestarter, Patriot und --- Warte kurz . Das weißt du woher genau?“

Verwirrt runzelte ich die Stirn. „Du sagtest gerade-“

„Nein, die Longdrink-Cocktail-Sache. Interessante Sachverständigkeit für eine Fünfzehnjährige.“

Unbeeindruckt sah ich zurück. „Jane hat ihn ab und zu gemixt. Sie mochte ihn.“

„Beantwortet nicht meine Frage.“

„ Was ist die Frage?“

„Dieses erstaunliche Expertentum im Barkeeper-Jargon – das ist angelesen, richtig?“

Ich zuckte die Achseln. „Allgemeinwissen?“

„Absolut nicht.“

„Vielleicht nicht in New York. Frag Daphne. Sie weiß es auch.“

„Nashua schickt Kinder also nicht nur für ein wenig Kleingeld im Schichtdienst in die Werkstatt, sondern gibt auch Barkeeper-Seminare in der Junior High?“ Er gab sich schockiert. „Jemand muss die Staatsanwaltschaft verständigen.“

„Sehr witzig.“ Seine Seitenhiebe auf Marcos’ schienen wirklich kein Ende zu nehmen.

„Also nie probiert?“ Er gab sich sorglos. „Nicht mal ein bisschen?“

Daphne und ich hatten uns einmal bei einem Grillabend ein wenig Wodka Tonic abgegriffen und es kam der Wahrheit nahe genug, dass ich lediglich den Kopf schüttelte, wofür Tony mich mit einem kurzen, ahnungsvollen Schmunzeln bedachte.

Dann hob er die Waffe in seiner Hand in seitlicher Position und augenblicklich erinnerte ich mich wieder, warum wir hier waren.

„Kimme … Korn, Mündung“, begann er. Sein linker Zeigefinger fuhr über besagte Partien der Waffe, von denen die meisten mir zwar im Wortlaut vage etwas sagten, aber die ich nie zuvor klar zugeordnet gesehen hatte. „Lauf … Bügel, Abzug … Das hier nennt sich die Griffschale. Und das ist der Entriegelungshebel.“ Er tippte auf eine kleine Stelle seitlich an der Waffe.

Nervös löste ich meine Hände von der Tischplatte und verschränkte wieder die Arme.

Wie um eine zweite Runde zu drehen, fuhr sein Zeigefinger wieder zum Ausgangspunkt hinauf. „Kimme und Korn bilden dein Zielkreuz beim Visieren. In der Griffschale befindet sich dein Magazin. Aus der Mündung kommt das Projektil. Mit dem Abzug schickst du es auf den Weg. Klar soweit?“

Ich nickte.

„Prima.“

Er reichte sie mir herüber. Überrumpelt stockte ich.

„Sie ist ungeladen, Sola. Hier, nimm sie in die Hand.“

Ich löste meine Arme wieder und nahm die Waffe entgegen. Sie war ein wenig schwerer als sie aussah, aber das lag allein daran, dass ich absolut keine Vorstellung gehabt hatte, wie viel schon eine kleine Halbautomatik wog. Kurz musterte ich die schwarze, raue Fläche der Griffschale und den recht kurzen, breiten Lauf, der in meiner Handfläche lag, alles so nichtssagend und blank, dass ich mir bei bestem Willen nicht erklären konnte, wie irgendjemand all die unterschiedlichen Modelle bloß auf einen Blick hin auseinanderhalten mochte, dann sah ich schon wieder zu Tony empor, der sich bereits eine der beiden anderen Exemplare griff.

Die Realität, dass Tony Stark mich soeben in Waffenkunde unterwies, holte mich ein und versetzte meiner Nervosität eine zusätzliche Spur beflügelnde Aufregung.

Für einen Augenblick vergaß ich, dass er mein Vater war und dass ich die eigenwillige Komposition seines Aftershaves, seines Parfum und des oftmals haftenden Geruchs seiner Werkstatt als so versichernd zu empfinden begonnen hatte, dass es mich tatsächlich sacht irritierte, wenn er einmal etwas Unbekanntes auftrug. Für einen kurzen, grellen Moment war er wieder Tony Stark, der Mann aus den Medien, der Milliarden mit Rüstungssystemen erwirtschaftet hatte und dann schlagartig aus diesem Markt ausgestiegen war, weil er mit Iron Man seine wahre Berufung gefunden hatte, die Skandale und Heldentaten gleichermaßen zelebrierte.

„Okay, lass uns ein paar Grundregeln durchgehen.“

Erwartungsvoll nickte ich.

„Zunächst das Offensichtliche: Niemals in die Mündung schauen. --- Nicht direkt, nicht vorsichtig und auch nicht ganz, ganz langsam. Weder bei einer Fehlzündung, noch wenn die Waffe ungeladen scheint, noch wenn sie dreimal überprüft wurde, noch wenn sie den Zauberer von Oz zu singen beginnt und Konfetti spuckt und dir versichert, dass sie bloß reden will. High zu sein ist keine Ausrede. Die Mündung schaut immer von dir weg, verstanden?“

Seine trockene Theatralik ließ mich die Stirn runzeln. „Wieso sollte ich high sein und eine Waffe benutzen?“

„Exakt meine Frage.“ Er deutete auf mich. „Und glaub mir, ich werde sie stellen. Spielt aber keine Rolle, denn ich werde a) definitiv nicht begeistert sein, ganz egal, wie poetisch die Antwort ausfällt, und b) ändert es absolut gar nichts an besagter Grundregel.“

„Hm, klar. Ist abgespeichert.“

Tony wurde wieder ernst. „Nächste Maxime: Wenn wir eine Waffe aufnehmen, klären wir zunächst immer den Ladezustand.“ Aufmerksam zog sein Blick von mir zu dem Beispiel in seiner Hand zurück. „Wir nehmen prinzipiell immer an, dass sie geladen ist, und behandeln sie auch so, ungeachtet dessen, was wir beobachtet zu haben glauben, was uns jemand zum Ladezustand sagt oder ob wir sie womöglich selbst vorher entladen und in den Waffenschrank zurückgelegt haben.“

Skeptisch sah ich auf die Waffe in meinen eigenen Händen, die ich immer noch wie einen kostbaren archäologischen Fund dargeboten hielt. „Du sagtest gerade-“

„Ja, ich sagte sie ist ungeladen und ich habe es zweimal überprüft, bevor ich sie dir in die Hand gegeben habe. Du weißt es noch nicht besser und deshalb musst du mir jetzt gerade vertrauen und darfst es auch – aber abgesehen von meiner Person jetzt und hier, Sola, glaubst du niemandem, bloß weil er es behauptet. Auch Rhodey kann einen Fehler machen. Auch Nat kann sich im Eifer des Gefechts versehentlich versprechen oder undeutlich ausdrücken oder dir das falsche Exemplar reichen. Selbst, wenn kein Magazin in der Waffe steckt, kann sich immer noch eine Patrone im Lauf befinden. Deshalb überprüfen wir eine Waffe, ehe wir weiter mit ihr verfahren. --- Das geschieht folgendermaßen …“

Tony begann von Feuer- und Schusslinien zu sprechen und der korrekten Ausrichtung des Laufs beim Überprüfen der Ladung. Er führte mir vor, wie man zum Entladen das Magazin abnahm, mehrmals repetierte, in dem man den Schlitten zurückzog und dabei immer eine sichere Ausrichtung der Mündung beibehielt. Er zeigte mir, wie man den Verschluss in rückwärtige Stellung brachte, den Magazinschacht und das Patronenlager überprüfte und sogar wie man eine gefundene Patrone korrekt und ungefährlich entfernte, in dem man sie herausfallen ließ, statt hinein zu greifen.

Nachdem er mir das gesamte Prozedere dreimal in unterschiedlicher Geschwindigkeit vorgeführt hatte, forderte er mich auf, es selbst zu versuchen. Obwohl meine Waffe bereits von ihm überprüft worden war, war ich derart bemüht, jeden einzelnen Schritt genauestens zu beherzigen, dass ich mich umgehend verzettelte und die sichere Schusslinie beim Überprüfen des Magazinschachts aus den Augen verlor. Tony machte mich gewohnt lapidar darauf aufmerksam, indem er bemerkte, dass ich anscheinend Senator Stern und Boynton einen Freundschaftsdienst erweisen und das Avengers-Team zu dezimieren beabsichtigte, denn meine Mündung sah geradewegs in Richtung Tür. Ehe ich noch reagieren konnte, trat er schon entspannt an meine Seite und fuhr damit fort, meine Handgriffe zu verbessern und mich für meine Umgebung zu sensibilisieren.

Meine aufsprudelnde Nervosität versickerte wieder.

-/_\-

Sie kehrte zurück, als wir schließlich an den Schießstand gingen.

FRIDAY fuhr das interaktive Standsystem hoch, während Tony ein paar gefüllte Magazine sowie die Waffe auf der Schießbank ablegte, die ihm bei unserem Trockentraining im Vorfeld für mich am geeignetsten erschienen war. In Gedanken kaute ich noch immer jedes Wort durch, das wir besprochen hatten. Wir waren mehr als eine Stunde in der Waffenkammer gewesen und nun da ich tatsächlich auf die lange, von hellem Tageslicht geflutete, vor uns liegende Bahn blickte und kurz davor war, meine erste Waffe abzufeuern, holte mich wieder Zurückhaltung und eine ordentliche Woge Aufregung ein.

„Anlage ist bereit, Boss“, informierte FRIDAY. „Schussfeld ist freigegeben.“

Kurz überprüfte Tony den Sitz meiner gelbgetönten Schutzbrille und meines intelligenten Gehörschutzes, dann bedeutete er mir dichter neben ihn zu treten. „Noch eine Sache.“ Er richtete meine Aufmerksamkeit zurück auf die bereitliegende Pistole.

„Das hier ist ein DA-System“, erläuterte er. „ Double Action . Heißt, es handelt sich um einen Spannabzug. Er führt ein wenig Widerstand. Wirst du gleich bemerken, wenn wir ans Werk gehen. Die Schlagbolzenfeder steht nicht permanent unter Spannung; so wird sichergestellt, dass sich kein ungewollter Schuss löst, wenn die Waffe zum Beispiel aus der Hand geschlagen oder fallen gelassen wird. Es gibt Waffen, die ein Single Action-System haben. Bei ihnen besitzt der Abzug kaum Widerstand, dafür muss vor jedem Schuss der Hahn aktiv gespannt werden. Das bedeutet also nicht, dass mit diesen Waffen etwas nicht in Ordnung ist, bloß, dass ein anderes Spannsystem vorliegt und sie zudem auch anfälliger für Unfälle dieser Sorte wären, okay?“

Befangen erinnerte ich mich wieder, wieso wir dies hier überhaupt taten. Dass es Tony darum ging, mich für eine Situation vorzubereiten, in der mir womöglich eine fremde Waffe in die Hand fiel und sie die einzige Möglichkeit zur Selbstverteidigung blieb.

Er sah mir ins Gesicht. „Alles paletti? Alles verstanden bis hierhin?“

„Ja, denke schon.“

„Bereit für den Main Act?“

Entschlossener denn erwartet hob ich den Blick in seine Augen und nickte.

Tony wies in Richtung Schussbahn. „Gut, das läuft jetzt wie folgt: Ich schieße zuerst, damit du dich an die Lautstärke gewöhnen und alles noch einmal live verfolgen kannst. Danach bist du an der Reihe. Trefferquoten sind erstmal nicht relevant, Sola. FRI wird uns melden, welche Flächen du erwischt hast, aber die erste Runde konzentrieren wir uns ganz auf die Sache an sich. Danach – wenn alles geklappt hat und du ein wenig ein Gefühl dafür bekommen hast – versuchen wir es mit etwas mehr Präzision.“ Kurz musterte er mich. „Irgendwelche Einwände?“

Ich verneinte.

Mein Herz begann etwas schneller zu schlagen, als ich einen Schritt zurücktrat, die Arme erwartungsbereit um mich legte und Tony dabei zusah, wie er das Magazin zielsicher in die Pistole einsetzte, seine zweite Hand über seine Schusshand legte und seinen Blick wie auch die Pistole in Richtung Zielscheibe hob.

Als er abdrückte, zuckte ich trotz des Gehörschutzes deutlichen Knalls zusammen. Beinahe sofort sprang meine Erinnerung zurück in jene Nacht in der Upper East Side, dem schwarzen Van, Fake-Raffys rufenden Männern, doch ehe mein Geist noch mein damalig rauschendes Blut und meine trommelnde Hilflosigkeit zu fassen bekam und aus dem Unbehagen ein Ungeheuer werden ließ, war der Moment einfach vorbei.

Abgeschnitten. Ohne die geringste Konsequenz.

Wohlwissend, welches Monster seine Fratze offenbart hatte; wohlwissend, was vor sich ging, und doch sicher vor dem ausgelegten Jumpscare. Wie ein Kind, das im Moment des Grusels, rechtzeitig die Hände vor die Augen hob und nie zu Gesicht bekam, was alle anderen ganz unvermittelt aufschreien ließ.

Nur waren es nicht meine Hände, sondern Wandas.

Kurz sah Tony zu mir, während mein eigener Blick schon zu FRIDAYs Nahaufnahme des Zielfeldes sprang und einen klaren Treffer identifizierte, dann setzte er einen zweiten und noch einen dritten Schuss nach und traf beide Male erneut.

Tony senkte die Pistole wieder, nahm das Magazin heraus, leerte den Lauf und legte alles geordnet auf der Schießbank ab.

Er wandte den Kopf in meine Richtung. „Du bist dran, Sonnenschein.“

Ich nickte und trat an seine Position. Tony verblieb neben mir, trotzdem schienen meine Hände eiskalt, als ich jäh wieder unsicher auf die vor mir ausliegenden Utensilien sah. Mein Kopf quoll vor Tonys vorherigen gründlichen Instruktionen und Hinweisen über, die nun allesamt gleichzeitig an die Oberfläche meines Bewusstseins drängten, aber etwas in mir blieb seltsam entschieden im Angesicht dieses Ansturms.

„Bereit, wenn du es bist“, ließ er mich wissen.

Konzentriert nahm ich die Waffe und das zweite Magazin auf und brachte beides zusammen. In derselben Sekunde, in der das Magazin einrastete, zog mein Herzschlag weiter an. Die Tatsache, dass ich urplötzlich eine geladene Waffe in der Hand hielt, versetzte mich in kristallscharfe Aufmerksamkeit.

In der gedämpften Umgebung unter meinem Gehörschutz pochte mein Puls nun so ausdauernd und präsent in meinen Ohren, dass er beinahe sogar Tonys nahe Stimme verdrängte.

„Gut so.“ Seine Präsenz schien eine einzige gleißende Versicherung. Obwohl all meine Nerven flatterten, folgte ich instinktiv seiner Anleitung. „Jetzt wie gerade geübt: Lauf in sicherer Richtung ausgerichtet behalten und die zweite Hand dazu. Position der Schusshand überprüfen: So hoch wie möglich, Zeigefinger bleibt lang, nicht am Abzug oder Bügel … Exakt. Sehr gut. Zeigefinger der anderen Hand dicht unter dem Abzugsbügel. Übt er ein wenig Druck aus?“

„Ja.“

„Gut. Kräftig, Sola, aber nicht krampfhaft.“

Ich nickte.

„Waffe bleibt im Anschlag. Lass mich die Daumen sehen …“

„Beide Daumen strecken, niemals hinter den Schlitten“, wiederholte ich gespannt, während Tony meinen Griff kurz in Augenschein nahm.

„Das sieht gut aus, Sola.“ Er nickte. „Nächster Schritt. Schusshaltung. Erinnerst du dich, was wir durchgegangen sind? Zeig es mir.“

Die Arme schussbereit gehoben, verlagerte ich meinen Schwerpunkt, bis es mir ausreichend schien, ging dabei vage in die Knie und richtete schon meinen schutzbrillenvergilbten Blick auf die winzigen Leuchtpunkte an Kimme und Korn, die mein Zielkreuz bildeten, während Tony ein letztes Mal schnell meinen Griff prüfte. Der Moment des Anvisierens und Zielens war mir so vertraut, mochte ich es auch sonst mit dem Bogen in weitaus entspannterem Zustand vollziehen, dass es mir unweigerlich noch etwas weitere Entschlossenheit verlieh.

Ich atmete aus.

Mein Herz trommelte, Schweißperlen prickelten auf meinen Rücken, sammelten sich in meinem Sweatshirt und meine kalten Finger schienen gestählt.

„Darf ich?“, summte ich.

Tony gab grünes Licht.

Drei lange Sekunden war es mucksmäuschenstill.

Ich drückte den Abzug.

Tony hatte vorhin nicht einmal geblinzelt, aber mich ließ der kräftige Knall, mit dem das Projektil die Mündung verließ, reflexartig die Augen zusammenkneifen, als auch schon der Rückstoß durch meine Handgelenke in meine Arme wanderte und den Lauf ein kleines Stück nach oben ausbrechen ließ.

„Waffe ausgerichtet lassen“, erinnerte mich Tony umgehend so entspannt und doch klar, dass ich sofort wusste, dass es ihm bereits auf den Lippen gelegen hatte, für jedwede meiner Reaktionen gewappnet, auch wenn ich mich weder vergessen, noch unkontrolliert oder gar erschrocken zurückgezogen hatte.

Seine Hand sank in mein Rückgrat, was ich trotz der Schutzweste beruhigend registrierte. „Alles gut?“

Ich nickte. Bis auf ein Beben, das durch meine Schultern zog und die erste aufgelöste Aufregung versickern ließ, fühlte ich mich tatsächlich schlagartig sehr viel entkrampfter.

„Glückwunsch. FRIDAY bestätigt, es war ein Treffer.“

Ein Lächeln brach auf meinen Lippen aus. „Cool.“

„Und wie.“ Tony erwiderte es, dann wies er schon mit einem Nicken nach vorne. „Gleich nochmal.“

-/_\-

Als letztlich erste Routine einsetzte, hatte ich bereits das halbe Magazin geleert, eine laut Tony mehr als akzeptable Trefferquote erzielt und Steve und Nat auf dem Glaskorridor bemerkt, der eine Etage höher am äußersten Rande des Schießstands vorbeiführte.

Beide schienen schon eine Weile dort oben, denn sie hielten sich einander in seichtem Gespräch zugewandt, während ihre Blicke beiläufig auf uns beide geheftet waren. Vielleicht beobachteten sie uns schon von Beginn meiner Schießübung an, ich schloss es nicht aus, denn erst jetzt begann ich mein Umfeld wieder vollends wahrzunehmen.

Als Nat meinen Blick zu ihnen hinauf bemerkte, nahm sie eine Hand von ihrem Ellbogen, winkte kurz und hob den Daumen. Dann sah sie schon wieder zu Steve und sagte etwas, das ihn nicken ließ, ehe er auflachte und knapp den Kopf schüttelte. Er rieb sich die Augen, setzte etwas nach, was sie sichtlich amüsierte, und wandte sich ab. Nat grinste zufrieden und sah wieder zu uns.

Wir beendeten mein Schießtraining.

Tony ließ mich die Pistole entladen, deshalb bekam ich nicht mit, wann Nat entschwand. Als alles zu seiner Zufriedenheit gesichert war und wir Schutzbrillen und Gehörschutz ablegten, war sie bereits fort und der Korridor verlassen. Während ich das Geschehen Revue passieren ließ, begann Tony beiläufig die herabgefallenen Patronenhülsen einzusammeln und in einem kleinen Behältnis zu entsorgen, das anscheinend genau dafür vorgesehen war.

Eine Weile schwieg ich und ließ eine eigene gefundene Hülse zwischen meinen Fingerkuppen wippen, doch als er sich umsah und keine weitere mehr zu entdecken schien, biss ich mir auf die Unterlippe, überwand den kleinen Kloß in meiner Kehle, der sich trotz der nun seltsam sprudelnden Zufriedenheit in mir abgesetzt hatte, und räusperte mich. „Pepper ist sauer auf dich?“

Tony wandte den Kopf.

„Wegen dieser Sache? Weil du mir das hier … zeigst?“ Ich stockte und wich seinem betont ausharrenden Blick aus. „Du sagtest vorhin, dass sie eingeschnappt ist“, erinnerte ich ihn, wie um mein leises Bohren zu rechtfertigen. „Und dass sie nichts hiervon hält-“

„Stimmt“, bestätigte er. „Sie war entschieden dagegen.“

Ich wusste das, ich hatte es aus ihrem eigenen Mund gehört , aber ich fragte trotzdem: „Wieso?“

Tony zögerte, strich sich abwesend mit dem Daumen über die rechte Braue und beugte sich jäh herab. Er sammelte eine weitere Hülse auf. „Sie findet, du solltest dich nicht mit diesen Dingen auseinandersetzen müssen. Erst recht nicht, nach allem, was erst kürzlich geschehen ist … Dass das alles ein Ende finden muss.“ Seine Stimme schien sich abzuwenden. „Und sie hat recht. In einer perfekten Welt würde ich auf sie hören.“

„Aber sie ist nicht perfekt“, sagte ich still. „Sie ist kaputt.“

Tony sah mich an.

Mein Herzschlag zog trotz meiner äußerlichen Ruhe urplötzlich ganz ungezügelt an. Es gibt kein Happy End , pulsierte es. Nicht für mich.

„So ist es doch“, hörte ich mich tonlos sagen. „Sonst bräuchte es die Avengers nicht. Wenn es etwas zu vergelten gibt, ist bereits etwas kaputt gegangen. Jemand hat etwas verloren. Oder jemanden.“ Ich sah beiseite. „Ihr würdet euch nicht so nennen, wenn ihr nicht bereits wüsstet, dass etwas Schlimmes geschieht, das niemand aufhalten kann.“

Deswegen standen wir nun hier. Das war es, was Pepper sah und Tony nicht abzuwenden wusste. Deswegen lernte ich eine Waffe abzufeuern, statt meinen Sonntag mit Snacks, Partys und Freunden zu verbringen.

Eine besorgte Falte trat auf seine Stirn. „Sola …“

Meine Brust verschloss sich. „Es wird etwas Schlimmes geschehen, oder?“, sprudelte es schon aus mir. „Du weißt es bereits. Irgendetwas wird passieren und-“

Tony trat vor mich und fasste mich bei den Schultern und dann mein Gesicht. „Hey, hey , ich sagte doch, das hier ist rein hypothetisch.“ Er schüttelte den Kopf. „Ich zeige dir das hier nicht, weil etwas geschehen wird, sondern weil etwas geschehen ist . Fanning und Zeke sind geschehen. Und es war eine Lektion, die ich nicht ignorieren darf . Denn ich werde dich nicht noch einmal hilflos in eine Geiselnahme spazieren lassen. Oder in ein anderes Unglück. Im Gegenteil, ich versuche dafür zu sorgen , dass es von nun an immer nur den bestmöglichen Ausgang für dich nimmt. In allem, Sola. Einfach in allem. Nur darum geht es hier.“

Ich verstummte. Seine Hände hielten immer noch mein Gesicht, obwohl ich ihn nicht länger ansah, sondern still auf den Kragen seines dunklen Poloshirts stierte.

„Wenn dir das hier Angst gemacht hat, dann machen wir es nicht wieder“, versicherte er ernst. „Ich wollte sicherstellen, dass du mit einer Waffe umgehen kannst. Und das tust du jetzt. Kein Grund, das hier fortzuführen-“

Schnell schüttelte ich den Kopf. „Das ist es gar nicht …“

Er ließ mich los, ohne sich aufzurichten oder mich aus seinem nun so eingehend aufmerksamen Blick zu entlassen. Augenblicklich bereute ich, dem innerlich köchelnden Tumult, der schon seit Beginn dieser Woche in mir wilderte, kurze Atemluft verschafft zu haben.

Auffordernd nickte Tony. „Also gut, was dann? Hilf mir hier.“

Ich weiß, dass du lügst.

Ich schnaufte, schloss die Augen und sah beiseite.

Er wusste , was da oben auf uns wartete. Das hatte er am Montag zu Pepper gesagt. Das Unvermeidliche . Der Grund, weshalb er Iron Man nicht aufgeben würde und nicht aufgeben durfte .

Einen langen Augenblick sagte ich nichts.

Ich holte Luft und entließ sie wieder. „Ich war ziemlich aufgeregt“, sagte ich schließlich, ohne auf seine Frage einzugehen. „Aber es war eigentlich echt cool.“

Es stimmte. Ich hatte diesen ganzen Nachmittag geliebt, realisierte ich. Tony hätte es ganz einfach Nat oder Rhodey überlassen können, aber er hatte entschieden, dass er es selbst sein wollte, der mir beibrachte, mein Leben auch in absolut widrigster Lage zu verteidigen. Und ich hatte es nicht einmal deswegen geliebt, sondern, weil er mich keine Sekunde daran hatte zweifeln lassen, dass ich diesen Moment überleben würde.

Dass ich gewinnen würde.

„Wenn wir früher auf dem Jahrmarkt waren, hat Jane mich ab und zu an Schießbuden schießen lassen“, begann ich langsam, ohne dass ich ganz verstand, weshalb meine Gedanken unvermittelt zu ihr sprangen. „Wir waren echt gut. Wir haben bunte Cowboyhüte getragen und kamen ständig mit Plüschtieren heim. Mum sagte dann immer, dass Jane aus mir einen richtigen Vagabunden macht. Ich war klein und fand das damals ziemlich lustig, also haben wir es uns von da an irgendwie zum Ziel gemacht, jedes Mal noch eine Trophäe mehr mitzubringen. Irgendwann waren wir bei zweiundzwanzig an einem Tag.“ Ich gluckste. Mein Herz kniff. „Das hier ist ganz anders, klar, aber …“ Ich zuckte mager mit den Achseln. „Keine Ahnung. Hat mich ein wenig daran erinnert.“

Tony richtete sich auf, nahm die Magazine und die Pistole von der Schießbank und wies auf mich. Er lächelte. „Warte hier.“

Ohne weitere Erklärung verschwand er zurück in die Waffenkammer.

Verwirrt harrte ich aus.

Als er zurückkehrte, hielt er ein Gewehr in der Hand.

„FRIDAY, gib uns deine beste Syracuse-Interpretation.“ Zufrieden angesichts meines überrumpelten Gesichts, als auch schon technische Bewegung auf dem Schussfeld aufkam, eine nahe Wand aus dem Boden wuchs und sich die Lichtverhältnisse milderten, hob er schon beide Brauen und strahlte mich an. „Was soll es sein, Little Miss Sure Shot? Clowns, Spielkarten oder Enten?“

-/_\-

Tony sah zu mir, als ich die Schutzweste in ihr vorgesehenes Fach zurücklegte und nachdenklich mein Sweatshirt richtete.

Die vergangene halbe Stunde hatten wir herumgealbert und einander aufgezogen und auch wenn ich mir sicher war, dass Tony mich ganz zum Schluss dann doch hatte gewinnen lassen , so auffällig leichtherzig und protestlos wie er seine Niederlage hinnahm, hatte ich es wie einen ganz und gar fair erkämpften Sieg behandelt, der nie auch nur zur Diskussion gestanden hatte.

Doch kaum, dass wir den Schießstand wieder hinter uns gelassen und über die Schwelle der Waffenkammer getreten waren, hatte sich schlagartig ein solch dichter Kloß in meinem Hals abgesetzt, dass ich von da an kein einziges Wort mehr herausgebracht hatte.

Inzwischen war alles aufgeräumt. Abgesehen von dem Luftgewehr sah die Waffenkammer wieder absolut unangerührt aus. Es gab nichts mehr zu tun, mit dem ich mich abzulenken wusste.

Ihre Abwesenheit strahlte in all meine Glieder.

Ich beobachtete Tony, während er das Luftgewehr wieder sorgfältig in das zugehörige Fach verstaute.

Er schloss gerade ab und wandte den Kopf, als ich schon stumm auf ihn zutrat und mich in seine Seite drückte. Umgehend schlang Tony seine Arme um mich.

Tränen liefen perlend meine Wangen hinab; so viele und so plötzlich, dass ich kaum begriff, wie sie alle unversehens aus mir herausquellen konnten.

„Ich vermisse sie“, hickste ich. „So sehr .“

Er atmete aus. „Ich weiß, Kleines …“

Seine Hände strichen über meinen Rücken und meinen Hinterkopf und obwohl es tröstlich war, so unfassbar tröstlich und versichernd, begann ich leise zu schluchzen.

Wie konnte ich in einer Sekunde derart fröhlich sein und mich schon in der nächsten so böse zertrümmert fühlen? Wie hielt mein Herz dies auf Dauer aus? Musste es nicht früher oder später stehenbleiben, immer und immer wieder in den alten Kummer zurückgetrieben?

Wie hielt irgendein Herz dies aus?

Sein Daumen fuhr über mein Ohrläppchen, als ich mit schlierendem Blick zu ihm aufsah und mich zu fassen versuchte. Es schien vergeblich. Mein Hals war nass, von meiner Nase tropften all die Tränen, die es nicht in jäher Flut meine Wangen hinab geschafft hatten, und meine Schläfen glühten vor angestrengter Fassung.

„Ich bin glücklich“, hickste ich widersinniger Weise wie im Protest, weil das reißende Gefühl in mir weiter zunahm, mich fast erstickte, und ich es nicht verstand , einfach nicht begriff, wie es trotzdem wahr sein konnte. Der Drang, Tony dies trotz allem zu versichern, überwältigte mich. „ Wirklich . Das – das hat nichts --- mit heute zu tun --- oder vorhin ---“

„Nein“, stimmte er sofort zu.

Er küsste mein Haar. Wortlos zog er mich an sich zurück.

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Schlussbemerkung: Ich habe mit Schusswaffen und Waffengebrauch keinerlei Erfahrung, dementsprechend ist alles, was in diesem Kapitel Erwähnung findet, (wie so oft) das Resultat einiger oberflächlicher Recherchen und Gespräche binnen weniger Tage. Sollte irgendetwas hiervon wirklich grober Unsinn sein, gerne darauf aufmerksam machen. Ansonsten gilt wie immer: Es handelt sich um Fiktion und ist dem generellen Unterhaltungswert zugunsten hier und da arg vereinfacht dargestellt. – Das gilt im Übrigen für die meisten Fachgebiete. In Nats eigenen Worten: Ich tue nur so, als wüsste ich alles. Ich bin so wenig Ingenieur, Mechaniker oder Quantenphysiker wie ich Meisterschütze, New Yorker oder Surfchampion bin. ;)