Von One-Night-Stands und Missverständnissen
Von One-Night-Stands und Missverständnissen
Sich ein letztes Mal über die Haare fahrend öffnete Harry die prunkvoll verzierte Tür. Die Zeit war nach der Arbeit etwas knapp gewesen, aber er hatte es geschafft.
Gedämpfte Bässe schlugen ihm entgegen. Er hob die Augenbrauen. Das kam unerwartet! Professor McGonagall hatte von einer Wohltätigkeitsveranstaltung gesprochen, deren Spendengelder weniger gut betuchten Schülern zugutekommen sollten. Für diesen Zweck hatte der frisch gegründete Theaterklub ein Stück eingeübt. Er sah sich um.
Im Saal war es schummrig, bunte Lichter bewegten sich langsam über den Boden und eine fröhliche Menschenmenge tanzte und lachte. Und darunter gab es keinen einzigen Teenager, geschweige denn ein Kind. Die meisten waren nicht einmal besonders jung. Im Gegenteil, die kunterbunte Menge bestand aus weißhaarigen Hexen und Zauberer, die in den unterschiedlichsten Kostümen steckten und sich prächtig zu amüsieren schienen. Er seufzte. Warum überraschte ihn das nicht? Sie neigte dazu, ihm gewisse Informationen vorzuenthalten, wenn sie ihn um Hilfe bat. Er verzog das Gesicht. Freiwillig wäre er auch nicht hergekommen. Tanzpartys waren so gar nicht sein Ding!
Er war gerade im Begriff sich umzudrehen, als Minerva neben ihm auftauchte. Mit einem eisernen Lächeln stellte sie sich ihm in den Weg. „Harry, mein Lieber! Da bist du ja endlich!“ Und ohne viel Federlesens packte sie ihn am Arm. „Komm, ich brauche dich dringend!“ Und schon zog sie ihn mit sich.
„Professor!“, entrang sich Harry ein schwacher Protest, „Du weißt doch, dass ich so etwas nicht leiden kann!“
„Ja, ja“, sagte sie geschäftig, klopfte ihm aufmunternd auf den Arm und zog ihn weiter. „Beschweren kannst du dich später. Kümmer dich erst um Severus, in Ordnung?“
„Severus?“ Harrys Stimme rutschte eine Oktave höher und er räusperte sich. „Er ist hier?“ Wieder ein Räuspern. „Wie hast du das denn geschafft?“
Der Tränkemeister hatte sich seit dem Skandal vollständig zu Hause verbarrikadiert und Harry nur höflich durch den magischen Kasten am Tor mitgeteilt, dass es ihm gut gehe. Sein Grundstück wurde regelmäßig von Reportern, Todesser-Groupies (ja, die gab es tatsächlich) und Hassern belagert. Erst hatte er eine Wache vor Severus` Haus postiert, doch das wurde schnell von Robards unterbunden. Gerechtfertigt, wie Harry zähneknirschend zugeben musste. Es gab schließlich weder eine Anzeige, noch eine direkte Bedrohung. Also hatte er es sich zur Aufgabe gemacht, jeden Tag dort vorbeizuschauen und sie alle zu verscheuchen. Wie viel Severus davon mitbekam, wusste er nicht. Weder beschwerte er sich je darüber, noch bedankte er sich dafür. Er seufzte leise. Es war okay für ihn. Der andere brauchte einfach Zeit. Und er selbst wohl auch. Das war nichts Neues. Aber Minerva hatte ihnen einen Strich durch die Rechnung gemacht.
Die Schulleiterin blieb abrupt stehen. Harry wäre um ein Haar in sie hineingelaufen. Fragend sah er sie an.
„Wie ich ihn hierher bekommen habe?“, lächelte sie fein und hob vielsagend eine Augenbraue. „Man muss nur die richtigen Knöpfe drücken!“ Harry verzog das Gesicht. Vielleicht wäre er beeindruckt gewesen, wenn sie bei ihm nicht dasselbe getan hätte.
„Du hast ihm ein Märchen aufgetischt!“, warf er ihr grollend vor. Wieso war es immer er, der sich um Severus kümmern musste!? Natürlich machte er es meistens ganz gerne, aber war er nicht ihr allerbester Freund!? Warum kümmerte sie sich nicht selbst um ihn?
Ein Lächeln mit hartem Blick. „Ein Märchen? Mein Lieber, ich muss vielleicht manchmal Verschleierungstaktiken anwenden, um besonders hartnäckige Einzelgänger, die sich meine Freunde nennen, zu helfen. Aber ich erzähle niemals Märchen !“ Sie schüttelte den Kopf, als habe er sie ernsthaft gekränkt. „Alles, was ich dir erzählt habe, ist wahr! Nur bist du erst zum vorletzten Teil der Veranstaltung geladen worden, die ein Kostümball für Erwachsene ist. Apropos -“, ein prüfender Blick glitt über ihn hinweg. „Wir müssen da wohl ein paar Korrekturen vornehmen!“ Sie zog ihren Zauberstab.
Bevor Harry wusste, wie ihm geschah, begann sich seine Robe zu verändern . Das lockere, dunkelgrüne Kleidungsstück wurde enger, wechselte die Farbe und saß plötzlich wie eine zweite Haut. Er schluckte, sah an sich hinab. Nun gut, es war nicht zu eng, obwohl jeder Brustmuskel sichtbar zu sein schien, war unten, Moment mal – ! Wieder ein schneller Blick auf die Farben Rot, Gelb, Blau und das Emblem mit einem fetten S. Er riss den Kopf hoch. „Sie kennen Supermann!?“ Er war als Kind ganz vernarrt in ihn gewesen!
Die Hexe schmunzelte: „Nun, Harry, wie du weißt, wird an Hogwarts inzwischen mehr Muggelkultur gelehrt. Da kommen wir an Comics nicht vorbei. Wenngleich wir auch viele Bücher lesen, braucht es doch eine Vielfalt der Medien.“ Sie zupfte an einem Ärmel und nickte zufrieden. „Filme können wir ja nicht schauen, was ich persönlich recht bedauerlich finde. Beim Lesen von Comics komme ich mir doch recht kindisch vor.“ Ein Lachen entschlüpfte Harrys Kehle und wurde eilig in ein Husten umgewandelt.
Nun traf ihn ein strenger Blick. Er hustete weiter, während vor seinem inneren Auge das Bild einer Direktorin erschien, die hinter verschlossenen Türen in Comics schmökerte. Das war zu komisch!
Dann hob sie den Zauberstab und er erstarrte. Sie würde ihm zwar kein Leid zufügen, aber – sein Haar verrutschte. Eine gelockte Strähne fiel ihm plötzlich auf die Stirn.
„Ich wollte schon immer wissen, wie du in dieser Kleidung aussiehst, deren symbolischer Charakter so gut zu dir passt!“ Ein bekräftigendes Nicken und ein Schmunzeln. „Steht dir!“ Schon immer? War sie nicht eine reinblütige Hexe?
Harry seufzte. Er könnte sich aufregen, aber das wäre wohl nur verschwendete Liebesmüh. Wenn sich diese Frau etwas in den Kopf gesetzt hatte, war es das Beste, einfach zu gehorchen. Schlussendlich bekam sie immer, was sie wollte! Wie sehr sie ihn in solchen Momenten an Hermine erinnerte ...
„Wo ist er?“, fragte er deshalb. Der Gedanke, er würde ihm gleich gegenüberstehen, machte ihn ganz nervös. Er fühlte Schweiß auf seiner Stirn ausbrechen. Einerseits wollte er nichts mehr, als ihm nah sein, aber gleichzeitig fürchtete er sich. Es konnte nicht gut ausgehen.
„Er ist dort drüben am Tisch!“, deutete Minerva auf eine der unzähligen Nischen, die den Tanzsaal umsäumten. „Seine Laune ist unterirdisch, seit ein Gast geäußert hat, dass er wohl der Einzige wäre, der weder eine Maske, noch Kostüm tragen müsste.“ Sie sah besorgt aus. „Dabei hat er sich nach seinem ersten Wutanfall ganz gut amüsiert.“
„Wutanfall?“, Harry hob die Augenbrauen und versuchte alle anderen Gedanken auszublenden. Außer Minerva konnte das wohl keiner so locker von sich geben. Sie regte sich nie auf oder fürchtete sich gar, wenn Severus laut wurde. Sie las ihm lediglich die Leviten und machte weiter. Eine wirklich beeindruckende Frau!
Und doch wirkte sie plötzlich abgekämpft. „Er hatte sich so lange Zuhause eingeschlossen, ich habe mir Sorgen gemacht! Dazu noch seine hundsmiserable Laune!“ Sie steckte ihren Zauberstab in einen Halter an ihrer Hüfte. „Ich musste etwas tun, Harry! Also habe ich gesagt -“, jäh hielt sie inne und warf ihm einen seltsamen Blick zu, winkte dann ab und wandte sich zur Seite. „Ach egal!“ Ein schalkhaftes Lächeln. „Kümmere dich um ihn, ja?“ Und bevor Harry auch nur die Chance zu einer Antwort hatte, war sie verschwunden.
Einige Sekunden blieb er stehen, blickte ihr nach. Was war das denn gewesen? Und was genau hatte sie zu Severus gesagt!? Er sah zögernd zum Ausgang hinüber. Noch konnte er gehen. Bisher hatte man ihm keinerlei Beachtung geschenkt. Sein Blick irrte umher, hielt schließlich bei der Nische. Sein Herz klopfte schneller, er musste schlucken. Konnte er wirklich gehen, ohne sich bei ihm zu melden? Und würde er es verwinden, wenn er ihn bei seinem Weggang beobachtete?
Er versuchte ruhig zu atmen und sich zu entspannen. Das war doch lächerlich! Wie lange sollten sie sich noch aus dem Weg gehen? Irgendwann musste der Anfang gemacht werden! Warum nicht jetzt? Seine Beine liefen los, bevor er den Entschluss gefasst hatte. Das erste Treffen würde sicher schwierig werden, aber er war wahrlich nicht feige! Er streckte den Rücken durch, zupfte an seinen Haaren herum und ging dann geradewegs auf die besagte Nische zu.
Kaum war er in den Durchgang getreten, schoss eine dunkle Gestalt vom Stuhl hoch. Ein Knurren ertönte, schwarzes, langes Haar wurde schwungvoll nach hinten geworfen und dann bleckten ihn schneeweiße Zähne an.
Harry erstarrte. Seit wann hatte Severus solche langen Eckzähne? Das war ein Vampir! Schon im nächsten Moment hatte er den Zauberstab gezogen, dann trafen seine Augen auf die seines Gegenüber. Dunkelheit, eine unendliche Tiefe, aber auch Erschrecken, gepaart mit Traurigkeit. Er schluckte, seine Hand mit dem Stab sank herab.
„Severus?“, fragte er unnötigerweise und musterte ihn genauer. Die Veränderung war nicht gravierend, abgesehen von den verlängerten Eckzähnen trug er sein Haar anders. Ein Teil war zurückgebunden, während der Rest ihm über die Schultern hing. Es sah gut aus, wenngleich ungewohnt. Und seine Robe - Harry hob die Augenbrauen. Manche Leute hatten echt keine Ahnung! Sicher, sie war schwarz, aber sehr gut auf Figur geschnitten, mit seidenem Kragen und ebensolchem Umhang.
„Wow!“, entwich es ihm, während seine Augen wohlwollend über jedes Detail glitten. Der Stoff hatte sogar ein edles Muster, welches ihn noch eleganter aussehen ließ. „Du bist ein großartiger Graf Dracula! Den stellst du doch dar, oder?“, wollte er wissen, lächelte unwillkürlich und begegnete aufs Neue Severus` Blick. Erst als ihm der seltsame Ausdruck in dessen Augen bewusst wurde, wich sein Lächeln, die Anspannung kehrte zurück. „Hallo“, murmelte er und versuchte lässig zu wirken. Verflixt! Er war echt schlecht in so etwas!
„Großartig ja?“, kam es nun heißer von seinem Gegenüber. „Weil wir beide Monster sind und es zu meinem Wesen passt?“ Severus` Blick flackerte, eine seiner Hände umfasste das Wasserglas auf dem Tisch ein wenig zu fest. Harrys Herz zog sich zusammen. Der Spruch von diesem Blödmann hatte ihm also zugesetzt! Wenn er den in die Finger bekam!
„Nein“, sagte er rau und trat näher, wollte schon nach seiner Hand greifen und packte stattdessen die Stuhllehne vor ihm. Er wagte zu bezweifeln, dass Severus diese Geste des Trostes zu schätzen wüsste. „Weil du verdammt attraktiv aussiehst und deine Robe umwerfend ist!“ Äh, hatte er das gerade laut gesagt? Er spürte, wie ihm Hitze ins Gesicht stieg. Er war wohl nicht Herr seiner selbst! Wie hatte ihm das über die Lippen kommen können? Eigentlich hatte er es nur gedacht. Nun ja.
Als sein Blick nervös zu Severus zuckte, starrte dieser ihn an. Die Augen schmal und prüfend, die Stirn kraus gezogen. Wahrscheinlich überlegte er, ob er es mit dem echten Harry Potter zu tun hatte. Er seufzte. Das hatten sie schon oft durchgespielt!
„Na los“, sagte er mit einem weiteren Seufzen. „Frag mich!“ Abwartend verlagerte er sein Gewicht auf den anderen Fuß und warf den Flaschen auf dem Tisch einen begehrlichen Blick zu. Er war direkt von einem Einsatz hergekommen. Sie hatten ziemlich lange warten müssen und Trinken war da nicht drin gewesen. Ihm entrang sich ein leises Stöhnen. Das man sich so nach einem Glas Wasser sehnen konnte! Hoffentlich machte Severus schnell!
Die dunklen Augen zeigten sich kurz überrascht, dann trat Entschlossenheit in sie. „Als du wegen Edgecombes Anhänger bei mir im Haus festsaßt, mit welcher Art von Magie habe ich sie eingesperrt?“ Harry blinzelte kurz, überlegte. Richtig, im Bericht hatte er ein Detail weggelassen. Außer ihnen kannte es niemand.
„Du hast Blutmagie benutzt“, sagte er mit gedämpfter Stimme und zog den Stuhl vom Tisch weg. „Wieso ist es so unglaublich, dass ich dir ein Kompliment mache? Ich habe dich auch geküsst!“ Er spürte zwar sein Herz bei den Worten schneller schlagen, aber passiert, war passiert. Da machte es eh keinen Sinn mehr, über verschüttete Milch zu klagen! „Darf ich mich jetzt setzten?“
„Wie?“ Sein Gegenüber starrte ihn sichtbar fassungslos an. „Wieso?“
„Wieso was?“, hob Harry die Augenbrauen und tat ahnungslos. Schwer ließ er sich auf den Stuhl fallen und griff nach einer Wasserflasche samt Glas. Endlich konnte er trinken!
„Kommt das jetzt echt so überraschend?“, wollte er wissen, nachdem er seinen Durst gestillt hatte. Okay, er hatte nicht mit der Tür ins Haus fallen wollen. Andererseits war es auch nicht gerade ein Liebesgeständnis gewesen! Nur ein einfaches Kompliment. War der andere es wirklich so wenig gewohnt? Der Gedanke schmerzte ihn. Er begegnete seinem Blick und hätte fast sein Glas vom Tisch gefegt.
Severus hatte zwar wieder Platz genommen, starrte ihn allerdings auf eine so intensive Art an, dass Harry heiß und kalt wurde. „Wieso bringst du mich ständig aus dem Konzept?“, fragte er endlich. „Wieso sagst du solche Dinge zu mir?“ Nun, das waren deutlich konkretere Fragen. Harry wurde wieder nervös. Trotzdem wollte er ihnen nicht ausweichen. Rons Verhalten Hermine gegenüber war ihm eine Lehre gewesen. Er mochte den Tränkemeister zu sehr, als dass er ihn auf diese Weise verlieren wollte.
„Ich habe nur die Wahrheit gesagt“, entgegnete er und hielt dem bohrenden Blick stand. „Du siehst toll aus! Und was macht es schon, dass du dein Aussehen kaum verändern musstest? Du weißt, dass weder das Aussehen, noch die Wesensart eine Person definiert!“ Er sah ihn eindringlich an. „Du bist du selbst geblieben, in der Zeit als Spion, hast immer für das Gute gekämpft und alles Geschwätz an dir abprallen lassen! Dagegen ist dein neues Aussehen doch ein Klacks!“ Nun grinste er offen: „Und was spricht dagegen, eine Nacht als heißer Vampir herumzulaufen?“ Verflucht, er hatte es schon wieder getan! Hatte er etwa Alkohol statt Wasser getrunken? Sein Blick zuckte zur leeren Flasche. Nein, es war gewöhnliches Mineralwasser.
„Heiß, ja?“ Hatte Severus schon immer eine so tiefe Stimme gehabt? „Da wir schon so offen miteinander sind: Dein Kostüm ist auch nicht zu verachten! Du trainierst mehr, als ich erwartet hatte.“ Seine Augen glitten über Harrys Körper, langsam, fast lasziv. Harry schluckte. Flirtete Severus etwa mit ihm? Wenn ja, hatte er es echt gut drauf! Plötzlich waren da Bilder in seinem Kopf, die ihm den Atem nahmen und seinen Körper in ein Stück williges Fleisch verwandelten. Wäre es wirklich so schlimm, wenn sie etwas Spaß zusammen hätten?
Mühsam holte er Luft. Nein! Er durfte nicht vergessen, wo sie sich befanden! Sie waren schließlich keine Teenager mehr, die sich nicht unter Kontrolle hatten! Oder ging es nur ihm so? Severus wusste ja eigentlich immer, was er tat.
Er knüllte die Serviette auf dem Tisch zusammen. Doch spielte es eine Rolle? Heute musste alles glatt laufen! Er hatte vorhin einige hochrangige Zauberer und Hexen bemerkt, die sich in der Menge bewegten. Sie beobachteten den Tränkemeister sicher mit Argusaugen! Minerva musste das geplant haben! So nach dem Motto, seht nur, wie gut Harry Potter sich mit Severus versteht! Er zog eine Grimasse. Wenn sie nur wüsste!
Die Musik stoppte. „Meine Damen und Herren, die geschätzte Professor McGonagall hat mir die weitere Leitung überlassen, weil sie die Pflicht gerufen hat.“ Harry stand auf und trat in den Durchgang, um sich nach der Stimme umzusehen. „Ich finde, wir können etwas Abwechslung gebrauchen. Deshalb fordere ich Sie nun zum Freundschaftstanz auf!“ Endlich entdeckte Harry das Podium und die schmale Hexe mit dem brünetten Haar. Sie war schlank, knabenhaft gebaut und steckte in einer entzückenden, grünen Robe. „Nehmen Sie einen guten Freund oder eine Freundin an die Hand. Tanzen Sie als Paar oder eine Polonaise!“ Harry hob beide Augenbrauen. „Und keine Sorge“, ihre Stimme klang süß und völlig wohlmeinend. „Wer keinen Partner finden sollte, den werde ich persönlich zum Tanzen auffordern!“ Sie strich ihr schulterlanges Haar zurück und zwinkerte fröhlich in die Runde. „Tanzen ist nämlich meine geheime Leidenschaft!“
Eine Hand griff schlagartig nach Harrys und ließ ihn herumwirbeln. Severus hatte ihn gepackt. „Du tanzt mit mir!“, erklärte er rigoros. „Ich führe!“ Und schon machte er sich daran, aus der Nische zu treten. Verdattert stand Harry still. Was war denn jetzt wieder los? Er kannte den anderen gar nicht so tanzwütig! Im Gegenteil, er hatte geglaubt, dieser würde eher durchs Feuer laufen, als sich mit jemandem im Kreis zudrehen.
„Severus!“, packte er die Hand fester, stemmte sich in den Boden und zog. „Warte!“
Der Mann hielt inne. Als er sich ihm zuwandte, war da etwas Verletzliches in seinem Gesicht. Harry legte ihm die andere Hand auf die Brust, der Tränkemeister erstarrte. Nun war da nur noch Leere in seiner Miene. Ein deutliches Zeichen, dass er seine Gefühle vor ihm verschloss.
„Was ist denn los mit dir? Willst du wirklich mit mir tanzen? Dir ist doch klar, dass das Gerede geben wird!?“
Nun veränderte sich der Gesichtsausdruck des anderen. Plötzlich war da Resignation. „Es ist wegen deiner Freundin“, sagte er knapp und sah an ihm vorbei zum Podium. „Neigt sie zur Eifersucht?“ Verdutzt legte Harry den Kopf schief. „Verständlich. An ihrer Stelle würde ich dich nicht mehr aus den Augen lassen! Du bist zu beliebt!“ Das bescherte ihm ein paar Schmetterlinge im Bauch, bevor ihm die Bedeutung vollends klar wurde.
„Freundin? Welche Freundin?“, wollte er wissen. Von wem sprach Severus denn? Hatte er das neuste Gerücht verpasst? Ein verächtliches Schnauben.
„Ist sie etwa schon deine Ex?“
„Äh?“ Harry verzog das Gesicht. „Ich hatte schon ewig keine Freundin mehr!“ Ein scharfes Einatmen.
„Also war es nur ein One-Night-Stand? Arme Frau!“ Severus´ Mitgefühl klang echt. Er hatte Harrys Hand losgelassen und trat einen Schritt zurück. Verwirrt runzelte Harry die Stirn.
„One-Night-Stand?“, er kam sich vor wie eine kaputte Schallplatte. „Mein letzter ist schon lange -“, er verstummte und spürte Hitze in seinem Gesicht aufsteigen, so genau musste der andere das nicht wissen! „Severus, von wem sprichst du!? Ich stehe nicht auf wahllosen Sex mit irgendwelchen Fremden!“ Ein Grollen.
„Ich habe sie mit eigenen Augen gesehen!“ Der andere verstummte und sah ihn erstmals wieder richtig an. So viele Gefühle schlugen Harry entgegen, dass er regelrecht überrollt wurde. „An dem Tag, als Robards mir das Angebot machte.“ Etwas in ihm erstarrte. „Es war eine kleine Blondine mit sehr großen -“
„Ja!“, unterbrach Harry ihn schroff. „Ich weiß, von wem du sprichst!“ Ihm wurde flau im Magen, er schluckte. Hatte Severus sich deshalb damals zurückgezogen? Ihretwegen? Er versuchte ruhig zu bleiben. Sie machte ihm schon wieder Ärger, obwohl sie nicht einmal anwesend war. „Sie ist ein verrückter Fan“, brummte er, froh, dass er schon so locker darüber sprechen konnte. „Leider auch eine Arbeitskollegin.“
„Oh“, hörte er Severus sagen. „Fan also.“ Stille. „Wenn das so ist ...“ Und dann war da wieder eine Hand, die seine Rechte umfasste. „Dann tanz mit mir! Ich stehe nämlich nicht auf zudringlichen Körperkontakt mit irgendwelchen Fremden!“ Er zog Harry mit sich, direkt aufs Tanzparkett.
Ein Arm legte sich um seine Taille und er wurde an eine überraschend harte Brust gezogen. Der Duft von Ingwerkraut und Renzian hüllte ihn ein. Harry blinzelte und wurde sich bewusst, wie nah er ihm so unvermittelt war. Es ließ negative Gedanken verschwinden und ihn tief einatmen. Wie er diesen Duft liebte!
„Entschuldige!“, hauchte ihm da eine Stimme ins Ohr und bescherte ihm eine angenehme Gänsehaut. „Ich hätte nicht vorschnell urteilen sollen! Mein Fehler!“ Harry holte stockend Luft und ließ sich herumwirbeln. Sein Kopf lag plötzlich auf Severus` Schulter. Die Geschichte mit Monica rückte in weite Ferne. Nun verspürte er nur noch Geborgenheit. Er vergrub sein Gesicht an dem weichen Kragen und seufzte erleichtert auf. So schnell konnte die Welt wieder in Ordnung sein.
„Sehr gut!“, durchbrach eine fröhliche Stimme seine Gedanken und ließ ihn hochfahren. Wie hatte er schon wieder vergessen können, dass sie nicht alleine waren!? „Ich sehe viele motivierte Tänzer. Und ich bin mir sicher, dass ich auch allen anderen noch etwas beibringen kann!“ Harry stemmte sich gegen Severus und versuchte, mehr Platz zwischen ihnen zu schaffen. Sie zogen schon Blicke auf sich! Selbst die Hexe, welche die Ansage gemacht hatte, schien sie zu beobachten.
Jäh wurde er wieder näher herangezogen und drehte den Kopf. Der andere musste doch begreifen, in welche Lage er sich dadurch brachte! Es war wirklich nicht nötig, so eng zu tanzen! Der fixierende Blick ließ ihn die Augen aufreißen, bevor er sich wieder unbeteiligt gab. Wie lange starrte der andere ihn schon so an!? Als ob er ihn auf Herz und Nieren prüfen wollte! Es pochte in seiner Brust, schnell und unregelmäßig.
„Ich kann sie nicht leiden“, sagte Severus da im Plauderton. „Die neue Lehrerin der Slytherins. Mit der tanze ich nicht!“ Das kam unerwartet. Harry hob die Augenbrauen. Sein Tanzpartner verzog das Gesicht. „Du hattest recht.“ Nun machte Harry den Mund auf, um nachzufragen, aber der andere fuhr fort: „Sie steht auf Vampire und solchen Kram. Ist ganz versessen darauf!“ Ein Kopfschütteln. „Sie hat mich sogar in der Krankenstation besucht und mich heute schon mehrmals zum Tanz aufgefordert!“ Bei Severus klang es wie ein Verbrechen. Harry musterte ihn. Er hatte keine Ahnung, wie er reagiert hätte, wenn die Sache mit Monica nicht gewesen wäre. So konnte er es durchaus nachvollziehen. Der andere war ein sehr reservierter Mensch. Und bei solchen war es umso wichtiger, sie nicht zu bestürmen. Da gingen sie gleich in Abwehrstellung.
„Willst du deshalb nur im Paartanz mit mir tanzen?“, fragte er schließlich nach. Der andere nickte. „Sicher ist sicher! Und Polonaise“, er sprach das Wort wie ein Schimpfwort aus, „tanze ich nicht!“ Nun musste Harry doch schmunzeln. Er hätte es nur zu gerne gesehen. Es wäre bestimmt lustig gewesen.
„In Ordnung!“, sagte er in normalem Tonfall und versuchte sich in den Rhythmus einzufühlen. Dann würde er sich jetzt ein bisschen Mühe geben. Bisher hatte Severus ja die ganze Arbeit allein gemacht! Schritt, Schritt, jäh wurde seine Hüfte herangezogen. Ihm entwich ein atemloser Laut. Meine Güte! Der andere konnte wirklich verdammt gut tanzen, richtig erotisch! Wie hatte ihm das vorher entgehen können?
Er sprach einen ungesagten Zauber, sein Körper durfte ihn hier nicht verraten und drehte sich schwungvoll aus. Es machte überraschend viel Spaß, die weibliche Rolle zu tanzen. Er sollte das öfter tun!
Severus` Finger veränderten jäh ihre Position, strichen sacht über Harrys und er war wie elektrisiert. Ruckartig drehte er den Kopf, begegnete wachsamen Augen. War das Absicht gewesen? Forschend musterte er ihn und hielt seinem Blick stand. Er könnte in dieser Schwärze versinken. Es war wie eine süße Folter in diese Augen zu blicken, ihn zu begehren und nicht haben zu können.
Abrupt beugte sich der andere näher zu ihm, in seinen Augen funkelte es. „Kein One-Night-Stand also?“, raunte er mit heißerer Stimme. Und wieder einmal galoppierte Harrys Herz. Wie lange konnte er das noch durchhalten? Er wollte ihn an den Aufschlägen seiner Robe packen und in die nächste, dunkle Ecke zerren!
„Nein“, rang er sich schließlich doch zu einer Antwort durch. Wie sehr er sie schon jetzt bereute! Er wollte ihn, verdammt noch mal! Und wie er ihn wollte! „Das kann ich nicht, Severus!“ Wieso sagte er so etwas!? Natürlich könnte er! Das war nun wirklich nicht schwer! Er hatte es sich schon oft genug ausgemalt, in all den Nächten, in denen er wach lag und an ihn dachte. Er atmete zittrig aus. Und wie immer kam er wieder zu demselben Schluss. Es würde nichts ändern! Sex allein, machte ihn nicht glücklich und das war alles, was Severus zu wollen schien. Warum war das Leben nur so grausam? Warum bekam er diese Chance geboten und gleichzeitig wurde ihm verwehrt, was er sich wirklich wünschte? Gequält sah er ihn an.
Die dunklen Augen waren unergründlich, doch schien es fast, als wäre sein Griff sanfter geworden. Hatte er ihm etwa vom Gesicht ablesen können, wie schwer ihm diese Antwort gefallen war? Aber vielleicht hatte Harry auch nur etwas missverstanden.? Er hielt sich an seiner Schulter fest und bewegte sich mit ihm als Einheit. Nun, er würde den Tanz bis zum Ende auskosten!
Minerva war schon aufs Podium getreten und diskutierte halblaut mit der Hauslehrerin der Slytherins. Er machte eine halbe Drehung und ließ sich wieder an die starke Brust ziehen. Mal abgesehen von allem anderen, war es durchaus faszinierend mit einem Mann zu tanzen. Ginny war die Einzige gewesen, mit der er es je so eng versucht hatte. Was fraglos seinen Reiz gehabt hatte, aber ihm gleichzeitig Panik bescherte. Er hatte sich eingeengt und gefesselt gefühlt. Was ziemlich paradox war, wenn man die starken Arme und den festen Griff des Tränkemeisters bedachte. Und trotzdem hatte Harry sich fallen lassen können und genoss es. Er fühlte sich frei.
Die Musik ebbte ab, er blinzelte. Severus Körper stoppte, sie blieben stehen.
Wie aus einem Traum erwachend sah sich Harry um. Viele Blicke waren auf sie gerichtet, aber man blickte sich auch allgemein um. Es wurde getuschelt, dann wandte man sich der Direktorin zu.
„Mister Potter, Mister Snape“, erklang da Minervas Stimme. „Eine wahrlich beeindruckende Demonstration Ihres Könnens! Hätten wir heute Abend ein Tanzturnier abgehalten, hätten Sie sicherlich einen der ersten Plätze gewonnen!“ Sie klatschte mit zufriedenem Gesichtsausdruck in die Hände. „Ich denke, jetzt dürfte jedem hier klar geworden sein, dass Severus Snape sich trotz seiner körperlichen Veränderung in guter mentaler und körperlicher Verfassung befindet!“
„Hört, hört“, brummte ein älterer, dürrer Mann, der mit seinem großen Zylinder und den Koteletten eine gewisse Ähnlichkeit mit Abraham Lincoln hatte. „Ganz überzeugt bin ich noch nicht!“ Er rückte die schwarze Fliege zurecht und stützte sich auf einen Stock. „Tanzen zeugt nicht zwangsläufig von Intelligenz!“
Eine ältere Dame, die sich in ein Kleopatra-Kostüm gequetscht hatte, murmelte halblaut: „Klar, dass du das sagen würdest!“ Sie war aus ihrem Schuh geschlüpft und rieb sich den Fuß.
Professor McGonagall hob die Hände: „Eines wollen wir gleich mal klarstellen! Mein guter Freund Severus ist nicht hier, um sich irgendjemandem zu beweisen!“ Sie lächelte Harry und Severus an, die dicht beieinanderstanden. „Ich denke die Tatsache, dass renommierte HeilerInnen ihm eine gute Gesundheit in allen Belangen bescheinigt haben, dürfte jeden zufriedenstellen.“ Diesmal war eine gewisse Schärfe in ihrer Stimme. „Vielleicht war es aber auch mein Fehler, da ich das Thema zur Sprache gebracht habe.“ Ihr Blick glitt langsam über die Gäste hinweg. Es war sehr still geworden.
Sie griff nach ihrem Zauberstab, murmelte etwas. Der Festsaal begann, sich zu verändern. Es flirrte und flimmerte in der Luft.
„Wunderbar!“, ließ die Hexe verlauten, klatschte in die Hände. „Genau das brauchen wir jetzt!“
Im Raum war es deutlich heller geworden, die bunten Lichter waren verschwunden und durch edle Lüster ersetzt worden, die von der Decke hingen. Oder waren sie vorher schon da gewesen? Harry war sich nicht sicher. Stattdessen standen plötzlich Stühle da. Sie bildeten einen großen Halbkreis um die Schulleiterin herum.
„Setzen Sie sich bitte! Harry, Severus, Sie dürfen zu mir kommen!“ Die beiden Männer warfen sich einen Blick zu. In den Augen des Tränkemeisters meinte Harry einen Hauch von Panik zu erkennen. Was auch immer Minerva von ihm wollte, er würde es ihr wohl nicht abschlagen können.
Er musste grinsen und erntete prompt einen finsteren Blick. Das würde bestimmt lustig werden! Und so im öffentlichen Fokus würde es ihm auch deutlich leichter fallen, keine Dummheit zu begehen, die er später bereute. Damit war es für ihn entschieden! Mit einem letzten Schmunzeln setzte er sich in Bewegung.
„Etwas zügiger bitte!“, kam es nun streng von vorne. Hinter sich hörte er ein Grollen, dann einen Schritt. Severus folgte ihm also.
„Es geht doch!“, nickte die Hexe in die Runde. „Unsere beiden Helden dürfen den letzten Part unseres Wohltätigkeitsballs vorführen! Es geht um das Muggel-Spiel Scharade.“ Ein leises Tuscheln setzte ein, erstarb jedoch sofort, als sie einen Blick in die entsprechende Richtung warf. „Es handelt sich um ein Spiel, welches sich bei den Muggeln seit Hunderten von Jahren mehr oder weniger großer Beliebtheit erfreut.“ Sie hob eine Karte von einem Stapel auf, der auf einem Tischchen neben ihr lag. „Sein Vorteil besteht darin, dass man es nur mit minimalem Aufwand und Mitteln spielen kann!“ Harry und Severus hatten unterdessen das Podium erreicht und stiegen die Stufen hinauf.
„Bitte meine Lieben“, deutete sie nun auf zwei Stühle, die in der Mitte standen. „Nehmen Sie Platz!“ Sie beobachtete sie für einen Moment und wandte sich dann den restlichen Besuchern zu. „Bevor wir offiziell beginnen, gibt es eine Proberunde. Harry hier“, sie lächelte ihn an, „wird beginnen! Sie kennen doch die Spielregeln, nicht wahr?“ Sie erklärte sie trotzdem.
Nachdem sie geendet hatte, meinte sie: „Um dem Ganzen mehr Würze zu verleihen, gewinnen die drei besten Teams jeweils zwei Muggel-Theaterkarten für das Stück: LaTraviata samt Abendessen im Ballsaal, eine Erstausgabe der Werke von Lubilla Markowitq und einen Jahresvorrat von Saubermanns Simsalabim!“ Harry hob beeindruckt die Augenbrauen, da hatte sich jemand nicht lumpen lassen! Allein diese Erstausgaben waren Tausende von Galleonen wert!
„Teams?“, durchschnitt Severus´ raue Stimme die Stille. „Und wie werden diese festgelegt?“
Die Schulleiterin wandte sich ihm zu, blitzte da etwa Schalk in ihren Augen auf? „Mein geschätzter Freund, jeder außer Ihnen und Mister Potter hat sich zu Beginn als Team im Register eingetragen. Daher würde ich vorschlagen, dass Sie beide gemeinsam eines bilden.“
Als ein seltsamer Gesichtsausdruck über die Miene das anderen zuckte, lächelte sie: „Es sei denn, Sie sind nicht an einem Gewinn interessiert!“ Und plötzlich begriff Harry: Diese Erstausgaben waren allein wegen Severus auf der Gewinnerliste gelandet! Lubilla Markowitq, natürlich! Sie galt als die Mutter der modernen Zaubertränke! Selbstverständlich wollte der andere eines der Bücher besitzen!
Er schüttelte innerlich den Kopf. Minerva war wirklich mit allen Wassern gewaschen! Am Ende würde diese Veranstaltung noch dafür sorgen, dass ihr bester Freund sich häufiger in der Öffentlichkeit zeigte! Nachdenklich musterte er sie. Und in einem Team mit Harry zu sein, würde seinem Ansehen auch nicht schaden. Er lächelte. Für Snape würde er dieses Spiel durchaus überstehen!
„Also gut, setzen wir uns, Severus. Mister Potter darf beginnen. Hier ist Ihr Zettel!“, mit diesen Worten wurde dem aufschreckenden Harry ein Stück Papier in die Hand gedrückt, dann stand er alleine vor der Menge.
Er schluckte. Na toll! Man sollte ja meinen, als Mensch, der früher unter Muggeln gelebt hatte, hätte er Erfahrung in diesem Spiel, aber dem war nicht so! Wenn seine Verwandten auf derartigen Veranstaltungen gewesen waren, hatte er nie dabei sein dürfen. Er wurde zu Hause mit Arbeit überhäuft oder zu Miss Fig abgeschoben. Er seufzte. Sich darüber zu grämen, wäre müßig. Auch dieses Kapitel seiner Vergangenheit hatte er beleuchtet und hinter sich gelassen.
Seine Augen hefteten sich auf den Zettel, dann steckte er ihn in die Tasche. Er musste sein Bestes geben! Für Severus!
Anfangs tat sich Harry mit dem Raten schwer, auch deshalb, weil der andere neben ihm saß und sich ihre Beine berührten. Zu seiner Überraschung schien Severus Spaß an der Sache zu haben. Natürlich konnte man das seiner ausdruckslosen Miene nicht ablesen, aber die entspannte Haltung, die wiederholten Meldungen und der milde Blick, der ihn gelegentlich traf, sprachen Bände!
„Severus Snape“, sagte da jemand von vorne und beide Männer erstarrten simultan. Harry hatte irgendwie gehofft, an dem anderen würde dieser Kelch vorübergehen. Auch wenn es einerseits lustig wäre, hatte er Mitleid bei dem Entsetzen, dass sich kurz in dessen Miene zeigte.
Wie so oft, erhob sich Harry ohne viel zu überlegen. „Als sein Partner mache ich das“, sagte er salopp. Eine Hand griff nach seinem Arm, drückte ihn. Sein Blick traf auf dunkle Augen und allein die Dankbarkeit darin war es Harry absolut wert, obwohl er nicht sonderliche Lust verspürte, sich wieder zum Affen zu machen.
„Nein, das geht nicht!“, widersprach nun der Alte, der vorhin schon so misstrauisch Severus gegenüber gewesen war. „Nach unseren Regeln muss jeder Teilnehmer mindestens einmal der Pantomime sein! Sonst sollte er vom Gewinn ausgeschlossen werden!“
Harry schnaubte auf und bemühte sich um Beherrschung. Dank Severus lagen sie an vierter Stelle und damit einen Platz über dem Alten und seiner Partnerin. Kein Wunder also, dass er sie aus dem Weg haben wollte!
„Nein, schon gut!“, erklang da des anderen kühle Stimme. „Ich danke Ihnen, Mister Potter, aber Regeln sind Regeln. Wenn es erforderlich ist, werde ich antreten!“ Erneut wurde Harrys Arm gedrückt, dann war die Hand verschwunden und der andere trat an ihm vorbei nach vorne.
Mit wild klopfendem Herzen sah Harry ihm hinterher. Er verspürte plötzlich dieselbe Nervosität, die Severus zweifelsohne zu plagen schien. Trotzdem musste man ihn schon sehr gut kennen, um diese wahrzunehmen. Die wieder so steife Haltung, der fast maskenhafte Gesichtsausdruck, die Fixierung auf einen imaginären Punkt. Wann hatte Severus zuletzt vor einer Menschenmenge gestanden?
Trotzdem fing der andere das Stück Papier geschickt, welches Minerva auf ihn zu schweben ließ. Seine Augen senkten sich, er las stumm und verstaute das Schriftstück in seinem Jackett. Ein Räuspern. Schließlich sah er auf. In diesem Moment betrachtete ihn Harry wieder als neutrale Person. Da stand ein Mann vor ihnen, der einem Vampir zum Verwechseln ähnlich war. Unendlich blass, mit bedrohlich funkelnden Augen. Und trotzdem schrie niemand. Keiner erhob sich oder machte unhöfliche Bemerkungen. Stattdessen war da gespannte Stille. Er sah zu der Schulleiterin hinüber. Es konnte weder an ihr, noch an Harry selbst liegen, dass die Besucher sich so manierlich verhielten. Langsam prüfte er einzelne Gesichter. Ja, es waren viele Menschen dabei, die einiges erlebt, gekämpft und erfahren hatten. Personen, die wussten, was wirklich zählte. Er musste lächeln. Minerva hatte das ausgesprochen gut geplant! Sie hatte ein Umfeld erschaffen, dass es Severus möglich machte, ein normaler Mensch zu sein. Zumindest im Großen und Ganzen.
Sein Blick wanderte wieder nach vorne und traf auf den seines Partners, der ihn intensiv fixierte. Überrascht hob Harry die Augenbrauen. Was hatte der Mann vor!?
Der Tränkemeister verzog das Gesicht, legte seine Hände kranzförmig an die Wangen und deutete einen stummen Schrei an. Etwas daran kam Harry bekannt vor. Sie hatten mal so ein Gespräch geführt ... Über was war es nur gewesen?
Dann machte Snape einen Sprung nach vorne. Harrys Augenbrauen schossen hoch. Doch der andere Mann wiederholte sich, während er ihn eindringlich ansah. Harry nahm Gekicher im Hintergrund wahr. Zugegebenermaßen hätte er früher auch gelacht. Der arrogante Professor Snape, wie er sich in der Öffentlichkeit zum Gespött machte. Kaum sah dieser allerdings mit lodernden Augen zu den Unruhestiftern, wurde es mucksmäuschenstill. Wie früher in der Schule , schmunzelte Harry in sich hinein. Es war seltsam und irgendwie auch schön, jetzt mit ihm auf seiner Seite zu sein.
Ein Räuspern. Harry sah wieder nach vorne, wo sein Partner die Gesten aufs Neue ausführte.
Schließlich kamen ein paar zögernde Vorschläge, aber Severus schüttelte immer nur den Kopf, sah stattdessen zu ihm.
Gut! , dachte Harry, konzentrierte sich. Wie war das damals gewesen?
Er hatte sich schimpfend an Snapes´ Küchentisch niedergelassen, weil er so genervt von Ginny war. Sie hatten ein Kostüm für ihren Neffen besorgen sollen, der in einen Kindergarten mit Muggeltraditionen ging. Der Junge hatte ihnen das Tier vorgespielt, welches er sein wollte, sich jedoch geweigert, ihnen den Namen zu nennen. Harry und Ginny waren daraufhin in Streit geraten, weil sie verschiedener Meinung waren. Er hatte dann vorgeschlagen, seinen Schwager zu fragen, und war abgeblockt worden. Ihrer Überzeugung nach konnte es sich nur um einen Hirsch handeln.
Schlussendlich hatte sie sich doch geirrt und ihn deswegen angeblafft. Und da er nicht mit Ron hatte sprechen können, der im Einsatz war, hatte er es Severus erzählt. Dieser hatte ihn kühl auf seine verschwendete Lebenszeit hingewiesen, weil er diesem Gespräch hatte beiwohnen müssen. Harry lächelte.
Der andere zog vorne eine Augenbraue hoch, sah etwas genervt aus und wiederholte die Gesten, der Sprung wurde nur noch angedeutet.
Welches Tier war es denn gewesen? Kein Löwe, wie er vermutet hatte. Katze – genau! Das Kind hatte eine Katze sein wollen! Aber das passte noch nicht ganz! Der Sprung hatte nicht dazugehört, Moment mal! „Katzensprung!“, sagte er laut.
Severus nickte und wirkte gleich ein wenig entspannter. Harry grinste ihn glücklich an. Zum ersten Mal hatte er auf Anhieb richtig gelegen! Das konnten sie gerne noch mal wiederholen! Aber natürlich stieg der andere schon die Stufen hinab. Auf jeden Fall hatten sie einen Punkt mehr!
Kaum hatte der Ältere neben ihm Platz genommen, sein Oberschenkel streifte Harrys, lehnte er sich zu ihm herüber. „Ich habe mich wohl geirrt“, raunte er und Harry schossen die Augenbrauen hoch. Den Tag musste er sich rot im Kalender markieren, Severus Snape gab freiwillig zu, sich geirrt zu haben! „Wieso?“, wollte er trotzdem wissen.
„Es war keine Verschwendung dir zuzuhören. Wenn es mir eine Erstausgabe von Madame Markowitq einbringt, höre ich dir wochenlang zu, wie du über deine Ex palaverst!“
Harry wollte beleidigt sein, als ihm plötzlich ein Gedanke kam. Er sah hinüber und zuckte fast zusammen, weil das Gesicht des anderen nur Zentimeter von seinem entfernt war. Sein Blick fiel auf dessen Mund und er musste den Wunsch unterdrücken, ihn zu küssen oder wenigstens seine Wange zu berühren.
„Ich dachte, du magst Ginny?“, sagte er dann langsam und versuchte sich wieder auf das Gespräch zu konzentrieren.
„Ich habe nie das Gegenteil behauptet“, murmelte Severus. Seine Augen glitten von Harry ab, ein weiterer Spieler betrat das Podium.
„Schon“, sagte der gedehnt, folgte seinem Beispiel und sah nach vorne, den Kopf dicht bei dem Tränkemeister, damit sie sich ungestört unterhalten konnten. „Aber so, wie du dich gerade ausgedrückt hast, kannst du sie nicht leiden.“ Kurz zuckte sein Blick zur Seite, doch das Gesicht des anderen blieb unbeweglich.
„Wenn du das sagst“, entgegnete er ruhig. Harry legte seine Stirn in Falten.
„Warum kannst du sie nicht leiden? Sie hat dir doch nie etwas getan?“ Es war schon albern, dass er drauf und dran war, sie zu verteidigen. Aber ihm wurde jetzt erst bewusst, wie desinteressiert der andere immer gewesen war, wenn Harry ihm etwas von ihr erzählte.
„Hör auf mich abzulenken!“, knurrte Severus leise und schnaubte. „Ich verstehe nicht, wieso es dich überhaupt kümmert, wie ich über sie denke! Du hast gesagt, dass du nie wieder mit ihr zusammensein willst!“ Seltsam, er klang ein wenig aufgebracht.
„Ich weiß, und es stimmt auch!“, sagte Harry bedächtig. Ihm wurde erst jetzt bewusst, wie ihre Sitznachbarn die Ohren spitzten. Er durfte ihn jetzt nicht reizen, denn er wollte ihnen nicht die Genugtuung verschaffen, in Snape ein Monstrum zu sehen! Und, um der Wahrheit die Ehre zu geben, schmeichelte es ihm durchaus, dass der andere tatsächlich eifersüchtig zu sein schien. Anscheinend standen seine Chancen doch nicht so schlecht, wie er geglaubt hatte! Bei dem Gedanken machte sein Herz einen aufgeregten Hüpfer. Auch wenn ihm noch nicht ganz klar war, was er mit dieser Erkenntnis anfangen sollte, würde er nicht untätig bleiben. Er konnte es nicht mehr!
Schlussendlich fand Harry, dass es einem Wunder glich, dass sie tatsächlich den dritten Platz belegten. Severus war unkonzentriert und beging einige Fehler, genau wie er selbst. Aber irgendwie mogelten sie sich durch.
„Ich werde dich auszahlen!“, beharrte der Tränkemeister energisch auf seinem Wunsch. Er drückte einen Sammelband von der geliebten Autorin an seine Brust und folgte Harry aus dem Schloss. Draußen empfing sie eine mondhelle Nacht. Eine Uhr schlug irgendwo zwei Mal.
„Selbst wenn du die anderen Preise behältst, ist dieses Buch deutlich mehr wert! Weißt du denn nicht, wie wenige es von ihnen gibt!?“, redete sein Begleiter auf ihn ein.
„Nein, Severus, das wusste ich nicht!“, sagte Harry geduldig und schritt neben ihm her. Es leuchteten viele Sterne am Himmel und Grillen zirpten leise. Wie warm es heute war! Der Sommer hatte von ihm unbemerkt, im Land Einzug gehalten.
„Sollen wir uns eine Kutsche teilen?“, fragte der Tränkemeister da, klang etwas zögerlich. Er hatte schon eine angehalten. Die skelettartigen Pferdewesen standen völlig bewegungslos da. Ihre bleichen Knochen schimmerten im Mondlicht.
„Du kannst sie auch sehen“, sagte Harry zusammenhangslos, weil ihm unweigerlich alle Menschen einfielen, die in seiner Nähe zu Tode gekommen waren.
„Ja.“ Severus` Stimme klang belegt. „Um ehrlich zu sein, habe ich diese Kutschen nie sonderlich gemocht. Der Tod war in meinem Leben auch so schon präsent genug!“ Harry nickte. Seit er sie sehen konnte, war er nie wieder unbeschwert mitgefahren. „Sollen wir nach Hogsmeade laufen? Es könnte aber eine Stunde dauern“, schlug der andere vor, schien jedoch selbst nicht begeistert.
Harry schmunzelte, weil ihm die Idee kam. „Willst du fliegen? Ich habe meinen Besen dabei.“
Sein Gegenüber hob eine Augenbraue. „Du und ich auf einem Besen? Ich weiß nicht, Harry.“ Seine Zweifel waren ihm deutlich ins Gesicht geschrieben.
Dieser lächelte nur. „Keine Sorge! Vertrau mir! Das wird großartig!“
Der andere richtete sich zu seiner vollen Größe auf. „Mister Potter!“ Man konnte ihm ansehen, dass er vieles sagen wollte, dann schluckte er. „Na schön!“ Harry strahlte ihn an.
„Toll!“ Er kramte in einer Robentasche und zog etwas hervor, schwang den Zauberstab und vergrößerte es. „Ron vergisst seinen ständig, deshalb habe ich meinen verstärken lassen! Im Notfall passen wir sogar zu dritt drauf!“
„Ah!“, die Miene des Tränkemeisters hellte sich auf. „Ich bin schon ewig nicht mehr geflogen! Voldemort hat meinen Besen beschlagnahmt, damit ich ihm nicht abhaue. Ich habe ihn nie wieder gesehen.“ Für einen Moment umwölkte sich seine Stirn, dann lächelte er. „Fliegen wir!“
Gesagt, getan.
Allerdings wäre Harry fast vom Besen gefallen, als Severus ihn plötzlich an der Schulter packte. „Was ist los?“, fragte er, wandte den Kopf halb nach hinten.
„Verzeihung, ich fürchte“, sagte der andere mit einer Stimme, die gequält klang, „ich kann mich nicht mehr sonderlich gut auf dem Besen halten. Wäre es dir sehr unangenehm, wenn ich mich an dir festhalten würde?“ Harry glaubte, seinen Ohren nicht zu trauen, und blinzelte ein paar Mal. Er träumte doch nicht oder so!?
„Nein“, entgegnete er dann langsam und gab sich mühe, nicht allzu enthusiastisch zu erscheinen. „Halte dich so gut fest, wie es nötig ist. Ich glaube“, nun zögerte er, weil sein Vorschlag vielleicht ein bisschen nach Anmache klang, aber gleichzeitig war es eben auch die Wahrheit. „Es wäre besser, wenn du die Arme um meine Taille legst. An den Schultern hast du keinen so guten Halt.“
Stille.
„Ich denke“, sagte der andere langsam, klang fast so vorsichtig, wie er selbst, „da könntest du recht haben!“ Eine seiner Hände umfasste behutsam Harrys Taille. Dieser spürte sein Herz schneller schlagen und hätte um ein Haar laut Luft geholt. Dann wanderte Severus´ zweite Hand von seiner Schulter hinunter, immer tiefer, verweilte und glitt schließlich um seinen Leib herum zu seinem Bauchnabel. Beide hielten sie still, selbst der Besen hing bewegungslos in der Luft. Endlich, es schien Ewigkeiten her, schob sich der andere näher an ihn heran. Harry stieß einen leisen Laut aus, als sich ein Körper von hinten an ihn drückte, Beine die seine berührten. Es war elektrisierend! Mit Severus erlebte er heute ganz neue Arten von Sinnlichkeit.
„Wir sollten los!“, raunte der andere ihm ins Ohr und eine Gänsehaut kroch seinen Körper hinab. „Du willst mich sicher bei mir absetzen, dann müssen wir in diese Richtung!“ Harry nickte nur. Es war berauschend schön. Der dunkle Himmel mit den wattigen Wolken, die funkelnden Sterne und der helle Mond. Dazu dieser warme Körper in seinem Rücken mit den starken Armen. Er lehnte sich ein Stück nach hinten und wurde prompt fester umfasst. Ihm entschlüpfte ein zufriedenes Seufzen. Er könnte sich wirklich an diese Nähe gewöhnen!
„Harry?“
„Ja?“
„Du bist immer noch ein ausgezeichneter Flieger.“ Harry lächelte vor sich hin.
„Danke. Mit dir liege ich gut in der Balance." Sie wussten beide, dass sie eigentlich von etwas ganz anderem sprachen. „Drehen wir noch eine letzte Runde um Hogwarts, bevor wir zurückfliegen?"
"Gerne!"
***
Hallo meine Lieben,
ich wollte euch nur mitteilen, dass es nächste Woche keine Fortsetzung geben wird, da ich Urlaub mache.
Das bedeutet, es geht erst in zwei Wochen, am 19.08. mit der Geschichte weiter. Wir sind inzwischen im letzten Drittel angelangt.
Ganz liebe Grüße,
Feerja