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Was wir uns wünschen

Leidenschaftliche Differenzen Oder Der Einsame Mann Im Alten Haus — www.fanfiktion.de · All chapters

Was wir uns wünschen

Er jagte an Reportern vorbei, warf jedem einen warnenden Blick zu, der es wagte, ihn anzusprechen und drückte auf die Klingel.

Zu seiner grenzenlosen Überraschung brauchte es keine Minute, bis sich das Tor für ihn öffnete. Severus wollte nicht einmal diskutieren? Lag es an der Meute, die ihn belagerte? Vielleicht.

Hinter sich spürte er ein paar dreiste Individuen, die sich an ihn drängten und versuchten, gemeinsam mit ihm aufs Grundstück zu gelangen. Schnell machte er einen großen Schritt nach vorne, drehte sich mit zornfunkelnden Augen um und zog seinen Zauberstab. Er wusste, wie Furcht einflößend er nun aus sah. Es sollte ihnen eine Lehre sein!

Geschickt hob er dem Erstbesten seinen Stab unter die Nase, fasste ihn fest an der Schulter und knurrte: „Wenn Sie nicht alle einen meiner Pickelzauber abbekommen wollen, verschwinden Sie auf der Stelle! Jeden, den ich auf dem Grundstück erwische, werde ich für Monate kennzeichnen!“ Ein böses Grinsen. „Und eine Verhaftung gibt es gratis dazu!“

Er stellte voller Genugtuung fest, wie die Menge zurückwich. Seinen berühmt-berüchtigten Pickelzauber hatte er schon in der Vergangenheit erfolgreich eingesetzt, um besonders dreiste Reporter abzuschrecken. Eine Verhaftung mochte sie nicht sonderlich beeindrucken, aber ein abstoßendes Aussehen erschwerte es ihnen enorm, ihrer Arbeit nachzugehen. Wer sprach schon gerne mit einem Reporter, der ansteckend sein konnte und dazu noch von Harry Potter gekennzeichnet worden war?

Natürlich nutzte er damit seine Berühmtheit aus, aber es gab eben Grenzen, die man nicht überschreiten durfte! Und was sie über ihn und Severus geschrieben hatten ... Er seufzte und stellte dann fest, dass die Person in seinem Griff zitterte. Alle anderen waren schon zurückgewichen und hatten sich großzügig vom Zaun entfernt. Harry ließ los. Der Mann stolperte davon.

Kaum hatte auch der Letzte das Grundstück verlassen, knallte das Tor mit einem Rumms zu und die neugierige Meute wurde unsichtbar. Sehr gut! Die Schutzzauber arbeiteten wieder.

Erleichtert drehte sich Harry um und ging auf das Haus zu. Diese Reporter! Sie hatten auch so schon genug angerichtet! Er seufzte auf. Dabei war es gestern ein so schöner Abend gewesen!

Er hatte Severus nach ihrem Flug direkt vor seiner Haustür abgesetzt. Für eine kleine Ewigkeit hatten sie sich stumm in die Augen geblickt, keiner hatte gesprochen. Es war einer dieser Momente gewesen, die er nie vergessen würde. Hätte der Tränkemeister nur ein Wort gesagt, ihn eingeladen, wäre Harry ihm ins Haus gefolgt und –

Aber der andere hatte ihn nur so weich gemustert und ihm eine gute Nacht gewünscht. Es hatte sein Herz flattern lassen. Hoffnung war in ihm aufgekommen. War Severus etwa doch für mehr als nur ein schnelles Vergnügen zu haben?

Leider wurde all dies mit dem Aufschlagen einer Zeitung am Morgen zerstört.

Irgendjemand hatte sie auf dem Besen entdeckt und ein Foto geschossen. Eigentlich war es eine völlig unverfängliche Situation gewesen, in der Severus sich zu ihm gebeugt und etwas gefragt hatte. Zu diesem Zeitpunkt waren sie noch mit Abstand auf dem Besen gesessen. Doch der Artikel postulierte etwas ganz anderes. Harry knirschte mit den Zähnen.

Wieder wurden alte Kamellen aufgetaut, angebliche Zeugen zitiert und sein Liebesleben aufs Tablett gebracht. Das alles kümmerte ihn wenig, nur die Darstellung von Severus war ein Schlag ins Gesicht. Sie benutzten Worte wie: viel zu alt, bösartig, berechnend, hinters Licht führend, ausnutzend, typisch Slytherin. Und manche unterstellten ihm sogar, er habe Harry mit einem Liebestrank gefügig gemacht oder böse Kräfte durch seine Verwandlung erhalten, die er nun bei ihm einsetzte.

Er stieg die Treppen hinauf und klopfte an die Haustür. Eigentlich hatte er sofort kommen wollen, wurde aber von Freunden und Bekannten aufgehalten, die sich alle Sorgen machten. Eine Menge Reporter waren ebenfalls darunter gewesen. Deshalb hatte er volle fünf Stunden gebraucht, um sich loszueisen. Auf der Arbeit hatte er sich zum ersten Mal aus persönlichen Gründen krank gemeldet. Was natürlich zu weiteren Spekulationen führen würde. Manchmal hasste er es, er selbst sein zu müssen!

Die Tür öffnete sich und ein Mann trat auf die Schwelle, mit dem Harry heute und hier wirklich nicht gerechnet hätte.

„Blaise?“

„Harry“, lächelte der Angesprochene charmant und deutete ins Innere. „Komm rein.“ Er trat beiseite und hielt ihm die Tür auf. „Es ist besser, wenn wir drinnen reden.“

„Wir?“, fragte Harry ahnungsvoll und betrat den Flur. Die Tür fiel mit einem leisen Klicken ins Schloss. „Severus ist nicht da.“ In dem Moment, in dem er es sagte, wusste er es schon und fühlte sein Herz schwer werden. „Will er mich etwa nicht sehen?“ Eigentlich hatte er genau das erwartet, aber doch wieder Hoffnung geschöpft, als er aufs Grundstück gelassen wurde.

„Gehen wir in die Küche“, sagte der große Mann mit den breiten Schultern und schlenderte voraus. Er wirkte so, als wären sie alte Freunde und Harry nur zu Besuch. Und natürlich sah er umwerfend in seinem gestreiften Anzug aus, so wie immer. Aber das bemerkte Harry nur am Rande.

„Wo ist er denn?“, wollte er wissen und blickte sich um. „Nicht im Haus, oder? Ich denke, dass würde ich spüren!“ Trotzdem spähte er in einzelne Zimmer, bevor er sich schließlich auf einen der Küchenstühle fallenließ. Er und Severus saßen auch immer hier. Sein Wohnzimmer benutzten sie so gut wie nie.

Der andere ließ eine kupferne Kanne auf den Tisch schweben und eine Platte mit kleinem Gebäck folgte. „Severus meinte, du magst Schokocroissants besonders“, plauderte er gemütlich und holte ein paar Teller und Löffel aus dem Schrank.

„Die blöden Croissants können mir gestohlen bleiben!“, platzte Harry heraus, dem nun endgültig der Geduldsfaden riss. „Sag mir, ob es Severus gut geht!“

Zabini hielt inne und blickte ihn an. Seine braunen, goldschimmernden Augen waren voller Mitgefühl. „Es geht ihm gut“, sagte er ruhig. „Er bat mich sogar, dir das auszurichten. Er hat mit einem Projekt begonnen, über das ihr gesprochen habt und fand es einen guten Zeitpunkt, sich auf die Suche nach Zutaten zu machen.“ Er setzte seinen Weg nun fort und kam zu ihm an den Tisch. Geschäftig stellte er einen Teller vor Harry, ließ ein paar Tassen herbei und auf ihre Plätze schweben und blickte sich kritisch um.

Mit gemischten Gefühlen beobachtete Harry ihn. Es hatte ein bisschen gedauert, bis ihm aufgegangen war, von welchem Projekt die Rede gewesen war. Anscheinend hatte der Tränkemeister endlich begonnen, diese Maske zu realisieren, die ihn wieder wie früher aussehen lassen sollte. Und Harry fragte sich plötzlich, ob er dieses Gesicht überhaupt noch vermisste. Alles hatte schließlich erst richtig angefangen, als er Severus` körperliche Veränderungen gesehen hatte. Oder war es damals purer Zufall gewesen, dass er ihn in einem solchen Augenblick geküsst hatte? Und wie würde es zwischen ihnen weitergehen, wenn er wieder dem echten Snape gegenüberstand?

„Weißt du“, sagte Blaise und riss ihn aus seinen Gedanken. Er hatte sich ihm gegenüber niedergelassen und rührte in seiner Tasse. Ein feines Klingen drang nun an Harrys Ohr und entspannte ihn seltsamerweise. „Im Gegensatz zum allgemeinen Irrglauben kann ich keineswegs Gedanken lesen.“ Er lächelte vor sich hin, doch seine Augen sahen ernst drein. „Ich habe dem nur nie widersprochen, weil es mir gut in den Kram passt.“ Er überschlug ein Bein und zog sein Jackett aus, was ein weißes Hemd mit gestreifter Weste und Goldkette offenbarte.

„Allerdings habe ich ein Talent fürs Gesichterlesen und in der Gesprächsführung. Ich wäre ein guter Verhörspezialist.“ Harry zog die Augenbrauen zusammen. Warum erzählte der andere ihm das!? „Ich sage dir das nur, weil ich nicht wieder unschuldig bezichtigt werden möchte.“ Nun verspannte Harry sich jäh und schob den Unterkiefer vor.

„Was willst du mir eigentlich sagen!?“

Sein Gegenüber ließ den Löffel sinken, welcher daraufhin mit einem Klirren zur Ruhe kam. „Ich will dir nur einen Rat geben“, er sah ihn eindringlich an. „Wenn dir wirklich so viel an ihm liegt, gib nicht auf! Natürlich wird er nach dieser Berichterstattung wieder einen Rückzieher machen, aber -“ Er beugte sich vor und griff nach einem Gebäckstück. „Eine Beziehung zwischen euch mag ungewöhnlich sein, aber ist es das Gerede der Leute, worauf es ankommt?“ Seine Augen fixierten Harrys. „Ihr wirktet beide in letzter Zeit ausgeglichener und besser gelaunt.“

„Woher?“, wollte Harry wissen, doch der andere fuhr fort: „Außerdem seid ihr Erwachsen und euch ebenbürdig. Da kann man trotz eures Altersunterschied nicht von einem Ungleichgewicht sprechen!“ Er begutachtete das Croissant und biss hinein. Dann schloss er genießerisch die Augen.

„Köstlich! Wieso hat er die mir nie vorgesetzt!? Na warte, Severus! Bin ich ihm etwa so wenig wert!?“

„Was soll der Unsinn!?“, fuhr Harry auf. Ihm behagte die ganze Situation nicht! Dieser Mann gab sich so vertraut mit ihrem ehemaligen Lehrer, tat so, als wäre er hier zu Hause und bestärkte ihn gleichzeitig noch darin, etwas mit Severus anzufangen!?

„Wieso bist du überhaupt hier!?“, wollte er anklagend wissen. „Schläfst du etwa mit ihm!?“ Die Sorge, die ihn schon früher umgetrieben hatte, brach nun aufs Neue hervor.

„Ich?“ Der andere lachte auf. Er wirkte ehrlich erheitert. „Bist du verrückt? Der Mann ist wie ein Vater für mich, das käme mir nie in den Sinn!“ Seine Hand sank herab. „Nun gut, vielleicht nicht gerade ein Vater, der Mann hat mich nie geschlagen, aber es geht in diese Richtung! Vielleicht wäre das Wort Behüter oder Beschützer angebrachter.“

Harry warf irritiert ein: „Du hast eine eigentümliche Vorstellung von einem Vater.“ Zabini zuckte die Achseln.

„Ich hatte nie einen, nicht wirklich. Daher kann ich nur die von meinen Mitschülern zur Rate ziehen.“ Er verzog das Gesicht. „Und bei denen gab es meistens körperliche Gewalt, sei es mit dem Stock, oder mit dem Stab.“

„Oh“, murmelte Harry betroffen. Eigentlich hatte er es gewusst, Pansy hatte es angedeutet, aber er empfand trotzdem Mitleid. Geschlagen hatten ihn die Dursleys nie. Jedenfalls nicht verprügelt, wie es bei Blaise` Mitschülern der Fall gewesen zu sein schien. „Es tut mir leid!“

„Schon gut“, zuckte sein Gegenüber die Achseln. „Das musst du schon den anderen sagen. Wie gesagt, ich hatte nie einen Vater.“

Gedankenverloren sah Harry ihn an. So waren sie plötzlich völlig vom Thema abgekommen. „Es muss für euch alle sehr schwer gewesen sein damals, vielleicht sogar heute noch.“

Sein Gegenüber versuchte sich sichtbar an einem neutralen Gesichtsausdruck und scheiterte. Traurigkeit erfüllte seine Züge und seine Stimme: „Ein Drittel von uns ist tot, ein anderer sitzt im Gefängnis. Ob es eine selbsterfüllende Prophezeiung war, oder wir Slytherins wirklich so viel Schlechtes in uns tragen ... Er atmete tief durch. „Auch wenn man offiziell versucht diese Vorurteile auszumerzen, findet man sie überall.“ Harry musste schlucken. Obwohl er eigentlich nicht mehr so dachte, schon lange nicht mehr, ertappte er sich gelegentlich doch bei einer so klischeehaften Aussage.

„Ich bin mir sicher, es ist Ersteres“, sagte er heiser. „Jedenfalls bei den meisten. Sieh dir mich an!“, er deutete auf sich. „Man hat mir auf Hogwarts ständig gesagt, wie mutig meine Eltern waren, wie mutig Gryffindors sind, das hat mich enorm verändert.“ Seine Gedanken schweiften ab, erinnerten sich an die Zeit vor der Magie. „Mit elf Jahren war ich ein sehr schüchternes, stilles Kind. Ich hatte weder Freunde, noch Hobbys oder irgendwelche Ziele in meinem Leben.“ Seine Stimme zitterte beim Erzählen und er wünschte sich, Severus wäre hier und er würde diese Unterhaltung mit ihm führen. „Wir Menschen haben einen Charakter und Fähigkeiten, aber wenn niemand an uns glaubt, uns vertraut, können wir nicht wachsen und unsere Talente entfalten. Wir finden auch nicht den Mut, gegen unsere Fehler anzukämpfen und sie zu überwinden.“

Er hatte sich vorgebeugt und nach Blaise` Hand gegriffen, bevor ihm bewusst wurde, dass er es tat. „Es tut mir so leid, dass so viele aus deinem Haus das nicht erfahren haben! Und es ist doppelt bitter, dass Severus euch nur begrenzt anleiten konnte, weil er eine Rolle zu spielen hatte!“ Die volle Tragweite seiner Worte wurde ihm erst jetzt richtig klar und mit ihnen schlich sich eine Bitterkeit gegenüber Dumbledore ein. Oder lag die Schuld doch eher bei Voldemort selbst, der den Schulleiter zu dieser Scharade verleitet hatte!? Wie viele Kinder hätten einen anderen Weg gehen können, wenn Severus nicht den verkappten Todesser hätte spielen müssen!

„Wie immer drehst du das Messer in der Wunde“, erklang eine heisere Stimme hinter Harry und ließ ihn herumfahren. Ein rußbedeckter Tränkemeister entstieg dem Kamin und klopfte seinen Mantel ab. Dabei fiel sein Blick auf Harrys Hand, die Blaise seinerseits umfasst hatte. „Und genauso konstant ist mein Handelspartner am Flirten! Zabini! Wieso bist du noch hier!?“ Er strich eine vorwitzige Haarsträhne zurück und verschmierte Ruß auf seiner Wange. „Zeit für dich zu gehen!“ Er machte eine Bewegung mit seinem Kinn Richtung Flur. „Ich begleite dich hinaus!“ Harry, der ihn groß anstarrte, nickte er nur zu, sah ihm dabei jedoch nicht ins Gesicht.

Blaise grinste fröhlich: „Severus, du bist schon zurück? Wolltest du nicht ein paar Tage wegbleiben?“ Dann erhob er sich lässig und steckte sich noch ein Croissant in den Mund. „Die sind wirklich sooo lecker!“, schmatzte er laut und zwinkerte Harry zu. „Wir sehen uns! Und denk an meine Worte!“

„Raus!“, knurrte Severus, sein Blick war mörderisch und er eilte dem sich nun davonmachenden Zabini hinterher.

Für einen Moment blieb Harry sitzen, zu überfordert von der Situation. Severus` Kamin war wieder ans Flohnetzwerk angeschlossen? Seit wann!? Warum war Snape schon zurückgekehrt und weshalb hatte Blaise dieses Gespräch arrangiert, wenn der Tränkemeister ihn gar nicht darum gebeten hatte? Wie so oft entschied er sich spontan und sprang behände auf. Leise schlich er zur angelehnten Tür hinüber und presste sein Ohr an den Spalt. Eine heftige Diskussion war im Gange.

„Das ist doch nicht dein Ernst! Ich sollte ihm, nachdem er extra hergekommen ist, nur diese Tüte und den Brief geben!? Dir ist doch wohl klar, dass er genau wie du diesen Shitstorm abbekommen hat und haben wird!? Und da soll ein Brief für deinen Liebsten ausreichen!?“, zischte Blaise.

Ein tiefes Grollen. „Er ist nicht mein Liebster!“, fuhr Severus ihn mit unterdrückter Stimme an. Er schien sich mühsam unter Kontrolle zu haben. „Das habe ich dir schon oft gesagt! Und überhaupt, warum flirtest du dann mit ihm, wenn du so überzeugt davon bist, dass wir ein Paar sind!?“

Nun drang ein leises Lachen an Harrys Ohr. „Wieso kümmert dich das denn, wenn ihr kein Paar seit?“

Ein Schnauben. „Zabini“, kam es warnend, „treib es nicht zu weit!“

„Schon gut“, der Jüngere lachte leise, dann wurde seine Stimme ernster. „Wir haben nicht geflirtet. Wir sind nur berührungsliebende Menschen, das ist alles! Harry hat sein Mitgefühl für die Vergangenheit der Slytherins bekundet. Du kennst ihn doch.“

Nun entrang sich jemand ein Seufzen. Harry tippte auf Severus. „Allerdings, das tue ich. Aber ich kenne auch dich! Du nutzt solche Situationen nur zu gerne aus! Glaubst du wirklich, dass das die richtige Strategie ist, um diese Frau zu gewinnen? Sie wird dir so etwas nicht durchgehen lassen!“ Ein Schnauben. „Um ehrlich zu sein, wenn du das nicht in den Griff bekommst, werde ich persönlich dafür sorgen, dass sie die Finger von dir lässt!“

Stille. „Wow. Das würdest du tun?“ Wieder Stille. „Natürlich würdest du. Du hältst große Stücke auf sie. Aber Severus, sie ist doch eh in festen Händen, wieso sollte ich mich da bemühen? Du weißt doch, dass ich meine Prinzipien habe!“ Harry runzelte die Stirn. Von wem sprachen die denn? Doch nicht etwa von Minerva? Das kam ihm aber zu abwegig vor. Blaise mochte über Konventionen hinwegsehen können, aber die Schulleiterin von Hogwarts würde das niemals! Und dann ausgerechnet mit Zabini!? Der Gedanke war zu absurd!

„Vielleicht, vielleicht auch nicht“, sagte der Tränkemeister ruhig. „Aber wenn sie dich jemals als festen Partner in Erwägung ziehen sollte, musst du dich anfangen zu ändern. Und das ist es doch, was du willst, oder?“

Es war schon seltsam, Severus mit jemandem auf diese Weise sprechen zu hören. Sie hatten sich nie über Liebe und Romantik unterhalten. Harry hätte es einerseits gerne getan, aber andererseits wagte er es nicht. Es war, als müssten sie dieses Thema ausklammern, weil es etwas mit sich bringen konnte, mit dem sie nicht umzugehen wussten. Umso mehr überraschte ihn der vernünftige Ratschlag. Obwohl er gleichzeitig bezweifelte, ob Blaise das Durchhaltevermögen für einen solchen Plan hatte. Was würde denn geschehen, wenn diese Frau sich niemals von ihrem derzeitigen Partner trennen würde? Wer würde schon so lange geduldig abwarten?

„Nicht jeder hat Verständnis dafür, wenn sein Partner harmlos flirtet“, erklärte Severus da.

„Hm“, murmelte Blaise. „Hast du das denn? Wie lange seit ihr schon zusammen, Harry und du? Seine Freundlichkeit wird auch gerne fehlinterpretiert, nicht wahr? Ist sicher nicht einfach ruhig zu bleiben, bei dem, was so über euch geschrieben wird!“

Ein Knurren, etwas knackte. „Fang nicht wieder davon an! Ich diskutiere das nicht mit dir! Mach, dass du fortkommst! Nur weil die Masse so dumm ist, alles zu glauben, was über ihn geschrieben wird, musst du es nicht auch noch tun!“ Diesmal schien Severus ziemlich aufgebracht und schnaubte eine Weile. Sie entfernten sich von Harry. Er öffnete vorsichtig die Tür und spähte in den Flur hinaus.

Die Männer waren bei der Haustür angelangt. Der Tränkemeister kehrte Harry den Rücken zu und schob Zabini zur Tür hinaus. Schnell zog Harry den Kopf ein.

„Weißt du“, hörte er den großen Mann sagen, „das solltest du dir selbst zu Herzen nehmen.“ Seine Stimme war sanft geworden. „Die Zeitungen haben viel Mist über dich geschrieben. Ich weiß, du tust immer so, als kümmere es dich nicht, aber du bist nicht aus Stein.“ Behutsam linste Harry um den Türrahmen herum. Der junge Mann hatte dem Älteren eine Hand auf die Schulter gelegt, sein Gesicht war nicht zu sehen. „Lass dir nicht von anderen einreden, wer du bist und was du kannst! Mit deinen 48 Jahren bist du für uns Zauberer noch in der Blüte deiner Jahre. Und Harry ist mit seinen 28 auch kein Kind mehr. Und ganz ehrlich, bei seinem Lebenswandel könnte er genauso gut in deinem Alter sein! Ich habe den Mann noch nie auf einer Party Spaß haben sehen. Er macht immer nur den langweiligen Kram! Ich glaube, der arbeitet genauso viel wie du!“

„Das reicht jetzt!“, kam es heiser, der Tränkemeister packte die große Hand und entfernte sie von seiner Schulter. „Ich habe heute über fünfzig Briefe von empörten, ehemaligen Eltern erhalten, die mir etwas anderes sagen! Aber -“, seine Stimme erhob sich, als ein protestierender Laut erklang, „ich werde mich weder von dir, noch von ihnen etwas einreden lassen! Ich treffe meine Entscheidungen selbst. Vielen Dank!“ Harry blinzelte und trat zurück in die Küche. Da Severus ihn nicht hinausgeworfen hatte, war er anscheinend zu dem Entschluss gekommen, mit ihm persönlich zu sprechen. Was wohl in dem Brief stand, den er ihm geschrieben hatte?

Neugierig blickte er sich um, konnte einen solchen jedoch nirgendwo entdecken. Es war bestimmt besser so. Er hatte für heute genug spioniert. Er spürte seine Mundwinkel zucken. Severus hätte sicher dasselbe getan! Seine Augen kamen auf dem Kamin zur Ruhe und er trat näher. Anscheinend hatte er sich geirrt. Der Tränkemeister war nicht über das Flohnetzwerk hergekommen, sondern mit einem Blutzauber. Dieser erlaubte es dem Anwender, durch jegliches Feuer hinweg zum Zielort zu gelangen. Er berührte das getrocknete Blut an der Innenseite des Kamins. Severus musste es hier angebracht haben, bevor er sein Haus verlassen hatte. Schritte näherten sich im Flur, Harry blieb, wo er war. Der andere konnte ruhig wissen, dass er sein Geheimnis entdeckt hatte! Was für ein Idiot! Er hatte ihm versprochen, diesen Zauber nur im absoluten Notfall einzusetzen! Er spürte Ärger in sich aufsteigen und drehte sich um.

„Du hast es also schon herausgefunden“, sagte Severus und trat in die Küche. Vorhin war Harry zu abgelenkt gewesen, bemerkte nun jedoch, dass er humpelte. Sofort stieß er sich von der Wand ab und ging auf den anderen zu.

„Du hast dich verletzt? Etwa schwer!?“ Er hörte selbst, wie seine Stimme eine Tonlage höher rutschte, aber er machte sich eben Sorgen!

Der andere trat einen Schritt zurück. „So schlimm ist es nicht“, behauptete er, wich seinem Blick jedoch aus.

„Ach nein!?“, verengte Harry die Augen zu Schlitzen und musterte ihn. „Du hattest mir versprochen, den Zauber nur im absoluten Notfall anzuwenden! Wenn du also nicht schwer verletzt bist -“ Sein Gegenüber schaltete weiter auf stur, doch schließlich kreuzten sich ihre Blicke. Harry spürte Traurigkeit in sich aufsteigen. Hatte der andere sein Versprechen etwa gebrochen? Vielleicht war es dumm von ihm, sich an so etwas aufzuhängen, wo doch alles zwischen ihnen in der Schwebe stand. Aber seit diesem Tag vor so vielen Jahren hatten sie beide zu ihren Vereinbarungen gestanden, jederzeit.

Im Gesicht des Tränkemeisters zuckte es, er blickte weg. „Na schön“, sagte er heiser. „Die Wunden sind tief. Würdest du mir bitte zur Hand gehen?“ Er schwankte leicht und Harry bemerkte ein Zittern seiner Beine. Wahrscheinlich hielt er sich mit letzter Kraft aufrecht.

„Schlaf-zimmer.?“ Es klang zögernd, vorsichtig.

Harry nickte. „Das wird wohl das Beste sein!“ Dann trat er beherzt vor und packte Severus mit einem Arm um die Hüfte.

„Harry!“, rief der andere sichtbar erschreckt auf und starrte ihn aus großen Augen an. Dieser lächelte nur.

„Wir haben gestern zusammen getanzt, schon vergessen? Und ich will nicht, dass du mir zusammenbrichst!“ Er musterte ihn besorgt und legte den anderen Arm unter dessen Achseln. „Komm gehen wir, bevor dieser Blutzauber dich wirklich noch umbringt!“ Nun schnaubte der Tränkemeister auf.

„Wir haben noch eine halbe Stunde Zeit, kein Grund, die Drama-Queen zu spielen! Ich weiß, was ich tue!“ Harry verdrehte die Augen.

„Ja, natürlich! Wieso habe ich mir überhaupt Gedanken gemacht!?“ Energisch eilte er mit dem Verletzten durch die Küche, auf das Schlafzimmer zu. Der andere keuchte leise, beschwerte sich jedoch nicht.

„Hier, leg dich hin!“, befahl Harry und half ihm aufs Bett. „Bleib du liegen und sag mir, welche Tränke ich holen soll! Den Rest mache ich!“ Er beobachtete den anderen dabei, wie er sich mit einem leichten Zucken nach hinten auf die Kissen lehnte und schwer einatmete. Er schien sich Mühe zu geben, sich seine Schmerzen nicht anmerken zu lassen. Von Nahem wirkte er blasser als üblich, seine schwarze Robe war von der Hüfte abwärts dreckverkrustet und steif. Erst hatte er geglaubt, es würde sich um gewöhnlichen Schlamm handeln, doch nun erkannte er die Wahrheit. Es war Blut!

„Nicht nötig!“, murmelte Severus und hob seinen Zauberstab. „Accio!“ Er ließ nacheinander einige Flaschen und Tiegel herbeischweben und schien sich ganz darauf zu verlassen, dass Harry sie auffing. Was dieser mit einem Seufzer quittierte, aber durchaus tat.

„Die Robe, ich ziehe sie aus!“, sagte er geschäftig, nachdem der andere seinen Zauberstab wieder gesenkt hatte. Dann griff er nach einem Zipfel des Kleidungsstücks nahe des verletzten Beins.

„Nein!“, entgegnete Severus sofort und packte den Stoff seinerseits, keuchte aber vor Schmerzen auf. Das geronnene Blut auf der Kleidung war mit der Wunde verklebt gewesen und durch die ruckartige Bewegung wieder aufgerissen. Hell quoll es hervor und bildete eine kleine Lache auf dem Rock, die sich stetig vergrößerte. Erschrocken starrte Harry darauf. Panik überfiel ihn. Er sah vor seinem inneren Auge den blutenden Severus in der heulenden Hütte. Sah ihn sterben und konnte sich nicht rühren. Nicht schon wieder! Das konnte einfach nicht wahr sein!

Dann drang ein Stöhnen an sein Ohr, er blinzelte und sah die Wunde wieder ganz klar vor Augen. Ein zittriger Atemzug. Er sah auf. Nicht die Nerven verlieren! Sie hatten noch Zeit! Alles würde gut werden. Dafür würde er schon sorgen!

„Severus!“, fuhr er ihn sogleich an. „Jetzt ist nicht der Moment, um prüde zu sein! Hier geht es um dein Leben, verdammt nochmal!“ Er sprach einen schmerzstillenden Zauber und löste dann die Hand des anderen von dessen Kleidung. Sie war ganz verschwitzt. Sein Puls raste. Hatte er etwa Fieber!? Das war gar nicht gut!

„Ich – bin – nicht – prüde!“, quetschte der Tränkemeister durch die Zähne hervor und holte keuchend Luft. „Ich - sehe – nur – die – Not-wendig-keit -“

„Sei besser still und schluck deine Tränke!“, schnitt Harry ihm das Wort ab. Und ja, es verschaffte ihm durchaus auch eine kleine Befriedigung, dies tun zu dürfen. „Verbrauch deine Kräfte nicht unnötig!“ Er hielt ihm den Trank hin, der Heilung und Blutbildung in einem vereinte und murmelte einen Entgiftungszauber. Seine Hand zitterte. Er musste wirklich klar im Kopf bleiben, im Hier und Jetzt! Das war nicht das Ende, Severus war nicht von Nagini gebissen worden! „Trink jetzt endlich!“, knurrte er, als ihm die Stille bewusst wurde, die sich zwischen ihnen auszudehnen schien.

Er sah den widerstrebenden Blick seines Patienten. , schließlich wanderten dessen Augen zu Harrys Hand mit dem Trank. Einen Moment lang kreuzten sich ihre Blicke, dann nippte er an der Phiole.

Als er das Glas aufs Neue berührte, streifte seine Oberlippe Harrys Daumen. Diesem stockte der Atem. Sie erstarrten beide. Wie sehr er sich doch bemüht hatte, keine unziemlichen Gedanken aufkommen zu lassen. Er wollte die Situation nicht ausnutzen und dem anderen kein unangenehmes Gefühl bescheren. Seine Augen senkten sich nach unten und trafen auf eine Tiefe, die ihn erschauern ließen.

Diesmal hielt der andere seinem Blick stand. „Ist dir bewusst, wie oft einer von uns verletzt ist, wenn wir uns sehen?“, fragte er schließlich. Blitzte da etwa ein Hauch von Humor in seinen Augen auf? Überrascht hob Harry die Augenbrauen, schmunzelte. „Vielleicht sollten wir uns dann regelmäßiger treffen und ein paar Dinge tun, die normale Leute machen“, schlug er vor. Er sagte es leichthin und wartete keine Antwort ab. Stattdessen drückte er die Phiole eine Spur energischer an Severus` Lippen. So unterbrach er einen aufkommenden Protest und gab ihm Zeit, über seinen Vorschlag nachzudenken.

Es verwunderte ihn dann allerdings doch, als der Trank in einem Zug geleert wurde.

Kaum hatte sein Gegenüber alles hinuntergeschluckt, sah er ihn an: „Hälst du das wirklich für eine gute Idee?“ Nun wurde seine Stimme ernst und eindringlich: „Es wäre besser für dich, wenn du eine Weile nicht mehr herkommst! Du weißt nur zu gut, dass sie so schnell keine Ruhe geben werden!“ Er fuhr sich über das Gesicht und wirkte plötzlich sehr müde. „Es ist mir egal, was die Leute über mich sagen, aber sie haben dich naiv genannt und deine Urteilskraft angezweifelt. Was ist, wenn man das im Ministerium genauso sieht? Es könnte Robarts die Handhabe geben, dich zu feuern!“ Severus versuchte sich aufzurichten, verzog das Gesicht und sank wieder zurück.

„Du solltest wirklich nichts mehr tun, was die Leute weiter in diesen Märchen bestärkt!“

Harry erstarrte. „Märchen?“, fragte er langsam und hörte, wie rau seine Stimme klang. „So nennst du also, was zwischen uns ist?“ Er versuchte seinen aufkommenden Zorn zurückzuhalten. Ihm war letzte Nacht, als er sich schlaflos im Bett gewälzt hatte, eine Sache klar geworden: Wenn er wirklich eine Beziehung mit diesem Mann wollte, musste sich etwas zwischen ihnen ändern. Es hatte eine Zeit lang Spaß gemacht und irgendwie funktioniert, sich alles an den Kopf zu knallen, was man dachte und sich irgendwann zu versöhnen, aber dabei schlugen sie manchmal schwere Wunden. Und ganz tief in sich drin wusste er nur zu gut, dass Severus diese Methode benutzte, um ihn auf Abstand zu halten. Er war geübt darin den Schwachpunkt seines Gegenübers zu finden und ihn gegen ihn zu verwenden. Anders kannte er es schließlich nicht. Sein Leben hatte früher davon abgehangen jegliche Gefahren abzuwehren. Nähe hätte Schwächen offenbart und gehörte genauso dazu. Und obwohl er jetzt ein anderer war, hatte er dieses Muster nicht einfach ablegen können, das er so tief verinnerlicht hatte. Das kannte Harry nur zu gut von sich selbst. So etwas brauchte Zeit. Er seufzte leise. Und Geduld. Aber wie lange sollte das noch so weitergehen? Er konnte das nicht ewig mitmachen.

Routiniert wanderte seine Hand hinab zu Severus Knöchel, umfasste den dreckigen Stoff. Wenn er weiter nur vor sich hin träumte, würde es doch noch zum Schlimmsten kommen! „Lass uns später darüber sprechen“, bat er ruhig. „Ich muss mich jetzt um die Wunde kümmern! Und nimm bitte auch die anderen Tränke! Du solltest jetzt stabil genug sein, das hinzubekommen!“ Seine Stimme war etwas belegt, aber das konnte er nicht ändern . „Ich kümmere mich um die Salben, sobald ich die Wunde ganz freigelegt habe!“

Erst gab es keine Antwort.

Harry zupfte am Stoff, der andere zuckte.

„Harry“, seufzte sein Patient dann und klang etwas gequält. „Haben diese Zeitungsberichte dir denn nicht die Augen geöffnet? Oder schaltest du jetzt auf stur und willst den Wald vor lauter Bäumen nicht sehen?“ Harrys Augenbrauen hoben sich. Es war interessant, dass Severus dieses Thema von sich aus wieder anschnitt. Wenn ihm auch nicht gefiel, was dieser zu sagen hatte.

Vorsichtig hob er Stück für Stück die Robe an und löste den Stoff von der Wunde. Überraschenderweise beschwerte sich der andere nicht, keuchte nur einmal auf.

„Vielleicht bin ich stur“, sagte er nach einer Weile, seine Augen ruhten auf der Hose, die der Tränkemeister unter dem Überkleid trug. Dieses hatte er inzwischen bis zu dessen Leib hochgezogen. Die Wunde war nun deutlicher zu erkennen. Sie zog sich vom rechten Schienbein nach oben bis zu Severus rechtem Hüftknochen. „Meistens ist es eine nützliche Eigenschaft, die mich häufig weitergebracht hat!“ Er überlegte, wie er die Hose am besten los wurde. Die Wunde begann schon, mit ihr zu verheilen. Das war gar nicht gut!

„Ja, aber diesmal nicht! Es ist albern anzunehmen -“ der andere stockte, vielleicht war ihm klar geworden, wie beleidigend dieser Ansatz klang. „Ich meine, denk doch bitte in Ruhe darüber nach, ja? Eine Beziehung zwischen uns würde nie funktionieren!“ Harry nickte anerkennend mit dem Kopf, er hätte nicht geglaubt, dass Severus das Kind beim Namen nennen würde! Andererseits war dieser immer für eine Überraschung gut und wahrlich kein Feigling!

„Das habe ich durchaus“, sagte er gelassen und griff nach seinem Zauberstab. „Aber jetzt mal kurz ein anderes Thema: Ich schneide deine Hose von unten her auf. Alles andere würde starke Schmerzen verursachen.“ Schon sprach er den Trennzauber.

„Wie bitte!?“ Severus schaffte es, sich ein wenig aufzurichten. Er war weiß wie eine Wand und wirkte entsetzt. „Das ist absolut nicht notwendig! Das schaffe ich schon alleine!“, behauptete er störrisch und zitterte bei seinem Versuch in dieser Position zu bleiben. Harry seufzte auf.

„Tust du nicht“, entgegnete er nur. „Leg dich wieder hin! Du bist noch lange nicht stabil!“ Dann beugte er sich erneut hinab und begann die Hose von unten her, aufzuschneiden. „Mach dir keine Sorgen, du bist nicht der erste Mann, den ich medizinisch versorgen muss!“ Seine Finger streiften Severus` raue Haut, fühlten feine Härchen, die ihn kitzelten, und eine angenehme Wärme, die ihn zu einer weiteren Erkundung dieses Körpers verführen wollte. Oh, nun gut, das konnte vielleicht doch ziemlich intim werden. Besonders, wenn er in höhere Regionen kam.

Er hob den Kopf. Severus sah ihn direkt an. Er schluckte verlegen. „Entschuldige! Soll ich jemand anderen holen, der das macht? Es muss aber schnell gehen! Die Stunde ist bald um und dann beginnt die Wirkung des Blutzaubers und -“

„Ich weiß!“, unterbrach ihn sein Patient schroff. Er holte tief Luft, sein Kiefer mahlte, sein Blick huschte ziellos umher. Als er ihn wieder ansah, wirkte er resigniert. „Ich habe da ein paar unansehnliche Narben ...“, murmelte er mit ersterbender Stimme. Harrys Augenbrauen schossen hoch. Darum ging es ihm also!?

„Wenn es weiter nichts ist“, sagte er locker. „Ich zeige dir später meine, dann sind wir quitt!“ Er verharrte, sah ihn fragend an: „Darf ich weitermachen?“ Ein tiefes Einatmen.

„Ja!“

„Gut!“, Harry lächelte ihn an und machte sich abermals ans Werk.

Einige Minuten arbeitete er schweigend, hörte nur hin und wieder, wie Severus einen Trank in die Hand nahm oder scharf einatmete, weil Harry ein Stück von der Wunde aufreißen musste. Schließlich kam er an der Hüfte an, wo sich ein schwarzer Slip unter der Hose bemerkbar machte. Da die Verletzung darunter weiterging, würde er diesen ebenfalls entfernen müssen.

Er hob den Kopf und sah in diese dunklen Augen, die er wirklich lieb gewonnen hatte, allein bei dem Gedanken schoss ihm Röte ins Gesicht. Das würde jetzt sicherlich falsch ankommen. „Ich muss sie durchtrennen“, krächzte er und spürte, wie sein Kopf noch heißer wurde. Mann, er musste sich echt wieder in den Griff bekommen! „Entschuldige“, schob er schnell hinterher. „Willst du irgendeine Art von Zauber sprechen um, du weißt schon -“

„Ihn unsichtbar zu machen, oder dergleichen?“, kam es trocken und Harry konnte ihn nur anstarren. Severus war überraschend entspannt, wenn man seine Weigerungen von vorhin bedachte. Dabei hatte Harry kaum etwas von den Narben oder dessen Haut mitbekommen. Dazu hatte er sich viel zu sehr darauf konzentriert, dem anderen möglichst wenig Schmerzen zu bereiten.

„Nein.“ Harry riss die Augen auf. Einige Sekunden herrschte Stille.

„Ich meine, kümmere dich nicht darum“, räusperte sich Severus. „Ich sorge schon dafür, dass alles anständig bleibt.“ Er hatte es spottend gemeint, da war sich Harry sicher, aber seine Stimme war so heiser gewesen, dass sein Herz stolperte und er nach Luft rang. Dann schlug es mit doppelter Geschwindigkeit weiter und ihm brach der Schweiß aus. Plötzlich wurde ihm die warme Haut unter seiner Hand, die auf Severus` Oberschenkel ruhte, nur allzu deutlich bewusst. Und wie nah sie der Beule war, die sich ein paar Zentimeter entfernt auftat. Er schluckte. Ablenkung, er musste dringend an etwas anderes denken!

Sein Blick irrte umher und blieb an der Narbe hängen, der er bisher keine Aufmerksamkeit geschenkt hatte. Sie zog sich nicht allzu weit von der Wunde entfernt über den Oberschenkel und war alles andere als ansehnlich. Eigentümlich grau hob sie sich wulstig von der weißen Haut ab und hatte an einer Stelle eine tiefe, dunkle Furche. Er hob die Hand und berührte diesen Platz. Ja, mit solchen Narben kannte er sich wirklich aus!

„Harry“, hörte er da Severus` Stimme, heiser und brüchig. „Bitte“.

Er hob den Kopf, begegnete erneut seinem Blick, der andere wirkte ziemlich mitgenommen. War es für ihn genauso eine Achterbahn der Gefühle? „Natürlich, entschuldige“, entgegnete er seltsam ergriffen und strich mit einer kräftigen Bewegung über die Narbe hinweg. Es gab überhaupt keinen Grund, sich dafür zu schämen! Gedankenverloren hob er den Zauberstab aufs Neue und fuhr mit seiner Arbeit fort. Und klopfte sein Herz wieder schneller, als der Slip sich zu öffnen begann, ignorierte er es, so gut er es konnte.

Irgendwie brachten sie alles hinter sich. Severus war versorgt und sein Gesundheitszustand wieder stabil. Schlussendlich tranken sie sogar noch einen Tee zusammen, wenngleich Harry darauf bestanden hatte, dass der Tränkemeister im Bett blieb. Dieser erzählte ihm währenddessen von dem Biest, welches für seine Verletzung verantwortlich war. Er war tatsächlich auf der Suche nach Zaubertrank-Zutaten gewesen.

Dann verabschiedete Harry sich. Er war schon an der Tür, als Severus ihn zurückhielt.

„Warte, Harry!“ Er schien zu zögern, gab sich sichtbar einen Ruck und fuhr fort: „Du solltest wahrhaftig eine Weile Abstand zu mir halten! Denk noch mal richtig nach. Ich will nicht bestreiten, dass die letzten Tage vergnüglich waren“, bei den Worten verdrehte Harry die Augen, das traf es nicht im Ansatz! „Aber das ist ohne Bedeutung.“ Severus` Blick flackerte kurz, bevor er mit energischer Stimme fort fuhr: „Du erlebst so etwas sicher häufig.? Hast du nicht selbst vor einigen Tagen von einer Freundschaft zwischen uns gesprochen? Das scheint mir im Bereich des Möglichen zu liegen.“ Harry schluckte.

Die Worte an sich waren schwer zu ertragen, wenngleich der andere ihm durchaus entgegen kam. Aber was hatte es mit diesem Unterton auf sich, den er herausgehört zu haben glaubte? Er runzelte die Stirn. Mal abgesehen davon, dass es kein Nein gewesen war. Es klang fast so, als wolle er

ihn

entscheiden lassen. Was sollte er jetzt tun? Und dann kam ihm plötzlich eine Idee, die er gleich in die Tat umsetzte.

„Ok“, sagte er deshalb, „aber nur, wenn du im Gegenzug ernsthaft über ein paar Dates mit mir nachdenkst!“ Das war zwar ziemlich direkt, doch langsam wurde es Zeit, dem Kind einen Namen zu geben.

Es zuckte in Severus´ Gesicht, seine Augen weiteten sich für einen Moment, schließlich nickte er knapp. „Wir sehen uns, Harry.“

***

Da braucht nicht nur Harry viel Durchhaltevermögen, was? ;) Aber Severus und Harry sind trotz ihrer Gemeinsamkeiten halt recht gegensätzliche Männer, da kann es nicht ganz einfach werden, oder?

Was haltet ihr von Blaise? Wart ihr überrascht davon zu erfahren, dass er ernsthaft in eine Frau verliebt ist? Wer das wohl ist? bei Blaise weiß man ja nie ...

Da ich noch immer Urlaub habe, gibt es nochmal einen Ausfall beim Upload. Also kommt die Fortsetzung am Mittwoch, den 02.09. Danach dann allerdings wieder regelmäßig jeden Mittwoch!

Ganz liebe Grüße,

Feerja