Der verbotene Wald
Der verbotene Wald
Die Sonne brannte heiß vom wolkenlosen Himmel. Ihr unbarmherziges Glühen ließ Felder und Wiesen verdorren und trocknete die Erde aus. Harry wischte sich den Schweiß von der Stirn. Der Sommer hatte mit einer Hitzewelle begonnen, die ganz Europa fest im Griff hatte. Es war eine Plage! Hoffentlich würde das bald ein Ende haben. Er liebte den Sommer, doch alles hatte seine Grenzen.
Ungeduldig trat er von einem Fuß auf den anderen und spähte schließlich über ein Weizenfeld. Wo blieb Hagrid nur? Ohne ihn würde er die Spuren kaum finden, die ihn heute hier her gebracht hatten. Außerdem hatte sogar Robards auf eine Begleitung bestanden. Sollte sich der Verdacht bestätigen, konnte es alleine sehr gefährlich werden. Diese Aufgabe machte ihn wirklich nervös! Normalerweise wurde ein ganzer Trupp losgeschickt, aber es hatte einen Einbruchsversuch bei Gringotts gegeben und das komplette Team war im Einsatz.
„Harry!“, rief eine dröhnende Stimme. Als er sich ihr zuwandte, erspähte er Hagrids riesenhafte Gestalt, welche den Arm hob, um ihm zuzuwinken.
Erschöpft spiegelte er die Geste und pustete sich anschließend Luft ins Gesicht. Er würde gerne einen Temperaturzauber anwenden, doch da er nicht wusste, was auf ihn zukommen würde, verbat er es sich. Die Magie konnte ihm später noch von Nutzen sein! Zum Glück stellte die Aurorenzentrale ihren Angestellten auch Roben ohne Ärmel zur Verfügung, sonst wäre er sicherlich schon verglüht.
Er nahm einen Schluck aus seiner Wasserflasche und wandte sich dem Wald zu, den sie gleich betreten würden. Tannen, große Eichen, Fichten und Buchen säumten den Waldrand. Schnell noch ein letzter Zug, die Flasche wurde verstaut und der Stab gezogen. Hinter sich hörte er Schritte, spürte die leichte Erschütterung des Bodens. Hagrid war angekommen.
„Hallo Harry“, begrüßte ihn sein Freund, eine große Pranke legte sich auf seine Schulter und drückte sie ein wenig fester, als es angenehm war. Er war immer noch schlecht darin, seine Kraft zu dosieren. „Ich habe jemanden mitgebracht.“
„Was?“, Harry drehte sich um. „Das war nicht abgemacht!“ Seine Augen blieben an dem Mann hängen, der jetzt aus Hagrids Schatten trat und ihn reglos musterte. Severus. Sein Herz schlug schneller. Es war fast zwei Monate her, dass sie sich persönlich gesehen hatten. Wenn auch widerwillig, hatte er sich an dessen Bitte gehalten. Es war ihm schwerer gefallen als erwartet. Aber es hatte sich durchaus gelohnt. Die schlechte Presse war zurückgegangen. Zwar stichelte mancher Kollege noch deswegen, doch Harry kümmerte es nicht. Hauptsache, Severus wurde nicht mehr so belagert und schlechtgemacht. Er fuhr sich über das Gesicht. Natürlich unterstellte man ihm schon die nächsten Liebeleien. Bei dem Gedanken entrang sich ihm ein Seufzen. Das schien sein Schicksal zu sein.
„Hallo Severus“, begrüßte er ihn knapp. Jedes weitere Wort, welches ihm auf der Zunge lag, schien unangebracht vor Hagrid zu sein. Also musterte er ihn schweigend.
Der Tränkemeister öffnete den Mund, leckte sich über die Lippen, was Harry mit Argusaugen verfolgte, und räusperte sich dann. „Hallo.“ Hatte er selbst vorhin auch so hölzern geklungen? Und der andere begegnete seinem Blick nur sehr kurz, was allein schon etwas aussagte. Trotzdem freute er sich. So tief und warm hatte er seine Stimme gar nicht mehr in Erinnerung gehabt! Und sein Gesicht. Obwohl er keine Maske trug, verspürte er weder Schrecken noch Abscheu. Natürlich hatte er das schon lange nicht mehr, hätte es jedoch nach diesen Monaten erwartet. Lag es daran, dass jede Linie davon in sein Gedächtnis eingebrannt war? Ob er so den ganzen Weg von Hogwarts hergekommen war?
„Er braucht ein paar Pflanzen, die nur im verbotenen Wald wachsen“, sagte Hagrid, der nichts von der Anspannung mitzubekommen schien. „Er wollte zwar alleine gehen, aber ich habe ihn gerade noch erwischt!“ Ein Kopfschütteln. „Stell dir ma vor, er meinte, er würde es auch mit einem Biggos aufnehmen!“ Harry riss sich mühsam vom Gesicht des Tränkemeisters los.
„Ach ja!?“, versuchte er sich an einem Lachen, welches schrecklich künstlich in seinen Ohren klang. „Das sieht ihm ähnlich!“ Wieso musste dieser Mann immer so stur sein? Hatte er sein Leben nicht schon genug riskiert!?
Severus Miene blieb unbeweglich. „Ich muss in einen völlig anderen Bereich des Waldes. Biggos sind sehr territorial, wie du weißt. Da wird es keine Probleme geben. Sicher begegne ich ihm gar nicht!“ Nun richtete er seinen Blick auf Harry. „Aber wenn es sein muss, begleite ich euch, bis du ihn angefüttert hast. Meine Ernte hat glücklicherweise einen längeren Zeitrahmen.“ Er machte einen Schritt vorwärts. „Nacht, muss es allerdings nicht werden. Lasst uns gehen!“ Und schon ging er an ihm vorbei auf die Bäume zu.
Harry hob die Augenbrauen, sah, wie Hagrid die Achseln zuckte, und folgte dem Tränkemeister. Hinter sich hörte er die schweren Schritte des Halbriesen.
„Es ist verantwortungslos von Robards, dich alleine her zu schicken!“, knurrte Severus, der ziemlich zügig ausschritt. „Du magst bei den britischen Auroren der Einzige sein, der schon einen Biggos getötet hat und weiß, wie man sie füttert, aber trotzdem! Wenn er dich als Fressfeind ansehen sollte, endet das schnell tödlich!“ Überrascht runzelte Harry die Stirn. Der andere wusste ziemlich viel über dieses Geschöpf, welches nur im Regenwald beheimatet war.
„Deshalb komme ich ja mit!“, polterte Hagrid, überholte Harry und schob sich am Tränkemeister vorbei. „Außerdem bin ich nich ganz sicher, obs wirklich ein Biggos is. Hab leider noch nie n echten gesehen.“ Er seufzte abgrundtief. „Ich würde es zu gerne! Se sind so stark, fast unbesiegbar! Dabei gar nich so groß. Wie n kleines Nashorn.“
„Ja, ja, wissen wir alles, danke!“, wehrte Severus ab und schritt nun gemäßigter voran.
Sie folgten einer Weile einem schmalen Pfad, brachen jäh durch ein Dickicht und gingen auf einem breiteren Weg weiter.
„Denk nur daran, Hagrid, dass du nicht alleine bist! Sonst haben wir dich bald verloren!“, wies ihn Snape jäh zurecht.
Tatsächlich hatte der Wildhüter sie schon einige Male fast abgehängt und blieb jetzt stehen. „Ah, richtig. Ganz vergess´n, wie klein eure Schritte sind“, brummte er gutmütig.
Harry atmete tief ein, als ein kühler Luftzug ihn streifte. Im Wald war es durchaus erträglich, die Luft angenehm frisch. So langsam begann er, Spaß an der Sache zu haben. Vorsichtig warf er Severus einen Seitenblick zu. Um ehrlich zu sein, lag es wohl eher an ihm. Dass er sich ihnen ohne Proteste angeschlossen hatte, war schon auffällig. Sein Herz schlug schneller bei dem Gedanken, welche Bedeutung es haben mochte. Außerdem machte es Spaß, so durch den Wald zu marschieren. Es war ziemlich still, weshalb es fast einem Spaziergang glich. Etwas, dass er noch nie mit Severus getan hatte.
Bei dem Wildhüter angekommen, hielten sie an. Er deutete zwischen zwei junge Fichten. „Dort hinten in der Erde siehst du die Hufabdrücke, Harry. Der Boden is schlammig, pass auf!“ Er schüttelte den Kopf. „Es is ein Wunder, dass ich sie überhaupt geseh´n hab! In diesem Teil vom Wald bin ich selten.“
„Alles klar!“, nickte Harry, sein Körper war schon auf Autopilot geschaltet. Er marschierte an den anderen vorbei. Seine oberste Pflicht als Auror bestand darin, Menschen zu schützen. Da machten seine Freunde keine Ausnahme! „Wenn wir gesicherte Beweise für den Biggos haben, müsst ihr sofort auf Abstand zu mir gehen! Dann sollte es keine Probleme geben. Am Besten beobachtet ihr mich aus der Ferne.“ Er legte die Hand an den Lederbeutel an seinem Gürtel. „Sobald ich sein Fressen ausgelegt habe, ziehen wir uns komplett zurück und warten. Es wird nicht lange dauern.“ Suchend wanderten seine Augen umher. „Sie sehen durch ihre massive Gestalt zwar langsam aus, sind aber blitzschnell. Vor allem, wenn es um ihr Futter geht! Und wie ihr vielleicht wisst, lieben sie diese Pflanze über die Maßen!“ Dabei klopfte er auf den Beutel, in dem sich eine Thermoskanne befand. „Ohne sie können sie nicht leben. Deswegen ist es auch so unwahrscheinlich, dass einer von ihnen hier ist! Die Pflanze wächst schließlich nur im Regenwald!“
Endlich sah Severus ihm direkt ins Gesicht. „Das mag sein, aber was, wenn doch? Habt ihr damals nicht auch einen Biggos gejagt, der durchgedreht ist und Menschen angriff? Er ist doch dann auf dich losgegangen, als du ihn getötet hast.“ Nun war Harry wirklich baff. Da es in Brasilien passiert war, hatten die Zeitungen in England nicht darüber berichtet. In einem Austauschprogramm hatte er die Möglichkeit bekommen, Namen und Aussehen zu ändern und ein normaler Auror zu sein. Wieder einer seiner Versuche, seiner Berühmtheit zu entkommen.
„Woher weißt du das!? Ich habe es dir nie erzählt.“ Er hatte nur in der Therapie davon gesprochen. Es belastete ihn bis heute.
Der andere hielt seinem Blick stand, wirkte jedoch nicht mehr so abgeklärt wie zuvor. „Du warst seltsam, als du von Brasilien zurückgekehrt bist, also habe ich Nachforschungen angestellt.“ Harrys Augenbrauen schossen nach oben. Er wusste es schon seit drei Jahren!?
„Beeindruckend!“, musste er zugeben. „Das hätten nur Wenige herausfinden können!“ Sein Gegenüber sah nur überheblich drein.
Harry schmunzelte widerwillig. „Von wem spreche ich hier“, brummte er. „Der Herr Meisterspion kann jegliche Informationen beschaffen, was?“ Er war nicht sicher, ob er sich ärgern, oder freuen sollte. „Wieso hast du nie etwas gesagt?“
Nun wurden die dunklen Augen warm. Gedämpft kam es zurück: „Es war nicht an mir, darüber zu sprechen.“ Harry schluckte. Wow! So viel Einfühlungsvermögen hätte er Severus gar nicht zugetraut! Er würde ihn gerade wirklich gerne küssen!
Weil er nichts weiter tun konnte, hielt er einfach seinen Blick fest, spürte seine Leidenschaft darin brennen und ließ es zu. Auch Severus schien sich dem Moment nicht entziehen zu können. Seine Augen wurden dunkler und wirkten unendlich tief. Wie hatte er je glauben können, keine Gefühle für diesen Mann zu hegen? Die Liebe musste sich schon vor langer Zeit in sein Herz geschlichen haben. Er hatte es nur nicht wahrhaben wollen.
„So, jetzt muss ich es aber doch wissen!“, meldete sich Hagrid zu Wort und zerstörte damit die Stimmung. Die Angesprochenen zuckten zusammen. „Ich habs ja für ne Ente gehalten, diese Berichte über euch. Ehrlich“, er schüttelte den Kopf. „Ihr beide und n Paar!? Habs mir nich vorstellen können – Bis jetzt!“ Harry blinzelte. Was sollte er darauf erwidern? Sein Hirn war wie leer gefegt. Er wusste nur eines, dass er seinen ältesten Freund nicht belügen wollte. Aber die Wahrheit war auch keine Option.
„Wie ihr euch anseht, wie gut ihr euch versteht ...“
Severus fuhr herum. „Wenn das allein schon dafür ausreicht, Hagrid, dann müssen Pomona und du schon seit Jahren ein Ehepaar sein! Oder du und Minerva. Poppy, vielleicht?“ An der Röte, die nun ins Gesicht des Halbriesen stieg, wusste Harry, dass Snape getroffen hatte.
„Is gut, jeder kümmert sich um seinen Kram“, brummte der große Mann und wandte sich ab. Bedauernd seufzte Harry auf. Einerseits tat es ihm leid, wie Hagrid zurechtgewiesen worden war, doch andererseits hatte Severus nur die Wahrheit gesagt. Zu ärgerlich, dass alles durch Harrys Outing seinen Anfang genommen hatte! Niemand hätte auch nur zu spekulieren begonnen, wenn seine Bisexualität nicht bekannt geworden wäre! Doch da es vielen Menschen Mut gemacht hatte und andere inspirierte, konnte er meistens damit leben. Wenn er sich nicht gerade über Unterstellungen aufregte.
„Ich schau mir die Spuren an. Ihr bleibt auf Abstand und haltet Ausschau! Der Biggos kam ziemlich laut werden, wenn er durchs Unterholz bricht, also zieht euch rechtzeitig zurück!“
„Das ist doch Unsinn!“, widersprach Severus heftig. „Wie sollen wir dir helfen, wenn wir gar nicht in der Nähe sind!?“ Harry seufzte.
„Hagrid“, bat er den Wildhüter. „Sorg dafür, ja?“
Die Augen des Tränkemeister weiteten sich, anscheinend konnte er nicht fassen, was Harry da gesagt hatte, dann funkelten sie vor Zorn auf. „Das ist doch nicht dein Ernst!?“, fuhr er ihn an. „Du hast nicht die Befugnis -“
Harry schnitt ihm das Wort ab. „Eigentlich habe ich sie schon! Im Augenblick bin ich die höchste Autorität hier und muss eine Pflicht erfüllen. Zieht euch zurück! Sofort!“ Ohne einen weiteren Blick auf den fassungslosen Tränkemeister drehte er sich um und marschierte auf die jungen Fichten zu. Hagrid würde das schon regeln! Seine körperliche Kraft war der des ehemaligen Schulleiters deutlich überlegen und mit Magie würde Severus den Halbriesen sicher nicht angreifen. Die ungleichen Männer verstanden sich heutzutage ganz gut.
Ihm entschlüpfte ein Seufzen. Diese Anweisung würde der andere ihm nicht so leicht verzeihen! Er wünschte wirklich, er hätte eine Wahl gehabt. Er ging schneller, erreichte den Durchgang und trat hindurch.
Es war etwas dunkler hier, obwohl die Bäume weit auseinanderstanden und eine Art Lichtung bildeten. Doch ihre Äste waren so ausladend und reichten so hoch, dass kaum ein Sonnenstrahl auf die Erde fiel. Es schmatzte unter seinen Füßen. Der Boden war weich und saugte sich an seinen Stiefeln fest. Er blickte sich suchend um, da war nichts außer Dunkelheit. „Lumos!“ Das Licht leuchtete hell auf, Schatten von sich wiegenden Bäumen tanzten umher. Er blieb ruhig und sah sich wachsam um. Anscheinend war er alleine. Ein paar Meter von ihm entfernt gab es eine Grube im weichen Boden, sie war ziemlich zerwühlt. Seine Augen fuhren gleichgültig über angekaute Tannenzapfen, Samen einer unbekannten Pflanze und ein paar Wurzeln alter Bäume.
Moment, da drüben! Er machte einen mühsamen Schritt nach vorne. Ja, genau! Dort waren sie, die Abdrücke, die er begutachten musste! Sie waren im gleißenden Schein seines Stabs gut zu erkennen. Behutsam näherte er sich ihnen. Wieder schmatzte und gluckerte es unter seinen Füßen. Er musste aufpassen, dass er nicht stecken blieb. Wie hatte Hagrid das bloß geschafft!?
Ein paar Minuten später hatte er endlich sein Ziel erreicht und beugte sich hinunter. Sein Herz wurde schwer. Leider hatte der Wildhüter recht gehabt. Es war ganz eindeutig ein Biggos! Er atmete tief ein.
Es war leicht gesagt, dass er ihn im Notfall töten konnte. Aber das sagten nur jene, die keine Ahnung hatten! Mühsam setzte er einen Fuß vor den anderen, versuchte sich auf das jetzt zu konzentrieren und kletterte schlussendlich aus dem Schlammloch heraus.
Dann steckte er den Zauberstab weg. Gegen einen Biggos half dieser kein bisschen. Als hochmagisches Wesen mit einer Haut wie Panzerplatten, war das Geschöpf nur in einer einzigen Situation verwundbar. Beim Fressen der Cámisa-Blüte. Die magische Pflanze ließ den Körper des Biggos aufleuchten und offenbarte dabei einen seiner drei Mägen. Und genau dort war sein Schwachpunkt. Man brauchte ein langes Schwert oder einen Speer und musste schnell von unten nach oben stoßen, um das dahinter liegende Herz zu treffen. Harry erschauerte. Er hatte immer wieder zustechen müssen, während das Geschöpf mit seinem Körper auf ihn herabgesunken war und warmes Blut über seine Glieder floss. Er hatte heute noch Albträume davon.
„Bitte“, flüsterte er leise und öffnete den Beutel mit der Thermosflasche, „lass mich es diesmal nicht töten müssen! Ich bitte dich!“ Er wusste gar nicht, wen er da anflehte, aber es beruhigte ihn etwas.
Er erspähte einen tief hängenden Ast auf dem breiten Weg und beschloss, das Fleisch hier aufzuhängen. Denn obwohl die Biggos diese Pflanzen zum Überleben brauchten, waren sie eigentlich friedliebende Fleischfresser. Solange man ihnen keine Blüten stahl oder sich in ihrem Revier aufhielt, griffen sie niemanden an. Sie waren sehr genügsam und konnten sogar viele Jahre nur durch den Verzehr ihrer geliebten Pflanzen überleben. In Brasilien bewohnten sie ein großzügiges Gebiet Regenwald, welches von den ansässigen Auroren überwacht wurde, und halfen dabei, das Gleichgewicht des Waldes aufrechtzuerhalten.
Vorsichtig packte er die Schnur mit dem Netz. Es umhüllte das marinierte Fleisch, sodass er es an einen Ast binden konnte. Er verknotete es fest und hoffte, dass es keine anderen Tiere anlockte. Für den Notfall hatte er noch ein zweites Stück. Trotzdem musste er sich jetzt beeilen! Schnell zog er die Handschuhe aus, auf die etwas vom Pflanzensaft getropft war, und stopfte sie in einen speziellen Beutel. Dann rannte er los. Diese Geschöpfe hatten wenige Sinne, dafür war ihr Geruchsinn überentwickelt. Sie rochen die Blüten noch Meilen gegen den Wind! Und sie fraßen alles, an dem sich ihr Saft befand, da er Enzyme enthielt, die ihnen die Fleischverdauung erst möglich machte.
„Harry, hier sind wir!“, hörte er Hagrid zischen. Für seine Verhältnisse war er richtig leise.
Es brauchte etwas, bis Harry die anderen Männer entdeckte, die auf einen hohen Felsen geklettert waren. Er schien ihnen einen guten Überblick über das Gebiet zu gewähren. Außerdem konnte der Biggos hier nicht hoch gelangen. Dafür war er zu schwer und unbeweglich, trotz seiner eher geringen Größe.
Vorsichtig machte er sich an den Aufstieg.
Oben angekommen, fand er einen erfreuten Halbriesen und einen zornfunkelnden Snape vor. Seine Entscheidung fiel in Sekundenschnelle. Er musste auf Abstand zum Tränkemeister bleiben! Wer weiß, wie er an ihm Rache nehmen würde für das, was er ihm hatte aufzwingen müssen! Mit einem sanften Stups versuchte er deshalb Hagrid in die Mitte zwischen sie zu bugsieren, aber das war leider völlig unmöglich. Dafür war einfach kein Platz! Und bevor er sichs versah, hatte ihn der Wildhüter auf den schmalen Vorsprung vor Severus geschoben. Er schluckte. Das konnte nicht gut gehen!
Als ihm unvermittelt ein würziger Duft von Kräutern in die Nase stieg, atmete er tief ein. Der andere musste sehr nah an ihn herangetreten sein, so eine Mischung kannte er nur von ihm alleine. Wie würde es nun weitergehen? Was würde Snape tun? Unendliche Möglichkeiten schossen ihm durch den Kopf und alle waren in ihrer Situation völlig unpassend. Er spürte sich erzittern, Hitze und Begehren flammte in ihm auf und er stellte peinlich berührt fest, dass er erregt war. Eine Wendung, die ihn gar nicht behagte. Das war so völlig unpassend in dieser Situation! Konnte er das überstehen, ohne aufzufliegen? Und wieso war es überhaupt passiert? Wieso hatte dieser Mann solch eine Wirkung auf ihn? Furcht verspürte er jedenfalls keine mehr. Denn was er auch mit ihm anstellen würde, Harry vertraute darauf, dass er ihm kein Leid zufügte.
Eine Hand legte sich fest auf seine Schulter. „Wenn du so etwas noch mal mit mir abziehst, Harry Potter“, knurrte ihm Severus ins Ohr, „dann wirst du es deinen Lebtag bereuen! Verstanden!?“ Heißer Atem erhitzte seine Haut, fachte das Feuer noch mehr an und machte es Harry schwer, ihm überhaupt noch zuzuhören. „Ganz egal, welche Autorität du hast, ich entscheide selbst, ob ich dich beschütze oder nicht!“ Eine zweite Hand packte seine andere Schulter und der Mann trat so dicht an ihn heran, dass sich ihre Körper wie zufällig streiften. Harry hielt die Luft an, er meinte zu verglühen. Er blinzelte ein paar Mal, murmelte schließlich einen Zauber und kam wieder zu Atem. Es war echt peinlich, wie schnell er sich von diesem Mann verführen ließ! Ob diesem das überhaupt klar war? Nun ja, er würde es ihm sicher nicht auf die Nase binden!
Er holte tief Luft und wandte den Kopf nach hinten. Hagrid beachtete sie zum Glück gar nicht. „Severus“, begann er, nicht wissend, was er genau sagen sollte. „Ich verstehe deinen Zorn, aber ich bin nun einmal derjenige, der Erfahrung mit der Sache hat.“ Ja, das klang doch schon mal gut! „Hättest du an meiner Stelle anders gehandelt?“, drehte er den Spieß dann kurzerhand um. Seine Schultern wurden schraubstockartig umklammert. Er stieß einen Laut aus. Verdammt konnte dieser Mann zupacken!
Schon wurde er wieder losgelassen. „Das wollte ich nicht, tut mir leid“, kam es heißer. Seine Hände fuhren überraschend sanft über die geschundenen Stellen und im nächsten Moment verflog der Schmerz. Harry konnte es nicht fassen. Seit ihrem ersten Kuss hatte der Mann sich wirklich verändert! Früher hatte Harry Entschuldigungen mühsam aus ihm herauskitzeln müssen und jetzt musste er nicht einmal etwas sagen! „Und du hast recht, ich hätte dasselbe getan.“ Seine Stimme wurde rau: „Aber ich weiß nicht, ob ich es nochmal schaffe, so an der Seitenlinie zu stehen! Ich hasse es!“
„Was tuschelt ihr da eigentlich?“, fragte Hagrid und warf ihnen einen forschenden Blick zu. Severus` Hände glitten noch in derselben Sekunde von Harrys Schultern. Er vermisste die Wärme. „Ihr wisst schon, dass ihr in normaler Lautstärke sprechen könnt? Der Biggos kann nur sehr schlecht hören!“ Wieder sah er zu Harry, dann auch zu dem Dritten im Bunde. „Sag mal Junge, wenn das mit euch beiden nicht stimmt, was ist denn die echte Wahrheit? Läuft da was mit diesem Quidditchspieler aus der australischen Nationalmannschaft? Du weißt schon.“
„Wer?“, murmelte Harry. Er hatte in der Ferne etwas ausgemacht, dass auf den Futterplatz zuschoss. Bei der Geschwindigkeit und Größe konnte es sich locker um den Biggos handeln.
„Patrick Maxwell der Dritte“, warf Severus in gelangweiltem Ton ein, aber eine gewisse Anspannung in seiner Stimme ließ den Schluss zu, dass er die Antwort genauso gerne erfahren wollte, wie sein alter Freund.
„Nein“, entgegnete Harry langsam, behielt das Ding im Auge. „Du solltest doch wissen Hagrid, dass ich längst nicht so ein Gigolo bin, wie man es mir nachsagt!“
Der Halbriese schnappte nach einer faustgroßen Spinne, die sein Bein hinaufkletterte und ließ sie auf seinem Arm spazieren laufen. Harry verzog das Gesicht. „Schon, aber wenn du Single bist, ist es doch ok.“ Die Spinne wurde nun vorsichtig auf ein Stück Felsen unter ihnen entlassen. „Was is mit der Schauspielerin, die du bei dieser Muggel-Gala getroffen hast? Molly hat mir davon erzählt“, gab Hagrid nicht auf. Seit Harry sich von Ginny getrennt hatte, entwickelte er ein zunehmendes Interesse an dessen Liebesleben, was diesen manchmal seine ganze Geduld kostete.
„Gala?“, fragte er deshalb halbherzig und bemühte sich nicht einmal nachzudenken. Das war ihm wirklich zu dumm!
„Gala, ja?“, kam es mit flacher Stimme von hinten. „Ich dachte, der Herr hält nichts davon?“
Harry seufzte. „Was weiß denn ich? Weil eine bestimmte Person “, das letzte Wort betonte er besonders, Hagrid würde das sicher entgehen, „mich auf Abstand gehalten hat, habe ich versucht, mich abzulenken. Ich war öfter weg, da brauche ich schon mehr Details.“
„Und?“, kam es betont gleichgültig, aber auch diesmal konnte er Harry nicht täuschen. Er war durchaus an der Antwort interessiert. „Hat es was gebracht?“
Er war versucht etwas Gegenteiliges zu behaupten, aber er würde jetzt nicht mit dem Lügen anfangen. Mal davon abgesehen, dass es für ihre Beziehung nicht von Vorteil war. „Nein, hat es nicht“, gab er deshalb zu. „Man kann einen Menschen nicht so einfach gegen einen anderen eintauschen.“ Du Dummkopf! , fügte er in Gedanken hinzu.
„Aaah“, etwas schien Hagrid also mitbekommen zu haben. „Es gibt doch jemand ja?“ Er gluckste, sah glücklich aus. „Du bist verliebt!“
„Was? Ich -“
Weiter kam er nicht, weil in diesem Moment Äste krachten und die Erde erbebte. Der Biggos war bei seinem Ziel angekommen.
„Er ist es wirklich!“, hauchte Hagrid und starrte mit leuchtenden Augen hinab.
Severus packte Harry wieder bei den Schultern und spähte an seinem Kopf vorbei, sein Haar streifte Harrys Kinn und bescherte ihm ein Kribbeln im Bauch. Er sollte sich wirklich mal professioneller verhalten! Weder war es angebracht, den wundervollen Geruch einzusaugen, noch sich zu fragen, wie seine nackte Haut sich wohl anfühlen mochte! Der Biggos gab ein heißeres Brüllen von sich. Ein Freudenschrei, wie Harry wusste.
„Jetzt wird er anfangen sein Revier zu markieren, oder? Wir sollten gehen“, brummte Severus und ließ eine von Harrys Schultern los. „Es wird höchste Zeit für meine Ernte! Sonst werde ich die ganze Nacht hierbleiben müssen.“
Harry drehte seinen Kopf halb zu ihm herum und erstarrte. Sein Gesicht war nur Zentimeter von dem anderen entfernt. Er konnte seinen Atem auf den eigenen Lippen spüren und ihm nicht mehr in die Augen sehen, so nah waren sie sich. Er schluckte. Wenn das so weiterging, würde seine Selbstbeherrschung sich bald in Luft aufgelöst haben! Er hatte den Brand in seinem Inneren vorhin nur eingedämmt und nicht gelöscht! Wie denn auch, ohne die ersehnte Erlösung?
„Recht hast du, verschwinden wir!“, entschied Hagrid da und begann, den Felsen hinunterzuklettern.
„Wir“, murmelte Severus und räusperte sich, „wir sollten auch gehen. Geh du zuerst.“ Er nahm seine andere Hand weg und machte einen Schritt zur Seite.
Langsam wandte Harry den Kopf, beobachtete den Biggos, der gemächlich davon trottete, und dann Hagrid, der sich auf der anderen Seite hinabließ. Morgen würde ein ganzes Team Auroren von Brasilien kommen und sich um das Geschöpf kümmern. Es würde lange dauern, aber sie hatten tatsächlich vor, es irgendwie wieder zurück in seine Heimat zu schaffen. Harry war sich nicht sicher, ob es möglich war, doch er wünschte ihnen viel Erfolg! Mit etwas Glück würde er diese Lebewesen nie wieder zu Gesicht bekommen.
Energisch stieß er sich vom Felsen ab und schwang sich hinunter. Da der verbotene Wald sowieso Sperrgebiet war, musste er keine Abwehrzauber installieren. Seine Arbeit war getan.
Nachdem auch Severus hinabgestiegen war und sie genügend Meilen zwischen sich und das Wesen gebracht hatten, blieb dieser stehen.
„Es war durchaus interessant.“ Ein leichtes Neigen des Kopfes. „Hagrid, Harry, wir sehen uns.“ Er drehte sich um, und machte Anstalten sich auf den Trampelpfad zu ihrer Linken zu begeben.
„Hey, warte mal!“, hielt Harry ihn zurück.
Der Tränkemeister wandte sich um. „Ja?“ Irritiert runzelte Harry die Stirn. Wieso wirkte sein Gesicht plötzlich so verschlossen?
„Ich werde dich begleiten!“, sagte er schnell. „Wenn ich dich jetzt hier alleine im Wald zurücklassen würde, hätte ich keine Ruhe!“
Die Augenbraue des anderen wanderte nach oben. „Ich nehme an, du lässt keinen Protest gelten.“ Harry blinzelte. Er hatte mit Gegenwind gerechnet. Diese Kapitulation ganz ohne Diskussionen machte ihn misstrauisch. Oder hatte er es einfach nur aufgegeben, gegen ihre Anziehung anzukämpfen? Ganz kalt konnte ihre Nähe vorhin auch ihn nicht gelassen haben.
„Nein“, sagte er schließlich. „Solange sich dieser Biggos hier herumtreibt, ist es mir lieber, du bist nicht alleine! Selbst wenn es unwahrscheinlich ist, dass er sein neues Revier einfach verlässt.“
„Also gut“, polterte Hagrid, „macht, was ihr wollt! Ich werde nach Hause gehen! Die knallrümpfigen Kröter haben bestimmt schon Hunger.“ Er schob geschickt ein paar Äste zur Seite, die gerade versucht hatten, sich um seine Taille zu schlingen. „Wenn ihr mich braucht, schickt einen Patronus!“
„Ist gut, danke!“, lächelte Harry und sah ihn an. „Danke für die Begleitung!“
Ein Schulterzucken. „Jederzeit.“ Der riesige Mann erwiderte sein Lächeln. „Wir seh´n uns.“
„Auf Wiedersehen“, verabschiedete sich der Tränkemeister ebenfalls knapp und nickte ihm zu.
Sekunden später war Hagrid im Gestrüpp verschwunden.
„Kommst du?“, Severus wandte sich wieder zum Pfad um und marschierte los. Gedankenverloren folgte Harry ihm.
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Hallo liebe Leser,
Wie angekündigt finden ab nächsten Mittwoch, den 09. 09. die Uploads wieder wöchentlich statt!
Ganz liebe Grüße, Feerja