Die magische Lichtung
Die magische Lichtung
Hallo liebe LeserInnen,
krankheitsbedingt kommt das Kapitel heute etwas später und musste auch geteilt werden. Das passt jedoch inhaltlich gar nicht so schlecht.
Viel Spaß euch und liebe Grüße,
Feerja
***
Sie waren schon Stunden unterwegs, als der Weg schmaler wurde und die Farne am Saum dichter. Harry atmete auf. Endlich waren sie angekommen! Es hatte länger gedauert, als er erwartet hatte. Dabei war es in seiner Vorstellung so schön gewesen, mit Severus alleine spazieren zu gehen. Doch leider war dieser recht schweigsam und eilte meistens nur voraus. Das machte das Ganze eher zu einer Hetzjagd. Manchmal verstand er ihn einfach nicht! Wieso hatte er nicht gegen seine Begleitung protestiert, wenn er sie nicht wünschte!? Das sah dem Mann gar nicht ähnlich!
Als sich eine kreisrunde Lichtung vor ihnen auftat, blieb er stehen. Zuerst fiel ihm der hohe Druidenstein ins Auge, der im Kern des Feldes ruhte. Majestätisch, rötlich funkelnd im späten Sonnenlicht und geheimnisvoll Jahrhunderte überdauernd. Um ihn herum wuchsen vielfarbige Wurzelblüten, schwarzer Rabeswurz, der grüne Knollenblätterpilz und lilafarbenes Marienkraut. Es war ein beeindruckendes Bild.
Obwohl er schon häufiger hier gewesen war, bewunderte er den Anblick jedes Mal. Diesem Ort wohnte eine eigene Magie inne. Es war nicht allein die äußere Schönheit, die einem in Erstaunen versetzte, er hatte auch eine wohltuende Wirkung auf den Geist. Hier klärten sich die Gedanken. Man fand Ruhe und inneren Frieden. In den Geschichten der Zentauren sprach man von einer Euphorie, die von einigen wenigen Besitz ergreifen konnte. Harry selbst hatte das allerdings noch nie erlebt.
„Wenn du schon mitgekommen bist, kannst du mir gleich helfen“, sagte Severus da. Er hatte seinen Zauberstab eingesteckt und sich Handschuhe aus Drachenleder übergestreift. „Dann sind wir schneller fertig.“ Harry wandte sich ihm zu und beobachtete, wie er eine winzige Tasche aus seiner Robe zog. Mit einem Stups seines Stabs schwoll sie an und wurde merklich größer.
Gedankenverloren glitten seine Hände in die eigene Robentasche und kramten nach seinen Handschuhen. Erst als er den kleinen Beutel befühlte, in den er sie zur Sicherheit verstaut hatte, wurde ihm klar, dass er sie nicht benutzen konnte. Sobald er sie aus dem isolierenden Material holen würde, hätte er eine Zielscheibe auf dem Rücken. Der Saft an ihnen würde den Biggos anlocken. Obwohl sie Kilometer entfernt waren, würde er sie finden.
Er hob den Kopf. „Severus, ich kann meine -“ der Tränkemeister hielt ihm ein paar Handschuhe hin.
„Mein Ersatzpaar. Du kannst deine sicherlich nicht verwenden.“ Harry zog die Augenbrauen zusammen. Ein Ersatz? Das kam ihm spanisch vor! Der andere hatte ihm mal lang und breit erklärt, dass er nie mehr als ein Paar dabei hatte, weil er, ihm Gegensatz zu Harry immer genau wusste, wo er seine Sachen liegen ließ.
„Danke“, sagte er langsam und griff nach ihnen, um sie anzuziehen.
„Hast du schon einmal Wurzelblüten geerntet?“, wollte Severus wissen. Er kramte in seiner Tasche und holte zwei Gefäße hervor. Diesmal schossen Harrys Augenbrauen nach oben. Der andere hatte gleich zwei davon dabei? Sie waren mit einem Zauber versehen, wie er wusste. Man konnte unglaublich viel in ein solches Gefäß packen. Mehr, als der Tränkemeister an einem ganzen Tag sammeln konnte. Der andere hatte es ihm selbst erzählt. „Ich brauche die Siebenblättrige.“
„Ah“, entkam es Harry zerstreut. „Sag mal, Severus, wie lange willst du mir eigentlich noch vormachen, dass es reiner Zufall war, dass du heute mitgekommen bist?“
Dunkle Augen schnellten hoch, der Blick war durchdringend. Dann wurden die Gefäße wieder eingepackt und der Rucksack beiseitegeschoben. Harry blinzelte verblüfft.
Im nächsten Moment bückte sich der andere mit unbewegter Miene und hob Erde auf. „Was zum -“, begann Harry.
Wumm! Er wurde an der Stirn getroffen. Ein Teil der feuchten Erde glitt langsam auf die Nase hinab, ein anderer blieb an den Augenbrauen kleben.
„Spinnst du!?“, keuchte Harry auf und wischte sein Gesicht so gut wie möglich mit der Hand trocken. Erschrocken musste er feststellen, dass ein weiterer Klumpen auf ihn zuflog.
„Du kannst doch nicht -“, rief er ungläubig aus und ließ sich zu Boden fallen. „Was ist in dich gefahren!?“ Vorsichtig spähte er durch die hohen Grashalme. „Woher wusstest du überhaupt von dem Einsatz? Er kam doch akut rein!? Wie konntest du dich darauf vorbereiten!?“ Denn genau das hatte Severus ohne Zweifel getan! Nicht nur, dass er sich Wissen über den Biggos angeeignet hatte, nein, er hatte sich auch darauf eingestellt, mit ihm auf diese Lichtung zu gehen!
Diesmal kam eine geformte Kugel angeflogen. Harry konnte nur den Kopf schütteln. So albern hatte er den anderen noch nie erlebt! Er sah zu ihm hinüber und hätte dann fast einen Treffer kassiert.
Eine Seitwärtsrolle rettete ihn zwar, doch er landete dabei auf einer feuchten Stelle. Hände und Robe waren voller Dreck. Das sollte er büßen!
„Du musst dich schon entscheiden, Mister Potter! Was willst du denn nun wissen?“, kam es ironisch von seinem Gegenüber. „Aber nur um das klarzustellen, das hier ist meine Rache für vorhin! Vielleicht ein bisschen kindisch, aber durchaus befriedigend!“ Er lachte leise.
„Tth, Rache?“, stieß Harry aus, griff in den weichen Boden und begann seinerseits eine Kugel zu formen. „Meinst du etwa wegen der Sache mit dem Biggos!? Ich dachte, du hättest das verstanden!?“
Blitzschnell schoss er hoch, orientierte sich und warf. Auch wenn Severus sich tief ins Gras kauerte, war sein leuchtendes Gesicht gut zu erkennen. Er grinste und ließ sich fallen. Irgendwie begann ihm das Ganze Spaß zu machen.
„Ha!“, stieß der andere aus. Anscheinend war er nicht getroffen worden. „Das habe ich, ja. Aber ich finde trotzdem, dass du eine Lektion verdient hast! Erst recht, wenn du mir vorwirfst, mitgekommen zu sein!“
Harry lachte auf. „Du Dummkopf!“, tadelte er ihn mild. „Ich freue mich, dass du dabei warst! Ich frage mich nur, wie du dich so gut darauf vorbereiten konntest!?“
Stille.
„Minerva“, sagte der andere. Harry verstand es sofort.
„Hagrid hat es ihr zuerst gemeldet“, sinnierte er. „Ist wahrscheinlich sogar Vorschrift. Und sie hat dich vor dem Ministerium informiert?“, überlegte er weiter. „Aber sie konnte doch gar nicht wissen, dass ich alleine würde gehen müssen!“ Wumms!
Verflixt! Diesmal hatte ihn eine Kugel an der Schulter getroffen. Das tat ganz schön weh! Wie gut, dass er selbst eine Neue gemacht hatte! Er zögerte nicht, schoss hoch, sah den stehenden Mann und warf. Schon sank er wieder nach unten, wartete mit klopfendem Herzen.
„Bei Slytherins Bart, na warte! Das bekommst du zurück!“, hörte er ihn schon rufen und grinste glücklich. Er hatte ihn also erwischt! „Minerva wollte nur auf Nummer sicher gehen. Auch sie ahnte, dass es vor drei Jahren schwer für dich gewesen war. Du hast ganz untypisch für dich, kaum über deine Zeit dort gesprochen.“ Ein leichter Wind fuhr über die Wiese und ließ Gräser rascheln. „Deshalb hat sie mich informiert!“
„Hm“, murmelte Harry nachdenklich und machte sich daran, gleich mehrere Kugeln bereitzulegen. „Du hattest also keine persönlichen Motive, um herzukommen?“ Das war es ja, was er sich eigentlich erhofft hatte!
Ein großer Vogel stieß einen langen Schrei aus und flog im Tiefflug über sie hinweg. Harry sprang auf. Auch Severus schien dieselbe Idee gehabt zu haben, aber es war zu spät. Harry war schneller. Er hatte seine erste Kugel schon geschleudert und feuerte die nächsten hinterher. Sie rasten auf den Tränkemeister zu, trafen ihn hart an der Brust, im Gesicht und an der Schulter. Er taumelte.
Erschrocken hielt Harry inne. War er zu weit gegangen? Severus war ehrgeiziger als er selbst und nahm Niederlagen persönlicher. Und so viele Treffer zu kassieren, war eine Niederlage sondergleichen. Er duckte sich und beobachtete ihn besorgt. Wieso hatte er sich überhaupt auf dieses Spielchen eingelassen? Hatten sie nicht Arbeit zu erledigen? Nur hatten sie so etwas noch nie getan. Einfach ein bisschen herumblödeln.
Als ein Lachen an sein Ohr drang, blinzelte er verwirrt. Dann wandte der andere sich ihm wieder zu. In seinen Augen funkelte es, ob vor Wut oder Vergnügen konnte er aus dieser Entfernung nicht einschätzen. Vorsichtig duckte er sich tiefer und trat den Rückzug an. Anscheinend war das Spiel noch nicht vorbei! Ein Lächeln zupfte an seinen Mundwinkeln. Dieser Tag war ziemlich verrückt! Oder war es nur ein Traum? Doch egal! Er wollte es einfach nur genießen! Wieder fuhr eine Brise über die Lichtung, Blätter und Gräser raschelten, er vermeinte, ein fernes Donnern zu hören. Der Wind wurde stärker, kam von hinten auf ihn zu und er drehte sich um.
Und dann lag er jäh auf dem Boden, einen triumphierenden Severus auf seiner Brust hockend. „Hab dich!“, lachte er leise und pinnte ihn fest. Bevor Harry sichs versah, wurde er gründlich mit Erde eingerieben. Sie rieselte in Mund und Nase, den Ausschnitt und sogar seine Arme bekamen etwas ab.
Es kostete ihn einige Kraft, den anderen auszuhebeln und einen seiner Arme zu packen. Er drehte sich mit ihm herum, sodass sie beide auf der Seite zum Liegen kamen. Trotz seiner Fassungslosigkeit musste er lachen. „Jetzt hast du den Verstand verloren!“, sagte er kopfschüttelnd. Wann hatte er Severus je so befreit gesehen? Nicht an Regeln hängend, etwas tun, dass keinem echten Zweck diente?
Wieder lachte der Mann leise, bettete seinen Kopf auf Harrys Arm und berührte mit der anderen Hand seine Wange.
„Severus,“ hauchte Harry verblüfft und Besorgnis stieg in ihm hoch. „Du benimmst dich höchst eigenartig für deine Verhältnisse.“ Wahrscheinlich war es tatsächlich ein Traum! Oder handelte es sich gar nicht um Snape?
„Schon gut“, der Mann neben ihm schmunzelte. Seine Miene wurde ernster, aber in seinen Augen funkelte es noch übermütig. „Es liegt an diesem Ort. Ich bin aus gutem Grund bisher nur alleine hierher gekommen! Die Magie wirkt ausgeprägter bei mir.“ Seine Wangen bekamen ein Hauch von Farbe und er wich sekundenlang seinem Blick aus. „Ich kann nirgendwo sonst über das reden, was ich fühle.“ Er schluckte. „Selbst alkoholisiert gelingt es mir nicht. Ich bin zu stark darauf konditioniert, alles für mich zu behalten.“ Er fuhr Harrys Wangenlinie nach. „Dir scheint es aber sehr wichtig zu sein, also dachte ich ...“ Übergangslos sagte er: „Das war meine erste Schlammschlacht heute. Oder heißt es Erdschlacht, was weiß ich? Ich habe mich oft gefragt, ob sie wirklich so viel Spaß macht.“ Das war so überraschend kindlich, jung und irgendwie richtig süß! Harry wurde ganz warm ums Herz. Er spürte eine tiefe Zärtlichkeit in sich hochsteigen. Er würde ihm nur zu gerne dabei helfen, noch einige Dinge mehr auszuprobieren, die er nie hatte machen können! Davon gab es sicher eine ganze Menge!
„Und?“, fragte er leise. „Hat es dir gefallen?“ Er berührte Severus` Kinn und strich über die feinen Bartstoppeln.
Dunkle Augen hefteten sich auf Harrys Mund. Die Schwärze wurde tiefer, das Lächeln verschwand. Offene Sehnsucht zeigte sich auf seinen Zügen. „Ja“, murmelte Severus leise. „Aber du bist kein gutes Testobjekt. Mit dir macht eigentlich alles Spaß.“ Harrys Herz setzte einen Takt aus und schlug mit doppelter Geschwindigkeit weiter.
Ergriffen umfasste er das Gesicht des anderen und zog es näher. Ein schneller Kuss, der länger wurde, weicher und süßer. Ihm entwich ein seufzender Atemzug. Es war berauschend! Nicht allein die warmen, samtigen Lippen, sondern die unschuldige Zärtlichkeit, der Eifer, mit dem der Kuss erwidert wurde. So völlig anders, als ihre Küsse bisher. Und genauso gegensätzlich reagierte sein Körper. Da war keine Erregung, nein, ihn erfüllte eine reine, tiefe Liebe. Den Wunsch, diesen Mann glücklich zu machen und ihm zu zeigen, was es eigentlich bedeutete, wenn zwei Menschen solche Gefühle füreinander empfanden.
Voller Zärtlichkeit strich er ihm eine Haarsträhne hinters Ohr, die hinabgeglitten war und verweilte mit der Hand in seinen Haaren. Es war wundervoll, wie viel ihm Severus plötzlich erlaubte, wie er seine Berührungen regelrecht herbeizusehnen schien. „Bitte verlang nicht von mir, dich aufzugeben“, flüsterte er heiser. „Das kann ich nicht! Ganz egal, was andere sagen!“
Ein Zittern. Der Tränkemeister kämpfte sichtlich, schien bemüht, wieder klarer im Kopf zu werden. War Harry zu weit gegangen, hatte er die Situation ausgenutzt? Aber der andere hatte ihn doch genau deswegen hierher mitgenommen, oder?
„Harry“, kam es rau. „Bist du dir absolut sicher?“ Seine Augen zuckten zu Harrys Mund und dann wieder nach oben, um seinem Blick zu begegnen. „Dein Ruf könnte unwiederbringlich darunter leiden. Denn die Menschen haben recht, weißt du.“ Er holte Luft, erschauerte und sah hoch in den Himmel. „Es ist ein deutlicher Altersunterschied zwischen uns, dazu diese Lehrer-Eltern-Geschichte und ich bin ein Sonderling. Miesepeterisch und nicht besonders ansehnlich.“ Er seufzte. „Und völlig unerfahren in -“
Jetzt legte Harry ihm eine Hand auf den Mund. „Ich glaube“, sagte er sanft, „das erzählst du mir besser, an einem anderen Tag. Ich will wirklich nicht, dass du am Ende bereust, was heute passiert ist!“
Als Severus den Mund öffnete, kitzelten seine Bartstoppeln Harrys Fingerkuppen. „Aber vielleicht finde ich den Mut nicht mehr dafür!“, beharrte er.
Nun nahm Harry die Hand weg. Er lächelte. „Du? Wohl kaum! Ein so mutiger Mann wie du, wird immer einen Weg finden!“ Er grinste und gab ihm einen schnellen Kuss. „Wenn es sein muss, kommen wir noch mal her!“ Wieder ein Kuss. „Ich will einfach sicher gehen, dass die Auswirkungen auf dich nicht stärker sind, als von dir vorausgesehen.“ Er wurde ernster. „Außerdem müssen wir in Zukunft Wege finden, über solche Dinge zu sprechen, ohne in Extremsituationen zu geraten oder besondere Orte aufzusuchen.“
Ein tiefes Ausatmen. „Klingt durchaus vernünftig.“ Einatmen, Ausatmen. „Aber Harry, Eines wüsste ich noch gerne – erlaubst du mir einen kleinen Test?“
„Test?“, Harry hob die Augenbrauen. „Ja?“
Der andere setzte sich auf, fasste in die eigene Robentasche und holte eine Phiole hervor. Bevor Harry eine Frage stellen konnte, schluckte er den Inhalt. Er starrte ihn an, was hatte das zu bedeuten!? Lange musste er allerdings nicht auf seine Antwort warten.
Der Tränkemeister begann sich zu verändern : Die weiße Hautfarbe wurde rosiger, die raubtierhaften Augen änderten ihre Form, die schwarzen Augenbrauen wurden buschiger und das lange Haar kürzer, dunkler. Sogar der Körper selbst veränderte sich, wurde schmaler, die sehnigen Muskeln verschwanden.
„Snape“, krächzte Harry. Der Mann sah wieder genauso aus wie sein alter Lehrer. Und auch wie sein Freund seit so vielen Jahren.
„Ja“, kam es rau. Er wurde prüfend gemustert. „Ich möchte wissen, wen du begehrst? Diesen Mann hier, den alten Snape oder doch eher den extrem weißhäutigen Severus mit den tierhaften Augen.“ Harry starrte ihn an. Er brauchte einen Moment, um zu begreifen, was der andere eigentlich wissen wollte. Dann verstand er. Es war eine berechtigte Frage, nicht wahr? Hatte er sie sich nicht schon selbst gestellt?
Langsam stemmte er sich hoch, ließ den Blick über ihn schweifen. Sicher, er wusste inzwischen Severus` neuen Körper zu schätzen, verband seine romantischen Gefühle mit ihm. Aber auch sein altes Aussehen war derselbe Mann! Wärme durchflutete ihn. Dieselbe Nase, die dunklen Augen, dasselbe Gesicht. Er liebte ihn! Er wollte ihn. Und es würde durchaus interessant werden, ein paar Vergleiche anzustellen. Er beugte sich vor und gab ihm einen festen Kuss auf den Mund. Hm, er schmeckte gleich, roch gleich. Die Lippen waren rauer, genau wie das Kinn und die Haut. Aber trotzdem war es Severus, ganz eindeutig. Der Mann, den er liebte.
Nachdem er wieder zurückgewichen war, sagte er: „Du bist du! Severus Snape!“ Dann schmunzelte er. „Und nein, es ist keine verdrehte Anziehung zu Voldemort, oder ein Vampir-Fetisch, der mich zu dir zieht!“ Er lächelte voller Wärme, überlegte. „Ich glaube“, sagte er langsam, „es fiel mir leichter mit deinem neuen Aussehen, weil es repräsentiert, dass du dich auch emotional und charakterlich weiterentwickelt hast.“ Er berührte kurz seine Hand. „Du wirst immer der Mann von früher sein, aber eben nicht nur.“ Ein Achselzucken. „Genauso wenig wie ich, hoffe ich. Wir entwickeln uns weiter, machen Fehler und lernen dazu.“
Zwischen ihnen wurde es still. Der Wind liebkoste ihre Gesichter, strich zart über Blütenköpfe und flüsterte in Baumwipfeln. Die Sonne sank tiefer, den Himmel überzog ein feuriges Rot und wieder meinte Harry ein Donnern zu hören. Es klang schon etwas näher.
„Ich“, begann sein Gegenüber langsam und zog Harrys Aufmerksamkeit auf sich, „hatte gehofft, dass du es so siehst.“ Er schluckte. „Es wäre dir also egal, wenn ich für immer wie mein neues Ich aussehe?“
„Was?“, fragte Harry und starrte. Wieder eine ungeahnte Wendung der Ereignisse. Heute schien der Tag der Überraschungen zu sein. „Du willst dein altes Gesicht nicht zurück?“ Ein Gedanke schoss ihm durch den Sinn und er zog die Augenbrauen zusammen. „Doch nicht etwa wegen mir? Ich sagte dir doch, dass es für mich keine Rolle spielt!“
Der andere stieß ein abgehacktes Lachen aus. „Nun ja, obwohl ich immer noch keinen Weg sehe, wie wir als Paar funktionieren könnten“, er stockte und suchte Harrys Blick. Dann schluckte er, wieder war da diese Verletzlichkeit. „Ich kann nicht leugnen, dass du durchaus Grund genug wärst, um diese Entscheidung zu treffen.“ Harry traute seinen Ohren nicht. Sein Herz schlug schneller, Schmetterlinge durchfuhren ihn und versetzten ihn in Aufruhr. Für Severus, der seit zehn Jahren sein altes Aussehen wiederzuerlangen suchte, war das ein großes Geständnis!
Er konnte nicht anders und griff nach seiner Hand. Und in seinem Kopf jubelte ein ganzer Chor, als dieser ihn gewähren ließ.
„Du bist allerdings nicht der einzige Grund“, der Tränkemeister sah auf ihre verbundenen Hände hinab und schien den Blick nicht mehr lösen zu können. „Die ganze Zaubererwelt weiß über mein neues Aussehen Bescheid. Auch wenn mich manche nicht sehen wollen, werden sie sich gewöhnen. Und wie du es sagst, ich bin sprichwörtlich nicht mehr dieser Mann von früher. Soll ich mich wirklich immer hinter einer Maske verstecken?“ Endlich sah er wieder auf. „Wusstest du, dass die Kinder und Jugendlichen keine Angst vor mir haben? Genauso wenig, wie viele der älteren Generationen. Die Jüngeren haben den Schrecken mit V-volde-mort nicht erlebt. Und die anderen kannten und vertrauten Dumbledore und Minerva. Sie sehen mehr in mir.“ Er schluckte und begegnete wieder Harrys Blick. „Genau wie du.“ Er richtete sich jäh auf, straffte die Haltung, Entschlossenheit in der Miene. „Und wenn ihr das könnt, kann ich das ebenfalls!“ Harrys Herz klopfte zum Zerspringen. Er war so stolz auf Severus!
„Ja“, lächelte er und drückte seine Hand. „Das denke ich auch!“ Das Lächeln wurde erwidert, vorsichtig nur, aber es war genug, um Harry sich vorbeugen und ihn wieder küssen zu lassen. Er fühlte sich wirklich wie im Himmel!
Gleich darauf stellte er entzückt fest, dass Severus rote Ohren bekommen hatte. Doch so schnell, wie sie da gewesen waren, verschwanden sie wieder. Der andere musste Magie dafür benutzt haben. Harry schmunzelte in sich hinein.
„Ich werde aber etwas gegen die Hautfarbe unternehmen“, sprach sein Gegenüber wieder, seine Stimme leicht kratzig. Er räusperte sich. „Weil das manche triggert, heißt es, ja? Und für mich ist es nicht besonders schwierig zu bewerkstelligen. Ich glaube, dass ich dann nicht mehr sonderlich auffallen werde.“ Ein Schulterzucken. „Ich bin früher einfach nicht auf die Idee gekommen, weil ich wieder der Alte werden wollte. Aber es stimmt doch, nicht wahr? Auch wenn ich so wie früher aussehen würde, bin ich es einfach nicht mehr.“ Zum ersten Mal umfasste er seinerseits Harrys Hand und drückte sie. „Deshalb habe ich einen Zaubertrank entwickelt, der meine Haut eine Spur dunkler macht. Ähnlich meiner alten Hautfarbe.“
Harry grinste über beide Ohren. Wie er zugeben musste, mehr, weil er so glücklich über ihre Vertrautheit war, statt wegen der Neuigkeit. „Das klingt doch toll! Dafür brauchst du auch die Wurzelblüten, oder?“, wollte er aber dennoch wissen.
Die dunklen Augen funkelten auf. „Ja. Sie werden nicht nur helfen, die Wirksamkeit deutlich zu verlängern, sondern auch jegliche Nebenwirkungen unterbinden!“ Er ließ Harrys Hand los und sah sich um. „Apropos, wir müssen wirklich anfangen! Sonst arbeiten wir die ganze Nacht durch!“
Harry seufzte, nickte und sah dabei zu, wie der andere sich erhob. Dann sprang schließlich auch er auf. „Du hast recht!" gab er widerwillig zu. „Fangen wir an!“ Und abgelenkt von Severus bekam er gar nicht mit, das der Donner im Hintergrund nicht nur lauter geworden war, sondern sich immer weniger wie ein Gewitter anhörte.
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Mich würde ja interessieren, ob jemand eine Idee hat, was da bald auf unsere Helden zukommen wird?
Wie hat euch das heutige Kapitel gefallen? Zu viel Fluff?