LNCrawler

Zwischen Sehnsucht und Pflichterfüllung

Leidenschaftliche Differenzen Oder Der Einsame Mann Im Alten Haus — www.fanfiktion.de · All chapters

Zwischen Sehnsucht und Pflichterfüllung

Hallo meine Lieben,

zuerst bedanke ich mich herzlich bei Mari und Nina für die Reviews, ich habe mich sehr darüber gefreut!

Dann eine kleine Info: Es gibt heute einen Part mit dem Thema: Körperliche Gewalt in einer Beziehung . Wie ihr es von mir kennt, ist der Part wieder mit /// markiert. Ihr könnt ihn also auch überlesen. Triggern dürfte eher der Anfang davon, aber da eine Weile über die Thematik gesprochen wird, habe ich alles markiert. Wenn ihr gerade emotional sehr instabil seit, überspringt den Teil einfach, ihr verpasst zwar eine Szene, aber ihr könnt sie ja an einem anderen Tag lesen.

Ansonsten wünsche ich gute Unterhaltung!

Liebe Grüße, Feerja

***

Sie arbeiteten still und konzentriert, keiner sagte ein Wort. Manchmal warf Harry einen Blick zu Severus hinüber. Er musste zugeben, dass er fasziniert war. Jeder Griff saß genau, die Bewegungen waren knapp und er konnte in den unbequemsten Posen ausharren. Tatsächlich war er so schnell, dass Harry bald hinterherhinkte. Doch das kümmerte ihn wenig. Er empfand eine tiefe Zufriedenheit dabei, diese Aufgabe gemeinsam zu erfüllen.

Irgendwann war die Nacht hereingebrochen. Glühwürmchen flogen umher. Die Sicht wurde schlechter, Harry war es gleich. Da er seine Sinne fast völlig unterdrückt hatte, um mit Hilfe der Magie die Blüten unter der Erde zu spüren, verließ er sich nun ganz darauf.

„Harry“, plötzlich war Severus in sein Sichtfeld getreten und gleichzeitig mit ihm kehrten alle Geräusche in seine Wahrnehmung zurück. Er erstarrte. „Du hast es nicht bemerkt, weil du so fokussiert warst, aber bleib jetzt ruhig, ja?“, sagte der andere mit angespannter Stimme. Harrys Hände zitterten ohne sein Zutun.

„Der Biggos“, flüsterte er, es glich einem Krächzen.

„Ja“, sagte der andere nun und zog seinen Zauberstab. „Ich habe ihn schon lange gehört, aber ich hoffte, er würde vorbeiziehen.“ Harry versuchte Luft zu holen, doch es wollte nicht funktionieren. Wenn der Biggos wieder unterwegs war, gab es nur zwei Ursachen dafür, keine war gut! Entweder er war der Raserei verfallen, oder er hatte Harrys Spur aufgenommen.

„Er wird sehr bald hier sein. Wir haben nur ein paar Minuten“, der andere warf einen Blick zum Waldweg hinüber. Harry war für einen Moment abgelenkt von seinem Anblick. Severus wirkte fast wie ein Geist aus den Märchen der Muggel. Seine Haut leuchtete im hellen Mondschein, das seidenweich glänzende Haar fiel ihm über die Schultern und die dunkle Robe schuf eine elegante Silhouette. Im Hintergrund warfen die Bäume tiefe Schatten, während einige Pflanzen ein diffuses Leuchten von sich gaben. Manche wirkten sogar transparent.

„Du willst ihn nicht töten, oder?“, drang die dunkle Stimme erneut an sein Ohr. „Wahrscheinlich war das letzte Mal schon traumatisch genug. Und wenn du tust, was ich sage, kommen wir ohne diese Option aus.“

Harry sog gierig Luft ein. Seltsam, ein Blick auf die friedliche Umgebung, dazu Severus` Stimme und er war verschont von den schrecklichen Erinnerungen geblieben. „Ja“, sagte er deshalb, schluckte und packte vorsichtig die Wurzelblüte ein, die er gerade frisch geerntet hatte. „Du hast recht, ich weiß nicht einmal, ob ich es wieder schaffen kann! Wenn ich nur daran denke, wie es ablaufen würde ...“ Er schüttelte sich, steckte aber trotzdem den Sammelbehälter ein. „Ich würde jede andere Möglichkeit ausprobieren. Also, was soll ich tun?“

Der Ältere ging auf die Knie. „Wir müssen als Erstes ermitteln, wo auf dir sich Saft von der Blüte befindet. Ich weiß genau, dass du nach dem Anfüttern keinen an dir hattest, ich habe dich getestet.“ Nun machte Harry große Augen.

„Woher kennst du den Zauber dafür?“

Der andere sagte: „Analysis Camisá Vestigium!“ Ein schwacher Schein strömte jäh aus dem Stab und Severus begann langsam damit, Harry von unten bis oben abzusuchen. „Ich habe mich auf diesen Einsatz nicht erst heute vorbereitet, Harry“, entgegnete er nun, die Augen fest auf seine Beine gerichtet, die er gerade absuchte.

„Wie kann das sein?“, fragte dieser überrascht. Der Tränkemeister schien eine Menge Vorbereitungen getroffen zu haben. Wäre es jemand anderes gewesen, hätte er vermutet, dass dieser den Biggos selbst hergeschafft hatte, nur, um in seiner Gunst zu stehen. Er hatte schon verrücktere Dinge erlebt. Aber Severus, er würde so etwas niemals tun, oder? Nein! Auch deswegen nicht, weil ihm klar sein musste, dass der Verdacht sofort auf ihn fallen würde!

„Gefunden!“ Der schlanke Mann erhob sich geschmeidig und griff nun nach seinem Arm. Ein markerschütterndes Heulen. Harry fror ein.

„Zu mir, sofort!“ Er wurde gepackt und an Severus´ Brust gezogen. Wieder blieb ihm die Luft weg. Die Erde bebte. Es krachte und knackte aus dem Wald. Der Biggos schien Probleme mit dem schmalen Weg zu haben.

„Wir müssen los! Du hast doch alle deine Sachen!?“ Severus hielt ihn dicht an sich gepresst und blickte sich um.

„Ja“, krächzte Harry und räusperte sich. Die Situation war höchst eigenartig, er fühlte sich ein bisschen wie eine Jungfrau in Nöten. War es wirklich nötig, dass er so mit ihm umsprang? Nicht, dass er sich beschweren wollte! Aber auf diese Weise würde die Fortbewegung doch recht schwierig werden, oder? Andererseits tat Severus nie etwas ohne guten Grund. Und auch wenn er auf dieser Lichtung lockerer war, hätte er es sicher nicht einfach so gewagt, ihm plötzlich so nahe zu kommen. Er atmete seinen Duft ein. Es war wie ein Beruhigungsmittel. Ein sehnsüchtiges Seufzen entschlüpfte seinem Mund. In dieser Position konnte er durchaus noch eine Weile verharren.

„Ok“, endlich wandte der Tränkemeister sich ihm direkt zu. „Ich ströme einen Duft aus, den diese Wesen verabscheuen. Für uns Menschen und fast alle anderen Geschöpfe ist er nicht wahrnehmbar. Sie jedoch meiden ihn, wo sie nur können.“ Seine Augen blitzten auf und er grinste: „Er manipuliert ihren Geruchssinn, weshalb sie auch den Blütenduft nicht riechen können, solange du dicht bei mir bleibst!“ Überrascht hob Harry die Augenbrauen. Deshalb hatte der andere ihn dicht an sich gezogen!

„Wirklich!?“, wollte er wissen. Das waren mal gute Neuigkeiten! „Also muss ich nur den Trank trinken, und sie lassen mich in Ruhe?“ Dann runzelte er die Stirn. „Aber wenn es so wäre, warum ist er nicht längst im Umlauf?“ Schon begriff er: „Es gibt einen Haken.“

Severus nahm eine seiner Hände in die seine und legte Harrys Linke auf seine Schulter. „Richtig!“ Ein schneller Blick zu Harry, bevor er wieder zum Waldrand spähte. „Da du im Umkreis von einem Meter bleiben musst, damit der Schutz auch bei dir wirkt, sollten wir uns tanzend fortbewegen.“ Seine Wangen bekamen ein wenig Farbe. „Ich hoffe, dass ist in Ordnung? Unser Tanz letztes Mal hat ganz gut funktioniert, also dachte ich -“ Harry hatte seine Hand gedrückt.

„Ja“, lächelte er. Der Gedanke, in so einem Augenblick zu tanzen, war ein würdiges Ende für einen der verrücktesten Tage, die er seit Langem erlebt hatte! „Sollten wir dann nicht warten, bis der Biggos den Weg freigemacht hat?“

Der Tränkemeister verzog das Gesicht. „Leider wirkt der Duft nur noch etwa eine Stunde, deshalb müssen wir Vorbereitungen treffen, um einen Neuen zu aktivieren. Und dafür müssen wir uns noch weiter von Hogwarts entfernen.“ Harry seufzte auf. Das war ja klar gewesen!

„Aber, wir können den leichtesten Part sofort erledigen!“ Severus nahm die Hand von seiner Taille. „Bleib dicht bei mir! Ich habe Trank eins vorsorglich in zwei Phiolen mitgebracht.“ Er griff in die Brusttasche seiner Robe und holte etwas hervor. Es funkelte kurz im Mondschein auf. „Für dich, trink!“ Hielt er ihm ein Röhrchen hin.

Harry tat wie geheißen. So langsam wurde das ja bei ihnen zur Normalität! Das Gebräu schmeckte ziemlich bitter. Er verzog das Gesicht und schluckte ihn schnell hinunter. Mann, war das ekelhaft! Der andere trank seinen natürlich, ohne auch nur eine Miene zu verziehen. Ganz der harte Kerl, der er war!

Die Phiolen wurden weggepackt und schon lag Severus` Hand wieder an Harrys Seite. „Leider kommt jetzt der schwierige Teil.“ Er sagte noch mehr, doch es ging im Geheul des Biggos unter. Er hatte einen der Bäume am Wegrand gerammt und viele Zweige abgebrochen. Nun schnaubte und tobte er, brach weiteres Geäst ab.

Ein Ruck und die beiden Männer bewegten sich tanzend vorwärts. Severus hatte die Führung übernommen und zog Harry mit sich. Dem Älteren glänzte Schweiß auf der Stirn. Er war hoch konzentriert, während er ihren Weg im Auge behielt, wich er mehrmals Harrys ungeschickten Füßen aus. Es war aber auch echt schwer, auf einem so unebenen Boden nicht zu stolpern oder sich zu verheddern. Und so bewegten sie sich langsam seitwärts.

Schon bald war Harry schweißgebadet. Der Biggos verkam zu einem Hintergrundrauschen. Er schabte mit den Hufen, schnaubte, wütete. Manchmal flogen Gras und Erde in die Luft. Harrys Herz blutete, weil dieser wundervolle Ort der Zerstörung einher fiel. Doch gleichzeitig war da eine große Erleichterung, dass er sich nicht mit ihm befassen musste! Denn ob er ihn nun tötete oder nicht, es hätte die Lichtung nicht gerettet. Er konnte lediglich hoffen, sie würde sich rasch erholen. Solange der Druidenstein stand, sollte alles wieder gut werden ...

„Achte nicht auf ihn“, raunte Severus ihm jäh ins Ohr. „Wir können gerade nur eines tun: Den Teich erreichen!“ Harry blinzelte.

„Teich?“, er wandte ihm das Gesicht zu. Warmer Atem streifte seine Wange, doch die Augen blickten zum nahen Waldrand.

„Du hast mich vorhin nicht gehört.“

„Nein“, gab Harry zu. „Es war zu laut.“

Ein knappes Nicken. „Kurzfassung: Der Trank, den wir getrunken haben, muss vom Körper verstoffwechselt und ausgedünstet werden.“ Ein Schritt zur Seite. „Dafür müssen wir ein spezielles Bad nehmen.“ Severus seufzte. „Das dauert drei Stunden.“ Harry erstarrte und brachte sie aus dem Gleichgewicht.

„Wie bitte!?“, fragte er erschrocken nach. „Wir sollen drei Stunden herumhocken!?“ Panik stieg in ihm hoch. „Hast du nicht gesagt, dein Duft wirkt nur noch eine Stunde!?“ Er würde das Geschöpf schließlich doch umbringen müssen!

„Beruhige dich, Harry!“, mahnte Severus und fuhr mit seiner Nasenspitze über seine Wange. „Denk doch mal nach!“ Er zog ihn weiter. Tanzen war nicht mehr möglich, da sie am anderen Ende der Lichtung angekommen waren. Der Tränkemeister legte nun beide Arme um seine Taille und zwängte sich mit ihm an einem Baum vorbei in den Wald. Er keuchte. Harry hing gerade wie ein nasser Sack an ihm, aber die Angst hatte ihn noch im Griff. Er stolperte mehrmals und packte einen kräftigen Ast, um das Gleichgewicht zu bewahren.

„Wir werden rechtzeitig im Wasser sein!“, erklärte der andere nun. Ein Schweißtropfen löste sich von seiner Kehle, ran das Schlüsselbein hinab, bis er schließlich in der schwarzen Robe versickerte. Harry starrte auf die Stelle. Wieder lenkte der Tränkemeister ihn erfolgreich durch seine Nähe ab. Seine feuchte Haut glänzte und leuchtete sogar im Schatten der Bäume. Wie leicht es jetzt wäre, seinen Mund auf Severus´ Hals zu legen, mit den Zähnen darüberzufahren und ihn zu küssen. Oder die Robe am Ausschnitt -

„Hörst du mir überhaupt zu? Was wissen wir über die Biggos und das Wasser?“ Die scharfe Stimme entlockte Harry ein Seufzen. Aber die kleine Ablenkung hatte ausgereicht, er konnte wieder normal denken. Natürlich! Die Geschöpfe mochten kein Wasser! Selbst vor Pfützen bremsten sie mitten im Lauf und umrundeten sie. Er atmete aus, überlegte, während der andere ihn weiter mit sich schleppte.

„Wie konntest du so schnell diesen Plan schmieden?“, wollte er ein paar Minuten später wissen. Sie waren in einen Seitwärtstrott verfallen, der sie zügig voranbrachte. „Und was ist, wenn er uns trotzdem ins Wasser folgt, weil er die Blüte unbedingt möchte!?“

Die Miene des anderen verschloss sich, er schob Harry eine Handbreit von sich, sah jedoch stoisch an ihm vorbei. „Ich habe deine Furcht gesehen“, erklärte er ruhig. „Seit wir in den Wald gegangen sind.“ Er wich seinem Blick konstant aus. „Du hast sie gut verborgen, aber sie war von Anfang an da.“ Ein Schulterzucken. „Deshalb fand ich es besser, dir meine Rückschlüsse erst in letzter Minute mitzuteilen. Es hätte sowieso keinen Unterschied gemacht, selbst wenn ich es dir die Stunde eher gesagt hätte, seit der ich ihn gehört habe.“ Er schob einen Zweig beiseite, der ihnen den Durchgang versperrte. „Die Zeit wäre in jedem Fall knapp geworden. Du hättest dich nur länger gefürchtet und wir hätten keine Wurzelblüten gehabt.“

/// Harry blieb stehen, ungläubig. Deshalb hatte er also so schnell gearbeitet!? Völlig ruhig war er gewesen und hatte es nicht für nötig befunden, ihm etwas vom Geschehen mitzuteilen!? Dabei hatte er eiskalt ausgenutzt, dass man für die Ernte der Blüten alle Sinne ausschaltete und ihm sogar manchmal ein unschuldiges Lächeln zugeworfen! Eine unermessliche Wut kochte in ihm hoch. Diesmal brachte auch Severus´ Zerren ihn nicht mehr vorwärts. Wie konnte der Mann es wagen, so eine Entscheidung zu treffen, obwohl es sie beide betraf! Er presste die Lippen zusammen, knirschte mit den Zähnen und hörte seinen Kiefer knacken. Dabei war es davor noch so schön zwischen ihnen gewesen!

„Ich bin gerade so wütend“, stieß er hervor. „Dass ich dir eine verpassen möchte, oder etwas kurz und klein fluchen!“ Seine Stimme zitterte vor unterdrückter Wut. „Wie kannst du es wagen! Und dann auch noch für eine solche Nichtigkeit, wie diese verfluchten Blüten!“ Er spürte einen kleinen Zweig zwischen seinen Finger zerbrechen, an dem er sich vorhin festgehalten hatte. „Ich kann einfach nicht fassen, dass du das getan hast! Und das, obwohl wir davor eine so schöne Zeit hatten!“ Sein ganzer Körper bebte. Es fühlte sich wie Verrat an! War das der echte Severus? Immer abwartend, kalkulierend und so unglaublich arrogant! Und wenn ja, hatte er ihm auf der Lichtung nur etwas vorgespielt!?

Die dunklen Augen hefteten sich auf ihn. Kühl, abschätzend. „Du würdest mich wirklich schlagen?“, kam es leise. Die Magie des Druidensteins wirkte hier nicht mehr, Severus Miene war verschlossen wie immer. Aber da war so ein Timbre in seiner Stimme, das Harry trotz seiner Wut aufhorchen ließ. Diese Frage hatte nichts mit ihrem Streit zu tun, schien jedoch von großer Bedeutung zu sein. Das wurde ihm intuitiv klar, obwohl sie so emotionslos gestellt worden war. „Glaubst du, nur weil du mich küssend durftest, hast du dir das Recht erworben, mich als Boxsack zu benutzen?“ Jetzt waren diese Augen, die er so liebte, eiskalt. Er erstarrte. Das war es also! Er hatte in seiner Wut nicht nachgedacht und war mit dem Erstbesten herausgeplatzt, dass ihm durch den Sinn schoss. Warum!? Sie hatten sich schon oft gestritten, aber so wütend war er deswegen nie geworden. Lag es wirklich an den Küssen? Und wenn es so war, was sagte das über ihn aus!? Er schämte sich zutiefst!

„Es tut mir leid“, sagte er laut und straffte sich. Mit einem flauen Gefühl im Magen erwiderte er den kalten Blick. Seine Wut war gänzlich verraucht. Er hatte sich betrogen gefühlt, manipuliert und zutiefst verletzt, aber er war hier nicht der Einzige mit schwerem Gepäck! Jetzt wollte er nur dabei helfen, eine Wunde zu reinigen, die der andere schon lange mit sich herumzutragen schien. „Bitte entschuldige, dass ich so etwas gesagt habe!“ Er atmete tief durch und legte ihm behutsam eine Hand auf die Schulter. Der Mann erstarrte.

„Ich hätte so etwas nie sagen sollen!“ Er spürte die Anspannung des anderen und holte erneut Luft. „Ich würde dir niemals weh tun, auch nicht im Zorn!“ Er strich über sein Schulterblatt. „Du bist nicht der Einzige, der sehr wütend werden kann“, erklärte er. „Ich stelle mir durchaus manchmal vor, jemanden zu schlagen, habe es aber nie getan, es sei denn, in einem fairen Kampf.“ Er musste an den Tag zurückdenken, als er diese Wut auf Robards gehabt hatte. „Ich weiß, dass ich beängstigend auf andere wirken kann, wenn es mich überkommt, aber glaub mir, ich könnte keinem guten Menschen ein Härchen krümmen!“ Er atmete tief aus und versuchte Severus´ Blick einzufangen. Sagen konnte man natürlich viel.

„Ich bin seit einer Weile wieder in Therapie, damit ich noch besser damit umgehen kann“, gestand er. Seit besagtem Tag, um genau zu sein. Ron hatte es ihm nicht extra sagen müssen. „Willst du mit meiner Therapeutin sprechen?“, bot er dann an. Ginny hatte ihn früher oft darum gebeten, genau das tun zu dürfen, aber das war für ihn nie infrage gekommen. Er war damals schon dabei gewesen, sich emotional von ihr abzukapseln. Doch bei Severus ging es um Vertrauensaufbau, dafür würde er alles tun! Wenn er denn überhaupt eine Chance dazu bekam! Immerhin schien er selbst traumatisiert in dieser Hinsicht zu sein.

Ein langer Blick. „Ja“, sagte Severus nach gefühlter Unendlichkeit. Sie sahen sich nur stumm an. Die Schwärze erwärmte sich. Harry wurde etwas leichter ums Herz. Er hatte ihn noch nicht verloren!

„Wir müssen weiter!“, erklärte sein Gegenüber dann plötzlich und griff nach seiner Hand, um ihn vorwärts zu ziehen.

„Ok“, nickte Harry schnell, passte sich an. Der andere hatte es jetzt ziemlich eilig. „Severus, darf ich dich etwas fragen?“ Sie kletterten über ein paar Äste.

„Hm?“

„Hat dein Vater deine Mutter geschlagen?“ Ein Zucken, dann führte sein Gegenüber die Bewegung fort.

„Nein“, sagte er nach einer Weile. „Meine Mutter hat meinen Vater geschlagen.“ Ein Achselzucken. Seine Stimme verlor jegliche Emotion. „Und er schlug mich. Erziehung, nannten sie es allerdings beide.“ Harry schluckte. Nun, das kam nicht ganz unerwartet, trotzdem war es traurig. Armer Severus, es war furchtbar so aufzuwachsen! Er atmete ein paar Mal durch. Auch wenn man ihn selbst nur selten richtig geschlagen hatte, konnte er das gut nachfühlen. Liebe und ein echtes Miteinander hatten sie beide nicht erlebt!

„Tut mir leid“, murmelte er und drückte die Hand, die ihn führte. „Aber wir sind nicht unsere Eltern, Severus! Genauso wenig, wie unsere Erziehung!“ Er lächelte. „Wir können das besser machen!“ Ganz bestimmt! „Wenn wir die Probleme erkennen, können wir etwas ändern!“ Wahrscheinlich hörte er sich wie eines dieser Ratgeberbücher an, aber er hatte so selten die Gelegenheit, mit ihm über eine solche Thematik zu sprechen! „Wir müssen es nur wollen und es angehen“, beendete er seine Ausführung.

Luft wurde eingesogen. „Können wir das?“, kam die leise Frage, die dunklen Augen waren ins Nichts gerichtet. Harry verhinderte, dass sie gegen einen Baum liefen. „Mir ist gerade aufgefallen, dass mein Vater häufig Entscheidungen ohne meine Mutter traf. Genau wie ich es vorhin getan habe.“ Severus` Nasenflügel blähten sich. Harry verstand.

„Und genau wie deine Mutter bin ich ausgerastet.“

„Ja“, kam es tonlos. Diesmal konnte Harry nicht anders, er beugte sich vor und gab dem Tränkemeister einen schnellen Kuss. Mit automatischen Verhaltensmustern kannte er sich zu gut aus! Sobald man getriggert wurde, verhielt man sich auf genau dieselbe Weise, die man eingeübt oder vorgelebt bekommen hatte. Selbst dann, wenn man es eigentlich gar nicht wollte. Es war eine praktische Funktion des Gehirns, um schnell reagieren zu können, aber es konnte leider auch schlimme Folgen haben. Doch es war nie zu spät! Je öfter man andere Verhaltensweisen einübte, desto mehr prägte sich das Neue ein. Oder man stoppte zumindest in der Situation und hatte eine Wahlmöglichkeit.

Sein Gegenüber bremste. Harry wankte und hielt sich an ihm fest. „Wieso?“ Die dunklen Augen starrten ihn groß an. „Warum hast du mich jetzt geküsst!? Bist du nicht mehr wütend?“

Nun zuckte Harry die Schultern. „Ich verstehe dich jetzt besser und kann dir nicht mehr böse sein.“ Er fuhr seinen Oberarm hinab. „Aber nächstes Mal sprichst du bitte eher mit mir, ja? Ich glaube, ich bin so wütend geworden, weil mein ganzes Leben lang Menschen über mich bestimmt haben. Alle hatten sie Pläne für mich, versuchten mich zu lenken und haben mir nur die Hälfte erzählt. Denk nur an Dumbledore.“ Er schluckte. „Aber auch Ginny hatte das gut drauf. Irgendwann hatte sie jeden meiner Tage verplant und fragte mich gar nicht mehr, ob ich etwas machen wollte.“ Der Arm um seine Taille umfasste ihn fester.

„Deshalb habt ihr Schluss gemacht!?“ Harry zuckte die Achseln.

„Nicht nur, es kam vieles zusammen.“ Zum Beispiel meine verwirrenden Gefühle für dich und die Männer im Allgemeinen! , dachte er.

Er fing wieder seinen Blick ein. „Nimm mir meine Entscheidungen bitte nicht ab, Severus! Ich mag dich, dass dürfte klar sein. Aber das ertrage ich nicht nochmal!“

Die Brust des anderen hob und senkte sich, dann nickte er. „Das habe ich nicht bedacht. Ich entschuldige mich! Nächstes Mal werde ich es dir sagen, auch wenn es zu deinem Nachteil ist.“ Harry seufzte und lachte schließlich. Mit gewissen Verhaltensweisen musste er sich wohl abfinden. Und eigentlich mochte er seine Intelligenz und die brutale Ehrlichkeit in vielen Dingen sehr! Meistens, jedenfalls.

„Übrigens, was ich vorhin nicht loswerden konnte“, meldete der andere sich erneut zu Wort. „Ich brauche die Wurzelblüten für eine große Bestellung vom St. Mungos. Ihnen gehen die Notfall-Heiltränke aus. Deshalb war es mir so wichtig.“

„Oh!“, entkam es Harry. „Das ist auch eines der Dinge, die du nächstes Mal einfach sagen solltest. Das hätte ich auf jeden Fall verstanden und mitgeholfen.“ Ein abschätzender Blick.

„Ok.“ ///

Sie zwängten sich noch einige Minuten durchs Geäst und standen schließlich vor einem Teich. Er war mit Schilf und hohem Gras zugewachsen. Nur zu ihrer Seite hin gab es eine Öffnung, die ihnen einen Blick auf die grün schimmernde Wasseroberfläche bot. Der Mond spielte sich in seiner Mitte, umrahmt von rosafarbenen Seerosen und moosgrünen Algen. Auch hier schwebten Glühwürmchen durch die Luft, glommen auf und sorgten für unzählige Lichtpunkte auf dem spiegelglatten Wasser. Harry war wie gebannt.

„Wow!“, murmelte er. „Wahnsinn!“ Wieder ein so wundervoller Ort mit einzigartiger Atmosphäre. „Warst du früher schon mal hier?“ Dass der Biggos auch herkommen und ein Chaos anrichten würde, stimmte ihn traurig. Wie schade, dass sie keine andere Lösung hatten finden können!

Der andere war hinter ihn getreten und hatte einen Arm um seinen Bauch gelegt. „Ein Mal. Hab mich verlaufen“, entgegnete er knapp. Er bewegte sich irgendwie seltsam, Harry wollte sich schon umdrehen, als er gestoppt wurde. „Halt! Ich ziehe mich gerade aus! Du solltest das übrigens auch tun!“

„Was!?“, fragte Harry erschrocken, begriff schnell und schluckte. „Wir müssen nackt ins Wasser!?“

„Ja!“, kam es abgehackt. „Deine Kleidung musst du trotzdem mitnehmen! Und den Behälter mit dem Fleisch! Es muss alles ins Wasser, wenn du die Sachen wieder mit nach Hause nehmen möchtest!“ Harry stöhnte.

„Nicht dein Ernst! Wieso kann ich meine Kleidung dann nicht anlassen!? Wenn doch eh alles nass wird!?“

Ein Seufzen. „Weil es die Aufnahmezeit verdoppelt. Glaub mir, ich habe es ausprobiert!“ Dann wurde die Stimme tiefer, ein wenig heiser: „Außerdem hattest du mir versprochen, mir deine Narben zu zeigen, schon vergessen?“

Einen Moment verharrte Harry regungslos. Er wusste gar nicht, warum er sich so dagegen sträubte.? Im Mondschein nackt, mit dem Mann, den er liebte in einem See zu baden, klang eigentlich ziemlich romantisch. Und dafür hatte er durchaus etwas übrig! Prüde, war er auch nicht! Schließlich war er jung, trainierte viel und war gesund. Es gab keinerlei Grund für ihn, sich zu schämen! Sicher, manche der Narben waren nicht besonders hübsch, aber das tat dem Gesamtbild keinen Abbruch, das wusste er! Vielleicht lag es daran, dass er weiterhin so dicht bei Severus bleiben musste. Wie sollte das funktionieren, ohne dass ihre Körper reagierten!?

„Muss ich nachhelfen!?“, zischte der andere da. „Wir müssen ins Wasser! Wenn der Biggos deinen Duft wieder aufnimmt, braucht er nur ein paar Minuten, bis er hier ist!“ Harry gab ein Stöhnen von sich.

„Na schön! Du musst mich loslassen! Nur für ein paar Sekunden! Ich gehe nicht weg, versprochen!“

Als der Arm des anderen sich löste, packte er seine Robe am Ausschnitt und zog sie mit einem Ruck über den Kopf. Es war ein einfaches Kleidungsstück mit einer Lage. Außer einer Unterhose trug er nichts darunter. „Den Rest ziehe ich im Wasser aus!“, entschied er. Ein frisches Lüftchen umwehte ihn. Die Luft hatte sich angenehm abgekühlt, seit die Sonne untergegangen war, doch frieren tat er nicht.

„Von mir aus“, wieder legte der andere eine Hand auf seinen Bauch, zog ihn jedoch nicht an sich. Trotzdem klopfte Harrys Herz schneller. Er hatte es durch die Geschehnisse bisher ganz gut geschafft, ruhig zu bleiben. Aber diese Hand auf seinem Bauch, die sich bei jedem Schritt leicht bewegte und die Tatsache, dass ein nackter Severus hinter ihm ging, versetzte seinen Körper in Aufruhr.

„Warte“, sagte sein Begleiter da und hielt bei einem Baum, der dicht am Teich stand. Umsichtig ließ er seine Kleidung mit dem Zauberstab hochsteigen und hängte sie an einem hohen Ast auf.

„Jetzt können wir hineingehen“, erklärte er anschließend und schob Harry mit sanftem Druck vorwärts.

„Ist gut“, brummte der. Der Schlamm schmatzte unter seinen Schuhen. Das Wasser sah von Nahem ziemlich dreckig aus und er verzog das Gesicht. „Wird dein Badezusatz überhaupt für so viel Wasser ausreichen?“, fragte er im letzten Versuch, sich dem Ganzen doch noch zu entziehen, obwohl er wusste, dass es ihre einzige Chance war.

„Ja“, sagte der andere eigentümlich kalt. Wollte er sich so vielleicht von der absurden Situation distanzieren!? Ob es half? „Ich muss nur die ganze Flasche benutzen. Rein jetzt!“

Tief Einatmen. Harry betrat den Teich. Wasser drang in seine Schuhe ein, umspülte seine Waden.

„Weiter!“, wurde er wieder vorwärts geschoben, meinte kurz, warme Haut hinter sich gespürt zu haben und schluckte. Plötzlich flammte die Erregung hoch und ließ ihn erzittern. Würde er bald mehr von diesem Körper zu sehen bekommen, oder zu spüren?

Der Teich maß etwa fünfzehn Meter im Durchmesser und so waren sie schon recht bald in der Mitte angekommen. Das Wasser reichte ihnen nun bis zur Leibesmitte. Algen und andere Pflanzen streiften Harrys Beine, ein Seerosenblatt kitzelte seine Brust. Glücklicherweise schien hier nichts Gefährliches zu leben.

„Du solltest dich jetzt deiner Unterhose entledigen! Ich verteile das Bademittel. Danach muss ich deinen Kopf und Hals genau nach Tropfen der Blüte absuchen!“, erklärte Severus. „Normalerweise ist es nicht nötig, diese im Wasser zu baden, aber sollte auch nur eine Spur von der Blüte dort sein, müssen wir umdisponieren!“ Harry gab ein Stöhnen von sich. Dann gähnte er ausgiebig. Das Ganze wurde ihm allmählich zu viel! Er hatte letzte Nacht nur drei Stunden geschlafen, obwohl er am Tag zuvor 36 Stunden im Einsatz gewesen war. So langsam spürte er die Müdigkeit in allen Knochen!

„Ich bin froh, dass du bei mir bist!“, gab er freimütig zu und zog das Kleidungsstück herunter. „Mir geht echt die Energie aus! Ich glaube, ohne dich wäre ich verloren!“ Weil er sich plötzlich so schwach fühlte, taumelte er nach hinten und prallte gegen Severus. „Entschuldige.“ Mann, war er müde!

„Schon gut“, kam es ein wenig gepresst zurück. „Warte einen Augenblick, ich mache es uns gleich bequemer! Aber zuerst der Zusatz!“ Das Wasser veränderte sich jäh, wurde heller um sie herum, etwas verteilte sich sichtbar. Kleine Blasen bildeten sich gelegentlich, stiegen auf und platzten an der Wasseroberfläche. Es wurde wärmer.

„Angenehm“, murmelte Harry. Allerdings machte es ihn auch müder.

„Es wäre besser, wenn du deinen Zauber selbst sprichst“, meinte der andere. Er bewegte sich und streifte Harrys Rücken. „Wenn ich einen Zauber für uns beide erschaffe, müssten wir eine gemeinsame Sitzfläche benutzen und die Rücken aneinanderlehnen. Das wäre vielleicht etwas -“

„Das machen wir!“, fiel ihm Harry ins Wort. „Entschuldige, aber ich bin Hundemüde, Severus! Es fehlt nicht viel und ich schlafe auf der Stelle ein! Und ehrlich gesagt habe ich keine Ahnung, wie die Sitzfläche beschaffen sein muss, damit die Aufnahme vom Badezusatz nicht behindert wird.“

„Oh“, der andere klang ziemlich überrascht, was Harry etwas irritierte. So oft, wie er ihn heute geküsst hatte, müsste ihm doch klar sein, dass er nichts gegen Körperkontakt hatte! Aber er war zu müde, um lange darüber nachzudenken.

Als ihm jedoch einfiel, dass der andere damit ein Problem haben könnte, fragte er: „Oder ist dir das unangenehm?“ Stille.

Schwerfällig drehte er sich um. Severus hatte es anscheinend auch getan und so standen sie nur wenige Zentimeter voneinander entfernt da. Harry war unfähig zu einer Reaktion, starrte wie gebannt. Der ersehnte Körper war unbekleidet und zum Greifen nah! Trotzdem wagte er kaum ihn anzusehen. War es dem Tränkemeister überhaupt recht?

Der andere hob die Hand und legte sie auf Harrys Brust, genau auf eine der hässlichen Narben. „Du hast tatsächlich viele“, sagte er leise und fuhr sie sichtlich selbstvergessen nach. Schlagartig war Harry wieder wach. Sein Herz trommelte, Hitze breitete sich aus und schoss ihm in die Lenden. Severus` Hände auf seinem nackten Körper, wie lange er schon davon geträumt hatte! Vorhin hatte er sich noch etwas vormachen können, ihn ein bisschen ausblenden. Aber jetzt? Seine Augen blieben an seinem flachen Bauch hängen. Er hatte fein definierte Muskeln, unwillkürlich schweifte sein Blick weiter. Eine leicht behaarte Brust mit einer breiten Schulterpartie. Er war allgemein ein recht schlanker Mann. Fast schon zu dünn, dafür schien er jedoch regelmäßig Sport zu treiben. Das hatte seine Figur deutlich verändert. Er wirkte wie eine dieser edlen Marmorstatuen und leuchtete auf genau dieselbe Weise.

Doch das schnelle Heben und Senken verriet den atmenden Mann, von Kälte war auch er weit entfernt! Harrys Augen wanderten begierig umher, er konnte gar nicht anders. Dann schluckte er, als sein Blick auf harte Nippel fiel. Die Lust überflutete ihn mit aller Macht.

Doch irgendwo war noch ein Funken Vernunft in seinem Hirn, sein Radar für Gefahr meldete sich. Jetzt war nicht der richtige Zeitpunkt! Sie hatten Dinge zu erledigen. Es war wichtig, ihr Leben könnte davon abhängen!

„Severus“, murmelte er, seine Stimme rau wie Schmirgelpapier. „Das solltest du besser nicht tun. Wir können es uns gerade nicht leisten, abgelenkt zu sein.“ Er klang längst nicht so bestimmt, wie er es vorgehabt hatte. Eigentlich hörte er sich eher sehnsuchtsvoll an. Zitternd holte er Luft.

Glücklicherweise, oder vielleicht leider, war der andere ein sehr pflichtbewusster Mensch. Sein Kopf hob sich, seine Miene spiegelte Fassungslosigkeit und seine Hand zuckte zurück. „Entschuldigung! Das muss eine Nachwirkung vom Druidenstein sein!“, behauptete er. „Es kommt nicht wieder vor!“ Er wirkte so vor den Kopf gestoßen und erschüttert, dass Harry seufzte. Es kostete ihn ziemliche Überwindung, nicht über ihn herzufallen oder ihn wenigstens leidenschaftlich zu küssen! Er machte ihn ganz verrückt! Gerade auch seine Unsicherheiten und die Verletzlichkeit, die er so selten zeigte, gingen ihm ans Herz.

Er holte tief Luft. „Ich habe absolut nichts dagegen, von dir angefasst zu werden, Severus“, stellte er klar. Es machte eh keinen Sinn mehr, seine Gefühle für ihn kleinzureden. „So oft wie du willst und jederzeit, wenn wir nicht gerade in Gefahr schweben“, führte er aus. Er hob den Kopf und versuchte seinen Blick einzufangen. Da der andere nur wenige Zentimeter größer als er selbst war, war es normalerweise einfach, aber bei ihrer Nähe konnte er ihm leicht ausweichen.

Endlich begegneten sich ihre Blicke doch. Die dunklen Augen schienen so schwarz wie nie, tief, dunkel und alles verzehrend. „So etwas solltest du nicht leichtfertig sagen“, knurrte er heiser, musterte ihn eingehend und so lasziv, dass Harry erschauerte. „Was, wenn ich dich beim Wort nehme!?“ Nun rang Harry nach Luft.

„Das kannst du!“, versprach er. Verflucht, so konnte das nicht weitergehen! Ein Heulen ließ ihn innehalten. Der Biggos hatte seine Fährte aufgenommen! Er schwankte zwischen Angst, Frustration und Erleichterung. Die Hitze begann, aus seinem Körper zu schwinden. Er seufzte auf. Wenigstens funktionierte sein Kopf wieder normal! Auch der andere blinzelte, holte ein paar Mal Luft und wirkte plötzlich klar.

„Dreh dich um!“, befahl er heißer. Er hatte schneller wieder zu sich gefunden, als Harry erwartet hätte. „Ich muss dich absuchen!“ Schon zückte er seinen Zauberstab. Hatte er vielleicht einen Abkühlungszauber auf sich angewandt? Wie sonst schaffte er es, wieder einen so geschäftsmäßigen Ton anzuschlagen? „Manchmal glaube ich fast, du hast einen Liebeszauber auf mich gewirkt“, murmelte Severus plötzlich. „Ich habe meine Sinne sonst immer unter Kontrolle!“ Harry seufzte.

„Willkommen im Club“, erwiderte er und kehrte ihm den Rücken zu, um sich von ihm untersuchen zu lassen. Zwar könnte er den Zauber auch ausführen, aber alleine den eigenen Hals und Kopf abzusuchen war schwierig.

„Ich habe anfangs gedacht, Du hättest so eine spezielle Magie, um mich einzuwickeln.“ Überraschenderweise lachte der andere. Es klang wieder ein wenig heiser, was Harry durchaus behagte. Dann hörte er ihn den Analyse-Zauber sprechen und wappnete sich.

„Du meinst wie eine Veela, ja?“, fragte Severus schmunzelnd. Eine Hand legte sich in Harrys Haar und strich ein paar Strähnen zurück. Wieder und immer wieder. Hmm, das war wundervoll!

„Das wäre mir neu!“ Nun fasste der andere ganz in sein Haar und zog seinen Kopf mit sanfter Gewalt nach hinten. Der helle Schein des Analyse-Zaubers fiel ihm ins Gesicht. „Selbst wenn ich so etwas heutzutage könnte, würde ich es nicht tun“, versicherte Severus ihm. „Ich weiß, dass du es falsch finden würdest.“ Harry hob eine Augenbraue.

„Du findest es nicht falsch?“ Jetzt zog der andere seinen Kopf noch weiter nach hinten und legte ihn auf seiner Schulter ab, sein Oberkörper berührte Harrys, er stöhnte auf. Irgendwo in ihrer Nähe krachte es im Unterholz.

„Hey, reiß dich zusammen!“, brummte Snape und hob Harrys Kinn, um seinen Hals zu mustern. „Sieht alles gut aus! Jetzt noch die andere Seite und du hast es geschafft!“ Er richtete seinen Kopf langsam auf und zog ihn auf seine rechte Seite. Dieselbe Prozedur folgte. Es war seltsam, sie waren sich sicher nie näher gewesen, und was der Tränkemeister da mit ihm anstellte, kostete ein hohes Maß an Vertrauen. Aber Harry genoss es einfach. Es gefiel ihm, wie Severus seinen Hals umfasste, seine Kehle berührte, seinen Kopf bewegte. Es gab niemandem, dem er mehr vertraute, wurde ihm klar.

„Du bist sauber“, raunte ihm der andere ins Ohr. Für einen Moment ließ er Harrys Hinterkopf noch auf seiner Schulter liegen, eine Hand in seinem Haar vergraben, dann richtete er behutsam seinen Kopf wieder auf. Sofort vermisste Harry die Wärme seines Körpers.

„Dein Glück, wäre ungemütlich geworden, wenn du drei Stunden mit dem Kopf unter Wasser hättest verbringen müssen.“ Seine Stimme war noch immer, oder schon wieder, heiser. „Ich werde uns einen Sitzplatz aus geballtem Wasser kreieren. Wir werden dann Rücken an Rücken sitzen.“ Der Gedanke machte Harry ganz kribbelig. Vielleicht war es Zeit, diesen Zauber zu benutzen, der den Geschlechtstrieb ausschaltete? Er verzog das Gesicht. Zweimal an einem Tag war nicht gut! Die Folgen würden tagelang anhalten! Darauf hatte er überhaupt keinen Bock! Aber –

Äste krachten ganz in ihrer Nähe. Schnauben, Schnüffeln, ein Knurren. Harry hielt die Luft an.

Jäh bewegte sich etwas unter ihm, er wurde hochgedrückt und konnte im letzten Moment verhindern, dass seine Leibesmitte aus dem Wasser gezogen wurde, kippte dabei allerdings um. Der Biggos heulte und sprang mit einem Satz auf den Teich zu.

„Hinsetzen!“, schrie Severus, packte ihn hart am Arm und zog ihn hoch zu sich. Nur noch sein Kopf ragte aus dem Wasser. Anscheinend hatte er den Sitzplatz für sie geschaffen. Algen fuhren über Harrys Körper, ein Seerosenblatt stieß gegen seinen Arm, dann prallte er an Snapes Seite und wurde an seinen Rücken gezogen. „Setz dich!“

Völlig erschöpft taumelte Harry und lehnte sich schließlich an den anderen Körper. Die Müdigkeit holte ihn nun vollständig ein. Da konnte der Biggos, der geifernd ein paar Meter entfernt stand, auch nichts mehr daran ändern.

„Was ist mit dir?“, fragte der Tränkemeister und hielt seine Arme gefangen, während er den Kopf gegen ihn lehnte. Harry atmete auf. So fiel ihm das Sitzen leichter, da der andere erfolgreich sein Umkippen verhinderte.

„Ich pack das nicht mehr lange, Severus“, murmelte er. „Nur drei Stunden Schlaf und vorher 36 im Einsatz. Ganze Woche schon Noteinsätze.“ Er schloss die Augen. So langsam wurde ihm alles egal.

„Ist okay“, hörte er die ruhige Stimme des anderen. „Schlaf eine Weile! Ich wache über dich. Mach dir keine Sorgen, alles wird gut!“ Harry tat einen tiefen Atemzug. Wenn er das sagte, würde es auch so sein.

„Ich weiß. Bin so froh, dass es dich gibt, Severus!“ Und er schlief ein.