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Die Wissenschaft und ihre Erkenntnisse

Leidenschaftliche Differenzen Oder Der Einsame Mann Im Alten Haus — www.fanfiktion.de · All chapters

Die Wissenschaft und ihre Erkenntnisse

Herzlichen Dank an Artemis1990 , Xio und Mari und Nina für die Reviews! Ich habe mich sehr darüber gefreut!

***

Severus setzte seinen Namen hinter den Brief, rollte ihn zusammen und steckte ihn in einen Behälter. Er war in letzter Zeit sehr produktiv gewesen. All seine Bestellungen, sowie das Tagessoll für mehrere Tage waren erledigt, er hatte Schutzzauber erneuert und sich um seine Pflanzen gekümmert.

Nun stand er auf, öffnete ein Fenster und rief: „Altheda!“ Bei dem Namen verzog er das Gesicht. Es war eine Laune von ihm gewesen, seinen Raben nach einer Hexe zu benennen, die in einem Kinderbuch vorgekommen war. Minerva hatte ihn deswegen einen Romantiker genannt, was ihn so geärgert hatte, dass er sie umbenennen wollte, aber es war zu spät. Sie wollte auf nichts anderes mehr hören.

„Rraaa!“ Eine große, schwarze Rabendame mit einem weißen Fleck auf dem linken Flügel glitt majestätisch zu ihm hinab, setzte sich auf seinen Unterarm und blickte ihn aufmerksam an.

Zufrieden nickte Severus ihr zu. Das Tier war ganz nach seinem Geschmack, schnell, effizient und nicht übertrieben gefühlsbetont. „Ich habe einen Brief für meinen Kollegen Jeevan Banaszak. Liefere ihn sofort aus! Und warte bei ihm, bis er eine Antwort geschrieben hat! Die Sache ist wichtig!“

Sie streckte ihm ein Bein hin, er nahm es und befestigte den Behälter daran. „Pass auf dich auf!“

Er wurde aufmerksam gemustert, die Rabendame nickte, hob dann ab und schoss hoch in den Himmel. Severus sah ihr hinterher, solange es möglich war. Vielleicht konnte sein indischer Kollege Licht in die Angelegenheit mit Harry bringen.

Er warf einen Blick auf die alte Standuhr über dem Kaminsims. Ein Erbstück von seinen Eltern, das er trotz seiner schlechten Erinnerungen, nicht einfach hatte wegwerfen können.

Es war Zeit für seine Verabredung mit Minerva. Er holte Luft und straffte sich energisch. Ihr letztes, persönliches Treffen war nicht so harmonisch verlaufen wie sonst. Vermutlich hatte es an ihm gelegen. Trotzdem musste er mit ihr sprechen. Diese Geschichte mit Harry beunruhigte ihn zunehmend und er brauchte mehr Fakten.

Schnell nahm er eine Phiole aus der Tasche und schluckte den Inhalt. Es war der neue Trank, den er inzwischen stabil herstellen konnte. Verbesserungswürdig, aber fürs Erste zufriedenstellend.

Als er das Röhrchen in einen Holzständer auf die Küchentheke stellte, nickte er zufrieden. Seine Hautfarbe veränderte sich zusehends. Bis er bei seinem Zielort eingetroffen war, würde der Prozess abgeschlossen sein.

-

Severus saß in einem gemütlichen Ohrensessel, ihm gegenüber Minerva in genau demselben Modell. Zwischen ihnen befand sich ein niedriger Holztisch, beide hatten sie ein Glas vor sich stehen. Die Schulleiterin tischte selten etwas für ihn auf, schließlich kam er nicht zum Essen her. Er verlagerte sein Gewicht nach hinten, sein Anliegen hatte er schon vorgebracht.

„Du möchtest also wissen, ob am Abend des Wohltätigkeitsballs jemand außer den Hauselfen Speisen oder Getränke zubereitet hat?“, fasste Minerva zusammen. Sie berührte beim Sprechen den Anhänger an ihrer Kette, einen silbernen Mond und hatte den Blick in die Ferne gerichtet.

„Genau“, entgegnete Severus knapp und nahm einen Schluck Orangensaft. Bisher hatten sie ihre Diskussion von letztem Mal nicht fortgeführt. Eigentlich wollte er darüber sprechen und gleichzeitig auch nicht. Harry Potter, der Mann machte ihn fertig! „Also, war noch jemand da?“, wiederholte er sich, da sie stumm blieb.

„Nein“, murmelte sie gedankenverloren. Jäh schien sie wieder im Jetzt angekommen zu sein und richtete ihre scharfen Augen auf ihn. „Wieso fragst du? Ist etwas passiert?“

„Nein“, antwortete er schließlich, behielt seine reglose Miene bei. „Ich prüfe nur eine Theorie.“

„Tatsächlich“, entgegnete sie, ihn abschätzend. Er hatte ihr selten etwas vormachen können. Pädagogisch hatte sie ihm eben eine Menge Jahre an Erfahrung voraus.

„Auf dem Tisch standen einige Flaschen. Kamen sie vom selben Lieferant wie immer?“, fragte er weiter. Er sah noch keine Notwendigkeit, sie über seine Gründe zu informieren. Am Ende würde es zu einem Streit führen.

Seine ehemalige Lehrerin hob die Augenbrauen. „Severus! Was ist los? Auch wenn du mich letztes Mal überrumpelt hast und ich meine Verwunderung kundgetan habe, heißt das nicht, dass sich etwas zwischen uns geändert hat! Wir sind Freunde!“ Ein Kopfschütteln und ein besorgter Blick. „Erzähl mir, was dich beschäftigt!“ Er hob eine Augenbraue. Ihre deutlich entspanntere Haltung überraschte ihn. Trotzdem war die Angelegenheit privat. Er würde nur darüber sprechen, wenn es unumgänglich war!

„Wirst du meine Frage beantworten?“, überging er deshalb ihre Bitte. „Ich habe alle Getränke an meinem Tisch geprüft, die Flaschen waren original versiegelt, sonst hätte ich nicht davon getrunken.“ Er beugte sich vor und blickte sie eindringlich an. „Wer war der Lieferant?“

Ein Seufzen. Minerva schüttelte den Kopf, schnippte. „Robby, kommst du bitte kurz her?“

Ein leiser Knall und schon stand ein junger Hauself mitten im Wohnzimmer. Severus hob eine Augenbraue. Es handelte sich um dasselbe Wesen, das ihm in der Krankenstation Gesellschaft geleistet hatte.

„Meisterin, wie kann ich Ihnen helfen?“ Das kleine Geschöpf strahlte Minerva an und rückte die graue Robe zurecht, die gut gepflegt zu werden schien.

„Guten Tag Robby“, sprach Severus den Elfen an. „Ich hätte da eine Frage an dich ...“

Als das Geschöpf von Minerva zu ihm blickte, nickte sie ihm zu. „Ist gut, beantworte bitte seine Fragen! Deswegen habe ich dich hergebeten.“

Eine Verbeugung. „Wie die Meisterin wünscht!“ Dann wandte sich der Elf ganz Severus zu. „Was möchten Sie wissen?“

Schnell fasste der Tränkemeister seine Fragen zusammen, ohne Details zu verraten. Die Antworten kamen wie aus der Pistole geschossen. Minerva schnaubte. Sie war sicherlich verärgert. Severus fühlte sich zwar nicht wohl damit, diese Reaktion ausgelöst zu haben, doch es kam ihm wie das kleinere Übel vor. Wenn sie schon geschockt gewesen war, dass die Gerüchte um Harry und ihn nicht ganz aus der Luft gegriffen waren, würde sie wahrscheinlich ziemlich empört sein, sollte sie von den neusten Entwicklungen erfahren.

Er verschloss seinen Geist. „Es war also derselbe Lieferant, wie ihn Hogwarts schon seit 150 Jahren benutzt“, stellte er fest. „Gab es in den letzten Monaten Beschwerden über die Getränke? Auffälligkeiten?“

„Severus!“, wurde Minerva ungeduldig. „Wenn es ein Problem mit unseren Getränken geben sollte, muss ich das als Schulleiterin wissen!“ Ihr Blick wurde streng. Er kannte sie gut genug, um zu erkennen, dass ihr Geduldsfaden bald reißen würde.

„Nein“, sagte Robby da. „Keine Beschwerden. Aber Meister“, er warf Severus einen treuherzigen Blick zu. „Sie wissen es sicher nicht ... auf unserem Lager liegt ein Zauber, der Gift und alles Schädliche aus dem Essen entfernt.“ Er lächelte. „Getränke gehören dazu.“ Minerva zog die Augenbrauen zusammen und nickte schließlich.

„Richtig! Das hatte ich völlig vergessen! Deshalb kann man auch keinen Alkohol im Lager abstellen. Er würde dort zu einer ekelhaften Brühe verkommen.“

Der Elf grinste begeistert und nickte wild. „Die Meisterin kennt sich gut aus!“

Severus gab ein Stöhnen von sich. „Und da ich selbst gesehen habe, wie einer der Hogwartselfen mir die Flaschen an den Tisch gebracht hat, können diese nicht mit einem Trank versetzt worden sein!“

„Genau!“, klatschte der Elf in die Hände. Er war ein netter Kerl, aber er war Severus mit seiner Fröhlichkeit schon damals auf die Nerven gegangen! Vielleicht erinnerte er dich auch nur an einen gewissen jemand? , musste seine innere Stimme sich einmischen, doch darüber wollte er jetzt wirklich nicht nachdenken!

„Danke, Robby, du kannst gehen!“ Wieder ein rückversichernder Blick zur Schulleiterin, dann verschwand das Geschöpf mit einem Knall. Es wurde still.

„Du bist also vergiftet worden!?“, fragte Minerva schließlich. „Wieso hast du mir das nicht gleich gesagt!?“ Sie schüttelte den Kopf. „Stattdessen so ein Drama zu veranstalten!“ Ihr Blick wurde weicher, Besorgnis zeigte sich. „Welche Auswirkungen hat es?“ Er wurde von oben bis unten begutachtet. „Geht es dir gut? Kann ich helfen?“ Er wollte schon ungeduldig werden, aber ihre Anteilnahme rührte ihn.

„Keine Vergiftung!“, entgegnete er daher knapp und begann zu überlegen. Er hätte nur auf diesem Ball einen Liebestrank zu sich nehmen können. Schließlich war er nur auf Hogwarts und zu Hause gewesen. Nirgendwo sonst hatte er etwas getrunken, dass er nicht persönlich zubereitet und geprüft hatte.

Es klopfte an der Wohnungstür. „Minerva?“ Severus zuckte hoch. Es war nur die Stimme von Neville Longbottom gewesen. „Würdest du bitte kommen? Es handelt sich um einen Notfall!“, erklärte er sich. Zu Severus Überraschung war der junge Mann Lehrer auf Hogwarts geworden. Ein ganz Passabler noch dazu. Sie hatten schon ein paar Worte miteinander gewechselt und er war durchsetzungsfähig, höflich und längst nicht so ängstlich wie früher gewesen. Er sah zu seiner Freundin hinüber. Sollte er gehen?

Auch sie hatte sich erhoben. „Bleib bitte da“, bat sie. „Das Thema ist noch nicht beendet!“ Beim Hinausgehen heizte sie den Teekessel an. „Nimm dir gerne ein paar Ingwerkekse aus dem Schrank!“ Severus schnaubte leise. Er war doch keines ihrer Schulkinder! Trotzdem nickte er knapp und sah zu, wie sie aus seinem Sichtfeld verschwand. Kurze Zeit später fiel die Wohnungstür leise ins Schloss.

Nachdenklich blickte er sich um. An Keksen hatte er kein Interesse, aber vielleicht hatte Minerva ein neues Buch da? Sie las genauso gerne wie er. Kaum hatte er ein paar Schritte zum Bücherschrank gemacht, klopfte es ans Fenster. Er wandte den Kopf.

„Altheda!“ Die Rabendame pochte aufs Neue gegen die Scheibe und er beeilte sich, ihr zu öffnen.

Sie stieß einen leisen Schrei aus und landete punktgenau auf seinem Unterarm. Er lächelte unwillkürlich. Dieses Tier musste man einfach gernhaben! Nicht zu vergleichen mit den etwas tollpatschigen Eulen mit ihrem unnötigen Geflatter und ihren Launen! Er hatte mit ihr wirklich die richtige Wahl getroffen!

Nun wurde ihm ein Bein entgegengestreckt. „Gute Arbeit, meine Liebe“, lobte er sie weich. „Ich könnte mir kein besseres Tier wünschen!“ Geschickt nahm er ihr das Behältnis mit dem Brief ab. „Wenn du etwas fressen möchtest, nimm doch dort auf der Vogelstange Platz!“ Er deutete neben das Fenster, wo eine goldfarbene Sitzstange angebracht war. Auch die Privatperson Minerva bekam gelegentlich Post.

Das treue Tier erhob sich elegant und gehorchte. Severus sah ihr kurz beim Fressen zu, dann widmete er sich seinem Brief.

Sein Kollege hatte ihm geantwortet. Leider wurden seine eigenen Erkenntnisse nur bestätigt. Es gab keinen Zaubertrank, der eine konstante Liebe über einen längeren Zeitraum hinweg vortäuschen konnte. Selbst ein ganzer Monat wäre schon unmöglich gewesen. Auch wenn er es spottend als Wahn deklariert hatte, war Potters Verhalten weit davon entfernt. Er war rücksichtsvoll, offen für konstruktive Kritik und hatte sich in der Regel emotional unter Kontrolle. Selbst ein unbekannter Zaubertrank schied somit aus. Er seufzte.

Was übrig blieb, waren Zauber. Allerdings war das ein weites und kniffliges Feld. Im Endeffekt stellte sich die Frage, wer Harry so etwas antun würde und weshalb?

Ein rhythmisches Klopfen an der Wohnungstür ließ ihn aufhorchen. Minervas Meldung, dass sie zurückkehrte. Schon hörte er, wie sich die Tür öffnete und schloss. Schritte ertönten, dann stand sie vor ihm.

Still wurde er betrachtet, dann hob sie die Augenbrauen. „Keine Kekse?“ Er hob die Schultern.

„Nein, danke.“ Wieder ein langer Blick.

Schließlich hob sie den Zauberstab und heizte den Kessel erneut an. „Erzählst du mir nun endlich, was dich bedrückt?“

Er stieß einen tiefen Seufzer aus. „Du gibst wohl nie auf, was?“ Vielleicht musste er da durch! Denn so langsam kam er nicht mehr weiter. Er stellte Theorien auf, verwarf sie und begann ständig von Neuem. Auch in der Wissenschaft war es wichtig, gelegentlich eine frische Sichtweise zu erhalten. Und immerhin hatte Minerva wenigstens ein bisschen Erfahrung in Liebesdingen. So viel er wusste, war sie mal verheiratet gewesen. Er musste es also nur richtig erklären. Welche Wahl hatte er denn sonst? Es gab niemandem, dem er näher stand und dem er  genug vertraute, um über eine solche Thematik zu sprechen.

Er nahm in einem der Sessel Platz und ließ sich von ihr Tee einschenken. Die Dose mit den Kürbiskeksen wurde offen zwischen sie gestellt, schlussendlich setzte sie sich auch. „Also?“

Severus starrte den heißen Dampf an, der seiner Tasse entströmte. „Es ist keine große Sache“, begann er bedächtig. „Mich hat ein kleines Leiden befallen, dem ich auf den Grund gehen möchte.“ Stille.

„Ein kleines Leiden“, wiederholte Minerva, während sie bedeutungsvoll die Augenbrauen hob. „Severus, ich bitte dich! Wenn es tatsächlich so klein wäre, würdest du nicht krampfhaft versuchen, es geheim zu halten!“ Sie schüttelte den Kopf. „Mein guter Freund, wie lange kennen wir uns schon? Hast du noch immer nicht begriffen, dass du mit mir über alles reden kanbst? Selbst wenn wir mal einen Zwist haben, finden wir einen Weg!“ Sie beugte sich vor, griff nach seiner Hand und drückte sie kurz. „Bitte vergiss das nicht!“ Er spürte ein warmes Gefühl in der Brust, schluckte. Meinte sie es wirklich ernst?

Er öffnete den Mund und schloss ihn wieder. Wie sollte er ihr das erklären? Was würde sie von ihm denken, wenn sie erfuhr, dass er trotz seiner Vermutungen mit Harry geschlafen hatte. Er war sich inzwischen nämlich selbst nicht mehr sicher, ob er es nicht eher getan hatte, weil er der Versuchung nicht hatte widerstehen können. Je länger er grübelte, desto finsterer wurde seine Miene. Es war ein Reflex, den er derzeit nicht steuern konnte.

„Nun gut“, brach Minerva schließlich die Stille. Besonders geduldig war sie nie gewesen. „Wenn es an dem liegt, was ich letztes Mal gesagt habe, dann tut es mir leid!“ Sie seufzte und nahm einen Schluck von ihrem Tee, ein Keks folgte. „Aber versuch dich mal in meine Lage zu versetzen: Was würdest du denken, wenn ich dir mitteile, ein Verhältnis mit deiner früheren Mitschülerin Amanda Lufkin zu haben?“ Severus überlegte.

Dann schnaubte er. „Der Vergleich ist absurd!“, erklärte er. „Außerdem habe ich nie behauptet, dergleichen mit Potter zu haben. Leg mir keine Worte in den Mund!“ Verärgert musste er feststellen, dass seine Stimme sich erhoben hatte. Es war enervierend, wie er in Anwesenheit seiner früheren Lehrerin emotional wurde! Sicherlich gab es eine psychologische Begründung dafür. Er seufzte innerlich. Diesen Zweig der Wissenschaft hatte er immer abgelehnt. Zu weich, ohne beweisbare Fakten. Heute wusste er es besser, wenngleich er ihn für sich selbst ablehnte.

„Ach Severus“, lächelte Minerva nun, „der Altersunterschied zwischen Ms Lufkin und mir ist nur geringfügig größer, als der zwischen Harry und dir. Da ist es völlig legitim, zuerst an ein Vater-Sohn-Verhältnis zwischen euch zu denken!“ Obwohl sie das schon bei ihrem letzten Treffen gesagt hatte, spürte er tief in sich eine unangenehme Reaktion. Zwar verstand er die Bedeutung nicht, doch es ärgerte ihn, dass es ihn überhaupt kümmerte! Genau wie die Briefe von Arthur und Molly oder Poppys distanziertes Verhalten. Er war schon immer der Böse gewesen, wieso machte er nicht einfach, was er für richtig hielt!? Früher hatte es auch funktioniert! Er schloss die Augen. Wenn er nur wüsste, was das wäre? So durcheinander hatte er sich zuletzt nach Dumbledores Tod gefühlt.

„Von mir aus“, sagte er mit gedämpfter Stimme und kämpfte um ein emotionsloses Äußeres. Kühl, gelassen und undurchdringlich, seine Schilde funktionierten auch heute. Er sah sie reglos an. „Ich werde dir alles erzählen, was zwischen uns vorgefallen ist.“ Plötzlich fühlte er sich wieder wie ein Schüler, der in ihrem Büro saß, wo sie ihm die Leviten las. Es war zwar nur einmal vorgekommen, hatte sich jedoch für immer bei ihm eingebrannt. Sie war so anders als sein Hauslehrer gewesen. Ruhig, besonnen und absolut fair. Ihr Urteil würde auch heute gerecht ausfallen.

Je mehr er erzählte, umso mehr sortierte sich sein eigener Geist. Gefühle ließ er natürlich außen vor und den Koitus erwähnte er nur am Rande. Es war auch so schon schwer genug, überhaupt davon zu erzählen. Hatte er dergleichen je getan? Er fühlte sich entblößt und verletzlich. Es war ihm ein Rätsel, wie andere frei über solche Themen sprechen konnten. Vielleicht waren sie einfach zu naiv, um zu begreifen, welche Folgen das nach sich ziehen konnte.

Weil er sowieso schon dabei war, weihte er sie auch in seine Theorien und Schlussfolgerungen ein. Als äußerst mächtige Hexe mit viel Erfahrung in der praktischen Anwendung war sie ihm im Fachgebiet der Zauberei schließlich sogar überlegen. Wie er widerstrebend zugeben musste. Und infolge dessen erhoffte er sich nach einer kleinen Explosion wegen dem Koitus, auch ein paar neue Erkenntnisse seine Theorien betreffend.

„Ich verstehe“, nickte Minerva bedächtig, als sie eine Weile stumm dagesessen hatten. Inzwischen war der Teekessel halb ausgetrunken. Sie schwieg erneut, schien in Gedanken versunken. Severus übte sich in Geduld. Er war erleichtert, dass sie ihm keine Vorwürfe gemacht hatte. Anscheinend war auch ihr klar geworden, dass hier Magie am Werk war. Er lehnte sich im Sessel zurück und nippte an seinem Tee, seine Augen schweiften umher.

Obwohl Minerva den Wohnbereich der Schulleitung an ihre Bedürfnisse angepasst hatte, gab es doch noch einige Möbel und Tand aus Dumbledores Tagen. Wie zum Beispiel den alten Sekretär in der Ecke oder das schwere Tintenfass mit dem goldfarbenen Fuß. Auch die schmale Küchenzeile, die nur durch Magie zu betreiben war, sowie die Bücherschränke aus Kirschholz stammten von ihm. Für ihn wäre es der Horror, hier leben zu müssen. Mit den ständigen Erinnerungen und dem Porträt des Mannes, den er getötet hatte.

„Ich bin mir unschlüssig“, erklärte Minerva plötzlich. Er hob den Kopf, runzelte die Stirn. Wegen Dumbledore? Ach nein, es war ja um Harry gegangen! „Mir stellt sich die Frage, ob es überhaupt einen Zauber gibt.? Sei es als Trank oder Spruch. Ist es so unmöglich, das echte Gefühle im Spiel sein können?“ Nun hob Severus beide Augenbrauen. Dieser Gedanke war ihm nie gekommen. Trotzdem schüttelte er sofort den Kopf.

„Ich gebe zu, dass es in meinen Augen zunehmend unwahrscheinlicher wird, jemand hätte uns beide verzaubert.“ Er spürte einen unangenehmen Druck in seiner Brust und ignorierte ihn. „Außerdem bin ich mir zu 98 Prozent sicher“, er verzog das Gesicht, bevor er wieder zur Gleichgültigkeit wechselte. „Dass auf mich weder ein Trank noch ein Zauber wirkt.“ Er schnaubte, weil es ihn wahnsinnig ärgerte. „Ersteres ist ausgeschlossen. Zweiteres hätte ich doch wohl mitbekommen müssen! Aber es wäre mir durchaus recht, wenn du meinen Geist -“, er stockte, diese Bitte zu äußern, fiel ihm schwer, weil er niemanden dort hineinlassen wollte. „Würdest du meinen Geist auf Manipulationen untersuchen?“ Der Zauber war wenigstens kein Legillimens. Das konnte er schaffen!

Ein prüfender Blick. „Bist du sicher?“ Er schluckte.

Schließlich nickte er.

Minerva lächelte knapp und wurde geschäftig. Sie hob den Zauberstab. „Bereit?“

Er holte tief Luft und verschloss schnell alle Bereiche, in denen sie nichts zu suchen hatte. Vertrauen war gut, Kontrolle war besser! „Bereit!“

„Probare Ingenium!“ Der Zauber schlich sich in seinen Kopf, zart, aber zielstrebig. Er versuchte gelassen zu bleiben und spürte seine Hände zittern. Jahrzehnte hatte er alles dafür gegeben, damit niemand dort eindringen konnte, wo sie sich umblickte. Es zuzulassen ließ sein Herz rasen, er schwitzte. Dann dachte er an Harry und beruhigte sich wieder. Er tat das aus gutem Grund! Außerdem war es nur Minerva, die sich umschaute, nicht der dunkle Lord! Sie würde nirgendwo hingehen, wo sie nichts zu suchen hatte! Er versuchte gleichmäßig zu atmen und zählte die Sekunden. Es würde bald vorbei sein, gleich hatte er es geschafft.

Laut der Uhr war lediglich eine halbe Stunde vergangen, es fühlte sich nach Tagen an. Severus holte tief Luft. „Und?“, wollte er wissen. Ein kleiner Teil von ihm wäre vielleicht sogar froh, wenn sie etwas gefunden hätte, denn die Alternative war noch beängstigender!

Ein langer Blick. „Nein“, sagte sie dann schlicht und musterte ihn auf eine unergründliche Weise. „Ich konnte keinerlei Manipulationen feststellen. Aber ich habe auch nichts anderes erwartet. Wenn -“, ein kurzes Zögern, „Voldemort dir nichts anhaben konnte, wie sollte es jemand anderes schaffen?“ Severus biss die Zähne zusammen. Er hatte also recht gehabt ...

„Nun“, begann er langsam. „Ich habe mich über Hormone informiert.“

Minerva hob eine Augenbraue. „Hormone?“

Er nickte. „Es geht dabei um eine Wissenschaft der Muggel.“

Sie wirkte interessiert, beugte sich vor. „Tatsächlich? Erzähl! Es freut mich jedes Mal zu hören, wie offen du inzwischen für die Gedankengänge der Muggel bist. Ihre Forschungen haben es dir angetan. Ich bin begeistert, mein Lieber! “ Severus wollte erwidern, dass er kein Kind war, dass gelobt werden musste, fühlte jedoch einen Anflug von was? Etwas Gutem, jedenfalls. Also schloss er den Mund wieder. Er musste nicht mit ihr deswegen streiten.

„Und?“, seine Freundin sah ihn auffordernd an und nahm einen Bissen von einem Keks.

„Nun“, begann er langsam und fuhr sich über das Gesicht. „Hormone spielen ja eine große Rolle beim Paarungstrieb.“ Minerva verschluckte sich und hustete.

Severus wartete geduldig, bis sie wieder frei atmen konnte.

„Aha“, gab sie schließlich von sich. „Fahre fort!“

Er hob eine Augenbraue und erklärte ihr die Zusammenhänge. „Was ist, wenn Harry recht hat? Anscheinend reagieren meine Hormone in seiner Nähe unkontrolliert. Ich gehe von einer besonderen Kompatibilität aus, ausgelöst durch die veränderten Gene. Wäre es also möglich, dass ich ihn unwissentlich mit einem Zauber belege, wenn meine Hormone auf ihn reagieren?“ Der Gedanke versetzte ihm einen Hieb. Er war wahrlich kein Ehrenmann, und nahm Gelegenheiten gerne war, wenn sie sich boten. Und bei einem so attraktiven, jungen Mann wäre jeder schwach geworden. Aber sollte er selbst dafür verantwortlich sein, dass Harry derzeit so fühlte - das wäre unverantwortlich! Selbst für ihn. „Vielleicht wäre es das Beste, wenn ich ihn einfach nicht mehr treffe!“

Minerva schüttelte den Kopf. „Ich weiß ja nicht.“ Wieder musterte sie ihn auf rätselhafte Weise. „Solche Zauber wirken in der Regel nur solange, bis man nicht mehr in der Nähe des Opfers ist. Einfluss auf das Gedächtnis haben sie allerdings nicht! Und Harry hat sich nie über dich beschwert oder dir etwas vorgeworfen. Als Auror hätte er die Zusammenhänge schon längst erkannt. Aber wie schon gesagt, das ist nicht geschehen!“ Sie zuckte die Achseln. „Daher halte ich diese Theorie für unbrauchbar. Ein Langzeitzauber wäre meiner Meinung nach die einzige Möglichkeit.“ Sie zupfte an ihrem Ohrring und nahm ihn ab, um sich das Ohrläppchen zu reiben. „Und wie du genau weißt, kann dieser nur wissentlich ausgeführt werden. Deshalb kannst du es nicht gewesen sein!“ Severus atmete tief aus.

„Gut“, gab er zu. Es machte jetzt auch keinen Unterschied mehr, dass sie aufgrund seiner Reaktion wusste, wie wichtig ihm das war.

„Aber das ein politischer Gegner dahinter steckt, wäre möglich“, meinte sie, zögerte  „Ein ganz spezieller, seltener Zauber ist nicht auszuschließen, obwohl ich zugeben muss, dass mir nichts dergleichen bekannt ist!“ Sie betrachtete ihn eine Weile stumm. Er starrte an ihr vorbei, weil er sich langsam unwohl fühlte. Dass ihre Mimik plötzlich unlesbar war, erfüllte ihn mit Besorgnis. Hatte sie sich in seinem Geist weiter umgeblickt, als er mitbekommen hatte? Oder verurteilte sie ihn doch und wollte es nur nicht zugeben!? Sein Kiefer verkrampfte sich. Und schon wieder kümmerte er sich um ihre Gefühle! Bei Salazar und Gryffindor, er war niemandem außer sich selbst Rechenschaft schuldig! Er durfte nicht weich werden! Er schloss die Augen und kämpfte um sein emotionales Gleichgewicht. Das Problem war nur, dass Dumbledore früher sein moralischer Kompass gewesen war. Und er fehlte ihm manchmal ungemein, selbst dann, wenn er wütend auf ihn war oder seine Entscheidungen infrage stellte.

„Ich glaube“, sagte sie langsam. „Es wäre das Beste, du würdest Harry weiter treffen. Jedenfalls, wenn es auch deinen Wünschen entspricht. Nach eurem -“, sie zögerte, – „eurer körperlichen Begegnung, wäre er in jedem Fall gekränkt, solltest du den Kontakt abbrechen.“ Sie lächelte zögerlich. „Er ist sensibler als du. Wir haben nie über diese Dinge gesprochen, doch ich vermute, dass er, nun ja, Beziehungen bevorzugt, statt einmaligen -“, sie errötete leicht, „Stelldicheins.“ Severus lachte jäh auf. Das war einfach unfassbar! Völlig absurd. Da saß er mit seiner ehemaligen Lehrerin und sprach über sein Liebesleben.

Doch sofort wurde er wieder ernst. „Ja, das hat Harry auch angedeutet,“ gab er zu und fuhr sich durchs Haar. Irritiert wollte er dann wissen: „Aber verurteilst du das nicht?“ Erklärend fuhr er fort: „Wenn ich ihn treffe, ich weiß nicht, ob ich -“, nun war es an ihm zu erröten, er weigerte sich mit Macht und verlieh seiner Stimme einen abgeklärten Ton. „Harry wird gerne körperlich und ich glaube nicht, dass ich Nein sagen kann.“ Sie musterte ihn schon wieder so seltsam.

„Ich denke“, sagte sie langsam, „unter diesen Umständen ist es für euch beide das Humanste darauf einzugehen. Solange du dich dabei auch wohl fühlst. Wir wissen schließlich nicht, wie lange Harrys Zustand anhält. Du kannst ja -“, ein Zögern, „mit dem Beischlaf warten, bis ihr alle Unsicherheiten ausgeräumt habt.“

Severus legte den Kopf in den Nacken und starrte an die Decke. Er fühlte sich völlig ausgelaugt. Für die nächsten Monate konnte er gut auf weitere Gespräche dieser Art verzichten! „Wenn du meinst“, sagte er nur. Er vertraute ihrem Rat. Sie war Dumbledores Stellvertreterin gewesen. Wer, wenn nicht sie, hatte am meisten von ihm gelernt? Abrupt setzte er sich auf. Hoffentlich erwartete Harry morgen keine intimem Gespräche von ihm. Sein Limit dafür war für Monate aufgebraucht. Dann atmete er durch. Es würde schon gut gehen! Immerhin würden sie sich gemeinsam mit Ms Granger und Mister Weasley treffen, um über Robards zu sprechen.

***

Er lag im Bett, eine frische Brise wehte durch das geöffnete Fenster herein. Sterne leuchteten am Firmament und er atmete den Duft von Gras und Heu ein. Er hatte vorhin noch im Garten geschuftet. Trotzdem konnte er nicht schlafen. Harry hatte ihm einen Brief geschickt. Eigentlich war das keine große Sache, der Kerl nervte ihn regelmäßig mit einem solchen Wisch. Allerdings ging es diesmal um ihr Treffen. Er hatte ihn gebeten, früher zu kommen, und ihm bei der Essenszubereitung zu helfen. Er drehte sich auf die Seite und starrte in den dunklen Himmel. Sie würden also doch alleine miteinander sein. Er seufzte. Ob Minervas Rat wirklich gut gewesen war? Etwas stimmte definitiv nicht mit ihm! Wieso sonst hatte sein Herz bei dem Gedanken, allein mit ihm zu sein, schneller geschlagen und er die Antwort so hastig verfasst, dass es schon an Hexerei grenzte? Harry Potter, was ist das nur mit dir!?

***

*Gesicht hinter den Händen verstecken* Ich bin böse, ich weiß. Das sich Severus auch noch so wegen dem Altersunterschied herumplagen muss. Aber ich wollte einfach mal eine Geschichte schreiben, die realistischer in ihrer Entwicklung und somit echter ist. Ich hoffe, es nervt noch nicht.

Außerdem ist mancher vielleicht enttäuscht gewesen, weil es keinen Snarry-Moment gab, keine Sorge, die restlichen Kapitel gibt es davon reichlich!

Liebe Grüße,

Feerja

Ps: Was haltet ihr eigentlich von Minervas Ratschlag? Er erscheint doch etwas ethisch fragwürdig im ersten Moment. Passt gar nicht zu ihr. Warum hat sie das also gesagt?