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Ein außergewöhnlicher Tag im Leben des Severus Snape

Leidenschaftliche Differenzen Oder Der Einsame Mann Im Alten Haus — www.fanfiktion.de · All chapters

Ein außergewöhnlicher Tag im Leben des Severus Snape

Herzlichen Dank an Baumbart für die ausführliche Review! :)

***

Während er Harrys Therapeuten in den Besprechungsraum folgte, warf Severus einen unauffälligen Blick in die Spiegelung einer der Glaswände, die den Flur von anderen Räumlichkeiten trennte. Man hatte ihn heute des Öfteren angegafft. Ein Umstand, der ihm gar nicht behagte! Er verfluchte Blaise, der ihm seine gesamte Muggelgarderobe geschenkt hatte. Weil Severus sie nie brauchte, hatte er sich selbst nicht darum gekümmert. Heute hatte er allerdings feststellen müssen, dass sie ausschließlich aus Hemden, Westen und Anzügen bestand.

Er warf seinem Spiegelbild einen mörderischen Blick zu. In seinem schwarzen, gut sitzenden Anzug, dem weißen Hemd und der dunklen Sonnenbrille sah er wie Malfoy Senior in Muggelverkleidung aus. Behagte ihm gar nicht! Sein sorgfältig zurückgebundenes Haar half da genauso wenig! Er seufzte. Wieso musste sich Harry auch unbedingt in seiner Muggelwohnung mit ihnen treffen? Wenn Severus wenigstens auf die Brille verzichten könnte! Doch ohne sie wurde er unablässig auf seine gelungene Verkleidung angesprochen oder gefragt, für welchen neuen Film er wohl werben würde. Tja, normale Hautfarbe schön und gut, aber seine Augen blieben eben doch ungewöhnlich.

Er betrat einen hellen Raum mit verschiedenen Sitzmöglichkeiten, ein paar großen Zimmerpflanzen und einem Schreibtisch.

„Nehmen Sie gerne Platz. Ich bin gleich bei Ihnen“, deutete der Arzt vage umher und trat an den Computer, um auf der Tastatur zu tippen. Severus blieb stehen, überlegte kurz, ob der Mann ihr Gespräch aufzeichnen wollte, er würde später sicherheitshalber eine Störung veranlassen, und setzte sich auf einen bequem aussehenden Sessel mit breiten Armlehnen.

Er hatte Glück gehabt, dass dieser Mann ihn heute überhaupt empfing, und dafür auch einige Stunden Wartezeit in Kauf genommen. Ein Lächeln zupfte an seinen Mundwinkeln. Die Zeit hatte er außerdem recht sinnvoll genutzt und sich in der Buchhandlung ein paar Straßen weiter, mit gewisser Literatur eingedeckt. Schon seit er mit Harry intim geworden war, verspürte er den Wunsch, sich in dieser Hinsicht weiterzubilden. Früher wäre das gefährlich für ihn gewesen, doch was fremde Muggel über ihn verbreiteten, war nicht von Bedeutung.

Der Therapeut verließ nun sein Gerät und nahm auf dem Sofa ihm gegenüber Platz. „Ich bin – erfreut“, eröffnete er das Gespräch und musterte ihn unverhohlen. „Und überrascht.“ Ein Zögern. „Ich hätte nicht erwartet, dass Sie tatsächlich bei mir erscheinen.“ Ein Lächeln. „Mister Evans erzählte mir, hoffentlich trete ich Ihnen damit nicht zu nahe, dass Sie Schwierigkeiten hätten, Ihr Haus zu verlassen.“ Severus sah ihn stumm an. Das hatte Harry über ihn gesagt!? So hatte er es eigentlich nicht empfunden! Er hatte schließlich gute Gründe gehabt, nicht aus dem Haus zu gehen!

„Hat er das?“, entgegnete er ruhig und musterte seinerseits den gepflegten Mittfünfziger. Er war ein wenig füllig, hatte grau meliertes Haar, einen kleinen Bart am Kinn und trug eine randlose Brille. Sein beigefarbener Anzug saß locker und wurde mit einem hellblauen Polohemd kombiniert. Harmlos, stufte Severus ihn ein. „Was hat Harry noch über mich erzählt?“

Nun lehnte sich sein Gegenüber in seinem Sessel zurück und schmunzelte. „Sind Sie deswegen hergekommen? Mister Evans hat mich zwar gebeten, Ihnen jegliche Fragen über ihn zu beantworten, aber meine Zeit ist heute begrenzt. Gibt es da nicht Dringenderes zu klären?“

„Gibt es?“, fragte Severus nun seinerseits. Er mochte es nicht, ausgefragt zu werden. Andererseits war er für Informationen hergekommen. Die kostbare Zeit für Nichtigkeiten zu verschwenden, wäre unklug.

Nach einer kurzen Pause wollte er wissen: „Harry hat gesagt, er würde eine Wuttherapie bei Ihnen machen. Ist das wahr? Und wie funktioniert eine solche Therapie überhaupt?“

Der Arzt sah ihn aufmerksam an, nickte dann. „In der Tat. Da er schon seit seiner Kindheit mit Gewalt konfrontiert wurde, hat sich das Muster bei ihm tief eingeprägt. Wir haben schon früher daran gearbeitet, diesmal geht es allerdings nur um eine Auffrischung. Wir üben hauptsächlich, wie er sich in Stresssituationen verhalten kann, ohne jemandem zu schaden. Er war zwar nie gewalttätig im körperlichen Sinne, doch seine Wutausbrüche wirken bedrohlich. Zwar hat er sich inzwischen besser im Griff, doch es erfordert Zeit, neue Verhaltensmuster zu lernen und zu verinnerlichen.“

Die Stunde war im Nu verflogen und als Severus im Anschluss das Gebäude verließ, war er sehr nachdenklich gestimmt.

-

Er war wie erstarrt. Das Haus stand in Flammen. Es knackte, knarrte und ächzte. Die Luft roch nach Rauch, geschmolzenem Kunststoff und Asche. Die gelblichen Zungen erleuchteten den dunklen Himmel und tauchten ihn in ein bedrohliches Licht. Severus versuchte ruhig zu bleiben. Menschen schrien. Er blinzelte.

Das Bild vor seinen Augen änderte sich jäh. Ein mehrstöckiges Muggelhaus tat sich vor ihm auf. Ähnlich dem, welches er gerade noch zu erblicken meinte. Auf seinem Weg war er an Dutzenden vorbeigekommen, doch es zu betreten fiel ihm schwer. Zögernd machte er einen Schritt nach vorne.

„Ich wette, du bringst es nicht!“, hörte er eine Stimme aus seiner Vergangenheit sagen. „Du hast dich immer in dieser Schule verkrochen, aber von der echten Arbeit hast du keine Ahnung!“ Ein Mann in einer Todesserrobe drückte nacheinander alle Klingeln der Hausbewohner und steckte geschickt den Fuß in den Spalt, als der Summer ertönte und die Tür aufsprang. Severus verharrte auf der Stelle.

Als er zum letzten Mal ein Muggelhaus betreten hatte, war es um Leben und Tod gegangen. Wie an den meisten Tagen damals. Voldemort hatte verlangt, dass sie alle Bewohner töteten, und Severus hatte eine schnelle Entscheidung treffen müssen.

Seine Hand verharrte über dem Namensschild Evans, sollte er wirklich hineingehen, als eine Frau aus dem Haus kam und ihm lächelnd die Tür aufhielt.

Mit einem knappen Nicken trat er ein.

Neue Erinnerungen überlagerten die Realität.

Ein kleines Feuer, ein K.O.-Schlag und einige Oblivierungen später hatte er sowohl die Bewohner gerettet, als auch den nervigen Begleiter am Leben gelassen und Voldemorts Auftrag ausgeführt. Trotzdem hatte er den Tag nicht als Sieg verbuchen können. Andere waren gestorben, weil er nicht an mehreren Orten gleichzeitig sein konnte und das Ministerium seine anonyme Warnung nicht ernst genommen hatte. Dumbledore war damals schon tot gewesen, er hatte keine Verbündeten mehr gehabt. An diesem Tag hätte er fast aufgegeben.

Er rang nach Luft und zerrte an seinem Kragen. Was hatte er eigentlich hier zu suchen!? Warum hatte er nur auf Minerva gehört!? Und wieso, verflucht noch mal, hatten ihn seine Beine direkt zu Harrys Tür getragen? Er war hier so fehl am Platz!

Wenn Dumbledore wenigstens noch am Leben wäre! Selbst die Todesser kämen ihm gerade recht. Damals war vieles so viel einfacher gewesen! Es gab klare Regeln und sehr viele Verbote. Und so war auch seine Devise schlicht gewesen: Was getan war, war getan! Keine Reue, kein Vielleicht und kein Zaudern! Das hatte ihm immer das Leben gerettet und ihn weitermachen lassen.

Er fuhr sich über das Gesicht. Was dachte er da nur? Wollte er diese Qualen wirklich erneut erleben? Diese Beschränkungen, das Aufgeben seiner Selbst, die ständige Furcht, Handlungen vollführen, die ihm zuwider waren. Natürlich nicht! Ohne sein Ziel vor Augen, der Tod dieses Irren, hätte er das Ganze gar nicht überstehen können!

Ein Kopfschütteln. Es war schon verrückt, wie Menschen funktionierten. Man wünschte sich die Hölle auf Erden zurück, weil man die Regeln kannte und eine Welt voller Möglichkeiten einem zu kompliziert erschien. Er holte tief Luft. Er war Severus Snape! Andere mochten scheitern, er würde es nicht! Niemals! Es war lediglich eine neue Herausforderung, die es zu meistern galt! Und wenn es etwas wert war, diesen Versuch einzugehen, dann die Möglichkeit, für sich selbst zu kämpfen! Diesmal ging es um seine Zukunft, sein Glück und seinen Frieden. Endlich konnte er der sein, der er wirklich war.

Entschlossen drückte er auf den Klingelknopf.

Als hätte Harry seine Zweifel gespürt, wurde die Tür Sekunden später aufgerissen. „Severus!“, wurde er offen angestrahlt, am Arm gepackt und in die Wohnung gezogen. Obwohl er ein gewöhnliches, weißes Shirt und eine weite, ausgewaschene Jeans trug, sah Harry hinreißend aus. So verdammt heiß, männlich und sinnlich. Besonders fasziniert war Severus von seinen bloßen Füßen und dem verwuschelten Haar. Sofort musste er daran denken, wie seidenweich sich diese Mähne unter seinen Fingern angefühlt hatte und wie geschickt Harry seine nackten Füße einzusetzen wusste. Seine Emotionen, mühsam im Zaun gehalten, überrollten ihn mit Macht. Er musste entweder sofort gehen oder -

Die zweite Möglichkeit war zu verlockend und so packte er Harry um die Hüften, drückte ihn an die nächste Wand und küsste ihn leidenschaftlich. Welch ein herrliches Ventil!

„Hallo“, murmelte Harry etwas atemlos, als ihre Münder sich schließlich trennten. „Schön, dass du da bist.“ Severus war noch zu sehr mit Fühlen beschäftigt, um zu antworten.

„Hm“, brummte er irgendwann, sein Körper an Harrys gepresst und nicht gewillt, ihn loszulassen. Es war erschreckend, wie wenig er sich in seiner Nähe unter Kontrolle hatte! Doch gleichzeitig war es faszinierend und wunderbar, dass es dem anderen genauso zu gehen schien! Als ihm dann der Grund dafür einfiel, schluckte er und wollte sich von ihm lösen.

„Hey“, murmelte Harry da, „nicht so schnell!“ Er küsste ihn nun seinerseits und stibitzte ihm mit keckem Blick die Brille. „Steht dir, der Aufzug! Warst du heute in geheimer Mission unterwegs?“ Er grinste und legte die Gläser auf den Garderobenschrank.

Severus hob eine Augenbraue. „Welche Mission?“, wollte er wissen und holte eine Flasche hervor. „Da ich nicht wusste, ob du dem Alkohol ganz abgeschworen hast, habe ich diesen alkoholfreien mitgebracht. Man sagte mir, er wäre ganz passabel. “

Der andere nahm das Geschenk mit einem Lachen entgegen. „Danke“, er begutachtete das Etikett. „Ich dachte, wenn schon, denn schon“, erklärte er und zog ein paar grüne Hausschuhe aus dem Schuhschrank. „Alkohol ist doch eh nicht gesund. Und ehrlich gesagt trinke ich lieber gar nicht, als ab und zu.“ Ein Grinsen. „Das du als Gesundheitsfanatiker überhaupt welchen trinkst, überrascht mich!“ Er warf das Paar Schuhe zu Severus` Füßen hinab. „Zieh die bitte an und komm dann in die Küche, ja?“ Bevor der Angesprochene eine Chance zum Reagieren hatte, war er schon im angrenzenden Raum verschwunden.

Nachdem Severus seinem Wunsch nachgekommen war, folgte er Harry in die Küche. Erst jetzt nahm er den herrlichen Duft von gebackenem Lachs, Kartoffeln und Rosmarin wahr. Ihm lief das Wasser im Mund zusammen. Bei seiner Ankunft war seine Sinne zu sehr von Potter in Beschlag genommen worden, als dass er etwas anderem Beachtung schenken konnte. Nun begutachtete er den modernen Einrichtungsstil, welcher mit viel Walnussholz und bunten Farben kombiniert wurde. So wirkte die Wohnung trotzdem warm und irgendwie ganz Harry-mäßig. Ob seiner ungenauen Definition hob er die Augenbrauen und stockte dann, als sein Blick auf besagten Mann fiel.

Harry trug eine orangefarbene Schürze um den Hals, auf der eine niedliche Katze mit Schleife prangte. Er traute seinen Augen nicht. „Ich habe es schon immer gewusst“, erklärte er trocken, kaum, dass er sich von dem Anblick erholt hatte. „In Wahrheit bist du eine kleine Hufflepuff!“

Ein ziemlich gut gelauntes Grinsen war die Antwort. Natürlich beleidigte es Potter nicht. Er bewunderte ihn manchmal für sein dickes Fell. „Nö, ich bin ein Mann mit außergewöhnlichem Geschmack! Das sieht man doch an dir!“ Dann legte er den Kopf schief. „Aber warum ausgerechnet Hufflepuff?“ Severus überlegte kurz, ob seine Aussage eine Beleidigung oder ein Kompliment sein sollte und entschloss sich, das nicht weiter zu kommentieren.

Er hob die Schultern. „Ist dir nicht aufgefallen, wie tierlieb Hufflepuffs sind? Durchschnittlich sind es Schüler aus diesem Haus, die Berufe mit Tierwesen ergreifen.“

Harry wirkte interessiert. „Tatsächlich?“, fragte er und werkelte am Ofen herum. „Und woher weißt du das so genau? Hast du dir das notiert, oder was?“ Er öffnete den Kühlschrank und entnahm ihm eine Schüssel mit Gemüse. Anschließend holte er eine Salatschüssel hervor, außerdem ein Schneidebrett und ein Messer.

„Nein“, erwiderte Severus, der sein Tun genau verfolgte. „Wozu sollte ich das? Ich weiß doch, wer welchen Beruf ergriffen hat.“ Dabei deutete er auf seinen Kopf. „Ist alles hier drin! Jeder Schüler unserer Schule und seine Zukunftspläne. Haben wir immer im Lehrerzimmer besprochen.“ Er zuckte die Achseln. „Was sie heute machen, weiß ich natürlich nur bedingt.“

Harry drehte sich zu ihm herum, hatte die Sachen schweben lassen und dirigierte sie nun auf ihn zu. „Ich bin immer wieder erstaunt über dein unglaubliches Gedächtnis“, erklärte er ihm. „Du merkst dir so viele Dinge, denen andere nicht einmal Beachtung schenken! Beeindruckend!“ Severus hielt in der Bewegung inne. Ihn traf es jedes Mal wie ein Blitzschlag, wenn Harry ihm ein spontanes Kompliment machte. Er war das einfach nicht gewohnt. So etwas hatte er sich früher eigentlich hart erarbeiten müssen. Er schluckte, außer bei Lily natürlich. Verdammt! Manchmal waren sich Harry und sie halt doch recht ähnlich! Er konnte genauso großherzig sein. Das vergaß er hin und wieder, weil er sie nicht vergleichen wollte. Er spürte den alten Schmerz aufbrechen und kämpfte um Selbstbeherrschung.

„Sei bitte so nett und mach den Salat fertig, ja?“, bat Harry, der es natürlich gewohnt war, dass er sich manchmal einfach aus dem Gespräch ausklinkte. „Dafür musst du lediglich alle Zutaten kleinschneiden und in die Schüssel geben.“ Gemüse, Schneidebrett und Messer landeten sanft vor Severus auf dem Tisch. Da er besorgt war, seine Stimme könnte eine Gefühlsregung offenbaren, nickte er nur und griff zu.

Er hatte wirklich gehofft, diese Emotionen würden irgendwann verschwinden. Meistens hatte er sie tief in sich begraben, aber manchmal drangen sie ganz unvermutet an die Oberfläche. Er legte sich eine Gurke bereit und setzte das Messer an. Trotzdem war es leichter, seit er Freunde hatte. Ein schneller Blick zu Harry, der den Ofen geöffnet hatte. Seine Wangen waren ganz gerötet von der Hitze. Nun wurde auch ihm warm. So ähnlich hatte er letztes Mal ausgesehen als – dann stoppte er sich selbst. Es würde keine Wiederholungen geben! Außerdem war es hier so wieso völlig unangebracht, nur daran zu denken! Sonst würde er beim heutigen Meeting nicht von Nutzen sein.

„Ich war bei deinem Therapeuten“, schnitt er ein neues Thema an. Das würde ihm hoffentlich helfen, bei der Sache zu bleiben.

Eine Schranktür fiel klappernd zu.

„Ehrlich?“ Als er einen schnellen Blick zu Harry hinüberwarf, sah ihn dieser groß an. „Ich hätte nicht erwartet, dass du schon hingehst! Du bist schließlich kein Freund von Therapie.“ Er kam näher und setzte sich zu ihm an den Tisch.

Severus zupfte den Salat auseinander. „War ich nicht“, gab er zu. „Aber ich sehe doch, wie sehr es dir hilft.“ Er zögerte, wollte nicht zu viel über ihre gemeinsame Freundin verraten. „Selbst Minerva ist der Thematik nicht abgeneigt.“ Er sah ihn kurz an und fuhr mit seiner Arbeit fort. „Außerdem ging es in dem Gespräch ja nicht um mich.“ Nun grinste er ätzend. „Und das ich deinen Arzt alles über dich fragen darf, eröffnet mir ungeahnte Möglichkeiten!“

Harry lachte. Auch er hatte sich ein Schneidebrett besorgt und schnippelte Radieschen. „Was willst du denn wissen? Ich habe keine Geheimnisse vor dir“, erklärte er. „Frag einfach!“

Als Severus den Kopf hob, wurde er auf so intensive Weise angesehen, dass sein Herz einen Schlag aussetzte. Ihm stockte der Atem. „Mister Potter“, entgegnete er rau. „Du solltest keine Versprechungen machen, die du nicht zu halten gedenkst.“

Die grünen Augen hielten die seinen gefangen. „Wie gut“, murmelte Harry und leckte sich jäh über die Unterlippe, Severus musste schlucken, „dass ich nie etwas sage, was ich nicht auch so meine!“ Ihre Blicke wollten sich nicht voneinander lösen.

„Alles?“, fragte Severus leise. Und, um die Situation zu entschärfen, fügte er an: „Harry, das werde ich ausnutzen, dass ist dir doch klar?“ Die Intensität des Grüns schien sich noch zu verstärken. Wie bitte!?

„Nu zu“, kam es heiser zurück. „Stell mich auf die Probe!“ Verflucht, meinte er das etwa wirklich ernst!? Wie naiv konnte ein Mensch sein!? Er riss sich gewaltsam von diesen Augen los und packte blindlings das nächste Gemüse.

„Bist du immer so -“, fragte er endlich, den Blick auf die Tomaten gerichtet, die er gekonnt achtelte. „In romantischen Angelegenheiten? So – offen?“ Auch wenn es ihm einerseits schmeichelte, machte er sich Sorgen. War das ein für Harry normales Verhalten oder etwa die Wirkung des Zaubers? So oder so war es bedenklich! Sie mochten sich einigermaßen kennen, aber wusste man immer, was tief in seinem Gegenüber schlummerte!?

Der Jüngere schwieg, das Messer verharrte. Schließlich erklang das stakkatoartige Geräusch aufs Neue. „Ich glaube nicht“, sagte Harry gedehnt. „Nicht, dass ich ein großer Geheimniskrämer wäre, aber ich wollte weder mit Ginny, noch mit Aidan alles teilen. Mit letzterem konnte ich ja eh nicht über die Zauberei reden und auch mit Ginny -“, er seufzte. „Ich sagte es dir schon, ich fühlte mich von ihr eingeengt. Es war, ich weiß nicht ...“ Sein Schneiderhythmus wurde schneller. „Sie wollte immer eine Menge Dinge wissen und wurde ziemlich sauer, wenn ich ihr sagte, ich bräuchte Zeit zum Nachdenken.“ Severus sah zu ihm hinüber, nickte. Er erinnerte sich noch gut daran, wie sich Harry manchmal darüber beschwert hatte.

„Ich weiß nicht, ich glaube, weil ich so sauer war, wie sie mein Leben ständig verplante, wollte ich einfach nichts mehr mit ihr teilen. Verstehst du? Darüber hatte ich ja noch die Kontrolle.“ Wieder nickte Severus.

„Nachvollziehbar. Obwohl es vernünftiger gewesen wäre, die Beziehung schon eher zu beenden.“ Er hatte sich damals sehr zurückhalten müssen, um Harry das nicht zu sagen! Aber irgendwie hatte er das Gefühl gehabt, damit eine unsichtbare Grenze zu übertreten. Außerdem ging es ihn ja auch nichts an!

Plötzlich hob Harry den Kopf. „Mist! Entschuldige, Severus! Ein totales No-Go, bei einem Date über die Ex zu sprechen!“ Überrascht hob Severus beide Augenbrauen.

„Ein Date“, sagte er langsam. Und dann dämmerte es ihm. „Die Sache mit der Essenszubereitung war also nur ein Vorwand? Ich habe mich schon darüber gewundert, dass du einen Salat nicht alleine schneiden kannst. Du bist zwar kein großes Talent mit dem Messer aber fürs Gemüse reicht es allemal.“

Harry lachte. „Für einen so klugen Mann, kannst du manchmal überraschend unwissend sein. Süß.“ Severus erstarrte.

„Süß?“ Er warf ihm einen mörderischen Blick zu. „Ein Welpe mag süß sein, oder meinetwegen auch ein kleines Baby. Aber ich!?“ Er schnaubte, straffte sich. „Sieh mich an! Sehe ich etwa süß aus?“ Seine Stimme triefte bei dem Wort nur so vor Verachtung. Harry grinste frech.

„Im Moment siehst du, ehrlich gesagt, ziemlich sexy aus.“ Bevor Severus wusste, wie ihm geschah, beugte er sich vor und küsste ihn. Ein Messer fiel klappernd auf den Tisch.

Als sich der andere von ihm löste, blinzelte Severus und starrte ihn reglos an. Der Kerl hatte ihn mal wieder völlig aus dem Konzept gebracht! Er wollte sich beschweren, aber er wusste nicht mehr, weshalb und sprach deshalb das erstbeste an, dass ihn irritierte: „Ich glaube“, sagte er langsam, „ich habe keinem Date zugestimmt.“ Entschiedener erklärte er: „Beziehungen sind nichts für mich!“

„Äh-ähm“, räusperte sich Harry. „Wer spricht denn hier von einer Beziehung? Ich spreche davon, sich ab und zu zu treffen und etwas miteinander zu unternehmen.“ Er hob den Zauberstab und ließ ihrer beider Gemüse in die Schüssel schweben. „Außerdem hast du mir etwas versprochen, schon vergessen? Es war vor dem Biggos. Ich sollte eine Weile Abstand zu dir halten und du wolltest im Gegenzug ernsthaft über ein paar Dates mit mir nachdenken.“ Er schob Messer und Bretter beiseite und stützte die Ellenbogen auf dem Tisch auf. Damit war er Severus ein gutes Stück näher. Dieser schluckte.

„Meinetwegen“, sagte er langsam und musste sich konzentrieren, weil Harry ihm auf den Mund zu blicken schien. „Das habe ich gesagt, allerdings bin ich mir ziemlich sicher, dir darauf noch keine Antwort gegeben zu haben.“

Plötzlich zeigte sich eine leichte Röte in Harrys Gesicht, er schlug die Augen nieder. „Schon“, gab er mit sichtbarem Widerstreben zu. „Aber abgelehnt hast du auch nicht, oder?“ Jetzt hob er den Blick und sah ihn direkt an. „Hast du nicht gesagt, du wolltest noch mehr über meine bevorzugte Stellung wissen? Du weißt schon, beim Sex!“ Severus bemühte sich um eine ausdruckslose Miene. Er konnte selbst nicht glauben, dass er diese Frage gestellt hatte! Irgendwie hatte er zu diesem Zeitpunkt weniger Hemmungen gehabt. Oder war es die Verzweiflung darüber gewesen, dass er sich weiterhin zum Idioten machte, wenn Potter ihm zu nahe kam? Trotzdem überraschte es ihn, dass der Jüngere das Thema jetzt so locker ansprach. Was dumm von ihm war. Bei diesem Mann sollte ihn nichts mehr verwundern!

„Hm“, murmelte er, erwiderte den hypnotischen Blick stoisch. „Werde ich darauf eine Antwort erhalten? Hast du vorhin nicht gesagt, ich könne dich alles fragen?“ Er mochte überrumpelt worden sein, aber er würde sich hier keine Blöße geben!

Harry lächelte, irgendwie weich, verheißungsvoll und durchtrieben. „Ja, aber dafür musst du dreimal mit mir ausgehen.“ Ein schnelles Grinsen. „Dann sag ich es dir, versprochen!“ Und wieder war Severus baff.

Dieser Mann war unglaublich! So unfassbar dreist, unvorhersehbar und gerissen! Ein Lachen entschlüpfte seiner Kehle. Was für eine absurde Forderung! Er schüttelte den Kopf, lachte lauter. Verrückter war nur, dass er gewillt war, auf sie einzugehen. Wieder lachte er, konnte sich kaum halten und Harry stimmte jäh mit ein.

„Du könntest wahrlich ein Slytherin sein, Harry!“, sagte er schließlich, als sie sich beide beruhigt hatten.

Sein Gegenüber grinste. „Könnte ich, ja! Der Hut hat mir damals die Wahl gelassen, weißt du?“ Severus sah ihn groß an.

„Tatsächlich?“

Die grünen Augen funkelten auf. „Ja, wirklich! Ich hatte die Wahl zwischen Gryffindor und Slytherin.“ Jetzt stieß Severus noch ein Lachen aus.

„Nun, das erklärt einiges!“ Dann stützte er das Kinn auf den Händen auf und betrachtete Harry, der aufgestanden war. „Du als Slytherin. In meinem Haus.“ Er schüttelte den Kopf. „Vieles hätte so anders laufen können.“ Plötzlich sah sein Gegenüber ernst aus. Er nahm die Schüssel mit dem Gemüse und begann, den Salat anzumachen.

„Vielleicht“, sagte er nach einer Weile und lehnte sich mit dem Rücken gegen den Kühlschrank. „Aber wir wissen es nicht, oder? Es hat keinen Sinn, es wieder und wieder durchzugehen und zu überlegen, was wir anders hätten machen können. Ich habe es schon oft versucht. Aber es waren so viele Menschen beteiligt, so viele Entscheidungen wurden getroffen ...“ Severus seufzte.

„Du hast recht“, gab er zu. Es war nicht ihre erste Unterhaltung diesbezüglich, der Krieg hatte sie beide noch im Griff, aber ändern würden sie trotzdem nichts können. Sie hatten ihr bestes gegeben und ihr Ziel schlussendlich auch erreicht. Mehr konnte keiner von ihnen verlangen!

Es klingelte von irgendwo her. Harry sprang hoch, als wäre er von einer Tarantel gestochen worden. „Das sind Ron und Hermine!“

-

Sie hatten schon beim gemeinsamen Essen Informationen ausgetauscht, weil Ron ziemlich wütend bei ihnen angekommen war. Nach einer steifen Begrüßung mit Severus, Ms Granger hatte ihm freundlich zugenickt, legte er gleich los. Es ging natürlich um Robards. Anscheinend hatte der Mann eine neue Methode entwickelt, um aufmüpfige Mitarbeiter zu bestrafen. Er übertrug ihnen unnötige Verwaltungsaufgaben und stellte Abgabefristen auf. Ron und Harry hatten schon einige Male in den sauren Apfel beißen müssen. So war es auch zu Harrys immensen Überstunden gekommen.

Sie saßen jetzt im Wohnzimmer, Mister Weasley und Ms Granger in einem Sessel, während Harry und Severus ein Sofa teilten. Bisher hatte Severus kaum ein Wort gesprochen. Auch wenn er früher ihr Lehrer gewesen war und der Älteste in der Runde, waren es doch die drei Freunde, die diesen Rat einberufen hatten, und das merkte man. Sie wussten Sachverhalte, die Severus neu waren und verstanden sich ohne viele Worte.

„Es gibt da eine Sache“, warf er schließlich ein, „die ich in diesem Zusammenhang auch erwähnen möchte.“ Er sah Harry an. „Du hast doch bestimmt den Behälter untersuchen lassen, in dem sich das Fleisch für den Biggos befunden hat.“ Sie waren heute gar nicht dazu gekommen, darüber zu sprechen.

„Ja“, nickte Harry, dann senkte er den Blick und schluckte. „Der Täter wurde noch nicht gefunden, aber jemand hat den Behälter bewusst so manipuliert, dass er nach vier Stunden undicht werden würde.“ Er biss sich auf die Unterlippe. „Derjenige muss gewusst haben, dass es für mich praktisch den Tod bedeutet und vermutlich auch für meinen Begleiter.“ Harrys Freunde sahen geschockt aus. Severus hatte das schon gewusst. Er hatte den Behälter schließlich zweimal im Wald untersucht. Bei der letzten Prüfung hatte er eine Stelle entdeckt, die von einem Zauber zerfressen worden war. Da der Zauber sich von innen heraus ausgebreitet hatte, konnte nur ein Sabotageakt dahinterstecken.

„Aber denkst du wirklich, dass Robards so weit gehen würde?“, fragte Harry. Er machte ein unglückliches Gesicht. „Was habe ich ihm denn Schlimmes getan, dass er mich gleich umbringen wollte?“ Er atmete zittrig aus. „Das wir gegen ihn ermitteln, kann er unmöglich wissen. Außer uns Vieren weiß das schließlich keiner! Und wir haben bisher auch nichts handfestes im Petto.“ Wieder schwiegen seine Freunde. Severus seufzte.

„Nun, ich fürchte“, er zögerte. „Ich, könnte der Grund dafür sein. Beziehungsweise, Wir.“ Unbehaglich sah er zu Harrys Freunden hinüber. Mister Weasley sah ihn groß an, während Ms Granger nachdenklich dreinblickte.

„Hm“, brummte Harry. Der natürlich schneller verstand, vermutlich, weil sie häufiger gemeinsam Theorien erörterten. „Du meinst also, er nimmt die Gerüchte über uns ernst? Dabei hat er doch selbst damit begonnen sie zu streuen?“ Im gleichen Atemzug fuhr er fort: „Aber klar, er könnte besorgt sein, dass du mir von der Erpressung erzählst. Da du bei der Festnahme von der Edgecombe fast gestorben bist, könnte das seinen Job gefährden.“ Nachdenklich fügte er an: „Wenn ich es mir recht überlege, könnte das sogar eine Freiheitsstrafe nach sich ziehen.“

Severus nickte. „Genau! Er hat mir zwar mit weitreichenden Konsequenzen gedroht, wenn es publik werden sollte, aber da wir uns laut Presse immer näher stehen, wäre es durchaus denkbar, dass er besorgt ist. Dafür gibt es schließlich auch ohne Lovestory Hinweise.“

„Allerdings!“, mischte sich nun auch Hermine ins Gespräch ein und blickte Severus direkt an. „Er hat wohl anfangs geglaubt, dass gerade diese Gerüchte zu einem Streitpunkt zwischen Ihnen führen. Aber Harrys Presseerklärung mit Minerva, oder seine häufigen Besuche bei Ihnen dürften ihm Sorgen bereiten.“ Sie runzelte die Stirn. „Wussten Sie eigentlich, dass irgendeine Zeitung sogar Fotos gemacht hat, wie Harry Ihr Grundstück betritt, Mister Snape? Anscheinend über Monate hinweg. Zufällig wurde es gerade in dem Zeitraum herausgegeben, als Sie beide sich gar nicht gesehen haben!“

„Wie bitte?“, fragte Harry sichtlich geschockt. „Das habe ich gar nicht gelesen! Und ich dachte, die Lage hätte sich gebessert! Entschuldige, Severus.“ Er guckte geknickt drein. Gleich darauf schüttelte er jedoch den Kopf.

„Aber Leute, echt“, er lachte, sah zu seinen Freunden. „Dieses Gesieze ist doch voll doof! Nennt ihn einfach Severus!“, wieder ein Blick zu ihm. „Und du solltest sie Ron und Hermine nennen.“ Er lächelte warm. „Ihr seid alle meine Freunde“, sie wurden reihum angesehen, „und das wird auch nicht unser letztes Treffen sein. Es ist albern, wenn ihr euch weiterhin siezt!“ Severus hob eine Augenbraue.

„Mister Potter“, erklärte er kühl, sein Abwehrmechanismus war angesprungen, bevor er nachdenken konnte. „Wenn ich von jemandem geduzt werden wollte, würde ich es ihm schon anbieten, vielen Dank!“

„Aaach“, machte Harry eine abwehrende Handbewegung und tätschelte dann plötzlich seinen Unterarm. „Wenn es nach dir gehen würde, würdest du mich wahrscheinlich dich noch heute siezen lassen!“ Severus sah auf die Hand hinab, die auf seinem Arm liegen geblieben war. Auch wenn er unter gesenkten Lidern hinübersah, konnte er die bedeutungsvollen Blicke wahrnehmen, die sich Harrys Freunde zuwarfen. Ihm wurde ganz anders zumute. Wie mochten sie wohl über eine Beziehung zwischen ihnen denken? Eigentlich war es ihm ja ziemlich gleich, was sie dachten, aber Harry würde bestimmt auf sie hören! Bei Salazars Zauberhut, jetzt scherte er sich schon um die Gefühle dieser Jungspunde! War ihm überhaupt noch zu helfen!?

„Gelegentlich würde dir ein bisschen mehr Respekt eigentlich ganz gut tun“, kam es trocken aus seinem Mund. Wieder war auf seinen Automatismus verlass. Trotzdem würde es Harry sicher milder stimmen, wenn er auf seine Forderung einging. „Aber völlig unrecht hast du auch nicht. Ich bin möglicherweise -“, er stockte, vor allem gegenüber Mister Weasley sträubte er sich, das zu sagen, der Mann durfte ihn gerne weiter siezen – „manchmal etwas unnötig distanziert. Es könnte unserer Zusammenarbeit zuträglich sein, wenn wir uns vertraulicher ansprechen.“

„Der spricht ja noch geschwollener als früher“, zischte Mister Weasley – Ronald, Hermine zu.

„Und er hört noch genauso gut“, erklärte Severus gelassen, konnte die Genugtuung in seinen Augen jedoch nicht verbergen. Harry lachte, ihre Freundin wirkte peinlich berührt.

„Tut mir leid Mister – äh, ich meine Severus. Er hat sich auch nicht groß verändert“, sagte sie.

„Heee!“, empörte sich Ronald sofort.

Severus hob die Schultern. „Hermine“, nun lächelte er sie an. Sie hatte er immer sehr geschätzt, auch wenn er es früher nicht zeigen durfte. Ihre Intelligenz und ihr Einfühlungsvermögen verlangten Respekt ab. „Du musst dich nicht für ihn entschuldigen. Er ist erwachsen. Zumindest vor dem Gesetz.“ Den kleinen Seitenhieb hatte er anbringen müssen! Harry und sie mochten ihm verziehen haben, wie er sich ihr gegenüber benommen hatte, aber er tat das nicht! Er konnte Menschen einfach nicht verstehen, die das Glück hatten, geliebt zu werden und zurück zu lieben, und es aufs Spiel setzten, nur weil jemand anderes interessant war!

„Heeey!“, erklang es erneut von Ronald. Hermine und Harry lachten wieder.

„Wo er recht hat“, meinte Harry. „Wie war das gleich mit eurer Wäsche? Du hast sie komplett in die Waschmaschine gegeben, das Allerei-Pulver dazugetan und einen Zauberwischzauber gesprochen?“ Er lachte, Hermine gluckste und Severus schmunzelte.

„Das muss ein ziemliches Chaos gegeben haben“, meinte er und versuchte sich das vorzustellen. „Bis wohin ist der Schaum gestiegen? Und wie sah die Wäsche danach aus?“ Der rothaarige Mann blickte betreten drein, während sein Kopf sich zunehmend rötete.

„Es war ziemlich schlimm“, gestand er. „Meine Mutter hat mich zu einem halben Jahr Wäschedienst verdonnert. Sie sagte, sie hätte das schon viel früher tun sollen.“

„Das kommt davon, dass du diese Arbeit immer Hermine überlassen hast“, sagte Harry mit einer gewissen Schärfe in der Stimme. Es erleichterte Severus, dass diesem Kerl anscheinend doch noch nicht ganz vergeben worden war. „Jeder Erwachsene sollte sich selbst versorgen können. Wäsche waschen, gehört da dazu.“

Es wurde noch weiter gekabbelt, gelacht und auch etwas genascht. Severus` Wein wurde geöffnet und als „okay“ eingestuft. Irgendwann war Harry dicht an ihn herangerutscht, sodass sich ihre Schultern und Beine berührten. Auch wenn er dem Gespräch nicht mehr folgte, entspannte sich Severus zusehends. Es hatte etwas Gemütliches, Harrys Wärme zu spüren, seine Blicke voller Zuneigung wahrzunehmen, obwohl sie manchmal eine leichte Beklemmung auslösten, und das warme Lachen zu hören, dass immer wieder an sein Ohr drang. Er könnte die Augen schließen und direkt hier neben ihm einschlafen.

„Oh, ich glaube, wir müssen gehen“, sagte Hermine da und erhob sich. „Komm schon, Ron! Es ist spät! Du musst morgen doch auch arbeiten!“ Severus blinzelte. Er hatte tatsächlich die Augen zugemacht. Leichtsinnig! Es hätte sonst was passieren können! Es polterte.

„Kommandier mich nicht rum!“, zischte Weasley. „Wir sind nicht mehr zusammen!“ Aha!, dachte Severus. Sie haben sich wohl nur meinetwegen zusammengerissen. Oder doch eher wegen Harry? Er registrierte erst jetzt, dass der andere fehlte.

Entschlossen machte er die Augen auf. Die Streitenden bemerkten es gar nicht. „Aber es ist schon spät!“, zischte Hermine. „Und vielleicht wollen Harry und Severus noch alleine sein. Schon mal daran gedacht!?“ Besagter riss die Augen auf. Was hatte Harry ihr von ihm erzählt!?

„Was?“ Ronalds Stimme war laut geworden und so zuckten zwei Augenpaare zu Severus, der sogleich einen neutralen Gesichtsausdruck aufsetzte.

„Wir sind kein Paar oder dergleichen“, fühlte er sich, trotzdem bemüßigt, zu erklären. „Wir sind nur Freunde!“ Na, klar! Das klang so unglaubwürdig wie in jedem schlechten Film. Wieso hatte er nicht einfach geschwiegen? Er spürte, wie sich seine Miene verfinsterte. Schon wieder hatte er einen seiner Grundsätze gebrochen! Wieso kümmerte es ihn überhaupt, was sie von ihm dachten!?

„Also“, sagte da Harry von der Tür her und Severus erstarrte zur Salzsäule. So sehr, wie der Mann Lügen hasste, würde er ihm jetzt vermutlich die Leviten lesen! Obwohl er auch nicht direkt gelogen hatte, oder? „Es gibt keinen Grund sich zu erklären. Es ist ja nicht so, dass wir ein Unrecht begehen. Selbst wenn du bei mir übernachten wolltest, Severus, geht das nur uns beide was an!“ Dabei sah er seine Freunde scharf an. „Hört mal, ihr wisst schon: Ich liebe euch und so weiter, aber diskutiert solche Dinge bitte in Zukunft nicht in unserer Gegenwart, ja? Das ist nur unangenehm für uns alle! Ihr wisst schließlich, dass ich zur Zeit nicht darüber sprechen möchte!“ Severus versuchte, unauffällig Luft zu holen. Entkräftet hatte Harry damit eigentlich nichts, aber immerhin hatte er ihnen auch keine weiteren Informationen gegeben. Er atmete durch. Das war eine echte Erleichterung! Sich jetzt erklären zu müssen, war nämlich ziemlich schwer. Er hatte schließlich selbst keine Ahnung, was das überhaupt zwischen ihnen war!

Hermine errötete ein wenig und nickte: „Natürlich, entschuldigt, Harry und Severus!“ Ronald verzog nur das Gesicht und warf Severus einen scheelen Blick zu.

„Es ist wirklich schon spät!, meinte Harry nun. „Morgen müssen wir früh raus, Ron.“

Der Angesprochene seufzte: „Ja, ja, hab dich genau verstanden! Du schmeißt uns raus!“ Er schlenderte zur Tür, schien jedoch keine echte Wut zu empfinden. Er klopfte Harry auf die Schulter und verschwand im Flur. Hermine folgte ihm. Severus erhob sich nun vom Sofa.

„Du gehst auch?“, fragte Harry mit langem Blick. Severus spürte sich schwach werden, nickte aber dennoch. Es war heute emotional weit über seine Belastungsgrenze hinausgegangen, er hatte keine Ahnung, wie er vielleicht noch darauf reagieren würde. Jedenfalls schwand seine Kontrolle über sich selbst zunehmend. Er musste so schnell wie möglich weg!

„Ja“, sagte er lediglich und sah an ihm vorbei. Harry seufzte und nickte dann. Gemeinsam folgten sie den anderen.

Die Verabschiedungen gingen schnell, jedoch relativ herzlich vonstatten, nur Ronald und Severus nickten sich steif zu.

„Wir sehen uns in einer Woche, gleicher Tag, gleiche Zeit!“ Harry winkte seinen besten Freunden zum Abschied zu. Danach standen sie zu zweit da.

„Ich habe mich sehr gefreut, dass du heute da warst“, sagte Harry leise und trat näher. Severus schluckte. Wieder nahmen ihn seine Augen gefangen. Es war wie verhext!

„Hermine ist eine angenehme Gesprächspartnerin“, äußerte er. Sein Gehirn war wohl nicht mehr in der Lage, passende Antworten zu formulieren. Es war höchste Zeit zu verschwinden! Zu seiner Verwunderung schmunzelte Harry.

„Muss ich jetzt etwa eifersüchtig werden?“, fragte er und trat noch näher. Er berührte eine von Severus` Händen, strich über seinen Handrücken. Der versuchte sich gegen das angenehme Gefühl zu wehren. „Ich habe es genossen, etwas Zeit mit dir alleine zu verbringen.“ Wieso klang seine Stimme schon wieder so warm? Ein Flattern machte sich in Severus` Bauch bemerkbar. Was hatte das nur zu bedeuten? Unruhe, Nervosität? Bellatrix hatte das vor vielen Jahren auch mal zu ihm gesagt, aber damals hatte er nur Abscheu empfunden.

„Ähm, ja“, murmelte er. „Ich muss gehen.“ Verdammt, war er müde! Er war mehr als versucht sich bei Harry als Gast einzuquartieren, aber die Konsequenzen waren unvorhersehbar. Also besser nicht! Sein Gegenüber seufzte.

„Darf ich dich wenigstens noch zum Abschied küssen?“, fragte er weich. „Du küsst nämlich auch verdammt gut!“ Seine Stimme war irgendwie träge geworden, leiser und sanfter. Severus brauchte eine Sekunde länger als üblich, um die Anspielung zu verstehen. Er hatte Harry schließlich selbst mal ein solches Kompliment gemacht.

Diesmal war es allerdings er, dem ein Seufzen entschlüpfte. Irgendwie schienen weder Geist noch Körper besonders willig, sich der Situation zu entziehen. Er war sich nicht sicher, wem er eigentlich die Schuld dafür geben sollte. Ergeben beugte er sich vor. Irgendwie entglitt ihm diese Sache immer mehr. Harry schien davon aber nichts mitzubekommen, er legte ihm eine Hand auf die Schulter und küsste ihn hingebungsvoll. Severus wurde dabei halb gegen einen Spiegel gedrückt, Hände fuhren über seinen Körper. Er schloss die Augen. Wieso konnte er nicht einfach hierbleiben? Wäre das wirklich so falsch?

Eine Hand fuhr ihm durchs Haar. „Wegen den Dates ...“ Severus machte wieder die Augen auf, die Worte durchdrangen den Kokon aus Wohlgefühl.

„Ja?“, fragte er schärfer als beabsichtigt.

Ein bittender Blick. „Wirst du es tun? Gehst du mit mir aus? Also richtig, meine ich.“ Severus  versuchte nachzudenken. Sprach etwas dagegen? Heute war ja ganz in Ordnung gewesen. Und wenn es ihm nicht gefiel, konnte er es jederzeit doch bleiben lassen. Außerdem könnte er auf diese Weise an mehr Informationen über den Zauber gelangen. Damit war es entschieden.

„Ja!“, brummte er also. „Wir können es versuchen.“ Schließlich genoss er seine Gesellschaft ebenfalls.

Nun strahlte der andere ihn an, was Severus fast dazu verleitet hätte, ihn seinerseits zu küssen. „Toll! Sag mir einfach Bescheid, wenn du Zeit hast und ich plane was, ok?“

Er nickte und ließ ihn widerstrebend los. Müde zu werden war definitiv ein Problem! Anscheinend wurde er dadurch etwas anhänglich. „Bis bald, Harry!“ So erschöpft hatte er sich zuletzt gefühlt, als er sich vor dem Zauberergamot hatte verantworten müssen. Sich zu seiner vollen Größe aufrichtend, verließ er die Wohnung.