LNCrawler

Das Haus des Severus Snape

Leidenschaftliche Differenzen Oder Der Einsame Mann Im Alten Haus — www.fanfiktion.de · All chapters

Das Haus des Severus Snape

Hallo meine Lieben,

hier kommt Kapitel Zwei der Geschichte. Viel Spaß beim Lesen und herzlichen Dank an Daja-Chan für ihre Rückmeldung! Reviews und Sternchen sind immer willkommen! ;)

Liebe Grüße,

Feerja

***

Er drückte auf die Klingel und wartete. Ob es wirklich eine gute Idee gewesen war, herzukommen? Ginny hatte ihm tagelang damit in den Ohren gelegen. Ihre Lieblingscreme war schon seit einer Weile aufgebraucht und Severus der Einzige, der für Ersatz sorgen konnte.

Sein leidender Blick fiel auf den gusseisernen Zaun. Der Tränkemeister hasste Besucher und auch wenn die meisten Menschen ihm nichts abschlagen konnten, war er sich sicher, dass dieser eine Ausnahme bildete. Er seufzte. Warum hatte er sich dann überhaupt überreden lassen, wenn er es besser wusste? Lag es an dem Ball, auf dem sie sich wieder getroffen hatten?

Mit plötzlicher Verlegenheit fuhr er sich über das Gesicht. Was war nur mit ihm los? Er versuchte jetzt schon seit Wochen einzuordnen, was er dort gefühlt hatte!

War es die Sehnsucht nach einem Elternteil oder Verwandten? Früher war er schließlich immer auf der Suche nach Geborgenheit und Liebe gewesen. Er schüttelte den Kopf. Nein, so war es diesmal nicht! Dafür hatte er jetzt die Weasleys. Sie und Hermine waren seine ganze Familie. Sie gaben ihm Liebe, Beständigkeit und Vertrauen.

Gedankenverloren musterte er das vor ihm liegende Stück Land. Wie verwahrlost hier alles wirkte! Auf dem Dach schienen Schindeln zu fehlen, der Rasen war zu lang, Putz blätterte von den Wänden, die Hecke war zu hoch und der Weg zum Haus praktisch nicht existent. Ein Kopfschütteln. Das passte nicht zu Severus Snape! Es musste sich daher um einen Abwehrzauber handeln.

Erneut drückte er auf die Klingel. Snape. Wieder war er bei ihm angelangt. Er seufzte.

Wieso ließ ihr Aufeinandertreffen ihn nicht los?

„Ja, wer da?“, erscholl eine mürrische Stimme und ließ ihn heftig zusammenzucken. Sein Herz machte einen Satz, er drückte den Rücken durch. Jetzt gab es kein Zurück mehr!

„Hier ist Harry Potter“, bemühte er sich um eine lockere Tonart. „Kann ich kurz mit dir sprechen, Severus?“

„Nein!“, kam es wie aus der Pistole geschossen zurück. Ein Stich in der Brust. Mit dieser Antwort hatte er ja eigentlich gerechnet. Warum schmerzte es trotzdem irgendwie? Hatte er geglaubt, ein gutes Gespräch würde alles zwischen ihnen ändern? Die Stille hielt an. Und doch schien der Zauber weiterhin aktiv zu sein. Auf was wartete der andere noch ?

„Bitte, Severus“, sagte er also, „es geht um eines deiner Beauty Witch Produkte.“ So leicht gab er nicht auf!

Schweigen. „Wusste gar nicht, dass du dich in eine Hexe verwandelt hast.“ Kein übler Konter. Aber eigentlich war ihm die Antwort egal.

Harry grinste in sich hinein. Hauptsache, er redete mit ihm! Das Spiel war eröffnet. „Ich erkläre dir alles, wenn du mich ins Haus lässt.“

Erneut eine Pause. „Meinetwegen. Eine Minute! Folge dem Weg bis zur Haustür und schnüffel ja nicht herum!“ Das Gartentor öffnete sich lautlos.

Er verdrehte die Augen, als ob er ein kleines Kind wäre! Dann trat er neugierig durch das schmiedeeiserne Tor.

Hatte man von außen nur ein heruntergekommenes Grundstück gesehen, tat sich jetzt sein wahres Wesen auf: Es war größer, sah freundlicher und deutlich gepflegter aus. Selbst die Lage des Hauses und die Wege verschoben sich. Die Wiesen hatten eine angenehme Länge, es gab ein paar blühende Büsche und bunte Blumen. Es war so friedlich, dass es Harry fast schon wieder ein bisschen misstrauisch machte. Er hätte Snape keinen so guten Geschmack zugetraut! Aber was wusste er denn auch von ihm!?

Langsam ging er weiter. Eine Meise flog an ihm vorbei, setzte sich auf einen Busch und stimmte zwitschernd ein Lied an.

Er lächelte in sich hinein. Der Tränkemeister schien sich viel Mühe mit allem gegeben zu haben. Es hatte sicher eine Menge Schutz- und Architekturzauber erfordert, um diese perfekte Harmonie zu erschaffen. Er war beeindruckt.

Beinahe am Haus angekommen, bemerkte er einen abgetrennten Bereich im hinteren Teil des Grundstücks. Er erstreckte sich annähernd über die gesamte, rückwärtige Seite. Kurz war er versucht sich das genauer anzusehen - man konnte fast meinen, Severus würde dort etwas verstecken. Dann ging er schnell weiter. Wie hieß es so schön: Neugier ist der Katze Tod! Und er war ja nicht in seiner Funktion als Auror hier.

Die Haustür öffnete sich. Harry beeilte sich, erreichte die Stufen. Im dunklen Flur stand eine schlanke Gestalt in schwarzer Robe. Das konnte nur der Tränkemeister sein!

„Kommen Sie schon rein!“, knurrte die bekannte Stimme, der Mann machte einen Schritt zur Seite.

„Klar“, grinste Harry, plötzlich fröhlich bei seinem Anblick, und nahm die Stufen in einem Satz. „Danke, dass Sie mir Ihre Zeit schenken, Severus!“

Ein lodernder Blick. „Snape, mein Name ist Snape!“, schnaubte es schon mit hitziger Stimme. Sekundenlang wurde er niedergestarrt, bis Harry es mit einem lässigen Lachen durchbrach: „Weis ich doch.“ Geschickt säuberte er seine Schuhe mit Magie und betrat den Flur. „Wo ist Ihre Küche?“

„Meine was?“, der Tränkemeister hob eine Augenbraue und musterte ihn ungeniert. „Sie sind schon leitender Auror?“

Harry blickte hinunter auf seine Robe, verdrehte den Kopf, um auf das Abzeichen auf seiner linken Brust zu starren. „Sie kennen sich gut aus!“ Die Bedeutung hatte sich erst kürzlich geändert.

„Ich lese“, kam es trocken zurück.

„Hm“, entgegnete Harry nur. Er hob den Kopf und betrachtete seinerseits den anderen. Wie konnte jemand nur so zeitlos aussehen? Ob Severus seine eigenen Produkte benutzte? Er könnte schwören, dass der Mann um keinen Tag gealtert war! Eigentlich wirkte er sogar jünger als früher. Kein Wunder bei seinem ganzen Stress damals!

„Ich habe Sie noch nie mit Pferdeschwanz gesehen“, sagte er das Erste, das ihm durch den Kopf ging.

„Aha“, kam es gelangweilt von dem Älteren. Er hatte die Arme vor der Brust verschränkt und lehnte an der weißen Wand. Die schwarzen Augen blickten ihn durchdringend an. „Wieso sind Sie hier, Mister Potter?“

Harry seufzte tief auf. „Können Sie mich nicht einfach beim Vornamen nennen?“

Eine Augenbraue hob sich. „ Das wollten Sie mit mir erörtern?“

Wieder seufzte Harry laut. „Sie sind unmöglich!“

„Danke“, kam es prompt zurück.

Harry lachte und hätte um ein Haar zufrieden geschnurrt. War das schön! Er kannte sonst niemanden, mit dem er sich so sorglos Beleidigungen an den Kopf werfen konnte! Mann, wie ihn das freute! Und Severus war überraschend schlagfertig! Er musste nur aufpassen, dass er es nicht zu weit trieb. Und auch, das genoss er in vollen Zügen! Es war wie ein Tanz auf dem Vulkan.

„Wo ist deine Küche?“, fragte er aufs Neue, wartete diesmal jedoch nicht auf die Antwort und ging stattdessen an ihm vorbei ins Zimmer am Ende des Flurs.

„Mister Potter!“, knurrte es hinter ihm und schnelle Schritte bewiesen, dass der andere ihm folgte.

Überrascht blieb Harry stehen. Er hatte das Ziel auf anhieb gefunden! Es war schön hier, richtig gemütlich. Ihm gefielen die Echtholzmöbel aus Eiche und die riesigen Fenster, die eine komplette Seite der Wand einnahmen. Lächelnd ging er auf den großen Tisch am Fenster zu und zog sich einen Stuhl heran. Hier ließ es sich besser reden.

Seine Augen wanderten zu der Glasfront zu seiner Rechten. Er schmunzelte in sich hinein, als er erkannte, was er vor sich hatte. Eine weitläufige Gartenanlage tat sich vor ihm auf. Sie war einem Gewächshaus nicht unähnlich und wurde sicher mit Magie betrieben. Er schürzte die Lippen. Nun ergab auch die gute Abschirmung einen Sinn! Es mussten dort ziemlich seltene Pflanzen gezüchtet werden!

Er wandte sich um, trat näher und spähte hinaus. „Sind das magische Gewächse?“ Manche von ihnen waren riesig! „Die brauchst du für deine Produkte, nicht wahr? Die Zutaten alle zu kaufen, wäre ziemlich teuer!“ Gedankenverloren setzte er sich auf den Stuhl neben dem Fenster und fuhr mit der Hand über die Tischplatte. Das Holz war wirklich gut verarbeitet!

„Oh, nehmen Sie doch bitte Platz“, sagte der andere da mit triefendem Sarkasmus und deutete eine Verbeugung an. „Möchten der Herr einen Tee oder Kaffee?“

Harry blinzelte, richtete seine Aufmerksamkeit ganz auf ihn und grinste ihn frech an: „Ein Kaffee wäre super, vielen Dank!“ Dann lehnte er sich genüsslich in seinem Stuhl zurück und wartete auf seine Reaktion. Er musste zugeben, dass er nicht erwartet hatte, sich in diesem Haus so wohlzufühlen. Was ihn zeitweise den Fokus hatte verlieren lassen.

Die schwarzen Augen blitzten auf, man konnte meinen, er würde jeden Moment explodieren. „MISTER POTTER!“, fauchte er nach einigen Sekunden des Luftholens: „Was auch immer Sie geplant haben, lassen Sie es bleiben! Wenn Sie glauben, Ihre Späße mit mir treiben zu können, nur weil ich -“, er stockte.

Harry blinzelte. Da stimmte was nicht! Sein Hochgefühl verschwand. Er hätte mehr auf ihn achten sollen! Severus war nicht einfach nur wütend. Hatte er ihn etwa irgendwie verletzt? „Nein!“, sagte er deshalb schnell, fuhr begütigend fort: „Bitte Severus, lass uns in Ruhe reden! Ich unterhalte mich lediglich gerne mit dir! Bitte,“ seine Stimme wurde weicher, „setz dich!“

Sein Gegenüber erstarrte. Das Lodern erstarb, kurz zeigte sich Unsicherheit, dann verengten sich seine Augen zu schmalen Schlitzen. „Dann sag mir endlich, warum du wirklich hergekommen bist!“, forderte er, kam näher und stützte sich mit einer Hand schwer auf dem anderen Ende der Tischplatte ab.

Warum trommelte Harrys Herz wie wild in seiner Brust, als er den Blick möglichst gelassen erwiderte? Seine Gefühle fuhren Achterbahn, machten ihn ganz schwindlig, aber er war sich nicht sicher, ob es auf die gute Art war. Was lief hier zwischen ihnen ab? Und verspürte der andere das auch?

Lag es vielleicht daran, dass sie beide irgendwie gestorben waren? Gleiche Erfahrungen und so weiter ... Oder hatte es doch eher mit seiner Mutter zu tun? Mit seinem Vater? Jetzt wurde ihm etwas übel. Verglich er sie etwa noch immer!? Andererseits hatte Snape nicht gesagt, er sähe ihn inzwischen als eigenständige Person an?

Obwohl es Wochen her war, dass er ihn auf dem Ball getroffen hatte, war ihm der Mann nicht mehr aus dem Kopf gegangen. Ständig hatte er an ihn gedacht, überlegt, was er zu ihm sagen würde, wenn sie sich wiedersahen.

Ginnys Creme war ihm im Grunde nur recht gekommen. Und sie hatte ihn ja angefleht, Severus zu besuchen! Warum verspürte er trotzdem einen Hauch von schlechtem Gewissen? Er hatte nichts falsch gemacht!

„Harry!“

Der Ausruf ließ ihn zusammenzucken. Wie lange hatte er den anderen jetzt wortlos angestarrt? „Sorry?“, brummte er und fuhr sich über das Gesicht. „Es geht mir echt nur um eine Creme, Severus“, sagte er dann bedächtig. Bloß weil es sich im Ballsaal mal kurz wie flirten angefühlt hatte, musste er nicht komisch werden! Er stand nicht auf Männer, genauso wenig wie Severus! Und überhaupt, allein der Gedanke war lächerlich! Vermutlich brauchte der andere Kontakt zur Außenwelt und Harry kam ihm gerade recht! Und er selbst? Vielleicht fehlte ihm eine ältere Person, von dem er lernen konnte, die schmerzhaft ehrlich war und ihm nicht schmeichelte und mit der er nach Herzenslust streiten konnte!? (Seit wann hatte er denn solche Freude daran entwickelt?) Oder er war wirklich Masochist? Mit Romantik hatte es jedenfalls nichts zu tun! Nicht bei Snape!

„Aach“, sagte der andere nun gedehnt und schwang den Zauberstab. „Accio Teeservice!“ Eine silberfarbene Platte erhob sich samt Tassen und Kessel und flog geradewegs ins Severus` ausgestreckte Hand. Vorsichtig setzte er sie auf dem Tisch ab, machte eine weitere Bewegung mit dem Stab und murmelte etwas.

Ein sichtbares Zögern, dann ließ er sich Harry gegenüber am Tisch nieder, schien gleichwohl auf der Hut. Trotzdem zuckte es um seine Mundwinkel, als er fragte: „Von wem haben Sie sich herumkommandieren lassen? Miss Granger oder einer Miss Weasley?“

Harry seufzte erleichtert und verbannte alle unliebsamen Gedanken aus seinem Kopf. Solange er sich ganz auf seinen Gegenüber konzentrierte, hatte er gar keine Zeit für unnütze Erörterungen! Und so stürzte er sich eifrig ins Gespräch: „Eine Miss Weasley, ja“, sagte er laut, hob die Schultern. „Es ist Ginnys Lieblingscreme und man kann sie derzeit nirgendwo kaufen!“ Er nahm sich eine Tasse vom Tablett, beobachtete nebenbei, wie der andere kurz zuckte und ihn gewähren ließ. „Ist das Kaffee?“, wollte er dann wissen und griff nach der Kanne.

„Tee“, kam es süffisant zurück, als er gerade im Begriff war sich einzuschenken. „In meinem Haushalt gibt es keinen Kaffee, der ist ungesund!“

Harry blickte ihn einen Moment sprachlos an und musste dann lachen. Irgendwie war das typisch Severus. Er zuckte die Achseln. „Von mir aus! Hermine sagt das auch immer!“

So etwas wie Zufriedenheit huschte über Snapes Gesicht. „Sie ist ja auch die Klügste von ihnen dreien!“

„Stimmt!“, gab Harry kompromisslos zu und nahm einen Schluck Tee, er war heiß. Schmeckte ganz gut. „Hm, ist das Schwarztee?“

Eine Augenbraue hob sich, der Gesichtsausdruck wurde spöttisch. „Sie sind wahrlich kein Kenner! Es handelt sich um Oolong-Tee!“

Wieder lachte Harry lediglich und trank. „Ok“, meinte er anschließend, setzte die Tasse ab und schob sie von sich. „Er war köstlich! Danke, Severus!“

Sein Gegenüber blinzelte, starrte ihn an. Wieder kam ein Hochgefühl in Harry auf. Er hatte es aufs Neue geschafft! Severus Snape war sprachlos! Warum verschaffte ihm das nur solche Befriedigung?

Ein Räuspern. „Ich hatte ihn ja für mich aufgebrüht.“

Harry beugte sich vor, lächelte ihn an. „Umso freundlicher von Ihnen, dass Sie ihn mit mir geteilt haben.“ Er sah, wie der andere Anstalten machte, wieder los zu poltern, und sagte schnell: „Gibt es denn eine Chance, irgendwie an besagte Creme zu kommen? Ich helfe auch gerne, falls es an Zutaten oder dergleichem mangeln sollte!“

Etwas huschte über Severus` Gesicht, zu schnell, um es definieren zu können. „Mister Potter, wenn Sie nur hergekommen sind, weil Sie sich bei Ihrer Liebsten einschmeicheln wollen ...“ Harry erschrak, die Richtung ihres Gesprächs gefiel ihm gar nicht!

„Also, nein!“, hob er abwehrend die Hand und stoppte. Er konnte Severus schlecht sagen, dass es ihm völlig gleich war, ob Ginny die blöde Creme bekam oder nicht! Aber er konnte ihm genauso wenig die Wahrheit sagen. Wie denn auch, wenn er sie selbst nicht kannte!? Er seufzte in sich hinein.

Und überhaupt! Wieso war er aufs Neue bei dieser Thematik angelangt?

„Wann haben Sie das letzte Mal einen Heiler aufgesucht?“, wurde er unterbrochen. „Sie hatten schon wieder diesen leeren Gesichtsausdruck. Ich sagte es schon, Ihr Kopf hat zu viel abbekommen!“

Harry verdrehte die Augen. Wahrscheinlich hatte er das verdient! Aber ihm kam da ein Gedanke: „Sie haben Recht, Severus, das mit der Creme war nur eine Ausrede!“ Ein triumphierender Ausdruck trat in die Miene seines Gegenübers. „In Wahrheit bin ich hergekommen, um nach Ihnen zu sehen.“

Eine kräftige Augenbraue wanderte gen Himmel. „Wenn das wieder eine Anspielung auf mein Alter sein soll -“

„Nein“, wehrte Harry sogleich ab, „das war doch nur ein Scherz, Severus!“ Bei dem letzten Wort verdunkelte sich die Miene des anderen, schnell fuhr er fort: „Sie haben noch immer viele Feinde und das Ministerium ist der Ansicht, es wäre besser, Sie ein wenig im Auge zu behalten. Damit Ihnen nichts passiert!“

Das schien Severus nicht sonderlich zu gefallen, er schnaubte.

Harry zwickte sich ins Bein, was hatte er sich da jetzt wieder eingebrockt!? Das der andere sich aufregte, war eine Sache. Wie aber, sollte er das mit dem Ministerium regeln?

Sein Chef wollte Snape schon seit Jahren überwachen, weil er ihm misstraute, jedoch hatte Harry das bisher geschickt zu verhindern gewusst. Er fuhr sich durchs Haar.

Und jetzt wollte er diese Aufgabe selbst übernehmen? Er seufzte. Wenngleich er ihn tatsächlich zu beschützen beabsichtigte, nachdem er sich umgesehen hatte. Das Haus mochte gut geschützt sein, aber bei einer so abgelegenen Lage konnte es dauern, bis Hilfe kam. Und Feinde hatte der Kerl auch jede Menge!

„Ich bin ein erwachsener Mann und war ein verdammter Spion beim dunklen - bei Voldemort!“ Der andere hatte sich erhoben, seine Stimme wurde lauter. Auch diesmal kam der Stimmungswechsel überraschend. War das eigentlich normal? „Ich bin ein Überlebender!“, tippte er sich auf die Brust: „Glaubst du wirklich, ich brauche da Hilfe vom Ministerium!?“ Seine Stimme überschlug sich fast: „Wo war das verdammte Ministerium, als man mich gejagt hat!? Wo war es, als er mich zum Spaß folterte, mich einsperrte, wenn ich nicht gebraucht wurde!?“ Seine Augen sprühten Feuer, eine Haarsträhne löste sich aus seinem Pferdeschwanz und fiel ihm ins Gesicht. „Wo waren diese scheinheiligen Bastarde, als wir in Hogwarts kämpften, als ich sie warnte und allein sterben sollte!?“ Er hatte die Fäuste geballt, sein Körper zitterte. Er kehrte ihm den Rücken zu.

Erstarrt hatte Harry gelauscht. Wow, da war heftiges Zeugs dabei!

Ihm war eng um die Kehle. Er schluckte, räusperte sich und erhob sich schließlich unsicher. Er würde die ganzen Informationen in Ruhe sortieren müssen und versuchen, sie zu verarbeiten. Aber nicht jetzt! Nun galt es, sich um Severus zu kümmern! In solchen Situationen fühlte er sich immer hilflos. Vor allem dem männlichen Geschlecht gegenüber. Er hatte das nie richtig gelernt! Frauen konnte man über den Rücken streichen oder sie in den Arm nehmen, aber was fing man mit einem unglücklichen Mann an?

Vorsichtig machte er einen Schritt auf ihn zu. „Severus“, begann er behutsam. Noch ein wenig näher.

Er bewegte sich bedächtig, hoffte, wenn er nur lange genug wartete, würde sich das Problem von alleine beheben. „Manche von ihnen sind Idioten“, sagte er ruhig. „Aber wie du weißt, kenne ich die meisten. Und das sind normale Menschen. Sie haben gekämpft. Manche mehr, andere weniger. Und viele haben jemanden verloren.“ Näher. „Du bist nicht alleine, Severus!“ Er war bei ihm angekommen. Der Tränkemeister wirkte steif und drehte jetzt den Kopf weg.

Sekundenlang sah Harry ihn hilflos an.

Endlich überwand er sich und tat das, was er sofort hatte tun wollen. Er konnte doch nicht so blöde neben ihm herumstehen! Seine Stimme wurde weich, er berührte seinen Arm, erfühlte einen überraschend kräftigen Bizeps: „Das muss schrecklich gewesen sein!“ Jetzt, da er sich überwunden hatte, kümmerte es ihn nicht, als der Muskel unter seiner Hand sich anspannte. Stattdessen strich er begütigend darüber. „Ich habe auch gekämpft, immer wieder. Aber du warst die ganze Zeit alleine, während ich Freunde an meiner Seite hatte!“ Er hatte noch nie richtig darüber nachgedacht, wie das sein musste! „Nicht einmal Dumbledore konnte offen auf deiner Seite sein und selbst wenn er es war, hat ihm keiner geglaubt! Es tut mir leid!“

Eine Weile standen sie beide stumm da. Der Muskel unter seiner Hand hatte sich etwas entspannt.

„Aber weißt du“, die nächsten Worte wollten ihm kaum über die Lippen, weil das Grauen ihn nun auch packte: „ich war dabei, als du im Sterben lagst. Und ich werde es nie vergessen!“ Seine Stimme zitterte, wie könnte er denn! Da hatte er wieder jemanden gefunden, der mit ihm kämpfte, ihn beschützte. Jemand, der deshalb sterben musste. Zittrig holte er Luft. „Du weißt selbst, dass sterben nie schön ist“, seine Stimme versagte und er musste sich schnell über die Augen wischen. „Und es tut mir leid, dass wir nicht länger bei dir sein konnten. Und es passt vielleicht nicht ganz dazu, aber ich wollte dir Danke sagen!“ Er lächelte. „Danke, dass du mich in meiner Schulzeit beschützt hast, obwohl ich nicht immer nett war!“ Just drehte sich Severus um.

Harry wäre fast umgekippt, hielt sich gerade noch rechtzeitig am Tisch fest und seine Hand glitt von Snapes Arm. Sie waren sich plötzlich verdammt nah! Er schluckte, als der andere den Kopf hob und ihm in die Augen sah. Wie konnten sie so tief und dunkel und gleichzeitig warm und unendlich sein? Er musste weg von hier, bevor er noch etwas Dummes tat!

„Schon gut“ erklang es da heiser, sein Gegenüber blinzelte. Das Schwarz wirkte jäh wieder kalt und unergründlich. Harry war sich nicht sicher, ob er vielleicht halluziniert hatte. „Mein Ausbruch tut mir leid.“ Der Ältere drehte den Kopf weg und machte einen Schritt zurück. „Ich weiß nicht, was da in mich gefahren ist.“

Er trat zur Seite, kehrte ihm den Rücken zu. „Du solltest gehen.“

Schweigend betrachtete Harry ihn. In seinem Inneren herrschte Chaos. Aber er wollte auch noch den Rest loswerden und schob wieder zur Seite, was er nicht fassen konnte. Der andere würde über seine Worte nicht unbedingt glücklich sein, dennoch musste er sie hören! Er holte tief Luft: „Ich vergebe dir, wie du mich behandelt hast! All die Dinge, die übers Ziel hinausgeschossen sind.“ Atmen. „Ich kann verstehen, wie es gewesen sein muss, ständig jemanden um sich zu haben, der aussah, wie dein Mobber!“

Stille. Der Rücken schien eingefroren.

Harry lehnte sich gegen einen der Küchenschränke, wartete mit rasendem Puls. War er zu weit gegangen?

„Und deshalb willst du mich beschützen?“, kam es nach einer Weile rau. „Weil du mir nichts schuldig sein willst?“

Ein tiefer Atemzug. Da war sie wieder, diese Frage, die er sich selbst nicht vollständig beantworten konnte. „Es ist kompliziert“, sagte er leise. „Das alles ist ziemlich kompliziert, meinst du nicht?“ Er fuhr sich über die Stirn. „Aber wir sind irgendwie verbunden.“ Er hob die Achseln, bemerkte, dass Severus sich umgedreht hatte und sah ihn kurz an, bevor er seinen Blick wieder schweifen ließ. „Lass mich nach dir sehen, Severus, bitte! Wenigstens ab und zu!“

Aus den Augenwinkeln bemerkte er, wie es im Gesicht des Tränkemeisters arbeitete, seine Kiefermuskulatur trat hervor. Dann öffnete er den Mund und brummte missmutig: „Wenn Sie es unterlassen können, mich zu duzen!?“ Ein zorniger Blick. „Und beim Vornamen werden Sie mich auch nicht mehr nennen!“ Ein Schnauben und eine Grimasse. „Ich weiß schon jetzt, dass ich es bereuen werde!“ Harrys Herz machte einen Satz, ihm wurde ganz warm. Er strahlte.

„Echt jetzt? Ich darf dich besuchen!?“

„Mister Potter!“, kam es scharf zurück, „Haben Sie mir nicht zugehört!?“

„Klar!“, Harry grinste breit. Er war wieder oben auf. Das würde sich schon alles zwischen ihnen einrenken! Sie brauchten nur ein wenig Zeit! „Bis bald, Severus!“ Und mit diesen Worten verließ er pfeifend die Küche.