Überfall bei Nacht
Überfall bei Nacht
So meine Lieben,
hier kommt wie versprochen das lange Kapitel. Viel Spaß beim Lesen!
Feerja
***
„POTTER! Bei Salazars Socken, wachen Sie endlich auf!“
Ein Brennen im Gesicht schaltete Harrys Sinne wieder ein. Er öffnete ruckartig die Augen. Verdammt, tat das weh! Er wusste gar nicht, wo der Schmerz anfing und wo er aufhörte! Trotzdem tastete er sofort nach seinem Zauberstab. Er versuchte es wenigstens, aber sein Arm rührte sich nicht.
„Was!? Wer sind Sie?“, formulierte er mühsam und bemühte sich darum, klar im Kopf zu werden. Das war doch Severus` Stimme gewesen? Auch der kleine Ausschnitt, den er von seiner liegenden Position aus überblicken konnte, sah nach dessen Schlafzimmer aus. Jedenfalls kannte er niemanden sonst, der viktorianische Möbel hatte. Auch die gelbliche Lampe an der Decke mit ihrem trüben Schein kam ihm bekannt vor. Trotzdem war er nicht in der Lage, die Gestalt, welche über ihm stand, als die des Tränkemeistes zu identifizieren. Sicher, der Körper in diesem schwarz glänzenden Morgenmantel könnte durchaus der seine sein. Gesicht und Haare jedoch, waren ein Problem. Seine Augen glitten ständig von ihnen ab und machten es ihm unmöglich, sich Form oder Farbe einzuprägen.
„Ein Anonymisierer“, murmelte Harry und versuchte sich aufzurichten, was kläglich misslang. „Wer sind Sie!? Severus hätte es nicht nötig, sich vor mir zu verstecken!“ Mit wachsender Besorgnis huschten seine Augen umher, suchten weiter. „Was haben Sie mit ihm gemacht!?“ Wie er diese Verschleierungsmasken hasste! Er war ihnen in den letzten Jahren häufiger begegnet und ihre Träger hatten selten Gutes im Sinn. Kein Wunder also, dass ein Großteil der Zauberergesellschaft auf ihren Verbot drängte! „Wo ist Severus!?“
Statt einer Antwort hob der andere seinen Zauberstab. Eine Phiole stieg in die Luft auf, stoppte und schwebte schließlich auf ihn zu. Sie verströmte einen unangenehmen Geruch, der Harry die Nase rümpfen ließ. Sein stummer: „Stupor!“ war ihm entschlüpft, ohne, dass er bewusst gezaubert hatte.
Doch ob gewollt oder nicht, sein Zauber prallte auf einen anderen und verpuffte wirkungslos.
„Potter, Sie rauben mir den letzten Nerv!“, knurrte es da schon verärgert. „Sie brechen bei mir mitten in der Nacht ein, verletzen sich schwer und greifen mich auch noch an, wenn ich Sie heilen will!?“ Es war eindeutig Snapes Stimme und sie kam unverkennbar aus dem Mund der Person über ihm. Konnte es wirklich wahr sein!?
„Warum -?“ Seine Stimmbänder versagten. Er blinzelte krampfhaft. Autsch, tat ihm alles weh! Es fühlte sich so an, als wäre sein Schmerzempfinden auf Null geschaltet gewesen und meldete sich jetzt mit aller Macht zurück!
Den Moment seiner Unachtsamkeit ausnutzend, packte sein Gegenüber jäh Harrys Gesicht und zwang seinen Kiefer auseinander. Er hatte nicht die Kraft sich zu wehren. Schon wurde ihm etwas in den Rachen gegossen und die Nase zugehalten. Er schluckte automatisch.
Zu seiner Verwunderung wurde er sofort wieder losgelassen, dann eilte die Person aus seiner Reichweite.
Harry machte den Mund auf, er hatte wirklich die Nase voll! Als er am Geschmack Severus` Schmerztrank erkannte, klappte er ihn wieder zu. Ob es doch der Echte war?
„Da steht jemand eindeutig auf Sadomaso!“, krächzte er schließlich und sah ihn abwartend an. Solche Vorwürfe warfen sie sich mit schönster Regelmäßigkeit an den Kopf! Würde er eine passende Antwort erhalten, wäre es ein weiterer Beweis dafür, dass es sich tatsächlich um den echten Snape handelte.
Ein Schnauben. „Schließen Sie nicht von sich auf andere! Wer von uns beiden kommt ständig her, um sich eine Abfuhr erteilen zu lassen?“
Zwar hätte er gerne widersprochen, aber Harry fragte sich das oft genug selbst. „Glaubst du etwa, nur weil ich verletzt bin, kannst du mit mir machen, was du willst!?“, knirschte er mit den Zähnen und spürte Hitze in sich aufsteigen. Die Doppeldeutigkeit wurde ihm erst jetzt bewusst.
Ein seltsam erstickter Laut. Die Person trat näher, eine weitere Phiole in der Hand. Ihre Stimme klang ungewohnt rau: „Jetzt trinken Sie den! Ihr Körper muss heilen!“
Harry verzog das Gesicht und rückte ab. „ Du bist nicht mein Boss! Nimm die Maske ab, dann mache ich es vielleicht!“
„MISTER POTTER!“, knurrte sein Gegenüber, seine Geduld schien aufgebraucht. „Trinken Sie endlich! Oder, ich muss die Ganzkörperklammer anwenden! Sie haben innere Blutungen!“ Seine Hand umklammerte die Phiole so fest, dass man fürchten musste, sie könnte zerbrechen. „Ich werde es nicht noch einmal sagen!“
„Phh!“, verdrehte Harry die Augen und schaffte es, ein wenig im Bett hochzurutschen. „Wer glaubst du eigentlich, wer du bist!? Was ich trinke oder nicht, ist immer noch meine Entscheidung!“ Na gut, er fühlte sich ziemlich schwach, wenn die Schmerzen auch fast verschwunden waren. Aber ganz so schlimm, wie diese Person es behauptete, war sein Zustand mit Sicherheit nicht! Es war sein Körper, er musste es am besten wissen! „Nimm die Maske ab und ich trinke ihn!“, bot er ihm an. Irgendwie wurden seine Glieder immer schwerer.
„Du verdammter Idiot!“ wurde er angefahren, dann war der andere neben ihm. Das Röhrchen presste sich an seine Lippen. „Verstehst du denn nicht, dass du mit deinem Leben spielst!?“
Trotzig kniff Harry die Lippen zusammen. Er war sich selbst nicht mehr sicher, warum er sich weigerte. Waren es seine Instinkte, die ihn warnten, oder war es reiner Eigensinn? „Erst dein Gesicht!“, beharrte er trotzdem auf seiner Forderung.
Diesmal entkam dem anderen ein Grollen. „Wie - du - willst!“, stieß er abgehackt hervor. „Selbst schuld!“ Er zog mit einem Ruck etwas von seinem Kopf.
Harry starrte, blinzelte und starrte. Was er da sah, konnte nicht wahr sein! Das war doch nicht echt!?
Er hörte einen leisen Schrei aus seinem Mund kommen, während seine Augen weiter an diesem Antlitz klebten. Hatte er einen Albtraum!? Ihm wurde ganz schwummerig. Das konnte unmöglich wahr sein!? Dieses Gesicht! Kalkweiß. Und diese Augen! Was hatte das nur zu bedeuten?!? Sein Körper wurde unendlich schwer. Er sank tiefer in die Matratze ein.
Stille.
Entsetzt beobachtete er dieses Ding dabei, wie es sich über ihn beugte. Was oder wer war das?
Schließlich berührten kalkweiße Finger seine Wange, wieso war ihm diese Farbe früher nicht aufgefallen? Dann spürte er, wie sich sein Kiefer öffnete und der Trank in seine Kehle floss. Er erschauerte. Doch wie schon zuvor war er wehrlos und schluckte, kaum, dass ihm die Nase zugehalten wurde.
„Sie schreien wie ein kleines Mädchen“, höhnte die Stimme und sie klang genau wie Severus. „Deshalb hatte ich das Ding auf dem Kopf. Sie machen mir auch so schon genug Scherereien!“ Ein weicher Lappen fuhr über sein Gesicht, reinigte es. Er schmeckte die Flüssigkeit in seinem Mund. Sie erinnerte ihn an Severus. Sein Heiltrank war ihm ebenfalls bekannt, weil er eine spezielle Note hatte. Er kam einfach nicht mehr mit.
„Du“, flüsterte er. „Das kann nicht sein! Träume ich!? Du siehst aus wie er!“
Das weiße Gesicht verfinsterte sich, aus den schlitzförmigen, dunklen Augen schossen Blitze. „Ich habe derzeit einfach zu wenig Zaubertrank, um ihnen mein altes Gesicht zu präsentieren!“ Eine seiner Hände sank herab, verschwand in seinen Taschen und zog eine Maske hervor. „Und mein Neues ist ein Schrecken.“ Die Verbitterung in seiner Stimme war deutlich. „Was glauben Sie, wieso ich mich von allen fernhalte?“ Er entfernte sich aus seinem Sichtfeld.
Wie in Trance starrte Harry auf die Stelle, an der er ihn zuletzt gesehen hatte. Severus Snape sah aus wie Voldemort. Die Wahrheit sickerte nur langsam in sein Bewusstsein.
Bisher hatte der Schock ihn fest im Griff gehabt, aber nun rasten Tausende Überlegungen gleichzeitig durch seinen Geist. Was sollte er tun!? Wen sollte er informieren? Wusste Minerva davon? War er gefährlich!? Konnte er gegen ihn kämpfen? Würde er ihn auch töten müssen!? Bei dem letzten Gedanken wurde ihm schlecht. Er spürte die Feuchtigkeit in seinen Augen, blinzelte mehrmals. Nein, auf keinen Fall! Nicht Severus! Er konnte nicht noch einmal zusehen, wie dieser Mann starb, ihn selbst töten! Das war zu viel!
Und plötzlich fuhr er im Bett hoch, saß kerzengerade da. Ihm war etwas bewusst geworden, dass er in seinem Schock nicht registriert hatte. „Das ist nichts Neues“, sagte er langsam, suchte den Mann. „Du bist schon die ganze Zeit so, nicht wahr!?“ Warum hatte er früher nie an diese Möglichkeit gedacht? Dabei war sie eigentlich logisch!
„Du hast dich nach deinem Fast-Tod körperlich verändert.“ Er entdeckte die reglose Gestalt am Ende des Zimmers. Man konnte meinen, Severus fürchte sich vor ihm. Bedächtig fuhr Harrys Blick über ihn hinweg, taxierte ihn eingehend. Wenn er schon so lange in dieser Gestalt lebte, hatte er doch gar keinen Grund, Angst vor Severus zu haben. Oder?
Er war wirklich leichenblass! Gesicht, Hände, Beine, alles! Allerdings nicht haarlos, wie Voldemort es gewesen war, was eigentlich einen großen Unterschied machte. Damit sah er einem Inferius ähnlicher als diesem Monster. Nur diese schlitzförmigen Augen ... Ihre Blicke trafen aufeinander. Eine Gänsehaut breitete sich auf Harrys Armen aus. Er spürte Furcht, Hoffnungslosigkeit und dann Entschlossenheit. Adrenalin durchströmte ihn. Sein Verstand mochte die Wahrheit begriffen haben, doch sein Körper war noch in Bereitschaft zu kämpfen!
„Blitzmerker!“, kam es beinahe tonlos zurück, die Stimme gewann an Härte. „Hast du ernsthaft geglaubt, jemand könnte einen so schweren Angriff unbeschadet überlebt haben?“ Severus löste seinen Blick von Harrys, einen Moment war da ein Hauch von Furcht in seinen Augen, dann machte er einen Schritt auf ihn zu. Wieder sah er kurz zu ihm, was glaubte er denn, was Harry tun würde!? Dann ging er mit schnellen Schritten weiter, schien direkt einen Schrank zu seiner Linken anzusteuern. Sein Morgenmantel klaffte in der Mitte auseinander. Sofort sah Harry weg. Er wollte nichts zusehen bekommen, dass ihm noch mehr zu schaffen machen würde.
Aber er konnte nicht anders, als wieder hinüberzublicken. War es Neugier oder Angst? Was würde er zu sehen bekommen?
Fast verspürte er Enttäuschung. Es war nur ein entblößtes Bein, dass sich da bei jedem Schritt zeigte. Trotzdem konnte er nicht anders, musste es eingehender betrachten.
Er hatte es bisher tunlichst vermieden, sich Severus nackt vorzustellen. Allein der Gedanke war zu abstrus gewesen! Jetzt aber war er umso neugieriger. Wow, es war ein überraschend maskulines Bein! Leicht behaart, kräftig und lang. Sehr lang! Der Mantel ging wirklich weit nach oben auf! Er mochte nicht darüber nachdenken, was nur wenige Zentimeter höher frei in der Luft baumelte. Er spürte seine Ohren rot werden, Hitze sammelte sich in seinem Bauch.
Wer hätte gedacht, dass ein unschuldiges Männerbein solche Wirkung auf ihn haben könnte? Er schluckte.
Verflucht, wenn er nicht schnell etwas dagegen unternahm, würde der andere etwas mitbekommen! Und dann - Er mochte sich nicht ausmalen, wie Severus reagieren würde!
„A-also“, stammelte er und unterdrückte mit Macht die aufsteigende Hitze. Über was hatten sie gerade gesprochen? Es schien schon Jahre her zu sein. Richtig, der Schlangenangriff!
„Arthur, er hat es ja ziemlich gut überstanden.“
Obwohl er sich unbedarft gab, schien Severus etwas bemerkt zu haben. Vielleicht war ihm auch erst jetzt bewusst geworden, wie viel von ihm zu sehen war. Ganz plötzlich glitt der schwarze Stoff auf seinen Platz zurück und bedeckte die Beine bis zu den Knöcheln.
Enttäuschung. Harry blinzelte. Was war nur in ihn gefahren!? Schnell sah er weg. Es war wohl einfach zu lange her, dass er einem anderen Menschen körperlich nahegekommen war. Und manchmal vermisste er es sehr! Nicht nur den Akt an sich, aber auch Dinge wie Zärtlichkeit und Fürsorge. Er musste schlucken. Eigentlich hatte er selbst diese Dinge wenig erfahren. Ginny war nie diese Art von Mensch gewesen, nur sein letzter Freund Aidan hatte sich auch um ihn gekümmert. Wahrscheinlich war er deshalb länger, als es fair war, in dieser Beziehung geblieben, weil er hoffte, diesen Mann eines Tages zu lieben.
Energisch zwang er sich wieder, zu ihrer Unterhaltung zurückzukehren. Wenn er hier anfing, schwermütig zu werden, würde es am Ende noch sehr peinlich werden! „Arthurs Verletzung“, hob er deshalb an, „sie dürfte wohl nicht ganz so schwer wie deine gewesen sein ...“ Es war schon seltsam, dass ihm Severus` Aussehen gar nicht mehr so zu schaffen machte! Er hob den Kopf, um den anderen Mann wieder anzusehen. Schließlich war er immer noch der Alte, der Mann, den er nun schon so viele Jahre kannte! Und zuckte prompt zusammen.
„Wieso hast du sie wieder angezogen!“, protestierte er auch sogleich, während er einen Kampf gegen den Anonymisierer ausfocht. „Ich hasse diese Dinger!!! Du solltest in deiner Wohnung nicht gezwungen sein, die zu tragen!“ Er schlug die Bettdecke zurück. „Zieh sie wieder aus!“
„Nein!“, wehrte Severus ihn gleich ab und stellte einen Trank in ein Regal zurück. Der Mann bunkerte die Dinger in beinahe jedem Zimmer. „Auch ich habe meine Grenzen! Deine Reaktionen waren eindeutig genug!“
Nun zog Harry die Augenbrauen zusammen und machte sich daran aufzustehen. „Es gibt keine Reaktionen mehr!“, versprach er. „Zeig es mir nochmal!“, beharrte er weiter. „Mach schon!“ Je öfter er es sich ansah, desto eher gewöhnte er sich daran!
„Nein!“ Der andere trat den Rückzug zur Zimmertür an.
„Severus!“, rief Harry streng und griff nach seinem Zauberstab, den er endlich auf der Kommode entdeckte. „Du kannst dich nicht für immer verstecken!“ Vorsichtig machte er einen Schritt vorwärts, bemerkte, dass es ihm deutlich besser ging, und beeilte sich, ihn zu erwischen.
„Lass mich in Ruhe!“, schon griff der andere nach der Türklinke, aber Harry setzte aufs Ganze und hechtete kurzerhand auf ihn zu.
Sie prallten gegeneinander, Harry kam ins Wanken. Er griff nach dem Erstbesten, das er zu fassen bekam: Severus` Taille.
„Autsch! Potter! Verdammter Idiot!“, rieb sich dieser den Kopf. „Wann lernst du endlich, nachzudenken, bevor du handelst!?“
Auch Harry tastete nach der schmerzenden Stelle, während er sich mit seiner anderen Hand in Severus` Morgenmantel festkrallte. Der glatte Stoff schien ihm aus dem Fingern gleiten zu wollen, aber er würde ihn nicht so einfach wieder freigeben!
„Also wirklich Professor! Welche Tonart Sie plötzlich anschlagen“, tadelte er ihn neckisch. Obwohl er durch dessen Nähe nervös war, fürchtete er sich nicht mehr vor ihm, sondern genoss es wieder, ihn ein wenig zu ärgern.
„Komm du mir nicht mit Professor!“, schimpfte der andere abgelenkt und fummelte an seinem Gürtel herum, der sich bei ihrem Zusammenstoß gelockert hatte. „Wieso rückst du mir plötzlich auf die Pelle!? Geh zu deinem Lover, wenn du kuscheln willst!“ Er griff nach Harrys Oberarm und drückte dagegen. „Hast du nur ein Kurzzeitgedächtnis oder was!? Dieses Gesicht hat dich heute schon ohnmächtig werden lassen!“ Er deutete darauf, gab es jedoch auf, ihn von sich zu stoßen. „Oder liegt es etwa am Alkohol? Ich weiß, dass du getrunken hast, bevor du hergekommen bist! Das habe ich sofort gerochen!“
„Alkohol?“, Harry hob die Augenbrauen. Richtig, das hatte er ganz vergessen. „Nein“, meinte er dann und schüttelte den Kopf. „Das hat nichts mit dem Alkol, äh ich meine, Alkohol zu tun! Zieh sie schon runter, Severus! Du wirst sehen, es ist alles in Ordnung!“ Er würde ihn nicht noch einmal enttäuschen! Das war schließlich derselbe Mann, mit dem er sich schon so viele Jahre stritt, diskutierte und austauschte! Er war derjenige, den er zu schätzen gelernt hatte und der ihm wichtig war. Was sollte das Aussehen daran ändern!?
Der andere gab ein Grollen von sich, schnaubte auf und entschlüpfte seinem Griff. Trotzdem blieb er dicht bei ihm stehen, das Gesicht ihm zu gewandt. „Schön. Schön. So geht es auch! Hauptsache, ich bin dich bald los!“ Er richtete sich hoch auf, hob die Hand und legte sie an die Maske. Langsam, als wolle er ihm die Möglichkeit geben ihn zu stoppen, glitt sie tiefer und offenbarte Stück für Stück sein wahres Gesicht.
Obwohl Harry vorbereitet gewesen war, stockte ihm der Atem, er schluckte schwer, starrte. Da waren schwarze Haare mit einigen grauen Strähnen, eine kreideweiße, gefurchte Stirn und – er atmete erleichtert aus. Augenbrauen! Er hatte es zwar gewusst, aber es tat trotzdem gut es nochmal zu sehen. Irgendwie machte es den nächsten Teil leichter. Denn der war vielleicht der Schlimmste von allen!
Die Maske sank tiefer, die Augen wurden sichtbar und Harry spürte sein Herz rasen. Voldemort! , konnte er nur denken. Severus` Augen hatten sich zu Schlitzen verformt, wenngleich sie noch immer ihre ureigene, dunkle Farbe hatten. Es kostete ihn seine ganze Kraft, den Blick nicht abzuwenden. Stattdessen sah er ihm direkt in die Augen, beachtete nicht weiter, wie die Maske die Nase und den Mund freigab. Das war Severus, nur Severus! Und ja, wenn er genau in diese Schwärze sah, erkannte er den Mann wieder, der fast schon zu einem Freund geworden war.
„Ich sehe ihm sehr ähnlich“, hörte er Severus hohl sagen. „Wie soll ich mich so unter Menschen begeben?“
Während seine Gedanken rasten, versuchte Harry ruhig zu bleiben, wandte den Blick nicht ab. Die Nase des anderen hatte sich glücklicherweise nicht zurückgebildet, weshalb die Ähnlichkeit gar nicht so groß war, wie man auf den ersten Blick annahm. Das Problem war nur, dass niemand genauer hinsehen würde. Allein die Gesichtsfarbe würde jeden in Alarmbereitschaft versetzen. Zu sehr hatte sich Voldemort ins Gedächtnis der Zauberer eingebrannt.
Er versuchte durchzuatmen und in Ruhe nachzudenken, als seine Augen von Severus` Lippen angezogen wurden. Aus der Nähe sahen sie einladend und weich aus, passten so gar nicht zu diesem maskenhaften Gesicht. Er würde sie zu gerne mal berühren!
Was war heute nur mit ihm los?, schalt er sich gleich darauf selbst. Das war Snape! Ein Snape, der Voldemort soo ähnlich sah! Seit wann fand er das anziehend!?
Schnell sah er hoch, fokussierte sich auf die Augen, die ihn sogleich erschaudern ließen. So viel Ähnlichkeit zu Voldemort und gleichzeitig so vertraut. „Das kann ich nicht bestreiten“, gab er zu. Es zu leugnen, wäre sinnlos. „Aber wieso? Wie?“, er überlegte. Wieso hatte der dunkle Zauberer eigentlich so ausgesehen? „Nagini?“, schlussfolgerte er laut. „Es muss etwas mit ihrem Gift zu tun haben.“
Snapes Augen fixierten ihn weiterhin, er schien sich Harrys Reaktionen ganz genau einzuprägen. „Ja“, sagte er schließlich langsam. „Ich nehme es an. Du weißt es vielleicht nicht, aber Nagini war nicht immer eine Schlange. Sie war ein Maledictus. Und als sie versucht hat mich zu töten, hat sich unser Blut mit ihrem Gift vermischt -“ Er stockte, fuhr dann fort: „Normalerweise wäre das mein Tod gewesen, doch anscheinend habe ich eine gewisse Affinität zu ihrem Gift und so ist es es Minerva und Poppy gelungen mich zu retten. Daher habe ich nur diesen Fluch zurückbehalten.“ Zum Ende hin war seine Stimme ziemlich bitter geworden.
„Halt“, hob Harry eine Hand, „warte mal!“ Er runzelte die Stirn: „Wirst du jetzt etwa ebenfalls zu einem Maledictus!?“
Snapes Augen weiteten sich. „Bei Salazar und Gryffindor!“, polterte er los. „Potter, ist das dein Ernst!?“ Er schüttelte den Kopf. „Ich dachte, du hättest mindestens in der Aurorenausbildung etwas Grips eingehämmert bekommen!“ Ein Schnauben. „Ein Maledictus ist immer weiblich und der Fluch kann nur vererbt werden, ist demnach genetisch!“ Er schlug sich mit der flachen Hand gegen die Stirn. „Bei dem Unsinn, den du in den letzten Stunden getan und von dir gegeben hast, zweifle ich langsam an deinem Verstand!“
Harry stieß einen tiefen Seufzer aus. Da war er nicht der Einzige! Trotzdem hatte er eine passende Antwort parat: „Severus, ich weiß, wie schlau du bist, aber andere fortwährend zu beleidigen, zeugt von einem Mangel an emotionaler Intelligenz! Also fass dir mal an deine eigene Nase!“ Er musste schmunzeln: „Ich bin aber gerne bereit dir da etwas Nachhilfe zu geben.“ Jetzt musste er lachen, seine Laune war gestiegen, nachdem sich die Miene des anderen verfinsterte. „Außerdem bin ich betrunken, lass das nicht außer acht!“ Obwohl sein Gehirn dafür noch recht gut funktionierte, überlegte er müßig. Dann wurde er wieder ernster: „Aber sag mir zuerst - was ist das denn genau? Eine bleibende Verletzung, ein Fluch, oder was ganz anderes?“
Sein Gegenüber verzog das Gesicht zu einer Grimasse. „Nichts von alle dem. Das Gift hat sich in meinem ganzen System ausgebreitet und mit meiner DNA verbunden. Dadurch habe ich mich genetisch verändert.“
„Genetisch?“, Harry schluckte. „Das hört sich übel an!“
Der andere schob sich an ihm vorbei und ließ sich schwer auf seinem Bett nieder. „Anfangs dachte ich noch, es wäre aufzuhalten, wenn ich einen speziellen Trank braue, der das Gift angreift, aber“, ein Achselzucken, „es hat mich nur in Lebensgefahr gebracht.“ Er fuhr sich über die Wange, wirkte weit weg. „Es ist außerdem gut möglich, dass ich mich noch weiter verändere. Ich habe nicht von einem Tag zum anderen so ausgesehen.“ Sein Gesicht zeigte eine solche Traurigkeit, dass Harry wegsehen musste, weil es ihm zu intim schien, diese mit anzusehen. Severus würde es hassen, so beobachtet zu werden.
„Ich verstehe“, sagte Harry leise, starrte abwesend auf ein Bild von einer Bergspitze mit Sonnenaufgang. Ihm war ein bisschen schwindelig, er sollte nie wieder so viel Alkohol trinken! Dennoch überlegte er, wie schwer es für den anderen sein musste. Eigentlich war es ganz verständlich, dass der Tränkemeister keinen Kontakt zur Außenwelt haben wollte. Selbst er war ausgeflippt! Wie musste es da für andere Menschen sein, die den dunklen Zauberer noch mehr gefürchtet hatten? Deshalb lebte er also wie ein Eremit! Aber Moment, wie -
„Und wie stellst du es an, gesund auszusehen?“, stellte er die Frage laut, die sich ihm gerade aufdrängte.
Severus hob den Kopf, sah verächtlich drein. Dann stöhnte er: „Bei Merlin, Potter, hörst du denn nie zu!? Magie, wie denn sonst!“
Nun verdrehte Harry die Augen. „Professor“, sagte er spöttisch, „bei so einer unpräzisen Antwort hättest du mir früher sicher die Note Schrecklich oder Troll gegeben. Wie wäre es also, wenn du das genauer ausführst?“
Ihn traf ein mörderischer Blick. „Du gehst mir gehörig auf die Nerven, Harry!“ Doch, wie so oft in der letzten, halben Stunde war da so ein Funkeln in seinen Augen, die seine Worte Lügen straften. „Ich benutze einen von mir erfundenen Trank. Er hat eine gewisse Ähnlichkeit mit dem Vielsafttrank und lässt mich so aussehen, wie vor zehn Jahren.“ Er verzog das Gesicht. „Nur habe ich leider kaum noch übrige Hautzellen von damals und sobald sie endgültig aufgebraucht sind, werde ich den Trank nicht mehr herstellen können.“
„Oh“, murmelte Harry betroffen. Die Tragweite ließ ihn tiefes Mitgefühl für ihn empfinden. „Tut mir echt leid!“ Wenn sein Kopf sich nur nicht so komisch anfühlen würde!
Dieser Rausch war irgendwie anders als sonst, schien mit der Zeit eher schlimmer zu werden. Außerdem diese Sexgedanken! Zudem hatte er den Eindruck, als würde seine Zunge lockerer sitzen. Hoffentlich plauderte er nichts Peinliches aus!
Weil Severus davon allerdings nichts wissen musste, überspielte er es und fragte: „Du hast sicher alle Quellen ausgeschöpft, bei denen sich Hautzellen von dir befinden können? In Hogwarts? Im Manor?“ Ein kleines Zögern, aber er konnte nicht widerstehen: „Bei deiner Freundin?“
Eine Augenbraue wurde hochgezogen, der andere schnaubte, schien der letzten Frage keine Bedeutung beizumessen: „Selbstverständlich!“ Leider sagte er weiter nichts dazu und machte sich stattdessen daran, sein Bett frisch zu beziehen. Harry musterte seinen Hintern, der sich ihm dabei entgegenstreckte. Er war durchaus ansehnlich, soweit er das durch den lockeren Satinstoff beurteilen konnte. Ein Seufzen entrang sich seiner Kehle. Severus hatte recht! Er war wahrlich nicht bei Verstand! Was hatte er sich nur dabei gedacht, dieses Getränk anzurühren!?
Langsam rutschte er an der Wand hinunter, ließ sich im Schneidersitz nieder und starrte an die Decke. Die konnte ihn wenigstens nicht auf dumme Gedanken bringen! Er biss sich auf die Unterlippe, überlegte, über was sie gerade gesprochen hatten, und knüpfte bedächtig an: „Schon echten Vielsafttrank benutzt?“ Eine Atempause. „Dann kannst du wenigstens als ein anderer herumlaufen.“
Ein Schnauben. Die Bettdecke faltete sich ordentlich zusammen. „Konnte ich in den ersten Jahren benutzen, ja. Aber auch nur beschränkt. Heutzutage beginnt sich meine Haut fast sofort zurück zu verändern, was ebenfalls kein schöner Anblick ist und die Form meiner Augen bleibt dauerhaft bestehen. “
„Ah“, murmelte Harry, steckte sich den Daumen in den Mund und kaute darauf herum. Was konnte er nur tun, um zu helfen? Irgendwie war ihm wieder übel. War er einfach noch zu verletzt?
„Du glaubst doch nicht ernsthaft, du könntest ein Problem in ein paar Minuten lösen, dass mich schon seit einem Jahrzehnt plagt?“, fragte der Tränkemeister spöttisch.
Harry sah zu ihm auf, der andere war vom Bett weggetreten und lehnte an der gegenüberliegenden Wand.
Schwerfällig stemmte Harry sich hoch. Vielleicht sollte er Severus um Hilfe bitten, anscheinend vertrug er wirklich nicht, was er getrunken hatte. „Natürlich, du hast recht“, beschwichtigte er ihn also. „Währst du jetzt so nett, mir noch einmal zu helfen?“ Er wankte, neigte sich in Severus` Richtung. „Mir ist so komisch“, fuchtelte er vage vor seinem eigenen Gesicht herum. „Ich habe heute zum ersten Mal Drachengrog getrunken. Vielleicht vertrage ich den nicht?“
„WAS - hast du getrunken!?“, rief Severus aus, schnellte hoch. „Wieso hast du mir das nicht gesagt!?“ Er war mit einem Satz bei Harry angekommen, packte ihn grob am Arm und zerrte ihn mit sich.
„Wir müssen sofort in mein Labor!“, erklärte er ihm mit besorgter Stimme. Harry gefiel das. Endlich zeigte er mal Gefühle!
„Die Feuerbohne, die für den Drachengrog verwendet wird, verträgt sich nicht mit dem Diptam und dem Feuersalamanderblut im Heiltrank.“ Er wurde schneller. „Die Mischung verstärkt die Wirkung des Alkohols kontinuierlich, bis der Betrunkene ins Koma fällt!“ Er schüttelte den Kopf, hielt Harrys Arm fest umklammert und eilte mit ihm in den Flur. Harry stolperte mehrmals, fing sich jedoch. „Wieso hast du plötzlich dieses Zeug getrunken!? Du sagtest mir mal, du hasst allein den Geruch und würdest es nie anrühren! Wenn ich gewusst hätte, dass du deine Meinung plötzlich änderst, hätte ich dir das nicht gegeben!“
Harry antwortete nicht, grinste lediglich vor sich hin und wäre deshalb fast gegen eine Wand gelaufen. Zum Glück wurde er rechtzeitig ausgebremst. „Pass doch auf!“, herrschte Severus ihn an, öffnete mit einer Hand eine Eichenholztür und schob ihn vor sich. „Halt dich am Geländer fest! Wir müssen da runter!“ Es raschelte. „Lumos!“
„Du hast dir gemerkt, was ich nicht gerne trinke?“, fragte Harry verzückt. „Es ist bestimmt schon Jahre her, dass ich dir das erzählt habe!“ Seine Hand glitt fahrig über den schmiedeeisernen Handlauf, während er gleichzeitig mit dem Fuß nach der ersten Treppenstufe tastete.
„Selbstverständlich! Ich merke mir durchaus, was andere sagen!“, kam es in genervtem Ton von dem Mann hinter ihm. „Halte dich richtig fest!“ Er stieß ein Knurren aus, dann umfasste er Harrys Hand auf dem Metall und legte eine andere auf seine Schulter. „Wenn du dir bei mir den Hals brichst, werde ich das nicht überleben! Also helfe ich dir besser!“ Er schob ihn die Stufen hinunter, ging dicht hinter ihm. Und da war wieder dieser unvergleichliche Duft, den er nun schon mit dem Tränkemeister verband.
„Du riechst gut!“, gestand er. Eine kleine Stimme in seinem Hinterkopf warnte ihn, nicht alles auszuplaudern, was ihm in den Sinn kam, aber er ignorierte sie. „Was ist das? Lass mich mal schnuppern!“, er drehte sich zu ihm herum.
„Harry!“ Der andere konnte seinen Sturz verhindern, indem er Harrys Schulter schraubstockartig umklammerte. „Ich erzähle es dir! In Ordnung? Wenn wir unten sind! Und jetzt geh weiter!“
„Manno“, protestierte Harry schwach. Er wurde durch einen Arm abgelenkt, welcher sich um seine Hüfte legte und ihn lächeln ließ. Gemeinsam stiegen sie die enge Flucht entlang nach unten und bogen in einen großen Raum ein, dessen Lichtkugeln an der Decke sich von selbst entzündeten.
Neugierig sah Harry sich um. Er war hier noch nie gewesen. Severus` Allerheiligstes. „Schön hier“, befand er.
„Setzt dich dort hin!“, wies der Ältere auf einen Holztisch am Rande des Raumes, an dem ein paar passende Stühle standen. Er selbst trat an den langen, aus Stein gemeißelten Tisch in der Mitte. In ihm waren vergitterte Öffnungen für Kessel verschiedener Größe eingelassen.
Harry ließ sich Zeit. Er tappte gemächlich auf sein Ziel zu und bewunderte unterwegs die Kräuterkammer einen Raum weiter. Dort hing eine Vielzahl Pflanzen zum Trocknen an der Decke. Das kannte er schon von Hogwarts.
Nach einer Weile setzte er seinen Weg fort. Es war wirklich spannend! Wieso war er früher nie auf den Gedanken gekommen, sich seine Wirkungsstätte zeigen zu lassen!?
Neugierig spähte er in einen großen Raum, dessen Tür offen stand. Es befanden sich eine Menge Metallschränke darin. Ob er mal einen aufmachen sollte? Vielleicht fand er ein paar coole Sachen?
„Das du mir ja nichts anfasst!“, warnte ihn Severus da schon streng. „Sonst wird mir durchaus eine Strafe für dich einfallen!“
Harry drehte sich zu ihm herum und warf ihm einen gekränkten Blick zu. Er hatte ja nichts stehlen wollen oder so! „Ich bin d-doch kein K-Kleinkind! W-Wieso w-willst du mich i-immer bestrafen?“ Beleidigt trottete er zu dem Holztisch hinüber und ließ sich kurzerhand darauf fallen. Wenn er so empfindlich mit seinen Sachen war, würde er sich halt gar nicht mehr rühren! Ungelenk zog er sich hoch und hob sich ganz auf den Tisch, um mit dem Körper an die Wand zu rutschen. Dort umschlang er seine Beine und sah trotzig zu dem anderen Mann.
„Was ist los!?“, Severus, der ihm gerade den Rücken zugekehrt hatte, wandte sich zu ihm um. Seine Augen verengten sich, er funkelte ihn an. „Was machst du da auf dem Tisch?“ Er schüttelte den Kopf: „Man kann dich keine Sekunde aus den Augen lassen!“ Ein schneller Blick zu einem vor sich hin blubbernden Kessel. „Rühr dich ja nicht von der Stelle!“
Mit schnellen Schritten ging er auf den großen Raum zu und verschwand darin. Kurze Zeit später schwebten ein paar Gläser und Schachteln hinaus. Er folgte ihnen auf dem Fuß.
Wieder sah er zu Harry, ließ die Sachen auf den Tisch neben dem Kessel sinken und kam näher. Dabei wurden seine Schritte immer zögerlicher. „Harry“, begann er schließlich und hielt an. Seine Stimme klang ungewöhnlich freundlich. „Komm da bitte runter! Ich muss dich kurz untersuchen!“ Er wirkte fast scheu und sah ihm nicht in die Augen. „Die Vergiftung scheint schon weit fortgeschritten, deshalb werde ich sie kurzzeitig mit einem Bezoar bekämpfen müssen.“ Er zeigte ihm den kleinen Stein. „Da dies jedoch recht unangenehm für dich wäre, möchte ich ihn ungern einsetzen, wenn es sich vermeiden lässt.“
„Hmm“, murmelte Harry nur. Dass der andere so höflich fragte, stimmte ihn versöhnlich. Ungeschickt robbte er zu ihm. Am Rand der Tischplatte angekommen, hob er den Kopf.
Diese Augen. So nah.
Für einen Moment war er wie gebannt. Sie hatten etwas Raubtierhaftes, Wildes. Dann entdeckte er eine Wärme in ihnen, die ihn lächeln ließ. „Nicht wie bei ihm“, brummte er und beugte sich näher. Sein Gegenüber rührte sich nicht, erwiderte nur stoisch seinen Blick. Harrys Augen lösten sich von ihm, begannen, sein Gesicht zu studieren.
„Du könntest ohne Verkleidung zu Maskenbällen gehen“, meinte er schließlich. Vielleicht hätte er das nicht laut sagen sollen. Sicherlich war das unhöflich. „Du würdest überhaupt nicht auffallen“, fügte er trotzdem hinzu. „Luna veranstaltet regelmäßig welche. Soll ich dich mal dorthin mitnehmen?“ Er beugte sich ein Stück weiter nach vorne. „Oder du gehst mal mit Minerva hin. Die hab ich dort auch schon gesehen.“ Was plapperte er da nur vor sich hin?
Ein tiefes Ein- und Ausatmen aus Severus` Mund. Harry verstummte abrupt. Die Luft hatte seine Wange gestreift, so nah waren sie sich. Unversehens war er abgelenkt. Sein Augenmerk richtete sich auf diese Lippen. Wie sie sich wohl anfühlen mochten? Sie waren zwar nicht so rot, wie er sie von der Maske kannte, aber weich sahen sie dennoch aus. Kurz entschlossen beugte er sich vor, berührte sie sanft und küsste sie dann richtig.
„Gut“, murmelte er und löste sich wieder von ihm. „Weich und t-trotzdem fest.“ Er hätte gerne noch weiter gemacht, wenn ihm nicht ein erschreckender Gedanke gekommen wäre: Er hatte Severus Snape geküsst! Einen Mann, der schon vor seiner Nähe zurückschreckte! Das war nicht gut!
„E-es tut mir leid“, stammelte er beschämt und senkte den Blick. „Bist du j-jetzt böse auf mich?“ Der Gedanke war so erschreckend, dass ihm Tränen in die Augen traten.
„Harry -“, entkam es dem anderen stockend, seine Stimme ungewöhnlich heiser. „Du solltest da noch etwas wissen –“ Er hörte sich richtig schuldbewusst an. Harry sah auf. Dunkle Augen lagen auf ihm. „Es tut mir leid, ich hätte es dir gleich sagen müssen -“ wieder stockte der andere. „Eine der äußerst seltenen Nebenwirkungen des Cocktails, den du getrunken hast, sind Enthemmung und Kontrollverlust. Du kannst also nichts dafür.“ Er verzog das Gesicht. „Es kommt so selten vor, dass ich nicht damit gerechnet habe ...“
„Oh“, Harry hörte nur, dass der andere nicht sauer war. „Du hasst mich jetzt also nicht?“
Ein Schnaufen. „Nein.“
„Gut“, murmelte Harry und schwankte ein wenig. Severus packte ihn an der Schulter. „War es sehr schlimm für dich?“ Eigentlich wollte er das gar nicht wissen. Aber da war noch ein Rest Angst übrig.
„Vergessen wir das“, kam es da nüchtern von Severus. Mit fester Stimme fuhr er fort: „Ich wollte dich untersuchen, schon vergessen? Beug mal deinen Kopf zur Seite und zeig mir deinen Hals!“
Einen Moment starrte Harry vor sich hin. Das war ein ganz schöner Gedankensprung! Dann neigte er seinen Kopf zur Seite und hielt sich an Severus´ anderem Arm fest, weil er sonst umgekippt wäre.
„Du musst keine Angst haben, ja?“, sagte dieser da. „Sei still und atme ganz normal.“
Harry drehte den Kopf und sah zu ihm auf. Er konnte seine Augen nicht mehr fixieren und betrachtete stattdessen die schneeweißen, schlanken Finger. „Die weiße F-Farbe steht dir eigentlich ganz g-gut“, plauderte er das Erstbeste aus, dass ihm in den Sinn kam. Er fühlte sich irgendwie müde.
„Na schön!“, sprach der andere eher zu sich selbst. „Hat wohl keinen Sinn mehr, mit ihm zu sprechen. Ich tue es jetzt einfach!“ Dann packte er fester zu, bog seinen Kopf leicht zur Seite nach hinten und legte zwei Finger an seine Hauptschlagader.
Benommen blinzelte Harry ihn an. Wieso sollte er deswegen Angst haben? Der andere war schließlich kein verdammter Vampir oder so! „Ingwerkraut“, murmelte er, weil er den Geruch wieder in der Nase hatte. Severus` ureigener Duft, den er schon so lange zu erraten suchte. „Ingwerkraut und Renzian. Hab ich recht?“ Seine Augen fielen zu. Er wollte nur noch schlafen.
„Harry! Wusste ich es doch!“ Sein Mund wurde aufgezwungen und ihm etwas in den Rachen gestopft. „Schlucken!“ Schon wurde seine Nase auf die altbekannte Art zugehalten. Im Versuch zu atmen, hustete er, der Stein rutschte. Noch ein Hustenanfall, sein Kopf tat schrecklich weh, es fühlte sich an, als würde er jeden Moment platzen. Er bekam keine Luft. Ein Röcheln drang aus seiner Kehle.
Severus schlug ihm heftig auf den Rücken. Harry keuchte, hustete erneut. Der Stein rutschte weiter. Und plötzlich, so schnell, wie es begonnen hatte, war es vorbei. Er konnte atmen. Der andere nahm seine Hände von Harrys Gesicht.
Erschöpft lehnte sich dieser mit dem Kopf an den Arm, der seine Schulter umklammerte. Das war so anstrengend gewesen! Er spürte, wie sich etwas in seinem Brustkorb bewegte, es brodelte und blubberte. Schließlich Stille. Dann breitete sich eine angenehme Kühle in ihm aus. Er fühlte sich besser.
„Das war knapp!“, stöhnte der andere auf. Harry öffnete ein Auge.
„Bin ich geheilt?“, wollte er mit schwerer Zunge wissen.
„Nein“, murmelte Severus rau. Sein Blick hatte etwas Rätselhaftes. Er musterte ihn eindringlich. „Wie geht es dir?“
Still hörte Harry in sich hinein. Er konnte nichts fühlen. Gar nichts!
„Weiß nicht“, gab er zu. „Ich bin müde.“
„Ist gut“, sagte der andere nur. „Leg dich hier auf den Tisch.“ Er drückte seine Schultern nieder. „So habe ich dich im Blick. Wenn du schlafen willst, tu es ruhig. Ich wecke dich, wenn der Trank fertig ist!“
„Ok“, murmelte Harry erschöpft. Vertrauensvoll sah er zu ihm hoch und ließ sich dabei helfen, sich hinzulegen.
Als er schließlich bequem dalag, trat Severus einen Schritt zurück. „Accio Decke!“, deutete er auf eine Ecke des Zimmers. Etwas Flauschiges, Grünes flog auf sie zu. „Ich benutze sie manchmal, wenn ich nachts auf einen Trank warten muss“, erklärte der andere und breitete sie aus. „Mach es dir damit gemütlich!“
Harry brachte ein halbes Lächeln zustande, für mehr war er zu müde, dann wickelte er sich in die Decke ein. „Danke. Und Severus, du hast mich heute fast die ganze Zeit geduzt!“
***
Was sagt ihr zu Severus` körperlicher Veränderung? Habe ich es übertrieben? Ich habe viel überlegt und finde es am wahrscheinlichsten, dass so etwas passiert wäre, wenn er überlebt hätte. Immerhin ist Nagini mit für Voldemorts verändertem Aussehen verantwortlich. Ihr erinnert euch vielleicht noch, dass eine der Zutaten für seinen Wiederauferstehungstrank ihr Gift war.
Natürlich ist es nur eine Möglichkeit von vielen, wie es hätte sein können und als Autor hat man ja die Freiheit zu wählen.
Wie hat euch das Kapitel sonst gefallen? Glaubt ihr, dass Severus wirklich ein Problem mit Homosexualität hat?
Bis Mittwoch und liebe Grüße,
Feerja