Die Belagerung
Die Belagerung
Hallo meine Lieben,
obwohl die Geschichte schon geschrieben ist, hat die Korrektur doch ihre Zeit gebraucht. Aber da ist es endlich, das nächste Kapitel!
Es klingen Themen wie Mobbing, Schülerstreitereien und Verlust von geliebten Menschen an, gehen jedoch nicht in die Tiefe (es sind Erinnerungen von Harry und Schulfreunden, nichts Neues). Sie machen allerdings nur einen sehr kleinen Teil des Kapitels aus. Wer das heute gar nicht vertragen kann, sollte es an einem anderen Tag lesen.
Allen anderen viel Spaß!
Ganz liebe Grüße,
Feerja
***
„Was, hast du getan?“, fragte Ron und riss die Augen auf. „Nicht dein ernst!? Kein Wunder, dass Snape so mies drauf war, als wir dich bei ihm abgeholt haben!“
Pansy Parkinson lachte laut auf. Sie und ihre beiden Kollegen saßen mit gezückten Zauberstäben in einem alten Audi A3 auf einem Parkplatz. Da sie auf eine Zeugin warteten, taten sie alle so, als würden sie eine Rast einlegen. Wieder einmal ging es um den Fall Marietta Edgecombe.
Und da sie sich langweilten, wurde Harry über die Nacht bei Severus ausgequetscht. Immerhin hatte Ron ihn morgens bei ihm abholen müssen und er hatte kaum ein Wort über die Lippen gebracht. Trotz seiner Genesung war er schwach und desorientiert gewesen und hätte es nie alleine nach Hause geschafft! Er seufzte.
Leider war Ron im Dienst gewesen, weshalb sein Aufenthaltsort im Tagesprotokoll vermerkt worden war. Blödes Protokoll! , dachte er genervt. Wieso müssen sie wissen, wo wir Pause machen!?
„Hach, was bin ich froh, dass ich Mädchen für alles spielen muss!“, frohlockte Pansy. „Ich hätte nicht erwartet, dass ich in der Ausbildung so gut unterhalten werde!“ Sie hatte nach dem Krieg ein vierjähriges Rehabilitationsprogramm beim Ministerium durchlaufen und war schlussendlich in der Aurorenzentrale gelandet. Zwar hatte es etwas Zeit gebraucht, doch inzwischen schätzte man sie durchaus. Vor allem Ron verstand sich gut mit ihr. Sie hatten beide denselben Sinn für Humor und trieben Harry bisweilen zur Weißglut.
Das war auch der Grund gewesen, weshalb ihm das mit dem Kuss herausgerutscht war. Er bereute es schon jetzt!
„Und ich hätte nie geglaubt, dass es sich mal für mich lohnen würde, die Protokolle ins Zentralarchiv zu transferieren!“, sie grinste. „Ich nehme dir übrigens nicht ab, dass es wirklich der erste Kuss war, Harry! Du hängst verdächtig oft dort ab. Sogar in der Dienstzeit!“
Er warf ihr einen bösen Blick zu. Die Sache war ihm auch so schon peinlich genug! Aber ihr war das völlig gleich. Dabei flippte er innerlich total aus! Er hatte Severus geküsst! Snape, seinen ehemaligen Lehrer! Angespannt umfasste er den Griff der Beifahrertür. Wie sollte es nun zwischen ihnen weiter gehen?
„Aber ich gönne es ihm“, lächelte seine Kollegin ihn an und warf ihm eine Karotte zu, die er ungeschickt auffing. „Ihr habt ihn früher zwar gehasst, aber er war ein guter Hauslehrer! Hat sich toll um uns gekümmert.“ Ihr Gesichtsausdruck bekam etwas Trostloses. „Ich weiß noch, wie ich mal eine schlechte Note in Zauberkunst bekommen habe und meine Mutter ausgerastet ist. Die Strafe – ich dachte, ich würde nie wieder normal sitzen können.“ Sie rieb sich ihr Gesäß. „Aber Severus hat es mitbekommen und mich behandelt. Und ihr so wirkungsvoll gedroht, dass sie nie wieder Hand an mich gelegt hat.“
Keiner sprach, die Stimmung war plötzlich eine andere.
„Ja“, sagte Harry schließlich. „Im Kern war er immer ein Guter, auch wenn er es manchmal kaum anwenden konnte. Aber es macht schon viel aus, was man gelernt hat, oder?“
Wieder schwiegen sie.
„Ich kann mir gar nicht vorstellen, was ihr in eurer Kindheit so durchgemacht habt“, sagte Ron leise. „Aber ich bin froh, dass ihr noch da seid. Ihr habt das alles überstanden.“
„Ja“, Pansys Stimme klang belegt. „Aber ohne Snape hätten viele Kinder aus Slytherin keine Chance gehabt.“ Ein tiefer Atemzug. „Er mag den anderen Häusern gegenüber ungerecht gewesen sein, aber ich denke, das lag an seinem Beschützerinstinkt. Er wusste, wie unsere Eltern so drauf waren. Und das man uns schon im Vorhinein als schlecht befunden hat, nur weil wir in dieses Haus gesteckt wurden.“
Ron schraubte eine Wasserflasche auf und trank einen Schluck. „Kinder können dumm und grausam sein“, sagte er dann und verschloss sie sorgfältig. „Wieso haben wir uns gegenseitig das Leben so schwer gemacht?“
Harry seufzte. Wenn er an diesen Konflikt zurückdachte, fühlte er sich schuldig. „Wir haben Dinge voneinander gehört. Gerede und es für bahre Münze genommen. Und das allein hat schon ausgereicht.“
„Ja“, murmelte Pansy. „Aber schlimmer ist es, wenn wir Erwachsene auf diesen Tratsch hören und alle über einen Kamm scheren.“ Sie biss in eine Karotte, die sie immer zu Überwachungen mitnahm. „Es ist traurig, dass es noch so viele gibt, die einer alten Zeit nachtrauern, ohne sich dessen bewusst zu werden, dass es für andere die Hölle war!“
Sein bester Freund schmunzelte plötzlich und drehte sich in seinem Sitz nach hinten. „Wenn man dir so zuhört, könnte man glatt glauben, du wärst erwachsen geworden, Pansy!“
„Hey!“, blinzelte sie, schaltete fast so schnell um wie er und lachte. Dann warf sie ihr angebissenes Stück Karotte nach ihm. „Wenn hier einer nicht Erwachsen ist, dann ja wohl du!“
„Haha“, lachte sein Partner, „warum wirfst du dann mit Lebensmitteln!? Genau wie der kleine Teddy es früher getan hat!“
Harry schüttelte den Kopf. So schnell konnten die beiden von Ernst wieder zu Spaß wechseln. Das war typisch! Er schaffte das nicht! Auch wenn er sich durchaus freute, ein bisschen mehr von Severus` Vergangenheit erfahren zu haben. Es war nicht zu leugnen, dass er jede Information über ihn hortete, derer er habhaft werden konnte. Und je mehr er erfuhr, umso mehr schätzte er ihn!
Ein grauer Mini-Cooper fuhr auf den Rastplatz. Er beugte sich in seinem Sitz vor und begutachtete die Fahrerin. „Leute, das ist sie! Es geht los!“
-
Es hatte viel Überzeugungsarbeit gekostet, um die junge Frau zum Reden zu bewegen. Jedes Detail hatten sie ihr aus der Nase ziehen müssen.
Als ehemalige Freundin Edgecombes war sie mit ihren Weltanschauungen vertraut, wenngleich sie diese nicht teilte. Doch das hatte die andere Frau nicht interessiert. Sie hatte begonnen sie unter Druck zu setzen und ihre Beteiligung an ihren Unternehmungen gefordert. Da die Zeugin ablehnte, war es schlussendlich zu einem Zerwürfnis gekommen, welches diese zu einem Landeswechsel bewegte.
Das hatte ihr einige Jahre Ruhe verschafft, bis Edgecombe wieder Kontakt aufgenommen hatte. Und erneut Forderungen stellte. An diesem Punkt hatte die Zeugin endgültig genug gehabt.
„Ich kann durchaus verstehen, weshalb sie mit ihrer Aussage gezögert hat“, sagte Pansy bedächtig. Elegant schlug sie ihre Beine übereinander und starrte auf das Pergament auf ihrem Schreibtisch. Eine Haarsträhne fiel ihr ins Gesicht.
Harry, Ron und sie teilten sich mit drei weiteren Auroren ein Büro, was ziemlich lästig werden konnte, da es beengt war und man keine Privatsphäre hatte. Natürlich hätte Harry Potter auch einen Raum für sich alleine haben können, doch er hatte darauf bestanden, wie alle anderen behandelt zu werden. Gelegentlich bereute er es.
„Als Rechtsanwältin ist die Edgecombe ein Ass! Wenn sie herausfindet, welche Informationen wir haben, wird sie Gegenmaßnahmen ergreifen! Du kennst ja ihre Methoden! Verleumdungen, Steuerüberprüfungen, plötzliche Brände und so weiter“, Pansy tunkte ihre Feder ins Tintenfass. „Da kann man es durchaus mit der Angst zu tun bekommen. Ich wage zu bezweifeln, dass ich früher Anzeige erstattet hätte. Dafür braucht man eine Menge Mut!“ Sie begann zu schreiben, wirkte jedoch abgelenkt. Es war auch keine Arbeit, die sie gerne tat.
„Schon“, winkte Harry ab, „aber wenn man bedenkt, welches Ziel Edgecombe vermutlich hat, hätte ich keine Sekunde gezögert!“ Er strich sich seinen Umhang glatt und überprüfte seine Frisur in der Spiegelung einer Trennwand. Er hatte heute Morgen nur einen flüchtigen Zauber für seine Haare gesprochen und war sich nicht sicher, ob er die Frisur mochte.
Ron gab einen gequälten Laut von sich. „Harry! Nicht dein verdammter Ernst! Hast du uns in den letzten Tagen nicht ständig versichert, dass du keine Gefühle für ihn hast!? Warum putzt du dich dann so heraus, wenn du zu ihm gehen musst!?“ Er musterte ihn mit verkniffenem Gesicht. „Hast du nicht gesagt, dass nur die Tränke schuld an dem Kuss waren? Oder stehst du jetzt doch auf ihn!?“
„Pssscht!“, fuhr Harry sofort zu ihm herum. Sein Freund hatte vielleicht Nerven! Er funkelte ihn ärgerlich an und warf einen Blick zur offenen Tür hinaus. „Das muss nicht jeder wissen!“
Seit seiner Vergiftung waren zweieinhalb Tage vergangen. Er war fix und fertig! Seine Gefühle fuhren ständig Achterbahn und er wusste nicht, was er denken sollte, geschweige denn, wie er Severus je wieder unter die Augen treten konnte! Einerseits war ihm sein Verhalten peinlich, aber andererseits war da dieser Kuss gewesen ...
Er biss sich auf die Unterlippe. Ihre Wortgefechte, die Tiefe ihrer Unterhaltungen und wie der andere Mann sich um ihn gekümmert hatte - das alles weckte eine Sehnsucht in ihm, die er lange unterdrückt hatte!
Mit klopfendem Herzen wandte er sich um. Hoffentlich war er von Severus nicht belogen worden! Wenn er ihn nun wegen des Kusses hasste, würde er das nicht ertragen können! Er holte tief Luft.
Heutzutage gab es nur noch wenige Menschen, die ihm offen widersprachen und ihn herausforderten. Wenn diese Person ihn zudem körperlich anzog, ihm in magischer Kampfkunst und Verteidigung ebenbürtig war und ihn nicht langweilte, kam das einem unerfüllten Wunschtraum gleich. Doch seit er Severus geküsst hatte, stand da plötzlich diese Frage im Raum: Hatte er vielleicht einfach an der falschen Stelle gesucht?
Er zog den Kragen seiner Robe hoch. Sein Alter oder der Fluch kümmerten ihn wenig. Sollte Severus doch nicht ganz abgeneigt sein, er würde es wagen – wenn da nur nicht die Sache mit seiner Mutter wäre! Er seufzte tief auf, steckte seinen Zauberstab in eine Robentasche und nickte seinen Kollegen zum Abschied zu. Das war allerdings ein echtes Hindernis. Er wollte kein Ersatz sein! Aber was machte er sich eigentlich verrückt, wenn er nicht einmal wusste, ob er ihn überhaupt wiedersehen würde!?
***
Betroffen blieb er vor dem Zaun stehen. Das Anwesen sah grauenhaft aus! Anscheinend hatte Severus schlechte Laune. Warum sonst sollte er den eigentlich so schönen Garten in diesem Zustand belassen? Das heutige Wetter tat sein Übriges zu dem trostlosen Anblick hinzu. Feine Regentropfen fielen vom Himmel herab und verwandelten die aufgewühlte Erde in Schlamm. Aschehaufen wurden zu einer dreckigen Brühe, die in kleinen Bächen die früheren Ackerfurchen entlanglief.
Das stimmte ihn unerwartet traurig. Der ehemals so angesehene Mann, sein persönlicher Kriegsheld, schien alles aufzugeben, dass eine Bedeutung für ihn hatte. Und ihre letzte Begegnung hatte nichts geändert ...
Er rieb sich über den Nacken. Peinlich! Für einen Moment hatte er doch tatsächlich geglaubt, ein Kuss von ihm könnte etwas bei dem Mann bewirkt haben! Anscheinend war er es zu sehr gewohnt, dass er mit einer kleinen Geste Großes bewirken konnte. Aber der Tränkemeister schien dagegen immun zu sein. Und nach einer kurzen Überlegung musste er sich eingestehen, dass es ihm gefiel. Solange du auch eine Chance hast! , warnte ihn ein leises Stimmchen und bereitete ihm Bauchschmerzen. Ja, das war der Knackpunkt! Wenn Severus kein Interesse hatte, wäre alles vergebliche Liebesmüh! Er hob den Zauberstab, nun, gleich würde er mehr wissen!
„Alohomora!“, deutete er auf das Tor, trat näher.
Ein lauter Alarm ließ ihn zusammenzucken, dann lächelte er erleichtert. Wenn Severus die Sicherheit erneuert hatte, stand es längst nicht so schlimm um ihn, wie befürchtet. Hatte er vielleicht den Illusionszauber angepasst, sodass er ein neues Bild zeigte?
„Bitte gehen Sie, Mister Potter. Sie sind hier nicht erwünscht“, erklang eine geisterhafte Stimme aus dem Nichts. Er hob die Augenbrauen. Das war nicht Severus selbst, sondern ein Zauber. Hatte er ihn etwa extra seinetwegen angebracht? Er war sich nicht sicher, ob er geschmeichelt oder gekränkt sein sollte.
„Das kann ich nicht“, sagte er laut. „Ich bin in offizieller Mission hier.“ Gleichzeitig überlegte er, wie er weiter vorgehen sollte. Wenn der Tränkemeister beschlossen hatte, ihn auszusperren, konnte es schwierig für ihn werden.
Es blieb still. Prüfend ließ Harry den Blick über den Zaun und die dahinterliegende Hecke gleiten. Vermutlich musste er einen anderen Weg finden. Selbst wenn er nicht mit ihm sprechen konnte, wollte er das Grundstück auf Sicherheitsmängel prüfen! Er umfasste seinen Zauberstab fester. Nun denn, dann mal los!
Ein Patronus in Form einer Hirschkuh brach plötzlich aus den Büschen zu seiner Linken und blieb vor ihm stehen. „Schick eine Eule und lass mich in Ruhe“, verkündete sie mit Snapes Stimme. Harry musste lächeln.
„Nein!“, entgegnete er dann, sein Tonfall wurde weicher, „Severus, bitte! Ich verspreche auch, dich heute nicht mehr zu küssen!“ War er sich doch fast sicher, damit den Grund für die Abfuhr erfasst zu haben. Gleichzeitig freute er sich, dass der andere es aufgegeben hatte, ihn zu siezen.
Die Hirschkuh trat näher, neigte den Kopf und rieb ihn an Harrys Schulter. Dann hob sie das Haupt, sah ihm einen Moment in die Augen und sprang schließlich mit einem Satz davon.
Wortlos sah Harry ihr hinterher. Er fühlte sich durch diese Geste seltsam ergriffen, ja sogar getröstet. Denn wenn Severus` Patronus ihn mochte, konnte sein Besitzer keine allzu schlechte Meinung von ihm haben, oder? Er hoffte es wirklich!
Dann straffte er die Schultern, drückte den Rücken durch. Er musste tun was er konnte, selbst wenn es hieß, sich vorerst in Geduld zu üben!
Jäh stellten sich seine Nackenhaare auf, warnten ihn. Er sprang zur Seite, starrte auf die rot schimmernde Schockwelle, die an ihm vorbei raste. Sie verfehlte ihn nur um wenige Zentimeter und traf stattdessen den alten Holzzaun. Er beobachtete Staub und Steinchen, wie sie in die Höhe flogen. Der Zaun blieb erstaunlicherweise heil.
Er hustete, rollte zur Seite. Stillstand konnte ihm jetzt das Leben kosten! „Protego!“, rief er gerade rechtzeitig. Der Schildzauber prallte auf den nächsten Schockzauber, blockte ihn. Er biss die Zähne zusammen. Der Zauber war von hinten gekommen, sehen konnte er niemanden, aber die Person meinte es ernst!
„Levicorpus!“ Diesmal näherte sich der Zauber mit großer Geschwindigkeit, er warf sich in letzter Sekunde zu Boden. Seine Lungen brannten, als sich sein Hals mit Staub füllte.
„Protego!“, erklang da eine tiefe Stimme vom Grundstück her, das Gartentor schwang auf. Dann war da plötzlich eine starke Hand an seinem Arm, die ihn packte. Bevor er wusste, wie ihm geschah, wurde Harry grob in den Garten gezogen.
Trotz des immensen Tempos, welches sein Retter an den Tag legte, schaffte Harry einen Angreifer auszumachen. „Stupor!“, rief er hustend, packte den anderen nun seinerseits und drückte sich mit ihm in die Büsche. Sie duckten sich tiefer. Harry kam langsam zu Atem. Das war vielleicht knapp gewesen! Er konnte keinen der Angreifer mehr entdecken, hatte nun Muse sich umzusehen. Sein Blick fiel auf seinen Begleiter am Boden.
Severus hockte mit bloßen Füßen neben ihm, trug den Anonymisierer und eine schwarze, zerknitterte Robe. Sein langes Haar hatte er in einem Knoten zurückgebunden. Er musste beim Angriff sofort aus dem Haus gestürmt sein! Ein warmes Gefühl breitete sich in Harrys Brust aus. Anscheinend lag Severus wirklich was an ihm. Sonst hätte er sich kaum so beeilt!
„Ich dachte, du willst mich nicht hereinlassen“, sagte er beiläufig, ließ den Blick wieder schweifen.
Es raschelte in den Zweigen, als der andere sich etwas aufrichtete. „Welche Wahl hatte ich denn?“, knurrte er dann. „Das sind mindestens drei Per -, Bei Salazar -! Stupor!“
„Petrificus Totalus!“, rief fast zeitgleich jemand von der Gegenseite.
„Protego!“, blockte Harry und fragte im selben Atemzug Snape: „Wo sind sie?“
„Zwei auf dem Baum dort hinten“, deutete ein Finger vage in eine Richtung, „und mindestens einer versteckt sich hinter diesem großen Ligusterstrauch.“
„Ok“, Harry nickte. „Ich sehe den im Strauch! Expelliarmus!“ Er spürte schon, als der Zauber seinen Stab verließ, dass er gleich treffen würde. Und tatsächlich, wenige Sekunden später kam ein Zauberstab auf sie zugeflogen.
Plötzlich knallte es mehrmals. Ein wohlbekanntes Geräusch! Wie aus dem Nichts materialisierten sich Zauberer und Hexen. Es war eine regelrechte Armee, die da um das Grundstück herum auftauchte. Sie alle trugen diese Masken, machten sich nicht einmal die Mühe sich zu verstecken. Harry schauderte es. Er hasste diese Dinger wirklich! Und es war deutlich schwerer, auf diese Weise gegen sie zu kämpfen, da man stetig den Wunsch verspürte, sich wegzudrehen! Auf Dauer würde diese Menge sie in den Wahnsinn treiben!
Eine Hand legte sich auf seine Schulter, umfasste sie hart. Er keuchte auf. Schon wurde er gepackt und nach hinten gezogen. Bevor er sich beschweren konnte, bellte Severus: „Sofort ins Haus!“ Er apparierte mit ihnen, tauchte vor seiner Haustür wieder auf, sie öffnete sich schwungvoll. Harry stolperte ins Innere, hörte, wie der andere folgte und blinzelte. Die Tür schlug hinter ihnen zu. Es wurde still.
Benommen stand Harry da. Das alles war so schnell gegangen, dass er sich orientieren musste ... Er war es nicht mehr gewohnt, beschützt zu werden. Nicht auf diese Weise! Normalerweise war er derjenige, der anderen Schutz zukommen ließ. Er atmete durch.
Dann trat er an eines der schmalen Fenster neben der Haustür und spähte hinaus.
„Und“, kam es ungeduldig von Severus, er stand plötzlich hinter ihm. Sein warmer Atem strich über Harrys Ohr und bescherte ihm einen angenehmen Schauer, den er leider nicht würdigen konnte. Dafür war er zu hoch gepusht und durcheinander. Der andere kannte kein Pardon, schon wurde er zur Seite geschoben. „Habe ich es mir doch gedacht!“ kam es triumphierend, der Blick war starr durchs Fenster gerichtet. „Sie verstecken sich! Feiglinge! Es sind so viele, und trotzdem trauen sie sich nicht aufs Grundstück!“ Er trat zurück, hantierte an etwas auf einer Kommode herum. „Aber aufgeben werden sie auch nicht! Du hast einen Zauberstab voller Beweise! Das könnte ein Puzzleteil sein, dass sie zum stürzen bringt! Es wäre am Sichersten für sie, wenn sie dich eliminieren! Uns beide, um genauer zu sein.“
„Oh, vielen Dank, wie aufbauend“, brummte Harry sarkastisch. Er war plötzlich so müde und fühlte sich schwach. „Du verstehst es immer, einem aufzumuntern.“ Es war eine lange Schicht gewesen und er hatte zu Hause eigentlich die Füße hochlegen wollen.
„Willst du etwa, dass ich lüge?“, fragte der andere kühl und musterte ihn abschätzig. „Seit wann steckt Harry Potter seinen Kopf in den Sand?“
Nun seufzte dieser auf und verdrehte die Augen: „Das sagt genau der Richtige!“, warf er ihm halbherzig vor. Im Moment war ihm gar nicht nach streiten. „Du wolltest mich nicht hereinlassen, damit du deinen Problemen ausweichen kannst!“
Der andere schob ein paar massive Riegel neben der Haustür vor. „Ich weiß nicht, was du meinst“, entgegnete er dann brüsk. Er drehte sich wieder um, sah ihn an und sofort verspürte Harry den dringenden Wunsch dieses Gesicht, welches gar nicht sichtbar war, sogleich zu vergessen. Er schnaubte.
„Ziehst du bitte, diese blöde Maske aus!?“, verlangte er eindringlich und hob die Hand. Am Liebsten hätte er ihm dieses Ding heruntergezerrt!
„Das halte ich für keine gute Idee!“, wehrte der andere ab, seine Stimme klang etwas höher als sonst. Er wich Harry aus, schritt an ihm vorbei und schien regelrecht zu flüchten.
Dieser folgte ihm auf den Fersen.
„Bitte, Severus!“, bat er in der Küche aufs Neue.
Sein ungewollter Gastgeber begann, ein paar Zauber auf die großen Fenster zu sprechen. „Hilf mir lieber!“, sagte er schroff und deutete auf die Tür zum Wohnzimmer. „Bei den hinteren Fenstern fehlen Abwehrzauber gegen große Hitze oder Kälte. Sie waren bisher nie notwendig, doch wer weiß, was die Verrückten noch vorhaben! Los, beeil dich! Wir wissen nicht, was sie auf der Rückseite des Grundstücks tun!“
Harry nickte schnell, er vertraute Severus´ Urteil. „Na schön!“ Ein kurzer Blick. „Aber, wenn ich wiederkomme, ist die Maske runter, Severus! Sonst nehme ich sie persönlich ab!“, drohte er und ging, ohne seine Reaktion abzuwarten. Es war ein wenig übergriffig, doch er kannte ihn gut genug, manchmal musste man ihn zu seinem Glück zwingen! Eilig machte er sich ans Werk.
„Wieso bist du eigentlich hergekommen?“, erscholl es plötzlich hinter ihm. Er schrak zusammen. Obwohl er seine Schritte gehört hatte, war ihm nicht bewusst gewesen, wie nahe Severus bereits war.
Eigentlich war er seit einer ganzen Weile mit seiner Aufgabe fertig und studierte die Bücher in den Regalen. Er tat es nicht zum ersten Mal. Und doch fand er es jedes Mal aufs Neue faszinierend.
Die zwei Meter hohen Möbelstücke aus dunklem Nussholz waren voller Literatur zu jedwedem Thema. Darunter befanden sich zeitlose Klassiker, Krimis, Musicals, Fachliteratur und Liebesromane aus der Zauberer- und Muggelwelt.
Harry hätte nie geglaubt, dass Severus` Interesse so weit reichen könnte. Es passte nicht zu dem Lehrer aus seiner Schulzeit. Aber zu Voldemorts Zeiten hatte er es sich wohl auch nicht erlauben können! Er schob ein Buch zurück ins Regal. Doch zu dem Mann von heute passte es durchaus. Es verblüffte ihn immer wieder, was dieser Kerl alles wusste! Er schmunzelte in sich hinein.
Weit weniger überraschend waren die Bücher über Zaubertränke, magische Pflanzen, dunkle Magie und seltene Zaubersprüche. Es gab kaum ein Werk in diesen Sparten, dass nicht über kurz oder lang seinen Weg in Severus` Besitz fand. Langsam drehte er sich um.
Er war sich fast sicher, dass sein Gegenüber das kurze Erstarren nicht bemerkt hatte. Es war höchstens eine Millisekunde gewesen. Er lächelte. Da war es also wieder, das maskenlose Gesicht. Ein möglichst normal wirkender Atemzug, ruhig bleiben!
Obwohl er vorbereitet gewesen war, war der Anblick schockierend. Trotzdem war er froh. „Du hast sie abgenommen. Vielen Dank!“ Das meinte er ehrlich. So sehr es ihn erschütterte, diese schmalen Augen und die bleiche Haut zu sehen, wollte er sich daran gewöhnen. Er musste es tun! Alles andere wäre unfair gewesen.
Er musterte ihn möglichst unauffällig. Ja, es war nicht zu leugnen, dass er fremdartig und raubtierhaft wirkte. Ihm wurde erst jetzt bewusst, dass er bei dem Kampf vor ein paar Tagen schon begonnen hatte, sich zu verändern, als Harry ihm so nahe gekommen war. Deshalb hatte er ihm also so vehement entkommen wollen!? Das war eine Erleichterung!
Schlagartig wurde er sich des bohrenden Blickes bewusst, der sich auf ihn geheftet hatte. Anscheinend beobachtete Severus seine Reaktionen. Harry verstärkte seine mentalen Schutzschilde, achtete auf eine neutrale Miene. Er war besser in Okklumentik geworden, aber beileibe kein Meister! Doch so weit würde er nicht gehen, oder? Schnell senkte er den Blick auf dessen Füße. Sicher war sicher! Denn, wenngleich er nichts Schlechtes über ihn dachte, musste er nichts von dem Schrecken erfahren, der ihn für einen Moment erfasste, als Severus einen Schritt auf ihn zu machte. Es war eine instinktive Reaktion, die er nicht steuern konnte.
Ein Muskel zuckte in Severus´ Wange. Ob ihm überhaupt bewusst war, welche Verletzlichkeit er gerade offenbarte?
Harry hatte ihn doch bei ihrem letzten Zusammentreffen nicht beleidigt, oder dergleichen? Seine Hemmschwelle war so niedrig gewesen! Allein bei dem Gedanken schoss ihm das Blut ins Gesicht. „Tut mir leid, wenn ich im Labor was Dummes gesagt haben sollte“, begann er verlegen und spürte nun auch noch seine Ohren glühen. „Ich hätte diesen Grog nicht trinken sollen.“
Sein Gegenüber verharrte, der Ausdruck in seinen Augen veränderte sich. „Das bin ich von dir gewohnt“, entgegnete er schließlich bedächtig. Nun war da eine Spur von Bedauern, trotzdem schien er zu zögern: „Ich hätte dir die Standartränke geben sollen.“ Er wandte den Blick ab, sein Kehlkopf hüpfte. „Dann wäre nichts von all dem passiert.“
Stille. Harry hob die Augenbrauen. Er wurde einfach nicht aus ihm schlau! War er wütend auf ihn oder fühlte er sich schuldig?
„Wieso hast du es nicht? Du hattest sicher welche da“, fragte er, nachdem der andere eisern schwieg.
Diesmal war es eine Hand, die zuckte, ein schneller Blick zu Harry. Wieder wandte sich Severus ab, trat an die breite Fensterfront und spähte hinaus. „Hatte ich in der Tat“, entgegnete er mit hörbarem Zögern. „Ich war nur, nun ja - du sahst schlimm aus.“ Er schwieg.
Harry beobachtete ihn, wartete, ob er mehr sagen würde. Doch er blieb stumm.
„Du hast dir also Sorgen gemacht, die einfachen Tränke würden nicht ausreichen?“, wollte er wissen. So langsam wurde er neugierig. Severus verhielt sich schon seltsam, es ging doch nur um Tränke!?
„Wie ich schon sagte“, kam es grollend. Er konnte spüren, wie er sich sträubte. „Ein toter Harry Potter hätte sich schlecht in meinem Haus gemacht.“
„Aaah“, sagte Harry langsam. War sein Gesundheitszustand so schlecht gewesen? Trotzdem war es bezeichnend, dass der andere seine Sorge nicht offen zugab. Aber damit konnte er leben. „So etwas kann passieren, Severus“, sagte er begütigend. „Und du hast mich geheilt, das ist am Ende alles, was zählt.“ Er ging bedächtig auf ihn zu.
„Hhm“, sagte der andere, starrte in seinen zerstörten Garten. Die Schultern ganz steif und unbeweglich. „Es tut mir leid!“ Harrys Augenbrauen schossen hoch. Eine Entschuldigung von Severus? Das war wie Ostern und Weihnachten an einem Tag! Die Sache musste ihn ziemlich fertig machen!
„Alles gut“, entgegnete er weicher als beabsichtigt. „Solche Dinge passierten manchmal einfach. Lass uns das ad Acta legen, ja?“ Er schlenderte näher, sah ebenfalls hinaus. Die Aussicht in den Pflanzen-Dschungel war so beeindruckend wie immer! Von oben drangen Sonnenstrahlen durch das gläserne Dach und ließen einzelne Blätter intensiv aufleuchten. Weiße Blüten schwankten in einer unsichtbaren Brise.
„Wieso bist du hergekommen?“ war da wieder diese Frage.
Harry stöhnte innerlich auf. Manchmal war es unglaublich frustrierend! Wieso konnte er nicht direkt fragen, was er wissen wollte? Würde es jemals normal zwischen ihnen laufen? „Ich soll dich dazu überreden, in ein Safehaus zu ziehen“, gab er die berufliche Seite weiter. „Weil du in unmittelbarer Gefahr bist! Reinheit der Magie hat es auf dich abgesehen.“ Er sah ihn eindringlich an. „Solltest du nicht dazu bereit sein, werde ich als dein Beschützer fungieren! Keine Diskussionen, Severus!“ Er wandte sich ihm direkt zu, als könne er ihn dadurch bewegen, ihn anzusehen. „Diesmal wirst du mich nicht abwimmeln! Dein Name ist gefallen! Sie wollen dich um jeden Preis!“
Endlich drehte sich der andere zu ihm herum, hob eine seiner kräftigen Augenbrauen. Ein spöttisches Lächeln auf den Lippen. „Meinst du das ernst!? Wer hat heute wen gerettet?“
Harry starrte ihn an, schnaubte. „Habe ich etwa darum gebeten?“ Also wirklich! „Ich hätte mich leicht retten können, wenn ich abgehau -“, er verstummte. Nein, er hätte ihn niemals im Stich gelassen! Selbst wenn es die Vorschriften ihm gestattet hätten. Das war nicht seine Art und bei Severus schon gar nicht! „Schon gut“, sagte er deshalb schnell, „vergiss es wieder! Ich bin froh hier zu sein!“
Eine Augenbraue wanderte nach oben und ein gefährliches Funkeln trat in die dunklen Augen. „Bist du sicher?“, fragte der andere leise, fast drohend und machte einen Schritt auf ihn zu. „Vielleicht hättest du dich besser in Sicherheit bringen sollen, als du es noch konntest! Was wenn die wirkliche Gefahr hier drinnen lauert!?“
Er blieb dicht vor ihm stehen, sah ihn unentwegt an. Weg war der Mann, der es nicht wagte, seinen Blick zu erwidern. Es war fast, als wolle er ihn zu etwas herausfordern. Stolz, stark und sehr selbstsicher. Harry musste schlucken. Die Anziehung kam so plötzlich und mit aller Macht, dass er glaubte, es nicht ertragen zu können! Sein Blick fiel auf Severus` Lippen. Wie gut er sich noch an sie erinnerte! Wie weich sie waren, wie berauschend sinnlich! Seine Augen wollten sich gar nicht mehr von ihnen lösen. Er fragte sich, ob es wirklich so falsch wäre, wenn er sie wieder küsste ...
Als er es endlich doch schaffte sich zu lösen, begegnete er dunklen Augen, die ihn mit solch rätselhafter Intensität anblickten, dass sein Herz aufhörte zu schlagen. Ihm wurde heiß und kalt. Was hatte das zu bedeuten? Was wollte er von ihm?
„Gut“, sagte der andere abrupt und machte einen Schritt rückwärts. Seine Stimme klang heiser. Trotzdem fragte er geschäftig: „Warum sind sie hinter mir her? Ich nehme an, ihr wisst inzwischen mehr über die Pläne von Ms Edgecombe?“
Blinzelnd riss Harry sich von seiner Tagträumerei los. Was war nur in ihn gefahren!? Hatte er ernsthaft geglaubt, dieser Mann könnte mehr für ihn empfinden!? Er versuchte Luft zu holen, versagte und musste sich an die Fensterscheibe lehnen, weil er sich unversehens kraftlos fühlte.
„Allerdings“, begann er langsam, bemühte sich krampfhaft darum, sich an die Fakten zu erinnern. Er musste sich wirklich zusammenreißen! Seine Augen schweiften umher und blieben an einem Sofa im hinteren Teil des Raumes hängen. Nach ein paar Atemzügen stieß er sich ab und ging hinüber.
„Sie ist auf der Suche nach der Unsterblichkeit“, gab er schließlich ihre neuste Erkenntnis preis und ließ sich schwer auf die grüne Polsterung fallen.
Es schepperte. Er riss den Kopf hoch. „Wie bitte!?“, kam es scharf von Severus. Er sah so entsetzt drein, wie Harry ihn noch nie gesehen hatte. Zu seinen Füßen drehte sich eine kleine Blechdose schwankend im Kreis.
„Willst du etwa sagen, sie versucht ein neuer dunkler – , die Kräfte von Voldemort zu erlangen?“ Er wirkte wie um Jahre gealtert. „Ich mache das nicht nochmal mit“, sagte er leise, die Stimme fast brüchig. „Nicht nochmal, Harry.“
„Ja“, entgegnete Harry knapp, er wusste genau, wie ihm zumute war. Allein der Gedanke schnürte ihm die Kehle zu. „Ich auch nicht.“ Sie schwiegen.
„Es sind nur noch wenige Menschen übrig, die genau wissen, wie er die Unsterblichkeit erreicht hat“, fuhr er schließlich fort. „Ursprünglich hat sie geglaubt, jemand von den Todessern müsste es wissen. Jetzt ist ihr klargeworden, dass keiner von ihnen Bescheid wusste. Außer dir.“ Er rieb sich über das Gesicht.
Natürlich hatten sie Hermine auch gleich unter Schutz gestellt, was diese nur zähneknirschend hingenommen hatte. Aber es war, wie Harry gesagt hatte, sie hatten keine Wahl! Dieses Geheimnis durfte nie wieder ans Tageslicht gelangen! Und es wurde durch die Neugierde seines Vorgesetzten nicht einfacher! Dem Mann stieß es sauer auf, dass er selbst nicht eingeweiht war, manche seiner Untergebenen schon.
„Ah“, murmelte Severus. Er starrte auf die sich drehende Dose, schien zu sich zu kommen und näherte sich Harry. „Und da Ms Granger, Mr Weasley und du unter ständiger Beobachtung der Öffentlichkeit stehen, versuchen sie es bei mir“, sprach er das Offensichtliche aus, ließ sich auf den Sessel ihm gegenüber fallen. Er sah noch immer völlig geschockt aus.
„Genau“, nickte Harry und musterte ihn. Severus` Gesichtsfarbe konnte nicht heller werden und doch hätte er geschworen, das Weiß hätte sich noch verstärkt. Der Mann starrte nun auf ein Buch, welches vor ihm auf dem hölzernen Couchtisch lag. Mit den Gedanken schien er meilenweit weg.
„Was ist mit Minerva?“, fragte er nach einer Weile. „Hast du ihr von den Horkruxen erzählt?“
„Nein“, entgegnete Harry. Den anderen so außer sich zu sehen, brachte ihn irgendwie zur Ruhe. Sie konnten es sich einfach nicht leisten, beide neben sich zu stehen! „Du weißt, was wir damals vereinbart haben“, erinnerte er ihn. „Diese Informationen dürfen nicht weitergegeben werden! An niemanden, niemals! Und von keinem von uns!“ Er sah ihn eindringlich an, dachte an den Tag damals am See. Wie sie am Wasser gestanden hatten und dieses Versprechen abgaben. Er holte zitternd Luft. Die Angst, der Schmerz und die Trauer nach der Schlacht überwältigten ihn für einen Moment, wirkten so frisch wie damals. Nein, so etwas durfte nie wieder passieren! „Nie wieder darf ein Zauberer so viel Macht anhäufen, dass er den Tod besiegen kann!“, sagte er laut. „Diese Informationen müssen mit uns Vieren sterben!“
Der andere hob langsam den Kopf. „Ich weiß“, sagte er leise. In seinen Augen lag eine Zerrissenheit, die Harry ans Herz ging. Es musste manchmal unermesslich schwer sein, in seiner Haut zu stecken! Harry hatte wenigstens seine Freunde und die Weasleys, die ihn von den schlimmen Erinnerungen ablenkten.
„Zum Glück ist Horace schon gestorben“ murmelte der andere. „Ich weiß nicht, ob er noch eine Folter überlebt hätte. Da war ein Herzinfarkt wohl der gnädigere Tod.“ Er fuhr sich über das Gesicht. Bei seinen nächsten Worten klang seine Stimme wieder kräftiger: „Kannst du nicht deine Kollegen informieren, damit sie dich hier herausholen?“
Harry nahm sich eines der schwarz-weißen Kissen und schlang die Arme darum. „Kann ich schon, aber ich nehme an, das geht nur mit einem Patronus? Apparieren kannst auf dem Grundstück lediglich du, aber auch nicht über die Grenze hinaus. Und am Flohnetzwerk bist du nicht angeschlossen, das weiß ich zufällig.“ Er strich sich durchs Haar. „Eine Eule wäre zu langsam.“
„Was spricht gegen einen Patronus!?“, unterbrach ihn der andere.
Die Augenbrauen hochziehend, sah Harry ihn an. Er wollte diese Leute fangen und endlich einsperren! Severus, aber auch seine Freunde sollten in Sicherheit sein! „Und was machen unsere Angreifer, wenn sie ihn sehen? Sie werden bestimmt dissapparieren!“ Er umfasste den samtigen Stoff des Kissens fester und ballte die Hand zur Faust. „Dadurch würden wir die einmalige Chance vertun, sie zu fassen! Nachweisen können wir schließlich nur demjenigen etwas, dessen Zauberstab ich habe ...“ Nachdenklich legte er den Kopf schief. „Wenn wir sie allerdings auf deinem Grundstück einsperren könnten, sehe die Sache anders aus. Außerdem“, fuhr er fort, suchte diesmal eindringlich den Blickkontakt, „würden sie dich weiter jagen, vielleicht sofort einen Überfall starten, wenn das Ministerium weg ist!“ Als er sah, wie der andere den Mund öffnete, nickte er. „Ja, dein Haus ist eine Festung! Und du könntest hier eine Weile ausharren. Aber wie lange?“ Er schüttelte den Kopf. „Das kann auf Dauer nicht gut ausgehen!“
Sein Gegenüber zuckte die Achseln, zog eine hämische Grimasse. „Ich habe Vorräte für Jahre! Sehen wir mal, wer länger durchhält!“ Er rieb sich die Hände. „Die haben keine Ahnung, auf was sie sich da einlassen!“
„Du spinnst ja!“, rief Harry unverblümt aus und starrte ihn empört an. „Das kommt gar nicht in Frage! So kannst du nicht leben! Allein der Gedanke ist schon verrückt!“
Ein gleichgültiger Blick. „So habe ich in den letzten sieben Jahren gelebt, Potter. Das macht keinen Unterschied mehr!“
Nun fuhr Harry vom Sofa hoch. „Severus!“, fauchte er zornig. Wie schaffte dieser Mann es nur, ihn so schnell auf hundertachtzig zu bringen?
„Ich schwöre dir, wenn du mich noch einmal Potter nennst -!“
Auch der andere erhob sich, seine dunklen Augen funkelten auf. Anscheinend hatte Harry auf ihn dieselbe Wirkung. „Was dann?“
Schnaubend ging Harry auf ihn zu, kam ihm so nahe, dass sie sich fast mit den Nasen berührten. Natürlich zuckte Severus nicht zurück. Im Gegenteil, in seinen Augen lag eine stumme Herausforderung.
„Dann werde ich -“, suchte er nach einer geeigneten Drohung. Er hörte ihn Luft holen, sein Adamsapfel hüpfte. Harrys Augen zuckten hoch, blieben an seinem verführerisch weichen Mund haften. Plötzlich kam ihm ein grandioser Gedanke. Er grinste sardonisch. „Dich wieder küssen!“
Stille. Ein unergründlicher Blick.
„Ach ja?“, kam es schließlich fast tonlos. „Glaubst du, ich habe Angst – Potter?“
Eine Sekunde verstrich, in der Harry nicht glauben konnte, was er da gehört hatte.
Dann machte er große Augen.
Bevor der andere zurückweichen konnte, packte er ihn von hinten am Nacken und zog ihn heftig zu sich heran. Erst ein wenig grob, dann etwas sanfter, küsste er ihn. Es war wundervoll!
Er fühlte die weichen Lippen, den salzigen Geschmack, den entgegenkommenden Druck. Eine Zunge, die sich ihm vorwitzig entgegenstreckte. Dann umfasste ihn ein starker Arm um die Mitte, und ein harter Körper drängte sich gegen ihn. Er wurde an die nächste Wand gepresst, eine Hand legte sich an seine Wange.
Sein Herz begann, schneller zu schlagen, hüpfte, als sich die Zunge energisch ihren Weg bahnte und in seinen Mund eindrang. Hitze stieg ihn ihm auf, er presste sich gegen Severus und legte beide Arme um ihn. Er konnte sich nicht daran erinnern, jemals so schnell so heiß entbrannt zu sein, aber ihm war alles gleich! Er wollte ihn niemals wieder loslassen. Er schmeckte so verdammt gut! Süßlich, salzig und herb gleichermaßen! Dazu kam noch dieser harte, sehnige Körper, der ihn fast um den Verstand brachte, die weiche Haut mit den festen Muskeln darunter und sein ganz eigener Geruch. Er war wie ihm Fieber.
Als er mit einem Ruck herumgedreht und gegen ein Regal gepresst wurde, schoss ihm ein Lustschauer durch den Leib. Er krallte sich an Severus fest und riss an seiner Kleidung. In diesem Moment würde er alles mit sich machen lassen.
Ein lautes Krachen drang wie aus weiter Ferne an sein Ohr. Ihm war es egal, er zerrte an den obersten Knöpfen von Severus´ Robe.
Der andere entzog sich ihm allerdings, er stöhnte frustriert auf. Severus drehte den Kopf zur Seite. „Was war das!?“ Er verharrte, lauschte.
Notgedrungen tat Harry es ihm gleich. Die Geräusche von draußen schienen lauter geworden zu sein. Hatten ihre Belagerer es endlich gewagt, das Grundstück zu betreten? Hände glitten von seiner Taille herab, er wurde freigegeben. Benommen sah Harry sich um. Er stand vollkommen neben sich, wollte eigentlich nichts lieber, als dort fortzufahren, wo sie gerade gestört worden waren. Trotzdem bewegten sie sich nicht, lauschten.
Wieder ein Krachen.
„Die Küche“, sagte Severus tonlos, starrte ihn Sekunden lang mit einem Blick an, der ihm durch Mark und Bein ging und wandte sich dann ruckartig zur Tür um. Harry sah ihm hinterher. Er fühlte sich wie aus einem Traum erwachend. Und doch wusste er, dass es passiert war, egal, wie sich der andere geben mochte. Nicht nur sein eigener Körper war in Aufruhr, auch die deutliche Beule in Severus` Schritt ließ keinen Zweifel daran. Und während er nach seinem Zauberstab griff und ihm folgte, traf es ihn wie ein Blitz: Severus Snape stand auf ihn!
***
Nun, ich schätze das kam für niemanden von uns unerwartet, nur Harry selbst war da blind :)).
Wie hat euch das Kapitel sonst so gefallen? Anregungen, Kritik und Kommentare sind herzlich Willkommen!
Liebe Grüße und bis nächsten Mittwoch,
Feerja