Von Anziehung, Verliebtsein und Liebe
Von Anziehung, Verliebtsein und Liebe
Hallo meine Lieben,
Bisher waren die Kapitel alle ziemlich locker gehalten und so soll es eigentlich auch bleiben, aber diesmal kommt in einem Abschnitt das Thema: Stocking und sexuelle Belästigung unter Erwachsenen vor. Es ist deutlich mit den Zeichen: !!!!! am Anfang und Ende des Textes versehen und kann problemlos übersprungen werden. Es kann durchaus triggern, deshalb überlegt euch gut, ob ihr das heute lesen könnt! Aber wie schon gesagt, es beeinflusst die Geschichte nicht weiter und kann dementsprechend gut ausgelassen werden!
Herzlichen Dank übrigens an Artemis1990 für die Reviews! Ich habe mich sehr darüber gefreut! Aber natürlich auch über die Leseempfehlungen und die steigenden Favoritenzahlen. Danke! :))
Nun wünsche ich viel Spaß beim Lesen!
Ganz liebe Grüße,
Feerja
***
Feine Glassplitter schossen ihnen wie Gewehrkugeln entgegen.
„Ducken!“, brüllte Harry und riss an Severus` Ärmel, während er sich fallen ließ.
„Protego!“, rief indes der andere und sank mit ihm zu Boden.
Harry zögerte nicht lange, sah am schmalen Eichenholztisch vorbei, schob einen Stuhl beiseite, um bessere Sicht zu haben, und musste schlucken. Die Fenster hatten kleine Risse bekommen. Eigentlich hätte er darauf vorbereitet sein müssen. Trotz ihrer Schutzzauber waren sie die Schwachstelle des Hauses. Aber er hatte ihren Angreifern nicht so viel Talent zugetraut.
„Reparo!“, rief Severus laut und erhob sich. Seine Stimme war volltönend und selbstsicher. Nichts wies auf die Leidenschaft hin, die sie vor einigen Minuten geteilt hatten. „Ich schließe die Grundstücksgrenzen und sperre sie ein. Repariere du derweil die Fenster, so gut es dir möglich ist!“, befahl er Harry. „Sobald ich fertig bin, rufst du dein Team!“
Ohne auf eine Antwort zu warten, eilte er zu einem Schrank, entnahm ihm eine gefüllte Flasche und entkorkte sie. Anschließend fügte er sich mit dem Zauberstab einen Schnitt zu, was Harry sich auf die Unterlippe beißen ließ, weil es so routiniert aussah. Ein paar Blutstropfen fielen in das Gefäß. Der Trank färbte sich dunkel. Severus setzte ihn an seine Lippen und nahm einen kräftigen Schluck. „Fang schon an, Harry!“
Fasziniert gehorchte dieser, konzentrierte sich, so gut es ihm möglich war und beobachtete den anderen weiter.
Es waren ihm völlig unbekannte Zauber, die Severus in einem Singsang rezitierte. Blutmagie. An sich schon spannend, wenngleich er sie selbst nie angewandt hatte. Sie war zwar nicht direkt verboten, wurde jedoch mit schwarzer Magie in Verbindung gesetzt und war deshalb verpönt. Er kannte auch keinen namhaften Zauberer oder eine Hexe, die diese lehrte. Tatsächlich war er zum ersten Mal persönlich bei deren Wirken dabei. Sie galt, gemeinsam mit alten Runen, zu den ältesten und sehr mächtigen Magieformen. Allerdings war sie genauso komplex und hochgefährlich.
Während er Severus so beobachtete, kam ihm schlagartig eine Idee. „Reparo!“, brummte er lässig, reparierte einen großen Riss und sah zum Tisch mit der Maske hinüber. Je länger er darüber nachdachte, umso aufgeregter wurde er. Das konnte funktionieren, oder nicht!? Das musste er dem anderen unbedingt sagen!
Er hatte schon den Mund geöffnet, als dunkle, rauchartige Schatten aus dem Boden aufstiegen. Seine Hand hob sich ganz automatisch. Es wurden mehr und mehr. Sie füllten den Raum, ihre Umrisse wurden klarer, bekamen eine menschenähnliche Form.
„Severus?“, fragte Harry. Sie konnten nur durch dessen Zauber entstanden sein! Er hob den Zauberstab etwas höher. Zwar fühlte er keine direkte Bedrohung von ihnen ausgehen, aber sie strahlten Macht aus und schienen in der Lage, Schaden zu zufügen. Da war er sich sicher! Es war also besser, auf der Hut zu sein!
Wie auf ein geheimes Signal hin strebten sie plötzlich auf eine der Wände zu, schwebten hindurch und verschwanden. Gebannt starrte er ihnen hinterher. Würden sie jetzt etwa die Angreifer attackieren? Oder etwas völlig anderes tun? Er würde zu gerne Mäuschen spielen!
„Der Patronus!“, kam es heißer von Severus. Harry hob den Kopf. Richtig, nun war er an der Reihe! Über diesen Zauber konnte er ihn später noch ausfragen! Seinen Blick fest auf den Tränkemeister geheftet, rief er sich glückliche Momente in Erinnerung. Trotz all des Leids, dass er erlebt hatte, summierten sie sich langsam. Allen voran die Küsse von vorhin. Sein Leben hatte sich wahrlich zum Besseren gewandelt! „Expecto Patronum!“, donnerte er mit einem breiten Lächeln, ließ sich vom Glück mitreißen. Es war gut, hier zu sein! Am Leben zu sein!
Ein lauter Knall aus dem Garten, ein orangefarbener Blitz. Harrys Ohren gingen zu. Er wollte sich zum Fenster drehen, als ein silbriges Licht sich zwischen ihnen materialisierte. Ein Hirsch nahm Gestalt an. Wunderschön, groß und stark. Harry lächelte, sah, wie Severus starrte. Was er wohl bei dem Anblick empfand?
Das Geschöpf näherte sich Harry, stupste ihn sanft an und rieb seine Schnauze an seiner Wange. Dann ein Blick in Severus´ Richtung und es trabte los. Erst um beide Männer herum, wob sie in einen Kokon aus Licht ein und verdrängte Lärm, Rauch und Dunkelheit.
„Geh zu Ron“, bat Harry es nun. „Sag ihm, Severus und ich werden in seinem Haus angegriffen. Von mindestens einem Dutzend Maskenträgern!“ Er atmete durch, drehte sich halb zum Fenster. „Wir werden sie so lange wie möglich hier behalten!“
Der Tränkemeister schüttelte den Kopf, zückte seinen Zauberstab und näherte sich Harry. Auch er bezog Position vor den Fenstern. „Ja, nickte er. Geh endlich, wir brauchen die Auroren!“ Beim letzten Wort verzog er den Mund, als hätte er auf eine Zitrone gebissen. Harry schmunzelte.
Der Patronus blieb stehen, berührte beide flüchtig am Kopf und sprang dann mit einem Satz durch eine der Wände.
Beide Männer starrten dem Geschöpf hinterher. Es war jedes Mal ein friedlicher Moment, ihm zu begegnen. Man fühlte sich so losgelöst von der Welt.
Ein lautes Knacken und Knirschen in ihrem Rücken. Benommen drehte Harry sich um. Was war jetzt wieder los!? Seine Augen suchten nach der Ursache und fanden sie sogleich. Die Fenster zeigten tiefe Risse, stellenweise waren Löcher entstanden, die immer größer wurden.
„Reparo!“ Severus hatte den Stab erhoben, kämpfte eisern gegen die Zerstörung an, sein Gesicht in höchster Konzentration verzerrt. Doch es half alles nichts! Die Risse nahmen an Intensität zu. Die Fenster würden jeden Moment zerbrechen, ihre Zauber schwinden und sie beide angreifbar machen! Was konnten sie noch tun!? Seine Hand glitt in seine Robentasche. Nun, für den Notfall hatte er dieses Ding, mit dem er sie beide in Sicherheit bringen konnte. Sollte er -?
„Harry“, sagte da Severus, „wir sprechen den Schutzzauber zusammen! Du weißt, welchen ich meine!“ Schweiß lief ihm übers Gesicht, er hob eine Achsel und wischte es notdürftig an seiner Robe trocken. „Los beeil dich!“ Wenn das so weiterging, würde er bald am Limit seiner magischen Kräfte sein!
Obwohl sie nur einmal darüber gesprochen hatten, wusste Harry tatsächlich was gemeint war. Er krempelte die Ärmel hoch, nickte knapp. „Auf dein Kommando!?“ Wieso hatte er selbst nicht daran gedacht!? Er sah zu ihm hinüber. „Ich bin bereit!“
Erneut ein Reparo, dann wurde er angeblickt. „Auf drei!“ Und ohne große Umschweife fuhr Severus fort: „Eins, Zwei, Drei -!“
„Fenestra Protego!“, donnerten sie beide, deuteten auf das am schwersten beschädigte Fenster.
„Gleich das Nächste!“, kommandierte der andere und sie richteten ihre Stäbe neu aus. Wieder zählte er, sie zauberten. Eine Intensität von Magie lag plötzlich in der Luft, die einem das Atmen erschwerte. Er versuchte ruhig zu bleiben. Sie war so unglaublich schwer und dicht! Jeder Atemzug wurde zur Qual. Ruhig bleiben! Sein Körper musste sich anpassen, er musste ihm Zeit geben. Das war ganz normal!
Keuchend standen sie da, rührten sich nicht. Genau das war einer der Gründe, warum dieser Zauber so selten eingesetzt wurde. Die dafür aufzuwendende magische Kraft war den Aufwand nicht wert. Er saugte so viel Magie ab, füllte den Raum und hielt nur für wenige Stunden.
„Daran hätte ich schon eher denken sollen“, knurrte Severus und wankte. „Ich bin es einfach nicht mehr gewöhnt, mir helfen zu lassen.“
Harry machte einen Satz zur Seite und packte ihn am Arm. Dann schmunzelte er. „Das war wohl noch nie deine Stärke, oder? Dafür beherrscht du das herumkommandieren besser denn je!“ Und er zog ihn mit sich auf einen der Stühle. Dass der Tränkemeister nur schwach protestierte und kaum Gegenwehr leistete, sagte schon alles.
Besorgt starrte Harry ihn an, wurde aber fast sofort beruhigt. Eine Augenbraue hob sich empor, der Ausdruck des anderen wurde zynisch. „Ach ja? Ich habe von dir keinen Widerspruch gehört!“ Sein Blick wurde dunkler, es glitzerte gefährlich in seinen Augen. „Hast du etwas zu beanstanden, Auror? Du hast nicht gerade vor Ideen gesprüht!“
Harry grinste ihn an. Glaubte der andere wirklich, er würde sich dadurch einschüchtern lassen? „Nö“, entgegnete er salopp. „War nur amüsant.“
Wenn möglich, steigerte sich das zornige Funkeln in diesen vertraut-fremden Augen noch. „Amüsant?“, fragte er, starrte ihn nieder. „Du findest mich amüsant!?“ Er schien zusehends zu Kräften zu kommen.
Nun grinste Harry noch breiter. „Nicht dich, nur unsere Gespräche bisweilen. Du etwa nicht?“
Der andere verzog das Gesicht. „Das Wort würde mir dabei nie in den Sinn kommen.“
„Ach wirklich?“, wollte Harry ein bisschen enttäuscht wissen. Er war sich da sicher gewesen! „Lügst du mich etwa an?“ Fragend legte er den Kopf schief. Das traute er ihm ohne Weiteres zu! Auch wenn der Tränkemeister es liebte, ihn mit der unverblümten Wahrheit zu konfrontieren, war ihm das Lügen sicher zur zweiten Natur geworden.
Severus hob die Maske vom Tisch auf, sah auf sie hinab. „Und wenn? Was willst du dagegen tun?“, fragte er in einem seltsam angespannten Ton.
Nachdenklich musterte Harry ihn.
„Hm, keine Ahnung“, gab er schließlich zu. „Ich mag es aber nicht. Ich lüge dich nie an!“
„Tja“, kam es ziemlich ruppig zurück. „Ist mir egal! Ich tue, was ich will!“ Er erhob sich und entfernte sich von ihm, Glas knirschte unter seinen Füßen. Gedankenverloren starrte Harry ihm hinterher.
Über die Jahre hatte der andere immer wieder solche Phasen gehabt. Es erinnerte ihn an die Rebellion eines Teenagers. Oder eben eines Mannes, der sich sein ganzes Leben lang hatte kontrollieren müssen und kontrolliert worden war. „Ist ok“, sagte er deshalb. „Du sollst nichts tun, was du nicht willst.“
Ein Knurren. „Wie gnädig von dir!“
Harry stieß einen leisen Seufzer aus. Wie hatte er sich dazu hinreißen lassen können, sich noch weitere Küsse von ihm zu wünschen!? Wie hatte er schon wieder seine Mutter vergessen können!? Sich mal die Köpfe ein zu schlagen mochte ja Spaß machen, aber wenn sie intim wurden, wurde er verletzlich. Wahrscheinlich wurden sie es beide. Und er war sich nicht sicher, ob sie bereit dafür waren. Er war es jedenfalls nicht!
Er lehnte sich an eine Mauer. Vielleicht war es angebracht, ein bisschen auf Abstand zu gehen, bis die Hitze sich abgekühlt hatte. Diese Anziehung würde bestimmt nicht ewig bestehen! Und dann würden sie darüber schmunzeln können, sarkastisch und beleidigend sein, ohne, dass einer verletzt wurde. So, wie sie es schon so lange taten. Nun ja, ein Ego hatten sie beide, aber die Wunden würden weniger tief gehen. Hoffte er. Er warf Severus einen Blick unter gesenkten Lidern zu. Sie würden das schon schaffen, oder? Irgendwie taten sie das doch immer! Also musste er nur ein normales Gespräch in Gang setzen!
„Ich möchte nicht mit dir Streiten, Severus“, sagte er deshalb. „Verschieben wir das auf ein anderes Mal, ja?“ Geschickt angelte er mit dem Fuß nach einem Stuhl und setzte sich. Wenigstens konnte er so ein wenig verschnaufen. „Sag mal: Was ist mit dieser Schutzbarriere, die du mit Blutmagie gewirkt hast? Wird sie die Auroren nicht aussperren?“
Obwohl der andere ihm weiterhin den Rücken zukehrte, konnte er an dessen Anspannung und der Starre erkennen, dass der Mann überlegte. Schließlich schüttelte er den Kopf. Seine Stimme klang rau, als er antwortete: „Die Schatten werden sie hineinlassen.“ Er stockte, fuhr fort: „Sie sind ein Teil von mir und gehorchen meinem Willen.“
„Oh“, entkam es Harry wirklich überrascht. „O-k.“ Die Sache mit der Barriere hatte er ganz vergessen! Und es klang soo spannend! Er musste an sich halten, um nicht aufzustehen und ihn deswegen zu bestürmen! Von so etwas hatte er nämlich noch nie gehört! Nachdenklich starrte er ihn an. Severus war ihm eine solche Menge an Wissen und Erfahrung voraus! Würde er ihn jemals einholen können? Er fuhr sich durchs Haar. War er ihm überhaupt ebenbürtig? Würde er es je sein!? So viel er auch in seinem Leben gelernt hatte und gewachsen war, anerkannte dieser ihn dementsprechend? Würde er je –
„Du blutest!“
Überrascht hob er den Kopf. Er wurde beobachtet. Wie lange schon? Ihm stieg Hitze ins Gesicht. Hoffentlich waren seine Gedanken nicht aus seiner Miene ablesbar gewesen! Dann brachte er sich wieder unter Kontrolle. Sein Blick folgte Severus`, wanderte an sich hinunter und stoppte bei einem Glassplitter, der unterhalb seines Handgelenks steckte. Autsch, sah schlimm aus! Tat aber kaum weh. Er zuckte die Achseln. „Keine große Sache!“
Geschickt zupft er ihn heraus, machte den Mund auf, um einen Heilzauber zu sprechen, als die Wunde sich schon zu verschließen begann. „Danke“, lächelte er und sah zu dem anderen, der tat, als wäre nichts gewesen. Doch seine Hand steckte noch in seiner Robentasche.
Ein Achselzucken. „Keine große Sache“, ahmte er Harry nach. Sie blickten sich schweigend an.
Anscheinend war sein Gegenüber genauso wenig wie er bereit, über ihre Küsse zu sprechen und ein anderes Thema wollte ihm perdu nicht einfallen. Das war echt zu dumm! Wie lange sollten sie hier denn so rumhocken? Als ihm die Maske in Severus` Händen ins Auge fiel, blinzelte er. Wie hatte er das nur vergessen können!?
Er strahlte ihn unwillkürlich an. „Severus“, rief er aufgeregt. „Blutmagie! Damit kennst du dich doch aus, oder?“ Ohne auf eine Antwort zu warten, fuhr er fort: „Sie könnte der Schlüssel sein!“
Eine Augenbraue wurde emporgehoben. „Wie bitte!?“, kam es schroff zurück.
„Du weißt schon!“, grinste Harry. Seine Idee gefiel ihm immer besser! Ja, das konnte wirklich klappen! „Wegen deiner genetischen Veränderung!“
Es wurde so still, man hätte eine Stecknadel fallen hören. Dann setzte der Lärm von draußen wieder ein, aber Harry hatte Severus` Aufmerksamkeit. „Von was sprichst du?“, fragte er. Ein Funken Interesse in den Augen. Er beugte sich vor. „Erklär es mir!“
Harry strahlte. Das gefiel ihm fast noch besser als die Küsserei! Er liebte es, Severus` Probleme zu lösen! Erst recht, wenn sie in dessen Fachgebiet lagen und er schon ewig danach suchte! Es verschaffte ihm eine immense Befriedigung. Er lachte auf. Und dass es diesen jedes Mal ein bisschen ärgerte, war ein angenehmer Bonus!
„Normalerweise kann man Zaubertränke nicht an Gegenstände binden, stimmts?“, fragte er aufgeregt. „Und dieser Zaubertrank ist das Einzige, mit dem du dich in dein altes Ich verwandeln kannst!“
„Worauf willst du hinaus!?“, kam die ungeduldige Antwort.
Harry warf ihm einen tadelnden Blick zu, sprach extra langsam: „Wenn du Blutmagie mit dem Zaubertrank benutzt“, eine Pause, „und diesen dann mit einer Maske oder einem Kleidungsstück vereinst -“
Die Augen des anderen wurden aufgerissen. „Harry -“, entkam es ihm. Er starrte ihn an, als könne er es nicht glauben. „Das könnte tatsächlich funktionieren ...“
Nun zuckte Harry die Achseln. „Es würde zwar nichts an deinem Zustand ändern, aber du müsstest nur das verzauberte Stück tragen, etwas Blut opfern und würdest wie früher aussehen.“
Sein Gegenüber starrte vor sich hin und trottete schließlich zum Küchentisch. „Es ist nicht so einfach, wie du sagst“, murmelte er, fuhr mit dem Finger über die Platte und berührte die Maske. „Ich müsste erst den Zaubertrank anpassen, vermutlich auch einen Zauber erfinden.“ In seinen Augen lag ein aufgeregtes Glitzern. „Aber - es wäre möglich“. Er drückte so fest auf das nachgiebige Material, dass sich eine Delle bildete, schien es allerdings nicht zu bemerken. „Ja, durchaus! Genau, wenn ich Runenwurz und Salbei verwende und ja- “ Er verstummte, sah zu den Regalen an den Wänden hinüber. Dort lagerten die unterschiedlichsten Kräuter und Kochzutaten.
Harry beobachtete ihn schweigend. Er hatte sich also nicht geirrt! Erleichterung durchflutete ihn. Vielleicht würde es seinem Freund helfen, endlich aus diesem Haus heraus zu kommen! Laut sagte er: „Das sollte doch ein Klacks für dich sein!“ Er beugte sich vor, versuchte Severus` Blick einzufangen. „Wie viele Zauber hast du schon erfunden? Wie viele Tränke? Jetzt, wo du die Richtung kennst, ist es doch machbar?“ Er hörte selbst den hoffnungsvollen Unterton in seiner Stimme, konnte ihn allerdings nicht daraus verbannen. Und eigentlich war es ihm auch egal. Er hatte ihn schließlich zweimal geküsst, da dürfte Severus klar sein, dass er ihn mochte! Und das meinte er im rein freundschaftlichen Sinne!
Der andere blinzelte, richtete seine Aufmerksamkeit auf Harry. „Du weißt von meinen Zaubern?“ Eine Augenbraue hob sich: „Und von meinen Tränken? Wieso? Seit wann interessiert dich das? Und warum hast du es mir nicht erzählt!?“
Verlegen hob Harry die Schultern: „Hermine hat mir von deinem ersten Buch erzählt.“ Ein Achselzucken. „Ich habe es nur gelesen, um dich damit einzuwickeln, wenn du wieder mal versuchst, mich von deinem Grundstück zu werfen.“ Er schmunzelte. „Du kannst dir denken, dass ich wenig motiviert war, weil es um Zaubertränke ging.“ Nun funkelte er ihn amüsiert an. „Aber es stehen ein paar nützliche Dinge drin. Irgendwann fing ich an, das ein oder andere davon auszuprobieren.“ Er hob die Augenbrauen, lächelte verschmitzt: „Was soll ich sagen, es hat funktioniert und ich war angefixt.“
„Angefixt?“, kam es fragend.
Harry grinste, nickte. „Ein Muggelwort. Bedeutet so etwas wie begeistert sein. Süchtig.“
Der andere hob eine Augenbraue, die Stimme ironisch: „Süchtig nach Zaubertränken? Harry Potter?“ Sein Blick glitt prüfend über ihn. Ernster fragte er, musterte ihn eindringlich: „Bist du auch wirklich er? Wenn nicht, würde es eine Menge erklären.“
Ein tiefer Seufzer. Das war mal wieder ganz der Mann, den Harry kannte. „Jaa“, entgegnete er gedehnt. „Du willst mich doch jetzt nicht etwa testen, oder?“
Ein langer Blick.
„Nein“, kam schließlich die Antwort. „Ich habe deinen Patronus gesehen und die Schatten haben dich auch nicht angegriffen.“ Dann ein Kopfschütteln. „Aber das du Tränke braust und meine Bücher ließt - dazu der Kuss.“ Letzteres hatte er anscheinend nicht laut sagen wollen, wie der entsetzte Gesichtsausdruck bewies, der sogleich hinter einer Maske der Gleichgültigkeit versteckt wurde.
„Äh“, murmelte Harry und versuchte sich zu fassen. Es war ja nicht so, als wäre es der erste Kuss gewesen. Trotzdem schien es ihm sicherer, das Thema zu umgehen. „Na ja,“ sagte er deshalb langsam und beobachtete ihn vorsichtig. „Ich hätte auch nie geglaubt, dass ich mich mal für Zaubertränke begeistern könnte.“ Einer jähen Eingebung folgend, beugte er sich vor, legte seine Hand seitlich an den Mund und tat, als wolle er ihm ein Geheimnis zuflüstern: „Es macht mir sogar richtig Spaß!“
Die Zeit wirkte wie eingefroren, Harry hielt den Atem an und fragte sich, was in ihn gefahren war. Solche Art von Scherzen machten sie eigentlich nie! Wie würde der andere reagieren?
Plötzlich ein Zucken um Severus` Mundwinkel. Dann sagte er mit einem amüsierten Unterton: „Mister Potter, sind Sie etwa im Fieberwahn? Ich sollte Sie wohl zu Poppy bringen!“ Er machte sogar Anstalten, Besagtes in die Tat umzusetzen.
Harry lachte erleichtert auf, musste kurz an seine Drohung von vor ein paar Stunden denken und überging es. Schließlich scherzten sie hier nur. Und sollte der Ältere sich eine andere Reaktion erhofft haben, ließ er es sich nicht anmerken. Wieder lachte Harry ihn voller Zuneigung an. „Es hat sich herausgestellt, dass ich gerne neue Dinge lerne, die einen praktischen Nutzen für mich haben.“ Er kam näher. „Seit ich mir wegen Voldemort keine Gedanken mehr machen muss, genieße ich es sogar!“
Diesmal funkelte es in den dunklen Augen auf. „Du bist doch ein Vielsaftler!“, warf Severus ihm vor, ihre Blicke trafen sich, hielten sich fest. Schlagartig änderte sich die Atmosphäre, wirkte wie aufgeladen. Harry schluckte und machte einen Schritt zurück. Nein, er durfte sich nicht wieder verführen lassen!
Severus` Gesichtsausdruck wandelte sich, wurde ernster. Er sah zu den Fenstern hinüber. Stille machte sich breit.
„Hast du so auch begonnen dich für Blutmagie zu interessieren?“, fragte er unvermittelt. Seine Stimme ungewöhnlich rau. Ein Räuspern. „Du weißt, dass sie gefährlich ist!?“ Nun wurde er leidenschaftlicher, eindringlich. „Sie wurde nicht grundlos von jeglichem Lehrplan verbannt! Auch aus der der Aurorenakademie, wenn ich recht im Bilde bin!“
Nun war es an Harry überrascht zu sein, er stürzte sich auf ein Detail, das ihn stutzen ließ. „Woher kennst du den Lehrplan der Aurorenakademie?“
Severus` Gesicht wurde leer. Er schien keine Antwort geben zu wollen.
„Du weißt, dass ich nie ohne deine Erlaubnis in deinen Geist eindringen würde, oder?“, fragte Harry da. Er hatte ihn schon so oft dabei beobachtet, wie der andere urplötzlich verstummte und sich für einen Angriff wappnete. Nicht immer hatte er den Mut, ihn darauf anzusprechen. Schließlich waren Erinnerungen damit verbunden. Schmerzhafte Erinnerungen, für sie beide. „Du musst es mir nicht sagen, weißt du“, sagte er sanft. „Es ist nicht nötig zu lügen. Sag mir einfach, dass du nicht darüber sprechen möchtest. Das ist ok.“
Hatten sie gerade noch aneinander vorbei geschaut, hob der andere nun den Kopf und sah ihm direkt in die Augen. Es war wie ein Stromschlag. Harry schluckte. Diesmal war die Anziehung fast übermächtig! Dabei trennten sie gute fünf Meter! Und doch wurde ihm jegliches Detail seines Gesichts bewusst. Fremdartig, vertraut und so unfassbar einnehmend! Und während er die erstaunlich langen Wimpern wahrnahm, spürte er ein Flattern in seiner Magengrube. Nicht auch das noch! Er musste widerstehen! Denk an deine Mutter! Denk an seine Freundin! , beschwor er sich selbst. Und doch fühlte er sich wie ein Kaninchen im Angesicht eines Raubtiers. Ich will das nicht! , dachte er mit aller Macht und kämpfte dagegen an. Wir müssen echt reden!
„Du bist nicht der Einzige, der Informationen gesammelt hat“, drang Severus´ Stimme wie von fern an sein Ohr. Sie klang belegt, als habe er sie tagelang nicht mehr benutzt.
Machtvoll entriss Harry sich dem Sog dieser Augen. Es bereitete ihm fast körperlich Schmerzen, er wollte etwas ganz anderes! „Informationen“, murmelte er träge. Stand er vielleicht unter einem Bann oder so? Lag es an Severus` Augen, seiner neuen Gestalt? Gingen damit gewisse Fähigkeiten einher?
Ein Läuten riss ihn aus seinen Überlegungen. Beide Männer fuhren auf, Harry drehte sich um. Es musste die Haustür gewesen sein! Er runzelte die Stirn. Waren das die Auroren?
Severus erhob sich gemächlich. „Das sind deine Kollegen!“, sagte er nüchtern, sah an ihm vorbei. „Geh du vor! Ich brauche etwas Zeit, weil ich den Trank nehmen muss.“ Er wirkte ein wenig steif, als er Harry umrundete und aus dem Zimmer stakste.
Verwirrt blickte dieser ihm hinterher und ärgerte sich darüber, wie schnell der Ältere sich gefangen hatte. Oder hatte er das gar nicht nötig? Spürte vielleicht nur Harry diese starke Anziehung? Er schluckte bei dem Gedanken, der ihm vorhin gekommen war. Aber das war gar nicht möglich, oder!? Und hätte Severus es ihm nicht gesagt, ihn gewarnt, wenn es so wäre?
Hat er das vorhin nicht? , fragte ihn ein leises Stimmchen. Er ging wie in Trance den Flur entlang auf die Haustür zu. Nein, das war doch totaler Unsinn! So etwas gab es gar nicht! Selbst Voldemort hatte das nicht gehabt! Seine Macht hatte nichts mit Naginis Fluch zu tun gehabt!
Vorsichtig spähte er aus einem der kleinen Fenster neben der Tür. Es waren tatsächlich seine Kollegen. Er atmete tief durch, ordnete seine Gedanken und drückte schließlich die Klinke herunter. Die Tür schwang auf.
Hinter sich hörte er Schritte. Das musste Severus sein.
„Merlin sei Dank!“, rief da eine blonde Aurorin aus und warf sich stürmisch auf Harry. „Ich bin so froh, dass es dir gut geht!“ Ihr üppiger Busen drückte sich an ihn, sie hauchte ihm einen Kuss auf die Wange. Er dagegen war wie erstarrt. Übelkeit stieg in ihm auf.
„Monica, was fällt dir ein!“, zischte Pansy, packte die Frau an ihrer Robe und zerrte sie von ihm weg. „Tut mir leid Harry“, machte sie ein gequältes Gesicht und hielt sie eisern auf Abstand. „Wir mussten sie mitnehmen. Sonst wären wir zu wenige gewesen.“
!!!!! Die kurvige Blondine mit der zierlichen Figur und den lockigen, langen Haaren war regelrecht besessen von ihm! Irgendwann war es so ausgeufert, dass er begann, sich vor ihr zu fürchten. Sie verfolgte ihn auf Schritt und Tritt, tauchte überall zufällig auf und stellte sich regelmäßig als seine Freundin vor. Schlimmer waren nur ihre Avancen. Wenn sie ihn plötzlich küsste oder ihm um den Hals fiel, wie eben. Er fühlte sich dann völlig hilflos und wusste nicht, wie er reagieren sollte.
Anfangs hatte er es mit Höflichkeit und Vernunft versucht, danach mit einem festen Griff und energischen Worten. Doch es hatte alles nichts genützt. Sie belästigte ihn weiter, bis ihn seine Freunde darauf ansprachen. Manche genervt, andere besorgt. Bei Hermine und Ron war er dann mit der Wahrheit herausgeplatzt. Er schämte sich immer noch, obwohl er wusste, dass es nicht seine Schuld war.
Schlussendlich hatte man sich auf regelmäßige Therapiesitzungen und einer inoffiziellen Abstandsregelung geeinigt. Sie wollte ihren Job nicht verlieren und er wollte keinen Presserummel. Egal wie die Wahrheit auch sein mochte, für ihn würde dadurch alles noch schlimmer werden. Zum Glück waren seine Kollegen eigentlich ganz gut darin, ihn vor ihr abzuschirmen. Nun ja, Ausnahmen gab es immer. !!!!!
Er schluckte. Alles war in Ordnung! Er kam damit klar. Es würde ihm bald wieder gut gehen! Er atmete tief durch.
„Mister Snape“, drängte sich jetzt Robards durch die Auroren und nickte dem Tränkemeister knapp zu. Snape war, ohne dass Harry es bemerkt hatte, neben ihn getreten. Seine Miene war so ausdruckslos, wie die Öffentlichkeit es von ihm gewohnt war.
Ein wölfisches Grinsen breitete sich auf den Zügen seines Chefs aus, tarnte nur notdürftig seinen Widerwillen. Gepresst sagte er: „Erfreut Sie wohlauf zu sehen, Sir! Darf ich davon ausgehen, dass man Sie weder gefangen, noch gefoltert hat? Mein Untergebener hat Sie gut geschützt!?“ Er musterte Severus genauer. Harry musste nicht hinübersehen, um zu wissen, was er sah. Einen gänzlich unversehrten Mann, während Harry eindeutige Kampfspuren aufwies. Was Tränke alles möglich machten.
„Der Retter hat in der Tat seine Pflicht erfüllt, ja“, kam die kühle Antwort. Harry schmunzelte in sich hinein. Eigentlich kümmerte es ihn nicht groß, dass sein Chef es ständig nötig hatte, ihn herabzusetzen. Er tat es allein, um sich selbst besser zu fühlen. Aber es war durchaus nett, von Snape verteidigt zu werden!
„Folgen Sie mir ins Haus, ich berichte ihnen alles“, fuhr der andere fort. Überrascht hob Harry die Augenbrauen. Das war ungewöhnlich! Er drehte sich zu Severus herum. Wie steif er aussah. Was hatte er vor!?
Robards schien das ebenfalls nicht erwartet zu haben, zögerte.
„Bringen wir es hinter uns!“, deutete nun Harry ins Innere und machte Anstalten vorauszugehen. Jemand musste schließlich den Anfang machen!
„Du nicht!“, erklang es schneidend, er stockte. Es dauerte eine volle Sekunde, bis er registrierte, wer gesprochen hatte. „Nur dein Chef und ich!“ Severus` Miene glich einer leblosen Maske. Harry verstand die Welt nicht mehr. Dann ging sein Vorgesetzter an ihm vorbei, grinste triumphierend. Er hatte es schon immer gehasst, dass nicht er, sondern Harry bei Snape ein- und ausgehen durfte!
Er versuchte ruhig zu bleiben und sich nicht provozieren zu lassen. Wut würde hier nichts bringen! Wenn der Tränkemeister ihn ausschließen wollte, würde ihn so schnell nichts mehr umstimmen!
Während er noch vor sich hinstarrte, spürte er plötzlich etwas an seiner Robe zerren und stolperte seitwärts nach hinten. Dabei wäre er fast die Stufen hinuntergefallen, wenn Ron ihn nicht festgehalten hätte. Ein lauter Knall und die Haustür, welche eben noch offengestanden hatte, war ins Schloss gefallen. Robards und Severus waren verschwunden.
„Viel netter ist er aber nicht geworden“, zischte Ron nun, er war bei Harry stehen geblieben und blickte mit ihm auf die geschlossene Tür. „Er wird nicht aufmachen, wenn wir klingeln, oder?“
„Nein“, brummte Harry verärgert. Ihm war nicht ganz klar, ob Severus lediglich seine Fassade beibehielt oder ob er ihm aus dem Weg gehen wollte. Er seufzte. Diesmal kam es ihm nicht gerade ungelegen. Er brauchte dringend etwas Abstand!
„Ok, Leute“, sagte er laut. „Gehen wir in den Garten. Ich erzähle euch alles!“ Er stieg die Stufen hinab und blickte sich um. „Hoffentlich konntet ihr mindestens ein paar von den Feiglingen erwischen!“
-
Genüsslich biss Harry in seinen Himbeer-Cupcake und genoss die abendliche Luft. Er hatte es sich auf einem Klappstuhl im Garten seiner Freunde gemütlich gemacht und besah sich das bunte Treiben um ihn herum. Leise Musik erklang aus dem magischen Radio, Platten mit Kanapee und Törtchen schwebten umher. Es war längst nicht so voll, wie er befürchtet hatte.
Als sein Blick an seinem besten Freund haften blieb, betrachtete er ihn eingehender. Der Rothaarige krümmte sich gerade vor Lachen. Er schien seine Party in vollen Zügen zu genießen. Harry seufzte.
Er würde es ihm gönnen, wenn er den Abend nicht fast ausschließlich mit einer Person verbringen würde. Und das war nicht Hermine! Pansy Parkinson kicherte laut und drehte eine Haarsträhne um ihren Finger, während sie sich an einem Baum abstützte. Das kurze Kleid mit dem ausgestellten, karierten Stoff berührte Rons Hose, so dicht standen sie beieinander. Harry biss sich auf die Unterlippe.
Diese Freundschaft bereitete ihm zunehmend mehr Sorgen! Zwar hatte er sie nie beim Flirten ertappt, aber sie waren fast den ganzen Tag zusammen. Selbst in ihrer Freizeit! Da musste er sich schon fragen, wann Ron denn etwas mit Hermine unternahm?. Sie lebten zwar in einem Haus, aber der heutige Abend sprach Bände!
„Besorgt?“, hauchte ihm eine tiefe Männerstimme ins Ohr und eine Hand packte mit festem Griff seinen Oberarm. Harry drehte den Kopf.
Blaise Zabini schenkte ihm einen intensiven Blick. Sein Gesicht war so nah, dass er seinen Atem auf der Haut spürte. „Und?“, raunte er, „immer noch standhaft? Zumindest du bist doch Single.“ Er legte eine Hand auf Harrys Oberschenkel, strich so weit nach oben, dass diesem um ein Haar ein Stöhnen entwichen wäre. Zum Glück gab es da eine lange Decke auf seinem Gartentisch, die neugierige Augen fernhielt.
„Zabini“, krächzte er und räusperte sich, bevor er die Hand mit einem Ruck entfernte. Das ging entschieden zu weit! Dabei war er sich ziemlich sicher, noch nie einen schöneren Mann gesehen zu haben. Und das war noch reichlich untertrieben! Perfekt, ja absolut makellos, traf es besser!
Er sah in die geheimnisvollen, gold-braunen Augen. Nicht zum ersten Mal. Ja, man konnte in ihnen versinken. Er atmete aus. Andere mochten dabei den Verstand verlieren, er konnte nur an Severus denken. Verflixt! Das konnte doch wohl nicht wahr sein!
Er sprang so plötzlich auf, dass Blaise um ein Haar ins Wanken geraten wäre. Natürlich schaffte er es irgendwie, sogar dabei elegant auszusehen. Harry atmete tief durch. „Entschuldigung! Aber du weißt, wie ich darüber denke!“, sagte er entschlossen. Der andere erhob sich geschmeidig.
Bei seinen Bewegungen musste Harry immer an einen Puma denken. Überhaupt passte der Vergleich wie die Faust aufs Auge. Vor drei Jahren war der große Mann mit der dunklen Haut, dem durchtrainierten Körper und den umwerfend hohen Wangenknochen wie ein Phantom wieder aufgetaucht. Und ein halbes Jahr später hatte er schon Dutzende von Kontakten geknüpft und wurde auf jede Party eingeladen. Früher war er nur kalt und unnahbar gewesen. Unfassbar arrogant dazu! Heute war er lockerer. Obwohl er immer in einem Anzug unterwegs war, versprühte er Charme und hatte für jeden ein offenes Ohr. Und dabei sprach er wenig, bewegte sich fast lautlos und war jederzeit zur Stelle, wenn er gebraucht wurde.
Harry hatte sich schon oft über ihn ärgern wollen, schaffte es jedoch nie. Dafür war der Mann zu anständig. Obwohl er schamlos flirtete, sich in alles einmischte und einem den letzten Nerv rauben konnte, gehörte er zu den zuverlässigsten Menschen, die Harry kannte. Selbst das Ministerium hatte schon mehrmals seine Hilfe in Anspruch nehmen müssen. Nachdenklich kniff Harry die Augen zusammen, betrachtet ihn stumm. „Seid ihr alle so, ihr Slytherins?“, fragte er laut. „Ihr macht mich echt fertig!“
Der große Mann lächelte flüchtig, dann wurde er ernster, musterte Harry. „Wer macht dir Sorgen?“, wollte er wissen. „Muss ich jemandem den Kopf zurecht rücken?“ Ein Grinsen. „Oder ein bisschen Geld zukommen lassen?“
Nun musste Harry schmunzeln. „Bei dem würde dir das nichts bringen! Er hat dich schneller von deinem Grundstück entfernt, als du Hallo sagen kannst!“
„Ah!“, ein wissendes Leuchten trat ihn die warmen Augen. „Es geht um Severus, oder?“ Das brachte Harrys Blut in Wallung, er schob das Kinn vor.
„Du nennst ihn beim Vornamen? Wieso das?“
Sein Gegenüber grinste. „Du hast damit ein Problem?“
Harry biss die Zähne zusammen. „Das kommt ganz darauf an“, presste er hervor. Der Gedanke, der Tränkemeister könnte Zabini ebenfalls geküsst haben oder vielleicht sogar – er wollte es sich wirklich nicht vorstellen!
Es überraschte ihn selbst, wie wütend ihn allein diese Möglichkeit machte! Aber er musste ruhig bleiben! Blinder Zorn war hier nicht angebracht! „Wieso – nennst du ihn so?“
Die Miene des anderen wurde ernster. „Wie sollte ich ihn sonst nennen? Mister Snape?“ Er zuckte die Achseln, seine Augen folgten jeder von Harrys Bewegungen. „Das wäre doch etwas deplatziert. Er ist mein bester Geschäftspartner und Kunde.“
„Severus?“, fragte Harry verwundert, dann dämmerte es ihm. „Klar, jemand muss seine Produkte ja vertreiben, wenn er nie sein Grundstück verlässt!“
„Genau“, nickte sein Gegenüber, behielt ihn weiter im Blick. „Warum behagt es dir nicht, wenn ich ihn beim Vornamen nenne? Du, als sein langjähriger Freund, tust es sicher auch?“
„Ja.“ Harry sah weg. Er wollte nicht mit ihm erörtern, dass der Tränkemeister erst seit Kurzem keine Einwände mehr dagegen hatte.
Jäh kam ihm ein Gedanke, der noch erschreckender war, als der Letzte. Schnell sah er auf, nun seinerseits ihn beobachtend. „Weißt du , warum er wie ein Einsiedler lebt?“ Es war verrückt, wie sehr er auf ein Nein, hoffte! Denn sonst würde es bedeuten, dass Severus ihm längst nicht so sehr vertraute, wie er immer geglaubt hatte!
Jetzt machte der andere einen Schritt auf ihn zu, griff nach seiner Hand und drückte sie. „Nein, Harry“, sagte er mit einem milden Lächeln. „Aber du verstehst sicherlich, dass ich auch nicht darüber sprechen würde, selbst, wenn ich es wüsste!“
Harry sah in die braunen Augen, versuchte, in ihnen zu lesen, wie Blaise es sicher bei ihm tat. Er fand nur Ehrlichkeit vor.
„Du magst ihn sehr“, murmelte dieser da. „Ich sollte es wohl lassen, dich weiter anzugraben.“ Harry erstarrte.
Verfluchter Slytherin! Hatte er gerade seine Gedanken gelesen!?
Diesmal wurde seine Hand getätschelt. „Schon gut, ich behalte das für mich. Du kennst mich ja!“ Ein Mundwinkel hob sich ein Stück, er wirkte plötzlich melancholisch. „Falls du es dir anders überlegst, du weißt, wo du mich findest!“
Harry entzog ihm die Hand. „Nein, danke!“, fauchte er, versuchte sich zu zügeln, während seine Magie unter seiner Haut brannte und jeden Moment auszubrechen drohte. Das war einfach zu viel! Er hatte zu viel mitgemacht! „Ich habe dir von Anfang an gesagt, dass das eine Grenze ist, die du nie überschreiten darfst!“, herrschte er ihn mit mühsam unterdrückter Stimme an. Er kochte vor Wut. Ohne ihn noch eines Blickes zu würdigen, ging er um ihn herum und rauschte in Richtung Haus davon. Das leise: „Harry, bitte warte!“, beachtete er nicht weiter.
In ihm brodelte es noch, als er die Küche betrat und sich gerade daran machen wollte, seine Wut am Abwasch auszulassen. Schnelles Zaubern mit vielen Bewegungen half immer, er hielt inne. „Hermine?“
Seine beste Freundin saß im hintersten Eck ihrer Küche am Tisch, ein Glas in der Hand und ein Buch vor sich liegen. Ihre Augen jedoch waren in die Ferne gerichtet. Erst vermutete Harry, dass sie über etwas nachdachte, dann überkam ihn so eine Ahnung.
Langsam drehte er sich um, sah zu den großen Fenstern hinüber, die ihr genau gegenüber lagen. Sie boten einen wundervollen Ausblick hinaus in den Garten. Und fast genau in einer Linie zu ihrem Sitzplatz stand ein niedriger Apfelbaum. Harry schnappte nach Luft. Pansy strahlte gerade Ron an, der wieder mal aus vollem Hals lachte.
„Sie verstehen sich wirklich gut, oder?“, fragte Hermine leise. Harry drehte sich zu ihr um. Zu seiner Verblüffung waren da keine Tränen, ja nicht einmal Schmerz oder Misstrauen.
„Jaaa“, sagte Harry langsam und näherte sich ihr. Er spürte seinen eigenen Zorn schwinden und wie sich seine Magie beruhigte. „Sie haben nie geflirtet oder so! Sonst hätte ich es dir sofort gesagt!“, verteidigte er sich sogleich. Er fühlte sich in dieser Sache ziemlich zwischen seinen Freunden hin- und hergerissen.
Sie drehte den Kopf und lächelte ihn an. Es war ein herzliches Lächeln, dass auch ihre Augen erreichte. „Ich weiß, mein Lieber! Willst du dich setzen?“
Harry lächelte erleichtert zurück. „Gerne!“
Kurze Zeit später hatte er es sich am Tisch bequem gemacht. Ein Glas Wasser stand vor ihm. Seit der Sache mit Severus war er sehr vorsichtig mit Alkohol geworden. „Macht es dir nichts aus?“, fragte er rundheraus. Wenn sie schon selbst das Thema angeschnitten hatte, war es besser, endlich mal darüber zu reden.
Sie hob die Schultern. „Du sagst, sie sind Freunde, also was solls! Ich kann ihn doch nicht ständig kontrollieren!“ Dann seufzte sie. „Außerdem kennst du ihn doch! Er verliebt sich ständig in jemanden!“
Harry war schockiert. „Was!?“
Sie lachte. Es klang etwas gequält. „So ist er halt, sein Interesse flammt schnell auf, verschwindet aber genauso schnell wieder. Also, was solls! Ich bin diejenige, die er wirklich liebt! Und es ist ja nicht so, als ob er mich je betrogen hätte! Oder Harry?“ Eine Spur Unsicherheit klang in ihrer Frage mit.
Dieser schüttelte eilig den Kopf, noch immer mit dem Geständnis beschäftigt. Ja, sicher, ihm war durchaus bewusst, dass Ron manchmal tagelang über irgendeine Frau quasselte, allerdings hörte er da nie so genau zu. Ron ließ sich halt schnell beeindrucken, das wusste er! Aber verliebt, sagte sie!? So einer war er doch gar nicht! Oder?
„Hat er das zu dir gesagt?“, fragte er schließlich. „Das er verliebt ist?“ Schnell fügte er hinzu: „Mir gegenüber jedenfalls nicht!“
„Ach Harry“, seine Freundin lachte, klang dabei fast wieder unbeschwert, „du bekommst solche Sachen ja kaum mit, weil du ein völlig anderer Liebestyp bist!“
Er runzelte die Stirn. „Was meinst du damit?“
Sie lächelte und nahm einen Schluck Rotwein. „Du, Ron und ich verlieben uns alle unterschiedlich schnell und auf andere Art.“ Ihre Hand spielte mit dem Stil ihres Glases, fuhr auf und ab. „Er ist der Typ, der hauptsächlich aufs Aussehen anspringt.“ Eine Pause. „Deswegen kann ihm jede schöne Frau den Kopf verdrehen.“ Ihr Gesichtsausdruck wurde wehmütig. „Erinnerst du dich daran, wie es damals bei uns mit dem Ball war?“ Harry schluckte, nickte.
„Ja“, murmelte er mit belegter Stimme. Es war schon so lange her, aber den Abend würde auch er nicht vergessen! Und das nicht nur wegen Hermine und Ron. Wie jung er damals gewesen war, wie unerfahren!
„Ich wusste schon damals, dass es nicht leicht mit ihm sein würde, aber ich habe ihn geliebt und es war mir egal!“ Ihre Finger wurden fahrig. „Ich liebe ihn noch und meistens kümmert es mich nicht! Liebe und Verliebtsein sind schließlich zwei verschiedene Dinge.“ Ihre Hand schloss sich fest um den Stil ihres Glases.
„Aber?“, fragte Harry sanft.
Sie hob die Achseln, einen schwer zu deutenden Ausdruck im Gesicht. „Was wird passieren, wenn ich mich in einen anderen verliebe?“
„Oh“, entkam es Harry. Das war eine Wendung, mit der er nicht gerechnet hatte! „ Du hast dich in einen anderen verliebt!?“
Sie sah ihn kurz an und dann wieder zur Seite. „Ich – das habe ich nicht gesagt!“ Sie schluckte. „Aber verstehst du, wenn ich mich verliebe, dann ist es ernst! Dauerhaft und viel gefährlicher“, ein zittriger Atemzug. „Ich bin ein Typ, dem in erster Linie der Charakter wichtig ist. Und ich brauche ein wenig Zeit. Aber Verliebt sein, führt bei mir immer zu Lieben. Im Gegensatz zu Ron.“
„Hm“, Harry lehnte sich in seinem Stuhl nach hinten und betrachtete sie. Sie konnte um den heißen Brei herumreden, wie sie wollte, aber er war mit ihr aufgewachsen, er konnte zwischen den Zeilen lesen. „Du verliebst dich also gerade in jemanden!“ Sie wurde weiß.
„Das habe ich nicht gesagt!“, zischte sie erneut und sah sich um, als erwarte sie, belauscht zu werden.
Harry schmunzelte. „War auch nicht nötig!“ Dann betrachtete er sie nachdenklich. „Du willst also damit sagen, dass du im Gegensatz zu Ron nicht einfach so über dieses Verliebtsein hinwegkommst, weil es bei dir kein Strohfeuer ist.“ Auf ihr empörtes Gesicht hin verbesserte er sich schnell: „Hypothetisch gesehen, natürlich!“ Sie wirkte besänftigt, nickte und begann, einen Scone zu zerpflücken.
Nachdenklich starrte Harry vor sich hin. Er wusste absolut nicht, wie er diese neuen Informationen finden sollte! Und er schämte sich ein bisschen. In den letzten Monaten war er so beschäftigt mit sich und der Arbeit gewesen, dass er die Probleme seiner Freunde gar nicht wahrgenommen hatte! Gleichzeitig fragte er sich, ob Ron das überhaupt wusste!? „Und Ron“, wollte er deshalb wissen, „habt ihr mal darüber gesprochen?“
Seine Freundin verzog das Gesicht und blickte anschließend auf die Tischplatte. „Ich weiß nicht, wie“, gestand sie. „Wenn ich auch nur andeute, dass wir Probleme haben, weicht er mir aus oder überhäuft mich mit Geschenken.“
Harry zog nun ebenfalls eine Grimasse, ja, dass klang ganz nach Ron!
„Sag mal“, begann er zögernd, versuchte sie abzulenken, weil sie nun so unglücklich wirkte: „Du hast gesagt, ich wäre noch mal ein anderer Liebestyp?“ Einerseits war es ihm unangenehm, darüber zu sprechen, aber vielleicht würde es ihm helfen, sich selbst besser zu verstehen!? Und wen sollte er sonst fragen? Sie war immerhin eine der wenigen, denen er uneingeschränkt vertraute. Seine Schwester, die er nie gehabt hatte. Er lächelte sie an. „Erklärst du es mir?“
„Ach Harry“, erwiderte sie das Lächeln, beugte sich vor und strich ihm über die Wange. „Mein Lieber. Du und ich sind uns zwar recht ähnlich, aber du brauchst bedeutend mehr Zeit als ich und legst deutlich mehr Wert auf den Charakter! Das macht es umso schwerer für dich.“ Sie gab ihm einen Kuss auf die Wange. „Es ist Segen und Fluch gleichermaßen!“
Harry holte tief Luft. Da könnte sie recht haben! Auch wenn ihn das nicht wirklich weiterbrachte!
„Da seid ihr ja!“ Rons Stimme zerschnitt die Luft und klirrte vor Kälte. Hermine wich von Harry zurück. Langsam drehten sie sich zur Tür um.
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Bis nächsten Mittwoch,
Feerja