Demaskiert
Demaskiert
„Ich bring dich um!“, Ron legte seine Hände um Harrys Hals und drückte zu. Harry starrte ihn fassungslos an. Wie hatte es so weit kommen können!? „Ich hasse dich! Ich habe dich schon immer gehasst!“
„W-was?“, keuchte Harry betroffen. Der Griff um seinen Hals verstärkte sich. „Was!?“, krächzte er erneut, völlig geschockt und riss die Augen auf. Ein lautes Klopfen ertönte. Ein Krächzen. Er drehte irritiert den Kopf. Eine Eule flog durch den Raum. Er war plötzlich in der Eulerei in Hogwarts.
Während er noch zu verstehen suchte, spüre er wieder, wie etwas gegen seinen Hals drückte. „Du bist tot!“, zischte ihm Ron ins Ohr. Diesmal war das Klopfen lauter und es krächzte eindeutig eine Eule. Er versuchte sich umzusehen, was sich als schwierig herausstellte, da er keine Luft mehr bekam. Poch, Poch, Poch. Ungeduldig klang es, füllte seine Ohren. Er rang nach Luft und schlug die Augen auf.
Um ihn herum war es dunkel. Etwas war um seinen Hals gewickelt. Er griff danach, zerrte. Eine Decke!? Wie bitte!? Wo war er? Was war los?
Poch, Poch, Poch! Da klopfte jemand an ein Fenster. Eine Eule?
Ruckartig setzte er sich auf. Es war ein Traum gewesen. Nur ein dummer Traum! Trotzdem musste er eine Hand an die Brust legen, massierte sie, weil es weh tat. Ron hasste ihn! Das war Fakt und nicht nur Fantasie! Es tat verdammt weh! Dabei hatte er doch gar nichts falsch gemacht ...
Nun warf sich etwas gegen das Fenster und Harry sprang auf. Das war aber eine hartnäckige Eule! Die brachte es noch fertig, ihm das Glas zu sprengen!
Er öffnete die Vorhänge, schloss geblendet die Augen und rief: „Alohomora!“ Jetzt musste sie nur noch leicht gegen den Rahmen drücken und –
Ein leises Quietschen ertönte, begleitet von einem hektischen Geflatter. Ein deutlich empörtes Schuhuhen folgte. Wieder flatterte es. Er öffnete ein Auge und wurde Zeuge, wie die Eule sich auf seinem Bein niederließ. Auf seiner Bettdecke! Er zog eine Grimasse. Zwar war er nicht der ordentlichste, aber das ging ihm doch etwas zu weit!
Jedoch sah sie sehr entschlossen aus. Sie zu verjagen, wäre wohl keine gute Idee.
„Darf ich?“, sagte er deshalb und griff nach einem Lederbeutel, der fest an ihren Bauch geschnallt war.
„Eine Zeitungseule? Um die Zeit?“, murmelte er überrascht, als er den Inhalt begutachtete. Umsichtig legte er das zusammengerollte Papier auf den Nachttisch. Dort war es aus dem Weg. Dann sah er sich um. Die Bezahlung. Ohne sie würde sie kaum wieder wegfliegen und er hätte gerne noch etwas Ruhe, bevor er zur Arbeit musste!
„Warte mal! Irgendwo habe ich Geld versteckt!“ Er kramte in den Schubladen, fand ein paar Münzen und steckte sie in das dafür vorgesehene Fach. „Danke!“, sagte er geschäftig, „möchtest du etwas trinken?“
Als sie daraufhin ihren Kopf an seiner Hand rieb und aufflatterte, zuckte er die Achseln. „Wie du willst!“ Sie gab noch ein leises Schuhu von sich und flog hinaus in den Morgen.
„Auf Wiedersehen“, murmelte er gedankenverloren, hob den Zauberstab und reinigte die Bettdecke. Warum sie so penetrant gewesen war? Das sah Eulen ihrer Zunft gar nicht ähnlich! Mit einem großen Schlenker seines Stabs schloss er das Fenster. Es war wohl an der Zeit aufzustehen. Müde nahm er die Zeitung in die Hand, schüttelte den Kopf. Was konnte nur so wichtig sein, dass es eine Sonderausgabe wert war?! Die Letzte war schon Jahre her!
Während er das Blatt entfaltete, bückte er sich nachlässig nach einem Kleidungsstück. Es war gestern ziemlich spät geworden. Er war todmüde gewesen und froh, ins Bett fallen zu können. Er seufzte und sammelte noch mehr ein. Vielleicht sollte er sich einen anderen Job suchen.
Weil sein Magen zu knurren begann, tappte er mit bloßen Füßen in die Küche. Die Zeitung und eine einfache Robe behielt er in der Hand.
„Guten Morgen“, brummte er in Kreachers Richtung und setzte sich an den Küchentisch. Wenn der Hauself anwesend war, bestand er immer darauf, dass Frühstück für ihn zu machen.
„Guten Morgen Meister“, nickte der alte Elf und ließ eine Karaffe mit Milch zu ihm schweben. „Kaffee ist bald fertig!“
„Danke!“, Harry lächelte ihn flüchtig an und griff nach dem Gefäß. Sie waren ein eingespieltes Team.
Währende er einschenkte, warf er einen Blick in das Klatschblatt. Bestimmt war es wieder so ein Unsinn! Wie damals, als man ihn geoutet hatte! Er starrte. Blinzelte. Was!?
Bei Gryffindors Unterhose, was sah er da!? Auch ein mehrmaliges Schließen und Öffnen änderte das Bild nicht! Das waren eindeutig Ron, Pansy, Agatha und William, die eine verdeckte Gestalt zwischen sich schweben hatten. Eine Person mit Handschellen gefesselt. So weit, so gut. Aber was hatte es mit der Angst auf ihren Gesichtern auf sich? Das war doch total verrückt!? Agatha und William waren alte Hasen. Er hatte diesen Ausdruck noch nie auf ihrem Antlitz gesehen!
Er holte Luft, senkte den Blick und widmete sich der Schlagzeile: Monsterhafte Kreatur auf Severus` Snapes Grundstück gefangen! Harry entglitt der Löffel. Er fiel mit einem Klirren auf die Tischplatte. Nein! Sie hatten doch nicht etwa – Nein!
Hastig ließ er seine Augen über die Zeilen wandern. Anscheinend hatte man die Edgecombe auf Severus´ Grundstück gefangen genommen. Sie sollte ihm ziemlich zugesetzt haben. Wie bitte!? Das war doch -
Ein silbriger Jack-Russell-Terrier sprang durch die Wand, wedelte mit dem Schwanz, dann erklang Rons Stimme: „Harry, komm sofort ins Ministerium! Wir haben etwas gefasst, das wie -“, ein Zögern, „Voldemort aussieht. Und wie Snape!“
Harry erstarrte. Er freute sich so, Rons Stimme zu hören, aber gleichzeitig verspürte er schreckliche Angst. Severus! Was war da los!? Er sprang auf. Der Mann brauchte ihn, ob er wollte oder nicht! Und das Ron ihn persönlich gerufen hatte, war doch ein gutes Zeichen, nicht wahr? Schnell zauberte er sich die Robe an, fuhr sich flüchtig durchs Haar und rannte aus dem Haus. Das: „Meister, Sie haben das Essen vergessen!“, hörte er nur mit halbem Ohr. Ein Zurück geb es eh nicht!
Er apparierte, Sekunden, nachdem er draußen ankam.
„Harry, da bist du ja endlich“, wurde er an der Schulter gepackt und kämpfte um sein Gleichgewicht. Das war nicht Ron!
Perplex drehte er sich um. „Minerva?“ Woher hatte sie gewusst, dass er hier sein würde!?
„Komm, wir müssen Severus helfen!“, befahl sie ohne Umschweife. „Oder es gibt eine Tragödie!“ Nun wurde ihre Miene streng. „Und wenn ihm etwas passieren sollte, dann garantiere ich für nichts!“
Harry hob die Augenbrauen. Anscheinend war sie so besorgt wie er selbst. Trotzdem sah man es ihr nicht an. Sie wirkte akkurat und gepflegt, wie immer. Schnell strich er ein paar Falten auf seiner Robe glatt.
„Kümmere dich später um dein Aussehen!“, fuhr sie ihn da an. „Jetzt musst du uns erst mal dort reinbringen!“ Sie dirigierte ihn energisch Richtung Ministeriumseingang. „Ohne dich wird man mich nicht durchlassen!“ Sie sah ihn scharf an. „Und wir sind uns doch darüber einig, dass wir Severus helfen müssen!?“
„Natürlich!“, nickte Harry energisch und wurde auf die Menschenansammlung aufmerksam, die sich um den Eingang scharte und die Auroren bestürmte.
„Harry, da ist Harry Potter!“, wurde er entdeckt. Viele wandten sich um. Langsam kam Bewegung in die Menge.
Er sah zu seiner Begleiterin. Sie hatte die Lippen aufeinander gepresst und den Rücken durchgedrückt. „Vorwärts mein Lieber!“, befahl sie energisch. Dann ging sie geradewegs auf die Menge zu. Harry folgte ihr zögernd. Er wagte zu bezweifeln, dass sie es bis zum Eingang schaffen würden. Es waren einfach zu viele!
Und er sollte recht behalten. Schon bald waren sie von Menschen umgeben. Es war kaum noch möglich, einen einzigen Schritt zu tun.
„Dafür haben wir keine Zeit!“, knurrte es neben ihm. „Sonorus!“ Plötzlich wirkte sie gebieterisch, fast schon ein wenig Furcht einflößend. „Meine Damen und Herren, ich werde Sie nur einmal höflich bitten aus dem Weg zu gehen!“ Ihr Blick glitt über beunruhigte Gesichter. „Ihnen dürfte doch klar sein, dass Unfälle passieren, wenn man Auroren bei ihrer Arbeit behindert!“ Die Drohung hinter ihren Worten war deutlich und die Wirkung sichtbar. Schon begannen sich einige hastig zurückzuziehen. Viele wirkten geschockt.
Harry musste an sich halten, um nicht breit zu grinsen. Die Frau hatte Mumm! Das hätte er ihr wirklich nicht zugetraut! Was eigentlich ziemlich dumm gewesen war. Immerhin war sie eine Gryffindor!
„Währen Sie also so freundlich, den Weg frei zu machen?“, fragte sie zuckersüß. Weitere Personen stolperten zur Seite. Es begann, sich eine Gasse zu bilden.
„Vielen Dank!“, nickte sie und eilte ohne Umschweife vorwärts. Harry beeilte sich, ihr zu folgen.
Der Rest war ein Kinderspiel. Und so standen sie schon recht bald vor der Aurorenzentrale, wo ein aufgeregter Robards ihn harsch begrüßte: „Na endlich! Wieso hat das so lange gedauert!? Ich bin davon ausgegangen, wenn Weasley Sie ruft, würden Sie schneller auf der Matte stehen!“
„Schulleiterin“, nickte er Harrys Begleiterin mit einem Stirnrunzeln zu und wandte sich wieder an Harry: „Sie sind in Begleitung? Hat Mister Weasley Sie denn nicht eingeweiht? Wir müssen zu den Arrestzellen! Dort haben Zivilisten nichts zu suchen!“
„Wie bitte!?“, rief Minerva entrüstet aus. Ihre Augen wurden schmal und die Nasenflügel bebten. Auch Harry verspürte einen schmerzhaften Stich in der Brust. Sie hatten einen schwer verletzten Severus in eine Gefängniszelle gesteckt? Hatten sie so große Angst vor ihm!?
Trotzdem sparte er sich seinen Atem. Bisher kannte er die Fakten nicht.
„Hach!“, stieß Robards nun aus und machte eine unbestimmte Geste. „Wenn Sie schon hier sind, Schulleiterin, kommen Sie auch mit! Wer weiß, am Ende können wir Sie noch brauchen!“ Dann wandte er sich an Harry. „Folgen Sie mir! Beide!“
„Ok Sir“, entgegnete Harry knapp.
Und wieder machten sie sich auf den Weg.
„Miss Edgecombe wurde verhaftet?“, fragte er, als sie anhielten und zu Atem kamen.
„Ja“, entgegnete sein Chef. „Sie verschaffte sich von einem der Muggelgärten aus Zutritt auf Mister Snapes Grundstück. Er bemerkte es noch vor den Auroren und kämpfte mit ihr. Angeblich wurde er schwer verwundet. Als die Kollegen allerdings am Kampfplatz eintrafen, war er verschwunden und sie bewusstlos.“
„Aah“, sagte Harry langsam. „Und das Monster?“
Sein Chef hob die Augenbrauen. „Sie haben den Tagespropheten gelesen.“
Harry hob nur die Schultern.
Ein Blick zu McGonagall, dann wieder zu ihm. „Mister Weasley hat Sie dahingehend informiert? Es hat tatsächlich große Ähnlichkeit mit -“, ,er zögerte, „Mister Snape und“, „diesmal schluckte er, „Du-weist-schon-wem!“
„Haa!“, schnaubte die Schulleiterin auf. „Und? Ist das etwa ein Grund, um ihn einzusperren!?“
„Wie bitte?“, entgegnete Robards, fuhr zu ihr herum. Er wirkte überrumpelt, sah zwischen ihnen hin und her. „Sie weiß davon!?“ Dann sah er sie direkt an. „Sie wissen von dieser - Bestie!?“
McGonagalls Augen weiteten sich. Ein Knurren entwich ihrer Kehle. „Bestie!? Wie können Sie es wagen!?“ Bevor Harry blinzeln konnte, hatte sie ihren Zauberstab gezogen und ihn so fest gepackt, dass ihre Knöchel weiß wurden. „Sprechen Sie nie wieder so respektlos über ihn! Verstanden!? Severus Snape ist nichts dergleichen!“
„S-S-Snape?“, stammelte Robards, in seine Augen trat Entsetzen. „Wollen Sie etwa sagen, es handelt sich nicht um ein Wesen, dass seine Gestalt angenommen hat? E-Er ist es selbst und verwandelt sich in Du-weißt-schon-wen?“
Minerva warf ihm einen verächtlichen Blick zu. „Unsinn!“ Schnaubend wandte sie sich an Harry: „Wir verschwenden nur unsere Zeit mit ihm! Wo sind die Zellen!? Beeilung! Wir dürfen nicht zu spät kommen!“ Sie blickte sich um. „Wenn er nicht korrekt gepflegt wird, stirbt er!“
„Was!?“, entfuhr es Harry erschrocken. Dass es so Ernst war, damit hatte selbst er nicht gerechnet! Ihm wurde ganz schlecht bei der Vorstellung! Irgendwie hatte er sich daran gewöhnt, dass Severus alles überleben konnte. Es schien immer genug Zeit zu sein, um - um was? , meldete sich ausgerechnet jetzt seine innere Stimme.
„Harry!“ Er hob den Kopf. Vielleicht sollte er sich mit dieser Frage befassen, aber erst musste er Severus` Leben retten! Und er marschierte wieder los.
Es war nicht so, als habe er nicht an Severus gedacht. Eigentlich machte er das ständig. Was ihn ganz schön beunruhigte. Warum musste es ausgerechnet der Mann sein, der in seine Mutter verliebt gewesen war!?
Automatisch hielt er an einer Tür, es war die Richtige. Dann sah er zu McGonagall, die ihm auf dem Fuß gefolgt war. Robards hatten sie hinter sich gelassen. Es zahlte sich eben aus, wenn man regelmäßig trainierte. „Wirken normale Tränke und Zauber nicht bei ihm?“, wollte er von ihr wissen. Hatte Severus deshalb so vieles in diese Richtung erforscht? Seine Bücher waren voll davon!
Er hörte seinen Chef keuchen. Er schnappte mehrmals nach Luft. „Mister Potter, warten Sie!“, rief er. „Erklären Sie mir das!“
„Nein, er braucht ein paar Sonderzutaten, sonst sind sie wie Gift für ihn“, raunte Minerva ihm zu. Sie schien sehr erpicht darauf, dass niemand sie hörte.
„Ich verstehe“, entgegnete Harry. Er beachtete seinen Chef nicht, der ein Knurren von sich gab und sich keuchend näher schleppte. Es mochte Konsequenzen haben, aber das war ihm gerade egal!
Entschlossen riss er die Tür auf und betrat den Vorraum zu den Zellen.
„Miles, wo ist der Mann, der wie Voldemort und Snape aussieht!?“, fragte er, kaum, dass er den Raum betreten hatte. Der Kollege mit der gebräunten Haut war ungewöhnlich bleich im Gesicht und deutete stumm auf eine der Türen. Seine Hand legte sich, man konnte fast meinen, es wäre Zufall, auf seinen Zauberstab. Er umfasste ihn. „Bist du sicher, dass du da reinwillst!?“
„Ja!“, lächelte Harry ihn an. „Danke!“ Er stockte kurz, sah zu Minerva, die durch das Glas der Zellentür spähte. „Du musst keine Angst haben, weißt du? Er ist harmlos!“ Dann wirbelte er herum und ging zu ihr.
„Mister Potter, Professor McGonagall, wissen Sie wirklich, was Sie da tun?“, fragte sein Vorgesetzter schnaufend und schob sich durch die Türöffnung.
„Selbstverständlich!“, wischte die Schulleiterin seine Bedenken beiseite und positionierte sich dicht neben Harry. „Öffnen Sie schon diese Tür, Mister Potter!“ Sie hatte ihren Zauberstab gezückt und wirkte, als würde sie sich auf das Schlimmste vorbereiten. Das machte Harry jetzt richtig nervös!
„Sofort“, nickte er beklommen und legte seine Hand auf eine quadratische, weiße Fläche in der Türmitte. „Portus aperiri!“ Die Tür sprang auf.
„Immerhin etwas!“, murmelte Minerva, die als Erste die Zelle betrat. Im Inneren sah es eher wie in einem Krankenzimmer aus. Der Raum war ganz in Weiß gehalten und irgendwo piepsten Kontrollzauber vor sich hin. Seitlich an einer Wand stand ein eisernes Bett, welches mit weißen Laken, Bettdecke und Kissen versehen war. Ein sehr bleicher Mann ruhte darin.
„Severus!“, rief die Schulleiterin aus und hastete auf ihn zu.
Harry folgte ihr langsam. Natürlich war er darauf vorbereitet gewesen. Trotzdem nahm es ihn ganz schön mit! Es war eben eine andere Sache, es mit eigenen Augen zu sehen. Severus Snape in einer Gefängniszelle im Krankenbett. Er schluckte. Das war so falsch, dass er keine Worte fand!
Wie fremd er aussah. Trotz seiner markanten Hakennase. Obwohl er ihn doch inzwischen kannte, konnte er sehr gut nachvollziehen, wie es hatte zu diesem Missverständnis kommen können. Da musste er nur an seine erste Begegnung mit Severus´ derzeitiger Gestalt zurückdenken.
Entschlossen überwand er die letzten Meter und trat ans Bett. Hätte er nur nicht so lange gewartet, ihn wiederzusehen! Es war Wochen her. Aber Severus hatte auch keine Anstalten gemacht, oder? Nun ja, das tat er nie. Er seufzte und fuhr sich durchs Haar. Dann fiel ihm etwas ein, dass ihn die ganze Zeit beschäftigt hatte. Er beugte sich vor.
„Kann er eigentlich -, äh, hat er eigentlich -“, noch ein Stück zu Minerva hinüber, die Stimme ganz leise. „Hat er besondere Kräfte dadurch?“, wollte er wissen. Das ging Robards absolut nichts an, aber er musste Klarheit haben! Die Vorstellung, nur ein Spielball eines Zaubers zu sein, setzte ihm zu.
„Wie bitte!?“, zischte Minerva zurück. Ihr Gesicht war hoch konzentriert, ein weiß schimmernder Zauber perlte aus ihrem Stab, flog auf Severus zu und trat in seine Brust ein. „Fängst du jetzt etwa auch mit dem Unsinn an!? Fürchtest du dich vor ihm!?“ Sie sah nicht nur entrüstet, sondern auch enttäuscht aus.
„Nein“, versicherte ihr Harry sofort, sank in die Hocke und berührte Severus´ Arm. Er wurde verlegen. „Es ist nur, na ja.“ Was da genau zwischen ihnen los war, ging sie genauso wenig an! Doch andererseits, wie sollte er an Informationen gelangen? „Er hat so eine starke Ausstrahlung“, untertrieb er. „Ist es eine Form von Magie?“
„Harry, was meinst du!?“, entgegnete sie ungeduldig und drückte Severus ein Fläschchen an die Lippen. „Hilf mir mal!“
„Stopp!“, ertönte da eine scharfe Stimme vom Eingang her. Robards stand im Türrahmen. „Sie können ihm nicht einfach etwas geben! Er ist immer noch ein Verdächtiger!“
„Dummes Geschwätz!“, polterte Minerva und setzte ihr Tun fort. „Mister Snape wird sterben, wenn ich ihn nicht ordentlich behandle und wenn das passiert, Robards, dann Gnade Ihnen Gott!“ Ein ungeduldiger Blick zu Harry. „Und jetzt hilf mir endlich!“
„Äh, ja“, murmelte dieser und zog vorsichtig Severus´ Kinn nach unten, beobachtete seinen sich bewegenden Kehlkopf. Er trank. Ein Stechen machte sich in Harrys Brust breit, seine Augen wanderten über den totenbleichen Mann. Seine dunklen Haare wirkten tiefschwarz, klebten ihm an der Stirn. Kalter Schweiß bedeckte seine Haut. Die Augen waren tief eingefallen und hoben die schlitzartige Form noch deutlicher hervor. Ja, es war durchaus verständlich, dass man es bei seinem Anblick mit der Angst zu tun bekam. Im ersten Moment. Doch er wirkte eigentlich nur krank, hilflos und schützenswert. Harry musste schlucken. Das sollte Severus besser nie erfahren! Er würde es hassen!
„Wieso? Mister Potter!?“ Sein Chef konnte sich noch immer nicht dazu überwinden, näher zu kommen. „Ist es wirklich wahr? Wie kann das sein? Was ist mit ihm passiert!?“
„Er ist schwer krank“, sagte Harry leise, nahm seine Hand weg. Jetzt hieß es wohl warten, den Trank hatte er getrunken. Aber wieso war er überhaupt in diesem Zustand? Wie war es gekommen, dass er Edgecombe unterlag? Da stimmte doch was nicht!
„Wir brauchen jemanden, der sich mit seiner Krankheit auskennt“, sagte er an die Schulleiterin gerichtet. „Das wäre am Besten, oder? Ich will dir ja deine Kompetenzen nicht absprechen, Minerva, aber -“
„Schon gut!“, unterbrach sie ihn mit einer wegwerfenden Handbewegung. „Du hast Recht! Er braucht Poppy! Geh und hol sie! Ich passe derweil auf ihn auf!“
„Krank?“, fragte sein Vorgesetzter da. „Welche Krankheit soll das sein?“ Er hatte einen Schritt ins Zimmer gemacht und den Zauberstab gehoben. Harry sah ihn böse an.
„Wenn Sie es wagen sollten, ihm etwas zu tun -“, drohte er offen. Die Folgen waren ihm gerade egal!
„Mister Potter!“, stieß Robards sichtbar geschockt hervor, senkte jedoch den Stab. „Haben Sie mich gerade bedroht!?“ Er deutete auf die Schulleiterin. „Bei Ihr kann ich es noch ein stückweit nachvollziehen, ehemalige Kollegen, Ordensmitglieder, blablabla, aber Sie!? Wollen Sie mir etwa weismachen, dass an den ganzen Gerüchten was dran ist!? Heimliche Liebschaft?“, da war so ein Glitzern in seinen Augen, dass Harry gar nicht gefiel!
So unfähig der Mann manchmal wirken mochte, war er nicht umsonst in seiner Position. Er war ein überaus mächtiger Zauberer und das im doppelten Sinne! Er beherrschte nicht nur starke Magie, sondern hatte zudem noch gute Kontakte, die er geschickt zu nutzen wusste. Und wenn er sogar Zeugen hatte, konnte er auch einen Harry Potter zu Fall bringen! Erst recht, seit seinem Outing, dass vielen Menschen aufstieß. Trotzdem wäre es ihm vermutlich egal gewesen, wenn es nicht um Severus` Sicherheit gegangen wäre!
„Aber nein“, sagte er deshalb höflich. „Ich wollte Sie nur daran erinnern, dass wir keine Richter sind. Und soweit sich mir der Fall darstellt, hat Mister Snape auch kein Verbrechen begangen, sondern war das Opfer. Und entspricht es nicht weiterhin den Tatsachen, dass er Miss Edgecombe für uns dingfest gemacht hat?“ Er stand zwar nicht immer auf diese ganzen Regeln und Vorschriften, aber er glaubte an das Gesetz und die Rechte jedes Lebewesens. Außerdem hatte er Hermine oft genug bei solchen Vorträgen zugehört!
„Wenn wir also einen Unschuldigen einsperren, wäre es der Aurorenzentrale nur abträglich, oder? Und das ist er doch, ein Unschuldiger?“ Er sah ihn abwartend an. „Oder ist es etwa strafbar, wie Voldemort auszusehen?“ Es zuckte in Robards Gesicht.
„Mister Potter“, knirschte er mit den Zähnen. Harry wartete. „Wenn Madame Pomfrey mir ebenfalls bestätigen sollte, dass dieser Mann keine Bedrohung für seine Umwelt darstellt, bin ich bereit, ihn in eine andere Zelle - Raum“, verbesserte er sich schnell, als Harry und Minerva ihm empörte Blicke zuwarfen, „verlegen zu lassen! Mehr kann ich Ihnen im Augenblick nicht zugestehen!“
Harry starrte ihn an, verzog dann sein Gesicht zu einem Grinsen. „Das wird unsere Rechtsabteilung lieben!“, schnurrte er. Er wusste genau, welche Tasten er bei dem Mann drücken musste! Sein Chef erstarrte.
„Drohen Sie mir etwa schon wieder!?“, knurrte er schließlich. Harry grinste noch breiter.
„Es käme mir nicht in den Sinn, Sir! Aber, wenn Sie erlauben“, sein Lächeln verschwand und wurde von Entschlossenheit ersetzt, „nur, um es der Abteilung leichter zu machen, werde ich Mister Snape nach Hogwarts begleiten. Dort kann er gleich richtig behandelt werden und sich in Ruhe erholen!“ Nun wich auch der letzte Hauch von Freundlichkeit aus seiner Stimme. „Das wäre das Sicherste für alle!“
Robards wurde rot, seine Kiefermuskulatur verhärtete sich. „Mister Potter“, zischte er. „Das könnten Sie noch bereuen! Ich werde es gestatten! Sie dürfen ihn sogar jetzt mitnehmen, aber Sie werden mir ein Dokument unterzeichnen, dass Sie die volle Verantwortung für ihn übernehmen!“ Seine Augen wurden dunkler, funkelten gefährlich auf. „Ich warne Sie! Jedes Gesetz, dass er übertritt, jeden Schaden, den er anrichtet, wird zu Ihren Lasten gehen!“ Er schnaubte. „Wollen Sie diese Verantwortung wirklich auf sich nehmen!?“ Minerva sprang auf.
„Ich mache das!“, rief sie mit blitzenden Augen. „Ich weiß genau, dass er ein guter Mann ist!“
Der Minister lachte kalt. „Oh, nein, Professor McGonagall! Ich kann ihn nur Auror Potter anvertrauen! Denn meiner Meinung nach ist er hochgefährlich! Das war er schon immer! Und mit diesem -“, er deutete auf den Mann im Bett. „Monsterding! Ist das Risiko stark gestiegen! Ich soll ihn nach Hogwarts lassen!? Mit Kindern!?“ Ein Kopfschütteln. „Nur, wenn Harry Potter mir garantiert, dass er auf ihn aufpassen wird!“
Harry starrte ihn an. Es wäre leicht, seinen Chef zu verteufeln, aber er spürte seine Angst, die echte Sorge. „Ist schon gut“, sagte er ruhig, trat wieder zum Bett und tätschelte Severus` Arm. „Ich bürge für ihn. Und ich schütze ihn!“ Ein langer Blick auf die leblose Gestalt. „Niemand wird verletzt werden!“
-
In der Krankenstation herrschte ein schummriges Zwielicht vor. Es warf Schatten auf Betten und Boden und ließ die weißen Vorhänge bläulich aufleuchten. Harry hatte es sich auf einem Sessel neben dem schlafenden Severus gemütlich gemacht. In der Hand hielt er ein Buch über neue Verhörmethoden, welches ihm jeden Augenblick zu entgleiten drohte, während er krampfhaft gegen den Schlaf ankämpfte.
Der Tränkemeister war bisher kein einziges Mal zu Bewusstsein gekommen, obwohl er laut Poppy körperlich fast wieder vollständig genesen war. Wie Ron und Pansy inzwischen herausgefunden hatten, war er von Miss Edgecombe, unter anderem, mit einem Crucio gefoltert worden. Das hatte die Analyse ihres Zauberstabs ergeben.
„Wie hat sie dich nur überrumpelt?“, fragte Harry leise. „Ausgerechnet dich? So eine gute Zauberin ist sie doch gar nicht, oder?“
Ein Stöhnen. Harry fuhr auf. „Severus!?“
Ein Schnauben, der Kranke blinzelte.
„Severus!“ Er setzte sich zu ihm aufs breite Krankenbett und legte ihm eine Hand auf den Arm.
„Harry?“, kam es rau. Ein Seufzen, dann öffneten sich seine Augen.
„Wie geht es dir?“, fragte Harry leise. „Ich habe mir solche Sorgen gemacht!“
„Hm?“ Seine Lider flatterten. „Geht so. Wo bin ich? Wieso bist du auf meinen Bett?“
Harry lachte auf. „Ich bin so froh, dass du lebst!“ Es fehlte nicht viel und er wäre ihm um den Hals gefallen. Allerdings bezweifelte er, dass Severus das zu schätzen wüsste. „Du bist in Hogwarts. Auf der Krankenstation.“
Ein leises Ächzen, der andere versuchte sich aufzusetzen und sank wieder zurück. „Was ist passiert?“
Nun seufzte Harry und nahm die Hand von Severus` Arm. Stattdessen schlüpfte er aus den Hausschuhen, hob die Beine an und setzte sich ins Bett. Er hätte es gerne schon früher getan, fand es aber unangemessen, solange der andere nicht protestieren konnte. Irgendwie vermittelte es ihm ein Gefühl von Sicherheit in seiner Nähe zu bleiben. Und er war so schrecklich müde!
Auf eine gehobene Augenbraue hin rutschte er ans Fußende, zog die Beine an. Dunkle Augen beobachteten ihn voller Skepsis. Es war ein Wunder, dass er nicht hinausgeworfen wurde! Damit hatte er eigentlich gerechnet, obwohl es ein breites Bett war. Aber allein, sich ein solches zu teilen, hätte ihn vor ein paar Tagen noch in Aufregung versetzt. Wahrscheinlich würde er es morgen schon bereuen! Er hob den Kopf. Jetzt war er bereit sich seinen Fragen zu stellen!
„Was?“, hob der andere an. Er sah verwirrt aus. Ein Gesichtsausdruck, den Harry noch nie bei ihm gesehen hatte. Er machte den Mund auf, schloss ihn wieder. Endlich fragte er: „Warum bin ich hier, Harry?“
Dieser stieß einen neuerlichen Seufzer aus und lehnte sich an die hohe Fußlehne. „Das wüsste ich auch gerne, Severus! Edgecombe hat dich angegriffen und dich übel zugerichtet! Wieso!?“, er klang etwas anklagend, aber das Ganze war ihm einfach ein Rätsel. Er hatte geglaubt, vor Sorgen wahnsinnig zu werden, während er die letzten Tage fast jede Minute an diesem Bett verbracht hatte und alle Möglichkeiten durchgegangen war! Die Einzigen, die Sinn machten, jagten ihm Angst ein. Er ließ ihn nicht aus den Augen. „Also, wie konnte das passieren?“
Eine Emotion huschte über das Gesicht des Tränkemeisters, aber es war zu dunkel, um sie zu erkennen. „Hat mich kalt erwischt“, sagte er nach ein paar Sekunden, die Stimme eigentümlich flach. „Ich war ausgepowerd und hatte kaum noch Kraft.“ Dann drehte er tatsächlich den Kopf weg.
Harry starrte ihn an. „Ausgepowert?“, fragte er langsam. War das sein Ernst!? „Von was?“ Er glaubte ihm kein Wort! Als ob die Magie dieses Mannes sich so leicht erschöpfen lassen würde! Und erst recht nicht von der Edgecombe! Harry selbst hatte letzte Woche gegen sie gekämpft. Es war ein Kinderspiel gewesen! Wenn es für ihn so einfach war, müsste Severus erst recht kein Problem gehabt haben! Er verzog das Gesicht.
Wieso hatten sie sie nur wieder laufen lassen müssen!? Ein Praktikant hatte einen Fehler gemacht, der die ganze Beweiskette kontaminiert hatte. Und somit war die Anklage hinfällig gewesen. Er fuhr sich über das Gesicht. Das Schlimmste war allerdings, dass sie tatsächlich zur Presse gelaufen war und eine hanebüchene Geschichte erzählt hatte. Das würde ihrer Abteilung noch monatelang Probleme bescheren! Er starrte finster vor sich hin.
„Wieso ist von Bedeutung, wie sie es geschafft hat?“, kam die ruhige Frage. „Sie hat mich angegriffen und schwer verletzt. Das ist doch eine solide Anklage wert, oder?“ Der andere ließ seine Rückenlehne ein Stück hochfahren, sodass sie sich besser ansehen konnten. „Sie hat sogar den Crucio verwendet! Da bleibt sie glücklicherweise lange von der Straße runter. Ihr habt sie doch verhaftet, oder?“ Seine Stimme klang seltsam geschäftsmäßig. Harrys Ahnung schien sich zu bestätigen und das bereitete ihm Bauchschmerzen. Denn es hörte sich ganz so an, als habe Severus sich absichtlich angreifen lassen! Er traute ihm sogar zu, einige seiner Schutzzauber abgeschwächt zu haben, damit sie es auch ja zu ihm schaffte! Er schluckte. Hatte der Mann sterben wollen? Auf jeden Fall hatte er diese Möglichkeit billigend in Kauf genommen. Bei dem Gedanken spürte er seine Augen feucht werden und eine Gänsehaut kroch ihm über den Rücken. Er zupfte an der Bettdecke. Fragen konnte er ihn leider nicht, denn auch Harry würde vor Gericht aussagen müssen! Und wenn die Wahrheit ans Licht käme, wäre alles umsonst gewesen!
„Also“, sagte er gedehnt und versuchte sich nichts anmerken zu lassen. „Der genaue Ablauf ist schon von Bedeutung! Miss Edgecombe muss ja korrekt angeklagt werden. Da ist jedes Detail wichtig und alle Teile sollten zusammenpassen!“ Er sah ihn vielsagend an. Irgendwann würden sie sich deshalb gewaltig streiten, denn er billigte diese Vorgehensweise absolut nicht! Aber es war nun einmal geschehen und Severus hatte sie zu nichts gezwungen, so viel war sicher! Im Prinzip hatte er ihr nur eine Falle gestellt. Trotzdem war es besser, wenn dieses Detail keine Erwähnung fand.
„Hm“, murmelte der andere. Er sah nachdenklich aus. „Ich verstehe. Meine Erinnerungen sind noch verschwommen. Ich werde es dir mitteilen, sobald ich mich an alles erinnere!“ Sobald du dir alles passend zurecht gelegt hast, meinst du wohl! , dachte Harry. Da zeigte sich wieder Severus´ Talent. Weder am Gesicht, noch an seinem Tonfall war zu erkennen, dass er log.
Er hob den Zipfel der Bettdecke an und schob seine Beine darunter. Als er sie ein wenig ausstreckte, streifte er Severus` Füße. „Sorry.“ Er gähnte unter vorgehaltener Hand, überlegte. Es war wohl am besten, wenn sie das Thema wechselten.
„Wieso bist du in meinem Bett?“, fragte der andere plötzlich. Auch er schien dieselbe Idee gehabt zu haben. „Das ist doch kein Traum, oder?“ Er musterte Harry eingehend. „Nicht, dass ich von so etwas träumen würde ...“ Wirkte er verlegen? Schwer zu sagen, aber wahrscheinlich bildete er sich das nur ein. Severus dachte bestimmt nichts dergleichen! Er stieß ein hohles Lachen aus.
Die Geschehnisse steckten ihm zu tief in den Knochen, als das er sich amüsieren könnte, egal auf welche Weise. „Kein Traum, Mister Snape“, sagte er lapidar. „Das hier ist alles echt.“ Er sank in sich zusammen und versuchte den Zipfel der Decke möglichst gut um sich zu wickeln. Wenn er hier schlafen würde, bekäme er es wenigstens mit und könnte eingreifen, wenn der andere wieder etwas Gefährliches täte! Laut sagte er: „Bitte lass mich noch ein bisschen hier drin bleiben, ja? Ich bin so müde!“
Eine Augenbraue hob sich. „Und was spricht gegen die ganzen Betten um uns herum? Die leeren Betten, wohlgemerkt!“
Diesmal stöhnte Harry auf. „Ich schaffe keinen einzigen Schritt mehr!“, behauptete er. Das stimmte vermutlich sogar! Dazu waren seine Gefühle enorm in Aufruhr. Es war schließlich nicht Severus allein, der ihm Sorgen bereitete und wach hielt. Seine besten Freunde hatten sich übelst zerstritten, Ron sprach nicht mal mehr mit ihm!
Deshalb war er vor ein paar Tagen auch so glücklich gewesen, seine Stimme über den Patronus zu hören. Er biss sich auf die Unterlippe. Wie lange würde diese Eiszeit noch anhalten?
Jäh fühlte er sich beobachtet und hob den Kopf. Dunkle Augen glitten über ihn, verbargen nicht, dass er gründlich analysiert wurde. Und Harry war auch nicht in der Lage, sich hinter Gleichgültigkeit zu verstecken.
„Keine Ausreden“, sagte sein Gegenüber ruhig, da war eine Wärme in seiner Stimme, die ein Stück Anspannung aus Harrys Gliedern vertrieb. „Sag mir die Wahrheit, dann kannst du bleiben.“
„Wirklich?“, fragte Harry überrascht und blinzelte mehrmals. Damit hatte er absolut nicht gerechnet! Sein Herz schlug schneller, er lächelte ihn an. Das war einer der Gründe, warum er diesen Mann so mochte! Und dann erzählte er ihm alles.
„Ah, so ist das!“, nickte Severus und vergrößerte die Decke, damit Harry sich besser einwickeln konnte. „Sie hat ihn also aus dem Haus geworfen?“
„Ja“,nickte Harry und starrte kummervoll vor sich hin. „Als er uns so angegangen ist, nur wegen einem Kuss auf die Wange, ist sie ausgerastet.“ Er hob die Schultern. „Sie haben sich gestritten, wie nie zuvor! Ich habe zwar einen Stille-Zauber auf den Raum gelegt, aber manche Gäste haben trotzdem etwas mitbekommen. Und na ja“, er zog eine Grimasse. „Es hat nicht unbedingt geholfen, dass ich die Party frühzeitig beendet habe.“ Er zuckte die Achseln. „Aber was sollte ich machen?“
„Und jetzt wissen es alle?“
Harry legte den Kopf auf seine Arme, er hatte sich zu einer Kugel zusammengerollt. „Ron hat darum gebeten, Pansy weiter anlernen zu dürfen und nimmt sie jetzt mit auf Außeneinsätze. Mir geht er aus dem Weg und grüßt mich nicht mal mehr, obwohl unsere Tische im Büro direkt nebeneinander liegen!“ Er fühlte sich so elend deswegen! Seine besten Freunde waren sein Sicherheitsnetz gewesen, seine Familie, sein Halt. Und jetzt brach alles Stück für Stück auseinander!
„Ich weiß einfach nicht, was ich tun soll!? Ich kann mich nicht mal entschuldigen, schließlich habe ich nichts getan!“
Er hörte Severus einen tiefen Atemzug tun. „Ich war mir immer sicher, du und Hermine würdet ein Paar werden, wenn die beiden sich je trennen sollten.“ Harry traute seinen Ohren nicht, sah auf.
„Wie bitte?“ Er schüttelte den Kopf. „Wieso? Keiner von uns hat romantische Gefühle für den anderen!“ Er stöhnte. „Wieso glauben das immer alle!?“ Zwei Augenbrauen hoben sich, an sich schon ein deutliches Zeichen.
„Ist dir bewusst, wie du über sie redest? Man kann kein Gespräch mit dir führen, ohne, dass du dich bewundernd über sie äußerst.“ Der andere sah ihn wieder auf diese Weise an, so forschend, jede Reaktion beobachtend. Seine Stimme war allerdings völlig neutral gewesen. Harry schluckte.
„Wirklich?“, fragte er schließlich. Er wusste nicht recht, was er darauf erwidern sollte. War es denn so schlimm? Er hatte irgendwann damit angefangen, weil es Menschen in der Zauberergesellschaft gab, die Hermine geringer schätzten, nur weil sie eine Muggelgeborene war. Vielleicht hatte er es ein wenig übertrieben? Aber wieder war es dasselbe wie mit Severus, die Leute spannen sich ihre eigenen Geschichten zusammen!
Er ließ sich mit dem ganzen Körper zur Seite fallen. Mann da hatte er echt - „Aua!“
Füße wurden unter ihm weggezogen und ihm ein finsterer Blick zugeworfen. „Ist das der Dank dafür, dass du in meinem Bett bleiben darfst!?“ Harry blinzelte ihn erschrocken an. Er hatte gar nicht bemerkt, dass Severus´ Füße ihm so nahe gewesen waren!
„Entschuldige!“, er hob eine Hand unter der Decke hervor und tätschelte selbstvergessen die eingewickelten Gliedmaßen. „Ich wollte dir echt nicht weh tun!“ Dann starrte er vor sich hin. „Weißt du, Hermine, leistet halt so viel und ich habe den Eindruck, die Menschen bekommen das oft gar nicht mit!“ Er blinzelte zu ihm hinüber. „Sie rennt ja nie herum und reibt den Leuten unter die Nase, was sie so alles macht. Sie tut einfach was nötig ist und beschwert sich nie!“
Die Züge des anderen verhärteten sich. „Wenn du dich Ron gegenüber auch immer so äußerst, ist seine Eifersucht durchaus verständlich!“ Er zuckte die Achseln. „Seine Schwärmereien, so nenne ich sie mal, würde ich vermutlich auch nicht ertragen, aber das lässt sich ja nicht steuern!“
Harry starrte ihn an. „Bist du etwa auf seiner Seite?“, fragte er schließlich ein wenig patzig. Ihm war nie der Gedanke gekommen, dass Ron seine Äußerungen über Hermine aufstoßen könnten. Er hatte ihm doch nur verdeutlichen wollen, wie glücklich er sich schätzen konnte, sie zu haben!
„Jetzt wirst du kindisch“, erklärte Severus lakonisch. „Es gibt hier keine Seiten, Harry. Und warst du es nicht, der die Wahrheit von mir gefordert hat?“ Harry musste seufzen. Natürlich hatte der andere recht!
„Aber wieso kann er uns nicht einfach glauben, dass wir nicht so füreinander fühlen!?“ Das war es schließlich, was ihn und Hermine so traf!
Ein langer Blick. „Ist das dein Ernst!?“ Wenn überhaupt möglich, wurde der Blick noch intensiver. „Weil man selbst manchmal nicht weiß, was man eigentlich fühlt.“ Harry starrte ihn an. Sein Herz hatte begonnen, wie wild zu hämmern. Weil man es selbst nicht weiß. Ja, er hatte schon recht, manchmal wusste man es erst spät, vielleicht sogar zu spät! Er schluckte. Und dann musste man auch noch den Mut dazu aufbringen dazu zu stehen!
„Glaubst du mir denn, dass ich keine romantischen Gefühle für sie habe?“, fragte er leise. Bei ihr war er sich absolut sicher! Ein marginales Zucken.
„Ich?“ Severus` Adamsapfel bewegte sich. „Warum spielt das eine Rolle?“ Er schien den Blickkontakt abbrechen zu wollen, aber Harry wollte ihn nicht gehen lassen, intensivierte ihn nun seinerseits. Und konnte ein kleines Lächeln nicht verhindern, als er sah, wie der andere nachgab. Da war sie wieder, diese unglaubliche Anziehung. Er hatte sie unterschätzt! Harry leckte sich über die Lippen und ein Schauer durchfuhr ihn, als Severus` Blick sich auf seinen Mund heftete. Oh, nein, er war verloren!
„Meine Mutter“, hörte er sich plötzlich sagen und konnte es nicht glauben. „Hast du sie geliebt?“ Er hatte sich geschworen, dass er ihm nie wieder so nahekommen würde, ohne diese Frage zu stellen! Und er hatte es getan!
Sein Gegenüber verharrte, dann veränderte sich der Ausdruck in seinen Augen. Da waren Schmerz, Bedauern und Traurigkeit. „Harry“, sagte er schließlich leise. Ein tiefer Atemzug. Er öffnete wieder den Mund. „Also -“
Es klopfte an der Tür.
Beide Männer fuhren herum.
„Raus aus dem Bett!“, drängte Severus jäh. Harry starrte ihn an. Was!? Schon hob der andere den Zauberstab, ließ ihn schweben. Es klopfte erneut.
Gerade, als er unsanft ins Bett nebenan plumpste, klopfte es wieder.
„Herein!“, sagte Severus in gelangweiltem Ton und legte sich hin. Harry starrte ihn an. Wie machte er das!? Er musste zugeben, dass er es zu hassen begann! Gerade war es so schön zwischen ihnen gewesen, so vertraut und dann das!
„Mister Potter, Sir“, erklang eine piepsige Elfenstimme. „Sie wollten informiert werden, wenn es Neuigkeiten gibt!“ Ein Stocken, dann wurde in die Hände geklatscht. „Oh, wie schön! Ich sehe, Meister Snape ist wieder wach! Meister, ich freue mich ja so! Das muss ich sofort der Meisterin McGonagall erzählen! Sie wird außer sich sein vor Freude!“
Harry atmete tief durch und schämte sich dann ein bisschen. Vor lauter Erschöpfung hatte er ganz vergessen, die anderen über Severus´ Erwachen zu informieren!
Er erhob sich schwerfällig. Durch das tagelange Sitzen auf einem Stuhl tat ihm alles weh! „Schon gut“, sagte er deshalb und streckte sich. „Ich muss eh noch was erledigen, da kann ich es ihr selbst sagen! Bitte bleib du solange bei Mister Snape!“ Der Elf würde den Mann hoffentlich davon abhalten oder ihn wenigstens informieren, wenn Severus wieder leichtsinnig wurde!
Sein Blick wanderte zum Tränkemeister hinüber und für einen Moment sahen sie sich wieder in die Augen. In ihnen lag Bedauern. Aber weswegen? Er verspürte Traurigkeit und fragte sich, ob er es verwinden konnte, wenn er wirklich nur geküsst worden war, weil er an seine Mutter erinnerte. Denn eines spürte er mit Sicherheit, er hatte diesen Mann echt verdammt gern! Und er wusste nicht, wie lange er noch dagegen ankämpfen konnte!