11. Oktober – Das verlassene Heiligtum
11. Oktober – Das verlassene Heiligtum
Hallo zusammen,
hier die nächste Geschichte:
Datum: 11.10.2026
Fandom: Domina - Serie über Rom
Stichwort: Das verlassene Heiligtum
Die Idee, eine kleine Auszeit von Rom zu nehmen, war Livias Vorschlag gewesen.
Mittlerweile fragte sie sich jedoch, ob dies wirklich so passend gewesen war.
Sie und Gaius waren auf dem Weg zu einem Landgut. Das Wetter hatte sich merklich verschlechtert, und dichter Nebel hing zwischen den Bäumen.
Seit Tagen regnete es fast ununterbrochen, und so kamen sie mit ihrem Wagen nur sehr schwerlich voran. Der Weg war schlammig und von den vielen Rädern der anderen Wagen völlig zerfurcht.
„Wir hätten doch in Rom bleiben sollen“, bemerkte Livia leicht verärgert.
„Ich darf dich aber daran erinnern, mein Schatz, dass dies deine Idee gewesen war“, gab Gaius zurück.
„Das ist mir durchaus bewusst. Am besten hätten wir aber Pferde genommen und nicht diesen Wagen. Denn damit kommen wir noch schlechter voran.“
Genervt verschränkte sie die Arme vor der Brust und zog die Decke höher über ihre Beine. Was würde sie jetzt nicht alles für ein wärmendes Feuer geben.
Wie zum Beweis, dass das Wetter wirklich nicht besser werden wollte, begann es erneut zu regnen. Zuerst waren es nur wenige Tropfen, die auf das Wagendach fielen, doch bald wurden es immer mehr.
Da ihr Wagen nur mit einer dünnen Plane versehen war, dauerte es nicht lange, bis die ersten Tropfen ins Innere drangen.
„Wir sollten uns so schnell wie möglich eine Lösung überlegen“, meinte Livia.
Dem hatte Gaius nichts entgegenzusetzen. Auch wenn er der Kaiser von Rom war, lag es nicht in seiner Macht, über das Wetter zu bestimmen.
Der Wagen rumpelte weiter über die Straßen – wenn man diese überhaupt so nennen wollte. In der Ferne grollte der Donner, und Livia zog erneut ihre Decke enger um sich.
Der Ausflug zu dem Landgut war wirklich eine schlechte Idee gewesen.
Gaius schwieg einen Moment und gab dann dem Fahrer den Befehl, einen trockenen Platz zu finden.
Was auch immer dieser antwortete, Livia verstand es nicht. Dafür bog der Wagen irgendwann nach links ab, und sie fuhren weiter in den Wald hinein.
Der Wind peitschte den Regen ins Innere des Wagens, und Livia fluchte leise.
„Wir hätten in Rom bleiben sollen“, bemerkte sie trocken.
Gaius war klug genug, darauf nicht zu antworten.
Es dauerte nicht lange, bis der Wagen plötzlich zum Stehen kam.
„Was ist denn nun schon wieder?“, fragte die Frau des Kaisers verärgert.
Gaius öffnete die Tür und sah nach draußen. Selbst durch den Regen erkannte er den Umriss eines alten Tempels.
„Komm mit. Wir sehen uns den Tempel an. Vielleicht ist es dort drinnen sogar trocken.“
Damit reichte er seiner Frau die Hand, die sichtlich zögerte.
Doch der Wind trieb erneut Regen ins Innere des Wagens, und schließlich ergab sich Livia ihrem Schicksal. Immerhin war alles besser, als hier draußen nass zu werden.
Das Gebäude war halb verfallen. Efeu wuchs über die Mauern, und eine Tür gab es längst nicht mehr. Nachdem Gaius seine Wachen angewiesen hatte, in der Nähe zu bleiben, betraten die beiden das alte Heiligtum.
In der Mitte stand ein Altar, auf dem noch immer vertrocknete Blumen und einige Münzen lagen.
Gaius betrachtete die Opfergaben.
„Ich dachte, dieser Ort sei längst verlassen.“
„Das bedeutet nicht, dass niemand mehr hierherkommt“, antwortete Livia.
Sie trat näher an den Altar. Eine der Münzen glänzte im schwachen Licht, das durch die zerbrochenen Dachziegel fiel. „Diese hier ist neu.“
Gaius beugte sich ebenfalls hinunter. „Tatsächlich.“
Livia sah sich um. „Vielleicht war vor Kurzem jemand hier.“
Ein Donnerschlag ließ sie zusammenzucken.
Gaius bemerkte es und legte einen Arm um ihre Schultern. „Nur der Donner.“
„Ich weiß“, gab sie leicht verärgert zurück.
Livia wollte sich gerade von ihm lösen, als sie innehielt. „Gaius.“
„Was ist?“
Sie deutete auf den Altar. Eine der vertrockneten Blumen hatte sich bewegt.
Zumindest glaubte Livia das. „Hast du das gesehen?“
Gaius sah auf die Blume. „Nein, was denn?“
Livia ging näher heran. Da hörten sie ein leises Geräusch.
Ein leises Rascheln, welches nicht von draußen zu kommen schien, sondern aus dem Tempel.
Gaius griff instinktiv nach seinem Schwert und sah aufmerksam um.
„Wer ist da?“, verlangte er erfahren.
Nur das Prasseln des Regens sollte die Antwort sein.
Livia trat näher an ihren Mann heran. Dann flackerte plötzlich eine kleine Flamme auf.
Auf der anderen Seite des Altars brannte eine Öllampe. Gaius starrte sie an.
„Die war eben noch nicht da.“
Livia schluckte. „Nein.“
Ein kalter Luftzug strich durch den Tempel.
Und irgendwo hinter ihnen bewegte sich etwas.
Langsam drehte Gaius sich um. Doch dort war nichts.
Nur dichter Nebel, der durch den offenen Eingang in das alte Heiligtum kroch.
Livia sah ihren Mann an. „Ich glaube, ich möchte jetzt doch lieber zurück nach Rom.“
Gaius nickte.
„Zum ersten Mal heute sind wir uns vollkommen einig.“
Gemeinsam verließen die beiden den Tempel und Livia wurde das unbestimmte Gefühl nicht los, dass man sie beobachtete.
Sie war nur froh, als sie dann doch wieder in der Kutsche saßen.
Das nächste Mal würden sie nicht einfach so einen fremden Tempel betreten.
ENDE