12. Oktober - Das Geisterschiff
12. Oktober - Das Geisterschiff
Hallo zusammen,
hier die nächste Geschichte:
Datum: 12.10.2026
Fandom: Black Sails
Stichwort: Das Geisterschiff
Langsam wurde es dunkel, und man spürte deutlich, dass der Sommer vorbei war. Die Nächte waren kalt, doch daran störten sich weder Thomas Hamilton noch James McGraw.
Nach den Erlebnissen der vergangenen Jahre waren sie nach England zurückgekehrt – oder besser gesagt nach Schottland, denn hier hatte James ein Haus gekauft. Das Wetter war rau, und dennoch liebten es beide, auch wenn James manchmal das Meer vermisste.
Seit sie zurück waren, waren sie nicht wieder aufs Meer hinausgefahren. Immer wieder dachte James daran, was alles geschehen war. Er dachte an sein Leben als Captain Flint und an all die schlechten Dinge, die er getan hatte, nur weil er Thomas verloren hatte.
Heute zeigte sich der Herbst von seiner schlechten Seite. Ein Sturm zog über Schottland hinweg.
Wind und Regen peitschten gegen das kleine Haus. Das Feuer im Kamin schaffte es kaum, für genügend Wärme zu sorgen.
„Warum denkst du?“, fragte Thomas.
James trank einen kleinen Schluck von dem Rum, der auf dem Tisch stand.
„An früher. Und an ein Schiff.“
Er zögerte sichtlich. Zum einen wegen der Erinnerungen an die Karibik und zum anderen wegen des Schiffes.
Thomas hatte so viel ertragen müssen. Er war in Bedlam gewesen und hatte dort wohl die schrecklichsten Dinge erlebt, die James sich vorstellen konnte.
Der Alkohol brannte in seiner Kehle, als er daran dachte. Seine Finger schlossen sich fester um den Becher, und Thomas legte ihm eine Hand auf den Arm.
„Möchtest du darüber reden? Du musst mich nicht schonen, und das weißt du auch.“
Sie sahen sich an, und James lehnte sich an ihn.
Sein Thomas.
Der Mann, den er liebte.
„Ich weiß sehr wohl, dass ich dich nicht schonen muss. Du bist der stärkste Mann, den ich kenne, und darauf bin ich stolz. Stolz darauf, dein Partner zu sein.“
Thomas schluckte schwer, denn damit hatte er nicht gerechnet.
„Ich liebe dich auch“, sagte er leise.
James schenkte ihm ein Lächeln und holte schließlich tief Luft.
„Wenn du wirklich wissen möchtest, was ich damals gedacht habe, dann werde ich es dir erzählen.“
Er machte eine kurze Pause und stellte den Becher ab.
„Vor vielen Jahren, als ich noch neu in der Karibik war, begegneten meine Mannschaft und ich einem Geisterschiff. Ich glaube, anders kann man es überhaupt nicht nennen.“
Thomas sagte nichts und hörte aufmerksam zu.
„Das Meer war vollkommen ruhig, obwohl man einen Sturm angekündigt hatte. Wir fuhren durch dichten Nebel, und ich hatte den Befehl gegeben, langsamer zu fahren, da man kaum die Hand vor Augen sehen konnte.“
James Blick ging ins Feuer.
„Irgendwann tauchte ein anderes Schiff aus dem Nebel auf. Es gab keinen Wind, und auch die Segel bewegten sich nicht. An Bord konnten wir nicht einmal Laternen erkennen. Dennoch kam das Schiff langsam auf uns zu.“
James machte eine Pause, als müsste er sich sammeln.
„Wir konnten die Takelage erkennen. Von unserem Standort aus erschien das ganze Schiff vollkommen schwarz. Sogar die Segel waren schwarz. Aber auf dem Deck war kein einziger Mensch zu sehen.“
Thomas rückte ein wenig näher.
„Einer meiner Männer rief, ob die anderen Hilfe brauchten. Aber es kam keine Antwort. Die Männer bekamen es mit der Angst zu tun, und wir änderten den Kurs.“
James schüttelte langsam den Kopf.
„Das fremde Schiff änderte schließlich ebenfalls seinen Kurs und kam uns immer näher.“
Eine Weile schwieg er.
„Ich weiß selbst, wie verrückt das alles klingt. Aber ich hätte schwören können, dass ich in diesem Moment eine Gestalt an Bord gesehen habe.“
Thomas hielt den Atem an.
„Ich weiß nicht, wer es war. Und ich weiß auch nicht, was es war. Aber allein bei dem Anblick lief es mir eiskalt den Rücken hinunter. Wenig später fuhren wir aus dem Nebel heraus – und das andere Schiff war verschwunden.“
Eine ganze Weile herrschte Schweigen zwischen ihnen.
„Und du glaubst, es war ein Geisterschiff?“, fragte Thomas schließlich.
James dachte lange über die Frage nach.
„Wenn ich ehrlich sein soll, weiß ich es nicht. Damals kam es mir so vor. Heute sehe ich die Dinge ein klein wenig anders. Was aber nicht bedeutet, dass es nicht vielleicht doch ein Geisterschiff gewesen sein könnte.“
James schaute ins Feuer.
Thomas sagte nichts. Stattdessen zog er ihn an sich.
„Egal, was immer es gewesen sein mag. Ich bin sehr froh, dass dir nichts passiert ist und dass das Schicksal uns diese Zeit zusammen ermöglicht hat.“
Er lächelte.
„Außerdem ist das Wetter perfekt für eine kleine Gruselgeschichte. Ich hoffe nur, dass wir beiden keinem Geisterschiff begegnen.“
Jetzt musste sogar James lachen.
Sein Partner hatte die besondere Gabe, ihn immer wieder zum Lachen zu bringen, und er genoss dieses Gefühl.
Er drückte Thomas einen Kuss auf die Lippen und zog ihn an sich.
Draußen tobte noch immer der Sturm.
Doch hier drinnen war es warm.
Vielleicht war jetzt doch endlich alles gut.
Vielleicht hatten sie nun tatsächlich die Chance, ihr Leben gemeinsam zu genießen.
ENDE