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17. Oktober – Ein verlassener Friedhof

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17. Oktober – Ein verlassener Friedhof

Hallo zusammen,

hier die nächste Geschichte:

Datum: 17.10.2026

Fandom: Bodies

Stichwort:  Ein verlassener Friedhof

Das Wetter im ganzen Land hatte sich verschlechtert, und der Herbst war mit Macht über London hereingebrochen. Die letzten Tage und vor allem die Nächte waren ungewöhnlich kalt gewesen und hatten viele Menschen vor enorme Probleme gestellt.

Kohle war teuer, und der eigentliche Winter hatte noch nicht einmal begonnen. Viele der Armen froren jetzt schon. Detective Inspector Alfred Hillinghead fragte sich, wann die ersten Meldungen über einen Menschen eintrafen, der erfroren war.

Wenn sich das Wetter weiter verschlechterte und der Wind vom Wasser her über London zog, würde es sicherlich nicht mehr lange dauern.

Doch scheinbar hielt die Kälte auch die Diebe nicht von ihrem heimtückischen Werk ab.

„In eine alte Lagerhalle wurde wieder eingebrochen“, berichtete ein Kollege.

„Ich habe mehrere Meldungen über den Diebstahl von Decken und Kohle“, ergänzte ein anderer.

„Dann haben wir da aber noch die Leichen“, meldete sich ein Constable zu Wort.

Alfred hob den Kopf.

„Welche Leichen?“

Er saß gemeinsam mit zwei weiteren Detectives und einigen Constables bei der Besprechung. Es war wichtig, sich regelmäßig über die verschiedenen Fälle auszutauschen.

„Auf dem Brompton Cemetery. Dort wurden letzte Nacht wieder drei Leichen gestohlen. Die Nachtwächter trauen sich schon nicht mehr, ihre Runde zu gehen“, erklärte Killian Dove.

„Der Friedhof ist groß. Hat man nur frisch beerdigte Leichen gestohlen?“, hakte Alfred nach.

„Ja. Einer der Nachtwächter sagte, er habe einen großen Schatten gesehen. Und es hat etwas geknurrt.“

Der Constable schluckte.

„Es klang aber nicht wie ein Hund.“

Alfred seufzte ergeben. „Ich sehe es mir an.“

Es dauerte nicht lange, bis alle Aufgaben verteilt waren.

Bevor Alfred jedoch zum Friedhof aufbrechen wollte, machte er sich auf den Weg zu seinem Freund, dem Reporter Henry Ashe.

Er und Henry liebten einander, auch wenn niemand davon erfahren durfte.

Ihre Liebe war eine Sünde und ein Verbrechen.

Alfred war verheiratet und hatte ein Kind. Trotzdem riskierte er jedes Mal seine Freiheit, wenn er Henry traf. Ein Verdacht allein konnte genügen, um ihnen große Schwierigkeiten zu bereiten.

Doch Henry war der Mensch, bei dem Alfred für einen Augenblick vergessen konnte, wie gefährlich die Welt außerhalb ihrer kleinen gemeinsamen Momente war.

Als später dichter Nebel über London lag, machten sich die beiden gemeinsam auf den Weg zum Brompton Cemetery.

„Warum ausgerechnet hier?“, fragte Henry.

Alfred sah zu den dunklen Bäumen, die wie Schatten aus dem Nebel ragten.

„Es gibt viele andere Friedhöfe. Manche sind nicht einmal bewacht.“

„Vielleicht gerade deshalb.“

Der junge blonde Mann hatte sich sofort bereit erklärt, ihn zu begleiten. Außerdem konnte der Fall eine gute Geschichte für The Star, die Zeitung, für die Henry schrieb, ergeben.

Sie betraten den Friedhof.

Der Nebel verschluckte die Geräusche Londons.

Für einen Moment war nichts zu hören.

Dann kam aus der Dunkelheit ein tiefes Knurren.

Henry blieb stehen. Alfred griff instinktiv nach seinem Arm.

„Das“, flüsterte Henry, „war kein Hund.“

Zwischen den Grabsteinen bewegte sich ein großer Schatten. Und plötzlich bemerkte Alfred etwas.

Eines der Gräber war frisch aufgeworfen. Doch die Erde lag nicht neben dem Grab.

Sie führte als dunkle Spur mitten hinein in den Nebel.

„Was denkst du, hat diese Spur verursacht?“ Henry blickte zu seinem Freund, konnte aber kaum etwas erkennen. Auf dem Friedhof gab es natürlich keine Laternen, und so lag alles in tiefster Dunkelheit.

„Ich weiß es nicht. Aber ich denke, wir sollten es uns ansehen“, gab Alfred zurück.

Ihm war selbst nicht ganz wohl bei der Sache, doch er konnte jetzt nicht einfach umkehren. Das war etwas, das er mit seinem Gewissen nicht vereinbaren konnte.

Hand in Hand gingen die beiden Männer weiter und folgten der Erdspur bis zu einer alten, verfallenen Gruft. Den Namen auf der verwitterten Steinplatte konnten sie nicht entziffern.

Alfred blickte sich um, konnte aber nichts Besonderes erkennen. Nichts bewegte sich, und der Nebel verschluckte jedes Geräusch, als würde der Friedhof selbst den Atem anhalten.

„Hast du eine Waffe dabei?“, fragte Henry leise.

„Meinen Schlagstock. Sollte es sich hier allerdings um die gestohlenen Leichen handeln, werden wir beide wohl nicht viel ausrichten können.“ Alfred betrachtete das schwere Tor. „Trotzdem wäre es sinnvoll, einen Blick hineinzuwerfen. Danach könnte ich mit den Kollegen wiederkommen.“

So ganz wohl war ihm bei seiner eigenen Idee nicht. Als er Henry ansah, erkannte er, dass auch der junge Journalist wenig Lust hatte, die alte Gruft zu betreten.

„Vielleicht solltest du Hilfe holen“, schlug Alfred vor.

Doch der Blonde schüttelte sofort den Kopf. „Ich werde dich ganz sicher nicht allein lassen.“

Trotz der Situation musste Alfred lächeln. Es war vermutlich der denkbar schlechteste Ort für einen solchen Moment, aber er beugte sich vor und stahl Henry einen winzigen Kuss.

Wenn sie schon kaum etwas sehen konnten, würde sie hoffentlich auch niemand dabei beobachten.

Henry erwiderte den Kuss und drückte kurz seine Hand.

Dann nickten sie einander zu und stiegen die drei schmalen Stufen zur Gruft hinauf.

Zu ihrer Überraschung ließ sich das Tor problemlos öffnen. Nicht einmal ein Quietschen war zu hören.

Henry runzelte die Stirn.

„Hier kommt wohl öfter jemand her“, flüsterte er.

Ein Windstoß fuhr über den Friedhof und wirbelte die feuchten Blätter auf dem Rasen vor der Gruft durcheinander. Henry spürte, wie ihm eine Gänsehaut über den Rücken kroch. Aber Angst? Nein. Er würde ganz sicher nicht zugeben, dass er Angst hatte.

Gemeinsam betraten sie den Raum und blieben wie angewurzelt stehen.

Auf dem Boden lagen mehrere Gestalten. In der Dunkelheit konnten sie zunächst nicht erkennen, was sie vor sich hatten. Alfred zog eine Schachtel Streichhölzer aus der Tasche und entzündete eines.

Das kleine Licht flackerte auf.

Für einen Augenblick beleuchtete es die Gesichter der Toten.

Alfred wäre beinahe zurückgewichen. Neben ihm entwich Henry ein ersticktes Keuchen, bevor die Flamme erlosch und sie wieder in Dunkelheit gehüllt wurden.

Der süßliche Gestank der Verwesung hing schwer in der Luft.

Es waren die gestohlenen Leichen.

„Wir brauchen deine Kollegen“, raunte Henry. „Und zwar ganz dringend.“

Er klammerte sich an Alfreds Arm und hatte sichtlich Mühe, sich nicht zu übergeben.

„Lass uns gehen. Ich rufe Verstärkung.“

Kaum waren sie wieder ins Freie getreten, knackte in ihrer Nähe ein Ast.

Alfred schob sich augenblicklich vor Henry und zog seinen Schlagstock aus dem Gürtel.

Was auch immer sich hier herumtrieb, er würde seinen Freund verteidigen.

Im Nebel bewegte sich etwas.

Beide versuchten, die Umrisse zu erkennen, doch die Dunkelheit gab nichts preis. Henrys kalte Finger verkrampften sich ineinander.

Er hatte schon Schlägereien erlebt und sich auch nicht einschüchtern lassen, wenn die Polizei ihn wegen seiner Andersartigkeit hatte verhaften wollen. Aber was auch immer sich auf diesem Friedhof verbarg, es fühlte sich falsch an.

Böse.

Zudem machte es ihm eine Heidenangst.

Alfred erging es nicht anders. Er wünschte sich plötzlich, sie wären mit mehreren Männern hierhergekommen.

Erneut knackte ein Ast. Diesmal ganz in ihrer Nähe.

Beide wirbelten herum.

Zwischen zwei Grabsteinen schob sich eine dunkle Gestalt durch den Nebel. Sie war groß. Viel zu groß, um sich so lautlos bewegen zu können.

Dann erklang ein tiefes Knurren.

Alfred hob den Schlagstock.

„Lass uns gehen“, drängte er.

Diesmal widersprach Henry nicht.

Mit schnellen Schritten verließen sie den Friedhof. Erst als sie das Tor hinter sich gelassen hatten, wagte Henry wieder, richtig durchzuatmen.

Alfred verständigte seine Kollegen und meldete, dass sie die gestohlenen Leichen in einer Gruft gefunden hatten. Er bat sie, den Friedhof gründlich zu untersuchen und Verstärkung mitzubringen.

Natürlich würde Henry sich der Untersuchung anschließen. Das war eine Geschichte, die sich hervorragend verkaufen ließ. Die Menschen liebten schließlich gute Gruselgeschichten.

Nur ahnte Henry, dass das, was sie gerade erlebt hatten, nicht einfach eine Geschichte für The Star werden würde.

Alfred legte ihm eine Hand auf die Schulter.

„Alles in Ordnung?“

Henry nickte, obwohl er noch immer fror.

„Ja. Solange du bei mir bist.“

Für einen Moment sahen sie einander an. So vieles durften sie nicht sein. So vieles mussten sie verbergen. Und doch war Alfred der Mensch, bei dem Henry sich selbst in der dunkelsten Nacht sicher fühlen wollte.

Alfred drückte seine Hand ein letztes Mal, bevor sie sich auf den Weg zurück in die Stadt machten.

Der Nebel schloss sich hinter ihnen.

Und tief auf dem Friedhof erklang erneut ein Knurren.

ENDE