Der Arzt
Der Arzt
Noahs Sicht
Ich trat langsam durch die Tür der Arztpraxis. Wie ich den Geruch nach Desinfektionsmittel hasste...
Lloyd lief neben mir und sah sich aufmerksam um, tat mir jedoch den Gefallen, keinen Kommentar über die bunt gestrichenen Wände zu machen.
Ich spürte seine Präsenz neben mir und das war erschreckend...aber auch...beruhigend...
Was war mit mir los? Ich wollte es nicht wirklich wahr haben, aber ich hatte heute morgen komische Geräusche gemacht...das war...ein echtes Knurren gewesen...
Und das ich Lloyd so stark wahr nahm? Wieso kam mir heute alles so scharf vor? Als würde jede kleine Bewegung etwas auslösen...
Wieso hatte es mir so gefallen vor ihm auf dem Drachen zu sein...? War es weil ich mich überwunden hatte? Oder...weil er es war...?
Was denkst du denn?! Er war kein Grund. Nachdem alles geklärt war, würde ich in meine Wohnung zurück kehren und er würde seinen Ninja Job weiter ausüben.
„Was ist los?",fragte Lloyd leise, doch ich wunk ab. Als wäre die Besorgnis echt. Das war sie nie.
Wahrscheinlich war er zu jedem so.
Ich spürte wie ich meine Zähne aufeinander biss und sich etwas in mir regte.
Warum.juckt.mich.das?!
Ist doch egal wie er andere behandelt. Wäre nicht so als wäre er was besonderes.
Ich seufzte. Das war gelogen...er ist was besonderes...
Warum war diese Wut in mir aufgeflammt...? Hatte ich mich den gar nicht mehr unter Kontrolle?
Lloyd schob mich sanft an die Anmeldung. Vielleicht wollte ich ja im Gang stehen bleiben!
„Name?“,fragte die ältere Frau an der Anmeldung.
„Noah."
Sie tippte etwas und sah mich über ihre Brille hinweg an. „Nicht in der Datenbank."
Ich spürte wie es in mir brodelte. Wieso war ich so sauer...?
„Ich bin schon seit etwa drei Jahren hier, mein Name müsste in der Datenbank stehen.", grummelte ich verärgert.
Sie seufzte auf. „Junger Herr, ich kann Ihnen nicht helfen. Sie stehen nicht in der Datenbank."
Eine junge Dame trat aus dem Nebenzimmer. „Christine er steht noch unter Nora."
Ich hob überrascht eine Augenbraue. „Ich bin seit drei Jahren bei Ihnen, wieso ist mein Name nicht richtig?", fauchte ich gereizt.
Lloyd legte mir eine Hand auf die Schulter und schüttelte leicht den Kopf.
Ach sei doch still. Aber ich hielt mich zurück. Das sollte ich ihm nicht sagen.
„Ich denke mal am Anfang stand es noch anders und es hat nie jemand überarbeitet.", murmelte sie langsam. „Ich ändere es später ab, die anderen kannten Sie wahrscheinlich."
Ich verzog das Gesicht. Später war die Definition von nie.
Lloyd schob mich sanft aber bestimmend in den Warteraum, der bis auf ein junges Paar leer war.
Sie tuschelten miteinander, doch Lloyd schob mich auf einen Stuhl am Rand und ließ sich neben mich fallen.
Er lächelte und flüsterte:„Anscheinend bin nicht nur ich heute schnell gereizt."
Ich holte tief Luft und wich seinem Blick aus.
Er nahm vorsichtig meine Hand und lächelte sanft als ich ihn ansah. „Das ist nicht schlimm Wirbelwind. Ich verstehe das es dich reizt."
Mein Blick glitt zu unseren Händen und ich zog meine weg. „Ich fühl mich heute einfach nicht so."
„Kein Wunder. Du fängst an deine Kraft zu entfalten, das kann schnell zu Überforderung und dann zu Gereiztheit führen."
„Ich bin nicht überfordert!",knurrte ich leise.
Lloyd blinzelte mich langsam an. „Nicht ganz. Du vielleicht nicht, aber dein Unterbewusstsein. Und das ist nicht schlimm Noah. Das wird wieder."
Ich sah weg.
„Du bist sauer ohne Grund, reagierst schnell gereizt wenn dir ein Grund gegeben wird, obwohl du sonst eher still bist und du fühlst diese Zerrissenheit zwischen Nähe und Abstand noch stärker als sonst, hab ich Recht?"
Ich schwieg und er fing an zu kichern. „Keine Antwort ist auch eine Antwort. Wenn du mich brauchst bin ich da, wenn du keine Nähe willst, lass ich dir den Abstand, aber ich lasse dich nicht alleine."
„Ach sei still.",brummte ich und sah beleidigt an ihm vorbei.
Das andere Paar stierte uns an. Waren wir zu laut gewesen...?
Lloyd warf ihnen einen genervten Blick zu. „Gibts was?"
Der Mann sah uns überrascht an, schüttelte jedoch schnell den Kopf. Lloyd hatte eine einschüchternde Art wenn er es wollte...
Ich zuckte überrascht als die Klingel an der Tür ging. Wieso...war sie so laut heute?
Ich sah langsam zu Lloyd, doch als er meinen Blick erwiderte, rollte ich mit den Augen.
Lloyd schüttelte belustigt den Kopf. Doch er blieb still.
Ich zischte leise:„Ihr könntet mir wenigstens sagen was ich bin."
Lloyd schmunzelte. „Du bist du Wirbelwind. Und nichts ändert daran etwas."
Ich schnaubte spöttisch. „Hör auf mit den Weisheiten und sag es einfach. Du hast mich verstanden."
Lloyd sah stur aus dem Fenster. „Das ist nicht der Ort um das zu bereden..."
„Du beredest es nie mit mir! Und als ich Nya darauf angesprochen habe, war sie auch nur verwirrt."
Lloyd sah mich an, seine Augen leicht geweitet, sein Ton von Überraschung geprägt. „Du hast mit Nya darüber gesprochen?"
Ich musterte ihn nachdenklich. „Ja? Wieso auch nicht. Sie ist nett. Aber in dem Fall genauso hilfreich wie du."
Lloyd schüttelte den Kopf und musterte gedankenverloren den Boden. „Fuck..."
Ich knurrte und das Paar sah erneut überrascht zu uns.
„Was heißt 'fuck'?! Das ist keine Antwort auf meine Frage!"
Lloyd bedeutete mir sanft leiser zu sein. Ugh. Genau das sprach meine sture Seite an. Du willst das ich stiller bin? Ich kann noch viel lauter sein!
Ugh Noah reiß dich zusammen, wenn du ihn verärgerst ziehst du dich selbst mit...
„Du hättest es Nya nicht erzählen sollen... die anderen... wissen nichts davon.", murmelte Lloyd verlegen und ich sah ihn verständnislos an. „Dein Team weiß nicht mal Bescheid? Oh mein Gott wie soll ich dir vertrauen, wenn du sogar deiner Familie Sachen vor behältst?!"
„Erstens war das nicht meine, sondern Wus Entscheidung. Zweitens ist es besser für dich wenn sie nichts davon wissen und drittens würde das... zwischen uns nie so sein..."
Ich wollte weiter diskutieren, doch ich wurde aufgerufen. Lloyd stieß erleichtert die Luft aus.
Feigling. Kann es nicht mal mit mir aufnehmen?
Ich lief langsam in das Behandlungszimmer und mein Arzt stoppte die Drehbewegung von seinem Stuhl.
Und ich soll dem Vertrauen? Der sich bis eben noch wie ein Kind auf einem Drehstuhl gedreht hat?
Ich spürte Zweifel in mir hoch kochen und spürte ein leichtes Ziehen in meiner Brust.
Lloyd... ich nehme alles zurück, lass mich nicht alleine...
Der Mann lächelte leicht. „Setz dich ruhig."
Ich räusperte mich leise und zwang mich, mich auf den Stuhl zu zu bewegen.
Er lächelte mich an, kaum hatte ich gegenüber von ihm Platz genommen. Das war doch nicht mein Arzt oder...?
„Wie du vielleicht bemerkt hast, ist mein Bruder leider erkrankt und ich übernehme heute für ihn."
„Uhm... Sie sind aber schon ein Arzt oder?",fragte ich unsicher.
„Natürlich.",sagte er und zeigte beim Grinsen seine weißen Zähne.
„Setz dich bitte auf die Liege.", schmunzelte er und drehte mir den Rücken zu, während er in irgendeiner Schublade wühlte.
Ich musterte das ganze skeptisch, aber ich versuchte ruhig zu bleiben. Er ist ein Arzt. Er weiß schon was er tut.
Er sah meinem eigentlichen Arzt schon ähnlich, aber...irgendwas irritierte mich an seinem Auftreten....
Ich drückte mich zögernd auf die Liege und sah stumm auf den Boden.
„Hm weshalb bist du nochmal hier?",fragte er ohne sich umzudrehen.
„Zur Blutkontrolle?"
„Interessant, interessant....das stand nicht in dem Terminkalender von meinem Cou...ähm Bruder."
Okay jetzt war es offiziell komisch....
„Hm...Sag mal, wie geht es dir im allgemeinen?"
„Etwas gestresst, aber es geht.", murmelte ich. War das jetzt wichtig für die Behandlung? Wieso waren denn all meine Erinnerungen an die vorherigen Besuche auf einmal weg...
„In deiner Akte stand etwas von einer Operation? Letztes Jahr? Da ist alles gut gegangen, du hast keine Schmerzen?"
„Ja, letztes Jahr. Keine Schmerzen mehr."
„Und du scheinst dich laut deiner Akte auch für mehrere OPs entschieden zu haben?"
Ich wurde leicht nervös. Wieso war das wichtig?
„Ja? Die Krankenkasse hat aufgrund von Genderdysphorie auch den größten Teil übernommen und den Rest hab ich erarbeitet..."
Er schmunzelte. „Schön das sie da was übernommen haben."
Dann drehte er sich um, die Hände hinter seinem Rücken verschränkt.
Ich sah zögernd weg. Wieso wusste er von den OPs aber nicht warum ich hier war...das war mehr als seltsam.
Er hob mit einem Lächeln seine eine Hand und ich erstarrte.
„Hast du die vermisst?"
D-die Maske? Aber...
Panik stieg in mir auf. Shit... jetzt war ich verloren, er blockierte die Tür.
„Du kannst ganz nett mitkommen Noah.“,säuselte der Arzt...der vielleicht gar keiner war. „Oder ich muss dich zwingen. Aber ich glaube dir ist bewusst, dass es das Beste ist, auch für deine Zukunft, einfach mit mir zu kommen..."
Ein unangenehmes Ziehen in meiner Brust setzte ein, mein Atem ging zu schnell...
Ich hörte draußen laute Stimmen und der Arzt lächelte leicht. „Scheint als hätten wir beide gleich auf einen Streich."
„Was wollen Sie von mir?",fragte ich und sprang auf. Ich war im zweiten Stock also wäre das Fenster nicht wirklich eine Möglichkeit...
„Du und dein Partner seit sehr widerspenstig....sonst hätten wir euch schon viel früher... gefunden."
„Das ist keine Antwort!",fauchte ich und knurrte warnend auf als er näher kam.
Er stoppte und musterte mich interessiert. „Sagen wir so...wir wollen dir helfen. Und alles weitere können wir in Ruhe besprechen, du musst nur mit kommen."
Die Tür wurde aufgerissen und Lloyd stand fast sofort an meiner Seite.
„Eure Bindung ist interessant... überraschend stark."
Lloyd runzelte die Stirn. „Was? Wieso reden Bösewichte immer Unsinn?"
Der Arzt kicherte und holte ein Stück Holz hervor. „Ihr zwei werdet mitkommen."
Er drückte theatralisch drauf. Als nichts passierte musterten Lloyd und ich uns irritiert. Uhm...
„S-sollte da was passieren?",fragte ich leise.
„Verdammt!",kam es von dem Arzt und er drückte wild auf dem eingeritzten Muster rum.
Lloyds Anspannung löste sich und er fing an zu lachen.
Der Arzt grummelte. „Das ist nicht lustig!"
Lloyd schlug sich die Hand vor den Kopf und schmunzelte. „Mit theatralischen Sachen habt ihr es nicht oder?"
Der Arzt schmiss sie wütend auf den Boden und das Stück leuchtete rot auf.
Sofort hörte Lloyd auf zu lachen und schob mich hinter sich, während ich einfach nur erstarrt war.
Draußen hörte man Autos hupen und nach einigen Sekunden ein lautes Poltern im Flur.
Ich konnte in den Eingangsflur sehen und keuchte erschrocken auf. Die Tür flog auf und zwei Wölfe sprangen rein.
Die Rezeptioninstinnen sprangen ängstlich auf und rannten mit den anderen Kunden schreiend raus.
Lloyd spannte sich vor mir an. Oh Gott ich war so verloren...
Die Wölfe traten langsam ein, geduckt, bereit um anzugreifen. Sie fletschten ihre Lefzen und ich wich zurück.
Ihr graues Fell war dicht, die Augen caramelfarben...
Der rechte spitzte leicht seine Ohren und sein Blick traf mich.
Der Arzt kicherte. „Wurde auch Zeit! Wieso seit ihr nur zu zweit?"
Eine tiefe Stimme dröhnte in meinem Kopf. Als würde etwas sprechen aber...ohne wirklich Laute von sich zu geben.
Der Wolf...?
„Sei glücklich das wir überhaupt gekommen sind."
-------------------------------------------------------------------
Hiii,
Mal wieder ein neues Kapitel. Ich hoffe es hat euch gefallen <3
Liebe Grüße!
Wolf